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Warum musste Fred Kowalski, Hauptkommissar beim Morddezernat Hamburg, sterben? Und dann trifft es drei Tage später auch noch seinen Zwillingsbruder Paul, der kurz zuvor eine junge Frau vergewaltigt und getötet hat. Auch er wird vergiftet. Zufall? Wie ein Schemen taucht der unheimliche Mörder auf und verschwindet nach jeder neuen Tat so spurlos, als hätte es ihn nie gegeben. Er will sich rächen. Doch wofür? Und welches geheimnisvolle Band verknüpft den Künstler Voltaire mit dem skrupellosen Paul? Die schöne Galeristin Julia van Dangen hat den Mörder gesehen. Auf Anraten des Kommissars Sven Sörensen und der Psychiaterin Karla, ihrer Schwester, zieht sich Julia auf die Baleareninsel Mallorca zurück, um der Gefahr eines Mordanschlags zu entfliehen. Hier lernt sie den zehnjährigen, gehbehinderten Roul und dessen Großmutter Tessa Alvarez kennen, die über die Gabe des zweiten Gesichts verfügt. Wird Tessa Julia vor dem Mörder schützen können? Und wird die zart keimende Liebe zwischen Julia und Kommissar Phil Thomsen Erfüllung finden? In einem spektakulären, überraschenden Finale klären sich die Zusammenhänge, Rätsel und das Motiv des schemenhaften Mörders.
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Bärbel Junker
Dunkle Tiefen der Seele
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Inhaltsverzeichnis
Titel
ZUM BUCH
VERWECHSLUNG!
DER ZWILLINGSBRUDER
KARLA UND JULIA
TÖDLICHE BEGIERDE!
TREFFEN MIT KARLA
BENJAMIN PORELLA
DAS TOTE MÄDCHEN
MANIPULATIONEN!
TÖDLICHER IRRTUM!
AUF DER VERNISSAGE
TOD EINES KÜNSTLERS
HASS!
DER GOLDENE FLACHMANN
DUNKLE SCHATTEN
ACH JA, DIE LIEBE!
HYPNOTISCHE WIRKUNG
HABGIER!
GESPRÄCH MIT LORETTA JUNG
ANKUNFT AUF MALLORCA
PAULINE BOCARAS ENDE
BESTIMMUNG!
EINE MILLION EURO!
AUSFLUG NACH DEYÀ
DR. ALFONSO RAMIREZ
ERPRESSUNG!
TESSAS WARNUNG!
VERSCHLOSSEN IN EINER AUSTER!
EINE SPEKTAKULÄRE ENTDECKUNG!
DES MÖRDERS BESTIMMUNG!
VERGEBLICHE SUCHE!
BLICK IN DIE VERGANGENHEIT
SVENS VERDACHT!
MISSGLÜCKTER MORDVERSUCH!
KRANKENBESUCH
EINE WARNENDE STIMME
PSYCHOLOGISCHE BETRACHTUNG
RENDEZVOUS MIT JULIA
ENTTÄUSCHUNG!
KARLAS VERDACHT!
DER UNFALL
VERWIRRTER MÖRDER!
BESUCH BEI LENA WISCHNEWSKI
WO IST JULIA?
TOMMY MIRNAU
DER ANRUF!
VERZWEIFLUNG!
BLACKOUT!
GRAUENHAFTE ERKENNTNIS!
DREI JAHRE DANACH!
EPILOG
Leseprobe
Impressum neobooks
Warum musste Fred Kowalski, Hauptkommissar beim Morddezernat Hamburg, sterben? Und dann trifft es drei Tage später auch noch seinen Zwillingsbruder Paul, der kurz zuvor eine junge Frau vergewaltigt und getötet hat. Auch er wird vergiftet. Zufall?
Wie ein Schemen taucht der unheimliche Mörder auf und verschwindet nach jeder neuen Tat so spurlos, als hätte es ihn nie gegeben. Er will sich rächen. Doch wofür?
Und welches geheimnisvolle Band verknüpft den Künstler Voltaire mit dem skrupellosen Paul?
Die schöne Galeristin Julia van Dangen hat den Mörder gesehen. Auf Anraten des Kommissars Sven Sörensen und der Psychiaterin Karla, ihrer Schwester, zieht sich Julia auf die Baleareninsel Mallorca zurück, um der Gefahr eines Mordanschlags zu entfliehen.
Hier lernt sie den zehnjährigen, gehbehinderten Roul und dessen Großmutter Tessa Alvarez kennen, die über die Gabe des zweiten Gesichts verfügt. Wird Tessa Julia vor dem Mörder schützen können?
Als Fred Kowalski an diesem strahlend schönen Sommertag erwachte wusste er, etwas Schreckliches würde geschehen. Er starrte gegen die Zimmerdecke und schalt sich einen Narren, doch das ungute Gefühl blieb. Seufzend schlug er die weiche Daunendecke zurück und stand auf.
Nach dem Duschen fühlte er sich zwar besser, aber eine düstere Vorahnung blieb. Ein gutes Frühstück mit frischen Brötchen wird die düsteren Gedanken schon vertreiben, dachte Fred, und schlüpfte eilig in Jeans, T-Shirt und Lederjacke.
Wenig später öffnete er die Tür zum Bäckerladen und trat ein. An dem einzigen Caféhaustisch neben der Eingangstür stand ein schwarz gekleideter Mann, der die Morgenzeitung las. Als Fred an ihm vorbeiging hob er den Kopf mit dem breitkrempigen schwarzen Hut und starrte ihm hinterher; und obwohl die dunklen Brillengläser die Augen des Fremden verbargen, spürte er deren stechenden Blick wie Nadelstiche auf seiner Haut.
Fred bezahlte hastig seine drei Vollkornbrötchen, um den Augen hinter den dunklen Gläsern zu entfliehen. Mit knurrendem Magen eilte er nach Hause. Als er jedoch vor dem Teller mit den belegten Brötchen saß, verging ihm plötzlich der Appetit. Er nippte an seinem Kaffee und starrte vor sich hin.
Was war bloß mit ihm los?
Da hatte er nun endlich mal einen freien Tag und wusste nichts Besseres damit anzufangen, als trübsinnig in seine Tasse zu starren.
Der Türsummer schreckte ihn auf. Wer mochte das sein? Er erwartete keinen Besuch und wollte auch niemanden sehen. Er würde einfach nicht aufmachen. Doch er hatte nicht mit der nervtötenden Ausdauer seines ungebetenen Besuchers gerechnet. Das Klingeln hielt an.
„So eine Frechheit“, schimpfte Fred. Er sprang auf und eilte zur Wohnungstür. Durch den Spion erkannte er den Unbekannten aus dem Bäckerladen. War der Mann ihm etwa gefolgt? Und wenn schon! Er hatte absolut keine Lust sich auch noch in seiner Freizeit mit Fremden abzugeben. Er wollte seine Ruhe haben. Fred zuckte mit den breiten Schultern und wandte sich ab.
„Bitte öffnen Sie, Herr Kowalski. Ich weiß, dass Sie zu Hause sind.“
Fred fühlte sich ertappt und öffnete zögernd die Tür. „Ja, bitte?“, fragte er verlegen. „Kennen wir uns?“
„Nein, aber ich muss Sie unbedingt sprechen. Sie sind doch bei der Polizei?“
„Ja, das ist richtig“, erwiderte Fred. „Was kann ich für Sie tun?“
„Darf ich kurz hereinkommen?“, bat der Mann heiser. „Es ist wirklich wichtig. Ich glaube, meine Schwester befindet sich in großer Gefahr.“
Und obwohl ihn eine innere Stimme warnte und er üblicherweise keine Fremden in seine Wohnung ließ, siegte Freds Hilfsbereitschaft. Er öffnete die Tür. „Ich wollte gerade frühstücken. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?“, fragte er auf dem Weg zum Esszimmer. Der Mann nickte. „Schwarz, bitte“, sagte er, und Fred holte eine zweite Tasse Kaffee aus der Küche.
Als er zurückkam, hatte der Mann bereits am Tisch Platz genommen. Fred stellte die Tasse auf den ovalen Mahagonitisch und nahm dem Fremden gegenüber Platz. „Also, was kann ich für Sie tun?“, fragte er, wobei er befremdet die in feinen Lederhandschuhen steckenden Hände seines Besuchers musterte.
„Eine unangenehme Hautkrankheit“, erklärte dieser und hob die Tasse an den Mund. Er starrte Fred über den Tassenrand an. „Sie erkennen mich nicht, oder?“, stieß er hervor.
Fred runzelte die Stirn. „Ich habe Sie noch niemals zuvor gesehen“, sagte er kühl und trank seinen Kaffee aus. „Wer sind Sie? Und was wollen Sie?“
„Meinen Namen erfahren Sie schon noch früh genug“, entgegnete der schwarz gekleidete Besucher aggressiv.
Jetzt wurde der Kerl auch noch frech! „Verlassen Sie sofort meine Wohnung“, verlangte Fred empört über den unverschämten Ton seines Besuchers.
„Ich denke nicht daran“, erwiderte dieser frech.
Fred musterte ihn fassungslos. Das durfte doch nicht wahr sein! Er setzte zu einer gepfefferten Antwort an, brachte jedoch keine Silbe hervor. Seine Mundhöhle verwandelte sich von einer Sekunde auf die andere in kochend heiße Lava, die sich brennend in seinen Rachen ergoss, ihm den Schweiß aus sämtlichen Poren trieb und seinen bräunlichen Teint grünlich verfärbte.
„Ist Ihnen nicht gut?“, drang die Stimme seines Besuchers so dumpf wie durch eine dichte Nebelwand an sein Ohr.
„Mir ist plötzlich so übel“, murmelte Fred unter einem, bis ins Mark gehenden, Kälteschauer erbebend. Er riss sich zusammen und starrte den Mann aus blutunterlaufenen Augen an. „W...was wo ...“. Eine plötzliche Hitzewelle nahm ihm den Atem. Stechende Schmerzen tobten durch seine Gedärme. Sein schweißüberströmtes Gesicht verzog sich gequält.
„Was ist nur plötzlich mit mir los?“, flüsterte er mit verzerrtem Gesicht. Er hatte Mühe beim Atmen. Unerträgliche Kälteschauer vertrieben die Hitze, breiteten sich in seinem Körper aus und kristallisierten die Schweißperlen auf seinem Gesicht. „W...wer si...sind Sie?“, stammelte er unter Qualen. Sein Besucher starrte ihn an. „Bitte, helfen Sie mir“, keuchte Fred. Er versuchte aufzustehen, doch seine kraftlosen Beine trugen ihn nicht. Er stürzte, schlug schwer auf dem Boden auf und blieb zusammengekrümmt liegen. Mein Gott! Ich sterbe, schoss es ihm durch den Kopf.
Ein Stuhl wurde zurückgeschoben. Schritte näherten sich. Kurz darauf ragte der unheimliche Fremde wie ein Rachegott über ihm empor und starrte aus funkelnden Augen auf ihn und sein Elend herab.
Fred sah stöhnend in das mitleidlose Gesicht über sich. Bittend hob er die Hände. „Helfen Sie mir“, flehte er unter einer neuerlichen Schmerz- und Kältewelle erbebend.
„Helfen?! Ausgerechnet dir soll ich helfen?“, stieß der Mann hasserfüllt hervor. „Von wegen! Ich werde sie rächen, du verdammter Mistkerl!“, keifte er mit sich überschlagender Stimme. „Na, fällt endlich der Groschen?“
„Wer – wer ...?“, stöhnte Fred. Doch ein entsetzlicher Krampf in seinen Eingeweiden verhinderte jedes weitere Wort.
„Wer, wer“, äffte ihn sein herzloser Besucher nach. „Du weißt, weshalb ich gekommen bin. Ich sagte doch: Ich werde sie rächen“, zischte er. „Du fragst dich wie? Na, wie wohl!“
„Du stirbst!
Du stirbst hier und jetzt, und ich werde deinen Todeskampf bis zur letzten Sekunde genießen.“
„Wo...wovon reden Sie?“, presste der todgeweihte Mann mit letzter Kraft hervor. Gift! Der Kaffee! schoss es ihm blitzartig durch den Kopf. Er hat mich vergiftet. Und er hat Recht! Ich sterbe wirklich. Mit allen Fasern seines Körpers spürte er das Absterben seiner Glieder; und das grauenhafte Kältegefühl war kaum noch zu ertragen. Seine Atmung verlangsamte sich von Sekunde zu Sekunde. Er spürte den nahenden Tod.
Aber ... W A R U M ?!
Wieso sprach der Mann von Rache? Rache wofür? Und woher sollte er ihn kennen? War der Fremde verrückt?
Dieser ragte noch immer über ihm auf und starrte hasserfüllt auf sein Opfer herab. „Sieh her“, knurrte er und nahm die große Sonnenbrille ab. Vorsichtig rieb er sich mit einem Taschentuch die Schminke ab.
Fred starrte in das Gesicht. Er kannte es, aber woher? Und obwohl dem Tod bereits so nah, arbeitete sein Polizistengehirn noch immer tadellos. Er sah den kaum verheilten tiefen Riss über der Augenbraue und die im Abklingen begriffenen Blutergüsse, registrierte die blauvioletten Flecken auf den Wangen ebenso wie die lange, kaum verheilte Narbe am linken Nasenflügel. Schlimme Verletzungen von brutaler Menschenhand, erkannte Fred. Nur, was hatte das mit ihm zu tun?!
Er versuchte zu sprechen, brachte aber nur ein unverständliches Krächzen hervor. Dafür begann sein mitleidloser Besucher zu reden. Doch vorher erhielt Fred einen Tritt in die Rippen, den er jedoch schon nicht mehr spürte. Er sah ihn zwar kommen, doch der Schmerz blieb aus; seine Gliedmaßen waren bereits abgestorben.
Was für ein Gift hat mir der Verrückte verabreicht, überlegte er. Strychnin? Blausäure? Nein, Blausäure nicht; den Geruch hätte ich bemerkt. Also Strychnin? Nein, auch nicht. Die Symptome sind anders, und der Tod stellt sich schneller ein. Aber schließlich war das für ihn nicht mehr wichtig. Er starb so oder so. Was sagte der Mann gerade?
„... und ich dachte noch: Geh zur Polizei. Schalte die Polizei ein. Ausgerechnet die Polizei! Du Perversling bist doch die Polizei! Mein Gott! Wie ich dich hasse!“, keuchte der Unbekannte und versetzte Fred noch einen Tritt. „Weißt du jetzt, weshalb ich gekommen bin?“, zischte er.
„Nei...ein“, stöhnte Fred.
„Aber jetzt?“, keuchte der Mann und riss sich den Schlapphut vom Kopf.
„Wa...as? Wie...wieso?!“, stöhnte Fred.
„Na? Begreifst du jetzt?“
Fred versuchte zu sprechen, zu fragen, zu erklären, brachte jedoch nur ein einziges Wort hervor:
„VERWECHSLUNG“
Sein Mörder starrte ihn an.
„VERWECHSLUNG!“, keuchte Fred entsetzt. Und in einer letzten Erkenntnis, bereits auf den Stufen ins Jenseits, schoss ihm ein Name durch den Kopf:
PAUL! Mein Gott! PAUL!
Sein durchtrainierter Körper bäumte sich auf. Ein letztes, gequältes Stöhnen. Dann Stille.
Es war vorbei. Fred Kowalski war tot.
Minutenlang starrte der Mörder auf den Toten zu seinen Füßen. Endlich hatte er sich gerächt! Drei Tage lang hatte er Fred Kowalski beobachtet und verfolgt; hatte nach einer Chance gesucht es ihm heimzuzahlen. Und es war ihm gelungen!
Er starrte auf den Leichnam und ... fühlte nichts. Wo blieb der Triumph dieses Monster bestraft zu haben? Wo, das euphorische Gefühl der Genugtuung? Nur Leere. Absolute Leere.
„Er hat den Tod verdient!“, rief der Mörder in die Stille des Raumes und zuckte vor dem Klang seiner eigenen Stimme erschrocken zurück. Hastig stülpte er sich den Hut über den Kopf und zog ihn tief ins Gesicht. Jetzt noch die Sonnenbrille! Er musste hier raus! Plötzlich bekam er keine Luft mehr. Die Stille des Raumes drohte ihn zu erdrücken. Er hastete aus dem Zimmer und öffnete vorsichtig die Wohnungstür. Er lauschte. Nichts! Im Treppenhaus hielt sich niemand auf. Geräuschlos zog er die Tür hinter sich zu und eilte die Treppe hinunter. Aufatmend trat er in den hellen Tag hinaus. Mit ruhigen Schritten ging er davon.
Kommissar Sven Sörensen starrte auf den vor ihm liegenden Bericht des Gerichtsmediziners. Das konnte doch nicht wahr sein! Wer sollte seinem Partner etwas so Entsetzliches antun? Und doch wurde da in nüchternen Worten der grausame Todeskampf seines besten Freundes beschrieben:
Fred war durch Aconitin, dem Hauptalkaloid des “Aconitum napellus – auf Deutsch: „Blauer Eisenhut“ – aus der Familie der Hahnenfußgewächse, Ranunculaceae, getötet worden. „Eine äußerst seltene Tötungsart“, hatte der Polizeiarzt gesagt.
„Wie schnell wirkt das Gift?“, hatte er gefragt.
„Schnell. Sehr schnell“, war die Antwort des Mediziners gewesen.
Auf die Frage, ob Fred hatte leiden müssen, hatte ihn der Arzt stumm angesehen und nach einer Weile leise gefragt: „Sind Sie sicher, dass Sie das wirklich wissen möchten? Er war doch Ihr Freund, oder?“
„Ja, Doktor. Er war mein bester Freund und gerade deshalb muss ich es wissen. Ich muss alles wissen, und sei es noch so fürchterlich, nur dann kann ich seinen Mörder finden.“
„Also gut. Dann also die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, hatte der Arzt geseufzt. „Ja, er hat gelitten. Da gibt es nichts zu beschönigen. Aconitin verursacht bereits wenige Minuten nach der Aufnahme folgende Symptome: Starkes Brennen im Mundbereich; Schweißausbrüche und Frösteln; dann Übelkeit, Erbrechen verbunden mit unerträglichem Kältegefühl. In der Endphase sterben die Gliedmaßen ab, die Atmung verlangsamt sich und nach etwa zwanzig Minuten tritt der Tod ein“, dozierte der Arzt, wobei er Svens entsetzten Blick mied.
„Mein Gott“, hatte er kreidebleich gemurmelt und sich überstürzt verabschiedet. Er war zur Toilette geeilt und hatte sich fast die Seele aus dem Leib gewürgt. Und jetzt saß er hier, las immer wieder den sachlichen Bericht des Arztes und vermochte es doch nicht zu glauben.
Er hatte seinen Freund gefunden. Hatte ihn mit gebrochenen Augen auf dem Teppich des Esszimmers liegend gefunden. Entsetzlich war es gewesen, so entsetzlich, dass der Anblick sich in allen grausamen Einzelheiten wie ein Foto in sein Gedächtnis gebrannt hatte. Er wurde es einfach nicht mehr los. Doch vielleicht würde es verblassen und durch ein schöneres aus glücklichen Tagen ersetzt werden, sobald Freds Mörder seine gerechte Strafe erhalten hatte. Jedenfalls hoffte er das aus tiefstem Herzen. Sven strich sein dichtes, dunkelblondes Haar aus der Stirn und seufzte.
„Die Ergebnisse der Spurensicherung“, sagte sein Kollege Tom Curtis so dicht an seinem Ohr, dass er erschrocken herumfuhr und Curtis den Bericht aus der ausgestreckten Hand schlug. Eine Entschuldigung murmelnd raffte Sven hastig die einzelnen Blätter zusammen, während sein Kollege kopfschüttelnd davonstiefelte.
Aber dessen Freund war Fred ja schließlich auch nicht gewesen, dachte Sven und begann zu lesen.
„Verdammt, nichts Neues. Keine Spur. Nicht das winzigste Indiz. Einfach gar nichts“, murmelte er verzagt. Wer, zum Teufel, konnte auf die wahnsinnige Idee verfallen einen Mann wie Fred umzubringen? Einen Mann, der die Höflichkeit und Hilfsbereitschaft in Person gewesen war? Er konnte sich einfach kein Motiv für diese Tat vorstellen.
GEWESEN! JA! GEWESEN!
Die entsetzliche Wirklichkeit erglühte in Leuchtbuchstaben vor seinem inneren Auge.
GEWESEN! AUS UND VORBEI!
Nie wieder Freds warmes Lachen, seine Freundlichkeit und sein Verständnis. Svens Augen füllten sich mit bitteren Tränen. Gramerfüllt vergrub er das Gesicht in seinen bebenden Händen. Er litt schrecklich unter dem plötzlichen Verlust seines Freundes. Ihn bei einem Polizeieinsatz zu verlieren wäre schlimm genug gewesen, ihn jedoch unter diesen Umständen zu verlieren, machte ihn fix und fertig.
Er rang um Fassung; und der Gedanke an das verweinte Gesicht von Freds Freundin half ihm dabei. Wie musste ihr erst zu Mute sein. Er hatte seinen besten Freund verloren, Karla jedoch ihren Lebenspartner nach kaum einem halben Jahr. Traurig dachte er an die wundervollen Abende, die er zusammen mit Fred und Karla verbracht hatte.
Wie sehr hatte er seinen Freund heimlich um diese kluge und bezaubernde Frau beneidet. Jetzt schämte er sich dafür, obwohl kein schlechter Gedanke in ihm gewesen war. Nur Bewunderung und die Hoffnung, auch irgendwann einmal einer solchen Frau zu begegnen. Nach Freds Tod sei er ihr eine wichtige Stütze in ihrem Leid, hatte sie ihm weinend gestanden. Er war sehr glücklich über ihr Vertrauen. Er würde sie niemals enttäuschen!
„Sven, du sollst zum Chef kommen“, drang die dunkle Stimme seines neuen Partners Phil Thomsen, einem langjährigen Freund von Fred und ihm, in seine Gedanken. „Alles in Ordnung?“, fragte Phil.
„Danke, es geht schon“, murmelte Sven. „Was will der Alte von mir?“
„Es geht wohl um den Mord an Fred.“
Sven nickte und stand auf. Als er nach kurzem Anklopfen das geräumige Büro seines Chefs betrat, stach ihm sofort ein dicker Aktenstapel ins Auge, der ihn innerlich aufstöhnen ließ. In einer blitzartigen Vision sah er sich in Hemdsärmeln nächtelang, mit vor Übermüdung tränenden Augen, davor sitzen. Seine Vision sollte sich bewahrheiten.
„Das sind von Fred Kowalski erfolgreich bearbeitete Fälle, wo die Täter bei ihrer Festnahme oder im Gerichtssaal Drohungen gegen ihn ausgestoßen haben. Einer von ihnen könnte sein Mörder sein. Überprüfen Sie das, Sörensen“, verlangte sein Boss.
Sven runzelte die Stirn und heftete seine graublauen Augen zweifelnd auf den umfangreichen Aktenstapel. „Ich glaube nicht, dass wir den Täter unter den üblichen Verbrechern finden werden“, meinte er skeptisch. „Die Tötungsart passt ganz einfach nicht zu einem Profi.“
„Und weiter?“
„Ein Profi hätte Fred erschossen oder erstochen oder vielleicht mit einem Sprengsatz in die Luft gejagt, aber ihn doch nicht mit einem so ausgefallenen Gift wie Aconitin umgebracht, noch dazu in seiner Wohnung. Fred hätte doch keinen Ganoven hereingelassen und ihm auch noch Kaffee angeboten.“
„Trotzdem könnte die Tat ein Racheakt gewesen sein.“
„Aber von wem? Fred war äußerst vorsichtig und ließ so leicht niemanden zu sich herein“, wandte Sven ein.
„Es könnte die Frau, die Schwester oder die Freundin irgendeines, von Fred dingfest gemachten Verbrechers gewesen sein.“
„Vielleicht, aber ich glaube nicht daran.“
„Also gut, Sörensen, da wir diese Theorie jedoch auch nicht völlig ausschließen können, werden Sie die Akten trotz Ihrer Skepsis durcharbeiten und zwar möglichst schnell. Phil Thomsen kann Ihnen dabei helfen“, beharrte sein Boss auf seinem Standpunkt. Sven klemmte sich wortlos die Akten unter den Arm und ging.
„Verdammter Mist“, fluchte er in seinem Büro und klatschte den Aktenstapel wütend auf seinen Schreibtisch. Dann teilte er ihn in zwei gleich hohe Stapel auf und legte einen davon seinem Partner auf den Tisch, dem das Grinsen schlagartig verging. „Arbeit für dich, Phil. Zwar wird sie uns keinen Schritt weiterbringen und nur unsere kostbare Zeit stehlen, doch unser hoher Chef wünscht es so“, sagte Sven sauer.
Mit einem undefinierbaren Ausdruck in seinen haselnussbraunen Augen sah Phil ihn an.
„Was ist? Sitzt meine Krawatte schief oder weshalb starrst du mich so an?“, fragte Sven gereizt.
„Nein, mit deiner Krawatte ist alles in Ordnung. Mir ging nur gerade etwas durch den Kopf.“
„Und was, wenn ich fragen darf?“
„Du darfst. Ich überlegte gerade, ob du schon Freds Familie benachrichtigt hast.“
„Was denn für eine Familie?“, fragte Sven unwirsch. „Freds Eltern sind tot und außer seiner Freundin Karla kenne ich niemanden, der von seinem Ableben unterrichtet werden müsste.“
„Und sein Bruder?“
„Sein Bruder? Machst du Witze?“, stieß Sven hervor. „Ausgerechnet sein Bruder Paul! Der hat Fred doch nur Ärger und Kummer bereitet. Fred hat schon vor Jahren jede Verbindung zu ihm abgebrochen; und er würde ihn auch nicht auf seiner Beerdigung haben wollen. Ich nehme jedenfalls keinen Kontakt zu ihm auf. Dieser Paul ist ein ganz übles Subjekt und Fred konnte ihn nicht ausstehen“, sagte Sven erregt.
„Kennst du Freds Bruder persönlich?“
„Nein, aber was Fred über ihn erzählte reicht mir. Ich lege nicht den geringsten Wert auf seine Bekanntschaft. Was soll diese dämliche Fragerei eigentlich?“, knurrte Sven. „Was geht uns dieser Paul an? Anstatt über Freds unerfreulichen Bruder zu palavern, sollten wir lieber seinen Mörder suchen.“
„Eben“, erwiderte Phil lapidar.
„Eben?! Was soll denn das nun wieder heißen? Also wirklich, Phil, manchmal werde ich einfach nicht schlau aus dir“, nörgelte Sven. „Eben! So was Blödes aber auch.“
„Das ist nicht so blöde wie du meinst“, verteidigte sich sein Freund.
„Und wieso nicht?“
„Weil wir meiner Meinung nach den Fall von einer ganz anderen Seite anpacken sollten.“
„Und welcher?“
„Ich denke, dass wir uns unbedingt mit diesem Bruder befassen sollten. Schließlich ist ...“
„Warum das denn?“, unterbrach ihn Sven.
„Na ja, das Interessante daran ist doch, dass es sich bei diesem Bruder um einen Zwillingsbruder handelt, oder?“
„Und wenn schon. Was ist daran so ungewöhnlich?“
„Aber Sven, verstehst du denn nicht?
Ein ZWILLINGSBRUDER!
Was ist, wenn jemand Fred mit seinem Bruder Paul verwechselte?“
Sven starrte Phil sprachlos an. „Du meinst, dieser Jemand tötete Fred versehentlich?“, fragte er bestürzt.
„Ja, genau. Vielleicht wollte der Mörder Paul töten und verwechselte ihn mit dem armen Fred. Was hältst du davon?“
„Das wäre ja grauenhaft“, stöhnte Sven. „Aber warum?“
„Das warum, müssen wir noch herausfinden falls meine Theorie richtig sein sollte.“
„Mein Gott, wäre das entsetzlich, wenn Fred für seinen miesen Bruder gestorben wäre“, flüsterte Sven.
„Bisher ist es ja nur eine Theorie.“
„Ja, aber sie könnte sich bewahrheiten. Deine Überlegungen sind nicht so einfach von der Hand zu weisen. Wir sollten diesen Paul aufsuchen, vielleicht hat Karla seine Adresse. Am besten fahren wir gleich zu ihr“, schlug Sven vor und hatte es plötzlich eilig.
„Einverstanden.“ Phil fuhr sich hastig mit dem Kamm durch sein welliges dunkles Haar, fuhr flink in seine Lederjacke und reckte unternehmungslustig seinen durchtrainierten Körper. „Von mir aus kann es losgehen.“
Sven, der ihn mit seinen fast zwei Metern um einen halben Kopf überragte, ließ ihm höflich den Vortritt.
Dreißig Minuten später hatten sie ihr Ziel erreicht. Sven parkte den dunkelblauen BMW in einer Lücke vor dem gepflegten roten Backsteinhaus, in dem Freds Freundin eine komfortable Eigentumswohnung besaß.
Karla freute sich über ihren Besuch und bat sie herein. Nachdem sie Sven mit einem freundschaftlichen Kuss auf die Wange begrüßt hatte, reichte sie Phil lächelnd die Hand.
Sie wirkt heute viel gelöster und sieht nicht mehr so verweint aus, freute sich Sven und nahm ihren Arm.
„Kommt bitte mit. Meine Schwester ist gerade zu Besuch“, sagte Karla und führte sie ins Wohnzimmer. „Liebes, ich möchte dich mit Kommissar Sörensen und Inspektor Thomsen bekannt machen“, sagte Karla und steuerte auf eine schlanke, junge Frau mit ebenholzschwarzem Haar zu, deren veilchenblaue Augen die beiden Männer aufmerksam musterten.
„Und das ist meine Schwester Julia van Dangen“, sagte Karla weich.
Phil starrte Julia wie hypnotisiert an. Mein Gott, ist diese Frau schön, stöhnte er innerlich und setzte sich mit weichen Knien, nachdem er sie begrüßt hatte.
„Es ist lieb von Ihnen, Karla in dieser schweren Zeit beizustehen“, sagte Sven und setzte sich ebenfalls.
„Ich erfuhr leider erst vor zwei Stunden von Karlas schmerzlichem Verlust, sonst wäre ich schon früher gekommen“, erwiderte Julia mit samtweicher Stimme, die Phil prickelnde Schauer über den Rücken jagte. „Leider habe ich Karlas Freund nicht persönlich gekannt. Meine Schwester wollte ihn mir zwar vorstellen, dummerweise kam jedoch jedes Mal etwas dazwischen.“
„Wissen Sie, woran er starb?“, fragte Sven.
„Nein. Karla wollte es mir gerade erzählen, als es läutete.“
„Wir werden nicht lange stören“, sagte Sven. „Nur ein paar Fragen an Karla und wir sind wieder weg.“
„Sie waren sein Freund?“
„Ja, sein Freund und Partner.“
„Sein Partner?“
„Ja, Julia. Fred war auch bei der Mordkommission“, erklärte Karla mit schwankender Stimme.
„Aha, bei der Mordkommission“, murmelte Julia. „Du hast mir nie erzählt, dass dein Freund Polizist ist.“
„Ich weiß, aber Fred wollte es dir bei eurem ersten Zusammentreffen lieber selbst erzählen. Er befürchtete, dass du ihn auf Grund seines Berufes, in dem er ständig mit Verbrechern zu tun hat, vielleicht nicht unvoreingenommen beurteilen würdest. Und das wollte er bei meiner von mir so heiß geliebten Schwester unbedingt vermeiden. Jedenfalls waren das seine Worte“, sagte Karla leise.
„Du sagtest am Telefon, dein Freund sei gestorben und nicht, dass er gewaltsam umgekommen ist.“
„Aber leider ist es wahr. Fred wurde ermordet und wir versuchen herauszufinden, von wem und warum“, kam Sven Karlas Antwort zuvor.
„Mein Gott, das ist ja entsetzlich! Und ich hatte keine Ahnung“, murmelte Julia bestürzt. „Ich dachte an eine Herzgeschichte oder so etwas.“
„Er wurde vergiftet“, flüsterte Karla und fing an zu weinen.
„Vergiftet? Schrecklich!“, flüsterte Julia erbleichend.
Sven setzte sich neben Karla und legte den Arm um sie. Seine Nähe tat ihr offenbar gut, denn ihr Schluchzen wurde leiser, und ihre Tränen versiegten. Sie schnäuzte sich und sah ihn an. „Du sagtest vorhin, du wolltest mir einige Fragen stellen. Was sind das für Fragen?“
„Sie betreffen Freds Familie.“
„Freds Familie? Wieso? Seine Eltern sind tot, das weißt du doch“, sagte Karla verwirrt.
„Ich weiß, aber da ist ja noch sein Bruder. Oder hat er dir nie von ihm erzählt?“
„Doch, aber leider nichts Gutes.“
„Hast du seine Adresse?“
„Nein. Oder doch? Warte mal, wie war das noch? Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Vor etwa drei Wochen kam Fred spät abends noch vorbei. Er war sehr erregt und knallte wütend einen Brief auf den Tisch. „Das musst du unbedingt lesen, Karla!” rief er empört. ”Es ist einfach nicht zu fassen! Nicht nur, dass dieser charakterlose Kerl mich um Geld anhaut, nein, damit nicht genug, bringt er auch noch Familienbande ins Spiel. Spricht von Bruderliebe!
Ausgerechnet dieser Sadist, der mich als Kind bis aufs Blut peinigte, mich später verleumdete, bestahl, zusammenschlagen ließ und was noch alles, spricht von Bruderliebe! Und setzt dem allem noch die Krone auf, mit dieser Fotomontage von uns beiden. Paul und ich, glücklich lächelnd nebeneinander. Es ist einfach nicht zu glauben! Und auf der Rückseite steht seine Adresse, und seine Kontonummer fehlt natürlich auch nicht. Mein Gott, was habe ich nur getan, um mit so einem Bruder gestraft zu werden!”
„Hast du das Foto noch?“
„Ja, Fred bat mich es aufzuheben, falls er irgendwann einmal die Adresse oder ein Foto seines Bruders benötigen sollte. Er sagte wörtlich: ”Paul ist von Grund auf schlecht und wird früher oder später mit dem Gesetz in Konflikt geraten und dann können wir das Foto vielleicht noch gut gebrauchen, doch zu Hause möchte ich es nicht haben. Ich will von diesem Kerl überhaupt nichts in meiner Nähe haben!”
„Könntest du es holen?“, bat Sven.
Karla nickte und stand auf. Sie ging hinüber zu dem antiken Sekretär und kehrte mit einem Foto in der Hand zurück. Sie gab es Sven, der es kurz anschaute und an Phil weitergab.
„Dürfte ich es auch sehen?“, bat Julia. „Ich habe nämlich noch nie ein Foto von Karlas großer Liebe gesehen.“
Phil reichte es ihr mit zitternden Händen.
„Fred hasste es fotografiert zu werden“, entschuldigte sich Karla. „Der Mann links auf dem Bild ist Fred, der andere ist sein Bruder Paul“, erklärte sie.
Julia drehte das Foto um, denn Phil hatte es ihr mit der Rückseite nach oben gegeben. „Aber das sind ja Zwillinge!“, rief sie überrascht.
„Ja, eineiige Zwillinge. Man kann sie kaum auseinander halten“, bestätigte Karla.
Julia gab Phil das Foto zurück, der es vor Aufregung fallen ließ. Er bückte sich danach und stieß dabei mit Julia zusammen, die dieselbe Idee gehabt hatte. „Verzeihung“, murmelte er verlegen und legte das Foto mit bebenden Händen in seine Brieftasche. Sie muss mich für einen Pennäler halten, schoss es ihm durch den Kopf. Jedenfalls benehme ich mich wie ein unbedarftes Jüngelchen. Aber diese Frau brachte ihn einfach aus der Fassung.
„Entschuldigt mich bitte“, murmelte Julia mit blassem Gesicht und verließ mit schnellen Schritten den Raum.
„Was ist mit deiner Schwester? Ist sie krank?“, fragte Sven besorgt.
„Ihr geht es nicht gut. Sie ist äußerst sensibel, und mein Kummer geht ihr sehr nahe“, erwiderte Karla leise; und in diesem Moment kehrte Julia zurück, um sich zu verabschieden. „Du wolltest doch bis zum Abend bleiben“, protestierte Karla.
„Ich habe noch einen wichtigen Termin, den ich fast vergessen hätte“, erwiderte Julia verlegen. Sie küsste Karla auf beide Wangen und verabschiedete sich mit einem freundlichen Nicken in Richtung der beiden Männer. „Nicht böse sein“, rief sie und war weg, bevor Karla sie zur Tür begleiten konnte.
„Na, so was“, murmelte diese und nahm wieder in ihrem Sessel Platz. Kurz darauf verabschiedeten sich auch Sven und Phil und fuhren zurück zum Dezernat.
Paul Kowalski hielt seine blutverschmierten Hände unter das laufende Wasser und überlegte angestrengt. Er hatte Mist gebaut und musste einen Weg finden, um da wieder rauszukommen. Er nahm die Nagelbürste und begann seine Finger zu schrubben.
Nicht zu fassen! Da gibt dieses blöde Stück doch tatsächlich im spannendsten Moment den Geist auf! „Verdammter Mist! Und was mach ich jetzt mit der Leiche?“, knurrte Kowalski. „Eine Scheißidee war das, die Kleine hier zu bumsen.“
Bisher hatte er seine perversen Spiele immer außer Haus getrieben. Er kannte genügend Plätze, an denen er ungestört war. Aber heute hatte ihn die Gier so plötzlich übermannt, dass er nicht mehr hatte klar denken können. Die Gelegenheit war derart günstig gewesen, dass er sich einfach nicht mehr in der Gewalt gehabt hatte.
Klingelt das kleine Miststück doch an seiner Tür für ´ne Meinungsumfrage. Meinungsumfrage! So ein hirnverbrannter Blödsinn! Aber die Süße war toll gewesen. Höchstens achtzehn; tolle Titten; lange Beine unterm knappen Minirock. Einfach geil!
Natürlich hatte er sich nicht anmerken lassen, wie scharf er auf sie war. Mit dem Versprechen ihre Fragen zu beantworten, hatte er sie in die Wohnung gelockt; und dann war es einfach gewesen.
Ein Schlag auf den Kopf; Ohnmacht, fesseln und dann Spaß. Riesenspaß! Obwohl sie sich zuerst geziert hatte. Aber das hatte er ihr schnell ausgetrieben. Und dann hatte er es ihr gezeigt! Kichernd drehte er den Wasserhahn zu. In Wirklichkeit fanden die Weiber das Bumsen doch genau so toll. Nur dass er es zugab und seine Triebe auslebte. Aber die Weiber zierten sich. Dabei war mit den Schlampen überhaupt nichts mehr los. Keine Moral und kein Schamgefühl hatten die, war´n strohdumm und geldgierig. Das sah man doch an den Titelbildern und jeden Tag im Fernsehen. Ständig nur nacktes Fleisch und dann wurden die Männer auch noch dafür bestraft, wenn sie sich aus dem großzügigen Angebot bedienten, das ihnen geradezu aufgedrängt wurde.
Da rannten diese Schlampen fast ohne Klamotten herum und wunderten sich, wenn die Männer aktiv wurden und sich nahm´, was sie kriegen konnten. Die Weiber war´n doch einfach nich´ ganz dicht.
„Nich´ die Männer müssen bestraft wer´n, sondern das geile Weiberpack, das uns dauernd anmacht“, knurrte er böse. Warum die Puppe nebenan wohl so plötzlich den Löffel abgegeben hat? Vielleicht ´ne Herzsache? Oder ob der Knebel zu fest gesessen hat? Mann, war das ´n Schreck, als er plötzlich merkte, dass sie abgekratzt war.
Fast wie neulich mit der Tussi. Da hatte er auch für´n Moment geglaubt, die hätte sich ins Jenseits abgesetzt, als sie plötzlich wie erstarrt und so eiskalt, als wäre sie schon ´ne Weile tot, unter ihm gelegen hatte. Aber das war kein Problem gewesen. Die hatte er einfach abtransportiert und danach war er abgehau´n.
Aber die Kleine im Schlafzimmer, die war ein Problem. Da stellte sich echt die Frage: Wohin mit der Leiche und wie? Am besten schaff ich sie nachts weg, überlegte er. Wenn ich sie fest zusammenschnüre, müsste sie eigentlich in den klein´ Teppich passen.
Scheppernd schlug die Klingel an und riss ihn abrupt aus seinen Überlegungen. „Wer is´n das?“, murmelte Kowalski erschrocken und schlüpfte in seine Jeans. Hastig streifte er ein schmuddeliges T-Shirt über, schlich barfuß zur Wohnungstür. Durch den Spion beäugte er die beiden Männer. Er kannte sie nicht, also würde er einfach nicht öffnen. Er drehte sich auf dem Absatz herum und wollte zum Badezimmer zurückgehen, als er wie vom Donner gerührt stehen blieb.
„Herr Kowalski, wir sind von der Polizei. Bitte öffnen Sie. Wir wissen, dass Sie zu Hause sind“, verlangte eine energische Männerstimme.
„So´n Mist! Die Bull´n! Und ich hab ´ne Leiche im Schlafzimmer“, keuchte Kowalski entsetzt. Was sollte er tun, verdammt noch mal?! Und dann hatte er es.
„Moment, ich muss mir nur schnell was überzieh´n“, rief er auf nackten Sohlen zum Schlafzimmer eilend. Hastig warf er die schmuddelige Bettdecke über das tote Mädchen. Er unterdrückte seine Panik, atmete tief durch, ging zurück zur Haustür und legte die Sicherheitskette vor. Erst dann öffnete er. „Was gibt´s? Was woll´n Sie von mir?“, knurrte er unfreundlich durch den Spalt.
„Ich bin Kommissar Sörensen und das ist mein Kollege Inspektor Thomsen. Wir sind von der Mordkommission. Dürfen wir hereinkommen? Wir haben Ihnen eine Mitteilung zu machen“, sagte der Blonde namens Sörensen.
„Wenn´s unbedingt sein muss“, maulte Kowalski und löste die Sicherheitskette. „Aber ich hab nich´ viel Zeit.“
„Wir haben nur ein paar Fragen“, sagte Phil und trat in den Flur. Was ist das bloß für ein unangenehmer Geruch? dachte er angewidert und sah sich unauffällig um.
Paul Kowalskis Wohnung war so ungepflegt wie er selbst. Überall lag etwas herum, und in einer Ecke des schlampigen Wohnzimmers stapelten sich Bier- und Schnapsflaschen. Phil räumte einen Stapel übelster Pornohefte beiseite und setzte sich auf die äußerste Kante des fleckigen Sofas. Sven nahm neben ihm Platz. Kowalski ließ sich ihnen gegenüber in einen altersschwachen Sessel fallen und musterte sie unfreundlich. „Also, was woll´n Sie von mir?“, knurrte er gereizt.
Sven sah ihn an und konnte es kaum glauben. Dieses verkommene Subjekt sollte der Bruder seines besten Freundes sein? Zwar war die Ähnlichkeit verblüffend, aber alles Übrige...! Freds Gesicht war markant, während sein Bruders schwammig und verlebt aussah. Fred war kultiviert und gepflegt, war sehr belesen und hatte regelmäßig Sport getrieben.
Und dem gegenüber Paul Kowalski!
Von Kopf bis Fuß ungepflegt. Das Gesicht von vielfältigen Lastern gezeichnet. Absolut primitiv und ungebildet. Aber gefährlich! Das signalisierte sein unsteter, verschlagener Blick.
„Na, gefällt Ihnen was Sie seh´n?“, riss ihn Kowalskis spöttische Stimme aus seiner Betrachtung.
„Nein, absolut nicht. Aber es muss mir ja auch nicht gefallen“, erwiderte Sven kühl.
„Auch gut“, knurrte Kowalski aggressiv. „Also, was woll´n Sie?“
„Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Bruder getötet wurde“, sagte Sven leise.
Paul Kowalski starrte ihn ungläubig an. Es dauerte eine ganze Weile, bis diese Information zu seinen schwerfälligen Gehirnzellen durchgedrungen war. Aber als es endlich soweit war, fing er schallend an zu lachen. „Ich lach mich tot!“, brüllte er, sich vergnügt auf die feisten Schenkel schlagend. „Mein Bruder, der heilige Antonius der Ehrbaren, wurde ermordet! Wenn das nich´ der Witz des Tages is´, dann weiß ich nich´! Das is´ doch nich´ zu fassen, das halt ich nich´ aus!“, keuchte er.
„Ich habe nicht gesagt, dass Ihr Bruder ermordet wurde. Wie kommen Sie darauf?“, fragte Sven mit vor Abneigung vibrierender Stimme.
Paul Kowalski wischte sich mit einem dreckigen Lappen die Lachtränen aus dem Gesicht. „Na, Sie sind vielleicht ´n Schlauberger“, sagte er spöttisch. „Wenn die Mordkommission plötzlich bei mir auftaucht wird´s ja wohl um ´n Mord geh´n und nich´ um ´nen kleinen Ladendiebstahl, oder?“
„Wissen Sie, ob Ihr Bruder Feinde hatte?“, fragte Phil, ohne auf Kowalskis Ironie einzugehen.
„Ne, woher soll denn ich das wissen. Der Herr Saubermann wollte mit mir doch nichts zu tun ha´m. Ich war ihm nich´ fein genug. Aber einen Feind muss er ja wohl gehabt ha´m, sonst wär´ er ja wohl nich´ ausgeknipst worden. Wie is´ er denn überhaupt umgebracht worden, Inspektor?“, fragte Kowalski neugierig, jedoch ohne jegliche Anteilnahme.
„Er wurde vergiftet.“
„Vergiftet! Na, das is´ ja ´n Ding! Wer tut denn so was? Erschießen oder abstechen, aber vergiften?! Merkwürdige Art jemanden umzubring´“, meinte Kowalski kopfschüttelnd. „Ach, da fällt mir was ein: Erb´ ich jetzt Freds ganzen Kram? Schließlich bin ich ja sein einziger Bruder. Da muss doch was zu hol´n sein. Bestimmt hat er auch was auf der hohen Kante. Also, was meinen Sie?“ Mit gierig funkelnden Augen wartete er auf die Antwort.
Wahrscheinlich zählt er in Gedanken bereits das Geld, dachte Sven. Aber die Freude werde ich dir versalzen, du widerlicher Leichenfledderer! „Ich weiß nur, dass Fred Sie in seinem Testament nicht bedacht hat“, sagte er kalt.
„Mistkerl“, knurrte Kowalski böse und ließ offen, wen er damit meinte. „Dann eben nich´. War´s das oder woll´n Sie noch was wissen?“
„Nein, wir haben keine weiteren Fragen“, sagte Sven knapp und erhob sich gemeinsam mit Phil. Schweigend gingen sie an der Schlafzimmertür vorbei, nicht ahnend, dass dahinter der geschundene Körper einer ermordeten jungen Frau nach Vergeltung schrie. Mit einem knappen Kopfnicken verabschiedeten sie sich von Paul Kowalski, der die Wohnungstür hinter ihnen zuknallte.
„Was für ein Brechmittel“, schüttelte sich Phil. „Und diese Wohnung! Hast du auch diesen eigenartigen Geruch bemerkt?“
„Ja, aber ich will nicht darüber nachdenken, sonst kommt mir bestimmt mein Frühstück hoch.“
Schweigend gingen sie zu ihrem Wagen, stiegen ein und fuhren davon.
„Na endlich“, murmelte der ganz in Schwarz gekleidete Mann, der einen tief ins Gesicht gezogenen Schlapphut trug. Er trat aus dem Schatten einer Toreinfahrt, überquerte schnellen Schrittes die Straße und betrat das Haus, aus dem die beiden Kriminalbeamten gerade gekommen waren. Geräuschlos stieg er die Treppe hinauf. Vor Paul Kowalskis Tür blieb er stehen. Er griff in die Tasche seines Trenchcoats und nahm etwas heraus. Dann legte er seinen in feinem Leder steckenden Finger auf den Klingelknopf.
Kowalski, mit einer Dose Bier in der Hand, riss wütend die Tür auf und keifte: „Was´n nun noch? Jetzt hab ich aber langsam die Schnauze gestrichen voll von eurer blöden Fragerei. Mein Bruder is´ tot. Na und? Langsam weiß ich´s nun. Hau´n Sie ab, Mann! Lassen Sie mich endlich mit Ihrem blöden Gelaber in Ruhe oder ich ...!“ Er verstummte abrupt und starrte mit offenem Mund auf den Unbekannten. „Zum Teufel, wer ...?“
Ein dicker Strahl Tränengas schnitt ihm das Wort ab. Die Bierdose schepperte zu Boden. Kowalski presste wimmernd die Hände vor seine wie Feuer brennenden Augen und taumelte zurück in den Flur. Der Unbekannte setzte geschmeidig hinterher, holte aus, und schlug ihm ein kurzes Bleirohr über den Kopf. Kowalski stürzte wie ein gefällter Baum zu Boden.
Sein Besucher verlor keine Zeit. Er zog die Tür hinter sich zu und schleifte den Bewusstlosen vor Anstrengung stöhnend vor die Küchentür. Er stieß sie auf, zerrte den schweren Körper ins Zimmer und schloss die Tür. Hastig fesselte er die Hand- und Fußgelenke des Bewusstlosen mit Klebeband. Erschöpft sank er auf den einzigen Stuhl.
Er hatte gut daran getan sich zu beeilen, denn bereits kurze Zeit später schlug Kowalski stöhnend die Augen auf. Er versuchte sich an den schmerzenden Kopf zu fassen. Als ihm das nicht gelang, starrte er begriffsstutzig auf seine gefesselten Hände. „Verdammt! Was is´n jetzt passiert“, knurrte er verwirrt und wälzte sich stöhnend auf die Seite. Sein Blick fiel auf ein Paar schwarze Stiefel, wanderten an den dazugehörigen, in schwarzen Jeans steckenden Beinen hinauf und blieb an dem tief ins Gesicht gezogenen Schlapphut und der großen Sonnenbrille hängen.
„Was soll ´n der Mist?! Wer, zum Teufel, sind Sie?“, knurrte er wütend an seinen Fesseln zerrend. Selbstverständlich ohne Erfolg.
Sein Besucher antwortete nicht. Schweigend holte er aus den unergründlichen Tiefen seiner Manteltaschen eine kleine Flasche hervor und schraubte den Verschluss ab. Dann stellte er die geöffnete Flasche vor sich auf den Tisch. Er stand auf und ging zum Kühlschrank.
Mit einer Dose Bier und einem Glas kam er zurück zum Tisch und setzte sich. Er gab aus dem Fläschchen einige Tropfen in das Glas und füllte mit Bier auf. Mit dem Glas in der Hand drehte er sich zu Kowalski um und sah ihn an.
„Was soll´n das werden, wenn´s fertig is´? Woll´n wir einen zusammen heben oder was soll das blödsinnige Theater?“, pöbelte Kowalski.
Sein Besucher antwortete nicht. Er ließ die kleine Flasche wieder in seiner Manteltasche verschwinden und holte eine kleine Plastikdose hervor, aus der er zwei lachsfarbene Wachskügelchen nahm. „Und nun werde ich dir sagen, was ich mit dir vorhabe“, sagte er ruhig.
Kowalski öffnete den Mund zu einer unflätigen Antwort.
„Ich warne dich“, sagte der Unbekannte eiskalt. „Noch ein einziges Wort und ich ziehe dir mit dem Bleirohr eins über, doch diesmal schlage ich richtig zu, verstanden?“
Wie viele Gewalttäter war auch Kowalski feige, sobald es um sein eigenes Wohl ging. Bloß keine Schmerzen! Die fügte er lieber anderen zu. Also nickte er hastig. Schließlich war er nicht blöde.
„Aber meine Chance wird kommen und dann wird sich dieses Weichei wünschen, nie geboren worden zu sein, dachte Kowalski. Der Typ will mir Angst einjagen, aber warum? Was will der von mir? Was hab ich dem Kerl getan? Will der mich wirklich umbring´? Nein! Dazu sind die meisten Menschen nich´ fähig. Ich kann das, aber ich stehe ja auch außerhalb der Norm, lebe nach meinen Vorstellungen und nich´ so wie diese Schwächlinge.
Ich droh´ nich´ wie die andern, sondern tu´, was ich sage. Die andern kneifen wenn´s darauf ankommt. Die zieh´n den Schwanz ein und hau´n ab wenn´s ernst wird. Schwächlinge! Alles Schwächlinge!“ Er konzentrierte sich auf die Worte des Mannes und grinste innerlich. Bluff! Alles nur Bluff! Und er ahnte nicht einmal wie sehr er sich irrte.
„Na, Kowalski, zurück von Ihrem gedanklichen Trip? Haben Sie einen Fluchtplan ersonnen? Nein? Es würde Ihnen auch nichts nützen, denn Sie sterben hier und jetzt“, erklang die zwar kultivierte, jedoch irgendwie seltsame Stimme des Unbekannten. Leise zischend, kaum den Tonfall haltend, plätscherte sie beängstigend in ihrer Monotonie durch den Raum. Und doch kam sie ihm irgendwie bekannt vor. Wo hatte er diese Stimme gehört? Er strengte seine kümmerlichen grauen Gehirnzellen an, jedoch ohne Erfolg.
„Sie sterben an mit Bier vermischtem Aconitin, dem Gift des Blauen Eisenhuts“, dozierte der Unbekannte. „Sie kennen es nicht, aber Sie werden es spüren.“
Bluff! dachte Kowalski abfällig. Alles nur billiger Bluff! Aber er konnte nicht verhindern, dass ihn ein Gefühl der Angst beschlich. Und wenn der Kerl seine Drohung ernst meinte? Unsinn! So was brachten diese so genannten kultivierten Leute nich´ fertig. Dazu musste man veranlagt sein und Mumm haben.
“Oder durch eine schreckliche Erfahrung dazu gebracht werden“, wisperte eine kleine, unangenehme Stimme in seinem Kopf.
„Eine Aconitin-Vergiftung ist ...“
„Ach, halts Maul, du blöder Scheißer“, unterbrach Kowalski den Schwarzgekleideten rüde. „Du spinnst doch. Du jagst mir keine Angst ein. Ich glaub dir kein Wort. Wenn du mich umbring´ willst, dann tu´s, aber verschone mich mit deinem blödsinnigen Gelaber. Wenn du mich wirklich umbringst, dann bist du ´n Mörder und wirst von den Bullen eingelocht. Aber du bringst mich nich´ um, dafür hast du einfach nich´ das Format“, sagte Kowalski höhnisch.
„So, meinst du. Und wer hat wohl deinen Bruder getötet?“
„Meinen Bruder? Wieso?! Was, zum Teufel, soll das dämliche Gequatsche? Was geht dich ...“, er verstummte so abrupt, als hätte ihm jemand die Stimmbänder gekappt. Entsetzt starrte er den Unbekannten an. Plötzliche Angst überfiel ihn mit brachialer Gewalt. Angst vor diesem Fremden, der ihn so kalt und mitleidlos fixierte, als sei er ein ekliges Insekt, das in der nächsten Sekunde als breiiger Fleck unter seiner Stiefelsohle enden würde.
„Du ha...hast Fred vergiftet?“, stotterte er entsetzt. „Aber warum?!“, quetschte er mühsam heraus und … begriff im selben Moment.
„VERWECHSELT!
Du hast ihn mit mir verwechselt, stimmt´s?“, krächzte er. Schlagartig wurde ihm klar, dass er sich geirrt hatte. Sein Besucher bluffte nicht! Und wenn ihm nicht augenblicklich etwas zu seiner Rettung einfiel, war er in wenigen Minuten so tot wie die Kleine im Schlafzimmer nebenan. „Aber ich hab Ihnen doch nix getan“, krächzte Kowalski. „Warum woll´n Sie mich umbring´?“
Der Mann starrte ihn an. „In den letzten Sekunden deines gewalttätigen Lebens wirst du es erfahren“, sagte der Fremde kalt.
„Gnade!“, wimmerte Kowalski. „Ich will nich´ sterben.“
„Das wollten deine bedauernswerten Opfer auch nicht, also erspare mir das Gewinsel, es widert mich an!“
Trotz seiner geistigen Armut erkannte Kowalski die Endgültigkeit in dieser Antwort, die keinerlei Gnade in sich barg. Und warum auch! Sein erbarmungsloser Besucher hatte ja bereits getötet. War durch einen schrecklichen Irrtum zum Mörder eines Unschuldigen geworden. Weshalb sollte er dann ausgerechnet ihn verschonen, den er als Schuldigen sah? Todesangst überwältigte ihn und ließ ihn verzweifelt an seinen Fesseln zerren. Doch das Klebeband gab keinen einzigen Millimeter nach.
Der Fremde hatte das Wechselspiel der Gefühle, welches sich im Gesicht seines Opfers widerspiegelte, ungerührt beobachtet. Seine Mundwinkel verzogen sich für den Bruchteil einer Sekunde zu einem winzigen Lächeln, welches die kalten wie Glasmurmeln wirkenden Augen jedoch nicht erreichte.
„Ja, Kowalski, du wirst so sterben, wie du es verdienst. Langsam und sehr, sehr qualvoll!“, zischte er.
Da begann der ach, so starke Mann zu wimmern und zu flehen. Vergebens! Seine Skrupellosigkeit, seine Gewalttätigkeit und seine Menschenverachtung waren ihm zum Verhängnis geworden, hatten ihn eingeholt und besiegelten nun sein Geschick.
TOD! TOD!TOD,
