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Das Hotelunternehmen Stolberg hat sich mit der Gemeinde Carringten und den Anrainern geeinigt. Der Hotelbau schreitet voran und sogar ein eigenes Kraftwerk am Fuße des Talsee-Berges entsteht. Durch diese innovativen Investitionen hofft man, würde der Wirtschaftsmotor für die ganze Region angekurbelt werden. Der Detektiv Tom Clary und die Biologin Marinina Darkwater sind ein Liebespaar geworden. Sehr innig, aber kompliziert gestaltet sich die Beziehung zwischen dem Architekten Jack Stolberg und dem Anwalt Ayme Darkwater. Doch genau dadurch kann der junge Mann die Kraft finden, gegen das Diktat des Geheimbundes der Schattenkrieger anzukämpfen. Er erkennt, es droht höchste Gefahr aus den eigenen Reihen. Sein mächtigster Gegner ist der Oberste der Schattenkrieger. Der all seine Macht, Geld und Einfluss einsetzt, um Rache zu nehmen an jenen, die sich ihm entgegenstellen. Denn für ihn sind andere Menschen nichts als nur Spielfiguren.
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Seitenzahl: 466
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Dunkelwasser – Der innere Feind2. Auflage, erschienen 2-2026
Umschlaggestaltung: Romeon Verlag
Text: A. E. Prechtl
Layout: Romeon Verlag
ISBN Print: 978-3-96229-575-2ISBN E-Book: 978-3-69193-997-2
www.romeon-verlag.de
© 2026 A. E. Prechtl / ROMEON Verlags GmbH
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A. E. Prechtl
Der innere Feind
Alle in diesem Buch vorkommenden Personen und Handlungen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit zu realen, lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig. Sofern Namen real existierender Personen, Orte und Marken verwendet werden, geschieht dies in einem rein fiktiven Zusammenhang.
Inhalt
Kapitel 0Was geschah im ersten Band, DUNKELWASSER – Die Schattenkrieger
Kapitel 1Das Tribunal
Kapitel 2Der Wandel
Kapitel 3Herbstzeit
Kapitel 4Jack zwischen den Fronten
Kapitel 5Aymes Geständnis
Kapitel 6Thanksgiving
Kapitel 7Das Unheil nimmt seinen Lauf
Kapitel 8Die alte Ausbildungsstätte
Kapitel 9Zwischen Leben und Tod
Kapitel 10In Florida
Kapitel 11Gegen die inneren Dämonen
Kapitel 12Ayme kämpft sich zurück
Kapitel 13Ayme wird Vater
Kapitel 14Der Hotelbau geht weiter
Kapitel 15Ein kurzer, schöner Sommer
Kapitel 16Fahrt in den Tod
Kapitel 17Gewalt erzeugt Gegengewalt
Kapitel 18Das Leben geht weiter
Kapitel 19Epilog
Das Hotelunternehmen Stolberg hat sich mit der Gemeinde Carringten und den Anrainern geeinigt. Der Hotelbau schreitet voran und sogar ein eigenes Kraftwerk am Fuße des Talsee-Berges entsteht. Durch diese innovativen Investitionen hofft man, würde der Wirtschaftsmotor für die ganze Region angekurbelt werden.
Der Detektiv Tom Clary und die Biologin Marinina Darkwater sind ein Liebespaar geworden. Sehr innig, aber kompliziert gestaltet sich die Beziehung zwischen dem Architekten Jack Stolberg und dem Anwalt Ayme Darkwater.
Doch genau dadurch kann der junge Mann die Kraft finden, gegen das Diktat des Geheimbundes der Schattenkrieger anzukämpfen.
Er erkennt, es droht höchste Gefahr aus den eigenen Reihen. Sein mächtigster Gegner ist der Oberste der Schattenkrieger. Der all seine Macht, Geld und Einfluss einsetzt, um Rache zu nehmen an jenen, die sich ihm entgegenstellen. Denn für ihn sind andere Menschen nichts als nur Spielfiguren.
Ayme Darkwater stemmt sich ihm und seinem Schicksal mit aller Kraft entgegen und Freunde und Familie stehen felsenfest hinter ihm.
Er ist nicht mehr alleine.
Danksagung
Herzlichen Dank an meine Betaleserin Olivia Flatzlsteiner.
Die mir sofort ihre Meinung mitgeteilt hat, wenn die Geschichte in eine allzu finstere Ecke abzudriften drohte.
Ganz besonderer Dank gilt Lisa-Marie Grudl.
Sie hat als angehende Medizinerin zwischen Lern- und Prüfungsstress die Zeit gefunden, die vielen Kapitel zu korrigieren und ganz besonders auf das Setzen der Beistriche und Satzzeichen zu achten.
Es ist eine Tatsache und es ist immer schon geschehen und es geschieht auch jetzt in unserer aufgeklärten Zeit, dass Kinder beeinflusst, benutzt, rekrutiert und gezwungen werden von Erwachsenen, schreckliche Dinge zu tun.
www.anitaevaprechtl.atwww.romeon-verlag.de/produkte/dunkelwasser/
Kapitel 0Was geschah im ersten Band, DUNKELWASSER – Die Schattenkrieger
Im Norden Kaliforniens, im Gebiet der Shasta Mountains,befindet sich Carringten, eine typische amerikanische Kleinstadt. Nur 15 Meilen davon entfernt liegt das Dorf Talsee, welches sich nahe beim gleichnamigen See befindet und von nativen Ureinwohnern bewohnt wird.
Da Geld für Infrastruktur dringend benötigt wird, beschließt der Gemeindevorstand ein schönes, großes Grundstück am Talsee zu verkaufen. Der Deal geht schief. Sie werden von einem betrügerischen Duo um ihr Geld gebracht.
Genau diese zwei Männer sterben einige Tage später. Der eine an einem Herzinfarkt, der andere begeht Selbstmord.
Der Chef eines großen Hotelunternehmens, Lars Stolberg, wird durch eine Zeitungskolumne auf das Grundstück am See aufmerksam. Da der Norden Kaliforniens rund um den Shasta Mountains dem Land seiner Väter gleicht ‒ er hat norwegische Vorfahren ‒ kauft er es. Zur Überprüfung, ob Widerstände gegen sein Hotelprojekt bestehen, entsendet er einen Privatdetektiv. Sein Ziehsohn Tom Clary sieht sich gründlich in Carringten und Talsee um. Er gibt grünes Licht. Der Kauf geht über die Bühne.
Die Einheimischen atmen auf, endlich kommen sie zu ihrem Geld und können wichtige Investitionen in Angriff nehmen.
Ein großes Meeting wird veranstaltet. Es gilt Ideen für das Hotelprojekt zu sammeln und zukünftige Arbeitskräfte und regionale Lebensmittellieferanten anzuwerben. Bei dieser zweitägigen Veranstaltung lernen sich Jack Stolberg, Architekt und Sohn der Unternehmerfamilie, und der einheimische Anwalt Ayme Darkwater, ein Native American, kennen. Zwei Menschen aus völlig verschiedenen Welten treffen aufeinander, und sie werden magisch voneinander angezogen.
Der Anwalt aus Talsee will mehr über den Architekten erfahren und schleicht des Nachts zum Haus am See. Er gerät in eine Falle, von Tom Clary aufgestellt. Der Detektiv ist für die Sicherheit seines Ziehbruders Jack verantwortlich und daher von Berufswegen sehr misstrauisch.
Sie nehmen Ayme Darkwater gefangen und er muss gefesselt die Nacht in der Villa am See verbringen. Als der Architekt sich ihm auf körperbetonte Weise nähert, kann er ihm das Geständnis entlocken, nur wegen ihm gekommen zu sein.
Daraufhin wird Ayme freigelassen. Doch der junge Mann verbirgt ein finsteres Geheimnis vor ihnen. Denn er gehört einer Geheimorganisation an, die sich die Schattenkrieger nennt. Ayme ist ein Assassin und wurde von Kind auf zu einer Tötungsmaschine trainiert. Seine Effizienz ist unheimlich, in keiner Kriminalstatistik tauchen seine Morde auf. Im Dorf selbst wissen nur der Rat der Älteren und die unmittelbare Familie des Schattenkriegers Bescheid. Es herrscht ein Klima des Schweigens.
Wieder wird der Talseer zu einem Einsatz befohlen. Vom Obersten der Geheimorganisation, Edrich Skycloud, werden sie bei diesem Einsatz zu zweit losgeschickt. Der andere Schattenkrieger ist eine Frau, Anniveh Blackbird. Ayme schläft mit ihr, sie verhütet nicht, sie will unbedingt schwanger werden. Mit einem Kind könnte es ihr gelingen, von der Organisation wegzukommen. Während des Einsatzes Fallnummer 2023 zieht ein mächtiger Sturm auf. Es wird knapp für die zwei Schattenkrieger. Der, den sie beseitigen sollen, wehrt sich verbissen. Anniveh wird angeschossen. Ayme bringt den Mordauftrag zum Abschluss, muss aber von dem durch den Sturm aus der Verankerung gerissenen Kran springen. Er verwundet sich. Seine Schattenschwester kann ihn im letzten Moment in Sicherheit bringen.
In der heimatlichen Klinik wird der verletzte Schattenkrieger wieder zusammengeflickt. Schon nach fünf Tagen muss er einer wichtigen Besprechung in der Anwaltskanzlei seiner Arbeitspflicht nachkommen. Obwohl er starke Schmerzen hat, darf er sich vor den Anwesenden nichts anmerken lassen.
Nur ein paar Tage später begleitet er Kathy Stolberg-Ponte zu den Betrieben, die beim Meeting einen Vorvertrag erhalten haben. Sie ist für die gesamte Logistik der stolbergschen Firma zuständig und will sich diese vor Ort ansehen. Am vorletzten Besichtigungstag lehnt sie das Produkt eines Rinderzüchters ab, der ihr Fleisch in minderer Qualität anbietet. Außer sich vor Zorn bedroht dieser Kathy. Ayme kann sie beschützen und bringt sie aus dem Gefahrenbereich.
Im Zuge der Energiegewinnung wird die Idee geboren, an den Hängen des Talseeberges ein eigenes Kraftwerk zu bauen. Der Berg ist ein mächtiger grauer Riese, mit steilen Hängen und schroffen Felsen, an deren Flanken viele Bäche hinunter ins Tal rauschen. Die Ingenieure wollen dieses Wasser bündeln und weiter unten mittels einer Turbine Strom erzeugen. Der Plan wird von den Stolbergs begeistert aufgenommen und sie steigen zu einer Besichtigungstour auf die Hochebene hinauf. Ayme engagiert den Wildhüter Luka Redfox, der den Berg wie seine Westentasche kennt. Beim Abstieg passiert Lars Stolberg ein fatales Missgeschick, er stolpert, sein Sohn kann ihn auffangen, verliert aber selber den Halt und droht über den steilen Felshang zu stürzen. Durch Aymes geschulte Reflexe und artistische Körperbeherrschung wird der Absturz gerade noch verhindert.
In Europa will sich Jack Stolberg Informationen über nachhaltiges und ressourcenschonendes Bauen einholen und wird für mindestens drei Wochen wegbleiben. Am Vortag seiner Abreise bittet er Ayme zu sich. Sie kommen sich näher. Der Talseer verbringt die Nacht bei ihm und muss danach erkennen, dass er dabei ist, sich in Jack zu verlieben.
Der Architekt macht eine Besichtigungstour zu Hotelbauten an der Küste Nordfrankreichs, in den Bergen der Schweiz und Österreichs und in den Wäldern des südlichen Deutschlands.
Währenddessen arbeitet seine Schwester Kathy weitere beim Meeting abgeschlossene Vorverträge ab. Ihr Vater unterstützt sie dabei, indem er sie mit seiner sechssitzigen Cessna nach Carringten und wieder zurück nach San Fran fliegt. Wie so oft ist Tom Clary als Sicherheitsfachmann dabei. Als die Biologin Marinina Darkwater Kathy ihr Anbauprojekt vorstellt, begegnen sich die beiden. Völlig fasziniert von der hübschen, intelligenten Frau bietet ihr der Detektiv seine Hilfe an.
Es erklären sich einander zwei sehr unterschiedliche Menschen ihre Liebe.
Marinina ist die Tante von Ayme. Vor zehn Jahren hat sie ihre erste große Liebe, Laurin, an die Schattenkrieger verloren. Dieser kam von einem Einsatz schwer verletzt zurück und starb drei Tage später. Durch diesen Verlust geprägt wagt sie keine enge Verbindung mehr einzugehen.
Doch in Tom Clary findet sie nicht nur einen sie zutiefst liebenden Mann, sondern auch ihren Seelenpartner. Marinina und ihre Mutter Synthitia vertrauen dem Detektiv voll und ganz und weihen ihn in die Geschichte der Familie Darkwater ein. Denn die beiden Frauen sind bereit das grausame System der Geheimorganisation zu bekämpfen und mit Reden das jahrelange Schweigen zu brechen.
Ayme besucht Jack in San Francisco. Beide sind regelrecht besessen voneinander. Nach einer Besichtigungstour der großen Stadt speisen sie abends in einem feinen Restaurant. Zu den Gerichten wird Wein angeboten. Der Talseer verträgt keinen Alkohol und ist nach ein paar Gläsern sturzbetrunken. Tom muss die Situation retten. Nach dem turbulenten Wochenende kehrt Ayme wieder nach Talsee zurück.
Doch auch die folgenden Tage haben es in sich. Der junge Anwalt wird von seinem Boss auf einen Fall angesetzt und kommt nach intensiven Nachforschungen einem schweren Betrug auf die Schliche. Um Beweise zu sichern, reisen sein Kanzleichef und er nach Salem in die Hauptstadt Oregons. Dort versucht man sie mit Prügel mundtot zu machen. Ayme kann seinen Chef beschützen, doch er selber steckt schwere Treffer ein und landet mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus.
Wieder in San Fran bei Jack, lernt der Talseer dieses Mal segeln. Am selben Abend besuchen sie ein großes Musik- und Tanzfestival, welches im Freien stattfindet. Die wunderschönen Stunden enden hässlich. Ayme wird von einer Gruppe Männer sexuell bedrängt und erniedrigt. Tom und Jack können ihn gerade noch rechtzeitig befreien. Zutiefst geschockt will er sich von Jack trennen. Tom kann vermitteln und die zwei finden wieder zusammen.
Doch auch in Talsee droht dem jungen Mann große Gefahr, ausgerechnet von einem Mitglied der Schattenkrieger, vom Sohn des Obersten, Andrit Skycloud. Dieser hasst ihn zutiefst und gibt Ayme die Schuld am Zerwürfnis zwischen ihm und seinem Vater. Es ist jedoch sein eigenes wiederholtes Versagen, welches den Vater gegen ihn so aufbringt. Er wird aus dem Elternhaus hinausgeworfen. Da er nicht gewöhnt ist zu arbeiten und sich selbst zu versorgen, gerät er rasch in Geldnot. Verbittert verlässt der junge Skycloud seine Heimatstadt Eureka in Richtung San Francisco.
Ein Hurrikan zieht eine Spur der Zerstörung durch das südliche Florida. Auch das Blue Star Resort der Familie Stolberg wird erheblich beschädigt. Lars Stolberg und Sohn Jack müssen sich aufteilen. Der Ältere betreut die Baustelle in Talsee, der Jüngere fährt mit Schwager Marco Ponte nach Miami Beach, um Wiederaufbau zu leisten. Dort hat der Sturm im Haupthaus viele Fenster eingedrückt, in den Nebengebäuden ganze Wände umgeworfen und Einrichtungsgegenstände davon geweht und dicke Schlammschichten hinterlassen.
Bevor Jack für einige Wochen Talsee verlässt, möchte er sich von Ayme verabschieden. Vorher muss er aber seine Absichten vor dessen Tante und der Großmutter erklären. Die beiden Frauen glauben ihm und nehmen ihn in die Familie auf.
Als Jack fort ist, bricht Ayme Tom gegenüber sein Schweigen. Er gesteht ihm sein dunkles, zweites Ich. Der Detektiv hat als Marine im Kriegseinsatz selbst Menschen getötet, daher sieht er in ihm kein Monster, sondern eine Art Soldat. Er erkennt, dass er in seiner Firma die Fähigkeiten des Schattenkriegers gut einsetzen könnte, und bietet Ayme einen Job an. Der sagt zu, weil er seine schwangere Schattenschwester finanziell unterstützen will.
Die zukünftige Vaterschaft ist auch der Grund, warum der junge Anwalt sich von der Geheimorganisation lösen will. Er möchte seine Kinder aufwachsen sehen und mehr Zeit mit Jack verbringen. Der Schattenkrieger meldet beim Rat der Älteren ein Tribunal an.
Im Glauben, dass dieses nur wegen Annivehs Schwangerschaft einberufen wird, stimmt der Oberste der Schatten zu.
Ayme kann sich in Detektei Clary bewähren. Die Fähigkeiten des Schattenkriegers gehen weit über normale Maßstäbe hinaus. Tom ist froh, ihn zu seiner Mannschaft zählen zu können.
Für einen Tag kehrt Jack nach San Fran zurück. Er berichtet in der Firmenzentrale von den Schäden am Hotel in Miami Beach. Ein Lastwagen voll Baumaterial und ein Dutzend der besten Fachleute werden in den Süden geschickt.
Durch harmlose Bemerkungen seines Schwagers Marco wird Jack eifersüchtig und als Ayme ihm auch von seiner Vaterschaft erzählt, kommt es zu einer bitteren Auseinandersetzung zwischen den beiden. Aymes Tante Marinina beruhigt und klärt die Situation.
Die darauffolgende Versöhnung vertieft Jacks Beziehung zu Ayme endgültig. Er kehrt zu den Aufbauarbeiten nach Miami Beach zurück.
In Talsee muss sich der Schattenkrieger gefährlichen Entscheidungen stellen.
Kapitel 1Das Tribunal
In Jacks Wohnung.
Sechs Uhr fünfzehn in der Früh, das Läuten des Handys weckte den Architekten.
Dieser fuhr hoch, stellte das Piepsen ab und wendete sich Ayme zur Verabschiedung zu.
Der war auch munter geworden und dachte: »Jetzt fährt er weg. Wir haben uns gestern furchtbar gestritten, aber dann haben wir uns wieder versöhnt und das war unglaublich gewesen!«
Der große Mann umarmte den jungen Talseer. Ungewöhnlicherweise klammerte sich dieser regelrecht an ihn. Jack war verwundert und doch hielt er ihn ganz fest an sich gedrückt und sah ihm prüfend mit seinen klaren grauen Augen an: »Dieses Treffen, von dem Marinina sprach, es belastet dich sehr, nicht wahr?«
Als Antwort presste sich Ayme noch enger an Jack.
»Junge, du bist klug, du bist mutig und du kannst gut reden. Ich weiß zwar nicht, um was es geht, aber oft ist Angriff die bessere Verteidigung, lasse dir nichts gefallen«, sprach er ihm gut zu.
Schlussendlich löste er sich von ihm. »Pass gut auf dich auf, mein Lieber«, hauchte er, küsste ihn noch ein letztes Mal zum Abschied und ging ins Bad.
Aymes Blick folgte jeder Bewegung des jungen Stolbergs, so als wollte er sich noch alle Details von ihm einprägen. Er lag auf der Seite, ganz still, die Knie angezogen.
Als Jack fertig angezogen war, drehte er sich noch einmal um, lächelte ihm zu, nahm seine Tasche und verließ mit zügigen Schritten die Wohnung.
Jetzt war Ayme alleine und musste sich für seine Aufgabe wappnen. Er war bereit Jack alles zu geben, Körper, Seele und, wenn es sein musste, auch sein Leben. So zu fühlen, war das eigentliche Wunder und es war ihm nicht bewusst, dass man dies Liebe nannte. Obwohl schon Mitte zwanzig, hatte Ayme keine Erfahrung in Herzensangelegenheiten.
Seit seinem achten Lebensjahr war ihm laut dem Kodex der Schattenkrieger verboten Freunde zu haben, Gefühle zu zeigen und jemandem nahe zu kommen. Er hatte in ihrem Auftrag schreckliche Dinge gesehen und auch getan. Seine Seele hätte kalt, abgestumpft und verhärtet sein müssen. Das war jedoch definitiv nicht der Fall. Ayme verdankte dies vor allem seiner Familie, die immer bemüht gewesen war, für ihn ein intaktes, normales menschliches Umfeld zu schaffen.
Jetzt stand er vor der größten Wende seines Lebens, von ihm selbst teils bewusst, teils unbewusst herbeigeführt.
Er wollte aus der Organisation der Schatten austreten.
Vor allem musste er zuerst den Rat der Alten überzeugen, ihn gehen zu lassen.
Den »Obersten der Schatten« konnte man nicht mit Reden überzeugen, das wusste er. Edrich Skycloud konnte nur überlistet werden.
Ayme musste gerissen und doch sehr vorsichtig vorgehen. Jeden Vorteil, der ihm zur Verfügung stand, einsetzen. Vielleicht gelang es ihm, dem Joch zu entkommen; dass er mit seinem Körper für den Austritt bezahlen musste, wusste er. Viele Schläge auf den Rücken mit frischgeschnittenen Weidenzweigen, dies hatte er von Anniveh erfahren. Es bedeutete, er würde einiges an Schmerzen zu ertragen haben. Schon alleine für ihre Schwangerschaft waren fünfzehn Hiebe vorgesehen. Er hatte keine Ahnung, wie hoch die Strafe für ihn sein würde. Aber die Anzahl der Hiebe war sicher höher, das war ihm klar.
Wenn er zu viele Schläge einstecken musste, überlebte er das vermutlich nicht. Deswegen wollte er Jack einen Abschiedsbrief schreiben, den ihm Tom im Falle seines Todes geben sollte.
Das würde er jetzt machen.
Mit neuem Mut stand er vom Bett auf und wusch sich. Zum Planen brauchte er Kalorien und grünen Tee. Jack hatte als Kaffeetrinker nie Tee im Hause gehabt. Seitdem sie zusammen waren, gab es Kräutertee, schwarze Teemischungen und eben grünen Tee. Von der Haushaltshilfe des Architekten war der Kühlschrank frisch befüllt worden und so mangelte es ihm an nichts.
Für den Abschiedsbrief blieb ihm nicht viel Zeit, das war gut so. Er schrieb in kurzen Sätzen, was er für Jack empfand und er alles versucht hatte, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Mit einem Liebeswort schloss er den Brief ab und steckte ihn in ein Kuvert. »Für Jack« schrieb er auf die Vorderseite und verstaute das Schreiben sorgsam in seinen Rucksack.
Ayme überlegte, was hatte Jack ihm vorhin geraten? Er solle mehr auf Angriff setzen?
Tatsächlich! Er hätte sich nur verteidigt, so als wäre er schuldig an der ganzen Misere der Schatten.
Das war er aber nicht!
Er musste dringend seine Strategie ändern!
Er und Anniveh hatten wenigstens überlebt, was man von einigen seiner Kameradinnen und Kameraden der vergangenen zehn Jahre nicht sagen konnte.
Seit achtundzwanzig Jahren hatte Edrich Skycloud die Führung der Schatten inne. In dieser Zeit waren der von ihm so verehrte Laurin und viele andere gestorben.
Was, wenn bei den früheren Schattenführern die Todesrate nicht so hoch gewesen war?
War das der Fall, dann hatte Edrich eine große Mitschuld.
Wie ließe sich das beweisen, grübelte Ayme.
Er schrieb die Fragen seinen Onkeln Abiel und Woran, beide hatten sich ja der Faktensuche in den Archiven verschrieben. Noch heute Abend kam die Familie wieder zusammen, um die neuesten Informationen zu besprechen. Auch Anniveh, seine Schattenschwester, würde dabei sein. Sie schaltete man immer per Video dazu. Ayme wollte dann seine Entscheidungen und sein weiteres Vorgehen allen mitteilen.
Um etwas Brauchbares auf die Füße zu stellen, hieß es jetzt für ihn konzentriert bleiben und arbeiten. Bis Mittag hatte er Zeit, dann war er bei Tom und Marinina zum Essen eingeladen. Bei der Gelegenheit würde er dem Detektiv den Brief übergeben.
*
Es war drei Uhr nachmittags, die beiden Talseer befanden sich auf dem Heimweg. Ayme fuhr, beide hingen ihren Gedanken nach. Marinina betrachtete ihren Neffen von der Seite, wie konnte er nur so ruhig sein, er wirkte entspannt.
Sie selber war nervös und fahrig, wie sollte sie die Zeit bis Mittwochabend durchstehen?
Gut, dass sie mit Tom darüber hatte reden können. Seine überlegte und gefasste Art half ihr immer wieder weiter.
Es war unglaublich, was sie von Ayme über das Ritual des Austretens erfahren hatte. Diese harte Bestrafung war wie auf einer Baumwollfarm vor zweihundert Jahren.
Dann noch dieser Abschiedsbrief für Jack, den er Tom gegeben hatte.
Ihr brach fast das Herz.
Er hatte sich das einfach nicht verdient!
Aber wenn sie ihre Nerven wegwarf, war ihm nicht geholfen. Sie musste sich zusammenreißen, auch um ihrer Mutter willen. Wie würde sie diese maßlose Ungerechtigkeit aufnehmen?
Sie stieß einen Stoßseufzer aus.
Ayme blickte zu ihr, er streichelte tröstend ihren Oberarm.
»Ich dachte gerade an deine Großmutter, weißt du«, erklärte sie ihm.
»Tja Grandma! Sie wird froh sein, wenn es ein Ende findet«, sagte er. »So oder so, ich will nicht mehr weitermachen wie bisher. Tante Nini, du warst immer für mich da, ich bin nie wirklich alleine gewesen, ich danke dir dafür. Ich ziehe das jetzt durch und fürchte mich nicht, weil ich weiß, meine Familie steht immer hinter mir.«
Er lächelte sie an: »Und Tom, seine Vorsicht und seine Aufmerksamkeit sind am Mittwoch sehr wichtig!«
Ihre Augen füllten sich bei seinen Worten mit Tränen. Sie wischte sie schnell fort und hoffte, er hatte sie nicht gesehen.
*
Im Wohnzimmer von Großmutter Synthitia.
Alle waren gekommen: Ethen Greathawk und seine Söhne Woran und Tomen, Großmutter Synthitia und ihre Kinder Abiel und Marinina. Auch Schattenkriegerin Anniveh war schon auf dem Bildschirm des Laptops zu sehen.
Es klopfte an der Türe. Barden Blacktree, Letum Wood, Deren Honeyblood und eine unbekannte weißhaarige Frau traten ein.
Synthitia Darkwater begrüßte die Gäste und nachdem alle einen Sitzplatz und etwas zu trinken erhalten hatten, sprach sie: »Guten Abend! Ich begrüße euch alle! Ihr, die meinem Enkel Ayme beistehen wollt, aus dem Joch der Schattenkrieger zu entkommen. Ich weiß, ein jeder von euch hat Wissen und Fakten zusammengetragen, um Edrich Skycloud endlich die Stirn zu bieten. Wir Alten waren auch nicht untätig gewesen. Ethen, Barden und ich haben uns auf die Suche nach weiteren unterstützenden Ratsmitgliedern gemacht und waren erfolgreich. Darf ich sie euch hiermit vorstellen, Deren Honeyblood.«
Der groß gewachsene ältere Mann nickte grüßend in die Runde.
Zu Ayme blickte er nur kurz hin, kein Anzeichen in seinem Gesicht ließ erkennen, dass er dem Mörder seines Schwiegersohnes gegenüberstand. Eines Schwiegersohnes, dessen Ende er selber ausdrücklich befohlen hatte, weil Tochter und Enkelin von dem Mann fast zu Tode geprügelt worden waren.
Aber außer Ayme wusste keiner im Raum davon.
Der Schattenkrieger dachte: »Wie haben sie es geschafft, den auf meine Seite zu bringen, er wirkte damals ausgesprochen feindselig …«
In ihrer Rede war Synthitia inzwischen beim letzten Gast angekommen. »Ein Ratsmitglied, welches seit dem Tod ihres Enkels Lavien Longhill nicht mehr nach Talsee gekommen ist. Geriade Longhill, ich danke dir! Sie ist unserem Hilferuf gefolgt und extra von Sacramento hierher angereist!«
Synthitia drückte die Hand der alten Dame, die nun aufrecht mitten im Raum stand und eine starke natürliche Autorität ausstrahlte.
Ayme stand auf und begrüßte jedes Ratsmitglied mit einer Verbeugung und der rechten Hand auf dem Herz liegend. Vor Geriade Longhill blieb er stehen und sagte: »Ich erinnere mich gut an Lavien, er wäre ein hervorragender Schattenkrieger geworden. Leider hat er den falschen Mentor zugewiesen bekommen.«
Die alte Dame neigte ihren Kopf: »Ich begrüße dich Ayme Darkwater, und dich Anniveh Blackbird. Mit Anniveh als deine Mentorin hattest du Glück. Leider wurde von Edrich Skycloud sein Sohn Andrit für meinen Enkel bestimmt. Wenn er dich oder einen der anderen Schattenkrieger genommen hätte, wäre Lavien noch am Leben!«, sagte sie mit klarer Stimme. Weiter sprach sie: »Ich bin in meinen zivilen Leben Richterin gewesen und habe viel menschliches Elend, welches durch Verbrechen verursacht wurde, gesehen. Dies ist auch der Grund, warum ich gekommen bin. Ich und meine Familie haben alles versucht, um meinem Enkel das Schattenkriegerdasein zu ersparen. Wie bei dir, Ayme, haben wir den Kampf verloren und mussten ihn ziehen lassen. Es hat ihm den frühen Tod gebracht. Jetzt endlich ist eine Chance gekommen, Edrich Skycloud ein Leben oder vielleicht mehrere zu entreißen und dem furchtbaren Zwang ein Ende zu bereiten.«
Sie blickte zum Bildschirm des Laptops, wo Anniveh gespannt dem Geschehen im Raum folgte.
»Lasst uns beginnen«, sprach die ehemalige Richterin.
*
Jack war schweren Herzens zu seiner Reise nach Florida angetreten. Als er die Wohnung verließ, war ihm aufgefallen, wie nachdenklich der Talseer ihm dabei nachgeblickt hatte. Als wäre es das letzte Mal für ihn.
Dieses Treffen, von Marinina so betont lässig nebenbei erwähnt, musste etwas Ernstes sein. Ayme, anfangs ganz entspannt an seine Seite gelehnt, hatte sich auf einmal aufrecht hingesetzt. So, als hätte sie von etwas unheimlich Wichtigem gesprochen. Die Spannung, die sich da plötzlich aufgebaut hatte, war real gewesen.
Aber es half nichts! Er hatte Ayme versprochen nicht weiter nachzufragen und er wurde nicht eingeweiht. Gleichzeitig verstand er das. Was konnte er schon ausrichten, er war ja nie da! Er musste wieder nach Florida und das war weit weg.
Aber Tom war da und wenn er es nicht mehr aushielt, konnte er sich zumindest an ihn wenden.
Während er seinen schwermütigen Gedanken nachhing, fuhr er den Weg durch die sonntäglichen leeren Straßen San Franciscos zur stolbergschen Firma. Seine Mitarbeiter, die mit ihm nach Florida reisten, erwarteten ihren Chef schon.
*
Es war später Nachmittag am ersten Mittwoch im Oktober. Dunkle Regenwolken zogen über Talsee hinweg, die Temperatur war schon ziemlich gefallen, aber noch regnete es nicht. Ursprünglich wollte man das Tribunal im Haus von Sasseta Greywolf abhalten. Da jedoch zu viele Personen angemeldet waren, wurde die Versammlung in die Scheune verlegt, wo schon das große Meeting stattgefunden hatte. In der Größe eines Drittels des Gebäudes hatte man den Boden gefegt, Sessel und Tische aufgestellt und Kabel gelegt. Tom, der kein Verwandter war, durfte nicht hinein. Gemeinsam mit Doc Tomen wachte er vor dem großen Tor und Abiel Darkwater hatte den Auftrag, jedes Wort, das gesprochen wurde, mittels Handy aufzunehmen und an sie weiterzuschicken.
Alle, die am Sonntagabend bei der Zusammenkunft dabei gewesen waren, hatten dichtgehalten. Keine Information war nach außen gedrungen.
Daher konnten Edrich Skyclouds Spione ihn nicht vorwarnen. Er hatte erst am selben Tag von der Schwangerschaft Annivehs erfahren und dachte dies und ihr folgender Austritt von der Geheimorganisation, wäre der alleinige Grund des Tribunals.
So machte sich der Führer der Schatten keine Sorgen. Für ihn war das alles Routine. Austritte wegen einer Schwangerschaft hatte es in seiner Laufbahn schon öfter gegeben. Die Erzeuger der Kinder wurden dann zur Rechenschaft gezogen und mussten für die Schwangeren einstehen. Waren sie Schattenkrieger, bekamen sie fünfzehn Hiebe mit frischgeschnittenen Gerten von der Weide und mussten den Part der Kriegerin übernehmen. Waren sie keine Schatten, bekamen sie fünf Hiebe mehr. Sollte Ayme der Vater sein, war die Sache glasklar, fünfzehn Hiebe und er hatte fortan alle Einsätze alleine durchzuführen. Irgendwann erledigte sich die Sache von selbst, wenn der aufmüpfige Krieger auf einen stärkeren Gegner traf, war er ihn los.
Allerdings musste er unbedingt wieder passende Kinder rekrutieren. Durch Sasseta hatte er schon Hinweise auf talentierte Achtjährige bekommen. Was ihn etwas irritierte, war die hohe Anzahl des Rates der Älteren, denn sogar die alte Richterin war wieder da. Die hatte er zum letzten Mal gesehen, als sie und ihre Familie den Leichnam von Enkel Lavien Longhill abgeholt hatten.
Gut, dass sie in der Überzahl waren, mit seinem Sohn, er selber, Letum Wood, Deren Honeyblood und Sasseta. Mit Barden Blacktree konnte er nicht rechnen, der war ein Freund der Familie Darkwater. Genauso die Richterin, sie durfte er auch nicht zu seinen Freunden zählen.
Nun war es so weit, die Schattenkriegerin Anniveh Blackbird trat in die Mitte des Sesselkreises, man konnte deutlich ihren Schwangerschaftsbauch sehen. Sie bat, wie vorgesehen, um den Austritt von den Schatten, da sie ihre Kinder zur Welt bringen und großziehen wolle, und gab Ayme Darkwater als Vater an.
Damit war die Sache klar.
Edrich Skycloud stand auf: »Jeden der Stimmberechtigten bitte ich um Aufmerksamkeit! Wer für den Austritt des weiblichen Schattenkriegers Blackbird ist, der hebe die Hand!«
Alle vom Rat der Älteren hoben die rechte Hand und auch Ayme, Andrit und Edrich stimmten zu.
»Einstimmig angenommen! Anniveh Blackbird, hiermit bist du frei!«
Jetzt hob der Schattenführer seine Stimme an: »Und nun zu dir Ayme Darkwater, trete in die Mitte!«
Was dieser auch tat.
»Du hast eine Schattenkriegerin geschwängert, du wirst mit fünfzehn Hieben dafür bestraft. Nimmst du an?«
»Ja, ich nehme an«, antwortete Ayme.
»Weiters, da Anniveh die Aufgaben eines Schattenkriegers nicht mehr erfüllen kann, muss Ersatz geleistet werden. Ayme Darkwater wirst du in Zukunft für die Mutter deiner Kinder Ersatz im hohen Dienste der Schatten leisten?«
Schweigen.
Alle hoben die Köpfe.
Aymes Angehörige lauschten gespannt.
»Ich frage nochmals, Ayme Darkwater, wirst du in Zukunft für die Mutter deiner Kinder Ersatz leisten?«
»Was soll das«, fragte sich Edrich, »warum antwortet er nicht, das war noch nie da.«
»Nein!«
»Wiederhole!«, rief der Schattenführer.
»Nein, ich werde nicht Ersatz leisten, ich will aus dem Bund der Schattenkrieger austreten!«, antwortete der schlanke junge Mann bestimmt.
Schweigen. Der Führer der Schatten wusste nicht, was er sagen sollte.
»Mit welcher Begründung?«, ächzte er dann nach einigen Augenblicken.
»Die Talseer brauchen keine Beschützer mehr, zu früheren Zeiten war das etwas anderes, da stand unser Volk alleine vielen Gefahren gegenüber, heute gibt es Polizei, Gesetze, Gerichtsbarkeit und die freie Presse«, konterte der junge Anwalt.
»Wir sind nur mehr wenige und du lässt uns im Stich!«, schrie Andrit, Edrichs Sohn.
»Im Stich lassen, das sagst gerade du? Du und dein Vater seid beide ausgebildete Schattenkrieger. Ich frage dich, Andrit, und dich, Edrich, wann wart ihr das letzte Mal im Einsatz?«, entgegnete mit lauter Stimme der Krieger und sprach weiter: »Heute sind wir Schattenkrieger nur mehr gedungene Mörder, herabgesunken zu Verbrechern! Das hast alleine du zu verantworten!«
Mit diesen Vorwürfen griff Ayme den Obersten der Schatten frontal an.
»Was sagst du da?« Edrich war fassungslos. »Das gibt es doch nicht, du wagst es so mit mir zu reden?« Seine Stimme kippte über.
»Ich wage noch mehr! Warum, Edrich Skycloud, sind so wenig Schattenkrieger übrig? Hätte nicht durch mehr Umsicht das Leben einiger mehr erhalten werden können? Umsicht hast du nie bewiesen! Ich behaupte sogar, es ist deine Schuld, dass so viele im Einsatz gestorben sind. Du bist der Schattenführer mit den meisten Todesfällen!«, sprach Ayme das Unglaubliche mit lauter, klarer Stimme aus.
Außerhalb seines Blickwinkels schlich sich heimlich Andrit heran.
Ayme hörte die warnenden Zurufe der Leute, drehte sich rasch um und duckte sich kampfbereit.
»Pfeife deinen Sohn zurück«, rief eine weibliche Stimme.
Die Richterin stand auf. »Ich kann das nur bestätigen! Ich kannte den Schattenführer vor dir, Edrich! Du hast unter ihm gelernt. Seine Ausbildungsmethoden waren weniger hart, die Einsätze wohl überlegt. In den gesamten 35 Jahren, in denen Harun Fawk die Führung hatte, waren zwei Schattenkrieger nicht mehr heimgekommen. Wie viele sind es bei dir in achtundzwanzig Jahren gewesen?«
Der alte Skycloud schüttelte den Kopf. »Das waren doch alles Unfälle oder es wurden schwere Fehler gemacht.«
»Du gibst ihnen, den bestens ausgebildeten Kriegern, die Schuld an ihrem Sterben? Das ist eine Schande«, rief sie.
Gemurmel in den Sitzreihen.
»Zu ihren Ehren nenne ich ihre Namen: Reiden Long, Gesima Blackdog, Semena Darkwater und Coriel Greathawk, Laurin Coldheart und mein Enkel Lavien Longhill, diese sechs Kriegerinnen und Krieger sind im Einsatz gestorben. Drei weitere Schatten wurden so schwer verletzt, dass sie zeit ihres Lebens nicht mehr einsatzfähig sind. Bleiben vier Krieger über, zusätzlich fällt Anniveh Blackbird aus. Jetzt seid ihr nur mehr zu dritt und wie ich gehört habe, machen du und dein Sohn keine Einsätze mehr. So bleibt ausschließlich der Krieger Darkwater.«
»Ayme«, sie richtete das Wort an ihn, »wie viele Personen hast du im Auftrag des Obersten alleine dieses Jahr vom Leben zum Tode gebracht?«
»Vier Menschen.«
»Das ist eine große psychische Belastung für einen Einzelnen und es entspricht nicht den Gesetzen des Schattenkodex. Das ist ein Missmanagement, das betrieben wurde!«, urteilte die ehemalige Richterin mit strenger Stimme.
»Ich habe keine Achtjährigen mehr für den Nachwuchs bekommen«, sehr kleinlaut antwortete der einstmals so forsche und selbstbewusste Schattenführer.
»Weil die Eltern lieber weggezogen sind, als dir ihre Kinder anzuvertrauen. Zu früherer Zeit waren sie einmal stolz darauf!«
Edrich sah von einem zum anderen, unfähig der flammenden Rede der ehemaligen Richterin Geriade Longhill etwas entgegenzusetzen.
Nun hielt es keinen mehr auf den Sitzen, alle standen sie auf.
»Vater, tu doch etwas, das kannst du dir doch nicht gefallen lassen!«, sein Sohn Andrit konnte es nicht glauben.
»Das ist eine Beleidigung einer hohen Persönlichkeit!«, rief Sasseta Greywolf dazwischen.
»Niemand ist höhergestellt«, donnerte Letum Wood in den Raum. »Wir alle, der Rat der Älteren und die Schattenkrieger, sind dem Wohle des Volkes der Talseer und seiner Kinder und Kindeskinder verschrieben. Dem Wohle des Volkes wurde schon lange nicht mehr gedient. Wozu werden die Schattenkrieger noch gebraucht, frage ich euch?«
»Zum Jagen«, rief eine Stimme, »wir brauchen doch Fleisch für den Winter.«
»Zum Bewahren der alten Sprache«, rief eine andere.
»Zivilschutz ist auch wichtig«, sagte noch jemand aus der Reihe.
Da meldete sich Ayme, der noch immer in der Mitte des Kreises stand, zu Wort.
»Auch wenn ich von den Schatten frei bin, werde ich wie immer für euch jagen gehen, zudem könnte ich die Kinder in der alten Sprache unterrichten und zusätzlich Zivilschutz leisten«, bot er an.
»Das heißt, du würdest dies für das Allgemeinwohl tun, Ayme Darkwater?«, fragte Letum Wood.
»Ich jage schon den fünften Herbst für die Talseer und würde das auch gerne die nächsten Jahre tun. Ja, ich spreche die alte Sprache und würde sie gerne weitergeben und ja, für Zivilschutz würde ich sorgen und diejenigen, die es wollen, darin unterrichten! Aber das geht nur, wenn ihr mich von den Schatten freisprecht! Wenn ich die nächsten anfallenden Einsätze alleine bestreiten muss, ist meine Überlebenschance gering«, war die nüchterne Antwort des jungen Mannes.
Die pensionierte Richterin wandte sich an die andern Ratsmitglieder.
»Dies gilt es zu bedenken, weil dem Allgemeinwohl wäre mit einem lebendigen Ayme Darkwater mehr gedient und als Schattenkrieger bleiben ja noch Vater und Sohn Skycloud über. Ich schlage vor, wir stimmen jetzt über die Bedingungen des Austritts von Ayme ab. Sind alle einverstanden?«
Viele hoben die Hand.
Edrich Skycloud war entsetzt, er hatte geglaubt mit den Stimmen für ihn in der Überzahl zu sein, aber nur sein Sohn und Sasseta hatten nicht die Hand gehoben.
Diese konnte sich nicht damit abfinden und rief mit überschlagender Stimme: »Das kann nicht sein! Die Schwangere kann gehen, weil sie das Kind großziehen muss, das ist klar, aber man löst diese alte Tradition nicht einfach so auf, nur weil ein junger Taugenichts austreten will. Der noch dazu aus einer Familie stammt, die nichts ist und nichts hat, und sich nie mit den Skyclouds vergleichen kann!«
Ein empörtes Gemurmel ging durch die Reihen.
Empörung auch vor der Scheune.
»In meiner Familie«, konterte Ayme, »hat man weniger Geld zur Verfügung als du und die Skyclouds, das ist wahr. Doch in meiner Familie gibt es einen Arzt, eine Biologin, zwei Anwälte, einen Polizisten und eine Lehrerin, meine 70-jährige Großmutter leistet noch immer ihren Teil für die Dorfgemeinschaft, genauso wie mein 72-jähriger Großvater. Das mag in deinen Augen unbedeutend sein. Doch jeder von ihnen arbeitet hart und verdient sich seinen Unterhalt. Das kann man von deinem Neffen nicht sagen. Was tut er denn noch, außer Sohn sein und das Geld seiner Eltern mit beiden Händen ausgeben?«
Vor der Scheunentüre warteten Dr. Tomen Greathawk, Aymes Onkel mit Tom Clary. »Ayme verteidigt sich und uns gut«, bewunderte der Doc seine Rede, Tom konnte ihm nur zustimmen.
»Du unverschämter Lümmel!«, kreischte Sasseta im höchsten Diskant.
»Sasseta Greywolf, reiß dich zusammen, sonst bist du ausgeschlossen von der Abstimmung. Du tust deinem Schwager und deinem Neffen nichts Gutes«, wies Letum Wood die Frau in die Schranken. Zur ehemaligen Richterin gewandt: »Ich bitte Geriade Longhill, die Bedingungen vorzutragen.«
»Tatsächlich gibt es festgeschriebene Regeln für einen Austritt und die wollen wir auch einhalten. Die Regeln des Austritts von Schwangeren kennen wir. Das sind fünfzehn Hiebe für den Vater. Für den Austritt von vollwertigen Kriegern, aus welchen Gründen auch immer, gelten zwanzig Hiebe. Außerdem kommen noch je ein Hieb von den anwesenden Ratsmitgliedern und Schattenkriegern dazu.
Also mit wie vielen Schlägen muss Ayme Darkwater zur Strafe mit seinem Körper bezahlen?«, fragte die ehemalige Richterin den Rat.
»Vierundvierzig Schläge mit vierundvierzig frischgeschnittenen Weidenzweigen!«, rief Barden Blacktree.
»Abstimmung! Wer dafür ist, hebe die Hand!«
Stoisch streckte Ayme genauso den Arm in die Höhe.
Es waren sechs Hände oben.
Bis auf drei Personen stimmten alle dafür.
»Gegenstimmen?«, rief die Richterin, die Skyclouds und Sasseta hoben die Hand.
»Begründung?«, kam scharf aus ihrem Munde.
»Viel zu wenig«, brüllte Andrit. »Hundert soll er bekommen.«
»Ich bin seiner Meinung«, rief Sasseta.
»Ich sage auch zu wenig, siebzig Schläge insgesamt.« Das sprach der alte Skycloud.
»Es ist so«, sagte die alte Richterin, »unsere Vorfahren haben sich bei der Anzahl der Schläge schon etwas dabei gedacht, denn die vorgeschriebene Zahl sichert das Überleben des Schatten. Sind es zu viele Hiebe, wird entweder der Körper nachhaltig geschädigt oder derjenige stirbt und das wussten sie damit zu verhindern. Aber ihr wollt das?«
Alle blickten gespannt auf die drei.
Doch keiner von ihnen gab eine Antwort.
Mit kalter Stimme sprach die alte Richterin weiter: »Hiermit zeigst du deine wahren Motive, Edrich, dir geht es nur um Rache und um den Erhalt deiner Macht. Dies wird der Rat der Älteren zu verhindern wissen! Ich übergebe nun an Letum Wood.«
Ayme lauschte gespannt ihren Worten, er fühlte sich von seinem Körper wie losgelöst. Er hatte nicht damit gerechnet, überhaupt eine Chance zu haben, und jetzt lag sie in greifbarer Nähe.
»Die Anzahl ist Gesetz und wird nicht erhöht, aber die Schläge können an ausgewählte Personen weitergegeben werden, wenn man sich nicht in der Lage fühlt, sie selber auszuführen«, übernahm Letum Wood vom Rat der Älteren das Wort.
»Nimmst du auch diese Strafe an, Ayme Darkwater?«, fragte er.
»Ja, ich nehme an! Unter einer Bedingung, nur Angehörige meiner Familie schneiden die Weidenzweige«, antwortete dieser und man sah ihn tief Luft holen.
»Seid ihr einverstanden?« Die Hände wurden gehoben.
»Ist stattgegeben!«, antwortete der Rat, als wären sie im Gerichtssaal.
Aymes Familie hatte alles mitangehört. Das Geschehen zuerst mit großem Erstaunen verfolgt. Als ihnen aber klar wurde, was auf ihn alles zukam, mit Entsetzen reagiert.
In Tom stieg die Hochachtung vor dem jungen Anwalt. »Er muss viel aushalten, um sein Ziel, einmal ein normales selbstbestimmtes Leben führen, zu erreichen«, dachte er.
Draußen teilte der alte Greathawk die Familienmitglieder und den Detektiv zum Zweige schneiden ein. Nur seinen Sohn Doc Tomen nicht, der musste sich mit seiner Arzttasche bereithalten. Die Helfer eilten in alle Richtungen und im Nu waren viele kräftige Weidenruten abgeschnitten, sogar mehr als gebraucht wurden.
Anniveh übernahm das Bündel und legte es auf einen Tisch in der Mitte. Sie achtete aufmerksam darauf, dass kein Skycloud unbemerkt in die Nähe kam. Sie wusste, wie schnell Andrit mit Gift zur Hand war, und ging damit dieser Gefahr aus dem Weg.
»Wir wollen beginnen«, sprach die Richterin und blickte mit strengen Augen im Sesselkreis reihum.
»Zuerst die fünfzehn Hiebe für die Kriegerin. Das Gesetz sieht vor, dass ein jeder der Anwesenden jeweils mit einer frischen Gerte einen Schlag setzt. Wer dazu nicht imstande ist, diesen ordnungsgemäß auszuführen, kann an jemand anderen aus der Runde übergeben. Anniveh Blackbird, du hast die Aufgabe, den Vater deiner Kinder zu unterstützen, indem du ihm mit deinem Körper Halt gibst. Ayme, entkleide deinen Oberkörper!«
Ayme tat wie ihm geheißen. »Hoffentlich muss ich nicht schreien, ich will auf keinen Fall Andrit diese Genugtuung geben«, dachte er bei sich.
Anniveh stellte sich vor ihm hin: »Lege deine Arme auf meine Schultern, ich stütze dich«, sagte sie leise.
»Erzähle mir, wer jeweils dran ist«, flüsterte er.
»Ich fange an und übergebe meinen Hieb Letum Wood«, sprach die alte Richterin.
Der nahm einen Zweig, holte aus und schlug ihn kräftig auf den Rücken Aymes.
Der junge Mann zuckte zusammen, dachte aber: »Das halte ich aus.«
Dann kam der nächste Hieb und der übernächste bis Sasseta Greywolf an der Reihe war, sie übergab an Andrit.
Der nahm die Gerte an sich und mit einem schiefen Grinsen setzte er zu einem Anlauf an, schlug im Sprung und mit voller Wucht Ayme auf den Rücken. So wuchtig, dass diese zerbrach.
Der Schatten keuchte vor Schmerz auf. Es kam der nächste Hieb, den Andrit für sich selber ausführte, und der nächste, den er für seinen Vater übernahm. Jedes Mal sprang er und knallte mit aller Kraft die Gerte auf Aymes Leib. Jeder seiner Schläge hinterließ einen tiefen blutigen Striemen auf dessen Rücken. Dann kamen wieder die weniger Wuchtigen der anderen Ratsmitglieder und dann wieder die von Andrit.
»Die Strafe für den Austritts Anniveh Blackbird ist vollzogen«, rief die Richterin. »Ayme Darkwater, bist du bereit die neunundzwanzig Schläge für deinen Austritt von den Schatten entgegenzunehmen?«
»Ja, ich bin bereit«, sprach der junge Talseer mit heiserer Stimme, seine Augen starr auf Anniveh gerichtet.
Die ehemalige Kriegerin sagte ihm jedes Mal, wer an der Reihe war ‒ so konnte er sich für die Schläge vom jüngeren Skycloud wappnen. Infolge der nächsten Hiebe platzte die Haut auf und Rinnsale von Blut tropften auf den Boden. Bei den weiteren Schlägen Andrits spritze es nach allen Seiten.
»Anniveh«, Ayme hatte die Augen geschlossen und die Zähne zusammengebissen. »Ich weiß nicht mehr, wie ich das ohne Schreien aushalten soll, hilf mir«, flehte er sie an.
»Ayme, sieh mich an!«
Gequält hob er den Kopf, seine Lippen waren blutig gebissen.
»Warum tun wir das? Weil wir geliebt werden, weil wir ein normales Leben mit unseren Liebsten führen wollen! Andrit mag noch so fest zuschlagen, die Schläge gehen vorbei. Ihm bleibt nichts und wir gewinnen alles!«
Trotz seiner Schmerzen grinste er.
»Denk mit aller Kraft daran«, beschwor sie ihn.
Die Skyclouds waren wieder an der Reihe, jeder Hieb, der auf Aymes schlanken Leib niederfuhr, grub sich tief in seine Haut ein, bis zu den Knochen.
»Halte dich fest an mir«, flüsterte Anniveh. Sie merkte, wie ihm die Knie nachgaben.
»Du schaffst es, drei Hiebe noch, dann ist es vorbei.«
Inzwischen war sein Rücken eine einzige blutige Stelle.
»Ayme, noch zwei«, sagte sie, er zitterte am ganzen Leib vor Anstrengung und Schmerzen, doch kein Laut kam ihm über die Lippen.
Andrit nahm noch einen größeren Anlauf und knallte die Gerte mit voller Wucht auf den Rücken seines verhassten Schattenkollegen.
»Der Hund schreit nicht, das gibt es doch nicht, fester kann ich nicht mehr«, musste er sich eingestehen. Doch er genoss es richtig, diesem verhassten Darkwater weh zu tun.
Er wollte nach der letzten Gerte greifen, da trat Barden Blacktree hinzu, nahm sie ihm aus der Hand mit den Worten: »Ich bin dran!« … und beendete Aymes Tortur mit einem um vieles leichteren Schlag.
»Die Strafe ist vollzogen«, sprach die Richterin, »ihr alle seid Zeugen, Ayme Darkwater ist hiermit frei und kein Schattenkrieger mehr. Anniveh Blackbird, führe ihn hinaus und achte darauf, dass er verarztet wird!«
Die schwangere Frau nahm seinen Arm, legte ihn sich um die Schultern und beide gingen langsamen Schrittes zuerst an Sasseta und den Skyclouds vorbei, die ihnen mit hasserfüllten Blicken nachschauten. Als sie an der Reihe des Rates der Älteren vorbeikamen, fing Barden Blacktree zu klatschen an und der gesamte Rat setzte mit ein. Auch die Familie erhob sich rasch von ihren Plätzen und folgte ihnen. Das Tor wurde geöffnet und die beiden ehemaligen Krieger schritten langsam hinaus.
Draußen schloss sich sofort ein Kreis um sie. Es wurde gratuliert, umarmt und geweint, bis sich Ayme nicht mehr auf den Füßen halten konnte und zu Boden sank. Nicht ganz, denn Tom fing ihn auf und gemeinsam mit dem Arzt schleppten sie den fast Bewusstlosen zum für den Transport ins Krankenhaus vorbereiteten Wagen des Detektivs. Die hinteren Sitze wurden umgelegt. Auf die so entstandene größere Fläche legten sie den völlig Erschöpften und drehten ihn so, dass er auf dem Bauch zu liegen kam. Tomen spritzte ihm ein Schmerz- und Beruhigungsmittel, dann setzte er sich auf den Beifahrersitz und Tom fuhr die zwanzig Kilometer nach Carringten in die Klinik.
Die Skyclouds und Sasseta verließen ebenfalls die Halle. Sie duckten sich gedemütigt unter den verachtenden Blicken der Darkwaters und Greathawks vorbei. Hinterher kam raschen Schrittes das Ratsmitglied Barden Blacktree, er bat nochmals die Familie hinein in die Scheune.
»Wir haben noch etwas Wichtiges zu besprechen, wir brauchen euch alle, es geht um die nahe Zukunft von Talsee«, sagte er.
Als sie sich gesetzt hatten, fing Letum Wood zu reden an: »Wir müssen entscheiden, ob das System der Schattenkrieger für Talsee und Carringten in dieser Form noch gebraucht wird. Wir haben mit dem Hotelbau einen Motor für unsere Region bekommen, der das Hierbleiben für unsere jungen Leute wieder attraktiv macht. Wir sollten nicht mehr alten überholten Werten nachlaufen. Wie Ayme vorhin sagte, es gibt Recht, Gesetz, Exekutive und Presse. Es ist nicht mehr nötig, Schattenkrieger loszuschicken, die ihr Leben riskieren und dann noch außerhalb von Recht und Ordnung stehen. Mit diesen Worten eröffne ich die Diskussion und bitte um eure Vorschläge.«
Kapitel 2Der Wandel
So war durch den mutigen Schritt eines Einzelnen eineLawine ins Rollen geraten. Diese riss die mächtige Familie der Skyclouds mit sich fort.
Es blieb kein Stein auf dem anderen. Die alte Organisation der Schattenkrieger wurde aufgelöst und durch nichts ersetzt. Somit gab es auch keinen Obersten der Schatten mehr. Außerdem mussten die Skyclouds und Sasseta Greywolf vor dem versammelten Rat Rede und Antwort stehen. Davon zutiefst gedemütigt verließen sie Talsee. Sasseta verkaufte später ihr Haus und zog in die große Villa zu ihrem Schwager und ihrer Schwester nach Eureka.
Dem Rat der Älteren gehörten jetzt auch Synthitia Darkwater, Ethen Greathawk und zwei weitere Personen an, welche sich für das Allgemeinwohl verdient gemacht hatten. Weiters wurde einen Monat später eine große Gemeinschaftssitzung anberaumt, an der viele Talseer teilnahmen. Das war neu oder genau genommen uralt, denn vor hundert Jahren wurde das Volk viel mehr in Entscheidungen des Rates einbezogen als in den letzten Jahrzehnten.
Die Talseer wollten sich für eine neue Zukunft bereit machen. Eine Zukunft, die im engen Zusammenhang mit dem Hotelbau, den damit verbundenen Neubau der Straße und des Kraftwerks stand. Die Hoffnung, viele der gut ausgebildeten jüngeren Generation in Talsee und Carringten zu halten oder sogar aus den anderen Regionen des Landes zurückzuholen, erfüllte die Menschen.
*
Von alle dem erfuhr Ayme vorerst nichts. Er hatte mit seinem wunden Körper zu kämpfen. Andrits Schläge hatten ihm größeren Schaden zugefügt als die Hiebe der anderen. Von Natur her schlank und sehnig gebaut und daher mit zu wenig schützendem Fett ausgestattet, waren manche Hiebe bis tief in die Knochensubstanz eingedrungen.
Doktor Tomen Greathawk und sein Team arbeiteten stundenlang, um die Pflanzenfasern aus den tieferen Hautschichten zu entfernen. »Gut, dass es Weide ist, die hat eine desinfizierende Eigenschaft«, meinte er. »Trotzdem muss der Rest herauseitern, mehr kann ich für dich nicht tun. Die Heilung wird seine Zeit brauchen.«
Am zweiten Tag kam das Wundfieber. Am vierten Tag, es war sein Geburtstag, fieberte er so hoch, dass der Arzt die Familie wieder wegschicken musste, weil Ayme von dem Besuch sowieso nichts mitbekam.
Doch Dr. Greathawk wusste sich zu helfen, er erinnerte sich an die alte Naturmedizin der Talseer. Sie hatten für Entzündungen Propolis, das war der desinfizierende Stoff, den die Bienen erzeugen, verwendet. Außerdem hatte er Wundersames von einem Pflanzenextrakt gehört, welcher selbst nach schwerer Krankheit den geschwächten Organismus zur schnellen Genesung führen konnte. Großmutter Synthitia musste den Kontakt zu dieser kräuterkundigen Heilerin herstellen. Er wollte unbedingt für seinen Neffen etwas davon haben.
Die Naturheilmittel wirken.
Am Donnerstagvormittag erklärte Ayme seinem Onkel, er müsse am Freitag nach San Francisco. Er könne mit seiner Tante Marinina mitfahren und das alles sei kein Problem für ihn, meinte er.
Tomen traute seinen eigenen Ohren nicht, gerade war er mal fieberfrei geworden und redete von einer Reise nach San Francisco?
Aber da er den Eigensinn seines Neffen kannte, schluckte er seinen Ärger hinunter.
»Ayme, sage mir, warum willst du schon morgen weg aus der Klinik, du kannst ja noch nicht einmal gerade stehen!«
»Bitte Onkel, sag mir, was ich tun muss, damit du mich gehen lässt!«, flehte Ayme geradezu.
»Du willst zu Jack, nicht wahr?«
Ayme, der auf der Seite lag, den rechten Arm neben seinem Gesicht, den linken ausgestreckt, während der Inhalt einer Infusion in seine Blutbahnen rann, sah ihn überrascht an.
»Was weißt du von Jack?«
Tomen nahm einen Sessel und setzte sich zum Bett.
»Ayme, damals nach Salem, als du die Nacht hier verbracht hast, hat er dich unbedingt sehen wollen, ich wollte dich nicht wecken und daher habe ich mit ihm ein wenig gesprochen. Er war sehr besorgt um dich, in einer Art besorgt, wie es nur ein liebender Mensch sein kann.«
»Du hast mir nie davon erzählt?«
Sein Onkel zuckte mit den Schultern: »Ich bin es gewöhnt über deine Geheimnisse zu schweigen.«
»Verstehst du, warum ich zu ihm will? Ich brauche ihn jetzt! Ich habe doch größtenteils um seinetwillen dies alles auf mich genommen! Aber Onkel Tomen, bitte schweige weiter darüber!«
»Warum schämst du dich, dafür ist es zu spät!«
»Nein Onkel, das tue ich nicht, auf die Meinung anderer gebe ich nichts. Du weißt doch, dafür habe ich in meinen Leben schon zu viel Schlimmes gesehen und auch selber getan. Wenn Andrit Skycloud von meiner Verbindung zu Jack erfährt, ist der in Gefahr.«
»Was willst du gegen den jüngeren Skycloud unternehmen?«
»Ihn töten, er oder ich!«
»Und doch ist es viel zu früh für dich aufzustehen«, erklärte ihm der Doktor, »weil, Ayme, hör mir jetzt genau zu: Dein Immunsystem hat es gerade noch geschafft der Entzündung Herr zu werden. Dringen fremde Keime durch die Schleimhäute in deinen Körper ein, kann das katastrophale Folgen haben und das schon alleine bei einem innigen Kuss! Was bei weiteren Intimitäten passiert, ist wie ein Tsunami, wenn er auf Land trifft: Deine noch sehr schwache Immunabwehr würde komplett zusammenbrechen. Habe ich mich klar ausgedrückt? Es ist besser, du fährst morgen noch nicht, warte doch noch eine Woche!«
Bei der bildhaften Schilderung war sein Neffe rot geworden, aber als das Wort WARTEN ausgesprochen wurde, presste er die Lippen zusammen, sagte nichts mehr und drehte den Kopf zum Bettlaken.
»Ich weiß genau, was du tun willst«, sein Onkel fasste ihn an der Schulter, sodass ihn Ayme wieder anblicken musste.
»Du wirst morgen einfach verschwinden, weil du vorher Marinina so lange anbettelst, bis sie dich abholt. Da es aber meine ärztlichen Befugnisse überschreiten würde, dich ans Bett zu fesseln, stelle ich dir Bedingungen, die du in deinem Interesse einhalten wirst.«
Ayme riss die Augen überrascht auf: »Was muss ich tun?«
»Du wirst bei deiner Ehre schwören, dass …!« Der Doktor stellte seine Forderungen.
*
Edrich Skycloud saß in seiner Firma an seinem mächtigen Schreibtisch, gefertigt aus dem Holz eines Mammutbaumes und dachte nach.
»Dieses Tribunal hat es in sich gehabt, auf so etwas war ich nicht gefasst gewesen. Was mir letztendlich die Position des Obersten der Schatten gekostet hat. Ich war mir zu sicher gewesen und den Fehler habe ich alleine gemacht, aber dass ich die alte Richterin, die Darkwaters und Greathawks so unterschätzen konnte?
Wie haben sie überhaupt den Mut gefunden, sich alle gegen mich zu wenden?
Damit habe ich nie gerechnet.
Das hat alles der junge Darkwater angezettelt, da bin ich mir sicher!
Und dann versteckt er sich hinter seine Verwandten!
Aber einmal erwische ich ihn alleine und dann Gnade ihm Gott!
Ich werde ihm eine Falle stellen, die an Hinterlist nicht zu überbieten sein wird, eine kleine Wunde mit einem vergifteten Pfeil und dann lasse ich ihn sterben, ganz langsam. Ich muss das unbedingt mit Andrit besprechen, der hat sicher eine gute Idee dazu, wie man den Exschatten beseitigt. Dann wird es ein Heulen und Zähneknirschen bei seinen Angehörigen geben, auf das freue ich mich jetzt schon.
Es ist noch nie jemand ungeschoren davongekommen, der sich mit Edrich Skycloud angelegt hat!«
Mit diesen finsteren Rachegedanken ging der ehemalige Oberste der Schatten wieder zu seinen normalen Geschäften über.
*
Wieder der Freitag-Nacht-Flug, von Miami nach San Francisco, Ankunft um drei Uhr fünfzig.
Jack nahm sich ein Taxi und ließ sich zum Haupthaus der Stolbergs bringen, dort stand seit zwei Wochen sein Wagen, mit dem fuhr er zu seiner Wohnung.
Er sperrte die Wohnungstüre auf, trat ein und schloss leise wieder ab. Er sah erfreut fremde Stiefel im Vorraum stehen. Auf Zehenspitzen schlich er zum Schlafzimmer und lugte hinein.
Ayme war da.
Jack war gerührt, er würde nicht alleine sein, diese Nacht und auch nicht dieses Wochenende.
Es war ihm egal, dass sie nicht miteinander schlafen konnten, weil Ayme durch irgendein grausames Ritual der Talseer am Rücken verletzt worden war. Das wusste Jack von Tom. Aymes Onkel Doc Tomen, hatte ihm dazu genaue Anweisungen gegeben. An die hielt er sich, da er Ayme auf keinen Fall schaden wollte.
Aber ER war zu ihm gekommen.
Nach einer kurzen Wäsche legte er sich neben den Schlafenden. Doch der hatte Jack im Halbschlaf gespürt und schlang gleich einer Schlingpflanze Arme und Beine um ihn. Drückte sich ganz eng an den großen Körper, weil er dessen Nähe wie einen Bissen Brot brauchte.
Jack jedoch traute sich nicht, ihn zu umarmen, er wollte vermeiden, den wunden Rücken zu berühren. Stattdessen flüsterte er ihm liebevolle Worte ins Ohr und fast hätte Ayme zu schnurren begonnen, so wohl und geborgen fühlte er sich. In diesem Kokon der Zufriedenheit und wohligen Wärme schliefen beide bald tief und fest.
Jack hatte den Wecker auf neun Uhr gestellt und als er läutete, war er schnell auf den Beinen, aber die andere Hälfte des Bettes war leer, wo war Ayme nur?
Da, der Geruch von geröstetem Toast und der Duft von Kaffee drangen in seine Nase. Machte der etwa Frühstück? Er, der sonst in der Küche gerade seinen Tee aufbrühte.
Tatsächlich!
Da stand Ayme, in den dunkelblauen Bademantel gehüllt, die langen Haare hochgebunden und hantierte gerade an der Kaffeemaschine.
»Schwarz und ohne Zucker, bitte«, bat der Architekt lächelnd und nahm das Tablett mit dem Tee, dem angerichteten Toast, Butter und Schinken und trug es zum Esstisch, als wäre es die normalste Sache der Welt.
»Ich habe ja weit länger geschlafen als du«, meinte der Talseer, »ich hoffe, der Kaffee ist so richtig?«
Mit einem schüchternen Lächeln setzte er ihm die Tasse vor. Jack genoss den Augenblick, er probierte an seinem Kaffee und nickte seinem gespannt wartendem Gegenüber bejahend zu: »Er passt perfekt!« Er hätte das auch gesagt, wenn es eine dünne braune Brühe gewesen wäre, nur um das folgende erfreute Aufleuchten im Gesicht Aymes sehen zu können.
»Es ist einfach schön nicht alleine zu sein«, dachte Jack glücklich und betrachtete den jungen Mann. »Wie hungrig er ist, jetzt hat er schon den vierten Toast. Ich werde dieses Wochenende auf ihn aufpassen und schauen, dass er genug zu essen bekommt. Die Verletzung muss sehr schlimm sein, der ganze Rücken ist mit einem Riesenpflaster bedeckt und tiefe Schatten hat er unter den Augen und dünner ist er auch wieder geworden«, nahm Jack besorgt zur Kenntnis.
Ayme stellte mit einem satten zufriedenen Seufzer den leeren Teller aufs Tablett und lächelte Jack an. Wenn er in San Fran bei ihm war, fühlte er sich wie in einer anderen Welt.
»Du Jack«, fing er zögernd mit seiner weichen Stimme zu sprechen an. »Ich habe ein Medikament bekommen«, er hielt ihm ein Glas mit einem grünen Pulver hin. »Es hilft sehr, aber ich schlafe dann am Stück bis zu zwei Stunden. Ich musste Doc Tomen versprechen es dreimal am Tag einzunehmen, sonst hätte er mich nicht fahren lassen. Also auszugehen fällt für mich heute und morgen ins Wasser.« Er sah sein Gegenüber gespannt an, wie dieses reagieren würde.
Jack lachte: »Mach dir keine Sorgen, Ayme. Tom hat mir von deinem Onkel einen genauen Plan gegeben, was du tun darfst und was nicht. Was der Doktor sagt, daran hat man sich zu halten!«
»Sein Arm reicht weit.« Ayme war beeindruckt.
»Trotz Verboten habe ich heute etwas vor mit dir! Pass auf, am Vormittag fahre ich ins Hauptbüro. Ich habe meinem Vater zu berichten, währenddessen kannst du schlafen, aber um halb zwölf Uhr hole ich dich ab.
Wir erledigen etwas gemeinsam«, er zwinkerte verschwörerisch.
»Danach gehen wir essen und fahren dann gleich nach Hause. Du hältst wieder deinen Schönheitsschlaf, während ich mit Tom ins Boxtraining fahre. Dies wäre der Plan. Schaffst du es um halb zwölf vorm Haus zu stehen?«
»Ja, das geht schon, muss ich etwas Besonderes anziehen?«, fragte Ayme.
