Dunkles Band: Weißer Glimmer - The Cornflex - E-Book

Dunkles Band: Weißer Glimmer E-Book

The Cornflex

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Beschreibung

ECHTE DEUTSCHE ÄNGSTE. Erik hält es zu Hause kaum noch aus. Nach einem Zwischenfall in der Stadt werden seine alten Probleme belanglos. Durchlebe mit ihm den absoluten Horror. BEFREMDLICH ANDERS. Mit "Weißer Glimmer" wird die Anthologie-Serie: "Dunkles Band" von Cornflex fortgesetzt. Die neue Erzählung ist als zweite eigenständige Novelle konzipiert. Es ist in Ordnung, nicht zu verstehen. Aber nicht in Ordnung, aufzugeben.

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dunkles Band

Weißer Glimmer

Unbehagen

“...und so viel zu der aktuellen Lage rund um die Invasion in Afghanistan und den Krieg gegen den Terror. Und nun zu Uwe mit dem aktuellen Wetterausblick.”

“Vielen Dank Anna. Schauen wir uns einmal an, was die nächsten Tage für uns bereithalten. Es bleibt weiterhin warm unter gelb gefärbtem Himmel. Danke, liebe Sahara, für diesen wunderschönen und endlosen Sommer! Auch nachts sollte es nicht unter zehn Grad…”, verkündet der Wetterexperte euphorisch, bis er augenblicklich erstarrt, noch mit einem ausdrucksstarken Lächeln auf den Lippen.

Eriks Augen rollen nervös vom eingefrorenen und krisseligen Bildschirm des alten Fernsehgerätes zurück auf sein aufgetischtes Essen. Das Licht der über ihm hängenden Lampe flackert auf.

Er sitzt vor seinem vollen Gemüseteller, deutet aber keine Handbewegung zur Nahrungsaufnahme an. Seine Eltern sind hungrig und vertieft in ihre eigenen Angelegenheiten, weswegen sie ihren Sohn nicht beim Zögern bemerken. Dasselbe gilt für seine kleinen Schwestern Sara und Lena, die die Hälfte ihrer Erbsen und Möhren auf der Glasplatte des Esstisches verteilen. Dem Schlachtfeld. Beide unbeachtet im Eifer des Gefechts. Niemanden stört es.

Die Minuten vergehen, die eingeplante Dinnerzeit von 20 Minuten um Punkt sieben Uhr ist zu 50 Prozent verstrichen. Zur Halbzeit ertönt jedoch keine Klingel, sondern ein Tritt der Mutter mit ihrer Fußkante unter Eriks Kniescheibe. Alle bleiben stumm am Tisch, aber die starre, lieblose Miene von ihr vermittelt genau ein Wort: „Iss.“

Der Sohn greift zur Gabel, pickt sich das weiche Gemüse aus dem Mix heraus und führt ein einzelnes, gekochtes Möhrchen zu seinem Mund. Die orange Haut ist rau und verträgt sich nicht mit Eriks Zunge. Also schnell runter damit. Sein Blick wandert über den karg gedeckten Esstisch, auf der Suche nach einer schmackhaften Beilage, wie einem Gewürzketchup oder einer Grillsauce. Aber nichts, vergebens. Er wägt ab, ob er weiter mit dem bereits abgekühlten Abendessen kämpfen oder seinen Eltern sagen sollte, dass er heute einfach keinen weiteren Bissen mehr runter bekommen würde. Und wieder zögert er.

Die beiden Mädchen werden gleichzeitig fertig und springen direkt auf, um sich ihre Getränkebecher wieder aufzufüllen. An der Spüle wühlen sie durch Gemüsereste, benutztes Geschirr, Besteck und dreckige Wasserpfützen. Die Soda- und Saftflaschen sind irgendwo zwischen all dem Gerümpel versteckt.

Am liebsten würde sich Erik auch daran satt trinken, das süße Zeug geht auch deutlich leichter runter, als das, was ihm auf seinem Teller serviert wurde. Aber er kennt die Reaktion seines Vaters, der nach seinem langen Arbeitstag extra für die Familie gekocht hatte und nun darauf bestehen würde, dass nichts liegen bleibt, geschweige denn weggeschmissen wird. Bei seinen Töchtern macht er aber eine Ausnahme.

Erik unterbricht die stille Runde: „Es riecht super, Papa, und die Möhrchen schmecken mir auch, aber ich habe gerade echt ein Drücken im Magen. Kann ich das dann nachher essen?“ Mittlerweile sind die Teller leer, bis auf den des Jungen. Die Mädchen dagegen tragen ihre soeben zur Spüle und die Mutter sammelt alles Greifbare um sich herum zusammen und beginnt ermüdet die Wiederherstellung einer sterilen Vorzeigeküche.

Nach einer gefühlten Ewigkeit bekommt Erik von seinem Vater auch endlich eine Antwort, ohne seinen Sohn dabei anzusehen: „Na gut, aber du bist um neun in deinem Bett, morgen geht’s früh raus. Ich will, dass bis dahin aufgegessen ist und du das Geschirr selbstständig abwäschst.“ Erik ist erleichtert und erhebt sich mit Vorsicht, um seine Bauchbeschwerden in keiner Weise zu verschlimmern, gemeinsam mit seinem Vater vom Stuhl, der anschließend zum Röhrenfernseher geht und diesen mit der flachen Hand einen Klaps gibt. Der erstarrte Wettermoderator verschwindet hinter plötzlichem Bildrauschen.

„Billige Kiste”, murmelt der Vater, drückt den Fernsehschalter und fährt fort: “Mama und ich kümmern uns jetzt noch um den Haushalt. Ihr kennt den Plan für morgen: Mama macht Frühstück für euch, dann geht‘s um zehn schon zum Flohmarkt, denn am Nachmittag kommen Anja und Philipp vorbei.”

“Ja! Lipp!”, unterbricht ihn seine jüngste Tochter Sara, ohne die anderen Informationen registriert zu haben.

“Ich komme morgen wieder spät nach Hause. Stresst eure Mutter nicht. Ich schaue nachher nochmal nach euch.“ Mit diesen abschließenden Worten verschwindet der Vater in den Flur. Aus Erfahrung vermutlich ins Badezimmer oder auf die Terrasse für eine Zigarette. Das ist Routine.

Die Mädels kreischen plötzlich schrill und stürmen, wie wild geworden, aus dem Esszimmer. Man hört die Holzstufen der Treppe beim Trampeln der Kinder knarzen. Ein Türknallen. Und dann absolute Stille. Die zwei sind wie Zwillinge mit derselben DNA, obwohl zwei Jahre zwischen ihnen liegen.

Genervt wischt die Mutter mit Zewa-Blättern in der Hand druckvoll über die schmutzige Glasplatte und murmelt: “Werdet endlich erwachsen.”

Die Sonne geht unter und mit dem Verlassen von Sara und Lena ist der letzte fröhliche Schein aus dem Zimmer fort. Erik betrachtet die vorliegende Arbeit, die seine Mutter gerade erledigt. Sein Blick weicht aber schnell zurück, als er merkt, dass er ihren kreuzt.

„Junge, hilf mir bitte mit dem ganzen Scheiß! Du siehst doch, wie es hier aussieht. Steh da nicht so rum. Komm, mach was.“ Ihre Aufforderung ist deutlich. Eine Bitte ist es nicht.

Mit einem Stechen unter den Rippen und verzogenen Mundwinkeln reagiert Erik mit: “Hmm.” Stapelt aber das restliche Geschirr vor sich, um seiner Mutter zu helfen. Innerlich sehnt er sich nach Sturmfreiheit, denn unter dieser Bedingung fühlt er sich fast nie schlecht.

„Wenn doch wenigstens auch meine beiden Schwestern mal ihren Dreck sauber machen würden“, denkt er sich. Der Vater kommt mit neuer Energie zurück. Er legt seinem Sohn die Hand auf die Schulter und übernimmt die Arbeit. Erik ist erlöst, aber bringt weder ein Lächeln noch einen Dank raus. Er schlüpft durch den schmalen Spalt der halboffenen Küchentür und schlendert durch den unterbelichteten Hausflur. Er bleibt stehen und tastet willkürlich nach dem Treppengeländer, bis er es greifen kann.

Der Junge flüstert: “Eins, zwei, drei…”, während er sich jede einzelne Treppenstufe vornimmt, ganz langsam und mit Sorgfalt.

Die erste Ebene ist erreicht. Das Gekicher seiner Schwestern ist in der Etage zu hören. Er passiert ihre gemeinsame Zimmertür. Es folgt das Schlafzimmer seiner Eltern und auch das Familienbad, in dem die morgendlich stark umkämpfte Dusche steht. Sollte er sie lieber jetzt schnell nutzen?

“Puh. Morgen”, vereinbart Erik rasch und desinteressiert und begibt sich weiter hoch in Richtung Dachgeschoss. Er knüpft an das Zählen von eben an. Die Stimmen von Lena und Sara werden leiser und von seinen Eltern ist bereits nichts mehr zu hören, stattdessen sind Windgeräusche wahrnehmbar.

Es pfeift und zieht. Die Tür öffnet sich mit Widerstand und Erik betritt das Zimmer, ganz oben im Haus. Sein Zimmer. So dunkel. Beinahe finster. Er wohnt hier aber schon seitdem er sein altes für Lena damals aufgeben musste. Es ist spärlich eingerichtet und die paar Möbel hat er bewusst noch nie verstellt, weswegen er blind und gezielt sein Bett auffindet, ohne mit irgendetwas zusammenzustoßen.

Er schmeißt sich plump mit bereits geschlossenen Augen hinein und würde am liebsten nie wieder aufstehen. Er ist müde, seine Schulwoche war scheiße, das würde er auch jedem so sagen. Bloß noch drei Jahre, dann hätte er sein Abitur geschafft.

Wäre er volljährig, könnte er endlich ein anderes Leben führen. Ein entspanntes, zwangloses. Konkreter kann Erik es allerdings auch nicht beschreiben. Es ist der Wunsch nach Ausbruch. Die engen Kleider ablegen, die seine Familie ihm aufdrängt und einfach frei sein.

Der Nachbarshund ist am Bellen und ein kurzer Blick auf den digitalen Wecker zieht Erik aus seinen Zukunftsgedanken. 20 Uhr. Er hat seinen Eltern versprochen, er würde noch die Reste des Abendessens aufwärmen und anschließend aufräumen, aber Hunger verspürt er weiterhin nicht, obwohl er seit seinem Besuch am Vormittag beim Bäcker während seines Stadtbummels nichts mehr gegessen hatte. Er ist sich nicht mal sicher, ob er den gefühlt kilometerlangen Weg zurück nach unten heute überhaupt noch schaffen würde.

Widerwillig dreht sich Erik langsam von seiner Matratze und tappt geräuschlos Richtung Zimmertür. Durch seine geweiteten Pupillen fällt ihm die Orientierung in der Dunkelheit noch leichter als zuvor. Er versucht sich zu konzentrieren und lauscht. Hören tut er nichts, außer den Köter, weder seine aufgedrehten Schwestern, noch seinen Vater, der nochmal nach ihm sehen wollte.

“Hat er mich vergessen? Ich hoffe es”, grübelt Erik während er verweilt und seinen Atem anhält, um so unauffällig wie möglich zu bleiben.

“Papa hat es eh vergessen”, überzeugt er sich selbst und huscht zurück zum Bett, um sein Dachschrägenfenster direkt darüber heranzuziehen und den Windrausch und das Hundegebell zu stoppen. Richtig verschließen tut er es nicht, dazu ist er jetzt nicht im Stande. Es ist nun still. Nur noch sein Seufzen ist zu vernehmen. Erik legt sich auf den Rücken und blickt am Vollmond vorbei, hinauf in die Unendlichkeit des Alls. Er spürt, wie er leichter wird. Sich in der endlosen Ferne wiederfindet, als hätte sie ihn magisch angezogen. Die Augenlider fallen ihm zu und er kann seinen Geist dort austoben lassen. So versucht er es. Jede Nacht.

Ein aufgescheuchter Vogelschwarm zieht mit lauten Flügelschlägen über Erik hinweg, der aus dem Schlaf erschreckt. Mit Schnappatmung richtet er sich in Windeseile auf und lokalisiert die krächzenden Krähen, deren Umrisse nun in frühmorgendlicher Helle durch sein aufgerissenes Fenster erkennbar sind. “Kurz vor sieben” zeigt sein Wecker. Sonntag. Wenigstens das. Morgen hätte er jetzt schon aufbruchbereit sein müssen. Aber nicht heute. Somit kann er sich noch einige Zeit seinen Fantasien widmen.

Wenn da nicht seine Schwester die Treppe hinuntertrampeln würde.

“Man! Fuck”, ärgert er sich, öffnet die Augen und schaut ins durch Sonnenstrahlen getränkte Zimmer. “Halb neun”. Verwirrt drückt sich Erik hoch, ohne zu realisieren, wo die letzte Zeit geblieben ist. Frust schon am Morgen. Er wünscht sich, er könnte zurück in seinen Traum verschwinden, doch auch daran kann er sich nicht erinnern. An nichts, keine Spur.