DUNKELROT - Christian Dörge - E-Book

DUNKELROT E-Book

Christian Dörge

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Beschreibung

27 Erzählungen internationaler Spitzen-Autoren und -Autorinnen, vereint in einer Horror-Anthologie der Extra-Klasse (zusammengestellt und herausgegeben von Christian Dörge): u. a. Joe R. Lansdale, Richard Christian Matheson, Charles Birkin, Nancy A. Collins, Edward Bryant, Roberta Lannes, Kevin J. Anderson, Christopher Fowler, Graham Masterton, Mort Castle, Mick Garris, Douglas E. Winter.

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CHRISTIAN DÖRGE (HRSG.)

Dunkelrot

Erzählungen

Apex Horror, Band 37

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

Charles Birkin: DER TOD AUS DEM MEER (My Name Is Death/The Terror On Tobit)

Joe R. Lansdale: DIE NACHT, IN DER SIE DEN HORROR-FILM VERPASSTEN

(Night They Missed The Horror Show)

John Skipp: FILMTEAM UM ELF (Film At Eleven)

Richard Christian Matheson: ROT (Red)

Mick Garris: EIN LEBEN FÜRS KINO (A Life For The Cinema)

Douglas E. Winter: NICHT GANZ EIN ZOMBIE (Less Than A Zombie)

Wayne Allen Sallee: SCHNELLVERKEHR (Rapid Transit)

Edward Bryant: ALS SIE BEIM EINKAUFEN WAR (While She Was Out)

Richard Christian Matheson: GÄNSEHAUT (Goosebumps)

Nancy A. Collins: DIE FREAKS (Freaktent)

Philip Nutman: VOLLGAS (Full Throttle)

J. S. Russell: DIE STADT DER ENGEL (City Of Angels)

Rex Miller: DAS KLASSENTREFFEN (Reunion Moon)

Roberta Lannes: ZEIT FÜR DEN ABSCHIED (Good-bye, Dark Love)

J. N. Williamson: SCHLAGS NACH IM WEBSTER (The Book Of Webster's)

Joe R. Lansdale: BIZARRE HÄNDE (By Bizarre Hands)

Graham Watkins: DIE TRAUERNDEN TOTEN (Weeping Women)

Mort Castle: VERFLUCHT SEI DAS KIND (Cursed Be The Child)

James Kisner: WENN DER MANN MIT DEM MESSER DICH LIEBT

(When The Man With The Knife Loves You)

Debra Gray De Noux/O'Neil De Noux: EINZELTEILE (A Few Pieces)

Douglas E. Winter: SCHWARZE SONNE (Black Sun)

Christopher Fowler: DELIKATESSEN AUS DEM SCHNELLIMBISS (Jumbo Portions)

Kevin J. Anderson: REDMONDS PRIVATKINO (Redmont's Private Screening)

Graham Masterton: FUTTER FÜR DIE SCHWEINE (Pig's Dinner)

William Relling Jr.: ZU HAUSE IST ES DOCH AM SCHÖNSTEN (No Place Like Home)

Wayne Allen Sallee: FÜR EUCH, DIE IHR LEBT (For You, The Living)

Christian Dörge: DUNKELROT

Das Buch

27 Erzählungen internationaler Spitzen-Autoren und -Autorinnen, vereint in einer Horror-Anthologie der Extra-Klasse (zusammengestellt und herausgegeben von Christian Dörge): u. a. Joe R. Lansdale, Richard Christian Matheson, Charles Birkin, Nancy A. Collins, Edward Bryant, Roberta Lannes, Kevin J. Anderson, Christopher Fowler, Graham Masterton, Mort Castle, Mick Garris, Douglas E. Winter.

Charles Birkin: DER TOD AUS DEM MEER

  (My Name Is Death/The Terror On Tobit)

Ende der zwanziger Jahre waren die Scilly-Inseln als Ferienziel noch der Geheimtipp einiger weniger Kenner. Erst Jahre später, als die Schiffsverbindungen besser und die Inseln dadurch auch der großen Öffentlichkeit bekannt wurden, verloren sie ihre Abgeschiedenheit.

Die wenigen Besucher, die ihren Weg dorthin fanden, hüteten eifersüchtig das Geheimnis jener vom Wirbel der Zeit noch unberührten Inselgruppe vor der Küste von Cornwall, selbst guten Freunden gegenüber. Irgendwie betrachteten sie die Scillys als ihre ganz persönliche Entdeckung und wollten sie nicht durch den Massentourismus entwerten und entzaubern lassen.

In jenem Sommer vor vielen Jahren verbrachten zwei junge Mädchen ihre Ferien auf einer der Scilly-Inseln.

»Du bist dir doch wohl klar darüber«, sagte Daphne, »dass wir in drei Tagen in London sein werden. Dann beginnt der Ernst des Lebens.«

»Als ob ich das nicht selbst wüsste! Die letzten vierzehn Tage sind förmlich vorbeigeflogen.« Anne klappte ihr Buch mit einem kleinen harten Knall zu. »Mir jedenfalls hat es ausnehmend gut hier gefallen. Ich bin dir wirklich dankbar dafür, dass du mich mitgenommen hast.«

Daphne hatte vor, sich nach dem Urlaub ehrenamtlich der Pflege körperlich behinderter Kinder zu widmen. Anne, deren fröhlicher, verschwenderischer Vater im Frühjahr ganz plötzlich gestorben war, hatte für September eine Stellung als Assistentin von Madame Stirling in der Berkeley Street angenommen. Dafür sollte sie fünf Pfund pro Woche, zuzüglich einer Provision für alle Kunden, die sie ihrer Chefin zuführte, erhalten. Die plötzliche Veränderung ihrer finanziellen Verhältnisse war für Jimmy Blakes Witwe und Tochter ein böser Schock gewesen; denn sie mussten feststellen, dass er eine beträchtliche Schuldenlast und nur sehr wenig Geld hinterlassen hatte.

Daphne Bristow war als Kind einmal auf der Insel Bryher gewesen und hatte jene herrlichen Ferien nie vergessen. Impulsiv hatte sie Anne Blake gefragt, ob sie Lust hätte, mitzukommen. Sie hielt es für klüger, wenn Anne den Zauber der Mittelmeerküste vergessen würde, denn sie hatte kurz vorher ihre Verlobung mit einem melancholischen jungen Mann gelöst, den sie ein Jahr zuvor in Cannes kennengelernt hatte. Jetzt wusste Daphne, dass ihr Vorschlag richtig gewesen war. Das Haus auf Bryher, wo sie als Kind gewohnt hatte, war inzwischen in andere Hände übergegangen, und so waren sie schließlich auf St. Mark's geblieben.

Anne und Daphne waren seit ihrer Kindheit miteinander befreundet und hatten auch ihre Debütantinnensaison zusammen erlebt.

Auf dem runden Wohnzimmertisch verbreitete eine gemütliche Öllampe ihr warmes Licht; die gelb-weiß karierten Vorhänge bauschten sich sacht im leichten Abendwind. Auf St. Mark's, der kleinsten bewohnten Scilly-Insel, gab es insgesamt kaum ein Dutzend Häuser.

»Es tut dir also nicht leid, dass ich dich überredet habe, mitzukommen?« Daphne lächelte ihrer Freundin liebevoll zu. »Du hast dich ganz bestimmt nicht gelangweilt?«

»Das weißt du doch. Es war einfach paradiesisch.«

»So paradiesisch wie in Cannes?« Daphne bereute sofort diese taktlose Frage.

»Mir hat es noch nie irgendwo so gut gefallen. Mehr kann man wohl nicht sagen.«

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür, und Mrs. Arraway, die Mutter des jungen Fischers, dem das Häuschen gehörte, kam herein, um das Geschirr abzuräumen. Anne sagte zu ihr: »Die Hummern waren einfach köstlich. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ungern wir an unsere Abreise denken.«

Mrs. Arraway lachte. »Nun, es gibt Schlimmeres.« Sie war eine freundliche, mütterliche Frau, die - abgesehen von einigen wenigen Fahrten nach Penzance - ihr ganzes Leben auf den Inseln verbracht hatte. »Mir tut es auch leid, dass Sie wieder wegmüssen. Ich kann nur hoffen, dass ich es Ihnen hier gemütlich genug gemacht habe, und dass es Ihnen nicht zu ruhig war.«

»Herrlich war's!« Daphne bot ihr eine Zigarette an. »Wir hätten Sie aber gern noch um einen Gefallen gebeten.«

»Und das wäre?« Mrs. Arraway lehnte die Zigarette ab und zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Ob Jean uns wohl morgen Abend nach Tobit hinüberrudern würde? Wir möchten dort über Nacht bleiben. Das wäre ein wunderbarer Abschluss unserer Ferien. Er könnte uns am nächsten Morgen wieder abholen. Meinen Sie, dass er es tun würde - oder hat er keine Zeit?«

»Ich weiß nicht«, sagte Mrs. Arraway unschlüssig. »Was wollen denn zwei junge Damen wie Sie auf Tobit? Da gibt's doch nichts als Möwen.«

»Wir möchten gern unter offenem Himmel schlafen - wie Schiffbrüchige auf einer einsamen Insel. Kann es etwas Romantischeres geben? Das wäre ein herrlicher Spaß! Ach bitte, überreden Sie Jean, dass er uns hinbringt.«

Mrs. Arraway runzelte die Stirn. Offensichtlich behagte ihr die Idee gar nicht. »Tobit ist ein höchst ungesunder Ort«, sagte sie nach einer Pause. »Am besten, man macht einen Bogen um die Insel. Außerdem gibt's da kein Trinkwasser«, schloss sie triumphierend.

»Das macht nichts. Wir könnten ja eine Thermosflasche mitnehmen. Bitte, sagen Sie ja, Mrs. Arraway«, flehte Daphne.

»Nun, ich weiß nicht recht«, antwortete die Wirtin. »Ich sage Ihnen, was ich tun werde, mein Kind. Ich schicke Jean zu Ihnen, und dann können Sie selbst hören, was er dazu meint. Aber ich kann Ihnen jetzt schon verraten, dass er diesen verrückten Einfall bestimmt nicht unterstützen wird.« Sie nahm das Tablett auf und ging mit besorgter Miene hinaus.

Anne schob die Vorhänge auseinander und blickte in die Nacht hinaus. Gegen den samtblauen Himmel hoben sich die schroffen Felszacken der Scilly-Inseln wie phantastische Gebilde ab. Bei Tag wirkte die Szenerie viel freundlicher, nicht so abweisend. Da gab es überall olivgrünes Moos, das mit winzig rosa und malvenfarbigen Blumen übersät war.

»Woran mag es wohl liegen, dass diese Inseln irgendwie verzaubert wirken?«, sagte Anne. »Ich habe noch nie so sehr den Eindruck des Uralten, des Urweltlichen empfunden. Nicht auf Saint Mark's«, schränkte sie ein, »aber die anderen! Die wirken so traurig und - ja, geduldig und ruhig, wie sanfte, verblasste und verwelkte Schönheiten, die sich an ihre großartige Vergangenheit erinnern und ohne Bitterkeit auf das Ende warten.«

»Ja«, sagte Daphne, »aber sie sind auch irgendwie düster und beängstigend.«

Jemand klopfte an die Tür. »Das wird Jean sein. Daphne, wir müssen ihn einfach dazu überreden, dass er uns hinüberbringt. Es würde ein unvergessliches Erlebnis sein. Herein!«, rief Anne.

Jean Arraway kam in das kleine Wohnzimmer. Er sah auffallend gut aus, fast ein wenig zigeunerhaft, was hier auf den Inseln sehr ungewöhnlich war. Seine dunklen Augen schienen stets auf ein weit entferntes Ziel gerichtet zu sein, wie man es oft bei Menschen findet, die den größten Teil ihres Lebens auf dem Meer verbringen.

»Ja, Miss? Sie wollten mich sprechen?«

»Wir möchten Sie um Ihre Hilfe bitten«, sagte Anne.

»Um was handelt es sich denn, Miss?«

»Dass Sie uns morgen nach Tobit bringen. Wir möchten über Nacht bleiben, und Sie holen uns dann Freitag wieder ab. Sie wissen ja, dass wir am Sonntag wegmüssen. Nicht wahr, Jean, Sie tun uns den Gefallen?« Anne lächelte ihn an und bot dabei ihren ganzen nicht unbeträchtlichen Charme auf.

Er schüttelte den Kopf. »Sie können nicht über Nacht auf Tobit bleiben, Miss«, sagte er in bestimmtem Ton.

»Warum nicht?«, fragte Daphne.

»Es ist ungesund.«

»Was meinen Sie damit, dass es ungesund ist?«, warf Anne ungeduldig ein. »Ihre Mutter hat genau denselben Ausdruck gebraucht.«

Er blickte sie nachdenklich an. »Das ist schwer zu erklären«, sagte er schließlich. »Dort sind böse Dinge passiert...«

»Was für Dinge?«, fragte Daphne hartnäckig.

»Seltsame Dinge.« Offensichtlich war ihm nicht wohl zumute, und er schien nicht gewillt zu sein, sich näher auszulassen. »Böse Dinge«, wiederholte er. Ein kurzes Schweigen breitete sich in dem kleinen Zimmer aus, während die beiden Mädchen darauf warteten, dass er fortfahre.

»Ich denke, dort lebt niemand?«, sagte Anne. »Wie können dann dort böse Dinge geschehen?«

»Nein, jetzt lebt niemand mehr dort. Ein- oder zweimal sind Leute - Fremde vom Festland - hingefahren. Das ist nachts kein guter Ort.«

»Wollen Sie damit sagen, dass es dort Gespenster gibt?«

Er lächelte ohne Fröhlichkeit. »Sie wollen das Ganze als Ammenmärchen abtun, Miss. Aber vor zwei Jahren, da ist mal ein Maler allein rüber gerudert. Er beachtete alle Warnungen nicht. Er war richtig störrisch.«

»Und was ist ihm zugestoßen?«, wollte Daphne wissen.

»Ich weiß nicht.«

»Warum dann diese Geheimnistuerei?«, fragte Anne.

»Nun, sehen Sie, Miss, er ist nie wieder zurückgekommen. Er verschwand einfach.«

»Das ist unmöglich. Wohin könnte er denn verschwunden sein? Sicher ist er ertrunken.«

»Niemand kann es sagen. Man fand sein Boot. Es war fest vertäut.« Jean zuckte mit den breiten Schultern. »Es gibt viele seltsame Geschichten über Tobit. Nach Einbruch der Dunkelheit ist es für Menschen dort nicht geheuer.«

»Was für Geschichten?«, fragte Daphne gespannt.

»Nun«, sagte Jean zögernd, »dieser Maler war nicht der einzige, der dort hinfuhr. Ein Jahr davor war es eine Dame, ich glaube, sie war Schriftstellerin. Sie machte auf Saint Agnes Urlaub und bestand darauf, eine Nacht auf Tobit zu verbringen. Genau wie Sie. Als der Fischer, der sie hingebracht hatte, sie wieder abholen wollte - da war sie nicht mehr da.«

»Das glaube ich nicht. Sie wollen uns doch nur von unserem Vorhaben abbringen«, sagte Daphne. Sie ging zu ihm hin und blickte ihm in die Augen. »Aber ob Sie uns nun mitnehmen wollen oder nicht - wir fahren hin, nicht wahr, Anne? Wir werden eben ein anderes Boot mieten, und niemand wird uns daran hindern. Schließlich kann man uns das nicht verweigern. Das wäre ja Boykott.« Der junge Mann schien von ihrer Ausdrucksweise verwirrt zu sein.

»So ist es«, sagte Anne. »Auf die Geschichte fallen wir nicht rein.« Sie warf ihm einen ebenso herausfordernden wie aufmunternden Blick zu.

»Ich würde es an Ihrer Stelle nicht tun, Miss.« Ihr Charme ließ ihn völlig kalt. »Keiner der Männer hier wird Sie hin rudern. Das ist wirklich ein unguter Ort. Tobit gehört dem Meer und den Geschöpfen des Meeres.«

»Reden Sie keinen Unsinn, Jean.« Anne war an männlichen Widerspruch nicht gewöhnt. »Soll das vielleicht heißen, dass Sie es einfach ablehnen, uns hinzufahren? Das wäre wirklich eine grobe Unhöflichkeit!«

»Tut mir leid, Miss, aber so ist es nun mal.« Er zupfte verlegen am Gürtel herum und vermied es, sie anzusehen.

»Dann rudern wir eben selbst hinüber. Was der Maler allein konnte, werden wir zu zweit auch schaffen. Und wenn wir am Freitag bis zum Mittag nicht zurück sind, dann wissen Sie, dass das Gespenst uns geschnappt hat, und können nach unseren Gebeinen forschen.«

Jean gab keine Antwort; er blieb stumm und verlegen stehen. Schließlich sagte er: »Nun, gute Nacht denn. Vielleicht überlegen Sie es sich doch noch anders. Ich hoffe es jedenfalls.«

»Oder Sie, Jean«, sagte Anne kühl. »Gute Nacht.«

Als er gegangen war, wandte sie sich an ihre Freundin. »Hat man so etwas schon gehört! Entweder ist er zu faul, uns hinüberzurudern, oder er hat für abends eine Verabredung und will es nur nicht zugeben. Aber so oder so - es bleibt dabei, abgemacht?«

»Natürlich«, sagte Daphne überzeugt. »Diese Fabelgeschichten können mich nicht kopfscheu machen.« Sie ließ sich in einen Rohrsessel fallen. »Aber wenn sie doch ein Körnchen Wahrheit enthalten, das... das wäre ein bisschen seltsam, nicht?«

»Ja, sehr«, sagte Anne kurz. »Wenn diese beiden Leute wirklich verschwunden sind... Nun, wahrscheinlich sind sie ein Stück hinausgeschwommen, bekamen einen Wadenkrampf und ertranken. Wie man uns bei unserer Ankunft sagte - wenn man sich nicht genau auskennt, können die Strömungen sehr gefährlich sein.«

Als Daphne und Anne am nächsten Morgen das hölzerne Gartentor zur Straße - die eigentlich nur ein Pfad war - öffneten, trafen sie Mrs. Arraway, die gerade Gemüse aus dem Garten geholt hatte und das herrliche Wetter pries.

»Ihr Sohn zeigte sich gestern Abend nicht gerade hilfsbereit«, sagte Anne vorwurfsvoll. »Hat er es Ihnen erzählt?«

Mrs. Arraway presste die Lippen aufeinander und runzelte besorgt die Stirn. »Ja, das hat er«, sagte sie. »Kindchen, vergessen Sie Ihr verrücktes Vorhaben. Ich weiß, dass Jean alles versucht hat, um Sie davon abzubringen. Sie kennen diese Inseln nicht so wie wir. Wie sollten Sie auch?«

»Mrs. Arraway«, sagte Daphne, »was gibt es denn dort so Furchterregendes? Schmuggler? Oder andere zwielichtige Gestalten?«

»Nein, Kindchen. Schmuggler sind aus Fleisch und Blut. Ich will gar nicht leugnen, dass es hier früher viele Schmuggler gab. Aber das Ding auf Tobit - nun, niemand weiß, was es eigentlich ist. Seit Generationen erzählt man sich jedoch, dass Tobit dem Meer gehört, und dass das Meer jedes Jahr ein Opfer verlangt - zum Ausgleich für das, was es uns gibt.« In ihrer Stimme klang Stolz mit, als sie sagte: »Nein, vor Schmugglern würde sich mein Jean nicht fürchten. Das Unheil kommt nicht von Menschen. Was dort passiert, ist etwas ganz anderes, etwas, gegen das man sich nicht wehren kann.«

Trotz des warmen Sonnenscheins fröstelte Daphne unter einer unheilvollen Vorahnung. Die Inselbewohner wussten sicher mehr über diese Dinge als sie und Anne. »Aber das Meer hat doch letztes Jahr auf sein Opfer verzichtet, nicht wahr?«, fragte sie. »Was sagen Sie dazu?«

»Darüber sollte man nicht scherzen, Miss. Ich bitte Sie sehr, nicht nach Tobit zu fahren.« Es konnte kein Zweifel bestehen, dass sie es ernst meinte; sie sagte auch nicht mehr wie sonst Kindchen, sondern Miss.

»Ich kann genauso starrköpfig sein wie Jean«, sagte Anne mit einem Lächeln, das ihren Worten die Spitze nahm. »Wir müssen einfach hin. Es wird schon gutgehen. Bitte, machen Sie sich keine Sorgen.« Sie legte eine Hand auf Mrs. Arraways Arm. »Wir leihen uns Jeans Schrotflinte und sein Flensmesser und nehmen außerdem ein Kruzifix und eine Flasche Whisky mit, so dass wir gegen alles gewappnet sind. Würden Sie so nett sein und uns einen Picknickkorb herrichten? Vielleicht gibt's noch mal Hummern? Wir wollen um halb sieben los, damit wir genügend Zeit haben, uns einzurichten, bevor es dunkel wird.«

Bevor Mrs. Arraway etwas sagen konnte, gingen die beiden Mädchen davon. In den bunten Shorts und den gestreiften leichten Pullovern, Badeanzug und Handtuch über einen Arm gehängt, sahen sie unbeschwert und fröhlich aus. Nach hundert Metern trafen sie auf ein paar Fischer, die auf den Bänken vor dem Holzschuppen und dem flachen Steingebäude saßen, welche den winzigen Hafen flankierten. Die Männer flickten ihre Netze oder saßen nur schweigsam und rauchend herum. Sie nickten den Mädchen freundlich zu. Jean war nicht zu sehen.

Nichts hätte weniger unheilträchtig oder harmloser wirken können als dieses friedliche Bild. Das Meer lag fast unbewegt und blau, grün und dunkelviolett schimmernd im strahlenden Sonnenschein - ein Farbspiel, das eher in die Tropen als in diese raue Gegend zu passen schien. Und doch konnte dieses gleiche Meer sich in ein gnadenloses Ungeheuer verwandeln, das mit schäumenden Wellenkämmen und tosender Brandung gegen die Felsen donnerte und sie zermahlte. Nicht umsonst waren die Inseln in den alten Zeiten ein Paradies für Strandräuber gewesen.

Es war schon fast sechs Uhr, als Anne und Daphne nach einem langen, faul am Strand verbrachten Tag heimkehrten. Sie fühlten sich zufrieden und angenehm müde und waren von der stark salzhaltigen Luft und von den im Wasser verbrachten Stunden ein wenig benommen. Die golden gebräunte Haut unterstrich ihre jugendliche Frische. Sie strahlten förmlich vor Gesundheit und Wohlbehagen.

Jean erwartete sie mit mürrischer Miene. Er trug ein offenes blaues Hemd. Die Ärmel hatte er hochgekrempelt, so dass seine muskulösen Arme gut zur Geltung kamen. Leichte Schuhe aus Segeltuch und fleckige Drillichhosen vervollständigten seinen Anzug.

»Guten Abend, Jean«, rief Anne ihm zu.

»'n Abend, Miss.« Er wich ihrem Blick aus.

»Das war ein schöner Tag heute«, sagte Daphne.

Er sagte nichts und folgte den Mädchen auf dem von Feldblumen gesäumten Pfad zum Häuschen. Als sie die Tür erreicht hatten, sagte er plötzlich: »Sie fahren also nach Tobit hinüber?«

»Ja«, antwortete Daphne, die Hände angriffslustig in die Hüften gestemmt.

»Dann bring ich Sie hin, Miss«, sagte er überraschend.

»Ich dachte, dass Sie nichts dazu bewegen könnte«, sagte Anne. »Wir hatten uns schon damit abgefunden, allein hinfahren zu müssen.«

Jean errötete und betrachtete sie mit mürrischer Miene. »Es wäre nicht gut, wenn Sie allein hinfahren - das heißt, es ist nicht gut, dass Sie überhaupt dorthin wollen. Es würde mich beruhigen, wenn Sie meine Begleitung annehmen.«

»Danke. Wir sind Ihnen wirklich dankbar«, sagte Daphne. Sie konnte sehen, wie verlegen er war, und wieviel Überwindung es ihn kostete, dieses Angebot zu machen. Ihr selbst war bei dem Gedanken, allein hinüberrudern zu müssen, nicht allzu wohl gewesen. Das Boot, das sie gemietet hatten, war ziemlich alt und schwer.

»Er darf aber nicht auf der Insel schlafen«, sagte Anne. »Das würde alles verderben.« Als sie seine Verlegenheit sah, fügte sie hastig hinzu: »Ich will damit sagen, Jean, dass Sie uns dort absetzen und am Morgen wieder abholen oder die Nacht über im Boot bleiben.«

Unter den dichten Brauen schoß er einen spöttischen Blick auf sie ab. »Wie Sie wünschen, Miss.« Seine Stimme klang leicht amüsiert. »Wann wollen Sie weg?«

»Ungefähr in einer halben Stunde«, sagte Anne. »Wir treffen uns im Hafen.«

Jean nickte. »Einverstanden.«

Während sie im Schlafzimmer Decken und alles andere, was sie für ihr nächtliches Abenteuer brauchten, zusammenpackten, sagte Daphne: »Ich gebe es nicht gern zu, Anne, aber ich bin froh, dass Jean in der Nähe sein wird.«

»Hast du Angst?«

»Bestimmt nicht«, sagte Daphne, »aber im Notfall... Ich meine, dass wir dann schnell wegkönnen.«

»Im Notfall?«, fragte Anne.

»Ach, ich weiß nicht, weshalb ich das gesagt habe.«

»Und wie dicht möchtest du Jean in der Nähe haben?«, fragte Anne lächelnd. »Von wegen froh! Was du in Wirklichkeit meinst, ist wohl, dass es dir lieber wäre, wenn ich im Boot schlafen würde, nicht wahr? Kommt nicht in Frage!«

Daphne wurde blutrot, was sie maßlos ärgerte. »Natürlich nicht«, sagte sie. »Aber du musst doch zugeben, dass er ein Bild von einem Mann ist.«

Anne lachte. »Sicher.« Sie steckte eine Packung Zigaretten in ihren Beutel. »Ich kann mir jedenfalls keinen Grund denken, der uns in die Flucht treiben könnte, besonders dann nicht, wenn dein Adonis in der Nähe ist. Und jetzt beeil dich! Wir müssen uns noch von Mrs. Arraway verabschieden und das Essen einpacken. Und vergiss ja nicht, Streichhölzer mitzunehmen.«

Jean wartete schon auf sie, und nachdem er das Gepäck verstaut hatte, ging es los. Tobit lag fast vier Kilometer westlich von St. Mark's, eine letzte Bastion gegen die unaufhörlichen Attacken des Atlantiks. Sie ließen die Samson-Insel links liegen; auch dort gab es außer den Seevögeln kein lebendes Wesen. Nur eine verfallene Hütte verriet, dass einstmals ein Schäfer dort ein paar Schafe geweidet hatte.

Tobit selbst duckte sich tief ins Meer. Seine bizarre dunkle Form wirkte wie ein urweltliches Tier, das nach dem Todesstoß versteinert war und jetzt sacht in der Dünung schaukelte. Überall waren Felsblöcke verstreut, die von Wind und Wasser zu grotesken Gebilden geformt worden waren. Sie hätten gut die Monumente eines Volkes sein können, das in einer von grauen Nebeln verschleierten Vorzeit auf diesem steinigen Vorposten des sagenhaften Kontinents Atlantis gelebt hatte!

Daphne war so sehr in Gedanken verloren gewesen, dass sie überrascht war, als die Küste vor ihr auftauchte. Jean schwang sich ins Wasser und watete, beladen mit Decken und Proviant, an Land. Vom Boot aus konnten die Mädchen sehen, dass in den felsigen Buchten viel Treibholz angeschwemmt worden war; man würde also nicht mit Brennholz sparen müssen.

Nach ein paar Minuten kam Jean durch das flache Wasser zurück. Er hatte während der Fahrt kaum ein Wort gesprochen, und es war offensichtlich, dass er sich immer noch nicht für den Ausflug begeistern konnte. »Soll ich Sie ans Ufer tragen, Miss?«

»Wir können selbst durchwaten«, sagte Anne.

»Dann werde ich Ihnen helfen, ein Lager zu machen. Drüben am anderen Ende der Insel gibt es eine sandige Stelle, die sicher windgeschützt ist.«

Das Meer glühte im Abendrot, als die Mädchen hinter Jean her gingen. Ab und zu stolperten sie über Felsbrocken, die von glitschigem, merkwürdig rotem Seetang bedeckt waren. Nach fünf Minuten erreichten sie eine schmale Halbinsel. Dort war die von Jean erwähnte sandige Stelle, die fast ganz von hohen, windzerfressenen Felsen eingeschlossen war.

»Sieh mal, Daphne«, sagte Anne. »Ist das nicht eigenartig? Wie ein Druidenkreis.«

»Das ist einer von den Feenkreisen«, mischte Jean sich ein. »Davon gibt es hier noch mehr. Sie wurden von den Zwergen angelegt. Bei den Ringen am Strand trafen sie sich mit den Wassergeistern.«

»Wirklich?«, sagte Daphne lachend. »Dann müssen wir ihnen ja für diesen idealen Lagerplatz dankbar sein.« Sie zögerte einen Augenblick, dann sagte sie: »Ach, was ich noch wissen wollte - werden Sie im Boot übernachten? Das dürfte aber nicht sehr bequem sein.«

»Nein, das werde ich nicht«, sagte Jean ruhig. »Es wäre nicht richtig von mir, Sie allein zu lassen. Das ist gefährlich, sage ich Ihnen. Es ist nicht sicher. Tobit ist verflucht. Es gehört dem Meer und mag keine Eindringlinge.«

»Wenn Sie Angst haben, Jean, warum wollen Sie dann nicht lieber nach Saint Mark's zurückfahren? Wir möchten Sie keineswegs gegen Ihren Willen hierbehalten.« Annes Vorschlag klang wie eine Herausforderung.

Jean blieb gelassen und ignorierte ihren Spott. »Ich will gar nicht abstreiten, dass ich tatsächlich Angst habe«, sagte er, »aber ich lasse Sie trotzdem nicht allein.«

»Wo wollen Sie denn bleiben?«, fragte Daphne.

»Da oben bei dem großen Stein... bei dem Monolith. Ich will in der Nähe sein, falls Sie mich brauchen.« Er sah Daphne lächelnd an. »Nicht allzu nahe, aber in Hörweite.«

Daphne wandte sich zu Anne um. »Wir sollten jetzt Holz sammeln«, sagte sie. »Jean und ich übernehmen das. Du kannst inzwischen auspacken.«

Die beiden Gestalten entfernten sich im zunehmenden Dämmerlicht, während Anne anfing, das Lager herzurichten. Tief im Innern fühlte sie sich gar nicht so sicher, jetzt, da die Nacht anbrach und es keine Rückkehr mehr gab. Sie schauerte zusammen. Wie kam sie nur auf diesen Gedanken? Keine Rückkehr? Was konnte sie - außer ihrem albernen Stolz - daran hindern, einfach zurückzufahren?

Weg mit diesen lächerlichen Gedanken! Sonst würde sie noch hysterisch werden, und das könnte in der gegenwärtigen Situation sehr unangenehme Auswirkungen haben. Sehnsuchtsvoll dachte sie an das gemütliche Wohnzimmer in Mrs. Arraways Häuschen. Und doch konnte sie ein Gefühl der Furcht und des Unbehagens nicht unterdrücken. Es war, als ob irgendetwas Unheimliches sie bedrohte, als ob irgendetwas da sei, das sie belauerte.

Als sie mit Holzbündeln beladen zum Lagerplatz zurückkehrten, sagte Daphne lächelnd zu Jean: »Vielen Dank, dass Sie hierbleiben.«

Elf Uhr. Der Schein des Feuers flackerte geisterhaft über die Gesichter der beiden Mädchen.

»Sollten wir nicht versuchen zu schlafen?«, fragte Daphne. »Es ist schon spät.«

»Ja.« Anne warf ein Stück Holz aufs Feuer. »Ich wünschte, man hätte uns nichts von... von den anderen erzählt.« Sie schwieg einen Augenblick. »Wo ist Jean?«

»Dort oben auf dem Hügel«, sagte Daphne, »wie er es versprochen hat.«

»Glaubst du, dass er schon schläft?«

»Nein. Er sagte mir, er würde Wache halten.«

»Warum?«

»Keine Ahnung, vielleicht wegen des Gespenstes.«

Anne kuschelte sich tiefer in die Decke. Es war nur zu leicht, sich ein Gespenst oder eine spukhafte Erscheinung vorzustellen - aber bald würde ja die Nacht vorbei sein.

»Gute Nacht«, sagte Daphne resolut.

»Gute Nacht.«

Sie lagen still und lauschten auf das sachte Plätschern der Wellen, die auf den Strand aufliefen.

So vergingen zwei Stunden. Daphne wälzte sich unruhig herum. Dann setzte sie sich auf. Ein feiner Dunst dämpfte das Funkeln der Sterne und verschleierte die Sichel des aufgehenden Mondes. Sie umschloss die Knie mit den Armen und starrte hinauf in die unendliche Weite des Raums. Noch nie hatte sie sich so einsam gefühlt. Aber allmählich wurde sie von der friedlichen Ruhe, die über diesem winzigen Felshügel inmitten des Meeres lag, eingeschläfert, und sie schloss die Augen.

Was war das? Daphne fuhr hoch. Ein seltsamer hoher Ton schien die Luft vibrieren zu lassen - ein durchdringendes Geräusch wie von einem Schwarm riesenhafter Stechmücken. Es stieg und fiel in einer monotonen Kadenz. Gelähmt vor Furcht, wagte sie nicht, sich zu rühren. Sie wusste nur, dass sie es nicht ertragen konnte, allein noch länger zuzuhören.

»Anne!«, flüsterte sie eindringlich. Anne bewegte sich nicht. »Anne!«, rief sie lauter.

»Ja, was ist denn? Was ist los?« Anne stützte sich verschlafen auf einem Ellbogen auf.

»Kannst du es nicht hören?«, fragte Daphne.

»Was?«

Beide lauschten angespannt. Die See murmelte leise und spülte unaufhörlich in die unzähligen kleinen Buchten hinein. Über dem Seufzen des Wassers erhob sich jener andere Laut - ein hohes, unheimliches Pfeifen, das immer durchdringender wurde.

»Das ist der Wind in den Felsen«, sagte Anne, aber es klang nicht sehr überzeugend. »Die sind förmlich durchsiebt von Spalten. Deswegen brauchst du keine Angst zu haben, Liebes. Schlaf ruhig weiter.«

Das Feuer war zu einem glühenden Aschenhaufen niedergebrannt. Daphne starrte mit weit offenen Augen zum Himmel hinauf. Sie fürchtete sich. Wieso konnte Anne es nicht auch hören? Dieses Pfeifen - was mochte es sein?

Tobit gehört dem Meer! Menschen haben kein Recht, dort zu sein. Wo hatte sie diese Worte gehört? Wer hatte sie gesagt? War es Mrs. Arraway gewesen oder Jean?

Ihre Augenlider wurden schwer. Vielleicht könnte sie wieder einschlafen, wenn nur dieses entsetzliche Pfeifen aufhören würde. Wenn es nur aufhören würde... Die Zeit schien stillzustehen, während sie sich ruhelos herumwälzte.

Daphne schrie auf. Sie zitterte wie im Schüttelfrost. Selbst jetzt, da sie wach war, hielt der schreckliche Traum sie noch gepackt.

Sie war auf einem felsübersäten Strand gewesen, ganz allein, und plötzlich hatte sie eine Stimme gehört: Zwei! Diesmal müssen es zwei sein! Die Worte hatten sie mit einer unbeschreiblichen Furcht erfüllt. Sie hatte wegrennen wollen, aber eine verfließende, nebelhafte, gigantische Gewalt hatte ihr den Weg versperrt. Die monströse Erscheinung war auf sie zu gewallt, und sie hatte gespürt, dass vor ihr die Inkarnation des Bösen stand. Wenn es sie erreicht hätte... sie berührt hätte... Daphne war überzeugt, dass sie gestorben wäre.

Sie blinzelte angestrengt auf ihre Uhr. 25 Minuten vor drei. Noch ein paar Stunden, dann würde es hell werden. Das Feuer schimmerte nur noch ganz schwach. Sie streckte suchend die Hand nach ein paar Holzstücken aus, aber es lagen nur noch ein paar dünne Splitter herum. Wie schnell der Vorrat zu Ende gegangen war. Anscheinend hatte Anne, während sie selbst schlief, den Rest verfeuert. Sie scharrte die Splitter zusammen und warf sie auf die glimmende Asche.

Ohne das tröstliche Prasseln des Feuers konnte sie keine Ruhe finden. Sie sah zu Anne hinüber, die schlief. In dem aufflackernden Schein des Feuers wirkte sie so jung, so rührend und wehrlos, dass Daphne es nicht übers Herz brachte, sie zu wecken.

Das Pfeifen war noch stärker geworden. Es brauste triumphierend durch die Luft, und eine schrille Stimme schien zu rufen: Ich bin der Tod! Der hohe dünne Ton kroch wie eine unmenschliche Drohung in ihre Ohren. Sie musste unbedingt neues Holz sammeln, sonst würde sie den schrecklichen Angreifer nicht abwehren können. Warum nur hatte sie das Kruzifix nicht mitgenommen?

Sie stand auf und trat aus dem steinernen Kreis hinaus, verließ das freundliche Feuer und ging in die rätselhafte Dunkelheit hinein. Die Nacht schien sich fest um sie zu schließen. Sie war allein und von Feindseligkeit umgeben. Im ganzen Universum gab es keinen Menschen außer ihr. Sie sagte sich, dass sie albern sei. Schließlich waren ja Anne und Jean da. Aber die unerklärliche, lähmende Furcht ließ sie nicht los. Sie würde bei dem riesigen Monolith, wo Jean Wache hielt, Schutz finden. Jean würde sie aufmuntern und bestimmt mit dieser teuflischen Drohung, die ihren Verstand zu ersticken schien, fertigwerden. Sie erinnerte sich, wie sein Gesicht im Schein des Feuers ausgesehen hatte. Seine Augen hatten einen Ausdruck gehabt, der an den Blick eines Märtyrers erinnerte. Er hatte die Gefahr, die auf sie lauerte, gekannt. Alle hatten es gewusst.

Das Gehen war schwierig. Der Sand rutschte unter ihren Füßen weg, und das derbe Seegras zerschnitt die Haut ihrer Beine. Wo war Jean? Der Monolith schien sich in den Himmel zu bohren. Jetzt sah sie das schwache Glimmen von Jeans Lagerfeuer, ein graues Häufchen, das im Wind ab und zu aufglühte. Sie stolperte darauf zu. Aber wo war Jean? Sie stand neben einem kleinen Hügel und starrte angestrengt in die Dunkelheit.

»Jean! Jean!«, rief sie mit erstickter, krächzender Stimme. Sie zwang sich, zu dem verlassenen Feuer hinzugehen. Ihre Panik wuchs mit jedem Schritt, und als sie näher heran war, bemerkte sie in dem schwachen Licht etwas Glitzerndes, etwas, das schwach leuchtete. Sie bückte sich, um zu sehen, was es sein könnte. Mit einem Ausruf des Ekels fuhr sie zurück. Die Stelle, wo Jean gesessen hatte - der Segeltuchsack lag noch dort und zeigte den Eindruck seines Kopfes -, hatte sich in eine schleimige, faulig stinkende Pfütze verwandelt. Einen Moment lang dachte sie, dass hier eine riesige Schnecke verwest sei, eine monströse Schnecke, die aus dem Meer gekommen war. Und dann zitterte sie vor Angst. Wie gelähmt stand sie da und starrte auf die scheußliche Spur zu ihren Füßen.

Die Nacht wurde von einem Hilfeschrei zerrissen, der von dem Felskreis herkam, wo ihr Lager war. »Daphne! Jean! Daphne! Helft mir! Helft mir! Oh, mein Gott!« Es war Annes Stimme, und sie klang so wild und unmenschlich wie das Geheul einer verdammten Seele.

Die Schreie brachen plötzlich ab, und eine Stille, die viel unheilträchtiger war als der wüsteste Lärm, ließ Daphnes Herz stocken.

»Ich komme... ich komme!«, keuchte sie. Sie rannte zum Lager zurück. Das Pfeifen erhob sich zu einem Crescendo und hämmerte unerträglich gegen ihre Ohren. Sie erreichte den höchsten Punkt der Bodenerhebung, von wo aus sie den Treffpunkt der Zwerge sehen konnte. »Anne!«, kreischte sie schrill. »Ich komme, Anne!« Sie war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Sie taumelte den Hügel hinunter. Wo Anne gelegen hatte, war eine zweite schleimige Pfütze, genauso widerlich stinkend. Und da war auch die gleiche zähflüssige Spur, die zum Meer führte. Solche grauenhaften Geschehnisse durften einfach nicht sein. Ihre Lippen bewegten sich in einem verzweifelten Gebet. »Bitte, lieber Gott... im Namen Jesu Christi...« Anne war verschwunden, genau wie Jean. Etwas hatte sie weggeholt. Schaudernd starrte Daphne auf die breite, schwach leuchtende Spur ekelhafter, verwesender Masse und erinnerte sich an die Schriftstellerin und an den Maler, die ein ähnliches Schicksal getroffen hatte. Jean hatte zu ihr gesagt: »Niemand weiß, was eigentlich aus ihnen geworden ist.« Jetzt wusste sie es.

Sie zwang sich dazu vorwärts zu gehen und der Spur des scheußlichen Wesens zu folgen, das Anne geholt hatte. Im Licht der Sterne war kaum etwas zu erkennen. Gelegentlich glänzte ein schleimiger Abdruck auf der Oberfläche des Steins auf. Der Weg führte unbeirrbar zum Meer, allerdings nicht direkt zum Flachwasser, sondern zu der tiefen Rinne, die den Meeresboden durchfurchte. Immer wieder fiel sie hin. Ihre Hände waren blutig zerschunden, die Füße von scharfen Felskanten und dem harten Seegras zerschnitten.

»Anne! Anne!« Ihre Stimme war heiser geworden. Das einzige antwortende Geräusch kam von den Wellen, die sich am Ufer brachen. Die Flut hatte jetzt fast den höchsten Stand erreicht, aber noch war die Spur auf dem freien Streifen Sand zu erkennen. Sie zog sich hinaus ins Wasser und hinterließ eine wie Perlmutter schimmernde Furche.

Die Stille war unheimlich. In ihrer Furcht schluchzte Daphne laut auf. Als sie den Rand des Wassers erreichte, bemerkte sie, dass das abscheuliche Pfeifen aufgehört hatte.

Mrs. Arraway saß im Heck des Bootes und blickte unverwandt auf die Insel, der sie sich näherte. Im Sonnenlicht des frühen Nachmittags bot Tobit einen Anblick von beeindruckender Schönheit. Die gezackte Küstenlinie gebot dem Meer Einhalt, der blutrote Seetang hob und senkte sich mit den Wellen.

Mrs. Arraways Gesicht war grimmig und ängstlich zugleich. Die Ruderer waren vier kräftige, schweigsame Fischer von St. Mark's. Das Boot lief auf. Mrs. Arraway war die erste, die über Bord stieg und den Strand erreichte. Sie rannte auf die Insel.

»Jean! Jean! Miss Daphne! Jean!« Sie hatte die Hände wie ein Sprachrohr um den Mund gelegt, und ihre Stimme klang dünn und hoch. Die See brauste und gurgelte in die tiefen Spalten.

Hinter ihr kamen die Fischer, mit schwerfälligen und doch raschen Schritten. »Da ist jemand!«, rief Tom Tregarth.

Mrs. Arraways Blick folgte seinem ausgestreckten Arm. Links von ihr, am Strand, saß Daphne neben einer länglichen Wasserlache und spielte mit Seetang. Nichts deutete darauf hin, dass sie die Rufe gehört oder die Näherkommenden bemerkt hatte. Sie warf nicht einmal einen Blick zu ihnen hinüber.

Mrs. Arraway stürzte auf sie zu. Sie beugte sich nieder und schüttelte Daphne bei den Schultern. »Wo ist mein Jean?«

»Jean?« Daphne runzelte verständnislos die Stirn.

»Und Miss Anne?« Mrs. Arraway ließ sich auf die Knie fallen. »Sagen Sie mir, was geschehen ist. Wo sind sie?«

»Das möchten Sie wissen, was?«, sagte Daphne. »Ja, ich sehe, dass Sie es wissen wollen - aber Sie erfahren es nicht. Niemals.« Sie blickte auf die Männer, die um sie herum standen. »Weil niemand weiß, was aus ihnen eigentlich geworden ist. Und niemand wird es je wissen.« Sie lachte. Sie kannte ein wichtiges Geheimnis, das sie mit keinem anderen Menschen teilen durfte. Sie warf der verzweifelten Frau einen verschlagenen Blick zu und fuhr fort, die schlaffen roten Seetangstreifen, die sie in einer Hand hielt, zu streicheln. »Nein, niemand wird je erfahren, was aus ihnen geworden ist. Diesmal hat es zwei gefordert. Tobit hat sich zwei geholt.«

Die Männer durchkämmten die Insel Schritt für Schritt, durchsuchten alle Höhlen, blickten hinter jeden Felsblock. Sie fanden die Decken und die Proviantkörbe neben den Feuerstellen, aber keine Spur von den Eigentümern. Die Schleimpfützen, wo der unheimliche Besucher gesessen hatte, waren im Sonnenschein verdunstet. Nur wo der vertrocknete Schleim eine Kruste hinterlassen hatte, zeigte ein mattes Schimmern den Weg des entsetzlichen Wesens an, aber die Suchenden achteten nicht darauf.

Tom Tregarth hob Jeans Messer auf, dessen Klinge den gleichen Perlmutterschimmer aufwies. Aus seinem Blickwinkel wirkte der Monolith wie mit einem hell-dunklen Muster überzogen. Es kam ihm so vor, als ob er das in die Oberfläche eingemeißelte Gesicht eines Phantoms sähe, ein verschwommenes Gesicht mit dicken, grausamen Lippen, das Gesicht eines uralten Götzen, der unablässig und brütend nach Westen über die unendliche Fläche des Ozeans starrt. Dort, wo der Mund sein sollte, saß ein karminroter Fleck, wie geronnenes Blut. Aber als Tom näher heranging, erkannte er, dass- es nur ein Büschelchen Flechte war. Er blickte zum Strand hinüber, wo die anderen auf ihn warteten, und rannte den Abhang hinunter.

Daphne saß noch immer neben der Lache. Lange Zeit weigerte sie sich aufzustehen, und schließlich schleppten die Männer sie mit Gewalt von der Insel.

Wenn man Daphne in jenem schmucklosen graubraunen Haus besucht, in das sie geschickt wurde, und wo sie, jetzt eine alte weißhaarige Frau, immer noch ohne Verstand dahinvegetiert, dann winkt sie ihren Besucher beiseite, zieht seinen Kopf dicht heran und scheint die Absicht zu haben, ihm ihr Geheimnis anzuvertrauen. Sie sagt ein paar Worte, aber dann bricht sie ab. Denn sie fürchtet, dass das Ding auf Tobit es erfahren würde, dass sie gesprochen hat. Und Tobit gehört dem Meer.

  Joe R. Lansdale: DIE NACHT, IN DER SIE DEN HORROR-FILM

  VERPASSTEN (Night They Missed The Horror Show)

Für Lew Shiner. Eine Story, die vor nichts zurückschreckt.

Wären sie wie geplant ins Auto-Kino gefahren, dann hätten sie sich das alles erspart. Aber Leonard wollte nun mal ohne Mädchen in kein Auto-Kino. Außerdem hatte er gehört, dass ein Nigger in Night of the Living Dead die Hauptrolle spielte. Und einen Nigger wollte er sich nun wirklich nicht antun. Die Nigger zupften Baumwolle, reparierten Schäden in der Wohnung und verkuppelten schwarze Nutten - aber er hatte noch nie gehört, dass einer auch Zombies umbrachte. Und außerdem hatte ihm auch noch einer erzählt, dass eine Weiße sich von dem Nigger hatte anfassen lassen. Das war ja wohl der Gipfel! Mädchen, die sich von Niggern begrapschen ließen, gehörten zum allerwiderwärtigsten Abschaum. So was konnte ja nur aus Hollywood, New York, Waco oder sonst so einem gottverfluchten Pflaster kommen.

Mit Steve McQueen wäre das was anderes gewesen. Wenn es ums Abmurksen von Zombies und Umlegen von Mädchen ging, dann hatte das gefälligst einer wie er zu erledigen. Den Film hätte er sich schon längst reingezogen. Aber ein Nigger? Nein, danke!

Junge, Junge, dieser Steve McQueen war schon ein cooler Bursche. Was er in den Filmen so sagte, hörte sich an wie extra für ihn geschrieben. Da kam man mit dem Denken kaum mit, so schlagfertig war er. Und dazu setzte er immer diesen unheimlich coolen, unheimlich fiesen Blick auf.

Am liebsten wäre Leonard selbst wie Steve McQueen gewesen, oder wenigstens wie Paul Newman. So einer hatte immer die passende Antwort parat und an jedem Finger so viele Miezen wie er wollte. Langeweile war da bestimmt nie angesagt. Er dagegen meinte, er würde vor lauter Langeweile noch vergehen, ehe die Nacht vorbei war. Tod-lang-wei-lig war das! So was von öde, der Parkplatz vor dem Dairy Queen. Da hockte er auf der Kühlerhaube seines 64er Ford Impala, schaute auf den trostlosen Highway, und rein gar nichts passierte. Harry fiel ihm ein, der verrückte alte Hausmeister der Highschool. Vielleicht hatte er doch nicht so Unrecht mit seinen fliegenden Untertassen? Harry sah ja immer was - Wiesel mit sechs riesengroßen Füßen und tausend andere Sachen. Vielleicht war aber wirklich etwas dran an diesen fliegenden Untertassen. Letzthin wollte er eine gesehen haben. Angeblich hatte sie über Mud Creek geschwebt und einen Strahl abgeschossen, so grün wie ein nasser Pfefferminzlutscher. Wenn das alles stimmte, dann waren das bestimmt Langeweilestrahlen. Vielleicht wollten die Marsmenschen die Erdbevölkerung so drankriegen: indem sie sie einfach zu Tode langweilten. Besser wäre freilich, sie brächten sie mit Hitzestrahlen zum Schmelzen. Das ginge wenigstens schnell. Wenn man sich dagegen zu Tode langweilte, konnte man sich genauso gut von Ameisen anknabbern lassen, bis es einen irgendwann nicht mehr gab.

Leonard schaute weiter auf den Highway hinaus und versuchte sich Langeweilestrahlen abschießende fliegende Untertassen vorzustellen, doch er konnte sich nicht konzentrieren. Etwas anderes fiel ihm ins Auge - ein toter Hund mitten auf der Straße.

Nicht einfach ein toter Hund. Nein, das war gründliche Arbeit! Den hatte ja gleich eine ganze Kolonne überfahren. Man könnte direkt meinen, es hätte Hundeteile geregnet. Die Stücke lagen über den Asphalt verteilt herum, ein Bein war sogar auf die gegenüberliegende Fahrbahn geschleudert worden und ragte in die Luft, als ob es ihm zuwinken wollte. Selbst ein Frankenstein mit großzügigen Zuschüssen und der Mithilfe der NASA hätte das Vieh nicht mehr zusammenflicken können.

Leonard gab seinem treuen, jetzt aber besoffenen Kumpan Billy - besser bekannt unter dem Namen Stinky, weil er Mud Creeks Champion im Furzanzünden war - einen Stoß in die Rippen. »Siehst du den Köter da drüben?«

Stinky schaute in die Richtung. Der Kadaver war ihm vorher nicht aufgefallen, aber so beiläufig wie sein Freund registrierte er ihn bestimmt nicht. Das Hundepuzzle weckte Erinnerungen in ihm. Mit dreizehn hatte er selbst so einen Vierbeiner gehabt, einen großen, prächtigen Schäferhund, den er mehr geliebt hatte als seine eigene Mama. Das blöde Vieh hatte sich dann mit der Leine in einem Stacheldrahtzaun verwickelt und war elendiglich erstickt. Stinky hatte ihn so gefunden. Seine Zunge sah aus wie ein ausgestopfter schwarzer Strumpf. Er konnte genau sehen, wo seine Pfoten die Erde noch aufgewühlt, aber eben keinen Halt mehr gefunden hatten. Man hätte meinen können, der Hund habe eine verschlüsselte Botschaft in die Erde gekratzt. Als er in Tränen aufgelöst zu seinem alten Herrn lief und ihm das alles schluchzend erzählte, meinte der achselzuckend: »Wahrscheinlich sein Abschiedsbrief.«

Während er nun auf die Straße hinausstarrte und das Cola mit Whisky warm im Bauch spürte, sammelten sich Tränen in seinen Augenwinkeln. Zum Heulen war ihm überhaupt oft zumute. So richtig toll hatte er sich in der letzten Zeit nur einmal gefühlt: als er den Wettbewerb im Furzanzünden gewonnen hatte. Die Flamme hatte ihm die Haare am Hintern versengt, doch als ersten Preis hatte die Clique ihm Boxershorts verliehen, keine weißen, sondern braungelbe, damit er sie nicht so oft wechseln musste.

Und jetzt saßen sie zu zweit gegenüber dem Dairy Queen auf der Kühlerhaube von Leonards Impala, nippten Cola mit Whisky, waren scharf auf Action, doch furchtbar gelangweilt und frustriert und hatten nichts Besseres zu tun, als einen Hundekadaver anzuglotzen. Zur Not wären sie ja auch in den Film mit dem dämlichen Nigger gegangen, aber ohne Mädchen hatte das überhaupt keinen Sinn. Rendezvous mit Mädchen konnte einen für so manche Sünde entschädigen, und wer weiß, vielleicht fielen einem dann sogar neue ein.

Diese Nacht war einfach zum Kotzen. Kein Mädchen weit und breit! Und was noch schlimmer war: In der ganzen Highschool wollte keine etwas mit ihnen zu tun haben! Nicht einmal Marylou Flowers, und die hatte irgendeine Krankheit.

Das alles machte Leonard ganz schön zu schaffen. Das Problem mit Stinky leuchtete ihm ja ein. Der war schlichtweg potthässlich. So eine Visage zog nur Fliegen an. Und dass er Meister im Furzanzünden war, mochte ihm zwar in der Clique ein gewaltiges Prestige einbringen, aber Mädchen ließen sich davon nicht gerade beeindrucken.

Aber wo ums Verrecken lagen nur seine eigenen Schwierigkeiten? Leonard sah gut aus, trug meist schicke Klamotten, und sein Wagen fuhr auch ganz manierlich, wenn er Super tankte und nicht den billigen Treibstoff. Dank verschiedener Einbrüche in Waschsalons hatte er sogar immer ein paar Dollar in den Hosentaschen. Das Dumme war nur - sein rechter Oberarm war fast schon so dick wie sein Schenkel, weil er in einem fort Leute verdrosch. Sein letztes Rendezvous mit einem Mädchen lag nun schon wieder einen Monat zurück. Allerdings war er sich nicht ganz sicher, ob man so etwas ein Rendezvous nennen konnte, weil sie immerhin zu neunt gewesen waren. Nach einigem Überlegen hatte er Stinky nach dessen Meinung gefragt. Stinky, der als fünfter drangekommen war, hielt das nicht für ein Rendezvous im eigentlichen Sinn, aber wenn Leonard die Geschichte so bezeichnen wollte, fiel ihm der Schwanz deswegen auch nicht gleich ab.

Daraufhin wollte Leonard das Ganze aber kein Rendezvous mehr nennen, dazu fehlte ihm einfach das gewisse Etwas. Es hatte rein gar nichts von einer Romanze an sich gehabt.

Okay, die Große Rote hatte »Schatzi!« gestöhnt, als er mit seinem Ding in ihre Scheune eingefahren war. Aber das schrie sie bei jedem, außer bei Stoney. Der hieß Schnuckelchen für sie, und er war es auch gewesen, der sie dazu überredet hatte, sich die Einkaufstüte mit Löchern für den Mund und die Augen über den Kopf zu ziehen. Das war nun mal Stoneys Art. Er konnte Süßholz raspeln wie kein zweiter. Und als er zu reden aufhörte, war die Große Rote ganz stolz, die Tüte über den Kopf tragen zu dürfen.

Ganz zum Schluss durfte er sich auf die Große Rote schmeißen. Aus reiner Gutmütigkeit erlaubte er ihr, die Tüte abzunehmen. Was für ein Trottel er doch gewesen war! Und nur, weil er das nicht zu schätzen wusste, was er hatte. Stoney hatte nämlich genau den richtigen Einfall gehabt. Mit der Tüte auf dem Kopf hätte sie wenigstens noch ein Nilpferd sein können, so aber wusste er nur allzu genau, was er bekam, und das war alles andere als schön.

Da half es auch nichts mehr, dass er die Augen fest zudrückte. Das abgrundtief hässliche Gesicht hatte sich bereits in ihm verewigt. Mochte er denken, woran er wollte, vor ihm tauchte nur immer die aufgedunsene, grell beschmierte und ansonsten leichenblasse Visage auf.

Vor lauter Enttäuschung brachte er auch keinen Orgasmus zustande. Den musste er heucheln und sich eiligst davonmachen, ehe sein Stöpsel schrumpelte und der Pariser auf Nimmerwiedersehen in ihr verschwand.

Ein Seufzer entfuhr ihm bei der Erinnerung daran. Zur Abwechslung hätte er doch wirklich mal ein Mädchen verdient, bei der es einem nicht gleich verging oder der man das Loch zwischen den Beinen besser hätte absperren sollen. Manchmal wünschte er sich, er könnte so sein wie Stinky, unterbelichtet und trotzdem glücklich. Stinky fand alles aufregend. Er brauchte nichts als eine Portion schön scharfes Chili, ein großes Stück Kuchen und ein Cola mit Whisky, und dann konnte er den ganzen Rest seines Lebens diese Große Rote vögeln und die Abgase aus seinem Arschloch anzünden.

Gott, das war doch kein Leben! Ohne Frauen machte rein gar nichts Spaß. Tod-lang-wei-lig war es! Leonard blinzelte wieder nach oben. Vielleicht gab es ja doch Raumschiffe und pfefferminzgrüne Langeweilestrahlen - aber er sah nur ein paar Motten, die wie betrunken um die Laternen vor dem Dairy Queen flatterten.

Wieder senkte er den Blick auf den Highway und den Kadaver. Und plötzlich kam ihm ein Geistesblitz. »Holen wir doch die Kette raus und nehmen den Köter auf eine Spazierfahrt mit.«

»Du meinst, wir schleifen den lieben Rex hinter uns her?«, fragte Stinky.

Leonard nickte.

»Na ja, besser als dumm rumhocken ist es allemal«, meinte Stinky.

Sobald die Straße frei war, fuhren sie an Rex heran und stiegen aus. Aus der Nähe sah er noch viel schlimmer aus. Die Innereien quollen ihm aus der Schnauze und dem After, und der Gestank war schien unerträglich. Doch das stabile, mit Metall besetzte Halsband war unversehrt geblieben. Sie befestigten es mitsamt den Kadaverresten an ihrer fünf Meter langen Kette, deren anderes Ende sie an der Stoßstange hinten festbanden.

Bob, der Geschäftsführer des Dairy Queen, bekam ihr Treiben durch das Fenster mit. Er trat ins Freie und schrie zu ihnen herüber: »Hey, was habt ihr Spinner denn jetzt schon wieder vor?«

»Wir bringen das Hundi zum Tierarzt!«, rief Leonard. »Dem armen Scheißer geht's nicht so gut. Ist wohl überfahren worden.«

»Ich piss' mir vor Lachen gleich in die Hose!«, rief Bob.

»Ja, das Problem kennen alte Leute«, meinte Leonard.

Dann klemmte er sich wieder hinter das Steuer, und Stinky kletterte auf den Beifahrersitz. Gerade noch rechtzeitig lenkte Leonard den Ford an den Straßenrand, ehe ein Traktor auch noch den Hundekopf zermalmt hätte. Schließlich brausten sie davon. »Hoffentlich wickelt ihr zwei Schlappschwänze euren Scheißwagen anständig um den nächsten Laternenpfosten!«, schrie Bob ihnen nach.

Während der Fahrt löste sich der Kadaver immer mehr in seine Bestandteile auf: hier ein Zahn, da ein paar Fellstücke, Gedärmestränge, eine feuchte Kralle, unidentifizierbare rosa Fetzen. Hin und wieder schlugen die Metallteile des Halsbandes Funken auf der Straße, die dann wie Glühwürmer davonflogen. Bei Tempo fünfundsiebzig scherte der Hund in beide Richtungen aus. Es sah aus, als wartete er auf eine Gelegenheit sie zu überholen.

Stinky schenkte sich und Leonard wieder Cola mit Whisky ein. Weitaus glücklicher als noch vor wenigen Augenblicken, prostete Leonard ihm zu. Vielleicht brachte die Nacht doch noch ein bisschen Abwechslung.

Rechts erblickten sie zwischen einem Kombi und einem aufgebockten demolierten Ford einen Haufen junger Weißer und in ihrer Mitte einen Schwarzen. Und dass der sich in ihrer Gesellschaft nicht sehr wohl fühlte, war ihnen sofort klar.

»Schau mal, der benimmt sich ja wie eine angesengte Sau!«

»Klar, der will da raus.«

Doch eine Lücke tat sich nirgendwo auf, und gegen die Übermacht hatte er nicht den Hauch einer Chance. Neun Weiße stießen ihn feixend von einem zum anderen. Es sah aus wie beim Hippem.

»Hey, ist das nicht einer von unseren Niggern?«, rief Stinky. »Und die anderen - das sind doch die Footballspieler vom White-Tree-Club! Du, die wollen ihn ja umbringen!«

»Mensch, ja! Das ist Scott!«, rief Leonard. Auf einmal hatte er das Gefühl, Hundescheiße zu kauen. Scott hatte ihn erst unlängst vom Posten des Quarterback verdrängt. Eines musste ihm jedoch der Neid lassen: Bislang hatte er fast jedes auch noch so verkorkste Spiel aus dem Feuer gerissen. Und laufen konnte er wie eine Gazelle.

»Morgen steht es sicher in der Zeitung«, meinte Stinky beiläufig.

Leonard wollte erst vorbeifahren, doch unvermittelt bremste er scharf und wendete mit quietschenden Reifen so schnell, dass Rex von der Fahrbahn geschleudert wurde und zwei Sonnenblumen am Straßenrand ummähte.

»Sollen wir da etwa zuschauen?«, fragte Stinky. »Glaubst du wirklich, die lassen uns in Ruhe, wenn sie mit Scott fertig sind?«

Die Antwort fiel Leonard sichtlich schwer. »Er mag zwar ein Nigger sein, aber er ist immer noch unser Nigger. So was dürfen sie nicht mit ihm machen. Stell dir vor, sie bringen ihn um. Dann können wir das Footballteam vergessen!«

Das leuchtete Stinky sofort ein. »Ja klar, Mensch! Mit unserem Nigger dürfen die sich so was nicht leisten!«

Laut hupend raste Leonard auf die Gruppe zu. Die Kerle ließen sofort von ihrem Opfer ab und sprangen in alle Richtungen davon.

Scott war mit schlotternden Knien und pizzatellerweit auf gerissenen Augen stehengeblieben. Wie das Kaninchen die Schlange, so starrte er die Scheinwerfer an.

Leonard trat auf die Bremse. Zu spät. Auf den Steinen neben der Straße griffen die Reifen nicht sofort; Scott wurde erfasst und landete auf der Kühlerhaube. Kurz wurde sein Gesicht gegen die Windschutzscheibe gedrückt, dann rollte er hinunter. Dabei verfing sich sein Hemd an einem Scheibenwischer und nahm ihn mit.

Leonard riss die Tür auf. »Jetzt oder nie!«, schrie er dem sich auf dem Boden krümmenden Scott zu.

Einer vom White-Tree-Club näherte sich schon dem Wagen. Leonard besann sich auf den Hammer unter dem Fahrersitz, sprang damit aus dem Auto und drosch ihn dem Burschen ins Gesicht. Der Kerl sackte brüllend in die Knie. Als nächstes packte Leonard Scott am Kragen, riss ihn hoch und stieß ihn durch die offene Tür. Scott kletterte sofort über die Lehne auf den Rücksitz, während Leonard den zweiten heranstürmenden Rowdy mit einem Hammerwurf zur Strecke brachte und sich blitzschnell in den Impala rettete. Er schaltete und trat zugleich aufs Gas. Mit einem Ruck sprang der Impala nach vorne. Leonard hatte die Tür noch gar nicht zugeschlagen, doch jetzt stieß er sie sogar noch weiter auf und erwischten so einen dritten Hooligan. Dann hatte der Wagen den Highway wieder erreicht. Erneut wurde Rex hin und her geschleudert und riss dabei zwei Beinpaare um, so wie er vorhin die Sonnenblumen abgemäht hatte.

Ein Blick in den Rückspiegel verriet Leonard, dass zwei Typen ihren niedergeschlagenen Kollegen zum Kombi schleppten und den Wagen starteten. Die anderen, die er mit dem Hund von den Beinen geholt hatte, rappelten sich mühsam auf. In seiner Wut fiel einem von ihnen nichts Besseres ein, als den Wagenheber unter Scotts Auto herauszureißen und damit die Rücklichter und das Heckfenster zu zertrümmern.

»Hoffentlich hast du ihn versichert«, meinte Leonard.

»Hab' ihn bloß geliehen«, sagte Scott und puhlte den Scheibenwischer aus seinem Hemd. »Da, vielleicht brauchst du den noch.«

»Das ist ein Leihwagen?«, fragte Stinky. »Das macht die Sache ja noch viel schlimmer!«

»I wo! Der Eigentümer weiß gar nich', dass ich ihn mir geborgt hab'. Bloß hab' ich dann 'nen Platten gefahren. Das wär' ja auch überhaupt kein Problem gewesen, aber der Idiot hat nich' mal 'nen Reservereifen. Danke, dass ihr mir das Leben gerettet habt, hey. Die hätten sonst nich' viel von mir übriggelassen. Trotzdem hättest du mich fast noch zusammengefahren. Die Brust tut mir ganz schön weh.«

Leonard warf erneut einen Blick in den Rückspiegel. Die anderen holten rasend schnell auf. »Willst du dich etwa beschweren?«, rief er.

»Nö, nö.« Scott drehte sich um und beobachtete die Verfolger durch das Heckfenster. Dabei fiel ihm auch der von Seite zu Seite pendelnde Kadaver auf. »Is' euch noch gar nich' aufgefallen, dass da einer 'nen Köter an die Stoßstange gebunden hat?«

»Ach wirklich?«, rief Stinky. »Am Ende hat er noch eine Kennnummer.«

»Das ist nicht mehr zum Lachen!«, schrie Leonard. »Die holen auf wie der Teufel!«

»Na, dann gib mal Gas«, sagte Scott.

Leonard biss die Zähne aufeinander. »Überflüssigen Ballast kann ich immer noch rausschmeißen, kapiert?«

»Der olle Scheibenwischer da macht das Kraut bestimmt nich' fett«, bemerkte Scott.

Im Rückspiegel sah Leonard das grinsende Gesicht des Schwarzen. »Auch noch Witze reißen, was?« Dankbarkeit kannte der wohl gar nicht. Plötzlich packte ihn die nackte Angst. Was wäre, wenn ihn die anderen stellten und sie alle drei dabei draufgingen? Dass man umgebracht wurde, war ja schon schlimm genug, aber gab es etwas Schlimmeres, als neben einem Nigger im Straßengraben gefunden zu werden? Oder vielleicht ließen sich die Jungs vom White Tree etwas ganz besonders Grausames für sie einfallen, ehe sie sie um die Ecke brachten. Am Ende musste er dem Nigger den Schwanz abschlecken! Leonard drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Unmittelbar nach dem Dairy Queen bog er scharf links ab. Der Wagen schaffte es gerade noch. Der Hund in ihrem Schlepptau wurde gegen einen Lichtmast geschleudert, dann scherte er wieder ein.

Ihre Verfolger hatten das riskante Abbiegemanöver erst gar nicht versucht. Mit kreischenden Bremsen hielten sie, setzten zurück und nahmen die Verfolgung mit einiger Verzögerung wieder auf. Die Rücklichter des Impala hatte aus ihrer Sicht schon fast die Dunkelheit verschluckt.

»Fahr da vorne rechts rein«, sagte Scott. »Dann links in die kleine Straße. Und schalte die Lichter aus.«

Schon auf dem Spielfeld schluckte Leonard Scotts Befehle nur mit dem allergrößten Widerwillen. Aber das hier war ja noch viel schlimmer. Eine Schmach war es! Trotzdem, Scott war der Kopf der Mannschaft. Und er war es gewohnt, Befehle von seinem Quarterback entgegenzunehmen. So schnell gewöhnt man sich so etwas nicht ab. Leonard schaltete also die Lichter aus und bog rechts ab. Nach einer kurzen Zwischenlandung in einem Wassergraben folgte auch Rex. Zwischen zwei Lagerhallen hielten sie an, warteten und lauschten. Nach gut fünf Minuten meldete sich Stinky: »Die Arschficker hätten wir wohl abgeschüttelt.«

»Na, sind wir nich' 'ne tolle Mannschaft?«, rief Scott.

Ganz wider seinen Willen fühlte Leonard sich auf einmal unheimlich gut drauf. Es war wie nach einem Spiel, das der Nigger praktisch im Alleingang entschieden hatte, und wo jeder jedem auf die Schulter klopfte, egal ob Schwarzer oder Weißer. In solchen Augenblicken waren sie alle nichts als Typen im Footballdress.

»Darauf müssen wir einen trinken!« schlug Leonard vor.

Stinky fand auf dem Boden einen dritten Pappbecher für Scott und schenkte ihm Cola und Whisky ein. Bei ihrer letzten Fahrt nach Longview hatte er hineingepinkelt, damit sie nicht anhalten mussten, aber das war schon lange her, und der Pissgestank hatte sich verflüchtigt. Außerdem war es ja für einen Nigger. Für Leonard und sich nahm er die sauberen Becher.

Scott nippte kurz daran. »Pfui Teufel, schmeckt das widerwärtig!«

»Wie Pisse?«, fragte Stinky.

Leonard hielt seinen Becher hoch. »Auf die Mud Creek Wildcats, und nieder mit dem White-Tree-Club!«

»Denen hast du's ja ganz schön gegeben!«, meinte Scott, und sie stießen miteinander an. In diesem Augenblick wurde der Wagen in grelles Licht getaucht.

Mit noch erhobenen Bechern fuhren die drei Musketiere herum. Das Licht kam von einer offenen Lagerhalle. Mitten in seinem Schein stand breitbeinig ein ungeheuer fetter Mann. Hinter ihm in der Halle war eine aus einem weißen Laken improvisierte Leinwand zu sehen. Auf ihr spielte so etwas wie ein Film. Das Licht ließ zwar die Farben verblassen, doch ein bisschen von der Handlung konnte Leonard erkennen. Allem Anschein nach kniete ein Mädchen vor eben diesem Fettsack und lutschte seinen Schwanz. (Von dem Mann war nur die Hälfte unterhalb des Nabels zu sehen.) Und einen kurzläufigen schwarzen Revolver sah er. Den drückte der Typ dem Mädchen gegen die Schläfe. Für einen Moment riss sie sich von ihm los. Sofort drückte der Mann ab. Der Kopf des Mädchens sackte zur Seite, so dass Leonard nichts mehr sehen konnte. Das ganze Tuch schien auf einmal mit Blut getränkt. Dann versperrte ein zweiter Mann, der nun ebenfalls in das Tor trat und nicht minder fett war als der andere, Leonard die Sicht. Zwei Luftballons auf Schuhen, schoss es Leonard durch den Kopf. Noch mehr Männer ließen sich hinter ihnen blicken, doch der erste schickte sie mit einer Handbewegung zurück. Die zwei Dicken zogen das Tor zu, bis nur noch ein Schimmer durch den Schlitz fiel, und näherten sich dem Impala.

Der Fettsack Nummer eins riss Stinkys Tür auf und schrie: »Raus mit euch, oder ich mach euch Beine!«

Bislang hatten sie nur die Jungs vom White-Tree-Club für gefährlich gehalten. Mit einem Schlag wurde ihnen aber klar, dass die nur für Kinderspiele zuständig gewesen waren. Der hier war von einem ganz anderen Kaliber. Wo der hinschlug, wuchs garantiert kein Gras mehr.

Folgsam kletterten sie aus dem Wagen und stellten sich in einer Reihe vor dem Dicken auf. Die Becher hielten sie immer noch in der Hand. Der Mann musterte sie wie ein Wärter seine Sträflinge.

Fettsack Nummer zwei trat grinsend auf sie zu. Die beiden waren Zwillinge. An ihren aufgequollenen Gesichtern konnte man sie nicht auseinanderhalten, an der Kleidung fast auch nicht. Beide trugen helle Hawaiihemden, die sich nur im Farbmuster unterschieden, viel zu kurze schwarze Hosen, weiße Socken und italienische Lackschuhe, die an den Zehen extrem spitz zuliefen.

Der erste nahm Scott den Becher aus der Hand und schnüffelte daran. »Was?«, rief er. »Ein Neger mit Fusel? Das is' ja wie 'ne Nutte mit Hirn. Da passt was nich' zusammen! Ihr lasst euch wohl volllaufen, damit ihr irgendwann mal Schokolade aus dem Nigger rauskriegt. Oder willst du etwa Vanille ausschwitzen, du schwarzes Aas?«

»Ich will heim und sonst nichts«, murmelte Scott.

Der zweite Fettsack wandte sich seinem Bruder zu. »Damit er seine Mutter ficken kann.«

Sofort fixierten beide wieder Scott, um zu hören, was der sagen würde, doch er sagte gar nichts. So wie die aussahen, würde er es vor ihnen sogar mit einem Hund treiben, Hauptsache, sie ließen ihn danach laufen.

»Mir kommt das Kotzen, wenn ich euch mit so 'nem Dschungelaffen rumlaufen seh'«, fuhr Fettsack Nummer eins die zwei Weißen an.

»Er ist ja nur ein Nigger aus der Schule«, sagte Stinky. »Wir mögen ihn doch auch nicht. Wir haben ihn bloß mitgenommen, weil die vom White-Tree-Club ihn sonst totgeschlagen hätten. Und das können wir nicht zulassen, weil er unser Quarterback ist und weil wir ohne ihn aufgeschmissen wären.«

»Ah, ich verstehe!« dröhnte der Fette. »Nur haben Vinnie und ich nun mal was gegen Nigger, die Sport treiben. Am Anfang duschen sie mit den weißen Jungs zusammen, und zum Schluss hüpfen sie mit weißen Mädchen ins Bett. Da führt eins zum anderen.«

»Was können wir denn dafür?« maulte Leonard. »Wir haben die Schulen ja nicht für die Nigger aufgemacht.«

»Da hast du recht!«, rief der Fette. »Das hat uns dieser Blödmann von Johnson eingebrockt. Aber ihr treibt euch mit dem da rum und trinkt sogar Fusel mit ihm.«

»Aber wir haben doch in seinen Becher gepinkelt!« verteidigte sich Stinky. »Das war so eine Art Witz. Ich schwöre Ihnen, dass er kein Freund von uns ist. Er ist bloß ein Nigger, mit dem wir Football spielen müssen.«

»Ihr habt ihm in den Becher gepinkelt?«, rief Vinnie. »Das gefällt mir. Was sagst du dazu, Pork?«

Pork warf den Becher zu Boden und winkte Scott grinsend zu sich herüber. »Komm her, Nigger. Ich muss dir was sagen.«

Scott sah verzweifelt von Stinky zu Leonard, doch von ihnen war keine Hilfe zu erwarten. Beide schienen sich plötzlich brennend für ihre Fußspitzen zu interessieren. So blieb ihm nichts anderes übrig, als auf Pork zuzutrotten. Der legte einen Arm um seine Schultern und führte ihn ein Stück mit sich fort.

»Was haben Sie vor?«, fragte Scott.