Durch das Land der Skipetaren - Karl May - E-Book

Durch das Land der Skipetaren E-Book

Karl May

4,4

Beschreibung

Bei dieser Ausgabe handelt es sich um Band 5 des sechsteiligen Orientzykluses mit dem Titel "Durch das Land der Skipetaren". Der sogenannte Orientzyklus ist eine Serie von Romanen des Schriftstellers Karl May. Die zugrundeliegenden Erzählungen erschienen, teils mit Unterbrechungen, zwischen 1881 und 1888 in der Zeitschrift "Deutscher Hausschatz in Wort und Bild" bei Friedrich Pustet in Regensburg.

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Inhaltsverzeichnis

EntlarvtDie beiden AladschyEin HekimIn der SchluchthütteDer MiriditIm Turme der alten Mutter

Entlarvt

Die Dämmerung war eingetreten. Auf dem Weg zum Gerichtsgebäude standen viele Menschen. Sie hatten im Hof keinen Platz mehr gefunden und sich hier aufgestellt, um uns wenigstens kommen zu sehen.

Als wir den Hof betreten hatten, wurde das Thor hinter uns verschlossen. Das war für uns kein gutes Zeichen. Der Mübarek hatte seinen Einfluß aufgeboten und zwar nicht ohne Erfolg, wie es schien.

Wir konnten kaum durch die Menge bis an den Platz des Verhöres gelangen. Wo vorher nur ein Stuhl gestanden hatte, war jetzt noch eine lange Bank aufgestellt. Der Apparat zur Bastonnade lag noch an derselben Stelle.

Man hatte Öl in Gefäße gegossen, Werg hinein gethan und dasselbe angebrannt. Diese Flammen ließen Alles in einem abenteuerlichen Licht erscheinen.

Die Herren vom Gericht befanden sich im Innern des Hauses. Unsere Ankunft wurde ihnen gemeldet. Die Khawassen postirten sich so um uns, daß sie den Weg nach dem Thor versperrten. Da dasselbe verschlossen war, so ließ sich dieses Verhalten der Polizisten doppelt bedenklich für uns deuten.

Lautlose Stille herrschte rundum. Jetzt erschienen die fünf Herren, und sofort zogen die Khawassen blank.

»O Allah!« sagte Halef. »Wie wird es uns ergehen, Sihdi! Ich zittere vor Angst.«

»Ich ebenso.«

»Soll ich diesen dummen Menschen, die da glauben, uns mit ihren Säbeln bange zu machen, meine Peitsche schmecken lassen?«

»Keine Dummheit! Du warst heut schon einmal voreilig und trägst die Schuld, daß wir uns überhaupt hier befinden.«

Die fünf Richter hatten Platz genommen: der Kodscha Bascha auf dem Stuhl und die Anderen auf der Bank. Ein Frauenzimmer drängte sich aus der Menge herbei und nahm hinter dem Naïb Stellung. Ich erkannte Nohuda, die Erbse, welche ihrer Schönheit mit Eisenocker nachhalf. Der Stellvertreter war also wohl ihr glücklicher Ehemann. Er hatte sehr nichtssagende Gesichtszüge.

Zunächst dem Kodscha Bascha saß der Mübarek. Er hatte ein Papier quer über das Knie gelegt. Zwischen ihm und seinem Nachbar stand ein kleiner Topf. Da eine Gänsefeder in demselben steckte, so vermuthete ich, daß er die Tinte enthalte.

Der Kodscha Bascha wackelte mit dem Kopfe und räusperte sich auffällig. Dies war das Zeichen, daß die Verhandlung beginnen solle. Er begann mit krähender, weithin schallender Stimme:

»Im Namen des Propheten und im Namen des Padischa, dem Allah tausend Jahre verleihen wolle! Wir haben diese Kasa zusammenberufen, um über zwei Verbrechen zu urtheilen, welche sich heute in unserer Stadt und in deren Nähe ereignet haben. Selim, tritt vor! Du bist der Ankläger. Erzähle nun, was mit Dir geschehen ist.«

Der Khawaß trat in die Nähe seines Herrn und erzählte. Was wir zu hören bekamen, war geradezu lächerlich. Er hatte sich in der angestrengtesten amtlichen Thätigkeit befunden und war von uns mörderisch überfallen worden. Nur durch Unerschrockenheit und durch die tapferste Gegenwehr war es ihm gelungen, sein Leben zu retten, sagte er.

Als er geendet hatte, fragte ihn der Kodscha:

»Und welcher ist es, der Dich schlug?«

»Dieser hier ist es,« antwortete er, auf Halef deutend.

»So kennen wir nun ihn und seine That und werden zur Berathung schreiten.«

Er begann mit seinen Beisitzern zu flüstern, und erklärte nach einer Weile mit lauter Stimme:

»Die Kasa hat beschlossen, daß der Verbrecher auf jede Fußsohle vierzig Hiebe erhalten und dann vier volle Wochen eingesperrt werden soll. Das verkündigen wir im Namen des Padischa. Allah segne ihn!«

Halef's Hand fuhr an den Griff seiner Peitsche. Ich mußte mir Mühe geben, nicht laut aufzulachen.

»Jetzt kommt das zweite Verbrechen,« verkündete der Beamte. »Mawunadschi, tritt vor, und erzähle!«

Der Fährmann gehorchte dieser Aufforderung. Er hatte jedenfalls mehr Angst als ich. Aber ehe er seinen Bericht beginnen konnte, wendete ich mich in sehr höflichem Ton an den Kodscha Bascha:

»Willst Du vielleicht die Gnade haben, Dich einmal zu erheben?«

Er stand ahnungslos von seinem Stuhl auf. Ich schob ihn zur Seite und setzte mich nieder.

»Ich danke Dir,« sagte ich. »Es ziemt dem Niedrigen, dem Hohen Ehrerbietung zu erweisen. Du hast ganz recht gethan.«

Jammerschade, daß es unmöglich ist, sein Gesicht zu beschreiben. Der Kopf gerieth in ein gefährliches Pendeln. Er wollte reden, brachte aber vor Entsetzen kein Wort hervor. Darum streckte er, um wenigstens durch die Pantomime seine Entrüstung auszudrücken, die dürren Arme aus und schlug die Hände über dem wackelnden Kopfe zusammen.

Kein Mensch sagte ein Wort. Kein Khawaß rührte sich. Man wartete auf den Zornesausbruch des Gebieters. Dieser fand glücklicherweise die Sprache wieder. Er brach in eine Reihe unbeschreiblicher Interjectionen aus und schrie mich dann an:

»Was fällt Dir ein! Wie kannst Du eine solche Unverschämtheit begehen und – –«

»Hadschi Halef Omar!« unterbrach ich ihn laut. »Nimm Deine Peitsche. Denjenigen, welcher noch ein einziges unhöfliches Wort zu mir sagt, beschenkst Du mit Hieben, bis ihm die Haut zerplatzt; mag er sein, wer er will!«

Der kleine Hadschi hatte sofort die Peitsche in der Hand.

»Emir, ich gehorche,« sagte er entschlossen. »Gib mir nur einen Wink.«

Es fehlte leider die Beleuchtung, sonst hätte man erstaunte Gesichter sehen können. Der Kodscha Bascha wußte offenbar gar nicht, wie er sich verhalten sollte. Da flüsterte ihm der Mübarek einige Worte zu, worauf er den Khawassen befahl:

»Nehmt ihn gefangen! Schafft ihn in den Keller!«

Er deutete auf mich.

Die Polizisten traten herbei, mit blanken Säbeln in den Händen.

»Zurück!« rief ich ihnen zu. »Wer mich anrührt, den schieße ich nieder!«

Ich hielt ihnen die beiden Revolver entgegen, und im nächsten Augenblick sah ich keinen einzigen Khawassen mehr. Sie hatten sich in das Publikum verloren.

»Was erregt Deinen Zorn?« fragte ich den Kodscha. »Warum stehst Du? Warum setzest Du Dich nicht? Laß den Mübarek aufstehen und setze Dich auf seinen Platz.«

Jetzt ging ein Gemurmel durch die Menge. Daß ich den Kodscha beleidigte, hatte ihnen noch im Bereich der Möglichkeit gelegen; aber daß ich nun auch den Heiligen angriff, das war denn doch zu viel gewagt. Man begann, zu murren.

Das gab dem Kodscha eine bedeutende Energie. Er rief mir zornig zu:

»Mensch, sei Du, wer Du willst, aber für eine solche Frechheit werde ich Dich auf das Allerstrengste bestrafen. Der Mübarek ist ein Heiliger, ein Liebling Allah's, ein Wunderthäter. Wenn er will, kann er Feuer vom Himmel auf Dich fallen lassen!«

»Schweig', Kodscha Bascha! Wenn Du reden willst, so halte eine klügere Rede. Der Mübarek ist weder ein Heiliger, noch ein Wunderthäter. Er ist vielmehr ein Verbrecher, ein Schwindler und Bösewicht!«

Da wurden im Publikum drohende Stimmen laut. Noch lauter aber wurde die Stimme des Mübarek selbst. Er hatte sich erhoben, streckte die Hand gegen mich aus und rief:

»Er ist ein Giaur, ein ungläubiger Hund. Ich verfluche ihn. Möge sich die Hölle unter ihm öffnen und die Verdammniß ihn verschlingen. Die bösen Geister werden – –«

Weiter kam er nicht. Mein kleiner Hadschi hatte ausgeholt und ihm mit der Peitsche einen solchen Jagdhieb versetzt, daß der alte Sünder sich unterbrach und einen mächtigen Luftsprung machte.

Das war ein gewaltiges Wagniß, wie sich sogleich zeigte. Nach einem Augenblick drohender Stille schallten von allen Seiten Schreie des Zornes im Publikum. Die Hinteren drängten nach vorn. Die Sache konnte verhängnißvoll werden. Da trat ich schnell an die Seite des Mübarek und rief, so laut ich konnte:

»Rahat; süküt – Ruhe, seid still! Ich werde Euch beweisen, daß ich Recht habe. Halef, hole die Flamme her! – – Sehet her, Ihr Leute, wer der Mübarek ist, und wie er Euch täuscht! Seht Ihr diese Krücken?«

Ich nahm den Schurken mit der rechten Hand beim Genick und preßte ihm den dünnen Hals zusammen. Mit der Linken riß ich ihm den Kaftan aus einander. Richtig, da hing an jeder Seite eine Krücke. Beide waren mit Gelenken versehen und konnten zusammengeschlagen werden.

Bei dieser Gelegenheit sah ich, daß die Innenseite des Kaftans anders gefärbt war, als die Außenseite. Das Kleidungsstück hatte viele Taschen. Ich griff in die erste beste und fühlte einen haarigen Gegenstand. Ich zog ihn heraus. Es war eine Perücke, ganz genau das wirre, struppige Haar, wie ich es bei dem Bettler gesehen hatte.

Der Kerl war so erschrocken, daß er alle Gegenwehr vergaß. Jetzt aber stieß er Hilferufe aus und schlug mit den Armen um sich.

»Osco, Omar, haltet ihn! Greift aber tüchtig zu! Wenn es ihm auch wehe thut!«

Die beiden Genannten packten ihn, so daß ich nun beide Hände frei bekam. Da Halef das eine Ölgefäß herbei geholt hatte, wurde unsere interessante Gruppe hell erleuchtet, so daß die Anwesenden Alles deutlich sehen konnten. Sie verhielten sich ruhig.

»Dieser Mensch, den Ihr für einen Heiligen haltet,« fuhr ich fort, »ist ein Verbündeter des Schut oder wohl gar der Schut selbst. Seine Wohnung ist der Aufenthalt von Dieben und Räubern, wie ich Euch nachher beweisen werde. Er schleicht in allerlei Verkleidungen im Lande umher, um Gelegenheit zu Verbrechen auszukundschaften. Er und der Bettler Sakat sind eine und dieselbe Person. Hier hat er sich die Krücken unter den Achseln angebunden. Wenn sie beim Gehen an einander stießen, habt Ihr geglaubt, daß seine Gebeine klappern. Hier ist die Perrücke, welche er als Krüppel trug.«

Ich leerte nach und nach seine Taschen, betrachtete die einzelnen Gegenstände und erklärte deren Gebrauch, indem ich fortfuhr:

»Hier ist eine Büchse mit Farbenmehl, welches dazu diente, seinem Gesichte schnell eine andere Farbe zu geben. Da ist der Lappen, mit welchem er sich die Farbe rasch wieder abwischen konnte. Jetzt seht Ihr eine Flasche, noch halb voll von Wasser, jedenfalls um sich auch an Orten, wo kein Wasser vorhanden war, nach Bedürfniß reinigen zu können. Und nun seht Ihr – ja, was ist denn das? Das sind zwei kleine Nesf el kürre el zamk. Er hat sie sich in die Backen gesteckt, wenn er den Bettler machen wollte. Das Gesicht war dann dicker als vorher. Seht Ihr die verschiedene Färbung des Kaftan? Als Bettler zog er ihn aus, drehte die dunkle Seite nach außen und schlang ihn um den Leib. Dann sah das Gewand aus wie ein altes Tuch. Habt Ihr jemals den Mübarek und den Bettler beisammen gesehen? Gewiß nicht. Das war ja ganz unmöglich, da Beide nur eine Person waren. Und hat sich nicht der Mübarek grad zu der Zeit zum ersten Male sehen lassen, in welcher auch der Bettler in diese Gegend kam?«

Diese letzteren Argumente schienen überzeugend zu sein, denn ich hörte von allen Seiten Ausrufe verwunderter Zustimmung erschallen.

Jetzt zog ich ein kleines Päckchen aus der Tasche. In einen alten Lumpen gewickelt, erschien ein Armband von alten venetianischen Goldzechinen. Bei einigen der Münzen war die Prägung gut erhalten. Ich sah beim Schein der Flamme auf dem Avers das Bild des heiligen Markus, welcher dem Dogen die Kreuzesfahne reicht, und auf dem Revers das Bild eines andern, mir unbekannten Heiligen, von Sternen und der Inschrift umgeben: Sit tibi, Christe, datus, quem tu regis, iste ducatus.

»Hier ist ein Bilezik von zwölf goldenen Münzen, in einen Lappen gewickelt,« fuhr ich fort. »Wer weiß, wo er es gestohlen hat! Wenn Ihr nachforscht, wird sich die Besitzerin vielleicht finden lassen.«

»On iki zikkeler – zwölf Münzen?« rief eine Frauenstimme hinter mir. »Zeig her! Mir ist ein solches Armband in voriger Woche aus dem Kasten gestohlen worden.«

Nohuda, die ›Erbse‹, war die Sprecherin. Sie trat herbei, nahm mir das Armband aus der Hand und betrachtete es.

»Allah!« rief sie. »Es ist das meinige. Es ist ein altes Erbstück meiner mütterlichen Vorfahren. Schau her und überzeuge Dich, daß es mir wirklich gehört!«

Sie gab es ihrem Mann.

»Bei Allah, es ist das Deinige!« stimmte dieser bei.

»So besinne Dich, Nohuda, ob der Mübarek zur betreffenden Zeit bei Dir gewesen ist,« sagte ich.

»Der Mübarek nicht, aber der Krüppel. Er wurde herein gerufen, um ein Essen zu empfangen. Ich hatte meinen Schmuck auf dem Tische liegen und legte ihn in den Kasten zurück. Das hat er gesehen. Als ich nach einigen Tagen zufällig nachschaute, war das Armband weg.«

»So kennst Du nun den Dieb.«

»Er ist's. Er hat es, es ist erwiesen. O Du Spitzbube! Ich kratze Dir die Augen aus! Ich werde – –«

»Still jetzt!« unterbrach ich sie in der Befürchtung, daß der Fluß ihrer Rede, einmal in Überschwemmung getreten, nicht so leicht und bald versiechen werde. »Behalte das Band und laß den Dieb bestrafen. Ihr seht jetzt, welch einen Menschen Ihr verehrt habt. Und dieser Räuber ist sogar zum Basch Kiatib ernannt worden und hat über Andere mit zu Gericht gesessen. Mich hat er in die Hölle verflucht, und bald hätte ich mir seinetwegen den Zorn dieser braven Versammlung zugezogen. Ich verlange, daß er an einem sichern Ort eingesperrt werde, von welchem kein Entkommen möglich ist, und daß dem Makredsch von Saloniki Anzeige erstattet werde.«

Man stimmte mir nicht nur bei, sondern es ließen sich zahlreiche Rufe hören:

»Prügelt ihn vorher! Gebt ihm die Bastonnade! Zerschlagt ihm die Fußsohlen!«

»Sapytyn-iz ona bojunu – dreht ihm den Hals um!« eiferte die ›Erbse‹ voller Grimm über den an ihr verübten Diebstahl.

Der Mübarek hatte bis jetzt nichts gesagt. Nun aber schrie er:

»Glaubt ihm nicht! Er ist ein Giaur. Er ist der Dieb. Er hat mir das Armband soeben in die Tasche gesteckt. Er – – waï' waï'!«

Er unterbrach sich mit diesem Ausruf des Schmerzes, weil ihm Halef's Peitsche auf den Rücken knallte.

»Warte, Schurke!« rief der Hadschi. »Ich will es Dir auf den Rücken schreiben, daß wir erst heute in diese Gegend gekommen sind. Wie kann dieser Emir das Band gestohlen haben? Übrigens ist so ein berühmter Effendi kein Dieb. Hier hast Du die Beglaubigung dafür.«

Er maß ihm noch einige so kräftige Hiebe über, daß der Getroffene laut aufbrüllte.

»Aferim, aferim – bravo, bravo!« riefen dieselben Leute, welche mir noch vor wenigen Augenblicken gefährlich werden wollten.

Der Kodscha Bascha wußte nicht, was er thun und sagen sollte. Er ließ mich machen. Er hatte aber schleunigst die Gelegenheit ergriffen, sich wieder auf dem Amtsstuhl nieder zu setzen. So war doch seine Ehre gewahrt.

Seine Beisitzer verhielten sich schweigsam. Sie mochten eine Art Beklemmung fühlen. Die Khawassen erkannten, daß meine Actien zu steigen begannen, und in der Voraussetzung, daß ich mich in Folge dessen in guter Laune befinden und ihnen nicht mehr gefährlich sein würde, kamen sie – Einer nach dem Andern – wieder herbei.

»Bindet den Kerl!« befahl ich ihnen. »Fesselt ihm die Hände!«

Sie gehorchten augenblicklich, und keiner der anwesenden Justizbeamten erhob Einspruch gegen meine Eigenmächtigkeit.

Der Mübarek sah wohl ein, daß es für ihn gerathen sei, sich zu fügen. Er ließ sich binden, ohne Widerstand zu leisten, und setzte sich dann auf seinen Platz, wo er in sich zusammensank. Die Beisitzer standen schnell von ihren Sitzen auf. Sie wollten nicht dieselbe Bank mit einem Verbrecher theilen.

»Und nun zurück zu Deinem Richterspruch,« sagte ich zu dem Kodscha Bascha. »Kennst Du die Gesetze Deines Landes?«

»Natürlich muß ich sie kennen,« antwortete er. »Ich habe ja in der Mekteb i milkijeh studirt.«

»Das glaube ich nicht.«

»Warum nicht?« fragte er beleidigt. »Ich kenne das ganze Scheriat, welches auf dem Kuran beruht, auf der Sunna und auf den Entscheidungen der vier ersten Kalifen.«

»Kennst Du auch das Mülteka el buher, welches Euer Civil- und Criminalgesetzbuch ist?«

»Ich kenne es; es ist vom Scheik Ibrahim Halebi verfaßt.«

»Wenn Du diese Verordnungen wirklich kennst, warum handelst Du denn nicht nach ihnen?«

»Ich habe mich stets und auch heute streng nach ihnen gerichtet.«

»Das ist nicht wahr. Es steht geschrieben, daß der Richter selbst dem schlimmsten Verbrecher, bevor er ihm das Urtheil spricht, das Syanet gestatten muß. Ihr aber habt meinen Freund und Begleiter verurtheilt, ohne ihn ein einziges Wort sagen zu lassen. Euer Urtheil gilt also nichts. Auch müssen bei der Verhandlung alle Angeklagten und Zeugen vollzählig beisammen sein; das war aber keineswegs der Fall.«

»Es sind ja Alle da!«

»Nein. Es fehlt Ibarek, der Herbergsvater. Wo befindet er sich?«

Der Richter wackelte verlegen mit dem Kopf, stand dann auf und antwortete:

»Ich werde ihn holen.«

Er wollte fortgehen; ich aber ahnte, was mit Ibarek geschehen war, und hielt den Bascha am Arm zurück, indem ich den Khawassen gebot:

»Holt Ibarek! Bringt ihn aber genau in demselben Zustand herbei, in welchem er sich jetzt befindet!«

Zwei von ihnen entfernten sich und führten nach kurzer Zeit den Wirth herbei. Die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden.

»Was ist das? Was hat der Mann begangen, daß man ihn bindet?« fragte ich. »Wer hat den Befehl dazu gegeben?«

Der Bascha warf den Kopf herüber und hinüber und antwortete:

»Der Mübarek wollte es so haben.«

»So hat also der Kodscha Bascha das zu thun, was der Basch Kiatib befiehlt? Und doch sagst Du, Du hättest die Gesetze studirt! Dann ist es freilich kein Wunder, wenn in Deinem Bezirke die ärgsten Spitzbuben für Heilige gehalten werden.«

»Ich war in meinem Recht,« vertheidigte er sich kleinlaut.

»Das kannst Du mir nicht beweisen.«

»O doch! Euch habe ich nicht arretiren lassen, weil Ihr fremd seid. Dieser Herbergsvater aber ist ein Bewohner unserer Gegend. Er steht unter meiner Gewalt.«

»Und Du meinst, daß es Dir erlaubt sei, diese Gewalt zu mißbrauchen? Da stehen einige Hundert Deiner Untergebenen. Meinst Du, daß Du mit ihnen machen kannst, was Dir beliebt? Vielleicht hast Du es bisher gethan; aber sie werden sich das heutige Vorkommniß merken und in Zukunft Gerechtigkeit verlangen. Ibarek ist bestohlen worden. Er kam zu Dir, um Dich um Hülfe zu bitten. Anstatt sie ihm zu gewähren, hast Du ihn fesseln und einsperren lassen. Wie willst Du diese Ungerechtigkeit verantworten? Ich verlange, daß Du ihm augenblicklich die Fesseln lösest.«

»Die Khawassen haben es zu thun.«

»Nein, Du selbst wirst es thun als Sühne für Deine Ungerechtigkeit.«

Das war ihm denn doch zu viel. Er fuhr mich zornig an:

»Wer bist Du denn eigentlich, daß Du hier gebietest, als ob Du unser Makredsch oder Bilad i Kamse Mollatari seist?«

»Siehe hier meine Papiere!«

Ich gab ihm die drei Pässe hin. Als er das Teskereh, das Buyuruldi und sogar den Ferman erblickte, kniff er erschrocken die kleinen Triefaugen zusammen, und sein Kopf pendelte wie das Metronom des berühmten Regensburgers Johann Nepomuk Mälzl.

»Herr, Du stehst ja im Schatten des Großherrn!« rief er aus.

»So sorge dafür, daß ich einen Theil dieses Schattens auf Dich werfe!«

»Ich werde thun, was Du begehrst.«

Er trat zu Ibarek und löste ihm den Strick.

»Bist Du nun zufrieden?« fragte er.

»Einstweilen, ja. Es wird noch mehr von Dir verlangt. Dein Khawaß Selim hat Dir grundfalschen Bericht erstattet. Das Zusammentreffen war ganz anders, als er erzählte. Der Mübarek wird ihm eingegeben haben, wie er zu sagen habe, um uns so viel wie möglich zu schaden.«

»Das glaube ich nicht.«

»Ich aber glaube es, denn er hat den Fährmann auch verleitet, ein falsches Zeugniß gegen mich abzulegen.«

»Ist das wahr?«

Diese Frage war an den Fährmann gerichtet, welcher jetzt glaubte, daß der Mübarek ihm nun nicht mehr schaden könne, und in Folge dessen furchtlos erzählte, wie er von ihm instruirt worden sei.

»Du siehst,« sagte ich zu dem Bascha, »daß ich diesem Mann keineswegs nach dem Leben getrachtet habe. Ich sah, daß er den Spion des Alten machte, und nahm ihn mit mir, um nach der Angelegenheit zu forschen. Das ist Alles. Wenn Du mich dafür bestrafen willst, so bin ich bereit, meine Vertheidigung anzutreten.«

»Herr, von einer Bestrafung kann keine Rede sein, Du hast keinen Fehler begangen.«

»So kann auch mein Begleiter nicht wegen des Khawassen bestraft werden, denn nicht er, sondern ein ganz Anderer trägt die Schuld an dem Vorkommniß.«

»Wer ist der Andere?«

»Du selbst bist es.«

»Ich? Wie so?«

»Als Ibarek bestohlen worden, kam er zu Dir, um Anzeige zu machen. Was hast Du gethan, um Deine Pflicht zu erfüllen?«

»Alles, was ich konnte.«

»So? Was war das?«

»Ich habe Selim den Auftrag gegeben, er solle nachsinnen, was zu thun sei.«

»Die andern Khawassen hast Du nicht damit betraut?«

»Nein; denn das war überflüssig. Sie hätten ja doch nichts entdeckt.«

»So müssen Deine Polizisten große Dummköpfe sein, weil Du gleich von vornherein weißt, daß sie keinen Erfolg haben werden. Die That ist hier geschehen. Warum aber hast Du denn diesen Selim, welcher sich erst seit ganz Kurzem hier befindet, mit der Sache betraut?«

»Weil er der Klügste ist.«

»Ich denke, Du hast einen ganz andern Grund.«

»Herr, welchen andern Grund sollte ich haben?«

»Ein guter Beamter setzt alle Hebel an, den Thäter eines solchen Verbrechens zu entdecken. Du aber hast es verschwiegen und dem Einen, welchem Du es mittheiltest, hast Du fast eine ganze Woche Zeit gegeben, sich die Sache zu überlegen. Das hat den Anschein, als ob Du wünschest, daß die Diebe entkommen mögen.«

»Effendi! Was denkst Du von mir?«

»Meine Ansicht richtet sich ganz genau nach Deinem Verhalten. Nichts lag näher, als daß Du hier in Ostromdscha nach den Thätern suchen ließest.«

»Sie sind ja nach Doiran geritten!«

»Das zu glauben, muß man sehr befangen sein. Kein Dieb wird sagen, wohin er sich wenden will. Soviel mußt Du als alter Ehli ilmi scheraat doch wissen. Wie nun, wenn ich entdecke, daß Du ein Freund dieser Verbrecher bist?«

Er begann fürchterlich mit dem Kopf zu wackeln, jedenfalls vor Bestürzung.

»Herr, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll!« rief er aus.

»Sage lieber gar nichts, denn meine Meinung bleibt doch gänzlich unverändert. Wenn Du Dich der Sache in der Art angenommen hättest, wie es Deine Pflicht war, so wären die Diebe längst entdeckt.«

»Glaubst Du, daß sie freiwillig kommen, um sich mir zu melden?«

»Nein; aber ich glaube, daß sie sich hier in Ostromdscha befinden.«

»Unmöglich! Es sind in keinem Konak drei Reiter abgestiegen.«

»Das wird ihnen auch nicht einfallen. Sie werden sich nicht so nahe am Thatort öffentlich zeigen. Sie haben sich versteckt.«

»Soll ich wissen, bei wem?«

»Warum nicht? Ich bin ein Fremder und weiß es doch.«

»Was! Du weißt es?«

»Ja, ganz genau.«

»So mußt Du allwissend sein.«

»Nein; ich habe aber gelernt, nachzudenken. Solche Halunken werden sich nur bei gleich schlechten Subjekten verstecken. Wer aber ist das schlechteste Subjekt in Ostromdscha?«

»Meinst Du den Mübarek?«

»Du hast's errathen.«

»Bei ihm sollen sie sein?«

»Jedenfalls.«

»Da irrst Du Dich.«

»Ich irre mich so wenig, daß ich bereit bin, mit Dir zu wetten. Wenn Du die Diebe fangen willst, so mußt Du hinauf zur Ruine gehen.«

Er blickte zu dem Mübarek hinüber, und dieser erwiederte den Blick. Es war mir ganz so, als ob diese Beiden doch in einem Einvernehmen ständen.

»Der Weg würde vergeblich sein, Herr,« sagte er.

»Ich bin vom Gegentheil überzeugt und sage Dir, daß wir nicht nur die Diebe, sondern auch die gestohlenen Gegenstände finden würden. Darum fordere ich Dich auf, mir mit Deinen Khawassen zu folgen.«

»Du scherzest doch?«

»Nein, es ist mein Ernst.«

»In dieser Dunkelheit?«

»Fürchtest Du Dich?«

»Nein; aber solche Menschen sind gefährlich. Sind sie wirklich oben, so werden sie sich vertheidigen. Warte lieber, bis es morgen Tag geworden ist.«

»Bis dahin könnten sie entkommen sein. Es hat übrigens den Anschein, daß es hier Leute gibt, welche die Diebe warnen würden.«

»Das wird Niemand thun. Ich selbst werde dafür sorgen, daß kein Mensch sich in dieser Nacht der Ruine nähern kann.«

»Sorge lieber dafür, daß wir schnell aufbrechen können, und gib Befehl, daß Laternen mitgenommen werden.«

»Herr, laß ab von diesem Beginnen!«

»Nein! Wenn Du Deine Pflicht nicht thun willst, so bleibe daheim. Ich werde Leute finden, welche des Amtes eines Kodscha Bascha würdiger sind.«

Das zog. Er wackelte zwar noch immer höchst bedenklich mit dem Kopf, sagte aber doch:

»Du darfst mich nicht verkennen. Ich bin nur auf Dein eigenes Wohl bedacht und wünsche nicht, daß Du Dich in Gefahr begibst.«

»Kümmere Dich nicht um mich! Mein Wohl wahre ich selbst.«

»Nehmen wir den Mübarek mit?«

»Ja. Er wird uns führen.«

»So erlaube, daß ich für Beleuchtung und auch für Waffen sorge.«

Er begab sich in das Haus.

Viele der anwesenden Leute eilten fort; ich vermuthete, um Laternen, oder etwas Ähnliches zu holen und uns zu begleiten. Ibarek hatte dieser Verhandlung still zugehört. Jetzt fragte er mich:

»Effendi, glaubst Du wirklich, daß wir die drei Spitzbuben fangen?«

»Ganz gewiß.«

»Und daß ich mein Eigenthum zurückerhalte?«

»Ich bin überzeugt davon.«

»Herr, ich kann Dich nicht begreifen! Es scheint, daß Du Alles weißt. Ich gehe natürlich mit Freuden hinauf zu der Ruine.«

»Was sagst Du nun zu dem Einsiedler? Du hast ihn gepriesen, obgleich Du ihn fürchtetest. Und als Du von ihm sprachst, ahnte ich bereits, daß er ein großer Halunke sei. Die Diebe Deines Eigenthumes befinden sich bei ihm.«

Der Bascha kehrte bald zurück. Er brachte einige alte Laternen, mehrere Fackeln und eine Anzahl von Kienspänen. Andere Leute kamen mit ähnlichen Beleuchtungsgegenständen herbei, und dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Ein nächtlicher Zug zu der Ruine hinauf, um Diebe einzufangen, das war noch niemals da gewesen; das war den Leuten eine Lust. Darum wanderte fast die ganze Bevölkerung des Ortes hinter uns her.

Da ich weder dem Kodscha Bascha, noch seinen Khawassen recht traute, mußten Osco und Omar den Mübarek bewachen. Sie hatten ihn zwischen sich genommen.

Voran schritten einige Khawassen. Dann kam der Bascha mit den Herren seines Gerichtes, hinter diesen der Mübarek mit seinen beiden Wächtern, dann ich mit Halef und den beiden verschwägerten Wirthen, und hinter uns drein tummelte sich das Alter und die Jugend von Ostromdscha.

Es war lustig, zu hören, welche Meinungen geäußert wurden, auch über unsere Personen. Der Eine meinte, ich sei ein großherrlicher Prinz, und der Andere hielt mich für einen persischen Baysadeh. Ein Dritter schwur, ich sei ein indischer Sihirbaz, und ein Vierter schrie überlaut, daß ich ein Kronprinz aus Moskau sei und gekommen wäre, um das Land für Rußland zu erobern.

Je näher wir der Ruine kamen, desto stiller wurden die Leute. Sie sahen doch ein, daß man vorsichtig sein müsse, wenn man Spitzbuben fangen wolle.

Da, wo der Wald begann, blieben Viele zurück. Das waren die Furchtsamen. Sie versicherten aber doch hoch und theuer, daß sie sich nur darum hier postirten, damit die Diebe an dieser Stelle nicht durchkommen könnten, falls es ihnen gelingen sollte, oben zu entfliehen.

Als wir dann die Lichtung erreichten, herrschte die Ruhe des Grabes auf derselben. Die Helden fühlten sich beklommen. Die Spitzbuben konnten ja jeden Augenblick erscheinen, konnten hinter jedem Baum stecken. Man trat so leise wie möglich auf, um sie ja nicht zu verscheuchen und – – um ja nicht etwa derjenige oder diejenige zu sein, der oder die mit ihnen in Kampf kommen werde. Denn Frauen waren auch dabei.

Diese gespannte Stille erlitt freilich einmal eine kurze Unterbrechung. Ein schriller Schrei erscholl aus einer weiblichen Kehle. Als ich an die Stelle kam, fand ich, daß Nohuda, die ›Erbse‹, so unglücklich gewesen war, sich in der kalten Quelle zu betten, an welcher ich die Butterblume gefunden hatte. Sie saß im Wasser und hielt ihrem geliebten Gerichtsbeisitzer eine mehr als halblaute Rede, deren Inhalt dringend wünschen ließ, daß sie dieselbe in sehr leisem Ton gehalten hätte. Sie wollte sich nicht herausziehen lassen, denn sie werde sich erkälten, wenn sie durchnäßt in der kühlen Abendluft einhergehen müsse, und nur, als ich ihr erklärte, daß das Wasser noch kälter als die Luft sei, meinte sie:

»Effendi, Deinem Rath werde ich folgen. Du weißt das Alles besser als andere Leute oder gar als mein Mann, der mich gradenwegs in dieses Loch hineingeführt hat.«

Ich zog sie heraus. Glücklicher Weise stand das Wasser kaum einen Fuß hoch. Ob es in der Folge ihrer durch Eisenocker verjüngten Schönheit schädlich geworden ist, weiß ich leider nicht.

Der Mübarek stand mit Omar und Osco an der Thüre seiner Hütte. Er verlangte, hineingelassen zu werden. Da er sich aber mit Chemie abgab und in allerlei vermeintlichen Zauberkünsten bewandert war, so traute ich ihm nicht. Er konnte ja irgend eine Vorrichtung angebracht haben, welche für den Fall einer plötzlichen Verhaftung berechnet war.

»Was willst Du drin thun?« fragte ich.

Er antwortete mir nicht. Der gute Mann schien gar nichts mehr von mir wissen zu wollen.

»Wenn Du nicht antwortest, so darfst Du auch nicht erwarten, daß Dein Wunsch erfüllt werde.«

Jetzt antwortete er:

»Ich habe Thiere drin, welche gefüttert werden müssen, wenn sie nicht verhungern sollen.«

»Ich selbst werde sie morgen früh füttern. Deine Heimat ist von jetzt an das Gefängniß. Doch bin ich bereit, Dir den Wunsch zu erfüllen, falls Du mir einige Fragen der Wahrheit gemäß beantwortest.«

»So frage!«

»Hast Du Besuch?«

»Nein.«

»Bewohnt außer Dir Jemand die Hütte oder die Ruine?«

»Nein.«

»Weißt Du nicht, ob Jemand in der Hütte anwesend ist?«

»Es ist Niemand da. Ich müßte es wissen.«

»Kennst Du einen Mann, welcher Manach el Barscha heißt?«

»Nein.«

»Oder einen Andern Namens Barud el Amasat?«

»Auch nicht.«

»Und doch sagen diese Leute, daß sie Dich sehr gut kennen.«

»Das ist nicht wahr.«

»Daß Du sie von meiner Ankunft heute benachrichtigt habest.«

»Das ist eine Lüge!«

»Und daß Du dafür sorgen wolltest, daß ich eingesperrt werde. Dann wollt Ihr kommen und mich ermorden.«

Er antwortete nicht sofort. Daß ich dies Alles wußte, kam ihm jedenfalls nicht ganz geheuer vor. Es mochte die ahnung in ihm aufdämmern, daß er heute Abend hier nicht Alles so wiederfinden werde, wie er es verlassen hatte. Ich hörte, wie er schluckte und schluckte, als ob er irgend Etwas hinunter zu würgen habe; dann antwortete er:

»Herr, ich weiß nicht, was Du redest und was Du von mir willst. Ich kenne die Namen nicht, welche Du mir genannt hast, und habe nichts mit Leuten zu thun, wie diejenigen zu sein scheinen, von denen Du sprichst.«

»So weißt Du wohl auch nicht, daß zwei Brüder kommen wollen, um Euch zu melden, daß ich in Menlik ermordet worden sei?«

»O Allah, ich weiß kein Wort, keine Silbe davon!«

»Du bist so unwissend, daß Deine Unkenntniß mich erbarmt, und aus diesem Erbarmen will ich Dir zeigen, was für gefährliche Leute sich in Deiner Nähe befinden, Komm!«

Ich nahm ihn beim Arm und führte ihn fort. Auf meinen Wink schritt Halef mit der Fackel voran, um zu leuchten. Die zu der Kasa gehörigen Herren folgten, auch Osco, Omar und die beiden Wirthe. Die Andern mußten zurückbleiben, da im Innern der Ruine nicht so viel Raum vorhanden war.

Was mußte in dem Mübarek vorgehen, als er jetzt bemerkte, mit welcher Sicherheit wir beide den Weg verfolgten, von welchem er geglaubt hatte, daß er für einen jeden Fremden ein Geheimniß sei!

Als Halef den Epheu zurückschob, hörte ich, daß der Alte einen Fluch ausstieß, den er nicht ganz zu unterdrücken vermochte.

»Was? Pferde?« fragte der Kodscha Bascha, als wir in die Abtheilung gelangten, welche als Stall benutzt wurde.

Da es Nacht war, machten uns die Thiere ein wenig zu schaffen. Sie waren nicht angebunden und scheuten vor den Lichtern und vor den fremden Personen.

»Wo Pferde sind, müssen auch Menschen sein, denen sie gehören,« sagte Halef. »Kommt hier heraus, so werden wir sie finden.«

Die drei Gefesselten lagen ganz genau noch so da, wie wir sie verlassen hatten.

Es wurde zunächst kein Wort gesagt. Ich band mit Halef's Hülfe die Drei los, aber nur so weit, daß sie den Gebrauch der Füße wieder erhielten und aufstehen konnten.

»Manach el Barscha, kennst Du diesen Mann?« fragte ich, auf den Mübarek zeigend.

»Allah verdamme Dich!« antwortete er.

»Barud el Amasat, kennst Du ihn?«

»Stürze von der Brücke des Todes in die ewige Verdammniß hinab!«

Da wendete ich mich an den Gefängnißaufseher:

»Du hast nur die eine That begangen, daß Du diesen Gefangenen befreitest. Die Strafe dieser Beiden wird eine schwere sein; die Deinige aber wird viel leichter ausfallen, zumal wenn Du zeigst, daß Du kein halsstarriger Sünder bist. Sage mir die Wahrheit! Kennst Du diesen Mann?«

»Ja,« antwortete er, nachdem er einige Augenblicke lang mit sich zu Rathe gegangen war.

»Wer ist er?«

»Der alte Mübarek.«

»Du kennst auch seinen wirklichen Namen?«

»Nein.«

»Er und Deine beiden Gefährten kennen sich auch gegenseitig?«

»Ja. Manach el Barscha ist sehr oft bei ihm gewesen.«

»Ich sollte in Menlik ermordet werden?«

»Ja.«

»Und heute wurde derselbe Beschluß gefaßt? Man wollte mich im Gefängniß tödten?«

»So ist es.«

»Und nun noch Eins. Während Du mit Ibarek und seinen Leuten Karte spieltest, haben die beiden Andern ihn bestohlen.«

»Ich nicht, sondern sie waren es.«

»Schon gut! Du bist ebenso dabei betheiligt, wie sie; denn Du hast durch Deine Kunststücke dazu beigetragen, daß der Diebstahl gelang. Ich habe genug gehört.«

Und mich an den Kodscha Bascha wendend, fragte ich:

»Nun, habe ich nicht Recht gehabt? Sind die Diebe nicht hier in der Ruine?«

»Herr, Du hattest sie bereits gefunden, als Du mit mir von ihnen sprachst.«

»Allerdings! Aber daß ich sie so rechtzeitig, so schnell gefunden habe, das mag Dir ein Beweis sein, wie leicht es für Dich gewesen wäre, Deine Pflicht zu thun. Diese drei Menschen werden in das Gefängniß geführt und gut bewacht. Gleich morgen früh wirst Du dem Makredsch den Bericht senden, welchem ich auch den meinigen beilegen werde. Er wird dann bestimmen, was geschehen soll. Ibarek, sieh hier auf den Boden nieder. Ich glaube, das sind die Gegenstände, welche Dir gestohlen worden sind.«

Der Inhalt der Taschen der drei Gefangenen war von uns in drei Häufchen niedergelegt worden. Ibarek freute sich königlich, daß er sein Eigenthum wieder sah. Er wollte es an sich nehmen; da aber sagte der Kodscha Bascha:

»Halt! So schnell geht das nicht. Alle diese Gegenstände muß ich mit mir nehmen. Sie haben als Beweis bei der Verhandlung zu dienen und bei der Bestimmung des Strafmaßes als Richtschnur.«

Ich kannte die Gepflogenheit dieser Leute. Wer weiß, ob Ibarek jemals Etwas wiederbekommen hätte! Darum antwortete ich an seiner Stelle:

»Das ist nicht nöthig. Ich selbst werde ein Verzeichniß dieser Gegenstände anfertigen und sie auch auf ihren Werth taxiren. Dieses Verzeichniß leistet Dir ganz dieselben Dienste, wie die Sachen selbst.«

»Herr, Du bist kein Beamter!«

»Herr, ich habe Dir heute erwiesen, daß ich ein besserer Beamter sein würde, als Du! Wenn Du meinen Vorschlag von Dir weisest, so werde ich dem Makredsch viel ausführlicher schreiben, als Dir lieb sein kann. Also schweig'! Das liegt in Deinem eigenen Interesse.«

Ich sah es ihm an, daß er mir mit einer Grobheit antworten wollte; aber er hielt sie doch zurück. Er mußte sich sagen, daß dies nur zu seinem Schaden sein würde. Aber er erhob nun gleich andere Ansprüche:

»So mag er seine Sachen behalten; aber alles Übrige, was sie bei sich gehabt haben, confiscire ich.«

Er wollte sich bücken, um die Geldbeutel und anderen Gegenstände aufzuheben.

»Halt!« sagte ich. »Diese Sachen sind bereits confiscirt.«

»Von wem?«

»Von mir.«

»Hast Du das Recht dazu?«

»Gewiß! Ich werde auch über sie ein Verzeichniß ausstellen, wobei Du ja als Zeuge dienen kannst, daß ich nichts unterschlage. Dann sende ich Beides, die Liste und die Sachen, dem Makredsch ein.«

»Das gehört Alles in meine Hände!«

»Du sollst auch zu Deinem Recht kommen. Confiscire Du die Pferde, und was zu ihnen gehört, so hast Du Deinen Willen. Das Andere aber gehört mir. Halef, stecke Alles ein!«

Der kleine Hadschi war so schnell bei der Hand, daß in Zeit von drei Sekunden Alles in seiner Tasche verschwunden war.

»Chyrsyz!« brummte der Mübarek.

Der Lohn wurde ihm auf der Stelle. Halef's Peitsche gab ihm eine überaus deutliche und auch sehr fühlbare Antwort.

Jetzt wurden die Gefangenen durch die Ruine hinaus auf die Lichtung transportirt. Dort stand das neugierige Publikum, welches sich herbei drängte, um sich die Drei zu betrachten.

Ibarek erzählte mit lauter Stimme, daß er glücklich zu seinem Eigenthum gelangt sei. Er war des Lobes voll.

Nun nahmen die Khawassen die vier Arrestanten in die Mitte und setzten sich mit ihnen in Bewegung. Die Menge folgte, das gelungene Abenteuer besprechend. Der Abzug wurde viel lauter bewerkstelligt, als der Aufmarsch.

Auch die Herren von der Obrigkeit schlossen sich dem Zug an. Ich blieb mit Halef zurück. Er hatte mir einen Wink gegeben.

»Sihdi, ich habe noch die halbe Fackel,« sagte er; »sie ist zwar verlöscht, aber wir können sie ja wieder anbrennen. Wollen wir uns nicht die Hütte des Alten ansehen?«

»Ja, wir wollen es wenigstens versuchen.«

»Hast Du den Schlüssel noch? Ich habe gesehen, daß Du ihn einstecktest, als Du dem Schurken in der Gerichtsverhandlung die Taschen leertest.«

»Ich habe ihn noch, weiß aber nicht, ob es der Hüttenschlüssel ist.«

»Er wird es schon sein. Welche Schlüssel sollte der Alte sonst noch haben!«

Wir warteten, bis die Andern sämmtlich verschwunden waren, und schlossen dann die Thüre auf. Mit Hülfe eines Zündholzes und eines Stückes Papier wurde die Fackel wieder in Brand gesteckt, dann traten wir ein.

Das armselige Gebäude lehnte, wie bereits erwähnt, an einer Mauer. Es schien, von außen betrachtet, nur einen einzigen kleinen Raum zu enthalten; aber als wir uns jetzt im Innern befanden, sahen wir, daß mehrere Stuben hinter einander lagen. Die inneren Räume gehörten zu dem alten Schloß, und die Hütte war in schlauer Weise an die Öffnung gesetzt worden.

Die vordere Stube war fast leer. Man sah es ihr an, daß sie nur dazu diente, Besuche abzufertigen.

Als wir das zweite Gelaß betreten wollten, bemerkte ich mehrere Fäden, welche oben, unten und in der Mitte quer über den Eingang liefen. Ich berührte den einen vorsichtig mit dem Griff meiner Peitsche, und sofort ertönte das Krachen eines Schusses. Katzen miauten, ein Hund bellte, Raben krächzten und allerlei andere Stimmen wurden hörbar.

»O Allah!« lachte Halef. »Wir befinden uns wahrscheinlich in der Arche des Erzvaters Noah. Aber, Sihdi, ich schlage vor, daß wir nicht weiter eindringen. Warten wir lieber, bis es Tag ist.«

Ich stimmte sehr gern bei. Wenn ich dem alten Mübarek auch keine außergewöhnlichen physikalischen Kenntnisse zutraute, so konnten die seinigen doch vollständig ausgereicht haben, irgend einen wirkungsvollen Apparat zum Unschädlichmachen fremder Eindringlinge zu erfinden. Wir schlossen also wieder zu und löschten die Fackel aus.

Eben als wir den Heimweg antreten wollten, kam eine weibliche Gestalt auf uns zu gehuscht. Ich erkannte ihr Gesicht nicht. Sie aber ergriff meine Hand und drückte, bevor ich es zu hindern vermochte, ihre Lippen darauf.

»Ich sah beim Scheine der Fackel, daß Du es bist, Effendi, und muß Dir nochmals danken.«

Es war Nebatja, die Pflanzensucherin.

»Was thust Du hier oben?« fragte ich sie. »Warst Du bereits da, als wir die Gefangenen holten?«

»Nein. Es ist keine Freude für mein Herz, solche unglückliche Menschen zu sehen. Aber ich war im Hof des Kodscha Bascha, als Du verurtheilt werden solltest. Herr, Du bist tapfer gewesen, aber Du hast Dir auch einen bösen Feind erworben.«

»Wen? Den Mübarek?«

»Den meine ich nicht, obgleich auch er Dich haßt. Ich meine den Kodscha Bascha.«

»Ich glaube wohl, daß er mir nicht seine besondere Liebe schenken wird; aber als Feind brauche ich ihn nicht zu fürchten.«

»Ich bitte Dich dennoch, sei vorsichtig!«

»Ist er ein so schlimmer Gast?«

»Ja. Er ist die Obrigkeit, aber im Stillen unterstützt er die Leute des Schut.«

»Ah! Woher weißt Du das?«

»Er war oft des Nachts hier oben bei dem Mübarek.«

»Hast Du Dich nicht getäuscht?«

»Nein. Ich habe ihn beim Mondschein sehr deutlich gesehen, und ich habe ihn in dunkler Nacht an der Stimme erkannt.«

»Hm! Bist Du so oft hier oben gewesen?«

»Oft, trotzdem es mir vom Mübarek verboten worden. Ich liebe die Nacht. Sie ist die Freundin des Menschen. Sie läßt ihn mit seinem Gott allein und duldet nicht, daß er im Gebet gestört wird. Auch gibt es Pflanzen, die man nur des Nachts suchen darf.«

»Wirklich?«

»Ja. Wie es Pflanzen gibt, welche nur des Nachts duften, so gibt es überhaupt solche, die nur des Nachts wachen; am Tage aber schlafen sie. Und hier oben gibt es solche Nachtfreundinnen, bei denen ich dann sitze, um mit ihnen zu sprechen und auf ihre Antwort zu lauschen. In der letzten Zeit war mir das schwer gemacht. Heute aber hast Du meinen Feind entlarvt; er befindet sich in Gefangenschaft, und da bin ich nun gleich heraufgegangen, um mir um Mitternacht einen König zu holen.«

»Einen König? Ist das auch eine Pflanze?«

»Ja. Kennst Du sie nicht?«

»Nein.«

»Sie ist ein König, denn wenn sie stirbt, so stirbt das ganze Volk mit ihr.«

Ich hatte hier ein ganz eigenartig und tief angelegtes Frauengemüth vor mir. Dieses Weib mußte im Schweiß der Arbeit für ihre Familie sorgen und fand doch noch Zeit, des Nachts stundenlang mit den Pflanzen zu verkehren, mit ihnen zu sprechen und die Geheimnisse ihres Daseins zu erlauschen.

»Wie ist der Name dieser Pflanze?« fragte ich neugierig.

»Es ist die Hadsch Marrjam. Wie Schade, daß Du sie nicht kennst!«

»Ich kenne sie; aber ich habe nicht gewußt, daß sie einen König hat.«

»Nur wenige Menschen wissen es, und unter diesen Wenigen ist selten Einer so glücklich, einen König zu finden. Man muß die Hadsch Marrjam sehr lieb haben und ihre Art und Weise ganz genau kennen; dann findet man den König. Das Volk wächst gern auf unfruchtbaren Stellen, an Bergen, Felsenbrüchen und öden Halden. Es steht stets im Kreise, der oft klein, oft auch groß ist, und ganz genau im Mittelpunkt dieses Kreises steht der König.«

Das war mir freilich neu. Hadsch Marrjam heißt ›Kreuz Mariens‹, und ganz dieselbe Pflanze wächst auch in Deutschland und wird im Volk Marienkreuzdistel genannt. Wie sonderbar, daß der Name auf den Höhen des Erzgebirges gerade so lautet, wie am Babuna- oder Plaschkawitzagebirg in der Türkei!

Die Frau fuhr in ihrem Lieblingsthema fort:

»Diese Distel ist sehr dürr und spröd; sie wird nicht hoch und hat einen dünnen Stengel; aber der König ist breit und wird alle Jahre breiter. Sein Stengel ist so dünn, wie eine Messerklinge; aber er kann so breit wie zwei Hände werden und trägt oben einen langen, schmalen Distelkopf, auf dessen dunkeln Grund eine helle Zickzackschlange gezeichnet ist. Diese Schlange leuchtet des Nachts.«

»Ist das wahr?«

»Ich belüge Dich nicht, Herr. Ich habe es oft gesehen und werde es auch heute wieder sehen. Wenn man den Distelkönig fortnimmt, so gehen alle seine Unterthanen ein. Nach Verlauf eines Monates sind sie todt. Sonst aber werden sie sehr alt. Der König, welchen ich heute hole, ist wohl gegen zehn Jahre alt.«

»Aber wenn Du ihn holst, so geht ja sein Volk ein!«

»O nein! Es ist ein neuer, junger König gewachsen; da kann man den Alten fortnehmen. Das muß am Sonntag nach dem Neumond geschehen, am heiligen Tag der Christen, deren Himmelskönigin Marrjam ist. An diesem Tag leuchtet der König am schönsten; er leuchtet, selbst abgeschnitten, dann noch einige Nächte. Da hat er seine beste Kraft. Heute ist der erste Sonntag nach Neumond; darum hole ich mir den König in dieser Nacht. Wenn Du Zeit hättest, könntest Du ihn leuchten sehen.«

»Ich würde mit Dir gehen, denn ich interessiere mich außerordentlich für solche Geheimnisse der Natur; aber ich muß leider hinab in die Stadt.«

»So bringe ich ihn Dir morgen Abend; da leuchtet er auch noch.«

»Ich weiß nicht, ob ich dann noch in Ostromdscha sein werde.«

»Herr, willst Du so schnell fort?«

»Ja. Ich kam nicht her, um lange zu verweilen, und meine Zeit ist mir karg zugemessen. Doch sage: welche Kraft schreibt man dem Distelkönig zu?«

»Die gewöhnliche Hadsch Marrjam heilt, als Thee getrunken, die Lungensucht, falls diese nicht gar zu alt geworden ist. Die Distel hat einen Stoff, welcher die winzig kleinen Krankheitsthiere tödtet, die sich in der Lunge befinden. Von dem König aber sagt man, daß er den Lungensüchtigen noch vom Grab wegnähme.«

»Hast Du das probirt?«

»Nein; ich glaube es, denn der Schöpfer ist allmächtig und kann, wenn er will, den kleinsten Pflänzchen eine große Kraft verleihen.«

»So komm morgen zu mir und zeige mir den König, wenn ich noch da bin. Weißt Du, wo ich wohne?«

»Ich habe es gehört. Schlafe wohl, Effendi!«

»Gut Glück mit dem König, Nebatja!«

Sie ging.

»Sihdi, glaubst Du das von dem König der Disteln?« fragte mich Halef im Weiterschreiten.

»Ich bezweifle es nicht.«

»Ich habe noch nie gehört, daß Pflanzen ihre Herrscher haben.«

»So glaubst Du es also nicht. Nun, wenn sie mir diesen Beherrscher der Hadsch Marrjam bringt, wirst auch Du ihn sehen.«

Ich ahnte heute nicht, daß ich dem Distelkönig bald mein Leben zu verdanken haben würde. Daß die Pflanzensucherin sich heute seinetwegen hier oben befand, sollte mir zum größten Vortheil gereichen. Übrigens ist der Distelkönig wirklich keine fabelhafte Pflanze. Ich habe zwischen Scheibenberg und Schwarzenberg im sächsischen Erzgebirge auf einer kahlen, abgeholzten Höhe ein Marienkreuz-Distelvolk gefunden und bin volle vier Tage dort geblieben, um nach dem König zu suchen.

Das Terrain, über welches sich die Disteln ausgebreitet hatten, bildete wirklich einen ziemlich regelrechten Kreis. Ich umwanderte den Umfang desselben und schritt dann verschiedene Radien nach der Mitte zu ab, doch lange ohne Erfolg. Endlich aber fand ich den Gesuchten an einem Punkt, an welchem ich oft vorüber gekommen war, ohne den König zu sehen, da er von einem Büschel dichten, dürren Schmeelgrases ganz umgeben war. Er rechtfertigte genau Nebatja's Beschreibung; ich schnitt ihn ab und besitze ihn noch heute. Als ich nach ungefähr vier Monaten wieder nach Annaberg kam, unternahm ich neugierig und trotz Mangel an Zeit die Fußpartie nach dem Fundort – die Unterthanen waren eingegangen.

Diesen Beweis von der Wahrheit der Beschreibung Nebatja's hatte ich freilich hier in Ostromdscha noch lange nicht; aber dennoch glaubte ich ihr. Der große Linné erzählt ja mit schöner Anerkennung, daß er seine besten Funde und Beobachtungen in Folge von Winken gemacht habe, welche er von einfachen, oft noch weniger als einfachen Menschen erhielt. Das Kind des Volkes hat einen liebevolleren Blick für die Heimlichkeiten der Natur, als der sogenannte bevorzugte Mensch. –

Im Ort angekommen, begaben wir uns zu dem Kodscha Bascha, bei welchem ich das Verzeichniß anfertigte. Seine kleinen Augen funkelten, als wir den Inhalt der drei Geldbeutel zählten. Er fragte nochmals an, ob ich ihm die Absendung nicht überlassen wollte, aber ich bestand darauf, daß ich das selbst besorgen werde. Es sollte sich sehr bald zeigen, daß ich daran wohlgethan hatte. Aber er drang darauf, jedenfalls um mich zu ärgern, daß die Beutel versiegelt und mit seinem Petschaft gestempelt werden mußten. Ich weigerte mich natürlich keinen Augenblick.

Dann ließ ich mir die Gefangenen zeigen. Sie befanden sich in einem kellerartigen Raum und waren gebunden.

Ich sagte ihm, daß dies eine unnütze Quälerei sei; er aber meinte, daß man mit solchen Burschen gar nicht streng genug verfahren könne, und er werde während der Nacht sogar einen seiner Knechte als Wächter vor die Thüre stellen.

Ich fühlte mich also über die Sicherheit der Gefangenen ganz beruhigt und dachte wirklich nicht, daß er sie jetzt nur deßhalb gebunden habe, weil zu erwarten war, daß ich kommen werde, um nach ihnen zu sehen.

Von hier aus begab ich mich in den Konak, wo jetzt das verspätete Abendmahl eingenommen wurde. Wir saßen in demselben Zimmer wie am Mittag beisammen. Es ging recht lebhaft her, denn die Ereignisse des Tages gaben genug Stoff zu einem lebhaften Gedankenaustausch, und so war Mitternacht längst vorüber, als wir uns zur Ruhe legten.

Ich bekam die Ehrenstube angewiesen, in welche ich auf einer Stiege gelangte. Da zwei Betten da standen, nahm ich den kleinen Hadschi zu mir. Ich wußte, wie wohl ihm ein solcher Freundschaftserweis that.

Meine Uhr zeigte wenig über zwei, als wir uns anschickten, uns der Kleider zu entledigen. Da pochte es unten an das jetzt verriegelte Thor. Ich öffnete den Laden und blickte hinaus. Es stand Jemand am Thor; ich konnte aber nicht erkennen, wer es war.

»Kim dir – wer ist da?« fragte ich.

»O, das ist Deine Stimme,« antwortete ein weiblicher Mund. »Nicht wahr, Du bist der fremde Effendi?«

»Ja. Und Du bist die Pflanzensucherin?«

»Ja, Herr. Komm herab! Ich habe Dir Etwas zu sagen.«

»Ist's nothwendig?«

»Gewiß.«

»Werde ich wieder schlafen gehen können?«

»Sogleich wohl nicht.«

»Warte! Ich komme.«

Eine Minute später stand ich mit Halef unten bei ihr.

»Effendi,« sagte sie, »weißt Du, was geschehen ist – – oder halt, so viel Zeit hast Du wohl noch: siehe da meinen König der Hadsch Marrjam!«

Sie gab ihn mir in die Hand, eine stachelige Distel von zweimal Handbreite, aber wirklich so dünn, wie eine Messerklinge. Die helle Zickzackschlange oben auf der langen, schmalen Krone war trotz der Dunkelheit sehr deutlich zu erkennen. Sie ›leuchtete‹ zwar nicht, aber sie hatte einen ziemlich bedeutenden Glanz, fast wie phosphorescirend.

»Glaubst Du mir nun?« fragte sie.

»Ich habe an Deinen Worten gar nicht gezweifelt. Hier ist's zu dunkel; ich werde Dich früh besuchen, um mir die Distel bei Tageslicht genau zu betrachten. Aber nun sage, was Du mir mitzutheilen hast.«

»Etwas sehr Schlimmes: die Gefangenen sind entflohen.«

»Was? Wirklich?«

»Ja, sie sind entflohen.«

»Woher weißt Du es?«

»Ich habe es gesehen; ja sogar gehört, was sie sprachen.«

»Wo denn?«

»Droben auf dem Berg, an der Hütte des Mübarek.«

»Sihdi!« sagte Halef. »Da müssen wir fort, augenblicklich fort, hinauf auf den Berg. Wir schießen sie nieder, sonst geht es uns an das Leben.«

»Warte! Wir müssen erst Alles wissen. Sage uns, Nebatja, wie Viele ihrer waren.«

»Die drei Fremden, der Mübarek und der Kodscha Bascha.«

»Was? Der Kodscha Bascha war dabei?«

»Ja; er selbst hat sie herausgelassen und von dem Mübarek fünftausend Piaster dafür erhalten.«

»Weißt Du das gewiß?«

»Ich habe es deutlich gehört.«

»So erzähle, aber Alles doch nur kurz! Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

»Ich hatte den Distelkönig geholt und wollte zurückkehren – über die Lichtung. Da sah ich vier Männer kommen, in der Richtung aus der Stadt. Ich wollte mich nicht sehen lassen und huschte in die Ecke, welche die Hütte mit der Mauer bildet, an die sie stößt. Die vier Männer wollten in die Hütte treten, welche aber verschlossen war. Drei von ihnen kannte ich nicht; der Vierte aber war der Mübarek. Sie sprachen davon, daß der Richter sie nun frei gelassen habe und gleich kommen werde, um sich fünftausend Piaster dafür zu holen. Wenn sie ihn bezahlt hätten, wollten sie fort; aber rächen müßten sie sich an Euch. Der Eine sagte, Du würdest jedenfalls nach Radowich und Istib reiten. Unterwegs sollten Euch da die Aladschy anfallen.«

»Wer sind die Aladschy?«

»Ich weiß es nicht. Dann kam der Kodscha Bascha. Weil Niemand den Schlüssel hatte, traten sie die Thüre mit den Füßen ein. Es wurde Licht gemacht und ein Laden geöffnet, gleich da, wo ich versteckt war. Aus dem Laden kamen Vögel, Fledermäuse und andere Thiere heraus, welche der Mübarek frei ließ. Da fürchtete ich mich und floh und rannte so schnell wie möglich nach der Stadt und zu Dir. Das ist es, was ich Dir zu sagen habe.«

»Ich danke Dir, Nebatja; morgen sollst Du Deine Belohnung dafür haben. Geh jetzt heim! Ich habe nicht länger Zeit.«

Nun kehrte ich in das Haus zurück. Zu wecken brauchte ich Niemanden. Daß man mir gepocht hatte, war ein sicheres Zeichen gewesen, es sei Etwas vorgefallen. Nach kaum zwei Minuten waren wir bewaffnet und unterwegs: Halef, Osco, Omar und ich. Die beiden Wirthe hatten die Stadt alarmiren wollen, ich aber hatte es ihnen verboten; denn die Flüchtlinge hätten den Lärm hören müssen und wären durch denselben gewarnt worden. Ich beauftragte die Wirthe, im Stillen noch einige wackere Männer zu holen und mit ihnen die nach Radowich führende Straße zu besetzen. So mußten ihnen die Flüchtlinge auf alle Fälle in die Hände laufen, wenn es uns nicht vorher gelang, sie unschädlich zu machen.

Wir Vier eilten zunächst den Bergpfad empor; dann aber, als wir den Wald erreichten, waren wir gezwungen, langsamer zu gehen. Da das Terrain nicht offen war, mußten wir uns in Acht nehmen, nicht zu stürzen. Der Weg ging steil bergan, und der Boden war zwischen den Bäumen mit Steinen besät, da das herabströmende Regenwasser allmählig die weicheren Erdbestandtheile weggewaschen hatte.

Da war es mir, als ob ich vor uns einen scharfen, spitzen Menschenlaut vernehme, wie wenn Jemand im Schrecken ein hohes, kurzes ›I‹ ausstößt. Dann hörte ich einen dumpfen Schall, wie wenn Jemand stürze.

»Halt!« flüsterte ich den Andern zu. »Es ist ein Mensch da vor uns. Bleibt stehen und verhaltet Euch ganz ruhig.«

Nach wenigen Augenblicken näherten sich uns langsame Schritte. Sie waren unregelmäßig, denn der Mann setzte den einen Fuß langsamer und auch leiser vorwärts als den andern. Er hinkte. Vielleicht hatte er sich bei dem Fall verletzt.

Jetzt war er ganz nahe vor mir. Die Nacht war nicht hell, und hier zwischen und unter den Bäumen lagerte nun gar eine dicke Finsterniß. Darum ließ mich mehr der Instinkt als das Auge eine lange dünne Gestalt erkennen, ganz ähnlich derjenigen des Kodscha Bascha.

Ich faßte ihn bei der Brust.

»Dur we sus – halt und schweig!« gebot ich ihm mit unterdrückter Stimme.

»Ia Allah!« rief er erschrocken.

»Sei still, sonst schlage ich Dich nieder.«

»Wer bist Du?« fragte er.

»Kennst Du mich nicht?«

»Ah, Du bist der Fremde! Was willst Du hier?«

Vielleicht hörte er es an meiner Stimme, vielleicht auch war meine Gestalt besser zu erkennen, als die seinige: – er wußte, wen er vor sich hatte.

»Und Du, wer bist Du?« fragte ich. »Wohl gar der Kodscha Bascha, welcher die Gefangenen frei gelassen hat!«

»Ej müdschizat! O Wunder!« schrie er laut. »Er weiß es!«

Er machte einen Seitensprung, um sich zu befreien. Ich hielt zwar fest, da ich wohl einen Fluchtversuch erwartet hatte; aber sein alter, morscher Kaftan hielt nicht so fest, wie ich. Ein Riß, und ich hatte ein Stück des Zeuges in der Hand, und der Mann sprang unter die Bäume hinein, wo eine Verfolgung ganz nutzlos gewesen wäre. Dabei schrie er aus Leibeskräften:

»Hajde, sa-usch kulibeden, choriadscha, tschapuk – fort, fort aus der Hütte, rasch, schnell!«

»O Sihdi, was bist Du für ein Budala!« sagte Halef. »Hast den Kerl schon beim Schopf und lässest ihn doch wieder los! Wenn ich das gethan hätte, so – –«

»Still!« unterbrach ich ihn. »Zu Vorwürfen haben wir jetzt keine Zeit. Wir müssen schnell zu der Hütte, denn sein Warnungsruf läßt vermuthen, daß sie dort sind.«

Da erschallte von oben herab ein fragender Ruf:

»Nitschün, ne deji – warum, aus welchem Grund?«

»Jabandschylar, edschnebiler! Katschyn, koschyn, sytschryn – die Fremden, die Fremden! Flieht, lauft, springt!« antwortete der Flüchtende von der Seite her.

Jetzt befleißigten wir uns natürlich der größtmöglichsten Eile; aber der holprige Weg hielt uns doch zu sehr auf. Wir waren nur wenige Schritte weit fortgekommen, da that es eben einen Krach: wir sahen einen Feuerstrahl emporschießen, dann wurde es für einige Augenblicke wieder dunkel.

»Sihdi, bir top fischenkler ile – Herr, das war eine Kanone mit Raketen!« meinte Halef, indem er hinter mir her keuchte. »O Allah, es brennt sogar noch!«

Wir sahen jetzt zwischen den Baumstämmen hindurch einen Feuerschein, und als wir dann den freien Platz erreichten, lag die Hütte vor uns, über und über brennend. Und von dort her rief eine Stimme:

»Dort kommen sie! Seht Ihr sie? Gebt Feuer!«

Wir waren vom Flammenschein hell erleuchtet und boten also ein sehr sicheres Ziel.

»Zurück!« rief ich und that zu gleicher Zeit einen Sprung, der mich hinter den nächsten Baum brachte.

Die Andern folgten augenblicklich meinem Beispiel, und just noch zur rechten Zeit, denn es krachten drei Schüsse auf uns, von denen aber keiner traf.

Noch im Sprunge hatte ich das Gewehr emporgenommen. Der Aufblitz der Schüsse mußte mir die Stelle verrathen, an welcher sich die Halunken befanden. Ich drückte keine Sekunde später ab als sie und hatte getroffen, denn eine Stimme schrie:

»Ej felaket, bre ha! Jaralanmyschim! – O Unglück, zu Hülfe! Ich bin verwundet!«

»Drauf und dran!« rief der tapfere kleine Hadschi Halef Omar, indem er hinter seinem Baum hervorsprang.

»Halt!« warnte ich, ihn am Arm erfassend. »Sie haben vielleicht zwei Läufe.«

»Mögen sie hundert haben, die Schurken, ich haue sie nieder!«

Er riß sich los, drehte sein Gewehr um und sprang über den hell erleuchteten Platz. Da blieb uns nichts Anderes übrig, als ihm zu folgen. Es war das sehr gefährlich, aber glücklicher Weise war da drüben kein Doppelgewehr vorhanden, und zum Wiederladen hatten sie auch keine Zeit gehabt. Wir gelangten mit heiler Haut zu dem Felsen, an welchem die Schüsse gefallen waren; doch war dies auch der einzige Erfolg, den uns der unvorsichtige Sturmlauf einbrachte. Es befand sich Niemand mehr da.

»Sihdi, wo sind sie?« fragte Halef. »Hast Du eine Ahnung davon?«

»Wo sie sind? Nein! Aber wie sie sind, das weiß ich sehr genau.«

»Nun, wie denn?«

»Gescheidter als wir, vor allen Dingen gescheidter als Du.«

»Willst Du mich schon wieder tadeln?«

»Du verdienst es. Wir hätten sie ganz sicher ergriffen, wenn Du nicht ausgebrochen wärest.«

»Auf welche Weise denn?«

»Wenn wir, gedeckt durch die Bäume, um die Lichtung schlichen, wären wir an sie gekommen.«

»Sie wären auch schon fort gewesen.«

»Das fragt sich. Einem offenen Angriff sind sie natürlich ausgewichen; das heimliche Beschleichen hätte aber wohl Erfolg gehabt, besonders wenn Einer von Euch zurückgeblieben wäre und einige blinde Schüsse abgegeben hätte. Da hätten sie geglaubt, wir Alle seien noch dort.«

»So meinst Du, daß wir sie nun nicht bekommen können?«

»Sie sind jedenfalls noch nahe; aber suche sie in dieser Finsterniß. Das Feuer erleuchtet nur die Lichtung. Und selbst wenn wir wüßten, wo sie sich befinden, müßten wir sie in Ruhe lassen; sie müßten uns ja kommen hören, und was dann erfolgen würde, kannst Du Dir denken.«

»Ja, sie würden uns mit Kugeln empfangen, und ich habe mir sagen lassen, daß so eine Kugel zuweilen im Stande sei, die Jugend im Wachsthum zu hindern. Aber was thun wir nun?«

»Horchen wir!«

Dieser kurze Gedankenaustausch war selbstverständlich nicht mit überlauten Stimmen geführt worden. Es war anzunehmen, daß die vier Männer sich gar nicht weit von uns befanden, und wir durften sie nicht durch unvorsichtiges Sprechen nach unserm Standpunkt locken.

Überdies hatten wir uns so gestellt, daß wir uns im Dunkeln befanden.

So lauschten wir eine kleine Weile. Das Geprassel der brennenden Hütte störte uns. Aber nachdem das Ohr sich daran gewöhnt hatte, hörte ich mit ziemlicher Deutlichkeit ein lautes Rascheln. Auch Osco vernahm es, denn er fragte mich:

»Hörst Du, daß sie da jenseits durch die Büsche brechen, Effendi?«

»Nach dem Geräusch zu urtheilen, ist es im höchsten Fall wenig über hundert Schritte von hier, und da ich annehmen möchte, daß sich unter den Bäumen kein Strauchwerk befindet, so kann der Ring, welchen der Baumwuchs um die Bergkuppe bildet, nach dieser Seite hin gar nicht bedeutend sein. Das haben sie gewußt und darum richteten sie die Flucht dorthin.«

»Wie können sie das wissen? Sie sind doch selbst hier fremd!«

»Manach el Barscha ist schon oft hier gewesen, und der alte Mübarek befindet sich ja bei ihnen.«

Ich ging nun zur Hütte und riß eine Dachstange, welche brennend herabhing, gänzlich los. Da das Holz derselben sehr harzig war, brannte sie wie eine Fackel. Mit dieser Leuchte verfolgte ich die Richtung, welche die Flüchtlinge eingeschlagen zu haben schienen. Meine drei Begleiter schlossen sich mir an, indem sie die Gewehre schußfertig hielten.

Das Prasseln des Feuers hatte mich doch irre gemacht. Die Breite des von Bäumen bestandenen Areales war hier nicht so groß, wie ich gedacht hatte. Wir erreichten schon nach kurzer Zeit die außerhalb desselben beginnenden Büsche und sahen auch ganz deutlich die Stelle, an welcher sich die Flüchtlinge den Weg durch dieselben gebahnt hatten.

Wir folgten ihm und gelangten in demselben Moment in's Freie, als meine Fackel verlöschte.

Da hörten wir unter uns das Wiehern eines Pferdes, und gleich darauf erscholl lautes Pferdegetrappel durch die Nacht.

»Odschurola chowardalar – lebt wohl, Ihr Schurken!« rief eine laute Stimme zu uns herauf. »Kyzartsiz jaryn dejil o bir gün dschehennemde – Ihr bratet übermorgen in der Hölle!«

Das war sehr deutlich gesagt. Wenn ich noch nicht gewußt hätte, daß man uns auflauern wolle, so hätte ich es nun errathen. Sehr klug waren diese Leute denn doch nicht.

Mein kleiner Halef war höchlichst ergrimmt über diese Beleidigung. Er legte beide Hände an den Mund und brüllte mit aller Kraft seiner Stimme in das nächtliche Dunkel hinein:

»Ata binin schejtanile, jutylyn nenesinadan – reitet zum Teufel, und werdet gefressen von seiner Großmutter! Koschyniz bana kambur üzerinde, on kerre jokarija hem jirmi kerre aschagha – lauft mir nach dem Buckel, zehnmal hinauf und zwanzigmal hinab!«

Er hatte sich in einen solchen Zorn hineingeredet, daß er ihnen noch nachrief:

»Siz haidudlar, öldürüdschülar, kundakdschylar, derisini tschykarmakdschilar, dar adschadschy ipleri – Ihr Räuber, Ihr Mörder, Ihr Mordbrenner, Ihr Schinder, Ihr Galgenstricke Ihr!«

Ein lautes Hohngelächter erscholl als Antwort herauf. Ganz athemlos vor Redeanstrengung fragte mich der Kleine:

»Herr, habe ich es ihnen nicht fein gesteckt? Habe ich es ihnen nicht deutlich gesagt?«

»Ja, so fein, daß sie Dich auslachten, wie Du ja gehört hast.«

»Sie haben keine Bildung. Sie wissen sich nicht zu benehmen. Sie haben keine Ahnung von den Scheriatlar tschelebiliki und von den kajdeler pek eji adeti. Man muß selbst seinen Feind anständig behandeln, und mit schönen, wohlklingenden Complimenten besiegen.«

»Ja, das hast Du eben jetzt bewiesen, lieber Halef. Die Complimente, welche Du ihnen nachgerufen hast, waren niedlich.«

»Das war nicht ich, sondern der Zorn. Hätte ich selbst gesprochen, so wäre ich höflich gewesen. Nun sind sie fort. Was ist zu thun?«

»Jetzt gar nichts. Wir stehen nun wieder grad so da, wie vor unserer Ankunft hier in Ostromdscha. Unsere Feinde sind vor uns; sie sind frei und haben sich sogar noch um einen Mann vermehrt. Jetzt kann die Jagd von Neuem beginnen, und wer weiß, ob wir jemals wieder so günstige Gelegenheiten bekommen, wie hier.«

»Recht hast Du, Sihdi. Diesen Kodscha Bascha sollte man an den Galgen hängen!«

»Er hat sie nicht nur frei gelassen, sondern ihnen auch ihre Pferde wieder gegeben.«

»Meinst Du?«

»Selbstverständlich! Du hast doch gehört, daß sie Pferde hatten? Die haben für sie bereit gestanden.«

»Er wird es leugnen.«

»Seine Lügen nützen ihm nichts. Ich habe ihm ein Stück aus dem Kaftan gerissen, und es befindet sich in meiner Tasche.«

»Was aber willst Du mit ihm machen? Hast Du Gewalt über ihn?«

»Leider nicht.«

»Nun, so nehme ich die Sache in die Hand.«

»Was willst Du thun?«

»Das wird sich finden.«

»Keine neue Übereilung, Halef!«

»Sei unbesorgt, Sihdi! Ich werde mich nicht übereilen, sondern die Sache in der größten Ruhe und Gemächlichkeit erledigen. Müssen wir jetzt nicht nach der Hütte zurückkehren?«

»Ja. Vielleicht ist da noch Etwas zu retten.«

Es wurde uns nicht schwer, den Weg, den wir nun kannten, trotz der Dunkelheit zurück zu finden.

Die Wohnung des Mübarek mußte viele das Feuer nährende Stoffe enthalten haben, denn die Flamme stieg sehr hoch empor. Es waren unterdessen Leute angekommen, welche der weithin sichtbare Brand herbeigelockt hatte.

Eben als wir unter den Bäumen hervortraten, kam von der andern Seite, wo der Weg mündete, der Kodscha Bascha herbeigelaufen. Dieser Titel ist übrigens ein sehr eigenthümlicher für einen Stadtrichter oder Bürgermeister, denn er bedeutet, wörtlich übersetzt: ›Oberhaupt der Ehemänner‹.

Als dieses Oberhaupt uns erblickte, erhob er den Arm, deutete auf uns und rief:

»Ergreift sie! Haltet sie fest! Sie sind die Brandstifter!«

Ich war über diese Frechheit mehr erstaunt als erzürnt. Der Mensch besaß eine geradezu verblüffende Unverschämtheit. Die Anwesenden, welche alle wußten, wie ich ihm heute mitgespielt hatte, beeilten sich natürlich gar nicht, seinen Befehl auszuführen.

»Habt Ihr's gehört?« fuhr er sie an. »Ergreifen sollt Ihr die Brandstifter!«

Da geschah Etwas, dessen er sich wohl schwerlich versehen hatte. Der kleine Halef trat nämlich auf ihn zu und fragte:

»Ne mi iz sewgülüm – was sind wir, mein Liebling?«

»Harakadschilarsiz – Brandstifter seid Ihr,« antwortete er.

»Du irrst, Kodscha Bascha. Wir sind etwas ganz Anderes. Wir sind Debbaglar, und um Dir das anschaulich zu machen, werden wir Dir jetzt ein wenig das Fell gerben, nicht das ganze Fell, denn dazu haben wir keine Zeit, sondern nur denjenigen Theil, über dessen Festigkeit Du Dich dann königlich freuen wirst, da Du ihn zum Sitzen brauchst. Osco, Omar, kommt herbei!«

Die beiden Genannten ließen sich das nicht zweimal sagen. Zwar warfen sie zunächst einen fragenden Blick auf mich, um zu erfahren, wie ich mich zu der Absicht des streitbaren Kleinen verhalten werde; aber da ich weder dafür noch dagegen sprach, sondern mich ganz neutral verhielt, so packten sie den alten Wackelkopf mit kräftigen Armen und legten ihn auf den Boden nieder.

Er merkte, was da vorgehen solle, und erhob ein angstvolles Geschrei.

»Allah, Allah!« rief er. »Was wollt Ihr thun? Wollt Ihr Euch an der göttlichen und menschlichen Obrigkeit vergreifen? Allah wird Euch vernichten, und der Padischa wird Euch in alle seine Kerker stecken. Man wird Euch die Köpfe abschlagen und dann Eure Leiber an den Thoren aller Städte und Dörfer aushängen!«

»Schweig'!« befahl ihm Halef. »Der Prophet hat seinen Anhängern geboten, jedes Schicksal geduldig hinzunehmen, weil es im Buch des Lebens verzeichnet steht. Gestern habe ich darin gelesen, daß Du Hiebe bekommen sollst, und weil ich ein gläubiger Sohn des Propheten bin, so werde ich dafür sorgen, daß dieses schöne Kismet an Dir in Erfüllung geht. Legt ihn auf den Bauch, wenn er überhaupt einen hat, und haltet ihn fest!«

Osco und Omar befolgten pünktlich diesen Befehl. Zwar wendete der Kodscha Bascha seine ganze Kraft auf, um sich seinem Verhängniß zu widersetzen, aber die beiden kräftigen Männer waren ihm so überlegen, daß sein Widerstand ihm ebensowenig nützte wie sein fortgesetztes Geschrei.