Dunkler Wolf - Christine Feehan - E-Book

Dunkler Wolf E-Book

Christine Feehan

4,4
8,99 €

Beschreibung

Die junge Skyler kennt ihr Schicksal. Es hat einen Namen: Dimitri. Schon vor Jahren hat sie begriffen, dass sie die Seelengefährtin des einsamen Karpatianers ist, die Einzige, die ihn von dem dunklen Hunger seiner Art befreien kann. Doch sie war zu jung, zu unerfahren, zu verletzlich, um diese Verbindung einzugehen. Jetzt ist das anders. Jetzt wird sie sich von nichts aufhalten lassen, um Dimitri beizustehen. Auch nicht von den gefährlichen Lykanern, die ihn gefangen halten ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 753




Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

DANKSAGUNGEN

Über die Autorin

Christine Feehan lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren elf Kindern in Kalifornien. Sie schreibt seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Romane stürmen regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten, und sie wurde in den USA bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Auch in Deutschland erfreut sich die Autorin einer stetig wachsenden Fangemeinde.

Auf Christine Feehans englischsprachiger Homepage www.christinefeehan.com erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

Christine Feehan

DUNKLERWOLF

Roman

Aus dem amerikanischen Englischvon Ulrike Moreno

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2014 by Christine Feehan

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Dark Wolf«

Originalverlag: The Berkley Publishing Group, Penguin Group (USA) Inc.

All rights reserved including the right of reproduction in whole or

in part in any form.

This edition published by arrangement with The Berkley Publishing Group,

a member of Penguin Group (USA) Inc.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Dorothee Cabras

Titelillustration: © shutterstock/conrado/Cain Tatu/Vadim Sadowski

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-5930-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für meine Skyler, in Liebe

KAPITEL 1

Skyler Daratrazanoff zog den langen schwarzen Schal noch fester um sich und vergewisserte sich, dass ihr Haar bedeckt und von ihrem Gesicht nicht viel zu sehen war. Ihr Herz schlug so laut, dass sie befürchtete, jeder in ihrer Nähe müsse es bemerken. Alles hing davon ab, dass der Zollbeamte ihr glaubte. Josef hatte die Papiere gefälscht, und er war auf diesem Gebiet der Beste. Er konnte in jedes Computersystem eindringen, Daten verändern oder sie beschaffen. Skyler hegte nicht den kleinsten Zweifel, dass die Papiere, die er angefertigt hatte, in Ordnung waren und einer genauen Überprüfung standhalten würden. Dennoch musste sie den Beamten dazu bringen, ihr zu glauben.

Das Wellblechgebäude war verrostet und sah so aus, als könnte es jeden Augenblick zusammenbrechen. Ein Mann kam ihr entgegen, der genauso bitterernst aussah wie der Sarg, der vor ihr in den Schatten des Gebäudes gerollt wurde. Zum Glück ging die Sonne unter und tauchte Skyler in Schatten, die es erschwerten, sie deutlich zu sehen.

»Ihre Papiere?«, fragte der Mann. Seine Stimme war freundlich, und der Name auf seiner Dienstmarke wies ihn als Erno Varga aus.

Sie blickte sich nach dem kleinen Flugzeug um, das sie höchstpersönlich zu diesem Flughafen geflogen hatte, und überreichte dem Beamten dann ihre Papiere, wobei sie darauf achtete, den Blick gesenkt zu halten und einen verweinten Eindruck zu erwecken. Sie hatte Tropfen benutzt, die ihre Augen gerötet hatten und tränen ließen, für den Fall, dass ihre Schauspielkunst nicht ausreichte.

Varga sah sich die Papiere an und blickte ihr mehrmals zweifelnd ins Gesicht. »Sie sind noch sehr jung, um den Leichnam Ihres Bruders allein heimzubringen. Begleitet Sie denn niemand?«

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, noch bemitleidenswerter zu wirken. »Mein Vater ist tot … und jetzt auch noch mein Bruder«, antwortete sie mit erstickter Stimme und einem oscarreifen Aufschluchzen. »Es gibt niemand anders, der ihn zu unserer Mutter heimbringen könnte.«

Der Beamte beäugte sie wieder skeptisch und schaute sich die Papiere noch genauer an. »Er starb an gebrochenem Herzen?«, fragte er misstrauisch.

Skyler verschlug es fast den Atem. Wenn ich dich in die Finger kriege, Josef, wirst du an mehr als einem gebrochenen Herzen sterben! Über ihre telepathische Verbindung mit ihm ließ sie ihn wissen, dass er sich auf etwas gefasst machen konnte.

Es war eine schreckliche Tragödie. Josef war uneinsichtig und reuelos wie immer. Sogar Belustigung schwang in seiner Stimme mit. So ernst eine Situation auch sein mochte, nichts konnte Josef davon abhalten, seinen Schabernack zu treiben.

Skyler schaffte es, eine ernste Miene zu bewahren, und nickte Varga traurig zu. »Als sein Mädchen ihn verließ, hörte er auf zu essen und begann buchstäblich dahinzusiechen.« Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich an Josefs Angaben zu halten, selbst wenn sie ihre Finger fast schmerzhaft hart verschränken musste, um ihre Aufregung vor dem Beamten zu verbergen. »Es war eine schreckliche Tragödie. Nichts konnte ihn retten.«

Na ja, selbst in ihren eigenen Ohren klang das mehr als dürftig. Aber an gebrochenem Herzen sterben? Nur Josef konnte sich so etwas Dramatisches und Unglaubwürdiges ausdenken. Es würde definitiv eine andere Todesursache sein, wenn sie den Holzsarg öffnete!

Sie konnte Josefs Lachen hören. Natürlich lachst du. Du liegst ja auch sicher in deinem Sarg, der so tragisch verstorbene Bruder, während ich diesem Mann hier, der mich für den Rest meines Lebens ins Gefängnis bringen kann, einen Riesenbären aufbinde.

Skyler wusste jedoch, dass Josef das nie zulassen würde. Falls nötig, würde er dem Beamten einen »geistigen Schubs« versetzen, damit er ihr glaubte. Im Augenblick amüsierte es ihn jedoch noch viel zu sehr, mitanzuhören, wie sie sich aus der Sache herauszuwinden versuchte – und wahrscheinlich hatte sie auch nichts anderes verdient. Sie ließ ihn gerade etwas Brandgefährliches tun, und man würde mehr ihm die Schuld zuschreiben als ihr, falls irgendetwas schiefging. Ihr Vater würde ihn wahrscheinlich einfach umbringen, wenn er ihn traf.

Das wird er tun, oh ja!, bemerkte Josef. Er wird mir alle Glieder einzeln ausreißen.

Du solltest dir lieber Sorgen darüber machen, dass ich dir alle Glieder einzeln ausreiße.

»Wie alt sind Sie?« Der Beamte starrte ihren Pass und ihre Papiere an und erhob den Blick wieder zu ihrem Gesicht. »Haben Sie dieses Flugzeug selbst geflogen?«

In einem Versuch, älter und resoluter zu wirken, hob Skyler das Kinn. Sie wusste, dass ihr Gesicht sehr jung aussah, ihre Augen jedoch nicht. Wenn er ihr direkt in die Augen schaute, würde er glauben, was in den gefälschten Papieren stand.

»Ich bin viel älter, als ich aussehe«, erwiderte Skyler. Und teilweise stimmte das sogar. Sie fühlte sich älter, und das müsste etwas ausmachen. Schließlich hatte sie viel mehr durchgemacht als die meisten Frauen – oder beziehungsweise Teenager.

»Fünfundzwanzig?«, fragte der Zollbeamte skeptisch.

Josef hatte darauf bestanden, Skyler für fünfundzwanzig auszugeben, wenn sie die Maschine fliegen würde. Flugzeuge zu steuern war ihr schon immer leichtgefallen, und da es zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehörte, hatte Gabriel, ihr Adoptivvater, ihr auch erlaubt, ganz offiziell den Flugschein zu machen.

»Ich muss den Sarg öffnen«, sagte der Beamte und beobachtete sie dabei scharf.

Skyler brachte ein kleines Aufschluchzen zustande, drückte scheinbar bestürzt eine Hand vor ihren Mund und nickte leicht. »Entschuldigen Sie! Natürlich. Man sagte mir schon, dass Sie das tun würden. Ich hatte auch nichts anderes erwartet.« Tapfer straffte sie Schultern und Rücken.

Jetzt sah er sie schon freundlicher an. »Sie brauchen nicht zuzusehen. Stellen Sie sich dort drüben hin!«, schlug er vor und wies mit dem Kopf zu einer nicht weit entfernten Ecke des Gebäudes.

Er tat ihr fast ein bisschen leid. Wie sie Josef kannte, würde er jetzt mit Sicherheit irgendeine kleine Schau abziehen.

Wehe, du verdirbst hier alles, indem du ihn erschreckst!, sagte sie warnend. Und das meine ich ernst, Josef.

Du hast keinen Humor. Notfalls kann ich ihm die Erinnerung daran doch wieder nehmen. Wäre es nicht köstlich, ihm Graf Dracula vorzuspielen? Ich hab den Film schon hunderttausend Mal gesehen und kann das Aussehen und den Akzent perfekt nachahmen.

Er klang zu eifrig. Viel zu eifrig. Skyler musste sich sehr beherrschen, um keine Belustigung in ihrem Kopf aufkommen zu lassen, da er sie bemerken und als Zustimmung auslegen würde. Sie bezweifelte keinen Moment lang, dass Josef einen perfekten Dracula abgeben würde.

Widersteh der Versuchung! Wir sind noch nicht aus dem Schneider und können es uns nicht leisten, irgendetwas zu riskieren. Wir befinden uns auf karpatianischem Territorium. Oder sind ihm zumindest nahe genug, dass jemand in unserer Umgebung unseren Energieaustausch bemerken könnte. Also reiß dich gefälligst zusammen, Josef!

Er seufzte schwer. Egal, was dabei herauskommt, dein Vater wird mich so oder so umbringen, und schön langsam und schmerzhaft noch dazu. Da sollte ich mir vorher doch noch wenigstens ein bisschen Spaß erlauben dürfen.

Damit kam er der Wahrheit sogar ziemlich nahe. Gabriel würde sie alle umbringen, doch falls ihr Plan aufging, wäre es das fast schon wert.

Skyler schenkte Varga ein dankbares kleines Lächeln und entfernte sich von dem Sarg. Die Arme um ihren Körper geschlungen, blieb sie dann völlig reglos in der offenen Tür des Gebäudes stehen und starrte in die zunehmende Dunkelheit hinaus. Ihr Plan musste einfach aufgehen!

Benimm dich, Josef, oder … Gabriel ist in London, und ich bin hier. Sie selbst hatte den Zorn ihres Adoptivvaters noch nie zu spüren bekommen, aber er und ihr Onkel Lucian waren legendäre Vampirjäger. Die Karpatianer, von denen die meisten selbst sehr machtvoll waren, flüsterten voller Ehrfurcht ihre Namen.

Da ist was dran, entgegnete Josef belustigt. Was für eine bedauerliche Verschwendung eines guten Sarges! Jetzt schwang ein leicht gereizter Ton in seiner Stimme mit.

Skyler konnte nicht voraussagen, ob er sich benehmen würde oder nicht. Bei Josef war das unmöglich vorherzusehen. Er tanzte ausschließlich zu seiner eigenen Musik. Deshalb schickte sie ein stummes Stoßgebet zum Himmel und hoffte auf das Beste.

In ebendiesem Augenblick waren Francesca und Gabriel wahrscheinlich schon wach und bereiteten sich auf den Flug in die Karpaten vor. Sie glaubten, Skyler befände sich in Sicherheit auf einem anderen Kontinent, bei ihrer menschlichen College-Freundin Maria, und nutzte ihre Ferien, um in Südamerika beim Erbauen von Häusern und Anlegen von Bewässerungssystemen für Farmer mitzuhelfen. Skyler hatte ihre Adoptiveltern noch nie belogen. Niemals. Und es tat ihr weh, es jetzt zu tun, doch leider blieb ihr keine andere Wahl.

Sie wusste, dass ihre Eltern zu dem großen Meeting von Lykanern und Karpatianern gerufen worden waren, bei dem über ein Bündnis zwischen den beiden Spezies verhandelt werden sollte. Die meisten der Karpatianer waren heimgerufen worden. Gabriel und Francesca waren daher mehr als froh gewesen, als sie von Skylers College-Leitung um Erlaubnis gebeten worden waren, Skyler mit Maria nach Südamerika fliegen zu lassen. Denn sie wollten die Tochter derzeit nicht einmal in der Nähe der Karpaten haben.

Skyler wäre nie auf die Idee gekommen, ihnen die außergewöhnliche Güte und Liebe, die sie ihr vom ersten Moment ihrer Aufnahme bei sich entgegengebracht hatten, mit Lügen und Täuschung zu vergelten. Zumindest hätte sie dies für nichts und niemanden außer Dimitri getan. Denn Dimitri Tirunul war ihr ganz persönliches Wunder, ein unverhofftes noch dazu. Ein Mann, der ihre kühnsten Träume überstieg. Sie war menschlich, er Karpatianer – also nahezu unsterblich. Skyler war gerade mal neunzehn Jahre alt und er einer der sogenannten »Uralten«, die schon Jahrhunderte unter den Lebenden weilten. Aber sie besaß die andere Hälfte seiner Seele, war das Licht in seiner Dunkelheit. Ohne sie, Skyler, würde er nicht überleben. Sie war seine Gefährtin des Lebens – seine Retterin. Doch sie wusste auch, dass in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall war und Dimitri derjenige war, der sie rettete.

Er hatte schon gewusst, dass sie seine Gefährtin des Lebens war, als sie noch ein Kind gewesen war, doch er hatte ihr Zeit gelassen. Zeit und Raum. Seine Liebe war bedingungslos. Er verlangte nie etwas von ihr. Und er sprach auch niemals davon, wie schwierig es für ihn war, dass sie seine Rettung und dennoch unerreichbar für ihn war. Er war immer für sie da gewesen, mitten in der Nacht, wenn ihre Vergangenheit, die von Gewalt und Brutalität geprägt gewesen war, ihr wieder nahegekommen war und sie nicht hatte schlafen können. Wenn die grauenhaften Albträume sie geplagt hatten, bis sie nicht mehr atmen konnte. Er war stets präsent in ihrem Bewusstsein und hielt all diese schrecklichen Erinnerungen in Schach. Dimitri. Ihr Dimitri.

Er selbst stand zwischen den Fronten, was die beiden Spezies anging. Die Lykaner hatten ihn gefangen genommen und wollten ihn töten. Keiner seiner eigenen Leute war ihm nachgeeilt, um ihn zu retten. Er hatte Jahrhunderte damit verbracht, die Untoten zu jagen, um nicht nur sein eigenes Volk, sondern auch die Menschen zu beschützen. Er hatte ehrenhaft überlebt, während andere sich dazu entschieden hatten, ihre Seele aufzugeben und der Dunkelheit anheimzufallen. Und dennoch gab es für Dimitri keine Rettungsmannschaft; keine Jäger, die ihm zu Hilfe eilten. Zudem war er noch schwer verletzt. Das zumindest hatte Skyler gespürt, bevor er ihre geistige Verbindung abgebrochen hatte, um sie vor seinen Schmerzen – oder seinem Tod – zu schützen.

Dimitri war von stoischer Gelassenheit, was Leben oder Tod anging. Er war ein karpatianischer Jäger und beschützte schon seit Jahrhunderten Unschuldige vor Vampiren. Skylers Abstammung war kompliziert, doch eigentlich war sie menschlich. Die Lykaner würden niemals damit rechnen, dass eine so junge und dazu noch menschliche Frau eine Rettungsaktion für einen Karpatianer startete. Sie hatte also das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Das und gute, vertrauenswürdige Freunde sowie ihre eigenen sehr machtvollen, aber noch unerprobten Fähigkeiten.

Skyler glaubte an sich. Sie kannte all ihre Stärken und Schwächen. Wie Josef war sie äußerst intelligent und wurde meistens unterschätzt. Und dass die Lykaner sie unterschätzen würden, dessen war sie sich fast sicher – und verließ sich auch darauf.

Niemand würde wegen eines karpatianischen Jägers einen Krieg beginnen, wie es schien, aber Skyler wusste, dass ihr Vater sich an ihre Fersen heften würde, und sollte ihr auch nur ein Haar gekrümmt werden, konnten die Lykaner sich auf einen Albtraum gefasst machen, der ihre Vorstellungskraft übersteigen würde. Und nicht nur Gabriel würde ihr folgen, sondern auch ihr Onkel Lucian. Darüber hinaus war Skyler sich ziemlich sicher, dass auch Razvan, ihr leiblicher Vater, und seine Lebensgefährtin Ivory sich an der Suche nach ihr beteiligen würden. Auch sie waren überaus gefährlich. Für Skyler lag eine gewisse Genugtuung darin zu wissen, dass man sie rächen würde, falls sie verletzt oder getötet werden würde. Niemand, nicht einmal Mikhail Dubrinsky, der Prinz des karpatianischen Volkes, würde einen Krieg verhindern können, falls die Lykaner ihr etwas antaten.

Sie hob das Kinn. Dimitri ließ sie nie in der Gefahr allein. Er eilte zu ihr, sobald er merkte, dass ihr Ärger oder Kummer drohte – und waren es nur schlimme Träume, die er ihr zu erleichtern versuchte. Wie könnte sie also weniger für ihn tun?

Mit angehaltenem Atem richtete sie den Blick wieder auf den Beamten, der nun übertrieben vorsichtig den Sargdeckel anhob. Er knarrte unheilvoll. Schaurig. Genau wie in Gruselfilmen. Bei dem Geräusch lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Dann hob sich der Deckel langsam, und es sah so aus – Herrgott noch mal, Josef! –, als erhöbe er sich ganz von selbst. Varga wich zurück und hob wie abwehrend eine Hand.

Stille herrschte, als der Deckel innehielt. Nichts regte sich. Skyler konnte sogar das Ticken einer Uhr hören. Varga hüstelte nervös und schaute zu ihr herüber. Schnell legte sie eine Hand über ihren Mund und senkte den Blick.

Josef! Benimm dich! Skyler wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, so angespannt war sie.

Varga trat wieder vorsichtig an den Sarg heran und spähte hinein. Seine Stirn war schweißbedeckt, und er räusperte sich mehrmals. »Er schaut ziemlich kräftig aus für einen Mann, der sich zu Tode gehungert hat«, sagte er dann.

Du hättest zumindest dafür sorgen können, ausgemergelt auszusehen, wenn du wolltest, dass er deine alberne Geschichte glaubte, tadelte sie Josef über ihre telepathische Verbindung.

Dann drückte sie ein Taschentuch an ihren Mund. »Das Beerdigungsinstitut hat hervorragende Arbeit geleistet. Ich hatte den Bestatter ausdrücklich gebeten, meinen Bruder so gut wie möglich für unsere Mutter zurechtzumachen.«

Varga presste die Lippen zusammen und betrachtete den »Leichnam« prüfend. Irgendetwas machte ihn misstrauisch, aber Skyler war nicht sicher, was es war. Ganz offensichtlich lag ein toter Mensch in diesem Sarg. Verdächtigte er sie etwa, Drogen zu schmuggeln? Waffen? Wenn ja, verhieß das nichts Gutes für ihre Pläne. Sie musste sich den Anschein eines naiven jungen Mädchens geben, das vielleicht sogar ein bisschen unbedarft war.

Sie hielt den Atem an, als Varga nach dem Deckel des Sarges griff und ihn langsam wieder schloss.

»Kommt Sie jemand abholen?«, fragte er, verriegelte den Sargdeckel und sah auf die Uhr. »Ich kann nicht bleiben. Ihre Maschine war die letzte, die hereinkam.«

»Der Freund meines Bruders hat einen Van besorgt, um uns abzuholen. Er wird jeden Moment kommen«, beruhigte ihn Skyler. »Und recht herzlichen Dank für Ihre Hilfe.«

»Sie können hier drinnen warten«, sagte Varga freundlich. »In zwei Stunden komme ich wieder, um abzuschließen.« Er blickte sich in dem heruntergekommenen Gebäude um, das aus kaum mehr als vier metallenen Wänden bestand. Die meisten waren teilweise so schlimm verrostet, dass sie bereits Löcher hatten. »Auch wenn es hier nicht viel wegzuschließen gibt«, fügte er hinzu und blickte wieder auf die Uhr. »Ich würde ja mit Ihnen warten, aber ich habe noch etwas anderes zu erledigen.«

Skyler schenkte ihm ein schwaches Lächeln. »Das macht nichts. Wirklich nicht. Der Freund wird jeden Moment hier sein.«

Varga warf ihr einen letzten Blick zu, bevor er zur Tür hinausging und sie mit dem verschlossenen Sarg allein ließ. Skyler wartete, bis sie seinen Wagen abfahren sah und die Scheinwerfer in der Ferne verschwanden. Dann blickte sie sich noch einmal prüfend um. Sie schien wirklich ganz allein zu sein.

»Du kannst aufhören, dich tot zu stellen, Josef«, sagte sie mit unverhohlenem Sarkasmus in der Stimme und klopfte mit der Faust auf den Sarg. »An gebrochenem Herzen gestorben? Etwas Glaubwürdigeres konntest du dir wohl nicht einfallen lassen?«

Der Deckel des Sarges hob sich mit dem gleichen schaurigen, horrorfilmartigen Knarren, das Josef schon bei Varga angewendet hatte. Dann folgte eine so absolute Stille, dass Skyler das gleichmäßige Pochen ihres eigenen Herzens hören konnte. Sie beugte sich über den Sarg und funkelte ärgerlich den jungen Mann an, der mit über der Brust gekreuzten Armen und geschlossenen Augen wie tot zwischen den Kissen lag. Sein Gesicht war leichenblass, und sein strubbeliges schwarzes Haar mit den blau gefärbten Spitzen hob sich scharf von dem weißen Hintergrund des Kissens ab.

»Du siehst erstaunlich kräftig aus für einen Mann, der sich zu Tode gehungert hat«, imitierte sie in spöttischem Tonfall die Bemerkung des Beamten. »Du hättest alles verderben können mit deiner lächerlichen Geschichte.«

Josef schlug auf theatralische Art und Weise die Augen auf, setzte sich langsam auf und sagte mit vorgetäuschtem Akzent: »Ich könnte ein paar Tropfen Blut gebrauchen, meine Liebe.«

Skyler schlug ihm die Papiere, die sie in der Hand hielt, auf den Kopf. »Der Zollbeamte hat mir nicht geglaubt, dass ich fünfundzwanzig bin.«

Josef grinste breit. »Bist du ja auch nicht. Du bist mal gerade neunzehn, und wenn Gabriel und Lucian von dieser Sache hier erfahren, werden wir mehr Ärger kriegen, als wir beide je zuvor hatten.« Er schwieg einen Moment, und das Lächeln um seinen Mund verblasste. »Und ich habe in meinem Leben schon eine Menge Schwierigkeiten gehabt.«

»Wir hatten keine Wahl«, sagte Skyler.

»Mach dir nichts vor, Sky, man hat immer eine Wahl! Und sie werden ja auch nicht dich umbringen, weil ihre größte Wut sich auf mich richten wird. Wenn Gabriel und Lucian sich auf die Suche nach dir machen – und das werden sie –, dann werden sie dich finden. Ihnen eilt nicht ohne Grund dieser Ruf voraus. Wenn wir das hier wirklich durchziehen, Sky, wird jeder karpatianische Jäger auf der Suche nach uns sein.«

Ihr Adoptivvater, Gabriel, war tatsächlich sehr, sehr mächtig und ein schon legendärer karpatianischer Jäger. Ihr Onkel Lucian, Gabriels Zwillingsbruder, hatte mitgeholfen, diesen legendären Ruf unter den Karpatianern zu begründen, und wenn sie entdeckten, dass sie nicht dort war, wo sie sie in Sicherheit wähnten, würden sie sich selbstverständlich auf die Suche nach ihr machen.

»Ist das nicht der Sinn der Sache?«, erwiderte sie schulterzuckend. »Doch bis sie erwachen und merken, dass wir fort sind, werden wir einen guten Vorsprung haben. Bis dahin müssten wir Dimitri finden können.«

»Dir ist doch wohl bewusst«, begann Josef, während er – wieder mal sehr theatralisch – aus dem Sarg herausschwebte, »dass diese ganze Sache einen internationalen Zwischenfall auslösen könnte. Oder, was noch schlimmer wäre, einen Krieg. Einen furchtbaren Krieg.«

»Du warst bereit, mir zu helfen«, sagte Skyler. »Hast du es dir anders überlegt?«

»Nein. Du bist meine beste Freundin, Sky. Dimitri hasst mich wahrscheinlich und wünschte, ich wäre tot, aber er ist dein Gefährte des Lebens, und man hat ihn buchstäblich den Wölfen vorgeworfen.« Sehr zufrieden mit seinem kleinen Wortspiel, grinste er sie an. »Natürlich werde ich dir beistehen. Ich habe dir schließlich auch bei der Entwicklung dieses Plans geholfen, oder? Und er wird aufgehen, Sky.«

»Dimitri hasst dich nicht. Eigentlich ist er sogar froh, dass du mein Freund bist. Wir haben darüber gesprochen. So ist er nicht.« Skyler verzog das Gesicht. »Du weißt sehr wohl, dass ihm durchaus bewusst ist, dass du wie ein Bruder für mich bist. Er würde sein Leben aufs Spiel setzen, um dich zu verteidigen.«

Josef grinste sie an. »Verzeih mir, dass ich ihn ein kleines bisschen hasse. Er sieht gut aus, ist intelligent, ein uralter Jäger und dein Gefährte des Lebens. Er hat all meine Träume und Fantasien in Bezug auf dich zerstört. Ich wage ja nicht einmal mehr, etwas in dieser Art zu denken, weil er es merken würde.«

Skyler verdrehte die Augen. »Red keinen Unsinn, Josef! Selbst ich weiß, dass du so nicht an mich denkst. Du kannst vieles verbergen, aber nicht das. Es gibt keine Fantasien oder zerstörte Träume. Deine Gefährtin des Lebens ist entweder noch nicht geboren …« Sie hielt kurz inne, um dann schelmisch lächelnd hinzuzusetzen: »… oder sie ist eine von Gregoris Töchtern.«

Josef stöhnte und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Verflucht seist du dafür, diese Worte auch nur auszusprechen und den Gedanken in die Welt zu setzen! Das darfst du nicht mal denken und schon gar nicht laut aussprechen! Kannst du dir Gregori Daratrazanoff als Schwiegervater vorstellen? Verdammt noch mal, Skyler, du willst mich wohl wirklich tot sehen, was?«

Sie lachte. »Das würde dir nur recht geschehen, Josef. Besonders nachdem du diesen Papieren nach ohnehin an gebrochenem Herzen gestorben bist!«

»Das könnte noch passieren. Du weißt, was für ein Romantiker ich bin. Dimitri hält mich – übrigens wie sie alle – für einen kleinen Jungen, was wahrscheinlich auch besser ist, weil er mich sonst als einen Rivalen betrachten würde.«

»Du hast dir ja auch die größte Mühe gegeben, sie alle glauben zu lassen, du wärst ein Kind«, erinnerte Skyler ihn lächelnd. »Du willst, dass sie dich unterschätzen. Du bist ein Genie, Josef, und lässt keinen von ihnen dein wahres Ich sehen. Du provozierst sie ganz bewusst.«

Sein Grinsen wurde noch ein wenig breiter, bis er ausgesprochen spitzbübisch aussah. Dann pustete er gegen seine Fingerspitzen und sagte: »Das ist wohl wahr, und ich streite es auch gar nicht ab.« Sein Lächeln verblasste. »Das hier ist jedoch etwas ganz anderes als die Streiche, die ich ihnen spiele. Das hier ist eine große Sache, Skyler. Ich will nur, dass du verstehst, was auf dem Spiel steht.«

»Ich weiß sehr gut, was auf dem Spiel steht.«

»Deine Familie ist eine der mächtigsten unseres Volkes.« Er runzelte die Stirn. »Was mich daran erinnert, dich zu fragen, warum du Gregori eigentlich nie deinen Onkel nennst? Er ist Gabriels und Lucians Bruder, also genau genommen auch dein Onkel.«

»Wahrscheinlich, weil ich noch nie darüber nachgedacht habe. Ich kenne ihn ja nicht. Wir leben in London und er hier in den Karpaten, und er hat auch noch nie besonders großes Interesse an mir gezeigt.«

»Er ist ein Daratrazanoff, und glaub mir, Skyler, allein schon deshalb interessierst du ihn! Wenn du verschwindest, wird deine Familie sich aufmachen, um dich zu suchen, und sie werden auf dem ›Kriegspfad‹ sein. Deine ganze Familie und insbesondere Gabriel.«

»Hast du Angst vor meinem Vater?«

»Ich habe eine Neuigkeit für dich, Süße: Jedermann hat Angst vor deinem Vater, und wenn sie ihn nicht fürchten, sollten sie es lieber tun, besonders wenn es um dich geht. Hast du noch nicht bemerkt, wie überfürsorglich er bei dir ist? Dein Onkel Lucian ist nicht anders, wenn nicht sogar noch schlimmer, und sollte sich irgendjemand mit einem dieser Männer oder jemandem, den sie lieben, anlegen, wird er sich vor beiden dafür verantworten müssen.«

Skyler biss sich auf die Lippe. »Tut mir leid, Josef, dass ich dich in diese Lage gebracht habe. Aber ich kann nicht mehr zurück. Ich muss Dimitri finden. Und ich weiß, dass ich es kann. Unser Plan ist fehlerlos. Und wir wussten beide und können uns auch darauf verlassen, dass Gabriel und Lucian sich auf die Suche nach mir machen würden. Deshalb kann ich von hier aus allein weitermachen, falls du doch noch kneifen willst, Josef.«

Ihr Freund brach in schallendes Gelächter aus. »Jetzt hast du wirklich den Verstand verloren! Wenn ich dich allein weitermachen ließe, würden sie mich wirklich umbringen. Nein, wir sind jetzt einmal hier und müssen es durchstehen. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass du die Einzige bist, die das tatsächlich durchziehen kann. Doch wenn du in Schwierigkeiten gerätst, Skyler, wird das wirklich und wahrhaftig einen Krieg auslösen. Lucian und Gabriel werden nicht zurückstecken, falls dir jemand etwas antut oder du gefangen genommen wirst. Sie werden darauf pfeifen, was der Prinz sagt. Sie werden sich auf die Suche nach dir machen und sich von nichts und niemandem aufhalten lassen. Das solltest du bedenken, bevor du weitermachst. Du musst dir über die Folgen im Klaren sein und bereit sein, sie zu tragen.«

Skyler presste die Lippen zusammen. Sie hatte an wenig anderes gedacht, seit Josef und sie ihren Plan geschmiedet hatten. »Dimitri ist ein guter Mann. Er hätte mich für sich beanspruchen und von zu Hause und der einzigen Stabilität, die ich je gekannt habe, fortbringen können. Ich hätte ihm nicht widerstehen können, dazu ist die Anziehungskraft zwischen Seelengefährten viel zu stark. Aber er hat es nicht getan, Josef, egal, welch hohen Preis es ihn gekostet hat. Er bestand nicht darauf, mich zu beanspruchen und uns aneinander zu binden. Und nicht etwa, weil er Angst vor Gabriel hatte. Er hat Gabriel noch nie gefürchtet.«

Josef schwenkte die Hand in Richtung Sarg, und der Deckel schloss sich knarrend. »Das weiß ich«, stimmte er mit ungewöhnlich sanfter Stimme zu.

»Dimitri war klar, dass ich noch nicht bereit war und Zeit brauchte, um mich selbst zu finden und … meine Vergangenheit zu überwinden.« Skyler senkte den Kopf, sodass die Fülle ihres seidenen Haares ihren Gesichtsausdruck verbarg.

»Nicht, Sky!«, sagte Josef. »Wir sind die besten Freunde. Was dir zugestoßen ist, war nicht deine Schuld, und du solltest dich nicht dafür schämen.«

»Ich schäme mich nicht … oder jedenfalls nicht so, wie du denkst. Ich halte Dimitri für einen wunderbaren Mann, der eine Gefährtin verdient, die ihm in allem ebenbürtig sein kann. Diese Frau bin ich aber noch nicht. Ich möchte mit ihm zusammen sein, und ich verspüre dieses Bedürfnis fast genauso stark wie er. Es verstärkt sich buchstäblich von Tag zu Tag.«

»Glaubst du, dass er dir deine Vergangenheit verübeln würde?«

Skyler schüttelte den Kopf. »Nein, er ist mir bei Nacht oft nahe genug, um mit mir zu reden, wenn ich nicht schlafen kann. Wir sprechen nachts sehr viel miteinander. Ich liebe seine Stimme. Er ist sehr sanft zu mir und niemals fordernd. Ich weiß, wie schwierig das für ihn ist. Ich kann seinen inneren Kampf wahrnehmen, auch wenn er ihn anfangs noch vor mir verborgen hat. Man kann nicht im Kopf eines anderen sein, ohne irgendwann alles zu sehen. Die ganze Zeit über drohte die Dunkelheit, ihn zu verschlingen, doch er sagte nie etwas darüber und versuchte kein einziges Mal, mich zu bedrängen. Und verurteilt hat er mich schon gar nicht, nur weil ich zu jung und ängstlich war. Nein, Dimitri verurteilt mich nicht.«

»Niemand tut das, Schätzchen«, sagte Josef ernst. »Du bist es, die viel zu streng mit sich selbst ist. Mir persönlich gefiel besonders gut die Phase, als du ständig deine Haarfarbe gewechselt hast. Dich selbst zu finden und dich dann mit deinem wahren Ich wohlzufühlen hat eben ein Weilchen gedauert.«

Skyler warf mit hochgezogener Augenbraue einen vielsagenden Blick auf Josefs schwarzes, an den Spitzen blau gefärbtes Haar.

Sein Grinsen war ansteckend und brachte zwei Grübchen rechts und links seines Mundes zum Vorschein. »Das ist es, was und wer ich bin. Das fand ich schon vor langer Zeit heraus. Ich mag mein Haar mit blauen Spitzen.«

»Weil so niemand je erraten wird, wie klug du bist. Weil sie einfach zu sehr damit beschäftigt sind, sich über deine Haare und die Piercings zu mokieren, die du manchmal trägst, nur um sie alle zu nerven«, beschuldigte sie ihn lachend. »Du weißt, dass ich dich schrecklich gern hab, Josef, nicht?«

»Ja. Deswegen bin ich ja auch hier. Es gibt nicht allzu viele Leute, die mich mögen, Sky. Und wenn du sagst, du brauchst mich, dann komme ich«, schloss er mit abgewandtem Blick.

Skyler legte eine Hand auf seinen Arm. »Es gibt viele Leute, die dich mögen, Josef, du lässt sie nur nicht allzu nahe an dich heran. Wenn du Dimitri eine Chance gäbest, wäre er ein guter Freund für dich. Ich weiß, dass er es wäre. Ich habe sehr oft mit ihm über dich gesprochen.«

»Ich dachte, du hättest ihn nicht mehr gesehen, seit du in den Karpaten warst.«

»Er hielt es für das Beste, dass wir uns voneinander fernhalten. Ich wusste, es würde zu schwer für ihn sein, mir körperlich nahe zu sein, aber hin und wieder kam er doch nach London, wenn er meine Stimme hören musste.«

»Wusste Gabriel das?«

»Wahrscheinlich. Er hat mich nie gefragt, doch ich merkte, dass er mich mehr im Auge behielt, wenn Dimitri in der Nähe war. Und wenn Gabriel nicht da sein konnte, wich Francesca nicht von meiner Seite. Es gab auch Zeiten, in denen Onkel Lucian und Tante Jaxon gewissermaßen die Aufsicht übernahmen. Und da sie normalerweise sehr beschäftigt sind, war mir klar, dass sie kamen, weil alle Angst hatten, Dimitri könnte auftauchen und mich für sich beanspruchen.«

»Aber er tat es nicht.«

»Natürlich nicht. Er ist ein Ehrenmann. Und ich bin nach karpatianischen Maßstäben sowieso noch nicht alt genug, um beansprucht zu werden, was schon komisch ist, weil ich nach menschlichen problemlos heiraten könnte und niemand sich was dabei denken würde.«

»Möchtest du, dass er jetzt Anspruch auf dich erhebt?«, fragte Josef neugierig.

Skyler zuckte mit den Schultern. »Manchmal ja. Ich träume von ihm; ich denke nie an andere Männer oder sehe sie auch nur an. Für mich gibt’s nur Dimitri. Er verlangt nach mir, ohne sich dessen auch nur bewusst zu sein. Wenn wir uns auf telepathischem Wege miteinander verständigen, sehe ich so manches. Wie allein er ist. Wie dunkel seine Welt ist. Wie schwer es ist, gegen den ständigen Ruf der Finsternis anzukämpfen. Er erträgt so viel für mich. So viel für uns alle. Zu jagen ist sogar noch schwieriger für ihn geworden. Er muss jedes Mal töten. Ich sehe all das und auch die immensen Opfer, die er für mich bringt.«

»Er würde nicht wollen, dass du diese Dinge siehst, Sky«, wandte Josef ruhig ein. »Das weißt du doch wohl, oder? Karpatianische Männer, besonders die Jäger, sind wie aus Stein, vom Scheitel bis zur Sohle Krieger, und wenn er annehmen müsste, er beschützte dich nicht vor dieser schleichenden Finsternis, wäre er sehr bestürzt.«

Skyler lächelte Josef an. »Ich kann nicht ändern, was ich sehe, Josef. Ich bin nicht wie andere. Überleg dir mal, was für eine Mixtur ich bin! Hellseherin. Magierin. Ein ganz klein wenig Karpatianerin. Tochter der Erde. Drachensucherin … Ich sehe Dinge, die ich nicht sehen sollte, und fühle Dinge, die ich nicht fühlen sollte. Ich weiß, dass Dimitri mir fast genommen wurde. Ich spürte ihn. Ich rief ihn. Ich sang die Heilgesänge, die ich Francesca hatte singen hören. Ich zündete Kerzen an, und ich weinte tagelang, als er so weit entfernt war, dass ich ihn nicht mehr erreichen konnte.«

Sie schaute Josef in die Augen und ließ ihn ihren Kummer sehen. Ihr Freund wurde von den meisten Leuten wirklich unterschätzt, aber sie erkannte sein Genie und schätzte ihre enge Freundschaft sehr. Mit Josef konnte sie reden, ihm alles sagen, und er enttäuschte ihr Vertrauen nie.

»Ich brauche ihn«, gab sie offen zu. »Und ich muss ihn finden.«

Josef legte einen Arm um ihre Schultern. »Nun, Kleines, das ist genau das, was wir tun werden. Paul müsste jeden Moment hier sein. Er hat mir eine SMS geschickt, um mir zu sagen, dass er alles vorbereitet hat.«

»Hat er seine Spuren verwischt? Hat er dir nicht irgendwann erzählt, dass Nicolas sein Blut genommen hat? Wenn ja, kann er Paul aufspüren.«

»Schätzchen, jeder von ihnen kann uns aufspüren, und sie werden uns auf den Fersen sein, sobald sie merken, dass du verschwunden bist.«

»Das weiß ich. Ich sage ja auch nur, dass das nicht passieren darf, bevor wir so weit sind.« Skyler warf einen Blick auf ihre Uhr. »Paul verspätet sich.«

»Seine Tarnung ist perfekt«, versicherte ihr Josef. »Er ist mit den De la Cruz’ herübergeflogen und hat ihnen gesagt, wir wollten die Berge von der ukrainischen Seite her erforschen und auch ein paar Wochen dort campen. Natürlich waren sie froh, uns los zu sein, und niemand wird bezweifeln, dass wir zusammen etwas unternehmen. Wir haben in den letzten beiden Jahren schließlich beinahe unentwegt davon gesprochen. Und da es die ideale Gelegenheit für ein Treffen für uns war, haben sie uns die Geschichte problemlos abgekauft.«

Skyler rümpfte ein wenig die Nase. »Natürlich haben sie nichts dagegen, wenn ihr beide in der Wildnis zelten geht. Aber erinnerst du dich, wie es war, als ich euch auf einem eurer Trips begleiten wollte? Da hätte man meinen können, die Welt bliebe stehen.«

Josef lachte und lehnte sich lässig mit der Hüfte an den Sarg. »Gabriel verwandelte sich in den großen bösen Wolf und hätte Paul und mich fast aufgefressen, nur weil wir es vorgeschlagen hatten. Ich war erstaunt, dass er dir erlaubte, ein College zu besuchen. Aber du warst deiner Altersgruppe in der Schule ja auch schon so weit voraus.«

Skyler zuckte mit den Schultern. »Im ersten Jahr auf dem College fuhr ich noch jeden Abend nach Hause, weil es nicht anders ging. Doch das hatte nichts mit Gabriel und Francesca und ihrer Fürsorge zu tun. Ich weiß nicht, was ich ohne sie getan hätte. Ich brauchte sie zu Anfang so sehr, Josef! Und sie haben sich so stark für mich eingesetzt.« Tränen glitzerten in ihren Augen. »Ich hasse es, ihnen ihre Liebe und Güte nun mit Lügen zu vergelten, doch sie haben mir keine andere Wahl gelassen.«

»Hast du versucht, mit ihnen über Dimitri zu reden?«

Skyler nickte. »Ich wusste, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, weil Dimitri das letzte Mal, als wir miteinander sprachen, sehr beunruhigt war. Vor ein paar Wochen brach er ganz plötzlich in die Karpaten auf, und dann nahm er an einer fürchterlichen Schlacht teil. Ich konnte spüren, wie er mir entglitt. Er war so weit entfernt, dass ich ihn fast nicht mehr erreichen konnte. Als ich es endlich schaffte, war er schon beinahe nicht mehr da, und ich konnte spüren, wie seine Lebenskraft erlosch.« Sie erhob den Blick zu Josef. »Erinnerst du dich an diese Nacht? Damals rief ich dich an und bat dich, zu kommen und mir zu helfen.«

»Du warst in der College-Bibliothek, und zum Glück war ich in die Stadt gekommen, um dich zu besuchen, sodass ich nicht sehr weit entfernt war«, sagte Josef. »Aber du hast mir nicht erzählt, was los war. Nur, dass Dimitri dich brauchte. Du warst völlig fertig, Sky.«

Die Erinnerung an diese Nacht erschütterte sie auch heute noch. Dimitri war damals schwer verletzt worden. Tödlich verletzt. Sie war weit entfernt von ihm gewesen, beim Studium in der College-Bibliothek – wie banal, dachte sie –, und die Entfernung schwächte ihre Verbindung. Sie hatte versucht, ihn auf telepathische Weise zu erreichen, weil sie wusste, dass er in Schwierigkeiten war, doch es war sein Bruder Fenris Dalka gewesen, den sie erreicht hatte. Als sie Dimitris Geist anrührte, war er so kalt gewesen, so eisig kalt. Sie fröstelte, weil ihr diese Kälte noch immer in den Knochen saß. Manchmal glaubte sie nicht, dass sie sie überhaupt je wieder loswerden würde.

»Sein Bruder war dort und kämpfte um ihn, indem er Dimitris erlöschendem Lebenslicht folgte und versuchte, ihn zurückzuholen. Ich rief Dimitri und flehte ihn an, mich nicht zu verlassen. Ich tat, was ich konnte, selbst über diese enorme Entfernung hinweg, um seinem Bruder zu helfen, Dimitri ins Land der Lebenden zurückzuholen. Ich konnte ihn nicht gehen lassen.«

Sie zog ihre Unterlippe zwischen die Zähne und biss darauf. Selbst heute noch tat ihr das Herz so weh, dass sie unwillkürlich die Hand darauf drückte. »Ich kann ihn nicht verlieren, Josef. Er ist stets für mich da gewesen, wann immer ich ihn brauchte, und egal, auf welche Weise ich ihn brauchte. Jetzt bin ich an der Reihe. Ich lasse ihn nicht im Stich. Ich werde ihn finden, und ich werde ihm helfen zu entkommen.«

»Ja, doch damals, als er beinahe gestorben wäre, konntest du ihn erreichen«, wandte Josef behutsam ein, weil er wusste, auf was für ein gefährliches Terrain er sich begab. »Warum glaubst du, dass du es jetzt nicht kannst?«

»Ich weiß, worauf du hinauswillst, Josef!«, fauchte sie ihn an. »Aber das ist Unsinn! Dimitri lebt. Ich bin mir sicher, dass er noch lebt.«

Josef nickte. »Ich höre, was du sagst, Sky, das beantwortet jedoch meine Frage nicht. Vielleicht sollten wir besser überlegen, warum du ihn nicht erreichen kannst, obwohl ihr beide doch immer in der Lage wart, euch auf telepathischem Weg zu verständigen. Du bist außerordentlich mächtig. Mächtiger als manche Karpatianer. Viele von uns sind außerstande, die große Entfernung, die du mental überbrücken konntest, zu überwinden. Was ist also jetzt so anders?«

Nachdenklich erwiderte sie seinen Blick. Josef war hochintelligent, und selbst wenn sie seine Einwände gar nicht hören wollte, musste sie ihm zuhören. Außerdem hatte er recht. Sie war imstande gewesen, sich über enorme Entfernungen hinweg mit Dimitri zu verständigen – und er mit ihr. Sie hatte es gemerkt, als er in Schwierigkeiten gewesen war, als er in einer erbitterten Schlacht gegen ein Werwolf-Rudel gekämpft und die Hauptlast des Angriffs auf sich genommen hatte, um seinem Bruder die Möglichkeit zu geben, einen sehr gefährlichen Vampir-Wolf-Mischling zu vernichten.

Sie hatte Dimitris Schmerz gespürt, der so furchtbar war, dass er sogar ihr den Atem genommen hatte. Mitten in der College-Bibliothek war sie fast zusammengebrochen unter diesem plötzlich in ihr aufwallenden Schmerz, der nicht der ihre gewesen war. Und obwohl sein Lebenslicht bereits erlosch, hatte sie diese Spur mit untrüglicher Sicherheit zu Dimitri zurückverfolgt. In all den Jahren telepathischer Verständigung war die Verbindung zwischen ihnen so stark geworden, dass sie ihn fand, obwohl seine Lebenskraft im Schwinden begriffen war und er sich schon auf dem Weg zu einem anderen Reich befand. Josef hatte recht. Wenn sie das geschafft hatte, warum konnte sie ihn dann jetzt nicht finden? Das ergab keinen Sinn – und darauf hätte sie eigentlich auch allein kommen müssen.

»Du bist dem Problem zu nahe und daher auch nicht objektiv genug«, sagte Josef und bewies wieder einmal, dass er so sehr auf einer Wellenlänge mit ihr war, dass er praktisch ihre Gedanken lesen konnte.

»Ich hasse es, wenn ich nicht logisch denken kann«, gestand Skyler. »Und gerade jetzt, da er meine hundertprozentige Aufmerksamkeit braucht.«

»Ich glaube, das nennt man Liebe, Skyler – auch wenn ich mir gar nicht eingestehen möchte, dass du jemand anders als mich liebst«, erwiderte Josef augenzwinkernd.

»Irgendetwas stimmt hier wirklich nicht, Josef. Ich weiß, dass es so ist. Wie konnte ich ihn erreichen, wenn er streng genommen schon tot war, und jetzt kann ich es plötzlich nicht mehr?«

»Vielleicht ist er bewusstlos«, meinte Josef vorsichtig.

Skyler schüttelte den Kopf. »Daran habe ich schon gedacht. Aber dann könnte ich ihn trotzdem finden. Unsere Verbindung ist etwas Besonderes. Sie ist so stark, dass ich ihm überallhin folgen kann. Ich konnte sogar geistig mit ihm in Kontakt treten, wenn er sich gerade in die heilende Erde begeben hatte und sich regenerierte.«

Josef schaute sie aus großen Augen an. »Das ist unmöglich, Sky! Niemand kann das. Dann bringen wir unsere Herzen und Lungen zum Stillstand und sind im Grunde wie gelähmt. In dieser Zeit sind wir am verwundbarsten. Wie könnte er sich da deiner gewärtig sein?«

»Ich weiß es nicht, aber egal, wann ich ihn zu erreichen versuchte, ob bei Tag oder bei Nacht, war er immer für mich da. Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, wo ich ihn nicht finden konnte. Mutter Erde sang für mich, sandte mir Schwingungen zu, die ich spüren konnte, und dann wusste ich, wo er sich befand.«

»Hast du Gabriel und Francesca erzählt, dass du das kannst? Könntest du es auch bei ihnen? Oder bei mir?«

Skyler begann, auf und ab zu gehen, und blickte wieder einmal etwas ungeduldig auf die Uhr. »Ich habe nie daran gedacht, irgendjemandem, nicht mal Dimitri, zu sagen, wie es funktioniert. Und ich habe auch noch niemals versucht, jemand anderen, der unter der Erde ist, zu wecken. Francesca und Gabriel haben derzeit kaum noch Gelegenheit, allein zu sein, deshalb wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, sie aufzuwecken. Es erschien mir nur logisch, mich an Dimitri zu wenden. Schließlich wusste ich, dass er mich ebenso sehr brauchte wie ich ihn.«

»Und ich dachte die ganze Zeit, du fürchtetest dich vor einer Beziehung mit ihm«, sagte Josef.

Skylers Lächeln erreichte ihre Augen nicht. »Nein. Ich hatte nie Angst davor. Wie könnte ich? Wir haben eine wundervolle Beziehung. Er behandelt mich, als wäre ich die großartigste und begehrenswerteste Frau der Welt. Er ist intelligent, wir können stundenlang über alles Mögliche miteinander reden. Er ist sanft und freundlich. Dimitri ist alles, was sich eine Frau von einem Partner wünschen könnte.«

»Trotzdem höre ich in alldem ein Aber.«

»Weil ich mir nicht sicher bin, ob ich die Gefährtin sein kann, die Dimitri verdient. In unserer emotionalen und intellektuellen Beziehung bin ich großartig, doch ich habe keine Ahnung, ob ich je das sein könnte, was er … auf körperlicher Ebene braucht. Das ist eine völlig andere Sache.«

Josef schüttelte den Kopf. »Mach dich deswegen nicht verrückt, Skyler! Es wird geschehen, wenn es geschehen muss. Dimitri wird keine andere Frau als dich wollen. Niemals. Und er wird dir alle Zeit geben, die du brauchst.«

»Ich weiß. Natürlich weiß ich das. Dimitri würde mich nie zu irgendetwas drängen. Nicht er ist es, der mir Sorgen macht. Ich werde nur nervös, wenn ich daran denke. Ich möchte die bestmögliche Gefährtin für ihn sein, doch mein Kopf kann sich eine körperliche Beziehung einfach noch nicht vorstellen.«

Sie blickte wieder auf die Uhr. »Paul sollte jetzt besser bald erscheinen. Bist du sicher, dass er weggekommen ist, ohne jemanden misstrauisch zu machen?«

»Ja, er ist schon unterwegs und nur noch wenige Minuten entfernt. Du sagtest, Dimitri lebe noch. Wenn es so ist, dann werden wir ihn finden.«

Skyler atmete langsam aus. »Mir gefällt das alles nicht. Ich hasse es, dass der Prinz ihn genau wie alle anderen im Stich gelassen hat.«

Josef legte einen Arm um sie und drückte sie an sich. Sein Lächeln verblasste. »Wir werden ihn finden. Verlass dich drauf!«

Skyler lehnte sich einen Moment lang an ihn und nickte dann, straffte die Schultern und löste sich von ihm. »Mir gefällt die einzige Erklärung nicht, die ich dafür hätte, dass ich ihn auf telepathische Weise nicht erreichen kann.«

»Und welche wäre das?«

»Dass er mich aus seinem Bewusstsein ausschließt.« Schmerz und Besorgnis schwangen in ihrem Tonfall mit. »So muss es sein. Es gibt keine andere vernünftige Erklärung.«

KAPITEL 2

Paul Jansen nahm Skyler in die Arme und drückte sie an sich. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und auch seine Schultern und sein Brustkorb waren breiter. Er sah jetzt mehr wie ein Mann statt wie ein junger Bursche aus. Paul hatte auf der Ranch seiner Familie hart gearbeitet, was sich an seiner tief gebräunten Haut, seinem kräftigen Körperbau, den muskulösen Armen und seinem Selbstvertrauen zeigte. Und er wirkte älter als seine zwanzig Jahre. Das lag ohne Zweifel an der Verantwortung, die auf ihm lastete.

Skyler umarmte ihn genauso fest. »Danke, dass du gekommen bist! Ich hätte dich nicht darum gebeten, wenn ich nicht so verzweifelt wäre.«

Er hielt sie auf Armeslänge von sich weg und musterte sie mit einem kleinen, liebevollen Grinsen. »Ich würde mir das für nichts auf der Welt entgehen lassen. Außerdem haben wir drei vor langer Zeit einen Pakt geschlossen, dass jeder von uns unverzüglich kommen würde, falls einer von uns in Schwierigkeiten sein sollte. Ich bin froh, dass du mich angerufen hast.«

Josef ergriff Pauls Unterarme in der traditionellen Begrüßung unter karpatianischen Kriegern, was Skyler ein bisschen verwunderte. Josef hatte so gar nichts für Traditionen übrig, und wenn er irgendeines der uralten Rituale anwendete, überraschte es sie immer sehr.

»Schön, dich zu sehen, Kumpel! Es ist viel zu lange her. Sie lassen dir wohl nicht viel Freizeit, was?«, sagte Josef.

Paul umarmte ihn auf die herkömmlichere menschliche Art. »Ich kümmere mich um meine Schwestern, insbesondere Ginny. Die Brüder de la Cruz und ihre Frauen haben Feinde, und da ist nicht nur eine Ranch, die geführt werden muss, sondern auch Ginny, auf die ich tagsüber ein Auge haben muss.«

»Du hast schon immer viel zu viel gearbeitet«, sagte Josef, während er die Umarmung erwiderte. »Es ist schön, dich zu sehen. Internet-Chats können das nicht ersetzen. Wie geht es deiner Schwester? Sie wächst schnell heran.«

»Ginny kann hervorragend mit Pferden umgehen. Sie ist genauso gut darin, wie Colby es immer war. Und sie ist auch schön, was bedeutet, dass ich all diese Rancharbeiter im Blick behalten und dafür sorgen muss, dass sie nicht auf dumme Ideen kommen.« Paul grinste, aber es hatte nichts Fröhliches.

Skyler konnte sich ein Lächeln jedoch nicht verkneifen. Die meisten karpatianischen Jäger waren knallhart, aber Pauls Schwester Colby hatte in eine der rabiatesten Familien von allen eingeheiratet. Sie war die Gefährtin des Lebens von Rafael de la Cruz. Die De la Cruz’ waren fünf Brüder, und alle von ihnen galten als überaus gefährlich, ja, als einige der am meisten gefürchteten Raubtiere dieses Planeten. Offensichtlich hatte Paul sehr viel von ihnen gelernt. Ganz gewiss auch, sich zu verteidigen. Daran zweifelte Skyler nicht. Er bekämpfte Vampire und verrichtete die Arbeit eines Mannes auf der Ranch in Südamerika, ganz abgesehen davon, dass er sie auch führte, wenn die Karpatianer tagsüber unter der Erde schliefen.

»Josef, verlade bitte deinen Sarg im Wagen!«, mahnte Skyler. »Wir müssen weiter. Ich will auf der Straße sein, falls irgendjemand auftaucht und nach einem von uns sucht.«

Paul blickte zu dem kunstvoll verzierten Sarg hinüber und brach in schallendes Gelächter aus. »Nun seht euch dieses Ding an! Du hattest sicher eine Menge Spaß damit, Josef?«

Skyler verdrehte die Augen. »Ermutige ihn nicht noch! Wenn du wüsstest! Er hat doch tatsächlich ein gebrochenes Herz als Todesursache in den offiziellen Papieren angegeben! Kannst du dir das vorstellen?«

Paul lachte noch lauter. »Ich hätte nicht weniger von ihm erwartet.« Er zerzauste Skylers Haar. »Wie schön du geworden bist, Kleines! Wer hätte das gedacht?«

Josef warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. »Du siehst sie fast jeden Tag auf Skype. Sie schaut genauso aus wie immer. Du dagegen hast dir die Haare wachsen lassen. Jetzt siehst du ja sogar beinahe schon wie die Brüder de la Cruz aus. Bist du verrückt geworden?«

Paul zuckte mit den Schultern und schob mit dem Daumen seinen Cowboyhut zurück. »Alle haben ein bisschen Angst vor den De la Cruz’. Aber ich habe absolut nichts dagegen, mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden, weil es mich automatisch auch zu einem harten Typen macht.«

Skyler merkte, dass sie zum ersten Mal seit Tagen lachte und sich entspannte. Sie hatte schon fast vergessen, welch ungezwungene Kameradschaft sie mit Paul und Josef verband, wenn sie wie jetzt zusammen waren. Sie liebte beide und wusste, dass sie das Gleiche für sie empfanden. Beide mochten sie Dimitris wegen aufziehen, doch sie hatten auch großen Respekt vor ihm und wollten ihn genauso unbedingt befreien wie sie selbst.

Josef machte sich Sorgen, dass sie sich der Konsequenzen ihrer Handlungsweise vielleicht nicht bewusst war, aber Skyler kannte sie nur allzu gut. Wie könnte es auch anders sein? Sie belog die Menschen, die sie liebte – und trotzdem wusste sie ohne auch nur den Schatten eines Zweifels, dass die Brüder de la Cruz Paul ebenso beschützen würden wie Gabriel und Lucian sie, Skyler. Die Brüder de la Cruz waren lange Zeit nicht mehr in den Karpaten gewesen und lebten nach ihren eigenen Gesetzen. Sie waren ihrem Prinzen zwar treu ergeben, doch gleichwohl war es Zacarias, der älteste Bruder, der ihre Handlungen bestimmte. Und er würde niemals, unter gar keinen Umständen, zulassen, dass eines seiner Familienmitglieder in Gefahr war, ohne ihm zu Hilfe zu kommen.

Skyler hatte sich viele Gedanken über das gemacht, was sie gerade tat. Paul war ihr wichtig, und das wusste er. Sie hatten ganz offen besprochen, was die Brüder de la Cruz unternehmen würden, falls der Plan misslang und sie alle in Schwierigkeiten gerieten. Die Familie de la Cruz hatte weitaus mehr zu verlieren als jede andere. Denn sollten sich die Lykaner auf dem Gipfeltreffen durchsetzen, das in Kürze in den Karpaten stattfand, würden MaryAnn und Manolito de la Cruz genauso gejagt und getötet werden wie Dimitri. Sie würden fälschlicherweise als die gefürchteten Sange rau betrachtet werden – was wortwörtlich schlechtes Blut bedeutete und gemeinhin für eine Mischung aus Lykanern und Karpatianern stand. Doch der gefährliche Sange rau war in Wahrheit ein Vampir-Wolf-Mischling.

Zu Skylers Belustigung ließ Josef den Sarg in den hinteren Teil des Pick-ups hineinschweben. Er war erstaunlich geschickt darin, allein mit seiner Willenskraft und mentalen Stärke Gegenstände zu bewegen. Sie konnte es auch, aber nicht so mühelos wie er. Josef hatte eine schwierige Phase durchgemacht, doch er war gestärkt daraus hervorgegangen und verstand seine karpatianischen Fähigkeiten heute sehr geschickt und reibungslos zu nutzen. Trotzdem war er in den Augen der jahrhundertealten karpatianischen Männer noch ein Kind, da Karpatianer erst ab ihrem fünfzigsten Geburtstag als Erwachsene galten.

Die Karpatianer begannen gerade erst zu verstehen, dass er ein technisches Genie war, besonders, was Computer anging. Es gab kaum etwas, was er nicht konnte, kein System, in das er nicht eindringen, und kein Programm, das er nicht schreiben konnte. Skyler war sich jedoch ziemlich sicher, dass die Karpatianer noch immer nicht das gesamte ungeheure Ausmaß seiner Fähigkeiten und deren Bedeutung für ihr Volk erkannt hatten.

Paul und Josef waren Außenseiter in ihrer eigenen Welt, genau wie sie, Skyler, wenn auch in geringerem Maße. Sie lebte bei karpatianischen Eltern, die sie liebevoll behandelten, aber sie war keine Karpatianerin. Auch Paul war umgeben von Karpatianern, aber er musste in einer menschlichen Welt leben, selbst wenn er dort nicht mehr hineinpasste. Er hatte Vampire gesehen, war sogar von einem besessen gewesen. Und dann war da noch Josef. Skylers Blick glitt zu ihm. Er war extravagant. Ein Rebell. Doch er war auch brillant und loyal – jemand, auf den man immer zählen konnte.

Ihr Herz war ihm im ersten Moment zugeflogen. Sie konnte nicht bestreiten, dass sie ihn liebte, und so wusste Dimitri das natürlich auch. Er wusste alles über sie, seit sie vor langer Zeit schon dem Gefährten ihres Lebens ihren Geist geöffnet hatte. Anfangs hatte sie Dimitri Zugang zu ihrem tiefsten Innersten gewährt, weil sie wohl gehofft hatte, er würde sehen, dass sie nach ihrer furchtbaren Kindheit niemals so sein könnte, wie er sich seine Gefährtin wünschte. Doch er war schon damals so gewesen, wie er heute war. Anspruchslos. Gelassen. Hartnäckig. Selbstsicher. Liebevoll.

Er war ein Mann, dem zu widerstehen nahezu unmöglich war – und deshalb hatte Skyler irgendwann aufgehört, sich gegen die Vorstellung zu sträuben, dass sie die Gefährtin seines Lebens war. Sie brauchte nur noch ein wenig Zeit, um mehr Vertrauen aufzubauen, dass sie, wenn der Moment kam, auch wirklich eine angemessene Partnerin für ihn würde sein können.

Skyler biss sich auf die Lippe und zuckte ein wenig zusammen, als es wehtat. Sie war noch nicht so weit, nicht in körperlicher Hinsicht, aber das war nicht so wichtig und würde auch überhaupt nie wieder wichtig sein, wenn Dimitri nicht überlebte.

Josefs spielerischer kleiner Schubs brachte sie fast aus dem Gleichgewicht. »Jetzt tut sie es schon wieder!«, stöhnte er. »Verliert sich im Reich der Märchen und der Fantasien. In letzter Zeit passiert ihr das ständig, Paul. Du redest mit ihr, und sie wirkt wie ein ganz normaler Mensch, und plötzlich bekommt sie diesen entrückten Ausdruck, ganz schwärmerische, gefühlsduselige Augen und driftet irgendwohin ab. Ich glaube, bevor wir irgendetwas anderes tun, sollten wir sie zu einem Doktor bringen, und zwar schnell.«

»Wenn überhaupt, wirst du einen Doktor brauchen!« Skyler revanchierte sich mit einem schnellen Tritt gegen Josefs Schienbein, und als er herumfuhr, um die Flucht zu ergreifen, sprang sie auf seinen Rücken und tat so, als wollte sie ihn in die Rippen boxen.

»Hilfe, Hilfe! Sie ist verrückt geworden!« Josef wirbelte im Kreis herum, als versuchte er, sie abzuschütteln, während er sie in Wahrheit fest an sich gedrückt hielt, um zu verhindern, dass sie fiel.

»Hört auf damit, ihr Spinner! Wir können nicht sicher sein, ob nicht schon jemand herausgefunden hat, dass Sky nicht dort ist, wo sie sein sollte«, warnte Paul. »Sowohl Francesca als auch Gabriel brauchen nur zu versuchen, sie auf telepathischem Weg zu erreichen.«

Josef hörte auf mit seiner wilden Tanzerei und beugte die Knie, um Skyler von seinem Rücken herunterzulassen. Dann blickte er sich plötzlich beunruhigt um.

»Ich glaube nicht, dass sie uns so schnell gefunden haben, Kumpel«, sagte Paul.

»Nein. Nicht Francesca und Gabriel«, meinte Josef, trat schnell vor Skyler und schob sie mit einem Arm hinter sich. »Aber irgendwer anderes schon.«

»Ich kann helfen«, zischte Skyler. »Ich bin sehr gut in allen Arten von Selbstverteidigung.« Sie spähte um Josef herum. Sie hatte schon allen möglichen Monstern gegenübergestanden, und sie hatten sie zu Tode geängstigt, doch sie dachte nicht einmal daran, jetzt Angst zu zeigen. Nicht vor ihren beiden Freunden, die ihr Leben riskierten für ihren eigentlich recht aussichtslosen Plan, Dimitri den Leuten, die ihn gefangen hielten, wieder zu entreißen.

Paul stellte sich von der anderen Seite vor sie. »Haltet mal die Luft an und lasst uns wenigstens sehen, wer da auf uns zukommt!«

»Der Sarg ist im Wagen. Sollten wir da nicht versuchen, einfach wegzufahren?«, fragte Skyler hoffnungsvoll.

»Ich würde einem Angreifer lieber draußen im Freien begegnen«, sagte Paul. »Und du, Josef?«

Der Freund hob eine Hand und spreizte alle Finger. »Es sind fünf Punks. Sie haben gesehen, wie der Zollbeamte hier Feierabend machte, und wollen jetzt nachschauen, ob irgendetwas liegen geblieben ist. Zwei von ihnen sind ganz schön high, und alle haben getrunken. Keine Vampire also.«

Skyler ergriff Josefs Arm. »Dann lasst uns lieber fahren! Fünf Menschen mit Messern, Ketten und vielleicht sogar Schusswaffen können uns trotzdem unnötig aufhalten. Lasst uns hier verschwinden!«

»Ich glaube nicht, dass sie zulassen, dass wir den Wagen nehmen, Sky«, sagte Josef. »Sie sind nämlich gerade darauf scharf.«

Skyler seufzte. Josef und Paul suchten Streit. Sie waren beide voller aufgestauter Energie und unterdrückter Wut auf ihren Prinzen und die anderen Jäger. Und wenn sie ganz ehrlich war, erging es ihr nicht anders. Auch sie war wütend, ja sogar stinksauer! Dimitri verdiente sehr viel mehr Loyalität, als seine Leute ihm erwiesen. Und sie und ihre beiden Freunde waren nicht einmal eingeweiht worden, weil sie als zu jung befunden worden waren, obwohl ausgerechnet derjenige, der Skylers andere Hälfte war, sich in Gefahr befand. Das war nicht korrekt. Sie war Dimitris Gefährtin des Lebens und hätte zumindest ständig auf dem Laufenden gehalten werden müssen, statt ausgegrenzt zu werden, als wäre sie noch ein Kind, das nicht verstand, worum es ging.

Und so holte sie tief Luft, wohl wissend, dass der Einzige von ihnen dreien, der so aussah, als könnte er es mit den Punks aufnehmen, Paul war. Josef würde auf den ersten Blick kein Gegner für sie sein. Groß und schlaksig wie er war, hatte er nicht die nötigen Muskeln, die einer Gruppe von Rowdys wie denen, die sich gerade in Positur warfen, imponieren könnten. Dabei war gerade Josef der, vor dem sich alle fürchten müssten, doch er sah nun einmal wie der Technikfreak aus, der er ja auch war.

Skyler hörte sich das dumme Gefasel der Burschen an und seufzte. Manchmal schien die Welt überall gleich zu sein. London, Südamerika, die Vereinigten Staaten, ja selbst ihr geliebtes Rumänien – wohin sie auch ging, überall fand man Typen, die lieber stahlen und raubten, als für ihr Geld zu arbeiten.

Du bist zu weich, Sky, sagte Josef über ihre telepathische Verbindung. Sie würden dich allein schon für die schicken Stiefel töten, die du anhast.

Das Schlimmste war, dass Josef wahrscheinlich sogar recht hatte. Er konnte die Gedanken dieser Typen lesen. Skyler könnte es auch, doch sie wollte es nicht. Manchmal war es ihr lieber, einfach nur so zu tun, als wären die meisten Leute im Grunde gut, so wie Gabriel und Francesca, und nicht wie die Ungeheuer, die sie als Kind gekannt hatte. Aber sie lebte nun einmal in einer Welt, in der es Vampire und Ungeheuer gab, wie sie nur allzu gut wusste, und das half ihr nicht dabei, sich ihre Illusionen zu bewahren.

Der Geruch der fünf näher kommenden Punks erreichte sie zuerst. Zwei waren eindeutig auf Drogen. Der Gestank nach Bier und Schnaps war auch kein gutes Zeichen. Skylers Erfahrung mit Alkohol war nicht die beste. Betrunkene Männer hatten ein gesteigertes Selbstwertgefühl und ein stark beeinträchtigtes Urteilsvermögen, und daher gaben sie sich gern als Draufgänger. Wahrscheinlich dachten auch diese fünf Typen hier, sie könnten sich alles erlauben.

Skyler beobachtete, wie sie näher kamen, und bemerkte, dass die zwei, die hinterherzockelten, ganz eindeutig betrunken waren. Sie konnten nicht einmal gerade gehen, aber einer hatte eine Schusswaffe. Skyler sah, wie er den Lauf befingerte, und hatte den Eindruck, dass er der Gefährlichste von allen war. Deshalb hielt sie den Blick auf ihn geheftet.

»Na, was haben wir denn hier?«, sagte der selbsternannte Anführer, zeigte auf Skyler und krümmte den kleinen Finger. »Komm mal her, du!«

Josef lächelte die Punks an und ließ sie mit voller Absicht seine inzwischen verlängerten Eckzähne sehen. »Ihr solltet besser verschwinden, solange ihr es noch könnt.«

»Mit dir redet keiner«, fuhr der Anführer ihn an. »Komm her, du!«, wandte er sich wieder Skyler zu, die Hand an seinem Messer.

»Sie geht nirgendwohin!« Josefs Augen begannen rot zu glühen. »Ich warne euch ein letztes Mal, obwohl ich ein bisschen hungrig bin. Ich bin gerade erst erwacht, doch ihr stinkt alle sehr nach Alkohol, und ich hab was gegen übermäßiges Trinken.«

»Sieh dir diesen Wagen an, Gustoff!« Der Bursche, der gleich neben dem Anführer stand, zeigte auf den Pick-up. »Und den coolen Sarg. Den will ich haben!«

»Das ist mein Schlafzimmer«, sagte Josef. »Und ich habe euch nicht hereingebeten.«

Gustoff hatte keine Lust mehr, sich mit Josef abzugeben, und zog sein Messer. Sofort taten die anderen es ihm nach. Skyler war jedoch weniger besorgt wegen der Messer als wegen der Schusswaffe, die einer der Betrunkenen zog und auf Josef richtete. Sie konzentrierte sich auf die Waffe, die daraufhin plötzlich ein Eigenleben zu entwickeln schien. Dem Betrunkenen verging das Grinsen, als die Waffe sich auf ihn selbst zu richten begann. Egal, wie sehr er sich bemühte, seine Hand zu drehen, die Schusswaffe bewegte sich immer wieder in die gleiche Richtung, bis sie schließlich direkt auf ihn zielte.

»Gustoff!«, rief er erschrocken aus.

Der Angesprochene warf einen Blick über die Schulter. »Hör auf herumzualbern!«

»Tu ich nicht«, beteuerte der Betrunkene. Seine Hand zitterte. Er versuchte, sie zu öffnen, aber sie lag wie eingerastet um die Waffe, und auch sein Finger ließ sich nicht vom Abzug lösen. »Sie wird mich noch erschießen! Nun tu doch was!«

Gustoff runzelte die Stirn. »Petr, hilf diesem Idioten!«

Petr setzte sich in Bewegung und griff nach der Waffe. Aber auch er konnte sie weder bewegen noch die Hand seines betrunkenen Freundes davon lösen.

Erschrocken wandte Gustoff sich mit gezücktem Messer wieder Josef zu.