• Herausgeber: Tropen
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Sue Ellen findet, dass ihre tote Freundin May Lynn etwas Besseres verdient hat. Wenn schon kein Filmstar aus ihr wird, wie sie sich immer erträumte, soll wenigstens ihre Asche in Hollywood verstreut werden. Beim Durchsuchen von May Lynns Habseligkeiten stößt sie mit ihren Freunden Terry und Jinx auf einen Hinweis, der sie zur Beute eines Banküberfalls führt. Zusammen mit Sue Ellens labiler Mutter flüchten die drei Freunde Hals über Kopf mit dem Floß in Richtung Süden. Habgierige Verwandte und der wenig gesetzestreue Constable hängen sich sofort an ihre Fersen. In Panik geraten die Flüchtenden jedoch erst, als sie merken, dass der sagenumwobene Killer Skunk ebenfalls hinter ihnen her ist. Dem wahnsinnigen Fährtenleser ist angeblich noch nie jemand entkommen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 430


Joe R. Lansdale

DUNKLE GEWÄSSER

Krimi

Aus dem Amerikanischen vonHannes Riffel

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Tropen

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Edge of Dark Water"

im Verlag Mulholland Books, New York

© 2012 by Joe R. Lansdale

© 2013 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Schutzumschlag: Herburg Weiland, München

Unter Verwendung eines Fotos von © Getty Images

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-50131-5

E-Book: ISBN 978-3-608-10358-8

Dieses E-Book entspricht der 1. Auflage 2013 der Printausgabe

Für Karen

Den Fluss hinunter trieben sie.

All die Träume, die je geträumt

über mondlosem, dunklem Gewässer.

ANONYMUS

Der kleine Fels hemmt große brandende Fluten.

HOMER, Odyssee

TEIL EINSVon Asche und Träumen

1

In jenem Sommer hörte Daddy auf, Fische mit dem Telefon oder mit Dynamit zu fangen, stattdessen vergiftete er sie mit grünen Walnüssen. Das Dynamit richtete jedes Mal eine ziemliche Schweinerei an, außerdem hatte er sich dabei vor ein paar Jahren zwei Finger weggesprengt. Deshalb prangte auf seiner Wange auch ein Brandfleck, der auf den ersten Blick wie Lippenstift von einem Kuss aussah und auf den zweiten wie ein Ausschlag.

Fische mit dem Telefon zu fangen funktionierte recht gut, wenn auch nicht ganz so gut wie mit Dynamit, aber Daddy hatte keine Lust, so lange am Telefon zu kurbeln, bis der Draht, der ins Wasser führte, heiß genug war, um die Fische mit einem Stromschlag zu massakrieren. Er meinte, er hätte immer Angst, einer von den kleinen farbigen Jungs, die stromaufwärts von uns wohnten, könnte da draußen rumschwimmen und eine Ladung abkriegen, und der wäre dann toter als ein Baumstumpf oder hätte bestenfalls einen Gehirnschaden wie Daddys Vetter Ronnie, der nicht mal genügend Grips besaß, um sich bei Regen irgendwo unterzustellen, sondern manchmal sogar bei einem Hagelschauer im Freien rumrannte.

Meine Oma, die fiese alte Schachtel, ist ja inzwischen zum Glück tot, aber sie hat immer behauptet, Daddy hätte das zweite Gesicht, was so viel heißt, wie dass er die Zukunft sehen kann. Na ja, wenn das stimmt, hätte er doch vorher wissen müssen, dass es keine gute Idee war, betrunken mit Sprengstoff rumzumachen, und dann hätte er auch noch alle seine Finger.

Außerdem hatte ich noch nie mitgekriegt, dass ihn groß interessierte, wie es den Farbigen geht, also dachte ich mir schon, dass das nur eine Ausrede war, um nicht mehr am Telefon rumkurbeln zu müssen. Meine Freundin Jinx Smith, die schwarz ist, konnte er nicht leiden, und er tat immer so, als wären wir was Bessres als sie und ihre Familie, obwohl sie ein kleines, aber sauberes Haus hatten und wir ein großes schmutziges mit einer durchhängenden Veranda und einem Kamin, der auf der einen Seite mit einem dicken Balken abgestützt werden musste, und in unserem Hof wälzten sich ein paar Schweine in tiefen Kuhlen. Für seinen Vetter Ronnie hatte Daddy wohl genauso wenig übrig, und er machte sich oft lustig über ihn und tat so, als würde er gegen Wände laufen und rumsabbern. Wenn er ordentlich betrunken war, musste er natürlich gar nicht erst so tun.

Andererseits konnte Daddy vielleicht doch in die Zukunft schauen, war aber einfach zu dumm, um damit was anzufangen.

Jedenfalls hatte er sich irgendwelche Jutesäcke besorgt, und er und Onkel Gene stopften da haufenweise grüne Walnüsse rein und noch ein paar Steine, wegen dem Gewicht, und sie knoteten Seile dran fest und warfen sie ins Wasser. Die Seile banden sie am Ufer an Wurzeln oder Bäume.

Ich und mein Freund Terry Thomas waren mit runtergegangen, um zuzuschauen und ihnen zu helfen, weil wir sonst nichts Besseres vorhatten. Terry wollte erst nicht mitkommen, als ich ihm davon erzählte, aber schließlich gab er nach und half mir, Säcke ins Wasser zu werfen und Fische rauszuziehen. Bei der ganzen Sache war ihm überhaupt nicht wohl, denn er konnte weder meinen Vater noch meinen Onkel leiden. Ich mochte sie auch nicht besonders, aber ich war gerne draußen, und mit Männern Männerarbeit zu machen gefiel mir. Allerdings wäre ich mit einer Schnur und einem Haken glücklicher gewesen als mit Säcken voller Walnüsse. Trotzdem, ich war lieber am Fluss und im Freien als mit einem Mopp in der Hand im Haus.

Meine Oma väterlicherseits hat immer behauptet, ich würde mich überhaupt nicht wie ein Mädchen benehmen, und ich sollte doch daheim bleiben, einen Garten anlegen, Erbsen schälen und Frauenarbeit machen. Oma beugte sich dann immer in ihrem Schaukelstuhl vor, betrachtete mich mit verklebten Augen und sagte ohne jede Zuneigung: »Sue Ellen, wie willst du einen Mann kriegen, wenn du ums Verrecken nicht kochen und putzen kannst und auch deine Haare nie hochsteckst?«

Das war natürlich total ungerecht. Ich machte schon Frauenarbeit, so weit ich zurückdenken konnte. Nur einfach nicht besonders gut. Und wer so was schon mal getan hat, weiß, dass es echt keinen Spaß macht. Ich fand viel toller, was Jungs und Männer so machten. Was mein Daddy machte. Was ehrlich gesagt nicht besonders viel war – er fischte nur und stellte Fallen, um die Pelze zu verkaufen, schoss Eichhörnchen von den Bäumen und gab damit an, als hätte er Tiger erlegt. Die Aufschneiderei wurde besonders schlimm, wenn er zu viel Schnaps gesoffen hatte. Ich hab davon auch mal einen Schluck getrunken, aber es hat mir nicht geschmeckt. Dasselbe gilt für Kautabak und Zigaretten und alles Essen mit Grünzeug drin.

Und was das Haarehochstecken betrifft, redete Oma in Wirklichkeit über irgendwelche religiösen Dinge, und ich kapierte einfach nicht, wie sich Gott, bei allem, worum er sich kümmern musste, noch Gedanken um Frisuren machen konnte.

An dem Tag, von dem ich jetzt erzähle, tranken Daddy und Onkel Gene ein bisschen was und warfen Säcke in den Fluss, und wo die Walnüsse reinplumpsten, wurde das Wasser dunkelbraun. Nach einer Weile schwammen da dann tatsächlich ein Haufen Sonnenbarsche auf dem Rücken.

Ich und Terry standen am Ufer und schauten zu, während Daddy und Onkel Gene ins Ruderboot kletterten, sich vom Ufer abstießen und mit Netzen rausruderten, um die Fische einzusammeln wie Pekannüsse, die auf die Erde gefallen waren. Es waren so viele, dass wir wohl nicht nur heute Abend gebratenen Fisch essen würden, sondern morgen auch, und an den Tagen danach würde es Dörrfisch geben – noch eine Sache, die ich vergessen habe, auf die Liste mit den Dingen zu setzen, die ich nicht mag. Jinx sagt, Dörrfisch würde wie vollgeschissene Hosen schmecken, und ich werd ihr da nicht widersprechen. Wenn man Fisch ordentlich räuchert, ist er ganz passabel, aber Dörrfisch? Da kann man gleich auf der Zitze eines toten Hundes rumkauen.

Von dem Walnussgift starben die Fische nicht gleich, aber sie waren so betäubt, dass sie mit den weißen Bäuchen nach oben an der Wasseroberfläche trieben und mit den Kiemen zuckten. Daddy und Gene sammelten sie mit Käschern ein und taten sie in einen nassen Jutesack, um sie später auszunehmen und zu putzen.

Die Säcke mit den Walnüssen waren mit Seilen am Ufer befestigt, und ich und Terry gingen runter und wollten sie rausziehen. Die Walnüsse waren noch immer grün, also konnten wir damit ein Stück flussabwärts noch mehr Fische betäuben. Wir packten ein Seil und zogen daran, aber es war wirklich schwer, und nach einer Weile gaben wir auf.

»Wir kommen gleich und helfen euch«, rief Daddy uns vom Boot zu.

»Ich glaube, das sollten wir losschneiden«, sagte Terry zu mir. »Hat keinen Sinn, sich die Arme auszurenken.«

»So schnell geb ich nicht auf«, erwiderte ich und blickte zum Boot rüber. Es hatte ein Leck, deshalb konnten Daddy und Onkel Gene nicht lange draußen bleiben. Onkel Gene musste mit einer Kaffeekanne Wasser schöpfen, während Daddy ans Ufer zurückruderte. Nachdem sie das Boot an Land gezogen hatten, kamen sie uns helfen.

»Verdammt«, sagte Daddy, »diese Walnüsse sind so schwer wie ’n Ford. Oder ich hab keine Kraft mehr.«

»Du hast keine Kraft mehr«, sagte Onkel Gene. »Du bist einfach nicht mehr der Kerl, der du mal warst. Mit einem echten Mannsbild wie mir kannst du es nicht aufnehmen.«

Daddy grinste ihn an. »Teufel auch, du bist älter als ich.«

»Yeah«, erwiderte Onkel Gene, »aber ich hab auf mich achtgegeben.«

Daddy stieß ein lautes Johlen aus und sagte: »Ha!«

Onkel Gene war so fett wie ein Schwein, hatte aber deutlich weniger Charakter. Trotzdem, er war ein großer Mann mit breiten Schultern und Armen so dick wie ein Pferdehals. Daddy sah nicht im Entferntesten so aus, als wär er mit ihm verwandt. Er war

ein hagerer Kerl mit bleicher Haut und einer Wampe, und wenn

er mal keine Schirmmütze aufhatte, dann, weil sie ihm vom Kopf gefault war. Er und Onkel Gene hatten zusammen etwa achtzehn Zähne, und die meisten davon gehörten Dad. Mama behauptete, das läge daran, weil sie ihre Zähne nicht genug putzten und Tabak kauten. Manchmal betrachtete ich ihre eingesunkenen Gesichter und musste an alte Kürbisse denken, die auf dem Feld verrotteten. Ich weiß, dass es nicht nett ist, wenn man sich vor seinen eigenen Verwandten ekelt, aber was soll ich machen?

Wir zogen also alle an dem Seil, und gerade als ich dachte, jetzt reißt es dir den Arm aus den Gelenken, tauchte der Jutesack auf. Aber nicht nur der Sack. Etwas hatte sich darin verfangen, ganz verquollen und weiß, obendrauf büschelweise langes, nasses Gras.

»Moment mal«, sagte Daddy und zog weiter.

Da sah ich, dass das keine Grasbüschel waren. Sondern Haare. Und unter den Haaren war ein Gesicht, so rund wie der Mond und

so weiß wie ein Laken und so aufgedunsen wie ein Federkissen. Ich wusste nicht sofort, wer es war, bis ich das Kleid erkannte. Es war das einzige Kleid, das ich May Lynn Baxter je habe tragen sehen. Ein Kleid mit blauen Blumen darauf und so ausgebleicht, dass kaum noch zu erkennen war, welche Farbe die Blumen mal gehabt hatten. Außerdem war es ihr inzwischen ein bisschen zu kurz geworden.

Ich hatte nur einmal erlebt, dass sie es nicht angehabt hatte, und das war, als ich und sie und Terry und Jinx uns nachts zum Schwimmen runter zum Fluss geschlichen hatten. Im Mondlicht hatte sie wunderschön ausgesehen. Splitterfasernackt, mit einer klasse Figur und mondscheinblondem Haar, das ihr bis auf die Hüfte fiel, derweil das Kleid schlaff an einem Ast hing. Sie bewegte sich wie zu einer Melodie, die wir nicht hören konnten. Damals begriff ich, dass sie zu den Mädchen gehören würde, nach denen sich unverheiratete Männer mit angehaltenem Atem umdrehten, während sich verheiratete Männer wünschten, ihre Ehefrauen würden sich in Luft auflösen. Eigentlich war sie jetzt schon so ein Mädchen.

Terry hatte ihr keine Beachtung geschenkt, aber das lag wohl daran, weil er angeblich eine Schwuchtel war. Es gibt da ein paar Gerüchte, und eins davon hat mit einem Jungen zu tun, der am anderen Ende des Flusses wohnt und für einen Sommer seine Verwandten hier in der Gegend besuchen kam. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber mir ist das so oder so egal. Ich kenne Terry schon, seit wir ganz klein waren, und was ich von der Liebe zwischen Männern und Frauen mitbekommen habe, besteht größtenteils daraus, dass Daddy herumliegt, keinen Finger rührt, sich betrinkt und Mama ins Gesicht schlägt. Einmal, nachdem er sie ziemlich heftig verprügelt hatte und fischen gegangen war, zog ein Gewitter auf, und ich lag im Bett und hoffte, ein Blitz würde ihn treffen, ihm die letzten Zähne raushauen und ihn umbringen, sodass nur noch seine rauchende Mütze übrig blieb. Ich weiß, das ist gemein, aber das hab ich halt gedacht.

Mich ärgerte, dass Mama der Meinung war, sie hätte die Prügel verdient, schließlich hätten die Männer das Sagen. So steht es in der Bibel, hat sie mir erklärt. Kein Wunder, dass ich keine Lust mehr hatte, drin zu lesen.

Hier lag May Lynn nun also, halb am Ufer, das Kleid war im Lauf der Jahre noch kleiner geworden, und jetzt war sie außerdem völlig aufgedunsen.

»Ihre Augen sind zugeschwollen«, sagte Onkel Gene. »Die ist schon eine ganze Weile da drin.«

»Das dauert nicht lange, bis du so aussiehst«, sagte Daddy. »Wenn du ertrinkst und eine Nacht nicht auftauchst, wirst du halt so.«

Urplötzlich fing May Lynn an zu zucken und auszulaufen. Sie hatte Blähungen, die wirklich furchtbar stanken, wie ein gewaltiger Furz. Die Hände waren ihr mit rostigem Draht auf den Rücken gebunden, und auch ihre Füße waren damit gefesselt und bis zu ihren Händen hochgezogen. Ihre Haut war geschwollen, wo der Draht reinschnitt – der Draht, der sich in unserem Sack verfangen hatte.

Nachdem wir sie ganz rausgezogen hatten, sahen wir, dass an ihren Füßen eine Singer-Nähmaschine befestigt war, mit mehreren Stücken Draht, damit es hielt. Der Draht steckte tief in ihrem Fleisch, bis auf die Knochen. Wegen dem Gewicht der Singer hatten wir sie zu viert rausziehen müssen.

»Ist das nicht May Lynn Baxter?«, fragte Daddy.

Er hatte das gerade erst begriffen – offenbar ließ sich seine Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken, immer Zeit, bis die Zukunft keine mehr war. Er drehte sich um und sah mich fragend an.

Mir blieben die Worte beinahe im Hals stecken. »Sieht fast so aus.«

»Aber sie war doch noch ein Mädchen«, sagte Terry. »Sie war so alt wie wir.«

»Der Tod hat nichts mit dem Alter zu tun«, orakelte Onkel Gene. »Aber die hat das letzte Mal mit den Hüften gewackelt, das kannst du mir glauben.«

»Ich denke, wir sollten irgendwas tun«, sagte Daddy.

»Genau – wir sollten unser Seil durchschneiden und sie wieder reinwerfen«, erwiderte Onkel Gene. »Wenn sie niemand findet, wird sie deshalb auch nicht toter, und ihr Vater muss nicht erfahren, dass sie tot ist. Dann glaubt er vielleicht, dass sie nach Hollywood durchgebrannt ist oder so was. Wollte sie da nicht immer hin? Ich mein ja nur – das ist, wie wenn ein Hund stirbt, und du erzählst den Kindern nichts, und sie glauben, der Hund lebt jetzt bei jemand anders.«

»Sie hat keine richtige Familie mehr«, murmelte Terry, ohne irgendwen anzuschauen, den Blick starr auf den Fluss gerichtet. »Wir waren ihre einzigen Freunde, ich und Sue Ellen und Jinx. Sie ist kein Hund.«

Daddy und Onkel Gene ignorierten ihn einfach. Als hätte er gar nichts gesagt.

»Keine schlechte Idee«, sinnierte Daddy. »Wir schmeißen sie wieder rein. Viel getaugt hat sie eh nicht. Und das stimmt schon. Sie hat keine richtige Familie mehr, seit ihre Mutter und ihr Bruder tot sind, und ihr Daddy hängt sowieso nur an der Flasche. Schadet nichts, wenn wir sie einfach wieder versenken. Teufel auch – er hat sie nicht vermisst, als sie noch am Leben war, und jetzt, wo sie tot ist, wird er sie genauso wenig vermissen.«

»Ihr werft sie nicht wieder rein«, sagte ich.

Daddy horchte auf. Er drehte sich um und sah mich an. »Mit wem redest du in so einem Tonfall, Mädchen? Doch nicht etwa mit Leuten, die älter sind als du?«

Ich wusste, dass ich mir damit wahrscheinlich eine Tracht Prügel einhandelte, aber ich gab nicht nach. »Ihr werft sie nicht wieder rein.«

»Sie war unsere Freundin«, sagte Terry, dem Tränen in den Augen standen.

Daddy streckte den Arm aus und schlug mir mit der Handfläche auf den Kopf. Es tat weh. Außerdem wurde mir ein wenig schwindlig.

»Ich sag hier, wo’s langgeht«, zischte er und beugte sich zu mir herab. Sein Atem roch nach Tabak und Zwiebeln.

»Sie haben keinen Grund, sie zu schlagen«, sagte Terry.

Daddy starrte ihn wütend an. »Vergiss du bloß nicht, wo du hingehörst.«

»Sie sind nicht mein Vater.« Terry wich einen Schritt zurück. »Wenn Sie May Lynn wieder ins Wasser werfen, verpetze ich Sie.«

Daddy sah Terry eine Weile an. Wahrscheinlich fragte er sich, ob er schnell genug war, ihn zu erwischen. Aber offenbar war ihm das zu anstrengend, denn er entspannte sich wieder. Daddy Don Wilson verschwendete keine Energie, wenn es nicht unbedingt sein musste, und manchmal selbst dann nicht.

Er verzog nur die schrumpeligen Lippen ein wenig und sagte: »War doch nur Spaß. Wir wollten sie doch gar nicht wieder reinschmeißen. Hab ich recht, Gene?«

Onkel Gene betrachtete erst Terry, dann mich.

»Bestimmt nicht«, sagte er, aber für mich klangen die Worte, als wären sie so lange auf kleiner Flamme geröstet worden, dass sie schon ganz schwarz waren.

Daddy schickte Terry los, um den Constable zu holen, aber nicht mit dem Pick-up. Terry musste laufen. Dabei wäre es keine große Sache gewesen, die Leiche auf die Ladefläche zu legen und uns alle in den Ort zu fahren, aber das wäre zu einfach gewesen, und so war Daddy nicht gestrickt. Außerdem mochte er Terry nicht, weil er seiner Meinung nach nicht so war, wie ein Mann sein sollte. Onkel Gene hatte ebenfalls einen Pritschenwagen, aber auch er bot nicht an, ihn Terry zu leihen. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass ein totes Mädchen damit transportiert wurde.

Ich setzte mich ans Ufer und betrachtete May Lynns Leiche. Fliegen krabbelten darauf herum, und sie fing an zu stinken. Ich musste dran denken, wie sauber und hübsch sie immer gewesen war – so was hätte ihr einfach nicht zustoßen dürfen! Es war nicht wie in den Büchern, die ich gelesen hatte, oder wie in den Filmen, wenn jemand starb. Da sahen die Leute immer aus, als würden sie schlafen. Jetzt wurde mir klar, dass das Quatsch war. Ein toter Mensch war nicht anders als ein totgeschossenes Eichhörnchen oder ein Schwein, das mit durchgeschnittener Kehle über dem Siedetopf hängt.

Schatten kamen durch die Bäume und über das Wasser gekrochen, und auf dem Fluss spiegelte sich der Mond; er sah aus wie ein riesenhaftes Gesicht, das vom Grund aufstieg. Die Grillen hatten jetzt ernsthaft angefangen, an ihren Beinen zu sägen, und mit Einbruch der Nacht machten sich auch die Frösche bemerkbar. Hätte ich nicht die meiste Zeit eine Leiche angestarrt, wäre es sogar ganz hübsch gewesen. So fühlte ich mich jedoch völlig gefühllos, wie ein Arm, auf dem man geschlafen hat, nur eben am ganzen Körper.

Während wir auf Terry und die Polizei warteten, machte Daddy ein Stück weit weg von der Leiche ein Feuer und setzte sich davor, und Onkel Gene sammelte die Fische ein und trug sie zu seinem Wagen. Die Hälfte würde er bei uns abliefern und den Rest nach Hause mitnehmen. Daddy und er hatten sich ordentlich die Kante gegeben, bevor er losfuhr, und vermutlich ließ er, wenn er den Wagen in der Dunkelheit nicht um einen Baum wickelte, seine Frau Evy die Fische putzen und verprügelte sie dann. Onkel Gene behauptete, er würde sie, wenn er die Zeit dazu fand, am liebsten einmal am Tag verhauen, und wenn nicht, dann wenigstens einmal die Woche, damit sie nicht vergaß, wer die Hosen anhatte. Ein paar Mal hatte er sogar Anstalten gemacht, mir den Hintern zu versohlen, und Daddy hatte das für eine ganz gute Idee gehalten. Aber entweder war Mama dazwischengegangen, wofür sie dann selbst von Daddy Prügel bezogen hatte, oder Onkel Gene hatte das Interesse daran verloren, weil ihm die Sauferei wichtiger war.

Jedenfalls hatte Onkel Gene beschlossen, dass es das Beste war, nach Hause zu fahren, und überließ Daddy seinem Schicksal.

Daddy versuchte mich dazu zu kriegen, dass ich mich zu ihm ans Feuer setzte, aber ich blieb, wo ich war. Wenn wir im Dunkeln allein waren, fasste er mich manchmal an, und das mochte ich nicht. Er behauptete, zwischen Vätern und Töchtern wäre das ganz normal. Jinx sagte, das stimmte nicht, aber das wusste ich auch so, denn es fühlte sich falsch an. Also hockte ich ein Stück vom Feuer entfernt, und obwohl es einigermaßen warm war, sah das Feuer einladend aus. Aber ich konnte nur daran denken, wie Daddy war. Wie sein Atem die meiste Zeit nach Whisky und Tabak roch. Wie seine Pupillen nach oben rollten, wenn er richtig betrunken war, und seine Augen dann so weiß wurden wie die eines verängstigten Pferdes. Wie sein Atem schneller ging, wenn er versuchte mich anzufassen. Also blieb ich im Halbdunkel sitzen, obwohl die Moskitos allmählich überhandnahmen.

»Du und diese kleine Schwuchtel, ihr sorgt nur für Unruhe, wo’s gar nicht nötig wär«, grummelte Daddy. »Wenn wir sie ins Wasser zurückgeschmissen hätten, wären wir jetzt zu Hause. Die meisten Sachen, die man sich aufhalst, kann man genauso gut sein lassen.«

Dazu sagte ich nichts.

»Wir hätten ein oder zwei Fische hierbehalten sollen, um sie über dem Feuer zu braten«, fuhr er fort, als wäre es meine Schuld, dass Onkel Gene sie alle eingepackt und weggeschleppt hatte. Ein paar hatte es noch ans Ufer gespült, aber er hatte keine Lust, sich vom Feuer zu erheben, sie zu putzen und zu garen. Und ich würde das ganz bestimmt nicht tun. Ich konnte an nichts anderes denken als an May Lynn. Mir war schlecht, und ich musste Daddy im Auge behalten, denn je betrunkener er war, desto dreister wurde er. Man wusste nie, wann er etwas Dummes oder Bedrohliches tun würde. So war er nun mal. Er konnte lachen und bester Laune sein, und bevor man sich versah, zog er sein Taschenmesser und drohte einem damit. Er machte nicht viel her, aber er war ein berüchtigter Hitzkopf und Messerkämpfer, und auch mit den Fäusten konnte er umgehen, und nicht nur, wenn er Frau und Kinder schlug. Dafür wurde er rasch müde und suchte sich dann einen Ort, wo er sich hinhauen konnte.

»Du glaubst wohl, du hast es ziemlich schwer, was, Mädchen?«

»Schwer genug«, erwiderte ich.

»Du hast ja keine Ahnung! Mein Vater hat mich öfter mal vor die Tür gesetzt, den Riegel vorgeschoben und mich ein oder zwei Nächte nicht wieder reingelassen. Und wenn, dann nur, weil die Kühe gemolken und die Eier eingesammelt werden mussten, und weil er jemand brauchte, den er verprügeln konnte.«

»Da ist der Apfel ja nicht weit vom Stamm gefallen.«

»Du hast in deinem ganzen Leben noch keine Kuh gemolken.«

»Wir hatten ja nie eine.«

»Ich werde mir eine zulegen, und dann wirst du sie melken. Genau wie ich früher.«

»Ich kann’s kaum erwarten«, sagte ich und hielt dann den Mund. Die Art und Weise, wie er den Kopf verrenkte und mit dem Schnapskrug herumfuchtelte, verriet mir, dass es besser war zu schweigen. Sonst würde demnächst der Krug durch die Luft segeln, und er würde sich mit fliegenden Fäusten auf mich stürzen. Also blieb ich sitzen, behielt die Augen offen und ließ ihn seinen Schnaps nuckeln.

Der Mond stand hoch am Himmel, und die Nacht lastete schwer auf dem Fluss, als wir schließlich ein Licht über den Hügel kommen sahen. Es folgte dem Weg, der mitten durch den dichten Wald zum Fluss führte. Begleitet wurde das Licht vom Poltern eines Pritschenwagens, dem Rumpeln der Reifen auf unebenem Untergrund und dem Rascheln der Äste, die seitlich über die Karosserie strichen.

Als der Wagen den Hügel hinter sich gelassen hatte, aber noch ein ganzes Stück vom Wasser entfernt war, hielt er an, und ich konnte hören, wie Constable Sy Higgins die Handbremse anzog. Den Motor ließ er laufen und die Scheinwerfer an. Er stieg aus dem Wagen wie ein Mann, der von einem großen Baum klettert und Angst davor hat, runterzufallen. Terry sprang auf der anderen Seite raus und lief rasch zu mir rüber. So leise, dass niemand es hören konnte, sagte er: »Er ist betrunken. Ich musste ihn aus dem Bett holen, und erst wollte er nicht kommen. Er hat gesagt, es wäre auch kein Unglück gewesen, wenn wir sie wieder ins Wasser geworfen hätten.«

»Und so jemand steht hier für das Gesetz«, erwiderte ich. »Jetzt fehlt nur noch der Pfarrer und der Bürgermeister, dann haben wir den ganzen stinkenden Haufen beisammen.«

Constable Sy schwankte den Hügel hinunter, wobei er mit einer Taschenlampe den Weg vor sich ausleuchtete, obwohl die Scheinwerfer des Wagens so hell waren, dass man einen Faden durch ein Nadelöhr hätte zwirbeln können. Er bewegte sich auf das Feuer zu, und sein Bauch hüpfte vor ihm auf und ab wie ein Hund, der ihn freudig begrüßte. Daddy stand auf, geriet ins Taumeln und fing sich im letzten Augenblick. Besoffene unter sich.

»Wo ist sie?«, fragte Higgins und schob sich seinen Fedora in den Nacken. In dem Moment konnte ich sein ausdrucksloses Gesicht und seine Augenklappe sehen. Im Gegenlicht wirkte das Auge wie ein schwarzer Tunnel. Gerüchten zufolge hatte es ihm eine Schwarze ausgekratzt, während er sie vergewaltigte. Das Holster, in dem seine Pistole steckte, war ihm angeblich von einem Indianerjäger aus seiner Verwandtschaft vererbt worden und aus Indianerhaut gefertigt. Wahrscheinlich hatte sich das nur jemand ausgedacht.

Constable Sy hatte sich nicht mal die Mühe gemacht, sich nach May Lynn umzuschauen. Schließlich war sie nicht mitten im Wald unter einer Plane versteckt. Ein einziges gesundes Auge genügte, um sie zu sehen. Sogar ein Blinder hätte sie sofort bemerkt.

Daddy führte ihn zum Fluss, während ich und Terry zuschauten. Constable Sy richtete die Taschenlampe auf die Leiche und die Nähmaschine. »Die hat sich das letzte Mal hingehockt, um zu pinkeln«, sagte er. »Aber die Nähmaschine ist vielleicht noch zu retten.«

Daddy und Constable Sy kicherten gemeinsam.

»Sie war ein anständiger Mensch«, sagte ich. »Jemand hat sie umgebracht. Sie ist hier das Opfer. Und daran ist überhaupt nichts komisch.«

Der Constable leuchtete mir direkt ins Gesicht. »Mädchen, du weißt doch, dass Kinder den Mund halten sollen, wenn sie nicht gefragt werden.«

»Das sag ich ihr auch immer«, murmelte Daddy.

»Ich bin kein Kind mehr«, erwiderte ich, senkte den Kopf und kniff die Augen zusammen. »Ich bin sechzehn.«

»Soso«, sagte der Constable und ließ das Licht von oben nach unten über mich wandern. »Ich seh schon, dass du nicht mehr so jung bist, wie ich dich in Erinnerung hab.«

Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber das Licht fühlte sich an wie eine heiße, gelbe Zunge; mir wurde davon ganz übel.

»Warum setzt du dich mit deiner Freundin nicht irgendwohin, wo ihr nicht im Weg seid?«, sagte Daddy.

Darüber musste Constable Sy kichern, was Daddy sichtlich gefiel. Das erkannte ich daran, wie er sich aufrichtete und die Brust vorschob. Nichts machte ihm mehr Spaß, als jemand eins reinzuwürgen, außer vielleicht jemand eins überzuziehen, wenn der nicht damit rechnete.

Terry seufzte, und wir gingen zum Feuer und setzten uns auf die Erde. Constable Sy stapfte zu seinem Wagen und nahm eine räudige Decke von der Ladefläche, und dann stießen er und Daddy die arme May Lynn mit den Stiefelspitzen darauf, wickelten sie ein und hievten sie auf die Pritsche. Als sie die Leiche fallen ließen, hörte sich das an, als hätte jemand einen großen, toten Fisch auf einen glatten, flachen Felsen geschleudert.

»Das hättet ihr auch ohne mich hinbekommen«, sagte Constable Sy. »Ihr hättet sie mitnehmen können, und dann hätten wir sie uns morgen früh angeschaut.«

»Mir ist lieber, dein Wagen stinkt, als meiner«, entgegnete Daddy.

2

May Lynn hatte keine Mama mehr, weil ihre Mama sich im Sabine River ertränkt hatte. Sie war zum Fluss runtergegangen, um Wäsche einzuweichen, aber stattdessen hatte sie sich ein Hemd um den Kopf gewickelt und war reingelaufen, bis das Wasser über ihr zusammenschlug. Als sie wieder hochkam, war sie mausetot gewesen, aber das Hemd hing ihr noch immer vorm Gesicht.

May Lynns Daddy kam nur dann nach Hause, wenn er es leid war, irgendwo anders zu sein. Wir wussten also nicht mal, ob er wusste, dass seine Tochter verschwunden war. May Lynn hat oft erzählt, dass ihr Vater nicht mehr derselbe war, nachdem ihre Mutter sich ertränkt hat. Ihrer Meinung nach lag das daran, dass sie sich dabei sein Lieblingshemd um den Kopf gewickelt hatte. Wahre Liebe, kann man da nur sagen. Und dann war vor Kurzem auch noch ihr Bruder Jake gestorben, den sie sehr mochte, und die Familie hatte nicht mal einen Hund, der sie jetzt hätte vermissen können.

Am Tag, nachdem wir sie gefunden hatten, wurde May Lynn in einen billigen Sarg gesteckt und an einem warmen Morgen in einem Armengrab auf dem Marvel Creek Cemetary beerdigt, direkt neben einem von Unkraut überwucherten Feld, auf dem es von Zecken und Sandflöhen nur so wimmelte. Ihre Mutter und ihr Bruder lagen auf demselben Friedhof, aber nicht in ihrer Nähe. Oben auf dem Hügel wurden die Reichen beerdigt. Hier unten war der Acker umsonst, aber selbst wenn man tote Verwandte hatte, wurde man eben dort verscharrt, wo es gerade passte. Ich hatte gehört, dass viele Gräber sogar übereinanderlagen, wegen Platzmangel.

Überall auf dem Friedhof spendeten Eichen und Ulmen Schatten. Nur dort, wo May Lynn lag, brannte die Sonne auf ein paar Erdhügel herab. Einige davon waren irgendwie markiert, oft mit kleinen Stöcken. Die Namen, die einmal darauf gestanden hatten, waren von der Sonne ausgebleicht oder vom Regen abgewaschen.

Der Constable war zu dem Schluss gekommen, dass May Lynn von einer unbekannten Person oder von unbekannten Personen ermordet worden sei, was ich ihm auch hätte sagen können. Damit war die Sache für ihn erledigt. Er behauptete, höchstwahrscheinlich wären irgendwelche Landstreicher am Fluss über sie hergefallen. Offenbar hatten sie ganz zufällig eine Nähmaschine dabeigehabt.

Er machte sich nicht die Mühe, nach dem Mörder zu suchen oder rauszufinden, was May Lynn da unten verloren hatte. Kein Arzt untersuchte ihre Leiche, um festzustellen, wie sie umgebracht worden war oder ob jemand ihr sonst etwas angetan hatte. Außer mich, Terry und Jinx kümmerte das niemand.

Der Gottesdienst wurde von einem Prediger aus dem Ort abgehalten. Er sagte ein paar Worte, die wohl genauso unaufrichtig geklungen hätten, wären sie über die tote Lieblingsmaus einer entfernten Verwandten gesprochen worden, die an Altersschwäche gestorben war.

Nachdem er seinen Sermon beendet hatte, ließen zwei Farbige den Sarg an Seilen in die Grube hinab und fingen dann an, Erde drüberzuschaufeln. Außer den Farbigen, dem Prediger und den Zecken waren wir die Einzigen, die an der Beerdigung teilnahmen – wenn man das denn eine Beerdigung nennen konnte.

»Man könnte meinen, sie hätten nur den Abfall rausgetragen, so hat sich der Prediger beeilt«, sagte Jinx, nachdem die anderen gegangen waren.

Jinx war genauso alt wie ich. Sie hatte Zöpfe, die ihr wie geflochtener Draht vom Kopf abstanden. Ihr Gesicht war niedlich, aber ihre Augen wirkten alt, wie bei einem Großmütterchen, das in ein Kind hineingestopft worden war. Sie trug ein Kleid aus einem blau eingefärbten Mehlsack, wobei die Schrift noch schwach durchschimmerte, und sie war barfuß. Terry hatte neue Schuhe an, und irgendwo hatte er sich eine schwarze Krawatte besorgt. Sie war zu einem groben Knoten gebunden und saß ihm eng um den Hals, sodass er aussah wie ein am oberen Ende zugeknoteter Beutel. Er hatte genug Öl in den schwarzen Haaren, um die Achse eines Lastwagens zu schmieren, was aber immer noch nicht genügte, um seine wilde Mähne zu bändigen. Sein Gesicht war ganz dunkel von der Sonne, und seine blauen Augen wirkten wie Stücke, die aus dem Himmel gebrochen worden waren. Keiner von uns war glücklich über das, was geschehen war, aber er nahm es besonders schwer; seine Augen waren ganz verheult.

»Niemand wird irgendwelche Anstrengungen unternehmen, um herauszufinden, was ihr zugestoßen ist. Ich vermute sehr, dass es nicht in Betracht kommt, nach der Wahrheit zu suchen.«

Ich fand es toll, wie Terry redete, denn so wie er drückte sich sonst keiner aus. Im Unterschied zu mir hatte er die Schule nicht abgebrochen – mir war sie einfach zu weit weg gewesen, und außerdem ging ich nicht gerne hin. Meiner Mutter, die recht gebildet war, gefiel das überhaupt nicht, aber sie kam nicht aus dem Bett, um sich darüber zu beschweren; dafür hätte sie ja die Schuhe anziehen müssen.

Terry ging gerne zur Schule. Sogar Mathe machte ihm Spaß. Seine Mutter war Lehrerin gewesen und unterrichtete ihn zusätzlich. Sein Vater war gestorben, als er noch jung war, und vor Kurzem hatte seine Mutter einen Ölhändler namens Harold Webber geheiratet, mit dem Terry überhaupt nicht zurechtkam. Webber hatte seiner Mutter verboten, weiter an der Schule zu unterrichten – er wollte, dass sie sich daheim um die Kinder kümmerte. Daraufhin machte sie sich als Näherin selbständig, aber auch das passte ihm nicht; sie musste ihre ganzen Stoffe fortwerfen, weil er der Meinung war, dass ein Mann für seine Frau sorgte und sie nicht arbeiten sollte, selbst wenn ihr etwas an der Arbeit lag. Letztlich spielte das aber keine Rolle, weil Arbeitsplätze, vor allem für Frauen, so selten waren wie getaufte Klapperschlangen.

Seit der Hochzeit wirkte Terry wie ein verängstigtes Kaninchen, das ganz schnell ganz weit wegrennen wollte.

Jinx konnte lesen und schreiben und auch etwas rechnen, genau wie ich, aber sie hatte das nicht in der Schule gelernt. Für Farbige gab es in dieser Gegend keine Schule, also hatte ihr Daddy, der eine Weile oben im Norden gearbeitet und dort lesen gelernt hatte, sie selbst unterrichtet. Er erzählte, dass es im Norden für Farbige in mancher Hinsicht besser war, weil die Leute dort so taten, als würden sie einen mögen, selbst wenn das nicht stimmte. Aber er kam zurück, weil er seine Familie und den Süden vermisste; hier wusste er wenigstens immer gleich, wer ein Schweinehund war, ohne erst rumraten zu müssen.

Doch als die Zeiten schlechter wurden, hinderte ihn das nicht daran, wieder in den Norden zu gehen. Er tat das äußerst ungern, wie er Jinx erklärte, und meinte das auch ehrlich, aber er musste Geld verdienen, das er dann an ihre Mutter schickte.

Keiner von uns war in Osttexas glücklich. Wir wollten alle weg, aber irgendwie schienen wir festzustecken wie tiefverwurzelte Bäume. Wenn ich daran dachte, von hier zu verschwinden, konnte ich mir einfach nicht vorstellen, was jenseits der Sümpfe und Wälder lag. Außer Hollywood. Und das auch nur, weil May Lynn ununterbrochen darüber geredet hatte. Bei ihr klang es großartig, obwohl sie nie dort gewesen war. Trotzdem, da wollte ich hin. Aber wie ich von Jinx gelernt hatte: Scheiß in eine Hand und wünsch dir was in die andere, und du wirst schon sehen, welche zuerst voll ist. Übers Beten sagte sie dasselbe, aber bisher konnte ich mich noch nicht dazu durchringen, es auszuprobieren.

Wir beschlossen, zu May Lynn nach Hause zu gehen und nachzuschauen, ob ihr Vater dort war, um ihm die schlechte Nachricht zu überbringen und ihm zu sagen, dass er die Beerdigung verpasst hatte. Wir vermuteten, dass er eh schon Bescheid wusste, falls er daheim war, und wenn nicht, wollten wir uns ein wenig umschauen. Ich kann’s nicht erklären, aber wahrscheinlich wollten wir May Lynn noch nicht loslassen, und wenn wir dort hingingen, wo sie gewohnt hatte, würde das die Erinnerung wachhalten.

Mit May Lynn hatte ich auch zahlreiche Hoffnungen begraben. Ich hatte immer damit gerechnet, dass sie nach Hollywood gehen und Filmstar werden würde, und dann würde sie nach Hause kommen und uns dorthin mitnehmen. Ich wusste nicht, warum, und auch nicht, was wir dort tun sollten, aber es war immer noch besser als die Vorstellung, hier aufzuwachsen und irgendeinen Kerl zu heiraten, der Tabak kaute, nach Whisky roch und mich mindestens einmal die Woche verprügelte und vielleicht von mir verlangte, dass ich die Haare hochgesteckt trug.

Aber das war alles Schnee von gestern, denn aus May Lynn wurde kein Filmstar. In Wahrheit hatten wir in letzter Zeit nicht mehr so viel mit ihr zu tun gehabt. Als sie zusammen mit der Nähmaschine aus dem Wasser aufgetaucht war, hatte ich sie wohl seit einem Monat nicht mehr gesehen. Terry und Jinx war es wahrscheinlich genauso ergangen.

Jinx behauptete, sie hätte gedacht, May Lynn wäre in einem Alter gewesen, in dem sie glaubte, dass sie nicht berühmt werden würde, wenn sie mit Farbigen herumhing. Jinx behauptete, ihr hätte das nichts ausgemacht, aber ich hatte da meine Zweifel. Jinx konnte äußerst nachtragend sein.

Letztlich hatte ich keine Ahnung, was May Lynn zugestoßen war. Niemand ging so gerne ins Kino wie sie, und sie fuhr mit jedem mit, um samstags in die Stadt zu kommen und sich einen Film anzuschauen. Männer nahmen sie nur allzu gerne mit. Ich hätte mich mitten auf die Straße legen und so tun müssen, als wäre ich tot, damit einer anhält, und auch dann wäre ich vielleicht wie eine tote Beutelratte überfahren worden. Gut möglich, dass May Lynn von dem Falschen mitgenommen wurde; einem wütenden Nähmaschinenvertreter zum Beispiel. Vielleicht war das weit hergeholt, aber immerhin machte ich mir mehr Gedanken über die Sache als Constable Sy.

Um von unserer Seite zu May Lynn nach Hause zu gelangen, musste man entweder zehn Meilen flussaufwärts bis zur Brücke laufen und am anderen Ufer dann wieder zehn Meilen zurück, oder man überquerte den Fluss mit dem Boot und hatte es dann nicht mehr weit.

Wir benutzten Daddys Boot, das mit dem kleinen Leck, und während ich und Terry ruderten, schöpfte Jinx mit der Kaffeekanne Wasser. Nach einer Weile übernahm ich das Schöpfen, und sie ruderte.

Bäume neigten sich weit über den Fluss hinaus, und dicht über der Wasseroberfläche hingen zahlreiche Lianen und Moosranken. Wie üblich schwammen überall Schildkröten und Wasserschlangen herum, langbeinige Vögel tauchten nach Fischen, und kleine Insekten tanzten über das Wasser.

Wir waren schon eine Zeitlang unterwegs, da sagte Jinx: »Habt ihr das gehört?«

»Was denn?«, fragte Terry. Er trug noch immer seine schwarze Krawatte, hatte jedoch den Knoten ein Stück nach unten gezogen.

»So ein Klopfen«, antwortete Jinx.

Wir ließen das Rudern und lauschten. Ich hörte es, ganz leise.

»Das sind Bäume, die im Wind gegeneinanderschlagen«, sagte Terry. »Sie stehen zu dicht beisammen, und deshalb machen sie solche Geräusche. Seht doch, wie stark der Wind ist.«

Ich betrachtete die Bäume, und sie bogen sich wirklich ganz schön. Auch das Wasser kräuselte sich.

»Kann schon sein, dass das der Wind ist«, sagte Jinx. »Aber das sind keine Bäume, die da gegeneinanderschlagen. Das sind Knochen.«

»Knochen?«, sagte ich.

Jinx deutete zum Ufer rüber, wo sich dichtes Gestrüpp um die Bäume geschlungen hatte. »Irgendwo dort im Dickicht lebt Skunk. Er hängt Knochen an Fäden auf, und wenn starker Wind weht, schlagen sie gegeneinander. Menschenknochen. Das hören wir da – Knochen.«

»Es gibt keinen Skunk«, entgegnete Terry. »Das ist ein Ammenmärchen. Wie der Ziegenmann, der im Wald hausen soll. Damit wollen sie nur den Kindern Angst einjagen.«

Jinx schüttelte den Kopf. »Skunk gibt es wirklich. Er ist ein großer Farbiger, eher rot als schwarz, mit verfilztem rotem Haar; er trägt es wild, wie einen Busch. Es heißt, dass er einen ausgetrockneten Sperling drin hängen hat. Er hat dunkle Augen, die so tot und ausdruckslos sind wie ein Mantelknopf. Es heißt, er kann leiser als ein Windhauch gehen und tagelang ohne Schlaf auskommen. Er schlägt sich wochenlang durch, indem er Wasser aus Schlammlöchern trinkt und Wurzeln isst, und weil er nur dann badet, wenn er in den Fluss fällt oder vom Regen erwischt wird, stinkt er wie ein Skunk, und man kann ihn schon von Weitem riechen.«

Terry lachte laut. »Red keinen Unsinn!«

»Er ist halb Indianer – Seminole oder Cherokee oder so was –, deshalb auch die rötliche Haut. Früher hat er als Fährtensucher in den Everglades drüben in Florida gelebt. Er ist ein eiskalter Killer. Niemand belästigt ihn, außer sie wollen jemand aufspüren oder umbringen. Er hackt seinen Opfern die Hände ab und nimmt sie als Beweis mit, dass er seinen Auftrag erledigt hat.«

»Selbst wenn es einen Kerl mit einem Vogel in den Haaren gibt, der Skunk heißt«, sagte ich, »glaub ich nicht, dass wir seine Knochen klappern hören; das sind Bäume, die gegeneinanderschlagen. Ich hab das früher schon gehört, und nicht nur hier.«

»Und wenn schon«, sagte Jinx. »Er zieht eh andauernd woandershin. Und wenn das Bäume sind und keine Knochen, heißt das noch lange nicht, dass es Skunk nicht gibt. Ich kenne Leute, die sind ihm begegnet. Ein Mann hat mir mal erzählt, er hätte Skunk beauftragt, seine Frau zu suchen, die davongelaufen war. Skunk hat das offenbar missverstanden, oder es war ihm egal. Jedenfalls hat er nur die Hände mitgebracht, die er ihr mit seinem Beil abgehackt hat. Der Alte, der mir die Geschichte erzählt hat, meinte, er hätte nicht nachgefragt, wo der Rest von ihr wäre, sondern Skunk den vereinbarten Lohn gegeben. Skunk wollte auch kein Geld; er wollte alle Decken von dem Mann und das ganze Essen, das er sich für den Winter eingemacht hatte, und seinen größten, fettesten Jagdhund. Der Alte hat brav alles rausgerückt. Dabei wusste er, dass Skunk selbst besser war als jeder Jagdhund. Vermutlich hat er das arme Vieh gegessen.«

»Und er hat einen blauen Ochsen namens Babe«, sagte Terry. »Und er kann einen Tornado mit dem Lasso fangen und darauf reiten wie auf einem Pferd.«

Jinx war so wütend, dass sie fast im Boot aufgesprungen wäre. »Er ist nicht so was wie Paul Bunyan oder Pecos Bill«, sagte sie. »Ihr wollt mich nur ärgern. Das ist nicht erfunden. Es gibt ihn wirklich. Und ihr solltet euch besser vor ihm in acht nehmen.«

»Ich wollte dich nicht ärgern, Jinx«, sagte Terry.

»Hast du aber«, erwiderte Jinx. »Und zwar ganz schön.«

»Tut mir leid.«

»Erzähl weiter, Jinx«, sagte ich, um sie zu besänftigen. »Was weißt du noch über ihn?«

»Er redet nicht viel, außer mit denen, die er umbringt. Es heißt, er kann gar nicht reden, nur komische Laute ausstoßen. Das weiß ich, weil Daddy mir erzählt hat, dass er jemand kennt, der Skunk entwischt ist, wenn auch nur durch Zufall. Skunk war beauftragt worden, ihn aufzuspüren. Nachdem er ihn gefunden hat, hat er ihn an einen Baum gebunden und wollte ihm gerade die Kehle durchschneiden und ihm die Hände abhacken. Der Baum, an den der Kerl gebunden war, stand direkt am Flussufer. Es war ein alter Baum, und der Mann stemmte sich verzweifelt mit den Füßen gegen den Boden, um von Skunk wegzukommen. Obwohl man ihm das nicht ansah, war der Baum total verfault, weil Ameisen seinen Stamm ausgehöhlt hatten. Der Mann erzählte Daddy, dass er die Ameisen spüren konnte, wie sie ihn bissen, aber er nahm ihnen das nicht übel, weil sie den Baum brüchig gemacht hatten, und während er die Beine gegen den Boden stemmte und den Rücken gegen den Stamm drückte, gab der Baum immer mehr nach. Er fiel rückwärts in den Fluss. Der Stamm schwamm auf dem Wasser und drehte sich dabei, und der Mann schnappte immer nach Luft, wenn er oben war. Schließlich fiel der Stamm endgültig auseinander, und dabei lösten sich seine Fesseln, und er schwamm zu einer Sandbank, ruhte sich aus und schwamm dann rüber ans andere Ufer. Natürlich hat ihm das alles nichts gebracht. Daddy hat erzählt, dass er ihn später nie wieder gesehen hat, was seiner Meinung nach daran lag, dass er nicht klug genug war, um in den Norden oder Westen abzuhauen, sondern hiergeblieben ist. Daddy vermutet, dass Skunk ihn irgendwann erwischt hat. Skunk gibt nicht so schnell auf, obwohl er manchmal von der Fährte abweicht, wenn er sich langweilt. Wenn es ihn dann wieder interessiert, macht er weiter. Und er hört erst auf, wenn er seine Beute aufgespürt hat.«

»Warum war Skunk hinter dem Mann her?«, fragte Terry.

»Keine Ahnung«, antwortete Jinx. »Jemand hat Skunk auf ihn angesetzt, also hat Skunk ihn gejagt. Ich geh davon aus, dass Skunk ihm die Hände abgehackt und sie demjenigen gegeben hat, der ihn beauftragt hat. Oder er hat sie behalten. Keine Ahnung. Was von dem Kerl übrig war, verfault jedenfalls irgendwo im Wald. Den sieht niemand wieder.«

Das Boot trieb träge dem Ufer entgegen. Wir fingen wieder an zu paddeln.

»Er ist dort im Wald«, sagte Jinx, die mit ihrer Skunk-Geschichte noch nicht zu Ende war. »Da, wo’s am finstersten ist. Er wartet nur darauf, dass ihn jemand anheuert. Er hockt in seinem Zelt aus Fellen, an dem die ganzen Knochen hängen und im Wind rasseln. Und irgendwann wickelt er die Knochen in das Zelt, schnallt es sich auf den Rücken, zieht weiter und schlägt irgendwo anders sein Lager auf. Dort wartet er dann, bis jemand nach ihm fragt. Man muss mit einem seiner Vettern reden, wenn man ihn finden will, denn sonst lässt er niemand in seine Nähe, und es heißt, dass sogar seine Vettern Angst vor ihm haben.«

»Wie ist er denn so geworden?«, fragte ich.

»Es heißt, seine Mutter hätte ihn nicht mehr ausstehen können, weil er verrückt war, also ist sie mit ihm, als er zehn wurde, zum Geburtstag auf den Fluss rausgerudert, hat ihn ins Wasser geworfen und ihm mit dem Paddel eins übergezogen. Er war aber nicht tot, sondern nur betäubt, und wurde ans Ufer gespült. Seither lebt er am Fluss und in den Wäldern. Später haben sie seine Mutter gefunden. Jemand hat ihr die Hände abgehackt und mit einem Paddel den Schädel eingeschlagen.«

»Geradezu mustergültig«, sagte Terry und lachte.

»Lach du nur«, erwiderte Jinx. »Aber glaub mir lieber. Skunk ist da draußen. Und wenn du ihm begegnest, dann war’s das für dich.«

3

Schließlich näherten wir uns der Stelle am Fluss, wo May Lynn gewohnt hatte, paddelten rüber und sprangen ans Ufer. Terry hielt das Seil fest, das vorne ans Boot gebunden war, und schlang es um einen Baumstumpf am Wasser. Dann zogen wir das Boot sicherheitshalber so weit raus, bis das Loch auf der Erde auflag.

Bevor wir zum Haus hochgingen, blickte Jinx auf den Fluss raus und zeigte mit dem Finger. Das tat sie andauernd. Zeigte auf dies, zeigte auf das. Jedes Mal, wenn wir dort waren, zeigte Jinx auf die Stelle, wo May Lynns Mutter mit dem Hemd um den Kopf ins Wasser gegangen war.

»Genau da war es«, sagte sie, als wüssten wir das nicht.

Wir liefen den von Kiefernnadeln bedeckten Hang rauf. Das Haus stand auf einem Hügelkamm, leicht erhöht auf ein paar schiefen Kreosotpfählen; es war dort oben gebaut worden, damit es nicht davonschwamm, wenn der Fluss übers Ufer trat. Allerdings machte es auch so schon den Eindruck, als würde der ganze Kladderadatsch demnächst den Hang runterpurzeln und in den Fluss fallen, ungefähr da, wo May Lynns Mama ertrunken war.

Als wir oben ankamen, riefen wir laut: »Hallo, ist da jemand?«, damit May Lynns Daddy nicht erschrak und uns eine Ladung Schrot in den Hintern jagte.

Keiner antwortete, aber wir warteten trotzdem noch eine Weile. Nur falls er seinen Rausch ausschlief. Ein Stück hangaufwärts befand sich ein Klohäuschen, und von dort verlief ein Graben nach unten ins Wasser, die Kanalisation. Der Inhalt des Plumpsklos rauschte in dem Graben den Hügel runter und in den Fluss. Terry betrachtete die Toilette einen Moment und sagte dann: »Besonders hygienisch ist das aber nicht. Man soll seine Ausscheidungen vom Wasser fernhalten. Das weiß doch jeder! Deshalb gräbt man auch eine Latrine, keinen Ablauf. Reine Faulheit, das.«

»Ihr alter Herr ist eben faul«, erwiderte ich. »Was willst du machen?«

Wir standen unterhalb des Hauses und warteten, ob jemand rauskam. Als alles ruhig blieb, riefen wir noch mal, alle drei gemeinsam. Wieder nichts.

Eine Treppe führte die letzten paar Meter zu der verwitternden Veranda rauf, und wir stiegen sie hoch. Die Stufen schwankten bei jedem Schritt. An den Seiten waren sie mit Holzleisten an der Plattform festgemacht, und wo die letzte Stufe hätte sein sollen, gähnte ein Loch. Man musste einen Riesenschritt machen und vorsichtig auf die Veranda klettern, die heftig wackelte, als wir sie schließlich erreicht hatten.

Wir riefen ein letztes Mal, aber noch immer antwortete niemand. Außer Cletus Baxter wohnte da auch keiner mehr. May Lynns Bruder Jake war vor etwa einem Jahr umgekommen. Angeblich hat er Banken überfallen, aber die meisten Leute behaupten, er hätte nur Tankstellen ausgeraubt. Zwischendurch versteckte er sich unten am Sabine River, und niemand verriet ihn an die Polizei. Er war nicht unbedingt beliebt, aber er war hier geboren, hatte eine Pistole und wurde schnell wütend – mit so jemand wollte sich keiner anlegen.

Natürlich wusste Constable Sy Higgins, wo er steckte, aber ihn kümmerte das alles nicht, solange Jake ihm seinen Anteil bezahlte. Constable Sy, so erzählten sich die Leute, hörte immer gerne, dass Jake wieder einen Überfall durchgezogen hatte, denn dann konnte er sich ein paar Flaschen Whisky oder eine neue Augenklappe leisten.

Bevor irgendwelche Gesetzeshüter, die ihren Job ernst nahmen, Jake aufspüren konnten – wenn es denn überhaupt jemand versuchte –, erkältete er sich, bekam eine Lungenentzündung und starb hier im Haus.

Nachdem wir geklopft hatten und niemand an die Tür kam, sagte Terry: »Was um Himmels willen haben wir hier verloren? May Lynn liegt auf dem Friedhof.«

Ich war die Einzige, die Cletus Baxter schon mal begegnet war. Besucht hatten wir May Lynn alle, aber da war Cletus nie zu Hause gewesen. Als ich ihm über den Weg gelaufen war, hatte er mich nicht mal mit einem Kopfnicken oder einem Furz begrüßt. Ihre Mama hatten wir alle gekannt; eine stille, dünne Frau mit Haaren wie feuchter Weizen und einem Gesicht, in dem die ganze Traurigkeit der Welt lag.

Sogar Jake hatten wir mal getroffen; ein gutaussehender Mann mit dunklen Augen und einer Narbe über der rechten Wange, wo ihm eine alte Flinte losgegangen war, als er etwa in unserem Alter gewesen war. Er war ganz freundlich gewesen, hatte uns aber die ganze Zeit angeschaut, als wären wir von der Bundespolizei und würden ihn jeden Moment abknallen, weil er an einer Tankstelle fünfundzwanzig Dollar geklaut hatte.

»Schon merkwürdig«, sagte ich. »Jetzt sind wir hier und wissen nicht, warum.«

»Wir sind einfach nur neugierig, deshalb«, sagte Jinx.

Ich klopfte noch einmal an der Tür, und dieses Mal gab sie nach. Wir standen alle da und glotzten den offenen Spalt an. Dann streckte ich die Hand aus, versetzte der Tür einen Stoß und trat über die Schwelle, als hätte mich jemand reingebeten.

»So etwas tut man nicht«, sagte Terry.

»Da hast du wohl recht«, sagte Jinx.

Aber keiner von beiden kehrte um. Sie blieben mir dicht auf den Fersen.

Das Haus bestand aus einem einzigen Raum mit schiefem Boden; er war mit Decken unterteilt, die über Schnüren hingen, damit man sie hin- und herschieben konnte. May Lynns Daddy beanspruchte am meisten Platz für sich, sein Bereich war mit mehreren Decken abgetrennt. Eine davon war beiseitegezogen, und da standen eine Liege und ein kleiner Tisch mit einer Bibel, in der haufenweise Zettel steckten. Als ich genauer hinsah, stellte ich fest, dass das lauter Zigarettenpapierchen waren. Daneben entdeckte ich eine Tabakbüchse, und überall – auf dem Bett, dem Tisch, dem Boden – waren Tabakkrümel verteilt, wie Hautschuppen. Mir fiel wieder ein, dass ich ihn einmal beobachtet hatte, wie er sich eine Zigarette drehte, und dabei hatten seine Hände so sehr gezittert, dass er überall Tabak verstreut hatte.

Ein Teil des Raums war als Kochnische abgetrennt worden, mit einem Holzofen, von dem ein Rohr zu einem Loch führte, das neben dem Fenster in die Wand gesägt worden war. Vor dem Fenster hing ein Vorhang aus dem gleichen Stoff mit dem blauen Blümchenmuster wie May Lynns Kleid.

May Lynns Bereich war ebenfalls mit Decken abgeteilt, aber besonders groß war er nicht. Falls Jake irgendwo hier gewohnt hatte, hatte sein Vater den Platz inzwischen für sich beansprucht. Kaum zu glauben, dass hier mal vier Menschen gewohnt hatten.

Wir schoben May Lynns Decken beiseite und warfen einen Blick dahinter. Auf dem Boden lag eine kleine Federmatratze voller Wasser- und Schweißflecken mit zwei dünnen Kissen drauf. Eines der Kissen war mit dem gleichen Material bezogen wie ihr Kleid und der Küchenvorhang. Das andere hatte keinen Bezug. An der Wand stand eine Kommode mit einem Spiegel; der Spiegel hatte einen Sprung. Die Kommode hatte May Lynns Mutter gehört und war das einzige Möbelstück im ganzen Haus.