Dunkellicht - Martin Ulmer - E-Book
Beschreibung

Seit langer Zeit wahren die verfeindeten Bruderschaften des Lichtes und der Dunkelheit im Verborgenen das Gleichgewicht der Kräfte. Doch kurz vor der zweiten Jahrtausendwende droht beiden die Auslöschung, da Ordensbrüder ermordet werden oder spurlos verschwinden. Gejagt von den Söldnern des ominösen Büro 13 geraten Johannes Sturm, ein Krieger des Lichtes, und Antoine Chevallier, ein Gelehrter der Dunkelheit, gemeinsam zwischen die Fronten.Hilfe erhalten sie von einem neugierigen Magiker und von der geheimnisvollen Ella, die sich den beiden auf ihrer Suche nach Antworten anschließen.Mitten im Ruhrgebiet, in der Stadt Dortmund, kommt es zum letzten Gefecht, als auch noch eines der letzten Dunkellichtwesen in das Geschehen eingreift …

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Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über

http://dnb.dnb.deabrufbar.

Copyright©2014 Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat: Cornelia Franke

Herstellung: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-62-5

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www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Dunkellicht
Impressum
Am Anfang war das Dunkellicht ...
Magdeburg, 13. 4. 1999
Dortmund, 12. 8. 1999
Dortmund, 12. 8. 1999
Berlin, 12. 8. 1999 – Irgendwo unter den Straßen
Dortmund, 12. 8. 1999 – Hotel
Dortmund, 12. 8. 1999 – Nähe Waldhaus
Dortmund, 12. 8. 1999 – Waldhaus
Dortmund, 12. 8. 1999 – Waldhaus
Hamburg, 12. 8. 1999 – Eine Lagerhalle im Freihafen
Dortmund, 13. 8. 1999 – Waldhaus
Berlin, 13. 8. 1999 – Unter den Straßen der Stadt
Dortmund, 13. 8. 1999 – Waldhaus, Keller
Berlin, 13. 08. 1999 – Zentralkonferenzraum Büro 13
Dortmund, 13. 08. 1999 – Waldhaus
Berlin, 13. 8. 1999 – Büro 13
Dortmund, 13. 8. 1999 – Landstraße
Dortmund, 13. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 14. 8. 1999 – Disco in der Innenstadt
Berlin, 15. 8. 1999 – Büro 13
Dortmund, 15. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Berlin, 15. 8. 1999 – Büro 13
Dortmund, 15. 8. 1999 – Innenstadt
Berlin, 15. 8. 1999 – Büro 13
Dortmund, 15. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 15. 8. 1999 – Maisfeld
Dortmund, 15. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Berlin, 17. 8. 1999 – Steiners Quartier
Dortmund, 17. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 17. 8. 1999 – Hotel in den Vororten
Dortmund, 17. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 17. 8. 1999 – Hotel in den Vororten
Dortmund, 18. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 18. 8. 1999 – Hotel in den Vororten
Bochum, 18. 8. 1999 – Steinbruch
Dortmund, 18. 8. 1999 – Hotel in den Vororten
Bochum, 18. 8. 1999 – Unter dem Steinbruch
Dortmund, 18. 8. 1999 – Hotel in den Vororten
Dortmund, 18. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 18. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 19. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 19. 8. 1999 – Hotel in den Vororten
Dortmund, 19. 8. 1999 – Auenfriedhof
Dortmund, 19. 8. 1999 – Vor dem Auenfriedhof
Dortmund, 19. 8. 1999 – Parkplatz Auenfriedhof
Dortmund, 19. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 19. 8. 1999 – Hotel in den Vororten
Dortmund, 19. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 19. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 20. 8. 1999 – Hotel in den Vororten
Dortmund, 20. 8. 1999 – Schlafraum Lagerhalle
Dortmund, 20. 8. 1999 – Schrebergartenanlage
Dortmund, 20. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 20. 8. 1999 – Verfallene Villa
Dortmund, 20. 8. 1999 – Hotel in den Vororten
Dortmund, 20. 8. 1999 – Verfallene Villa, Katakomben
Dortmund, 20. 8. 1999 – Schrebergartenlaube
Dortmund, 20. 8. 1999 – Korridore
Dortmund, 20. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 20. 8. 1999 – Korridore
Dortmund, 20. 8. 1999 – Kuppel
Dortmund, 20. 8. 1999 – Kuppel
Dortmund, 20. 8. 1999 – Verfallene Villa
Dortmund, 20. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 20. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 20. 8. 1999 – Nordstadt-Industriegebiet
Dortmund, 20. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 21. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 21. 8. 1999 – In einem Kofferraum
Dortmund, 21. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Motel
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 22. 8. 1999 – Irgendwo
Dortmund, 30. 8. 1999 – Städtische Kliniken
Dortmund, 15. 10. 1999 – Westfalenpark
Martin Ulmer

Für das,

was wirklich

wichtig ist.

AM ANFANG WAR DAS DUNKELLICHT,

GEMEINSAM UND UNENDLICH EINS.

DOCH JEDER BUND EINMAL ZERBRICHT,

IN LICHT UND DUNKELHEIT GETEILT.

DIE KRÄFTE WERDEN LANGSAM WACH,

NUR WENIGE, DIE WISSEN VON

DEM MESSEN ZWISCHEN TAG UND NACHT,

DOCH HAT ES LANGE SCHON BEGONNEN.

EIN STURM ZIEHT AUF. AUS SEINEM AUGE

DRÄNGT LÄNGST GETRENNTES NEU EMPOR.

DES LICHTES BLUT, DES DUNKELN GLAUBE

MAG UNS BEWAHREN WIE ZUVOR.

Magdeburg, 13. 4. 1999

Johannes duckte sich unter dem Schlag weg und ließ seine Faust nach oben fahren. Sie traf auf Widerstand, untermalt von einem peitschenden Knall, als der Unterkiefer seines Gegners brach und der Schläger zu Boden ging. Die Messerwunde in seinem Oberarm brannte wie Feuer.

Seine Angreifer hatten ihn verfolgt, kurz nachdem er den Treffpunkt seiner Bruderschaft verlassen hatte. Auf Hilfe konnte er jedoch nicht hoffen. Also hatte er sie von dem Ort fortgelockt, an dem er in dieser Nacht das erfahren hatte, was längst eine unausgesprochene Befürchtung unter seinen Brüdern war. Es ging zu Ende.

Da er sich, wie an jedem Ort an dem ein längerer Aufenthalt geplant war, auf mögliche Konfrontationen vorbereitete, hatte er auch in Magdeburg seine Hausaufgaben gemacht. Zwei Ausweichwohnungen, mehrere Schließfächer mit Notfallpaketen und Fahrzeuge in verschiedenen Tiefgaragen zählten ebenso zu seinen üblichen Vorkehrungen wie Fluchtrouten und Orte, an denen man etwaigen Verfolgern gegenübertreten und diese ausschalten konnte, ohne für großes Aufsehen zu sorgen. Die Gasse, in die er die Männer gelockt hatte, befand sich in einem heruntergekommenen und lange verlassenen Industriegebiet.

»Mach es dir nicht so schwer. Es wird nicht wehtun, wenn du uns entgegenkommst«, sprach der Anführer in dem schwarzen Ledermantel mit ausgebreiteten Armen – aus sicherer Distanz, versteckt hinter einem seiner Krieger. Er schnellte im selben Moment vor und versuchte, Johannes mit einer Klinge an der Kehle zu treffen. Johannes wechselte das Standbein, lehnte sich zurück und bekam dabei den Arm des Angreifers zu fassen. Er zog ihn zu sich heran, knickte mit einem Schlag die Armbeuge ein und brach gleichzeitig das Handgelenk, bevor er dem Mann seine eigene Klinge mitten in die Brust trieb. Der so Getroffene stolperte über seinen Kumpanen mit dem gebrochenen Kiefer, röchelte kurz und sank wie in Zeitlupe nieder.

»Ich denke, ich komme euch nicht entgegen«, antwortete Johannes. Sein Gegenüber lächelte spöttisch.

Dann hörte Johannes zwei leise Pfiffe und der Spötter im Ledermantel und der letzte der Angreifer sanken lautlos in sich zusammen. Verwundert blickte Johannes sich um, sah aber nur die warmen Nebelschwaden der Lüftungsschächte dem Vollmond entgegentreiben. Mit einem Mal verebbten die Geräusche in der Gasse. Eine bedrückende und gegenwärtige Stille legte sich wie eine schwere Last auf seine Schultern. Stiche und Krämpfe zogen durch seinen Unterleib, als ob feurige Klauen ihn zerteilten. Sein Blick trübte sich und kleine rote Punkte flackerten vor seinen Augen, bevor Schwärze ihn umgab.

Als er erwachte, strichen feine Sandkörner über seine Lippen, Salz brannte in seinen Mundwinkeln und das Rauschen von Wellen drang immer eindringlicher an seine Ohren. Auf dem Rücken liegend, mit einem Kopf so schwer wie Blei, zögerte er, die Augen zu öffnen. Letztlich gab er dem Drängen seiner Neugier nach, richtete sich auf und blickte sich um.

Er befand sich am Meer. Aber wie um alles in der Welt komme ich hierher, fragte er sich. Magdeburg lag einige Stunden von der Küste entfernt. Auch die Nordsee sah so nicht aus, realisierte er. Keines der Meere, die er kannte, passte in diese unwirkliche Umgebung und mit dem Blick nach oben begriff er auch warum. Ein schwarzer Mond stand im Zenit, dicht daneben eine schwarze Sonne. Gemeinsam breiteten sie ein weiß-blaues Licht unter sich aus.

Die Brandung verstummte und der schwarze Ozean vor Johannes erstarrte abrupt. Knirschende Schritte ließen ihn aufschrecken und er kämpfte sich vollends hoch. Doch hinter ihm erstreckten sich nur rote, öde flackernde Dünen, so weit sein Blick reichte. Niemand war da, der diese Schritte, die sich unaufhaltsam näherten, hätte verursachen können.

»Ich hatte schon erwartet, dass du dich ein wenig verspäten würdest«, erklang eine Stimme in seinem Rücken.

Was war das hier? Ein Albtraum, durch die eventuell vergiftete Klinge hervorgerufen? Wo war er nur? Eine kräftige Hand griff die seine, bevor er reagieren konnte.

»Alles in Ordnung?«, fragte ihn eine fremde Männerstimme.

Auf einmal war er wieder in der Gasse, Johannes blickte nach oben. Kein schwarzer Mond. Keine schwarze Sonne und kein weiß-blaues Licht.

Johannes antworte mit einem Stöhnen. Langsam schärfte sich seine Wahrnehmung und er erkannte das vom Leben auf der Straße gezeichnete Gesicht eines Obdachlosen. Dahinter konnte er vier reglose Körper ausmachen. »Hast ja ganz schön aufgeräumt, Junge«, kicherte der Mann, der ihm aufgeholfen hatte, und prüfte dabei die Umgebung mit wachen Augen. »Besser, du verschwindest jetzt von hier, bevor die Bullen auftauchen.«

Johannes prüfte sein Gleichgewicht und wankte aus der Gasse zu seinem Wagen. Kurz bevor er ihn erreichte, musste er sich übergeben. Adrenalinüberschuss war etwas, das ihm nach körperlichen Auseinandersetzungen stets zu schaffen machte. Als der bittere Geschmack in seinem Mund erträglich erschien, stieg er in sein Auto und fuhr los. Gedanken trommelten durch seine Schläfen. Wohin? Sicher hatten sie seine Wohnung bereits im Visier oder lauerten bereits dort auf ihn. Zum Treffpunkt konnte er auch nicht zurück. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass die anderen längst zu ihren Standorten unterwegs sein mussten. Vielleicht waren sie bereits dort eingetroffen. Ob ihnen das Gleiche widerfahren war oder noch bevorstand?

Pochende Schmerzen erinnerten Johannes an die Schnittwunde an seinen Arm. Die Blutung hatte aufgehört, der Schnitt war nicht tief genug, um ihn sehr zu beeinträchtigen, aber das Pochen störte enorm.

Er verließ die dicht befahrenen Straßenzüge, bog in eine der kleinen Gassen ab und schaltete den Motor aus. Sein Handydisplay zeigte zwei Batteriebalken. Lange würde der Akku nicht mehr durchhalten.

Nach einem tiefen Atemzug rief er seinen Kontakt an.

»Hallo?«, hörte er eine raue Stimme am anderen Ende sagen.

»Sie haben mich angegriffen.«

»Dich auch? Das erklärt, warum ich von Simon und Tobias nichts gehört habe. Wie viele waren es?« Sein Gesprächspartner schien nicht sonderlich überrascht.

»Vier. Sie hatten mich beinahe, aber irgendjemand hat mir da rausgeholfen. Moment mal: Simon und Tobias? Das heißt, sie haben den Treffpunkt überfallen.«

Schweigen am anderen Ende.

»Savan! Verdammt, was ist hier los? Erst verlieren wir in unserer Region dutzende Krieger und nun greifen sie uns so gezielt an, dass wir davon ausgehen müssen, einen Wechsler unter uns zu haben.«

»Johannes, sieh zu, dass du untertauchst. Ich kann für nichts mehr garantieren! Wir brechen hier ab. Es ist zu gefährlich geworden. Es tut mir leid.«

Johannes hielt den Atem an.

»Das heißt, du wusstest, dass heute etwas Derartiges passieren würde?«

Wieder Schweigen.

»Sieh zu, dass du abhaust. Fahr über Land und meide öffentliche Knotenpunkte. Hast du dein Schwert?«

»Ihr habt uns, verdammt noch mal, als Köder benutzt? Ihr verdammten Hu…«

»Sieh erstmal zu, dass du da wegkommst, Junge! Ich trete in drei Tagen wieder mit dir in Kontakt. Bis dahin halte dich bedeckt. Diese Nummer ist ab sofort inaktiv!«

Das Gespräch endete ohne Vorwarnung und beinahe hätte er sein Handy aus dem Fenster geschleudert, besann sich aber eines Besseren. Er musste aus der Stadt verschwinden und Antworten finden. Antworten auf das, was heute Abend geschehen war. Und er brauchte ein neues Team, denn Simon und Tobias waren entweder bereits tot, gefangen oder – wie er – nun auf der Flucht.

Dortmund, 12. 8. 1999

Als die Sonnenstrahlen den Lichtern der nächtlichen Stadt wichen, erwachte Johannes. Er hielt sich die Schläfen und richtete er sich auf dem schmutzigen Laken auf. Langsam öffnete er die Augen und betrachtete sein spärlich eingerichtetes Hotelzimmer. Bisher hatte er so etwas nur aus B-Movies gekannt. Der Protagonist lebte zumeist in heruntergekommenen Behausungen – oft schäbige und muffige Hotelzimmer. Nun fühlte er sich selbst wie solch ein Hauptdarsteller, jedoch in einem Film, dessen Drehbuch permanent umgeschrieben wurde – dessen Ende nicht abzusehen war.

Nach mehr als zwei Wochen in dieser Stadt gab es immer noch keinen Anhaltspunkt, wie er Zugang zu dem hier ansässigen Team bekommen konnte. So hatte er sich in den letzten Nächten damit begnügt, auf der Suche nach seinen Brüdern durch die zahllosen Kneipen und Clubs zu streifen.

Dortmund war stets eine Hochburg ihres Ordens gewesen. Er hatte die Zweigstelle hier nie besucht, aber wenn es jemanden gab, der Antworten auf die systematische Auslöschung seiner Bruderschaft hatte, so würde er hier zu finden sein. Es gab keine Zeichen, keine Anzeigen in den Zeitungen, nichts, was auch nur den kleinsten Hinweis bot.

Auch in Frankreich, so hatte er von Savan, nüchtern und unbeteiligt wie immer am Telefon erfahren, hatte es schon begonnen. Die Angreifer gingen dabei immer nach derselben Taktik vor. Nach dem Verlassen einer Zusammenkunft fanden sich seine Brüder in Hinterhalten wieder, aus denen es kaum ein Entrinnen gab. Spuren wurden nur spärlich hinterlassen und auch die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Polizeipräsidien hatte wenig Aufschluss gegeben. Von einstmals eintausendsechshundert deutschen Ordensbrüdern waren nicht einmal einhundertundsechzig übrig geblieben. Savan informierte ihn zwar stets über die Verluste, hielt sich aber mit weiteren Hinweisen zurück.

Simon und Tobias waren mit ziemlicher Sicherheit verschleppt worden oder vermutlich sogar tot.

Was die Ältesten auch immer im Schilde führten, sie opferten ihre Gefolgsleute anscheinend mit Kalkül. Gedankenversunken fuhr Johannes sich über seine Tätowierung auf dem rechten Unterarm, zeichnete zärtlich die Fackel mit den gekreuzten Schwertern nach und dachte an die Anfänge: seinen Eintritt in diese Bruderschaft, die ihm eine Welt eröffnet hatte, die nur einem erwählten Kreis von Sterblichen bekannt war.

Damals kam er frisch von der Bundeswehr, Offizierslaufbahn beim KSK des Heeres, BWL-Studium in Hamburg und München und den Kopf voller Träume. Einen Tag nach seinem ersten Vorstellungsgespräch hatte man ihn angerufen. Die Stimme am anderen Ende hatte ihm ein Treffen vorgeschlagen: Man hätte seine Akte gelesen und es würde ihm zum Vorteil gereichen, sich das Angebot anzuhören.

Das Treffen hatte im Adlon in Berlin stattgefunden, in der Präsidentensuite. Im Gegensatz zu dem prunkvollen Mobiliar, der pompösen Ausstattung und den luxuriösen Details hatte das Gespräch sehr unspektakulär begonnen. Ein greiser, hagerer Mann in einem schwarzen Armani-Anzug hatte ihn empfangen. Der Alte besaß eine sonderbare Stimme. Dunkel, aber nicht bedrohlich, sondern eher beständig grollend. So wie ein Fels, an dem sich die Elemente seit jeher vergeblich versuchten. Eine unnahbare Gewissheit und Beständigkeit durchdrängte sie, die Johannes unweigerlich mit Ruhe erfüllte.

In dem gewaltigen Ohrensessel wirkte der Mann wie ein Feldherr aus vergangenen Zeiten, der am Rande der Schlacht über die Geschicke seiner Männer wachte. »Ich will nicht lange herumreden, Herr Sturm. Ich denke, Sie sind es ebenfalls nicht gewohnt, sich einem Thema von der Seite zu nähern, wenn man es frontal angehen kann. Setzen Sie sich. Wenn Sie von dem, was ich Ihnen zu sagen habe, nichts halten, können Sie jederzeit aufstehen und wieder gehen.«

Johannes hatte kurz genickt und sich auf dem nahe gelegenen Sessel niedergelassen. Für einen Moment kam er sich in dem tiefen Polstermonstrum verloren vor.

»Schön. Ich repräsentiere einen Orden rechtschaffener Männer, der seit Jahrhunderten über die Geschicke der Menschheit wacht und dessen Aufgabe es ist, sie vor der drohenden Dunkelheit zu bewahren. Nein, wir sind keine Sekte von sabbernden Drogenabhängigen, die sich im Rauschzustand irgendwo auf dem Weg nach Woodstock verloren hat. Wie gesagt: Es handelt sich um einen Orden rechtschaffener Männer. Man gab uns im Laufe der Zeit viele Namen – in vielen Ländern. Assassinen, Illuminati oder Templer, um nur einige wenige zu nennen. Unseren wahren Namen aber gaben wir uns selbst, aus dem Englischen, dem Ursprung unserer Gemeinschaft. Heute würde man es Brotherhood of Light oder Bruderschaft des Lichtes nennen.«

Johannes hatte ihn nur mit offenem Mund angestarrt. Was ihm sein Gegenüber bis dahin erzählt hatte, erschien ihm völlig verrückt. Dennoch hatte er es mit der Ernsthaftigkeit eines Mannes vorgetragen, der felsenfest daran glaubte.

»Ich will sie nicht mit den Geschichten unseres Ursprungs langweilen. Die Wurzeln des Ordens werden Sie ohnehin bei Ihrer Initiation entdecken können. Ich will vielmehr sehen, ob es stimmt, was man mir über Sie berichtet hat. Man gab Ihnen den Rufnamen Katze. Dieser Name wurde Ihnen verliehen, weil Sie anscheinend in der Lage sind, im Dunkeln zu sehen wie am Tage. Ist das korrekt?«

Es handelte sich offenbar um klassifizierte Informationen, die nur wenigen zugänglich waren.

»Woher wissen Sie das?«, fragte Johannes überrascht nach.

»Wie ich schon sagte: Unser Orden hat weitreichende Verbindungen auf der ganzen Welt. Sie haben, nebenbei bemerkt, schon mehrmals für uns gearbeitet.«

»Wie bitte?«

»Ihre letzten beiden Einsätze. Erinnern Sie sich? Jerusalem und Madagaskar.«

»Das können Sie nicht wis…«

»Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber wir sollten uns nicht mit derartigen Details aufhalten. Ich weiß alles über Sie. Und mit Verlaub, Sie sehen Ihrem Großvater nicht nur ähnlich, sondern haben sogar eine nahezu identische Stimme.«

»Ich denke, ich muss mir diesen Schwachsinn nicht länger anhören.« Er hatte sich aus dem Sessel lösen wollen, doch der alte Mann stand plötzlich direkt vor ihm, ohne dass er auch nur die Chance hatte, zu reagieren. Nichtsdestotrotz war ihm die Situation nicht bedrohlich vorgekommen. Und was dann folgte, hatte ihm ein für alle Mal gezeigt, dass er nicht zur Belustigung eines wirren, reichen Mannes gekommen war.

Plötzlich flackerte das Licht und erlosch dann im gesamten Raum. Dennoch sah er wie zuvor alles ganz klar, nur in Schwarz-Weiß.

»Ich sehe genauso gut wie Sie, Herr Sturm. Aber das ist nicht alles, was in Ihnen schlummert. Sie brauchen nur jemanden, der Sie, sagen wir mal, an die Hand nimmt und Ihnen den Weg zeigt, den Sie beschreiten müssen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas, sozusagen als Vorgeschmack auf das, was Sie auch bald können.«

Der Greis hatte daraufhin mit dem Finger auf einen Kerzenhalter zu seiner Rechten gedeutet und prompt waren die Dochte entflammt.

»Das ist nur eine kleine Demonstration. Ich bin zu weitaus mehr fähig, aber ich denke, das reicht für den Anfang.«

So hatte es damals begonnen. Daraufhin hatte er das Hotel verlassen und war eine Woche später zu einem weiteren Treffen, diesmal in einem Institut in München, eingeladen worden, wo man zahlreiche Tests an ihm durchgeführt hatte. Dem alten Mann, der ihn dorthin gebracht hatte, begegnete er nie wieder.

Nach drei weiteren Jahren des Studiums und des Trainings, an Orten, die auf keiner Landkarte verzeichnet waren, folgte seine Initiation. Seit diesem Zeitpunkt, vor vier Jahren, war er nun im Dienst der Bruderschaft des Lichtes. Erst im Laufe seiner Ausbildung hatte er begriffen, was sich hinter diesem Namen, den nur Eingeweihte kannten, verbarg. Eine weltumgreifende Organisation, deren Aufgabe darin bestand, die Kräfte des Bösen in dieser Welt zurückzuhalten und zurückzudrängen. Vernetzt wie ein Geheimdienst, mit Kontakten zu Regierungen, Firmen, religiösen Glaubensgemeinschaften und Parteien. Oftmals arbeiteten Brüder in der Führung oder im Stab dieser Institutionen, verdeckt und im Sinne des Ordens.

Johannes wusste nicht allzu viel über diese Details. Das war aber auch nie seine Aufgabe gewesen. Er war zum Krieger ausgebildet worden, nicht zum Gelehrten. Und dieser Aufgabe war er stets gewissenhaft und loyal nachgekommen.

Das zuvor nur matte Pochen verschlimmerte sich zu starken Kopfschmerzen. Er schloss die Augen und fuhr sich durch sein schwarzes Haar. Wie so oft, wenn er sich an seine Anfangszeit in der Bruderschaft zu erinnern versuchte. Die Älteren des Ordens beklagten stets, dass Vieles im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten war und von den jüngeren Mitgliedern nicht fortgelebt wurde. Von seinen Brüdern wusste er, dass er nicht der Einzige war, der es bald nicht mehr hören konnte. Doch wenn so Vieles im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten war, so verbarg sich dort vielleicht auch die Antwort auf die Rätsel der Gegenwart. Was hätte er nur dafür gegeben, um mehr Wissen aus der alten Zeit des Ordens in sich aufzunehmen?

Er erhob sich und sah auf seine Uhr. Es würde bald Nacht werden. Er hatte das Gefühl, dass es an der Zeit war, einen anderen Verbündeten zu befragen.

Mit der Initiation erhielt jeder Bruder den Namen eines Gefährten. Nicht eines herkömmlichen Begleiters aus Fleisch und Blut, sondern den wahren Namen eines Schutzwesens. Normale Menschen hätten diese Wesen womöglich Engel genannt, aber das kam ihrer Natur nicht einmal im Ansatz nahe. Sie waren die eigentlichen Essenzen der Macht – jener Macht, der er diente. 

Erst drei Jahre nach seiner Initiation hatte er seinen Gefährten das erste Mal zu sich geholt, insgesamt kamen Sie vielleicht auf ein Dutzend Begegnungen. Dies stand im starken Gegensatz zu den Gewohnheiten seiner Brüder, die regelmäßig den Beistand ihrer Gefährten suchten. Johannes hatte sich stets gescheut, übermäßigen Gebrauch von der Anrufung zu machen. Man munkelte, dass eine zu intensive Bindung dazu führen konnte, dass das Wesen Besitz vom Körper seines Schutzbefohlenen ergriff. Es gab Gerüchte und Sagen über derartige Zwischenfälle, aber keine stichhaltigen und belegbaren Nachweise. Nichtsdestotrotz hatte er die Befürchtung, eines Tages ein Opfer seines Gefährten zu werden.

Aber es half nichts. Er seufzte, als er sich nach einer Kerze umsah. Zu seinem Leidwesen fand er eine im Nachtschrank neben dem Bett. Langsam ließ er sich auf die Knie nieder und zündete den Docht mit einem Streichholz an. Er wartete einige Augenblicke, bis die Kerze ruhig brannte. Dann holte er tief Luft.

»Ashanal, ich, dein Schutzbefohlener, Johannes, vierter Alkolyth des Lichtes, rufe dich um Beistand. Lasse mir deine Anwesenheit zuteilwerden und komme in die diesseitige Welt!«

Nichts geschah. Johannes wartete. Die Kerze flackerte weiter und brannte dann plötzlich herunter. Gebannt beobachtete Johannes, wie die Flamme den Docht verschlang und das Wachs in kürzester Zeit dahinschmolz, nur um dann in einer lautlosen Explosion aus Licht und Schatten größer zu werden, bis sie mannshoch vor ihm aufragte. Wäre dies ein natürliches Feuer gewesen, wäre er schon längst aufgrund der Temperatur gestorben. Johannes verspürte jedoch keine Hitze.

Im Zentrum des Flammenportals regte sich der Umriss einer Gestalt. Zunächst drang ein heller Arm aus der Flamme hervor, dann ein weiterer – wie zur Umarmung ausgebreitet. Der Engel trat, in eine weiße Robe gekleidet, ins Diesseits. Kaum hatte er das Portal durchschritten, schrumpfte es zusammen und schwebte als kleine Flamme neben seinem rechten Fuß.

Johannes erkannte Ashanal, der wie vor zwei Jahren einen langen schwarzen Bart trug. Eine lange Narbe zog sich über seine rechte Wange und rote, lodernde Augen musterten voller Misstrauen das Hotelzimmer, Johannes mit eingeschlossen. Ashanal ähnelte äußerlich einem Menschen, übersah man die Tatsache, dass sich auf seinem Rücken zwei Schwingen langsam ausbreiteten.

»Lange ist es her, mein Freund«, erschallte die Stimme des Engels in Johannes' Kopf und sofort breitete sich ein Gefühl der Erleichterung in seinem Körper aus. So war es immer, wenn ihm die Anwesenheit Ashanals bewusst wurde. Die Stimme klang tief, beruhigend und fest, aber weiterhin vermeinte Johannes, darin auch etwas zu erkennen, das er nicht in Worte fassen konnte. Johannes verwarf seine Bedenken und konzentrierte sich auf Ashanal.

»Nun, Johannes, wie mag ich dir beistehen?«, fragte der Engel.

»Was geschieht auf der Welt? Was geschieht mit der Bruderschaft?«

Der Engel schwieg und neigte den Kopf zur Seite. Johannes wartete. Manchmal erhielten sie keine Antwort auf Fragen, die nicht präzise gestellt waren. Nachdem mehrere Minuten des Schweigens vergangen waren und Ashanal noch immer keine Anstalten machte, sich zu äußern, setzte Johannes nach.

»Hast du mich verstanden?«

Der Engel nickte und lächelte ihm mit funkelnden Augen, deren Farbe nun ein eisiges Blau angenommen hatte, gutmütig entgegen.

»Ja, das habe ich, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dir diese Antwort geben kann, mein Freund. Weißt du, es ist recht – wie sagt ihr Menschen? – unvorhersehbar im anderen Reich. Etwas verändert sich.«

»Was?«, wollte Johannes wissen.

»Alles, mein Freund.« Er faltete die Hände wie ein Prediger.

»Sprich bitte nicht in Rätseln mit mir, Ashanal! Sage mir, was geschieht! Unsere Bruderschaft wird angegriffen, wir werden ausgerottet. Aber niemand weiß, was dahinter steckt.«

»Glaubst du wirklich, ich wüsste, was der Grund sei? Ich kann nur sagen, dass es nicht nur eurem Bund so ergeht.«

»Wie meinst du das?«

»Wie ich es sage, mein Freund. Es geschieht überall. Und es hat gerade erst begonnen. Doch selbst ich kann nicht ersehen, wohin dieser Pfad des Schicksals führen wird. Auch in unserem Reich geschehen merkwürdige Dinge. Brüder und Schwestern verschwinden oder fallen einer lähmenden Krankheit anheim.« Er fixierte Johannes mit seinen flackernden Augen. »Nicht nur du bist auf der Suche nach Antworten, nicht nur du«, bemerkte er.

Es klopfte mehrmals an der Tür. Ashanal bedachte Johannes mit einem warnenden Blick. »Dieser Besuch ist kein freundlicher!«

»Wie meinst du das?« Johannes erhob sich reflexartig und wandte sich zur Tür.

»Keine Freunde! Wo ist dein Schwert, Gefährte?« Johannes' Gedanken überschlugen sich. Wenn dort draußen wirklich der Feind lauerte, woher wusste dieser, dass er hier war?

»Dein Schwert, wo ist es?«, fragte Ashanal erneut und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

Er ging zum Bett, entfaltete ein dunkles Tuch, das um die Scheide seines Schwertes gewickelt war, und nahm die Waffe an sich. Seine Augen auf die Tür gerichtet, der Stille lauschend, führte er das Schwert mit der rechten Hand. Er zeichnete imaginäre Kreise damit und wendete die Waffe mehrfach, um wieder ein Gefühl dafür zu bekommen.

»Kehre in dein Reich zurück, ich rufe dich wieder, Ashanal.«

»Sie brechen durch! Möge das Licht dich schützen!«, war das Letzte, was er von Ashanal vernahm. Im selben Moment zerbarst die Tür und ein kleiner, zylinderförmiger Gegenstand rollte über den Boden. Ein gleißender Blitz erfüllte den Raum und undurchdringlicher Rauch breitete sich aus.

Johannes schloss die Augen und strich sich kurz über die Lider. Blendgranaten konnten seinen Augen nichts anhaben. Es waren also keine Anhänger des anderen Ordens. Sie hätten dieses kleine Detail mit Sicherheit nicht vergessen.

Aber wer waren diese Männer, die nun zu zweit in den Raum drangen? In ihren schwarzen Kampfanzügen und Helmen glichen sie einem Spezialkommando. Sie trugen Maschinenpistolen vom Typ Heckler & Koch MP5 SD3 mit integrierten Schalldämpfern. 

Noch bevor er das gedämpfte Feuern wahrnehmen konnte, hechtete er hinter das Bett in Sicherheit. Die Kugeln peitschten durch den Raum, zerfetzten die Wände, die Anrichte, den kleinen Tisch und die Stühle. Splitter und Staub vermischten sich mit dem für ihn nicht sichtbaren Rauch und tauchten das Zimmer in ein Chaos. Als er hören konnte, wie die beiden ihre leer geschossenen Magazine wechselten, war er mit einem beherzten Sprung über das Bett bei ihnen und der Erste fiel unter seinem Schwerthieb in sich zusammen. Er vernahm ein erschrockenes Aufstöhnen des anderen, der vor lauter Überraschung sein volles Magazin zu Boden fallen ließ, dann aber in einer Rückwärtsbewegung sein Kampfmesser zog. Der Rauch hatte sich fast wieder verflüchtigt.

»Hier Tango, erbitte weitere Rückendeckung«, sprach der Mann hektisch in sein Helmmikrofon.

Sein Schwert war auf den Mann gerichtet, als dieser nach vorn schnellte. Selbst für einen ungeübten Schwertkämpfer kam dies einer Einladung zum Todesstoß gleich, aber Johannes entschied sich anders. Er täuschte eine Drehung an und mit einer weiteren unverhofften Bewegung befand er sich plötzlich direkt hinter seinem Gegner. Blitzschnell lag seine Klinge an der Kehle des Mannes, dessen Kopf er daraufhin mit der linken Hand zurückzog. Der Angreifer atmete schnell und stoßweise.

»Wer seid ihr? Ich rate dir, mir eine Antwort zu geben, denn sobald deine Verstärkung durch diese Tür kommt, stirbst du entweder durch meine Klinge oder durch die Kugeln deiner Kameraden.«

Zwei Männer erschienen im selben Moment geduckt im Türrahmen, feuerten aber nicht, sondern richteten lediglich ihre Waffen auf das unfreiwillige Paar.

»Nicht schießen!«, befahl der Mann, den er überwältigt hatte. »Um Himmels willen, nicht …« Er fand kein Gehör, denn sofort jagten mehr als drei Dutzend Kugeln auf die beiden zu. Johannes duckte sich hinter seinen menschlichen Schild, während die Geschosse dessen Körperpanzerung und Helm durchsiebten und dem Leben des Mannes ein jähes Ende bereiteten. Von der Wucht der Kugeln zurückgedrängt, stand Johannes in diesem Moment mit dem Rücken zur Wand, den leblosen Körper noch immer fest im Griff und besudelt mit fremdem Blut. Diese beiden gingen professioneller vor als ihre Vorgänger. Der eine schoss, während der andere sein Magazin wechselte. Anscheinend aber nur, um Zeit zu gewinnen, denn wieder trafen die Kugeln lediglich den Brustkorb des Toten.

Johannes wusste, dass eine weitere Salve den Mann so sehr zerfetzen würde, dass er den Projektilen im Grunde schutzlos ausgeliefert war. Konzentriert spähte er zu den beiden Angreifern hinüber. Deren Augen konnte er nur schwach hinter den Visieren ausmachen, doch er musste es versuchen. Er richtete die linke Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sie.

»Astawai!«, gellte seine Stimme durch den Raum. Seine Gegner fassten sich plötzlich erschrocken an die Visiere und versuchten, sich zu orientieren. Einer der beiden entschied, dass es wohl besser war, sein Magazin auf gut Glück abzufeuern, und schoss unkontrolliert durch den Raum.

Johannes warf sich flach auf den Boden, während über ihm alles in Stücke gerissen wurde. Als er das metallische Klicken der Waffe hörte, das andeutete, dass das Magazin leer war, hob er den Kopf.

Der eine Angreifer kauerte, seine Augen reibend, neben dem Bett und hatte den Helm abgenommen. Der andere war im Begriff nachzuladen, doch Johannes trieb ihm seine Klinge noch im Sprung in den Unterleib, woraufhin der Mann dumpf stöhnend zusammenbrach.

Das Adrenalin schoss durch seine Adern. Johannes blickte auf den letzten Angreifer herunter, der sich immer noch panisch die Augen rieb.

»Wer seid ihr? Und was wollt ihr von mir?«, fragte Johannes ruhig, aber bereit, sofort zu reagieren, falls sich weitere Angreifer nähern sollten. Um seiner Frage Nachdruck zu verleihen, legte er die Klinge an die Kehle des Erblindeten.

»Was hast du mit mir gemacht? Meine Augen, großer Gott, meine Augen!«, schrie er.

»Ich habe dir das Augenlicht genommen und ich kann es dir wieder zurückgeben, wenn du antwortest«, sagte Johannes kalt. Es stimmte zwar nicht, aber war hier nicht von Bedeutung. Wenn er mit offenen Karten spielte, könnte er rein gar nichts in Erfahrung bringen.

Plötzlich knackte der Kiefer des Mannes leise. Nach zwei Sekunden erschlaffte er. Verdammt, schoss es Johannes durch den Kopf, eine Giftkapsel oder etwas Ähnliches hatte ihn schnell ins Jenseits befördert und eine Antwort schuldig bleiben lassen.

Es war Zeit, von hier zu verschwinden. Er musste davon ausgehen, dass unten im Foyer und auf der Straße weitere Männer auf ihn warteten.

Der Kampf hatte vielleicht zwei oder drei Minuten gedauert und das Adrenalin schoss noch immer durch seine Blutbahn. Johannes atmete konzentriert ein und aus, um sich zu sammeln. Auf dem Bett, vielmehr auf dem, was davon übrig geblieben war, lag noch immer die Scheide seines Schwertes. Er rieb die Klinge am zerfetzten Betttuch ab und steckte die Waffe zurück. Die Halterung machte es möglich, das Schwert auf dem Rücken zu tragen, und mit dem hochgeklappten Kragen seines dunklen Mantels würde es nicht weiter auffallen. Er nahm sich von den toten Angreifern eine der Maschinenpistolen, bestückte sie mit einem Magazin und verbarg sie ebenfalls unter seinem Mantel. Am Gürtel eines Mannes fand er ein weiteres Magazin und zwei Blendgranaten.

Ashanal hatte recht gehabt: Diese Männer gehörten zu seinen Feinden.

Den Gedanken, noch schnell seinen Koffer zu packen, verwarf er. Er hätte ohnehin wenig Gepäck dabeigehabt und nun hatte er keine Zeit mehr dafür. Vorsichtig lugte er um die Ecke des Türrahmens. Auf dem Flur war niemand zu sehen. Doch der Lärm musste andere Hotelgäste oder die Besitzer alarmiert haben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei eintreffen würde.

Er schlich den Flur entlang und fand sich bei den Aufzügen vor die Frage gestellt, ob er nun warten oder die Treppe nehmen sollte? Doch die Anzeige des Fahrstuhls zeigte an, dass jemand herauffuhr. Und Johannes entschied sich für die Treppe nach oben. Falls weitere Männer kommen sollten, würden sie wohl gleichzeitig die Treppe und den Aufzug benutzen, um zu verhindern, dass er ihnen entkam. Wie zu seiner Bestätigung hörte er eilige Stiefelschritte auf der Treppe. Vier. Der Klang der Schritte war direkt unter ihm und verstummte abrupt. Fünf. Stille! Nur das Summen der Klimaanlage. Sechs. Jemand keuchte vor Anstrengung. Sieben. Er stürmte die Treppe hinauf. Und noch bevor sich die Fahrstuhltüren vollständig geöffnet hatten, hörte er hinter sich das Deckungsfeuer vom Treppenabsatz. Die letzten vier Stufen zum achten Stock nahm er in einem Schritt und stockte, als er in die Mündung einer 9-mm-Walter-PPK blickte.

Dortmund, 12. 8. 1999

Der Geländewagen preschte durch den nächtlichen Wald und verscheuchte aufjaulend Vögel, Kaninchen und die geruhsame Stille der Natur. Antoine Chevallier blickte kurz in den Rückspiegel, nur um zu sehen, was er ohnehin schon wusste: Nicht mehr lange und sie würden ihn eingeholt haben. Der schwarze Audi war zwar nicht für derartigen Untergrund ausgelegt, schlingerte aber beharrlich mit gleich bleibendem Tempo hinter ihm her. Den Pfad, den Antoine hinterließ, nutzte der Fahrer des anderen Wagens. Er öffnete das Handschuhfach und kramte nach seiner Waffe, stieß mit dem ersten Griff aber nur auf den Scheibenschwamm. Seufzend wühlte er tiefer und fand schließlich seine vielleicht einzige Verbündete weit und breit.

Aus dem Beifahrerfenster seines Verfolgers ragte nun ein Arm mit einer kleinen Maschinenpistole. Die Heckscheibe seines Jeeps zerbrach und weitere Kugeln schlugen über seinem Kopf in die Windschutzscheibe ein. Das entstandene, spinnennetzähnliche Muster aus Rissen nahm Antoine die Sicht. Einem großen Baum konnte er noch knapp ausweichen, bevor der Wagen in einem Krater landete und sich mit der Schnauze voran in Blätter und Dreck fraß. Die Airbags bewahrten seinen Kopf davor, beim Aufprall zerschmettert zu werden. Auch der Sicherheitsgurt straffte sich, presste ihm jedoch die Luft aus den Lungenflügeln. Antoine wurde kurz schwarz vor Augen.

Benommen kam er wieder zu sich. Anscheinend hatte er sich nichts gebrochen, aber nun lag er für seine Verfolger auf dem Präsentierteller. Das Blut rauschte in seinen Ohren, dennoch hörte er, wie vier Türen geöffnet und wieder zugeschlagen wurden. Dann folgte Stille. Sie werden esgleich beenden, dachte er völlig aufgelöst. Seine Waffe war ihm aus der Hand gefallen. Sie lag im Fußraum des Beifahrersitzes. Dass er, während er sich abschnallte, danach griff, rettete ihm womöglich das Leben. Dort, wo sich kurz zuvor sein Kopf befunden hatte, durchschlugen nun Kugeln die Windschutzscheibe und den ausgelösten Airbag. Er kletterte auf die Beifahrerseite und öffnete die Tür. Weitere Projektile zerfetzten die Fahrerseite in dem Moment, in dem er geduckt am vorderen Wagenreifen in Deckung ging. Als er am Heck des Wagens gedämpfte Schritte vernahm, feuerte er instinktiv mehrere Kugeln in diese Richtung und traf einen dunkelhaarigen Mann. Der machte noch einen Schritt auf ihn zu und fiel dann vornüber. Antoine zog die MPi an sich heran und verstaute seine Pistole in der Jackentasche. Im Umgang mit Waffen war er nicht sonderlich geübt, aber einen Abzug zu betätigen, würde ihm nicht schwerfallen.

Etwas landete neben ihm im Laub. Mit aufgerissenen Augen wartete er auf das Ende, aber es geschah nichts. Die Granate, die da neben ihm lag, detonierte nicht und er schickte ein dankbares Stoßgebet ins Dunkel.

Er hob den Kopf, lugte durch das hintere, noch vollständige Fenster seines Geländewagens und sah den zweiten Angreifer mit einer Maschinenpistole am Rande des Kraters hocken. Als er unter dem Fahrzeugboden hindurch spähte, entdeckte er die Beine eines weiteren Gegners. Und der Letzte musste sich auch noch irgendwo befinden. Wahrscheinlich näherte er sich aus der anderen Richtung, so dass sie ihn ins Kreuzfeuer nehmen konnten. 

Antoine legte sich seitlich an den Wagen, schob die Maschinenpistole mit dem Lauf voran unter das Fahrzeug. Er versuchte, irgendwie zu zielen. Der Rückstoß der Waffe hätte seinen Arm nach hinten geschleudert, doch der Wagenboden verhinderte das. So feuerte er das Magazin der MPi leer. Ein schier unmenschlicher Schrei durchfuhr die Nacht, als die Kugeln die Beine des Mannes zerfetzten. Dann ging er reglos zu Boden. Antoine warf die leere Waffe weg, zog seine Pistole und wartete, den Blick auf den Kraterrand gerichtet. Niemand reagierte auf seinen Angriff. Er schloss die Augen und sprach das Wort, das er vor etlichen Jahren gelernt hatte: »Shinwahin.«

Die Nacht lag bereits über dem Wald, aber nun bewegte sie sich, waberte und schien zu atmen. Aus dem Laub und der Erde krochen Fäden auf ihn zu, die trotz der Dunkelheit Schatten warfen. Nach wenigen Sekunden hüllten sie ihn in einen schwarzen Mantel. Die Kälte, die Antoine überkam, ließ ihn frösteln.

Am Rande des Kraters ragte ein Kopf hervor, einer seiner Angreifer suchte offensichtlich konzentriert die Gegend ab. Der Mann hörte zwar die Schüsse, hatte aber keine Zeit, auf die Projektile zu reagieren, die Antoine ihm aus seiner Waffe entgegenschickte. Wie in Zeitlupe und mit einem überraschten Ausdruck auf dem Gesicht taumelte er über den Rand und stürzte. Eine der Kugeln hatte ihr Ziel nicht verfehlt. Stille folgte.

Antoine spürte, wie der Mantel der Dunkelheit ihn vollkommen bedeckte. Langsam richtete er sich auf. Der verbliebene Häscher spähte in die Richtung, aus der er den Schuss vermutete. Der Mann hatte zwar ein Nachtsichtgerät aufgesetzt, doch würde es ihm nichts nützen. Antoines Fähigkeit machte ihn nahezu unsichtbar für das menschliche Auge und das schloss technische Sehhilfen mit ein.

Ein roter Punkt, zur Zielorientierung für die Maschinenpistole, fuhr langsam über den zerstörten Wagen und im Krater umher, fand aber kein lohnendes Opfer. Antoine schlich zu der Stelle, an der der letzte Angreifer hinuntergefallen war, und machte sich allmählich an den Aufstieg.

»Machen Sie es sich nicht so schwer!«, rief der Mann in die Dunkelheit. Antoine war beinahe aus der Senke herausgeklettert. Nicht so schwer machen? Junge, ich bin gleich an dir dran und dann Gnade dir wer-oder-was-auch-immer, dachte er zähneknirschend. Er rollte sich auf den weichen Waldboden und schaute zu seinem Gegner hinüber. Hinter dem Mann bohrten sich die Scheinwerfer des Audis in die Dunkelheit und umrahmten ihn mit einem blau-weißen Schein.

Antoines Häscher zückte plötzlich eine weitere Granate. Entsichert warf er sie in Richtung Jeep. Die Explosion riss das Fahrzeug mit einem ohrenbetäubenden Knall in zwei Hälften. Kunststoffsplitter, Metallfragmente und Glas flogen durch die Luft.

Antoine hatte seinen Angreifer fast erreicht. Auch wenn er sich bewusst war, dass der Mantel aus Dunkelheit ihn nicht nur verdeckte, sondern auch jegliches Geräusch dämpfte, versuchte er, möglichst lautlos aufzutreten. Er schlich in einem Bogen an dem immer noch Suchenden vorbei und spähte in den Audi hinein. Keine weiteren Insassen, stellte er fest. Dafür fand er eine hoch technisierte Ausrüstung vor. Am Armaturenbrett waren verschiedene Displays angebracht, die farbige Punkte auf Karten zeigten. Aber da war keine Zeit, sich näher damit zu befassen. Mit auf den letzten Angreifer angelegter Waffe wartete Antoine auf eine Reaktion, als er das Licht des Audis ausschaltete. Erschrocken wirbelte der Mann herum und starrte in die Dunkelheit. Ein Schuss blieb aus.

»Zentrale! Ich habe ein Problem«, sprach er aufgeregt. Er neigte den Kopf zur Seite, als ihm eine Antwort mitgeteilt wurde. Seine Maschinenpistole richtete sich weiterhin auf den Audi.

»Negativ. Alle sind tot. Zielobjekt vermutlich verletzt, bin mir nicht sicher.« Antoine umrundete den Mann und näherte sich ihm von der Seite. Als kalter Stahl aus der Dunkelheit an seine Schläfe drückte, erstarrte der Angreifer. Antoine ließ die Schatten abfallen und nahm dem verdutzten Mann die Maschinenpistole aus der Hand.

»Unterhalten wir uns«, sagte er und bedeutete ihm, sich hinzuknien. Der Mann folgte stumm seiner Aufforderung und ließ sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf die Knie fallen.

Etwas knackte in seinem Kiefer und er fiel unter Krämpfen zu Boden. Dabei fiel ihm eine kleine Fernbedienung aus der Hand, deren grünes Blinken auf Rot wechselte. Die folgende Druckwelle des explodierenden Audis riss Antoine von den Füßen. Er schmeckte noch Blut und roch verbranntes Fleisch, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Berlin 12. 8. 1999 – Irgendwo unter den Straßen

»Kontakt abgebrochen«, raunte der Einsatzleiter und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. Seine Untergebenen drehten sich zu ihm um, während sie die Headsets herunternahmen. Steiner musterte, die Hände gefaltet, mit ausdrucksloser Miene seinen Monitor. Er hatte nun schon seit drei Tagen keinen Schlaf mehr bekommen. Während der Operation hatte er alle Hände voll damit zu tun, sämtliche Einsätze zu überwachen. Natürlich war das für einen einzigen Mann schier unmöglich, bedachte man die vielfältigen Einsatzgebiete. Darum scharrte sich ein Team von sechs fähigen, multilingualen Spezialisten um ihn. Mit einigen arbeitete er schon seit Jahren zusammen und der Großteil war von ihm persönlich ausgewählt worden. Es gab zwar Schichtdienst, doch nur wenige hatten das Wort Feierabend in letzter Zeit in den Mund genommen. Im Zentrum der Macht zu arbeiten, machte süchtig. Niemand wusste das besser als Steiner.

Sein Blick hob sich vom Bildschirm und wanderte durch den Raum. Dieser wirkte nicht besonders groß, maß vielleicht dreißig mal zwanzig Meter. Neonröhren in milden Weißtönen beleuchteten jeden Winkel und eine Allee aus zwölf besetzten Schreibtischen führte geradewegs zu seinem Arbeitsplatz, der als einziger in einem matten Schwarz gehalten war.

Viel wichtiger als die Einrichtung war jedoch die technische Ausrüstung in dieser Zentrale. Allein die Hälfte der Ansammlung von technischem Equipment würde manche Spezialeinheit der westlichen Welt vor Neid erblassen lassen.

Das Podest, auf dem sich sein Platz befand, gab ihm einen gewissen Überblick über seine Leute. Steiner hatte es extra anfertigen lassen. Zwar wusste jeder Mitarbeiter, dass er die Operation leitete, aber es schadete nicht, es ihnen stets in Erinnerung zu rufen. Eine schwere Eisentür war die einzige Möglichkeit, den Raum zu betreten und zu verlassen. Ohne die Kontrolle des genetischen Fingerabdrucks, aus dem Blut des Zeigefingers, gelangte man weder hinein, noch hinaus.

»Herr Steiner?«

Frank Greiner riss ihn aus seinen Gedanken. Greiner war sein Gefolgsmann seit der Zeit in Paris, als sie einander zugeteilt worden waren. Damals waren sie noch ranggleiche Agenten gewesen und ihre tiefe Freundschaft hatte sich durch die zahllosen Einsätze rund um den Globus zu einem schier unzerstörbaren Band gefestigt. Wenn er jemandem vertraute, und das war eher untypisch für ihn, dann war es Greiner. Dennoch siezten sie sich in der Öffentlichkeit.

»Ja?«

»Team Dortmund Zwei hat den Mann festgesetzt. Sie befinden sich in einem Hotel in der Stadt. Die Polizeirufe haben wir bereits umgeleitet. Vier Männer sind tot, der verbleibende Rest wartet auf weitere Anweisungen. Offenbar wird dem Mann geholfen.«

Steiner seufzte. Konnte denn nichts nach Plan verlaufen? Diese beiden Zielobjekte waren nun wirklich keine schweren Fälle, aber irgendetwas machte heute einfach alles zunichte. Und in diesem Fall: irgendjemand.

»Wie viele Männer sind noch aktiv?«

»Acht.«

»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie versagen?«

»Eigentlich sollten sie schon längst den Abschluss ge…«

»Kommen Sie, Greiner. Gehen Sie nach den derzeitigen Auswertungen. Wie hoch ist das Gefahrenpotenzial dieses Mannes?«

Greiner seufzte. »Es liegt derzeit bei 75 Prozent.«

»Das sind 50 zu viel. Wir haben heute genug gute Leute verloren. Ziehen Sie sie zurück. Wir schlagen in den nächsten Tagen erneut zu.« Nachdenklich blickte er Greiner hinterher, als dieser sich eilig zurück an seinen Platz begab und währenddessen durch das Mikrofon seines Headsets mit dem Teamleiter sprach: »Zentrale an Team Dortmund Zwei, brechen Sie ab. Ich wiederhole: Brechen Sie ab!«

Greiner wartete und nickte dann, um die für Steiner nicht hörbare Bestätigung in den Raum zu übertragen.

Steiner fuhr sich durch das Haar. Er stand aus seinem Bürosessel auf, um den Raum zu verlassen. Während er an der Tür seinen Finger in den Scannerschlitz schob und kurz die Zähne zusammenbiss, als die Mikronadel seine DNA las, wandte er sich an seine Leute: »Das war gute Arbeit. Gönnen Sie sich eine Pause. Die nächsten Operationen starten wir morgen gegen 18 Uhr. Bis dahin will ich, dass jeder von Ihnen eine gehörige Portion Schlaf bekommt. Wir haben heute einige gute Männer da draußen verloren und jeder einzelne Verlust wird mich noch lange beschäftigen. In dieser Zeit bleibt jedoch wenig Raum für Trauer. Lassen wir ihnen diese zuteilwerden, indem wir morgen die Zielpersonen zur Strecke bringen. Greiner, Sie führen das Debriefing.«

Die Tür glitt auf und er verließ den Raum. Das Licht in dem weiß gekachelten Korridor war beißend und stach in seinen Augen. Er passierte zwei Türen und betrat die Toiletten. Als er sich die Hände gewaschen hatte, blickte er in den Spiegel und war nicht überrascht. Die letzten 72 Stunden hatten deutliche Spuren hinterlassen. Sein sonst adrett zur Seite gekämmtes, graues Haar hing in Strähnen herunter. Dunkle Ränder breiteten sich unter seinen blutunterlaufenen Augen aus. Der Dreitagebart rahmte die sonst so feinen Gesichtszüge des Mannes ein. In einer anderen Epoche wäre er glatt für einen englischen Aristokraten durchgegangen. Die Krawatte war heute jedoch gelockert, der oberste Knopf geöffnet und das Hemd selbst so knitterig, als hätte er darin einige Judostunden genommen.

Er sah zum ersten Mal so aus, wie er sich fühlte.

Steiner richtete die Krawatte und straffte sein schwarzes Jackett. Das kalte Wasser, das er sich mit den Händen ins Gesicht schaufelte, schüttelte die Müdigkeit für einen kurzen Moment ab. Gern wäre er jetzt dort, wo seine Frau ihn vermutete: in Peking. Unterwegs für eine Firma, deren Scheinexistenz durch Einträge im Handelsregister, eigenes Briefpapier und monatliche Lohnabrechnungen bestätigt wurde.

Die Toilettenspülung aus einer der anderen Kabinen beendete sein Grübeln. Hinter der sich öffnenden Tür kam Markus Bermann zum Vorschein. Ein Plagegeist sondergleichen. Ohne einen Hehl aus seiner Abneigung zu machen, wandte Steiner sich ab und trocknete seine Hände. Bermann, frisch und munter, wie er sich immer gab, trat neben ihn und wusch sich die Hände mit übertriebener Gründlichkeit. So, als wäre er kurz davor, in den OP zu marschieren, in dem Steiner ihn gerne mit mehreren Schusswunden hätte liegen sehen.

»Und? Wie läuft es, Herr Steiner? Muss ja heiß hergehen bei Ihnen, wenn ich das mal so sagen darf.«

Steiner ignorierte die Frage und trocknete weiter seine Hände.

»So schlimm?«, antwortete Bermann auf sein Schweigen und schüttelte den Kopf. »Steiner, Sie machen sich noch kaputt«, fuhr er fort und weiße Zähne blitzten hinter einem einstudierten und übertriebenen Lächeln auf. Bermanns Knopfaugen fixierten ihn dennoch neugierig.

Ich mach gleich jemanden kaputt, dachte Steiner, doch wie immer wird er mir keinen Grund geben. Schade. Er hätte gern seinem Frust in der Magengrube Bermanns Luft gemacht. Aber das würde zu viele Konsequenzen nach sich ziehen. Und letztlich auch einen Triumph Bermanns. Der Mann war seit dem ersten Aufeinandertreffen eine Schlange gewesen. Welche Ränke er derzeit schmiedete, konnte Steiner nur ahnen. Bermann war durch mehr als nur Beziehungen zu seinem Posten gekommen.

Sie standen in der Hierarchie des Büros auf gleicher Stufe. Was man von ihrem Werdegang, Alter und Wertvorstellungen nicht behaupten konnte. Während Steiner die Operationen im europäischen Raum führte, war Bermann mit seinen Leuten auf dem afrikanischen und südamerikanischen Kontinent tätig. Und er lag momentan in mehreren Punkten in Führung. Steiners Abschussquote betrug in seinem Gebiet derzeit 60 Prozent. Bermann hatte bereits 85 Prozent erreicht. Das lag aber keinesfalls an der Loyalität und Achtung seiner Leute, sondern daran, dass sie Angst vor ihm hatten. Er führte nicht durch Vorbild und Prinzipientreue, sondern durch Bestrafung und Manipulation.

»Darf ich?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er zwei Papierhandtücher aus dem Spender und trocknete sich auf dem Weg zur Tür die Hände ab. Den zusammengeknüllten Papierball warf er in den ein paar Meter entfernten Eimer und verließ den Raum mit dem schweigenden Steiner. Dieser widerstand dem Wunsch, seine Faust in die Wand zu rammen.

Dortmund, 12. 8. 1999 – Hotel

Johannes lehnte an der Wand des Hotelzimmers, in das die bewaffnete Frau ihn geschickt hatte. Er verstand noch immer nicht, was hier vor sich ging: Die geheimnisvolle Fremde hatte ihn nicht erschossen. Im Gegenteil. Nachdem sie ihn kurz gemustert hatte, flüsterte sie ihm eine Zimmernummer zu, händigte ihm den Schlüssel aus, bedeutete ihm, dort zu warten, und blieb selbst unterdessen im Flur.

Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür. Johannes richtete instinktiv die Maschinenpistole darauf, ließ die Waffe aber sinken, als er seine Retterin erkannte.

»Du hast Glück. Sie ziehen ab«, sagte sie, als sie die Tür wieder schloss. Im fahlen Mondlicht, das durch eines der Fenster hereinschien, hatte er zum ersten Mal die Gelegenheit, sie näher zu betrachten. Ungewöhnlich groß für ihren zierlichen Körperbau trug sie eine dunkelblaue Jeans mit dazu passender Jeansjacke, die unzählige Taschen hatte, und darunter einen schwarzen Rollkragenpullover. Ihr dunkles Haar war zu einem Zopf nach hinten gebunden. Und in ihren tiefgrünen Augen lag ein Hauch von Belustigung, dass er sie so offen musterte und seine Überraschung nicht verbergen konnte. Wäre es hell gewesen, hätte sie die Röte in seinem Gesicht bemerkt.

Schnell durchschritt sie den Raum und ging ins Badezimmer. Johannes atmete durch und schloss die Augen. Aus dem Badezimmer vernahm er ihre Stimme, verstand aber nicht, was sie sagte und ging hinüber.

»Habe ich mich schon bedankt?«, fragte er an die Tür gelehnt, darauf bedacht, nicht aufdringlich zu erscheinen.

»Nicht wirklich. Aber du bist am Leben und das zählt«, gab sie zurück. Der Wasserhahn wurde aufgedreht und er hörte ein Plätschern. Nachdem sie sich erfrischt hatte, kam sie aus dem Bad und stieß fast mit ihm zusammen. Er drückte sich enger an die Wand und ließ sie vorbei. Ihr Haar trug sie jetzt offen. Unter dem Rollkragenpullover, in Höhe des Hosenbundes ihrer Jeans, erkannte er eine Ausbuchtung, wohl die Pistole, in deren Lauf er vorhin geblickt hatte.

»Wir haben nicht viel Zeit und sollten unser Versteck wechseln. Es kann gut sein, dass sie sich nur neu formieren, um wieder zuzuschlagen. Dann sollten wir nicht mehr hier sein«, sprach sie, ohne ihn dabei anzuschauen. Er schüttelte den Kopf.

»Ich möchte wissen, wer Sie sind und warum Sie wussten, dass …« Er kam nicht dazu, weiterzusprechen.

»Dass man dir hier auflauert? Spielt das eine Rolle? Und wer ich bin? Nun, ich bin auf deiner Seite, das sollte eigentlich reichen.«

War das ein Trick? Johannes dachte nach. Die letzten Augenblicke ließen keinen Zweifel daran, dass seine Verfolger nicht gekommen waren, um ihn gefangen zu nehmen. Sie waren gekommen, um ihn zu töten. Aber wenn das alles doch ein Plan war? Wie konnte er sicher sein, dass sie nicht auch auf der anderen Seite stand? Sie schien zu bemerken, wie es hinter seiner Stirn arbeitete, und lächelte. Nach einem kurzen Schweigen sagte sie: »Er hat mir gesagt, ich solle hierherkommen und auf dich warten.«

Johannes verstand nicht.

»Wer?«

»Ashanal«, gab sie zurück.

Seine Augen wurden größer, während seine Stirn Falten warf. Dass sie den Namen seines Engels kannte, verwunderte ihn bereits, mehr jedoch die Offenheit, die in ihrer Stimme mitklang. Sie war es, die Johannes veranlasste, ihr zu glauben.

»Elisabeth Maier«, sagte sie knapp und reichte ihm die Hand. »Aber alle sagen Ella.« Er zögerte, ergriff sie dann doch und suchte in ihren Augen nach Anzeichen eines Hinterhalts.

Bei den meisten Menschen blitzte in Momenten des Widerspruchs zwischen Handlung und Gedanken ein Zögern auf. Oft blinzelten diejenigen ganz kurz oder die Pupillen flackerten fast unmerklich. Aber er konnte keine Anzeichen dafür in ihren Augen entdecken. Er konnte nichts finden.

»Johannes.«

Sie lächelte zunächst, senkte dann den Blick und schmunzelte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie lächerlich die Situation wirkte. Er hielt die Maschinenpistole noch immer in der linken Hand und er umfasste sie mit der rechten länger, als es nötig gewesen wäre. Sie warf sich einen langen Jeansmantel über, der ihr Outfit vervollständigte, und schritt zur Tür.

»Wir sollten los.«

»Wohin?«, fragte er.

»Vertrau mir einfach. Es ist sicher dort.« Sie öffnete die Tür und spähte auf den Flur. Ella ging voraus, sicherte den Hotelflur, bevor sie Johannes bedeutete, ihr zu folgen. Gemeinsam verließen sie das Gebäude durch einen der Notausgänge.

Die Kälte der Nacht schlug ihm unerwartet ins Gesicht. Zielsicher steuerte sie auf die andere Straßenseite und öffnete die Fahrertür eines Rover-Mini. Als Johannes die Sirenen der Polizei und der Krankenwagen hörte, die in diesem Moment in die Straße einbogen, stieg er eiligst ein. Der Wagen sprang an und aus den Lautsprechern sang Xavier Naidoo von 20.000 Meilen unter dem Meer und nach kurzer Zeit flogen die Straßen der Innenstadt an ihnen vorbei. Ella sprach kein Wort, sondern beäugte immer wieder skeptisch den Rückspiegel, entspannte sich nach mehreren Kilometern und schaute für einen Moment zu ihm hinüber. Sein Schwert drückte im Rücken, aber Johannes beschwerte sich nicht.

»Alles klar mit dir?«, fragte sie, den Blick wieder auf die Straße gerichtet. »Das muss dir alles sehr seltsam vorkommen, oder?«

»Du sagtest, Ashanal hätte dir gesagt, wo ich bin?«, fragte er, mit mehr Misstrauen in der Stimme, als er hatte hineinlegen wollen. Sie streckte sich.

»Er hat nicht direkt von dir gesprochen. Er sagte mir nur, ich solle dorthin gehen und helfen«, erklärte sie ruhig. In ihrer Mimik deutete nichts auf eine Lüge oder Halbwahrheit hin.

»Ich bin keine von euch, Johannes.«

»Aber dann verstehe ich nicht, wie du seinen Namen kennen und mit ihm sprechen kannst? Das ergibt keinen Sinn, es sei denn …« Er führte den Gedanken nicht zu Ende. Die Maschinenpistole klickte, als er sie entsicherte. Die Waffe lag auf seinem Schoß unter seinem Mantel und ihr Lauf richtete sich nun auf die Fahrerin. Ella spannte sich an – ebenso wie er.

»Hältst du es für eine gute Idee, die Fahrerin deines Fluchtwagens zu erschießen? Mitten in der Öffentlichkeit? Und nebenbei bemerkt, die gleichzeitig die Frau ist, die dir womöglich das Leben gerettet hat?« Angestrengt blickte sie auf die Straße. Er überlegte, aber da waren zu viele Gedanken und Ungereimtheiten, zu viele Eindrücke, die er alle noch nicht verarbeiten konnte.

»Das wäre nicht nur leichtsinnig, sondern auch sehr undankbar.« Sie lächelte und fuhr fort: »Das erste Mal, dass ich mit ihm in Kontakt trat, war vor einem Jahr. Ich hatte den Dachboden meines Großvaters durchstöbert. Er ist kurz zuvor gestorben und hatte mir neben seinem Haus auch einen gehörigen Berg Schulden hinterlassen. Auf dem Dachboden hoffte ich, einige Unterlagen zu finden. Aber stattdessen fand ich eine verschlossene Truhe mit merkwürdigen Runen und Zeichen darauf. Ich hatte einige Mühe, sie zu öffnen. Aber nachdem mir das schließlich gelungen war, fand ich ein Buch. Auf dem Buch war ein Siegel, in Form einer Fackel mit zwei gekreuzten Schwertern. Als ich begann, das Buch zu lesen, traute ich meinen Augen kaum und hielt es für irgendeinen Humbug. Aber mein Großvater war kein abergläubischer Mensch und so las ich das Buch – und zwar mehrmals.«

Sie machte eine Pause, um sich zu orientieren, und steuerte den Wagen über eine Landstraße zwischen Feldern hindurch. Er hatte ihr so gebannt zugehört, dass er die Landschaft und den Weg, den der Wagen nahm, schier ignoriert hatte. Er biss sich auf die Unterlippe – dilettantisch: anders war das nicht zu beschreiben.

Ella erzählte weiter. »Die darin beschriebenen Aussagen waren unglaublich. Aber ich kam nicht davon los und so versuchte ich, aus reiner Neugier, den darin beschriebenen Gefährten zu beschwören.« Sie machte wieder eine Pause.

Ungeduldig fragte Johannes: »Und es gelang?«

Sie nickte.

»Ja, an diesem Abend sah ich Ashanal zum ersten Mal. Er war sehr freundlich, gleichzeitig aber auch verwundert, mich zu erblicken und nicht meinen Großvater. Wir redeten die ganze Nacht und er erzählte mir von vielen Dingen, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Wir trafen uns im Laufe des Jahres in regelmäßigen Abständen. Seine Anwesenheit half mir über so manches hinweg und bestärkte mich. Sein Rat ließ mich niemals im Stich«, bekräftigte sie mit einem festen Nicken.

Das war einfach nicht möglich. Die Fähigkeiten der Bruderschaft wurden nur an männliche Nachkommen weitergegeben. Und Vieles musste erst erlernt werden, um es kontrolliert nutzen zu können. Aber konnte es sein, dass bei ihr die Gabe, einem Instinkt gleich, vorhanden war?

Als der Wagen hielt, wurde Johannes aus seinen Gedanken in die Gegenwart zurückgerissen und er blickte sich um. Sie parkten vor einem kleinen, zweistöckigen Backsteinhaus. Ringsherum schwankten die zahlreichen, dunklen Baumkronen, die das Haus überragten, im Wind und die einzigen Lichter bildeten die Sterne am Nachthimmel.

Ella stieg aus und er folgte ihr ins Freie. Das Dach des Hauses war mit schwarzgrauen Platten bedeckt. An den schief wirkenden Wänden hatten sich mattgrüne, von Blättern bedeckte Ranken emporgewunden, die nur die Fenster und einzelne Flecken von ihrer Besitznahme aussparten. Über allem lag etwas Unwirkliches. So als sei er einer von wenigen, die dieses Haus je erblickt hatten. Johannes fühlte sich von irgendwem oder irgendwas beobachtet. Dieses Gefühl war da, seitdem er den Wagen verlassen hatte, und es wurde stärker, je genauer er das Haus betrachtete. Einige Bäume stöhnten unter dem Wind. Er stand immer noch am Wagen und spähte zu dem Gebäude hinüber, bis Ella ihm die Sicht versperrte. »Hexenkommentare jeglicher Art sind untersagt«, scherzte sie, aber er lächelte nicht, sondern zuckte mit den Schultern und folgte ihr zur Tür. Er hatte einige Fragen an diese Frau. Das Gefühl, beobachtet zu werden, wuchs weiter an, je näher er dem Haus kam. Doch er ließ sich aber nichts anmerken.

Kaum schloss Ella die Tür auf, bestätigte sich seine Vermutung. Ein schwarzer, großer Schatten schoss an Ella vorbei und landete, ihn umwerfend, auf seiner Brust. Das Schwert drückte heftig in seinen Rücken, als er aufprallte und ihm die sabbernde Zunge einer schwarzen Deutschen Dogge über die Wangen fuhr. Dann machte der Hund einen Satz zur Seite und jaulte ihn an.

Leicht benommen richtete Johannes sich auf. So viel zu seinem unguten Gefühl. Er musste schmunzeln, als die klobige Nase seines vermeintlichen Angreifers an seiner Hand schnupperte.

»Bartholomäus, das ist Johannes. Er ist ein Freund! Johannes, das ist Bartholomäus«, stellte sie die beiden einander vor und lachte. Es war ein heiteres, freundliches Lachen, frei von Sorge.

Johannes ertappte sich dabei, wie er beinahe lauthals eingestimmt hätte. Bartholomäus bellte und fegte dann ins Haus. Auf der Türschwelle drehte er sich noch einmal zu den beiden um und verschwand dann im Dunkeln.

Dortmund, 12. 8. 1999 – Nähe Waldhaus

Antoine humpelte durch den Wald. Die Taschenlampe aus dem Wagen hatte vor Kurzem ihren Geist aufgegeben. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte er in einem Schraubstock gesteckt. Unter anderen Umständen hätte er womöglich darauf verzichtet, sich eines derartigen Hilfsmittels zu bedienen, aber er wollte sich nicht überanstrengen. Jedes Verwenden seiner Fähigkeiten kostete Kraft.

Nach der Explosion hatte er Nasenbluten bekommen – Blut, das nun an seinem Hemd klebte. Als er wieder zu sich gekommen war, hatte er zu seiner Erleichterung festgestellt, dass das verbrannte Fleisch, dessen Geruch ihm in die Nase stieg, nicht seines, sondern das des Mannes gewesen war, den er zuletzt ausgeschaltet hatte.

Seit knapp einer Stunde hastete er durch den Wald, als ein ziehender Schmerz im rechten Bein ihn aufstöhnen ließ. In seiner Wade steckte ein mehrere Zentimeter breites Metallstück, das ihm bisher entgangen war. Vorsichtig tastete er darüber. Antoine verzichtete darauf, das Metall herauszuziehen, möglicherweise würde sich die Wunde dadurch entzünden. Später. Er hatte noch etwas Zeit. Dass die Schmerzen nun kamen, musste an seinem abfallenden Adrenalinspiegel liegen. Wenn er das Stück jetzt herauszog, konnte das sein Ende sein. Vielleicht war eine Ader durchtrennt und das Einzige, das ihn vor dem Verbluten bewahrte, steckte nun mitten in seinem Bein.

Das dumpfe Pochen, das er derzeit spürte, begleite jedes Auftreten mit einem Ziehen. Keuchend lehnte er sich an einen Baum und blickte zu den Sternen auf, die er vereinzelt durch das dichte Blätterdach des Waldes wahrnahm. Sein Handy hatte hier kein Netz, nicht mal einen Notruf hätte er absetzen können. Großartig, einfach großartig. Er hatte den toten Männern die Magazine abgenommen und sie durchsucht, aber nichts gefunden. Keine Ausweise, keine Papiere. Nichts. Angestrengt spähte Antoine in die Dunkelheit und lauschte den Geräuschen des Waldes, um eventuell ein Anzeichen von Zivilisation zu entdecken.

In der Ferne hörte er den Motor eines Wagens und Reifen, die mit hoher Geschwindigkeit über den Waldboden knirschten. Lauschend versuchte er, den Ort zu fixieren. Mit einem Mal verstummte der Motor und Türen wurden zugeschlagen. Er hatte die Richtung ausgemacht und humpelte weiter. Ein Hund bellte, Stimmen, die in ein Gespräch vertieft waren, mischten sich unter die Waldgeräusche. In der Nähe musste ein Haus sein. Warum sollte jemand sich im Dunklen im Wald aufhalten, wenn er nicht auf dem Weg nach Hause war? Womöglich würde man sofort die Flucht ergreifen, wenn die Bewohner Antoine erblickten, aber das scherte ihn in diesem Augenblick wenig. Er brauchte einen Wagen und ein Telefon. Beides würde er sich, notfalls unter Androhung von Gewalt, beschaffen. Das Pochen in seinem Bein erinnerte ihn an seine körperliche Verfassung.

Ohne dem Schmerz weiter Beachtung zu schenken, bahnte er sich mit zusammengebissenen Zähnen seinen Weg durch das Unterholz.

Er pirschte geduckt bis zum Rande des Waldes, um noch einen kurzen Blick auf zwei Gestalten zu erhaschen, die das Haus betraten.

Er atmete auf. Außer dem einen Haus waren dort keine weiteren Gebäude. Ein kaum auszumachender Pfad führte auf der anderen Seite – mehr oder weniger befahrbar – zurück in den Wald. Ein flackernder Lichtschein beleuchtete die Fenster im Erdgeschoss, jemand hatte Kerzen angezündet.