Durch Hölle und Himmel - Stefanie Kraft - E-Book

Durch Hölle und Himmel E-Book

Stefanie Kraft

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Beschreibung

Hanna hat schon viel in ihren jungen Jahren erlebt, aber sie hat sich immer wieder aufgerappelt. Hat nicht aufgegeben und ihr Leben wieder in die Hand genommen. Mittlerweile hat sie ein erfülltes Leben und verbring viel Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden. Auch mit ihrem Stiefbruder Alexander versteht sie sich ganz gut. Und ausgerechnet in ihn verliebt sich Hanna. Doch bevor sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage werden können, wird sie von ihrem gewalttätigen Ex-Freund entführt. Eine schwere Zeit steht ihrer jungen Liebe bevor.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 537




Durch Hölle und Himmel

Durch Hölle und HimmelVorwortKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Kapitel 56Kapitel 57Kapitel 58Kapitel 59Impressum

Durch Hölle und Himmel

Vorwort

Auch wenn in diesem Buch einige Orte der Realität entsprechen, so ist diese Geschichte hier reine Fiktion und nur meiner Fantasie entsprungen. Alle Personen und Namen, sowie die Handlung in diesem Buch beziehen sich nicht auf Tatsachen oder reale Personen.

Kapitel 1

FREITAG

Nervös strich er sich durchs Haar. „Verdammt!“ Sein Handy hatte er schon in der Hand. Er müsste lediglich noch auf den grünen Hörer drücken. „Und dann?“ Er rieb sich nervös mit beiden Händen über seine unrasierten Wangen. Was sollte er bloß zu ihr sagen? Dass er sie unbedingt sehen wollte. Das es ihm das Herz zerriss, wenn sie nicht Tag und Nacht in seiner Nähe war. „Scheiße!“ Aber so konnte es verdammt noch mal nicht weiter gehen. In seiner Hose regte sich allein bei dem Gedanken an sie schon was. Sein Herz raste in seiner Brust uns selbst seine Hände begannen zu schwitzen. Er war, verdammt noch mal, verknallt in sie. Dass konnte er ihr doch nicht vor den Latz knallen. Er war doch kein Mädchen, denn nur Mädchen gaben so romantisches Zeug von sich. Herzschmerz und Schnulze. Nein. „Fuck!“ So ein Typ war er nicht und würde er auch niemals sein. Schluss, aus, Ende!

Hanna und Lilly waren auf dem Heimweg und liefen die Rosgartenstraße zurück zur Bodanstraße. Sie hatten soeben das kleine Bistro verlassen, in dem sie freitags oft zusammen zu Mittag aßen. Beide schlenderten plaudernd an einigen Schaufenstern vorbei und ließen sich währenddessen von den ersten Sonnenstrahlen das Gesicht wärmen. Der Frühling würde sich bald über der Stadt ausbreiten, das war deutlich an den steigenden Temperaturen zu spüren. Da Hanna freitags nur bis zwölf Uhr arbeiten musste, lief sie normalerweise nach Hause und arbeitete dabei noch einige Punkte auf ihrer To-Do-Liste ab, die sie die Woche über aufgeschoben hatte. Aber an diesem Freitag war alles anders. Sie plante, mit ihren Freundinnen Shoppen zu gehen und abends die Altstadt unsicher zu machen. Mal wieder auf Tour gehen und ein bisschen die Singlemänner abzuchecken stand zwar nicht ganz oben auf ihrer Liste, aber ein bisschen gucken konnte sicherlich nicht schaden. Auf dem Weg zum Auto klingelte ihr Handy. Hastig kramte sie es aus ihrer Handtasche und erkannte gleich die Nummer ihres Stiefbruders Alexander Windthauser erschien auf ihrem Display. Sie war etwas überrascht, dass er sie um diese Zeit anrief. Normalerweise meldete er sich früh morgens, bevor sie zur Arbeit ging und er sich nach einer langen Nacht in seiner Bar ins Bett legte. Zudem rief er sie nie grundlos an. Niemals! Wirklich! Es gab immer etwas, dass er auf Hanna abwälzen wollte und Hanna war so dumm, und gab immer nach. Immer, wirklich immer! Aber seit fast vier Wochen war Funkstille. Naja, fast. „Hallo Alex!“ Im Hintergrund hörte Hanna, wie er sich noch mit jemandem unterhielt. Es dauerte einen Augenblick, bis er seine Aufmerksamkeit dem Telefonat zuteilwerden ließ. „Hallo Hanna! Kannst du nachher im Club vorbeikommen? Ich muss was mit dir besprechen.“ Wie immer, äußerte er seine Anliegen im Befehlston. Sie kannte es nicht anders von ihm. „Ich bin grad erst auf dem Heimweg. Ich muss noch einiges erledigen, bevor ich bei dir vorbeischauen könnte. Zudem bin ich um vier Uhr mit Lilly, Mona und Biene in der Stadt verabredet.“ Alexander räusperte sich und die Geräusche im Hintergrund wurden leiser, bis sie verstummten. Scheinbar hat er sich in sein Büro zurückgezogen. „Es dauert nicht lange.“ Sie überlegte kurz und sah auf ihre Uhr. An ihr Auto gelehnt, telefonierte sie noch kurz weiter. „Ich muss noch ein paar Kleinigkeiten für das Wochenende einkaufen und dann will ich noch duschen gehen, aber um drei Uhr könnte ich bei dir im Club vorbeikommen.“ „Das passt. Bis dann.“ „Alles klar, Großer. Wir sehen uns später.“ Hanna hörte ein lautes Schnauben aus dem Hörer, kurz bevor das Gespräch beendet wurde. Lilly hatte sich bereits auf dem Beifahrersitz platziert und wühlte schweigend in ihrer Handtasche herum. Auf dem Armaturenbrett des VW Golfs zeigte die Uhr bereits halb zwei an. „Wir sollten uns sputen.“ Hanna hoffte inständig, dass es zeitlich noch reichen würde, um von der Bodanstraße zur Dresdnerstraße zu fahren, Lilly rauszuschmeißen, um dann schnell nach Hause, in die Rebbergstraße zu düsen. Zudem wollte sie alle ihre Erledigungen für diesen Tag abhaken und trotzdem rechtzeitig bei ihren Freundinnen aufzukreuzen.Oh, man! Den ganzen Stress hatte sie sich schließlich selber aufgehalst, also musste sie jetzt einfach die Arschbacken zusammenkneifen und den Tag endlich hinter sich bringen. Wenn es endlich Abend wäre, dann könnte sie sich mit ihren Freundinnen entspannen und einfach nur ein bisschen abhängen. Sie fuhren bereits auf der Bundesstraße, während Lilly immer noch schweigend in ihrer Tasche herumwühlte. Der Feierabendverkehr war freitags um diese Zeit rund um den Bodensee oft nur schwer zu ertragen. Überall quetschten sich weitere Autos in die so schon unendlich lange Schlange von Nach-Hause-Wollenden. Jeder wollte schneller sein, als der andere, doch schlussendlich warteten alle trostlos, in den Autos sitzend und ließen sich im unendlichen Strom des Feierabendverkehrs dahintreiben. Hanna machte es eigentlich nichts aus, aber ausgerechnet an diesem Freitag schien alles noch länger zu dauern. „Tja, wenigstens läuft gute Musik, was?“ Sie drehte das Radio lauter und summte fröhlich mit. Ab und zu warf sie einen besorgten Blick in Lillys Richtung. Überraschend wandte diese sich Hanna zu und begann laut auf sie einzureden, während sie wild mit beiden Händen herumfuchtelte. „Wie kommt es eigentlich, dass du deinem Stiefbruder nie etwas abschlagen kannst? Er hebt nur einmal kurz die Hand und schon hüpfst du. Mensch, so langsam bin ich echt enttäuscht von dir, Hanna.“ Hanna verdrehte genervt die Augen. Das Schicksal meinte es an diesem Tag wirklich nicht gut mit ihr. In letzter Zeit fing Lilly immer wieder mit dem gleichen Thema an. Seit der Sache, bei der Alex einfach nur Scheiße gebaut hatte. Es lief Hanna noch immer ein kalter Schauer über den Rücken, wenn sie nur an diesen Tag dachte.

Alexander hatte Hanna vor etwa vier Wochen darum gebeten, ein Paket bei einem Kollegen abzugeben. Da es für sie auf dem Heimweg lag, nahm sie Lilly mit, um das Paket bei Alex abzuholen und es dann zur genannten Adresse zu liefern. Solche Lieferungen übernahm sie ständig für ihren Stiefbruder. Sie wusste ja, wie wenig Zeit er immer hatte und wie wichtig seine Arbeit für ihn war. Dort angekommen, läuteten sie gefühlte zehn Mal an der Haustür, bevor ein stark übergewichtiger Mann die Tür öffnete. Etwas erschrocken wichen Hanna und Lilly vor ihm zurück. Bevor eine der beiden auch nur ein Wort über die Lippen brachte, öffnete der Fettsack seinen Bademantel, der seinen mächtigen Körper entblößte, und sprach die Frauen mit einer hohen piepsigen Stimme an. „Oh, zwei süße Zuckerschnecken. Na, habt ihr zwei Mäuschen Lust, ein bisschen mit mir zu feiern? Wenn ihr zwei es mir so richtig gut besorgt, dann lass ich was extra für euch springen.“ Hanna und Lilly sahen sich geschockt an und verzogen angewidert das Gesicht. Hanna ließ das Paket fallen, packte Lilly am Arm und so schnell sie konnten, rannten sie laut schreiend zum Auto und rasten davon. Sie fuhren gleich wieder zu Alexanders Haus. Beide waren so aufgebracht, dass sie ihr Leid unbedingt lauthals herausschreien wollten, doch als sie bei Alexander zu Hause ankamen, um ihm davon zu berichten, lachte er die beiden einfach nur aus. Sie waren so enttäuscht von ihm, dass Hanna sich schwor, Alexander nie wieder einen Gefallen zu erledigen. Sie hatten sich vor Angst fast in die Hosen gemacht und dieser Mistkerl Alexander Windthauser wagte es, sich über Hanna und Lilly lustig zu machen. Damit ging er einfach zu weit.

Zwei Wochen später rief Alex wieder bei Hanna an und bat sie, ihm kurz ein paar Kleinigkeiten zu besorgen. Als wäre nichts passiert, für das er sich entschuldigen sollte, quatschte er auf sie ein. Kurz bevor sie ablehnen wollte, und es wäre das erste Mal gewesen, dass sie ihm einen Gefallen ausschlug, bat er sie ganz herzlich darum, ihm nur diesen einen Gefallen zu erledigen. Er hätte so viel um die Ohren und wäre wirklich froh, wenn Hanna ihm diese eine Sache abnehmen könnte. Und ganz am Ende sagte er sogar Bitte. So dumm und gutmütig, wie Hanna nun mal war, konnte sie nicht nein sagen, lief in den nächsten Markt und erledigte den Einkauf für Alex. Aus Angst, Lilly könnte wütend auf sie werden, weil sie so schwach war, verheimlichte sie es vor ihrer besten Freundin. Sie war in letzter Zeit sowieso schon schlecht auf Alexander zu sprechen, da musste Hanna ihr diesen Ausrutscher ihrerseits nicht auch noch stecken. Wie es sich später herausstellte, hatte Alex es seiner Stiefschwester zu verdanken, dass er an diesem Abend ein ganz besonderes Date hatte. Wie er ihr nämlich einige Tage später erzählte, war sein Date an diesem Abend hellauf begeistert von seinem guten Geschmack, was den Weißwein und die Blumen betraf. Ha! Dieser Mistkerl, dachte Hanna. Er berichtete ihr haargenau, wie sein Date sich die ganze Nacht bei ihm für diesen Abend bedankt hatte. Wie sie ihn verführt und er sie an diesem Abend flachgelegt hatte. Da sie zu diesem Zeitpunkt am Esstisch ihrer Eltern saßen, war es mehr ein Flüstern, das leise in Hannas Ohren drang und sich in ihrem Kopf zu Bilder verwandelte, die sie so schnell nicht mehr aus ihren Gedanken bekam. Alexanders Körper, steinhart und muskulös, über ihrem. Wie sie sich unter ihm rekelte und vor lauter Lust fast dahinschmolz. Aber es waren eben nur Tagträumereien und ein klein wenig Wunschdenken. Hanna würde niemals mit Alexander ins Bett hüpfen. Niemals!

„Ach bitte, Lilly Schuster. Fang nicht wieder damit an. Ich schau nur kurz im Club vorbei und dann bin ich ganz schnell wieder weg. Rein, raus, fertig! Ich bin auf jeden Fall pünktlich um vier in der Stadt.“ Während Hanna sprach, schüttelte Lilly angewidert den Kopf. „Ich will dich doch nur schützen, Süße! Beim letzten Mal, als der Mistkerl sich über uns lustig gemacht und uns ausgelacht hat, ging er mir ganz schön auf die Nerven. Was fällt diesem Typen eigentlich ein, uns für blöd zu verkaufen und uns dann wie zwei kleine Mädchen abzuservieren. Ich sag es dir ein letztes Mal! Wenn er sich nicht bald bei dir entschuldigt, dann kann er was erleben! Um mich geht es dabei nicht, aber du gehörst zu seiner Familie. Darum versteh ich nicht, warum er dich so schlecht behandelt.“ Hanna nickte zustimmend. „Du hast ja Recht, Lilly. Ich rede nachher nochmal mit ihm.“ Lilly zog ein Bonbon aus ihrer Tasche und stopfte es sich in den Mund. Scheinbar besänftigte das Lilly etwas, denn sie sah nun einiges entspannter aus. „Er schuldet dir eine Entschuldigung. Das kannst du ihm gerne von mir ausrichten. Ich hasse es, wenn er dich so schlecht behandelt. Du bist immer so deprimiert, wenn er dich so herablassend behandelt. Vielleicht muss ich ihn ja mal eins auf die Nase geben.“ Lilly zwinkerte Hanna zu. Dann ließ Lilly ein seltsames Lachen von sich, welches sich wie ein zufriedenes Seufzen anhörte und das Thema schien erledigt zu sein. Hanna bog rechts ab und parkte vor Lillys Wohnblock in der Dresdner Straße. Die beiden Freundinnen unterhielten sich noch kurz über den bevorstehenden Abend. Sie freuten sich zwar beide tierisch auf die Shoppingtour am Nachmittag mit Mona und Sabine, aber noch mehr sehnten sich den Abend herbei. Sie hatten sich vorgenommen, essen zu gehen und dann einige Cocktails zu schlürfen. Lillys Plan war, diesen Abend im shoelite ausklingen zu lassen. Eine schicke Bar, mitten in der Altstadt, in einem verwinkelten, alten Backsteingebäude, das allein schon von seinem Flair hätte leben können.

Den Namen bekam die Bar von einer wirklich unglaublichen Eingebung des Besitzers, vor einigen Jahren. Herr Müller und sein Lebensgefährte Carlo führten seit einigen Jahren ein gut laufendes Schuhgeschäft in diesen Räumen. Doch nach vielen Jahren in dieser Branche, nach zu vielen nörgelnden Frauen und noch mehr unzufriedenen Kindern, waren sie nicht mehr so glücklich mit ihrem Geschäft. Herr Müllers große Leidenschaft war es schon immer gewesen, in der Gastronomie Fuß zu fassen. Also machten sie kurzen Prozess, suchten sich einen Manager, der bereits Erfahrung gesammelt hatte im Gastronomiebereich und eröffneten kurzer Hand eine entzückende Bar. Hanna gefiel diese Bar natürlich auch sehr gut. Überall hingen beleuchtete kleine Schaukästen. Einige waren in die Wände eingelassen, andere ragten hervor und glänzten aufgrund spezieller Beleuchtung. Kleine Meisterwerke, nicht nur einfache Schuhe befanden sich darin und wurden ausgestellt. Verschiedene Modelle, die Herr Müller und sein Freund auf unterschiedlichste Weise verzierten und mit abstrakten Assessors versahen. Jedes Mal gab es neu designte Schuhe zu bewundern. Allein das war stets einen Abstecher in diese Bar wert. Aber der Grund, weswegen Lilly dort unbedingt hinwollte, war der Barkeeper. Lilly schien ein Auge auf ihn geworfen zu haben. Hanna gab zwar zu, dass er unglaublich gut aussah, aber sie war sich auch sicher, dass er ein mieser Casanova war.

Die Freundinnen verabschiedeten sich mit einer herzlichen Umarmung und Hanna machte sich auf den Weg nach Hause. Die Fahrt über zerbrach sie sich den Kopf, was Alex diese Mal wohl wieder auf dem Herzen hatte. Auf gar keinen Fall wollte sie sich neue Geschichten über seine Techtelmechtel anhören. Danach war sie immer ganz aufgebracht und hatte sich kaum unter Kontrolle, so erregt war sie meist. Sie wusste nicht warum, aber ihr Körper reagierte extrem auf Alex. Sie stand augenblicklich in Flammen, wenn sie in seiner Nähe war. Doch es ärgerte sie, dass Alex es scheinbar wusste, wie sehr sie sich von ihm angezogen fühlte. Sie wurde zittrig, nervös und tatsächlich erregte sie selbst sein Duft. Dabei empfand Hanna gar nichts für Alex. Eigentlich für keinen Mann. Aber für Alex schon zwei Mal nicht. Hanna glaubte, dass lag daran, dass Alex von seinen nächtlichen Aktivitäten berichtete, was sie aufwühlte und durcheinanderbrachte. Oft erzählte er ihr von seinen Erlebnissen und sie sog jedes einzelne Wort in sich auf. Sie durchlebte durch seine Erzählungen so eine Art Sexleben. Denn ein eigenes hatte sie nicht. Schon lange nicht mehr. Eigentlich noch nie so richtig, aber das war eine andere Geschichte. Bevor Hanna ihre Wohnung in der Rebbergstraße erreichte, fuhr sie noch kurz beim Hofladen vorbei. Dieser befand sich gleich bei ihr um die Ecke. Hanna schlenderte mit ihrem Einkaufskorb durch den Laden und packte sich frisches Obst und Gemüse ein. Dann holte sie sich eine neue Himbeerkonfitüre, ein Flasche Milch und ein kleines Bauernbrot. Sie bediente sich bei Wurst und Käse, entschied sich noch für eine Hähnchenbrust aus dem Frischeregal und ganz am Ende packte sie noch ein Glas Naturjoghurt und ein Sechserpack Eier ein. Die freundliche Dame an der Kasse des kleinen Ladens, Frau Hoffman, die sie schon kannte, seit sie vor etwa fünfzehn Jahren mit ihrer Mutter in diese Gegend gezogen war, grüßte sie wie immer sehr freundlich und erkundigte sich nach dem Befinden der Familie. Sie wollte stets auf dem Laufenden sein, wenn es etwas Neues zu erfahren gab. Tratsch war Frau Hoffmanns Leben. Plaudern und Quatschen gehörte für die alte Dame zum Leben, wie Essen und Atmen. Zudem trafen sich viele der älteren Mitmenschen aus der näheren Umgebung in diesem Laden, um eine Tasse Kaffee zu trinken und um miteinander zu plaudern. Frau Hoffman mischte immer an vorderster Stelle mit. Jedes Mal, wenn Hanna bei Frau Hoffmann im Laden vorbeikam, traf sie mindestens zwei ihrer Nachbarinnen, die sich bei einem Kaffee lauthals unterhielten. Der kleine Hofladen war einfach gemütlich und man fühlte sich heimisch. Endlich zu Hause angekommen, schleuderte Hanna erstmal ihre Pumps von sich. Sie schaltete die Kaffeemaschine ein und versorgte ihren Einkauf im Küche. Da die Zeit wie im Flug verging, sprang Hanna schnell unter die Dusche. Sie seifte sich schnell mit ihrem Duschgel ein und atmete den frischen, blumigen Duft des neuen Duschgels ein. Ihre Gedanken kreisten schon wieder um Alexander. Seine blauen Augen strahlten manchmal so intensiv, wenn er sie ansah. Und er duftete immer so herrlich frisch nach Holz, Leder und Mann. Seine Shirts spannten sich immer um seine starke Brust und Hanna starrte ihn oft unbewusst an. Sie gab sich grade der Vorstellung hin, wie sie in seinen starken Armen läge. Schnell stellte sie das Wasser kalt, um wieder zur Besinnung zu kommen. Wenn sie so weiter machte, würde sie noch zu spät bei ihm auftauchen. Ihre Kleidung hatte sie sich am Morgen schon zurechtgelegt, also musste sie sich grade keine Gedanken darauf verschwenden. Eine enge dunkelblaue Jeans schmiegte sich wie eine zweite Haut um ihre schmalen Schenkel und legte sich um ihre Hüften. Da sie sich für einen weißen BH aus Spitze und das dazu passende Höschen entschieden hatte, zog sie eine seidig schimmernde, weiße, ärmellose Bluse über, die sie in ihren hohen Hosenbund gestopft hatte. Somit blieben ihr noch ein paar Minuten, um sich um ihr Haar zu kümmern. Sie kämmte ihr langen blonden Haare einfach nur glatt, ohne sie besonders zu frisieren. Sie war zufrieden. Wenn es sich sanft um ihre Schultern legte und sich über ihrem Rücken, bis zu ihrer Hüfte hinab, wallte. Dann fühlte sie sich am wohlsten. Mit etwas Wimperntusche, die ihre langen Wimpern noch voller erschienen ließen und ein wenig Lipgloss auf ihren Lippen, der ihnen einen rosigen Schimmer verlieh, sah sie sich im Spiegel an und empfand, dass sie sich heute ganz schön aufgebrezelt hatte. In Gedanken versunken, für welche Schuhe sie sich entscheiden sollte, hätte sie fast die Zeit vergessen. Hanna schlüpfte eilig in ihre schwarzen Lederstiefel, schnappte sich im Vorbeigehen ihren Wollmantel und ihre Handtasche und lief eilig zu ihrem Auto. Alexander hasste Unpünktlichkeit und sie hatte keine Lust, sich den Nachmittag von ihm vermiesen zu lassen, nur weil er glaubte, ihr einen Vortrag über unzuverlässige Menschen zu halten. Das hatte Hanna schon oft genug mit ihm durchgemacht.

Kapitel 2

Der Club The Inn befand sich im Industriegebiet von Konstanz, in der Max-Stromeyer-Straße, wo es kaum einen Anwohner störte, wenn die Gäste bis früh in die Morgenstunden feierten. Hin und wieder gab es einige Beschwerden wegen Ruhestörung oder Lärmbelästigung, aber meistens waren es nur Kleinigkeiten und schnell wieder geklärt. Hanna ging durch den Hintereingang in die Großraumdisco. Ihre Augen brauchten ein paar Sekunden, um sich an die schummrige Beleuchtung zu gewöhnen. Sie konnte einen Kerl an seinem Mischpult stehen sehen. Er hatte sich Kopfhörer umgelegt und lauschte an einem der Ohrhörer. Immer wieder verschob er einige Regler an einem Mischpult und bewegte sich scheinbar im Takt der Musik dazu. Er unterhielt sich grade mit einer brünetten, langbeinigen Frau, die sich lächelnd ein paar Putzhandschuhe überzog, während sie ihm freundlich zunickte. Ganz hinten in einer Ecke, die mit Ledersofas ausgestattet war, konnte Hanna eine andere Frau entdecken, die ebenfalls Putzhandschuhe trug. Diese schien damit beschäftigt zu sein, den Boden nass aufzuwischen und alle Sessel und Sofas wieder ordentlich hinzustellen. Auch sie sah unglaublich gut aus. Ihr langer sportlicher Körper strotze nur so vor Energie. Hanna zog fragend ihre Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. Arbeiteten hier denn nur langbeinige, braungebrannte Supermodels, fragte Hanna sich grade, als sie ihren Blick durch die Halle schweifen ließ. „Verdammt! Das ist mir echt noch nie aufgefallen.“ Hanna lief planlos in der alten Fabrikhalle herum, auf der Suche nach ihrem Stiefbruder. Sie schlenderte gelassen umher und sah sich ein bisschen um. Schnell stellte sie fest, dass sie selten hier zu Besuch war, wenn die Diskothek geschlossen hatte. Normalerweise quetsche sie sich immer bis vor zur Bar und war froh, überhaupt einen der begehrten Sitzplätze im hinteren Teil ergattern zu können. Normalerweise wummerte ohrenbetäubend laute Musik und tanzende Körper rieben sich verschwitzt aneinander. So kannte sie das The Inn, doch so, wie es momentan war, fand sie es auch recht unterhaltsam. Alexander zitierte sie sonst immer zu sich nach Hause, wo er ebenfalls ein Büro hatte. In seinem Haus, das bisher nur selten weiter betreten hatte, als bis zum vorderen Büro, erledigte er den meisten Papierkram. Hanna glaubte, dass er noch weitere Geschäfte am Laufen hatte, traute sich aber nicht, ihn danach zu fragen. Sie wollte ihn ja nicht nerven. Obwohl, er nervte sie auch immer ununterbrochen. Vielleicht sollte sie ihn doch mal ein bisschen ausfragen, was er sonst noch so vertickte. Klar, sie glaubte nicht, dass es illegale Geschäfte waren, aber manchmal waren ihr seine Geschäftspartner schon sehr suspekt vorgekommen. Aber, Schluss jetzt, mit der Grübelei, ermahnte sie sich und schüttelte die wirren Gedanken wieder ab. Aus dem Augenwinkel nahm Hanna eine Bewegung wahr. Alexander war hinter der großen Theke damit beschäftigt, die Getränke in den Kühlschubfächern aufzufüllen. Hanna lief zu ihm herüber und konnte hören, wie er leise eine Melodie summte. Er bückte sich grade über eine Liste und machte sich ein paar Notizen. Da er mit dem Rücken zu ihr stand, hatte er sie nicht gleich bemerkt. Alexander hatte die ganze Zeit über versucht, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Aber seit er Hannas Stimme am Telefon gehört und sie seinen Namen so sanft ausgesprochen hatte, dass ihm ein Schauer über den Rücken lief, war sein Schwanz so hart, dass er drohte, gleich zu explodieren. „Verdammt.“ Und dass alles nur, weil er ihre Stimme gehört hatte. Diese sanfte Stimme, die ihn streichelte und in ihm den Wunsch offenbarte, sie nackt auf sein Bett zu drücken und sie überall mit Küssen zu bedecken. Das Verlangen, sich in ihren Körper zu bohren, sie auszufüllen und kräftig mit seinem Samen vollzupumpen, lenkte ihn immer wieder ab. Während er die Getränke auffüllte und sich Notizen machte, was er unbedingt noch bestellen musste, glaubte er schon, dass ihr blumiger Duft den Raum um ihn herum ausfüllte. Ein bekannter Geruch, der ihn noch härter werden ließ. Lange konnte er das nicht mehr aushalten, so viel stand für ihn schon mal fest. Er fasste sich in den Schritt, um seinen Schwanz etwas mehr Platz zu machen. Seine verdammte Jeans drohte, gleich zu platzen. Hanna setzte sich, so leise sie konnte, auf einen Barhocker ihm gegenüber und wartete freudig darauf, dass er sie entdeckte. Einen herrlichen Anblick gab es nicht, schmachtend gab sie sich ihren Tagträumen hin und beobachte Alex einfach nur bei der Arbeit. Er trug ein altes, verwaschenes T-Shirt, dass sich sexy um seinen muskulösen Oberkörper spannte. Seine langen schlanken Beine steckten in einer alten verwaschenen Jeans, die sich eng an seinen knackigen Hintern schmiegte. Nicht, dass Hanna darauf geachtet hätte. Nein! Denn immerhin war er ihr Bruder, also Stiefbruder. Aber er bückte sich so tief herunter, dass sie seinen Hintern nun Mal genauestens betrachten konnte. Sehr vorteilhaft für sie. Sie wurde augenblicklich hibbelig und stellte sich lieber wieder hin, da sie Angst hatte, vor lauter Geilheit vom Hocker zu fallen. Ein leises Scharren erzeugte der Stuhl, als sie ihn in ihrer Eile fast umstieß. In dem Moment musste Alexander sie wohl gehört haben, denn er stellte sich aufrecht hin. Noch immer mit dem Rücken zu Hanna. Seine breiten muskulösen Schultern spannten sich unter dem Shirt an. Hanna sah deutlich das Muskelspiel seiner Oberarme. Langsam drehte er sich zu ihr herum. Seine Bewegungen waren so geschmeidig, ähnlich, wie die eines Panters, der auf der Lauer lag. Kurz vor dem Sprung in Richtung seiner Beute, um sie sich zu packen. Und genauso fühlte sich Hanna in diesem Moment. Wie seine Beute, die ihm in die Falle geraten war. Sie setzte sich schnell wieder hin. Ihr Herz pochte wild beim Anblick ihres Stiefbruders. Sie hatte schiss, dass sie vor lauter Nervosität noch ohnmächtig werden könnte. Oh Gott, bitte nicht, hoffte sie innerlich. Alexanders dunkelbraunen Haare fielen im wild in die Stirn und verdeckten etwas seine stahlblauen Augen. Sein Haar war noch feucht, woraus Hanna schloss, dass er grade erst duschen war. Nur der bloße Gedanke an ihn, wie er unter der Dusche stand und seinen männlichen, durchtrainierten Körper einseifte, ließ Hannas Puls erneut bis ins Unermessliche steigen. Ihre Handflächen wurden feucht. Sie spürte, wie sich ein Prickeln auf ihrer Haut ausbreitete. Es durchfuhr ihren Körper und schwoll zwischen ihren Schenkeln zu einem heißen Druck an. Ihr ganzer Körper erschauderte. Hanna zitterte leicht vor Aufregung. Sie ahnte gar nicht, dass sie zu solchen intensiven Gefühlen fähig war. Normalerweise hatte sie sich und ihre Empfindungen viel besser unter Kontrolle. Obwohl, wenn sie es sich recht überlegte, dann stellte sie mit Schrecken fest, dass sie solche Gefühle noch nie empfunden hatte. An manchen Tagen kam sie sich so fremd vor. Fremd in ihrem eigenen Körper. Als wäre sie nicht sie selbst. Denn eins hatte sie sich schon lange geschworen. Gefühle für irgend so einen daher gelaufenen Kerl wollte sie niemals wieder so intensiv empfinden, wie sie es für Patrik getan hatte. Sie ahnte damals schon, dass nicht alles mit rechten Dingen in ihrer Beziehung mit Patrik zuging, aber bevor man sie erneut so etwas Schlimmes spüren ließ, würde sie lieber gar nichts mehr fühlen wollen. Sie wollte sich, ihre Seele und ihren Körper niemals wieder so preisgeben und zur Schau stellen. Sie wollte sich niemals wieder so intensiv einem Mann hingeben, wie sie es bei Patrik getan hatte. Sie hatte solche Angst, man könnte sie wieder dermaßen verletzten, dass sie glaubte, sterben zu müssen. Und genau deshalb ließ sie niemanden an ihrem Gefühlsleben teilhaben. Aus Angst, verletzt zu werden. Sie glaubte, es würde sie schützen, wenn sie keine Gefühle zulassen würde. Aber anstatt sich sicher zu fühlen, hatte sie in letzter Zeit die Befürchtung, vom Einbruch ungeahnter Gefühle übermannt zu werden. Manchmal war sie so voller Leidenschaft, dass sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Als würde sie ersticken. So fühlte sie sich grade. In Alexanders Nähe. Sie sah ihn mit ihren großen blauen Augen an und fixierte ihn. Er war anfangs wie gelähmt unter ihrem Blick. Sie strahlte solch eine Intensivität aus, dass er augenblicklich von dieser wunderschönen Frau gefesselt war. Die Verunsicherung, die sich auf ihrem Gesicht abzeichnete und das fehlende Selbstbewusstsein, machte sie in Alexanders Augen nur noch verführerischer. Er wollte seine Arme um sie legen und ihr sagen, dass er jede verdammte Minute, ja sogar jede verdammte Sekunde für sie da wäre. Um sie zu beschützen. Und, um sie zu lieben. Bis an ihr Lebensende. Er blieb jedoch still. Alex kam um die Theke geschlendert und verströmte einen so männlichen und erotischen Duft, dass Hanna plötzlich glaubte, gleich vor Hitze vergehen zu müssen. Es wurde immer schlimmer mit ihr und diesen unverhofften, über sie kommenden Gefühlsschüben. Allein sein Anblick heizte ihr dermaßen ein, dass sie fast vergaß, zu atmen. „Hi.“ Ihre Stimme krächzte vor Erregung. Alexander stand nur wenige Zentimeter von ihr entfernt und schaute sie prüfend an, sagte aber kein Wort. Seine Hand legte er auf ihrem Oberschenkel. Diese Berührung bewirkte, dass ihr ganzer Körper kribbelte. Sie glaubte, explodieren zu müssen. Hitze breitete sich in ihr aus, legte sich auf ihre Haut und lies sie in Wallungen geraten. Ein leises Stöhnen entfloh ihrer Kehle, dass sie versucht hatte, mit aller Macht zu unterdrücken. Alexander konnte eben nicht widerstehen, er musste sie berühren. Sie konnte nicht wirklich vor ihm stehen. Sie kam ihm so unwirklich vor. Wie eine Erscheinung, wie ein Geist, war sie plötzlich da. Aber als seine Hand ihr Bein berührte, als er fühlen konnte, dass dieses wunderbare Geschöpf tatsächlich vor ihm saß, wurde ihm augenblicklich heiß. Und dann stöhnte sie ihn auch noch an, als hätte er ihr grade den besten Orgasmus ihres Lebens geschenkt. Ihre Reaktion auf seine Berührung brachte ihn fast um den Verstand. Am liebsten hätte er sie hier direkt auf dem Barhocker gepackt und geküsst. Sie aus dieser verdammten Jeans geschält und sie überall berührt. Er hätte ihre Bluse geöffnet und ihre vollen Brüste geleckt, erst ganz sanft an ihren Brustwarzen gespielt, sie gezwirbelt, bis sie vor Ektase laut seinen Namen schreien würde und sie dann gefickt, bis ihr Hören und Sehen verginge. Schnell versuchte er diese Gedanken in seinem Hirn zu vergraben. Es war nicht richtig, solche Gedanken über sie zu haben. Er musste sein Verlangen nach ihr besser unter Kontrolle bringen. Solche Tagträume waren nichts für ihn. Sie lenkten ihn verdammt noch mal zu sehr von seiner Arbeit ab. Alexander drehte sich leicht und griff hinter die Theke, dabei ruhte seine Hand weiterhin auf Hannas Bein. Er konnte sie jetzt nicht loslassen. Er hatte Angst, sie könnte doch nur ein Trugbild sein, das seine Fantasie mit ihm durchginge und Hanna in Wirklichkeit gar nicht hier saß und ihn anstarrte. Jetzt erst merkte er, dass sie ihn seltsam lange schon mit diesem verworrenen Blick fixierte. Das passierte ihr in letzter Zeit ziemlich oft. Er wusste nur nicht, was genau in ihrem Kopf vorging. Diesen Blick konnte er noch nicht einordnen, da er noch so neu war und er noch nie gesehen hatte, wie sie etwas so intensiv fixiert. So wie ihn grade. War sie erstaunt? Oder gar verängstigt? Aber nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Er wusste, dass Hanna nicht den kleinsten Funken Angst in seiner Nähe verspürte. Jetzt zumindest nicht mehr. Gekonnt öffnete er zwei Wasserflaschen und reichte ihr eine davon. „Du bist spät dran!“ Seine Stimme war rau vor Erregung und er räusperte sich kurz. Er stieß seine Flasche an ihre, was ein lautes Klingen ertönen ließ. Dann trank er einen großen Schluck. Fuck, er musste seinen Schwanz beruhigen. Und Zeit schinden um sich wieder abzukühlen. Er durfte das mit Hanna nicht vermasseln, nur weil er grade von seinen Hormonen gesteuert wurde. Die ganze Zeit über sah er sie mit seinem musternden Blick an. Ihre Haut war an den Wangen leicht gerötet. Ihr Mund war leicht geöffnet und sie leckte sich nervös die Oberlippe. Ein Funkeln lag in ihren wunderschönen blauen Augen und er hätte schwören können, Erregung in ihrem Blick erkannt zu haben. Aber das konnte fast nicht möglich sein, oder? Hanna glaubte schon, eine Standpauke von Alexander über sich ergehen lassen zu müssen und zuckte leicht zusammen, als sie seine Stimme hörte. Aber stattdessen ging er zurück zu den Getränkeschubladen und legte ihr die Liste vor die Nase. Da seine Hand nun nicht mehr auf ihrem Bein war, spürte sie plötzlich eine seltsame Leere in sich. „Hilf mir kurz die Lagerliste fertig zu schreiben, dann gehen wir hoch, ins Büro.“ Hanna war erleichtert, dass Alexander schnell das Thema wechselte. Genauso kannte sie ihren Stiefbruder. Herrisch und im Befehlston mit ihr reden. Dass konnte er am besten. Oben im Büro setzte er sich, ganz der Boss eben, hinter seinen ordentlich organisierten Schreibtisch und deutete ihr, auf einem der Lederstühle vor ihm Platz zu nehmen. Hanna sah sich um und entdeckte, dass hinter ihm ein großes Foto hing, auf dem die Lagerhalle unter ihnen noch in ihrem unbebauten Zustand zu sehen war. Sie hatte dieses Bild schon einige Male in seinem Haus im Gang hängen sehen, ahnte anfangs jedoch nicht, dass es diese Halle hier war. Erst jetzt sah sie den Zusammenhang. Es hingen noch viele andere Bilder solcher Hallen in seinem Haus. Vielleicht an die zehn Bilder. Schöne alte Lagerhallen, die komplett ausgeräumt und sauber abfotografiert wurden. Waren etwa alle dieser Hallen seine? Hatte er aus allen Hallen solche Diskotheken, wie das The Inn gemacht? Verwirrt schüttelte sie ihren Kopf. Daneben befand sich ein Aktenschrank, auf dem eine Kaffeemaschine und ein kleiner Kühlschrank mit Glastür platziert waren. Links stand ein Regal, vollgestopft mit Ordnern, Papieren und Ablagefächern und rechts daneben befand sich eine weitere Tür. Hanna war noch nie hier oben gewesen, also schaute sie sich jetzt staunend um. Hinter ihr entdeckte sie eine weiße Ledercouch und zwei Sessel, die um einen gläsernen Beistelltisch standen. Ganz schön groß, dieses Büro hier, dachte sie grade. Alexander beobachtete Hanna dabei, wie sie sich in seinem Büro umschaute. Sie war noch nie hier oben, weswegen sie grade alles genau in Augenschein nahm. In dieser Zeit konnte er sich ein bisschen an ihr sattsehen. Obwohl, nein! Das würde nie der Fall sein. Er könnte sie Tag und Nacht beobachten und hätte trotzdem niemals genug von ihr. Sie wärmte ihm das Herz auf eine besondere Weise. Allein durch ihre Anwesenheit machte sie ihn glücklich. Nur wusste sie eben nicht, was sie alles in ihm auslöste. Er räusperte sich. „Hanna?“ Immerhin konnten sie sich nicht den ganzen Tag so gegenübersitzen und anschweigen. Hanna richtete ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Stiefbruder zu. Sie musste ihre Neugier zügeln, müsste sich mit den wenigen Eindrücken, die sie neu aufgeschnappt hatte, zufriedengeben. Ihr gefiel die Einrichtung und die Geräumigkeit, die sein Büro so elegant und trotzdem praktisch erscheinen ließ. Aber Hanna hatte nicht den ganzen Tag Zeit, um in diesem Büro gemütlich herumzulungern. „Am Sonntag gehe ich im Maya´s essen und hatte gehofft, dass du und Lilly mich begleiten würden.“ Alex warf einen flüchtigen Blick auf Hannas Bluse. Er musterte ihr Erscheinungsbild, soweit es für ihn möglich war. Da sie vor ihm auf einem Stuhl saß, erhaschte er nur einen Blick auf ihren Oberkörper. Er wusste aber, dass ihre schlanken Beine in einer engen Jeans steckten und die Bluse im Bund dieser Hose steckte. Ihr Outfit betonte ihre schlanke Taille und die langen Beine, die in schwarzen, wadenhohen Lederstiefel steckten. Da es sehr warm in der Diskothek war, hatte Hanna ihren dicken Wollmantel ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt. Sie saß in ihrer weißen ärmellosen Bluse vor ihm und starrte ihn überrascht an. Alexander sprach ruhig weiter. „Allerdings solltet ihr euch etwas schick machen. In diesem Lokal wird besonders auf die Garderobe geachtet.“ Hanna kniff die Augen zusammen. Hatte Alexander sie grade beleidigt? Warum hatte er ihr so auf die Bluse gestarrt? War ihr Outfit etwa unter seiner Würde? Sie sagte lieber nichts dazu, bevor sie ihm an die Gurgel springen würde. Sie wollte keinen Streit heraufbeschwören. Nicht an diesem Tag. Sie freute sich zu sehr auf das Treffen mit ihren Freundinnen, als dass sie sich den Tag jetzt durch seine dumme Bemerkung hätte versauen lassen wollte. Seine Äußerung grenzte fast schon an Arroganz. Aber das wusste er bereits, und doch verhielt er sich ab und zu wie ein riesiges Arschloch. Besonders in Hannas Gegenwart, ließ er seine Überheblichkeit manchmal heraushängen, dass musste Hanna ihm gegenüber nicht erst erwähnen. Sie nickte nur und spitze ihre Lippen und verkniff sich jeglichen Kommentar. Er hatte es gar nicht verdient, ihm so viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Wenn sie sich jetzt aufregen würde, hätte sie ihm damit gezeigt, wie sehr es sie verletzte, wenn er so mit ihr sprach. Wie konnte der Mann sie bloß so aus der Fassung bringen? Hanna ermahnte sich, ihre Wut schnell wieder herunter zu schlucken. Sie versuchte bereits seit einiger Zeit in dem Restaurant einen Tisch zu reservieren, jedoch wurde sie stets vertröstet, da das kleine Restaurant die nächsten vier Monate bereits ausgebucht war. „Ich danke dir für die Einladung.“ Hanna atmete tief ein, sie kämpfte noch immer mit ihrer Wut. „Ich nehme deine Einladung gerne an. Lilly muss ich aber erst fragen, ob sie Zeit hat. Aber ich glaube, dass würde sie sich in tausend Jahren nicht entgehen lassen.“ Hanna stand auf, als sie nach einem kurzen Blick auf ihre Armbanduhr feststellte, dass es bereits zehn Minuten vor vier Uhr war. Sie wollte schnell weg aus diesem Büro. Weg von Alexander, nicht, dass sie ihm doch noch die Meinung geigte oder ihm an den Hals sprang. Möglich war alles. „Ich gib dir heute Abend Bescheid, ob Lilly uns begleiten wird. Ich hoffe, das reicht dir zeitlich noch, um zu planen?“ Alexander nickte zustimmend. Auch er hatte sich aus seinem Bürostuhl erhoben und trat vor zur Tür. Etwas wackelig lief er zu ihr rüber und wieder benebelte ihr blumiger Duft die Sinne. Hanna kramte bereits in ihrer Tasche nach dem Autoschlüssel, als sie seinen festen Griff an ihrem Oberarm spürte. Irritiert sah Hanna zu ihm auf. Er ließ Hanna nicht los, während er sie seltsam musterte und schließlich seinen Blick konzentriert auf ihr Gesicht richtete. Etwas Unergründliches lag in seinem Blick und es kam ihr so vor, als hätte sich seine Körperhaltung etwas verändert. Verkrampft und etwas zittrig stand er vor ihr. Reserviert und in sich zurückgezogen, starrte er ihr auf den Mund. Es kam ihr so vor, als wäre er mit den Gedanken ganz wo anders und es schien, als würde er durch sie hindurchsehen. Als wäre sie nur ein Geist. Sie spürte deutlich die Wärme, die Alexander ausstrahlte. Fühlte den sanften Druck seiner Finger, die um ihren Oberarm lagen. Sie konnte seinen männlichen Duft riechen. Frisch geduscht und nach Alexander. Sie mochte seinen Geruch. „Ist bei uns beiden wieder alles in Ordnung? Ich möchte nicht, dass etwas zwischen uns steht.“ Hanna schwirrte so viel gleichzeitig durch den Kopf. Normalerweise war Alex nicht so fürsorglich ihr gegenüber und er erkundigte sich nur äußerst selten nach ihrem Befinden. Aber scheinbar hatte sich auch etwas in seiner Einstellung zu ihr geändert. Er mischte sich mal wieder zu sehr in Hannas Leben ein. Sie blinzelte ihn verwirrt an. Da überfiel sie plötzlich eine tiefsitzende Wut, die sie seit Wochen vergeblich versuchte zu ignorieren. Die Worte ihrer Freundin Lilly hallten ihr wieder durch den Kopf. ... Ich will dich doch nur schützen... ... Wenn er sich nicht bald bei dir entschuldigt, dann kann er was erleben... ... du gehörst zu seiner Familie. Darum versteh ich nicht, warum er dich so schlecht behandelt...„Echt jetzt?“ Hanna war so benebelt, dass sie kaum einen vernünftigen Satz zu Stande brachte. Alexander ließ ihren Arm los und sie bekam eine Gänsehaut. Irgendwas schien ziemlich aus der Bahn geraten zu sein. So seltsam benahm Alexander sich ihr gegenüber gewöhnlich nicht. Was war denn mit ihrem Stiefbruder zurzeit los? So emotional kannte Hanna ihn nicht. Sein seltsames Verhalten brachte sie so durcheinander und bewirkte, dass sie ihn lauthals anmotzte. Sie ließ ihren Emotionen freien Lauf. Konnte sich einfach nicht mehr zurückhalten und die Worte sprudelten einfach so aus ihr heraus. „Wer hat uns denn dumm grinsend weggeschickt, als wir hilfesuchend bei dir hereingeplatzt sind? Wir haben uns vor Angst fast in die Hosen gemacht und dir fällt nichts Besseres ein, als uns laut auszulachen. Du bist ein riesen Arsch, Alexander Windthauser.“ Er zuckte zusammen, als sie seinen vollen Namen aussprach. „Du weist genau, ich würde alles für dich machen. Du bist wie ein Bruder für mich und ich liebe dich. Aber du hast Lilly und mich in Gefahr gebracht, mit deinem dummen, rücksichtslosen Verhalten. Damit bist du einen Schritt zu weit gegangen. Bei meiner Vergangenheit bin ich immer sehr vorsichtig, was solche Situationen betrifft. Ich hasse es, wenn ich die Kontrolle über ein Geschehen wie dieses verliere. Doch du hast das alles ins Lächerliche gezogen. Du solltest eigentlich wissen, wie nah mir das geht. Und trotzdem hast du mich ausgelacht und dich über mich lustig gemacht. Als wäre ich ein dummes kleines Mädchen. Das kann ich so schnell nicht vergessen. Das hat mich echt fertiggemacht.“ Hanna war ihm gegenüber so laut geworden, dass Alex es vorzog, seine Bürotür wieder zu schließen. Er hatte keine Lust, dass das ganze Personal sich den Mund über ihn zerreißen würde. Er hatte genug andere Sorgen, da brauchte er nicht auch noch Getuschel unter den Angestellten. „Du hättest dein Fehlverhalten selber erkenne müssen und dich bei uns sofort entschuldigen sollen. Aber genau das hast du versäumt und darum bin ich so sauer auf dich.“ Hannas Hände waren zu Fäusten geballt. Sie musste sich zurückhalten, damit sie ihm keine Ohrfeige verpassen würde. Sie wurde niemals gewalttätig. Aber ihr Blick sprach Bände, denn sie funkelte ihn wütend an. Die Erregung ließ sie schneller atmen und ihr Herz raste. Sie war ganz schön laut geworden, als sie ihm ihre Meinung gegeigt hatte. Normalerweise wurde sie nicht laut. Niemals! Hanna sagte ihm das erste Mal so richtig ihre Meinung. Sie ließ ihrem Wortfluss freien Lauf. Solange, bis alles aus ihr herausgesprudelt war und sie sich plötzlich total erschöpft fühlte. Sie hatte sich ihren Frust von der Seele gesprochen. Nun gab es kein Zurück mehr, auch wenn sie kurze Zeit später Gewissensbisse bekommen würde. Sie konnte ihre Worte nicht mehr zurücknehme. Zu spät für Reue. Alexander überraschte es, dass Hanna erstens so ehrlich zu ihm war und zweitens, dass sie das erste Mal so richtig laut in seiner Gegenwart wurde. So kannte er die Frau, die ihm gegenüberstand gar nicht. Sie war sonst immer so zurückgezogen und in sich gekehrt, dass Alex nie im Leben geahnt hatte, dass Hanna so voller Temperament war. Sie hatte richtig Feuer im Hintern, was ihm einerseits gefiel. Andererseits frustrierte es ihn, da er grade ihren ganzen Ärger zu spüren bekam. Wohl verdient, das wusste er, aber musste sie deswegen gleich so laut werden? Das überfiel ihn doch ziemlich unerwartet. Hanna ging erneut Richtung Tür und machte sich an der Klinke zu schaffen. Alexanders unsicher klingende Stimme brachte sie dazu, sich noch ein letztes Mal in seine Richtung umzudrehen. „Du hast natürlich Recht! Entschuldigung! Ich werde dich nie wieder in Gefahr bringen. Ich hätte es wirklich besser wissen müssen. Ich war so unglaublich dumm und egoistisch, dass ich nicht eine Sekunde an deine schmerzhafte Vergangenheit gedacht habe. Ich möchte dich von ganzem Herzen um Verzeihung bitten.“ Alex raufte sich die Haare und Hanna konnte sehen, dass tatsächlich eine Spur Verzweiflung in seinem Gesicht geschrieben stand. Hannas Wut war augenblicklich verraucht, als sie den Schmerz und die Angst in seinen schönen blauen Augen sehen konnte. „Ich habe total Scheiße gebaut aber ich hoffe, du bleibst bei der Zusage für Sonntag?“ Alexander stand vorne übergebeugt vor ihr und atmete schwer. Sie erkannte ihn kaum wieder. Er war immer so stark und unerschütterlich, dass sie immer geglaubt hatte, ihn könnte nichts umhauen. Ihre Standpauke schien ihn wirklich getroffen zu haben. Er sah Hanna flehend mit seinen traurigen Augen an und sie konnte ihm einfach nicht mehr böse sein. Hanna wollte nicht, dass dieser Streit zwischen ihnen stehen würde. Sie zog ihn zu sich heran und umarmte Alexander ganz fest. Sie legte ihre Arme um seine schlanke Hüfte. Dann gab sie ihm einen Kuss auf die Wange und strich ihm sanft über die Schulter. Sie legte ihren Kopf auf seine starke Brust und lauschte seinem regelmäßigen Herzschlag. Ihre Hände strichen bedächtig über seinen starken Rücken. Alexander schien sich etwas zu entspannen, als er so in ihrer Umarmung eng an sie gepresst stand. Auch er legte seine starken muskulösen Arme um Hanna. Sie spürte, dass er seinen Kopf an ihre Schulter lehnte. Sie spürte seinen heißen Atem an ihrem Nacken. „Ja, ich bleibe dabei.“ Sie standen ein paar Minuten schweigend, eng umschlungen herum. „Vielleicht kommen wir heute Abend noch im Club vorbei. Wer weiß schon, was der Abend noch so bringt?“ Sie grinste ihn an und strich ihm noch einmal sanft über die Wange. „Bis dann, Großer!“ Sie lösten sich aus der Umarmung. Alex taumelte etwas und musste aufpassen, nicht vor Hanna niederzuknien. So plötzlich von ihrem warmen sanften Körper gelöst zu sein, zerriss ihn fast innerlich. Sie fühlte sich so gut an und er liebte das Gefühl, wenn sie sich in seine Arme schmiegte. Wenn ihr geschmeidiger Körper sich an ihn schmiegte, er tief einatmete und von ihrem blumigen Duft berauscht wurde. Eine seltsame Wärme breitete sich in seiner Brust aus und erfüllten sein Herz. Er hegte wirklich tiefe Gefühle für sie und es ging weit über Geilheit oder Lust hinaus. Es war mehr als nur körperlich. Er war dabei, sich in Hanna zu verlieben. Hanna verschwand und er stand schwer atmend in seinem Büro. Der Abschiedskuss hatte ihn komplett umgehauen. Und es war nur eine sanfte Berührung ihrer Lippen auf seiner Wange. Und eine freundschaftliche Umarmung, in der er ihre ganze Wärme spüren konnte. Wie ein Blitz fuhr es durch seine Lenden. Was war bloß los mit ihm? Er sollte sich ernsthaft Gedanken machen. Bald, da war er sich sicher, würde er sich überlegen, wie es weitergehen sollte. Aber er brauchte selbst noch etwas Zeit. Denn er wollte sie nicht verletzen. Er musste sich seiner Gefühle einfach sicher sein. Aber an diesem verdammten Wochenende war die Hölle los und es gab noch so viel zu erledigen. Darauf sollte er sich jetzt besser mal konzentrieren. Die Arbeit wartete auf ihn und er musste noch einiges für das Meeting am Sonntag ausarbeiten. Er hasste es, unvorbereitet in ein solch wichtiges Treffen hineinzuschlittern. Also setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch und arbeitete noch eine Zeit lang am Laptop weiter, bevor er abends dann an der Theke im Club aushelfen musste. Denn auch im The Inn hatte er Personalmangel und sollte sich endlich mal auf die Suche nach einem neuen Barkeeper machen. Und vielleicht musste er auch bald eine Stelle für einen Club Manager einstellen. Denn, wenn er eine Beziehung mit Hanna eingehen wollte, brauchte er viel Zeit für sie. Er würde sich um sie kümmern, sie lieben und küssen und viele, viele Tage mit ihr im Bett liegen bleiben. Er würde ihr all seine Liebe geben und ihr mit seinem Körper zeigen, wie sehr er sie begehrte.

Kapitel 3

Kurz nach vier Uhr erreichte Hanna den Parkplatz und eilte schnell in die Stadt, wo sie sich am Kaiserbrunnen mit ihren Mädels treffen wollten. Lilly und Mona waren schon da, nur von Sabine fehlte noch jede Spur. Hanna war froh, dass sie nicht die einzige war, die zu spät kam. Die Mädels plauderten über ihren Tag, als sich endlich auch die vierte im Bunde blicken ließ. Mit überschwänglichen Umarmungen begrüßten sie Sabine und trotteten dann gemeinsam in Richtung Innenstadt. Jeder Klamottenladen, von billig bis teuer, wurde von ihnen besucht und auf der Suche nach ein paar Schnäppchen durchwühlt. Jede von ihnen hatte sich etwas ganz Besonderes geleistet. Lilly fand ein paar wunderschöne Halbstiefel, Sabine hatte ein hellblaues Sommerkleid gekauft, das wunderbar mit ihren Augen harmonierte und Mona hatte sogar drei neue Jeans gefunden und dazu passende Blusen in einem anderen Geschäft auf dem Wühltisch ergattern können. Hanna hatte nicht grade die beste Laune und nach dem Streit mit Alex war ihr die Lust am Shoppen ein wenig vergangen. Da sie aber nicht als Spaßbremse dastehen wollte, schlug sie vor, noch kurz im Second-Hand Laden Kleinkram rein zu schauen. Meistens fand Hanna dort verborgene Schätze. Mal eine wunderschöne Bluse, oder aber ein bezauberndes Kleid, oder irgendwas anderes eben. Dass würde sie sicherlich wieder aufmuntern. Beim Betreten des Ladens erklang ein sanftes Glockenspiel. Es roch nach Räucherstäbchen und durch die Fenster drang nur wenig Licht, da einige Kleiderständer davorstanden. Der Verkaufsraum war klein und gemütlich eingerichtet. Sie schlenderten angenehm entspannt durch die Gänge, entlang an vollgestopften Regalen und vollen Tischen. Leise wurden sie von indischer Musik berieseln und Hanna spürte, wie sie immer entspannter wurde. Eine seltsame Wärme umfing sie jedes Mal, wenn sie zwischen den Regalen umherschlenderte. Eines dieser Regale hatte es Hanna angetan, oder vielmehr der Inhalt. Sie hatte sich bei ihrem letzten Besuch schon mal eine Tasche angesehen, beschloss jedoch, sie sich nicht zu kaufen, da sie schon unzählige Taschen zu Hause hat und dieses Exemplar doch etwas teuer war, für einen gebrauchten Gegenstand. Aber nun stand sie vor genau dieser Tasche und empfand es als eine Art Zeichen, dass sie noch immer hier herumstand und auf eine neue Besitzerin wartete. Sie kaufte sie sich, trotz des hohen Preises. Das war Hanna im Moment egal. Sie wollte diese Tasche unbedingt, schon beim letzten Mal und sie musste auf nichts sparen. Hanna würde zwar bald den Urlaub und die Überstunden vom Vorjahr abbauen müssen, das hatte ihr Chef ihr bereits ans Herz gelegt, aber da sie noch keine Pläne für diese Zeit hatte, war ihr momentan auch egal, ob sie Geld zum Verreisen hätte oder eben nicht. Irgendwann im Laufe des Nachmittags, wurde der Kofferraum des kleinen Golfes immer voller und die Hochstimmung der Mädels war so langsam aber sicher verflogen. Sabine war die Erste, die anfing zu nörgeln. „Ich habe Hunger und will in keinen verdammten Laden mehr. Ich bin einfach platt.“ Biene ließ sich auf die nächstbeste Bank fallen und rieb sich ihre müden Wadenbeine. Mona schlug vor, zum Griechen zu gehen. „Kommt schon, wir waren schon lange nicht mehr im Akropolis. Da gibt es das beste Essen überhaupt.“ Doch leider hatte Lilly schlechte Nachrichten. „Oh, da können wir nicht mehr hingehen. Die haben vor zwei Monaten geschlossen. Hab gehört, da waren Sachen im Essen, die da nicht hingehörten“ Mona sah sie total entgeistert an und ihr Mund stand speerangelweit auf. Lilly fing an, sich laut lachend nach vorne zu beugen und hatte sogar Tränen in den Augen, als sie sich wieder erhob. „Nee! War doch nur Spaß!“ Mona knuffte ihr auf die Schulter und sah sie schockiert an. „Darüber macht man keine Scherze, du Gnom. Ich bin gerne dort Essen gegangen. Fuck! Stell dir mal vor, die hätten uns ein paar Kakerlaken untergeschoben.“ Und schon hielten sie sich alle vier die Bäuche und lachten laut. Sabine hatte plötzlich einen Geistesblitz. „Ich habe es! Wir gehen in den Ratskeller. Da kann sich jeder bestellen, auf was er Lust hat.“ Und während sie so verträumt vom Ratskeller und den großartigen Menüs quatschte, machten sie sich auf den Weg zum Ratskeller. Drinnen war ganz schön was los und sich mussten sich durch die engen Gassen zwischen den Tischen quetschen, um an einen freien Tisch zu gelangen. Um diese Uhrzeit ging scheinbar ganz Konstanz essen. Ein paar Gäste grüßten Hanna oder Lilly und von einer Gruppe junger Kerle ernteten sie freundliches Grinsen und Kopfnicken. Als die vier Mädels dann endlich an ihrem Platz angekommen waren und Hanna sich etwas umgeschaut hatte, fuhr es ihr plötzlich eiskalt den Rücken herunter. Sie glaubte, ein bekanntes Gesicht entdeckt zu haben, dass sie hier nicht erwartet hätte. Eigentlich niemals wieder erwartet hätte. Weder hier, noch sonst wo in ihrer Nähe. Es war ihr Exfreund Patrik Haberer.

Sie hatten sich vor etwa sechs Jahren kennen gelernt. Hanna bewarb sich nach ihrer Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel bei einer Firma für Elektronikbedarf. Die Stelle hatte sie recht schnell bekommen und das Beste war, sie brauchte nicht umzuziehen. Hanna hing so an ihrer Wohnung in Konstanz-Petershausen. Ihr eigenes kleines Domizil der Ruhe und Entspannung und genau so eingerichtet, wie es Hanna gefiel. Zudem konnte sie sich ihre kleine Bude und ein Auto mit ihrem mickrigen Lohn leisten. Sie stand auf eigenen Beinen und war verdammt stolz darauf. Patrik Haberer war der damalige Personalchef und hatte gleich ein Auge auf Hanna geworfen, was wohl auch der Grund dafür war, dass sie die Stelle so schnell bekommen hatte. Bei ihnen schien es gleich zu Anfang gefunkt zu haben, so schien es ihr zumindest. Sie glaubte an Liebe auf den ersten Blick und verguckte sich Hals über Kopf in den Personalchef. Sie arbeitete grade mal zwei Wochen in der neuen Firma, als Patrik plötzlich mit einem riesigen Strauß herrlich duftender, roter Rosen bei Hanna vor der Tür stand und sie zum Essen einlud. Hanna war sehr leicht zu beeindrucken und aufgrund ihrer Naivität sagte sie gleich dankend zu. Nicht ein einziges Mal hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, dass alles so schnell bei ihnen ging. Also würde sie am folgende Wochenende mit ihrem Personalchef essen gehen. Und es kam, wie es kommen musste. Sie verknallte sich Hals über Kopf in Patrik. Sie trafen sich häufig nach der Arbeit, aber alles musste heimlich über die Bühne gehen. Anfangs durfte niemand davon wissen, immerhin war Hanna noch in der Probezeit und sie mochte den neuen Job sehr. Also durfte sie sich nichts anmerken lassen, um nicht ihre Zukunft in der neuen Firma aufs Spiel zu setzen. Immer öfter trafen sie sich und gingen essen oder ins Kino. Sonntags machten sie lange Spaziergänge, gingen dann zu Hanna nach Hause und schliefen miteinander. Es war schon fast routiniert. Montags bis freitags gingen sie abends aus und am Wochenende hatten sie bei ihr zu Hause Sex. Patrik war ihr erster fester Freund und hatte sie im Sturm erobert. Zugegeben, den Sex hatte sie sich romantischer vorgestellt, aber sie nahm das ebenso hin, wie alles andere an Patrik auch. Er war nicht besonders romantisch und Leidenschaft war ein Fremdwort für ihn. Unter der Woche schlief er nicht bei ihr und nicht ein einziges Mal lud er sie zu sich nach Hause ein. Hanna jedoch glaubte, Patrik zu lieben. Sie glaubte, es sei der Himmel auf Erden. Sie schien vollends zufrieden zu sein, so wie alles mit ihnen lief. Sie zweifelte nicht einmal an Patrik oder seinem Getue, denn sie vertraute ihm. Sie hatte ihm ihr Herz und ihre Jungfräulichkeit geschenkt und er gab ihr doch so viel wieder, oder? Nach dem diese Heimlichtuerei bereits vier Monate von statten ging, schlug Patrik ihr vor, zusammen zu ziehen. Sie trafen sich schließlich jeden Tag und so könnten sie doch einiges an Geld sparen. Er würde immer mit ihr zusammen sein. Sie wäre seine Traumfrau. Immerhin liebte er sie schließlich und so versprach er ihr die Sterne vom Himmel. Der Zeitpunkt war auch recht passabel gewählt. Es war Anfang Dezember und Weihnachten stand vor der Tür. Da waren die meisten Menschen in Geberlaune und besinnen sich auf Liebe und Gemeinschaft. Man sah nur noch bunte Lichter und überall Tannenbäume und Weihnachtssterne. Es roch an jeder Ecke nach Punsch und Glühwein und Keksen. Alles war so verführerisch, da war Hanna ganz froh, jemanden an ihrer Seite zu wissen. Dass es einen Menschen gab, der sie liebte und mit ihr leben wollte. Sie war einfach von den ganzen neuen Gefühlen, die alle gleichzeitig über sie herfielen, berauscht und hatte wortwörtlich die rosarote Brille auf. Zudem war endlich diese verdammte Probezeit vorbei. Hanna war echt froh, nach so langer Zeit des Versteckspielens zu beenden. Sie gaben offiziell bekannt, dass sie eine Beziehung führten, glücklich wären und nun zusammenziehen würden. Mit gemischten Gefühlen wurde diese Neuigkeit aufgenommen. Während ihre Mutter und Hugo ihr alles Glück der Welt wünschte, nörgelte Alex nur an ihrem Freund herum. Er ließ sich zwar nicht oft blicken, aber stets hatte er einen dummen Spruch parat. Hannas Freundeskreis fand es fast schon beängstigend, wie weit Patrik sich in ihr Leben einmischte. Wenn sie was mit den Mädels trinken gehen wollte, war er ständig mit dabei. Wenn sie shoppen waren, passte er sie ab und riet ihr dann sogar von einigen Kleidungsstücken ab. Es war entsetzlich, aber Hanna sah es eben nicht so. Naiv und jung wie sie war, glaubte sie stets an das Gute in Patrik. Ja, sogar in jedem Menschen auf dieser verdammten Welt. Sie war so süß! Erst, als Patriks ganzes Hab und Gut in Hannas Wohnung war und sie sich bereits nach wenigen Tagen gemütlich eingerichtet hatten, zeigte Patrik ihr sein wahres Gesicht. Er versuchte Hanna ständig zu kontrollieren. Es musste alles nach seiner Nase gehen und Hanna hatte alles so zu erledigen, wie er es für richtig hielt. Das Badezimmer musste jeden Tag geschrubbt werden und immer blitzeblank sein. Er hasste die Vorstellung, er müsse sein Geschäft auf einer verdreckten Toilettenschüssel verrichten. Hanna musste die Wäsche waschen, in der ganzen Wohnung Staubsaugen, bügeln, einkaufen und jeden Abend musste etwas Warmes zu essen auf dem Tisch stehen. Danach musste die Küche jedoch gleich wieder strahlen vor Glanz und Sauberkeit. Patrik lebte in der Vorstellung, dass das alles genauso sein sollte und er es am besten wüsste. Als Hanna ihn einmal um Hilfe bat, flippte er regelrecht aus. Er randalierte in ihrer Wohnung, zerschlug Teller, die seiner Meinung nach nicht sauber genug waren, fegte die Blumenvase vom Esstisch, weil das Gesteck nicht richtig angeordnet sei und schlug öfters mal mit der Faust gegen die Schränke. Dann verschwand er meist für mehrere Stunden, in denen Hanna alles wieder aufräumen musste. Sie bekam kaum noch genug Schlaf, konnte vor lauter Angst nichts mehr essen und sah nach einem halben Jahr Zusammenlebens mit Patrik aus, wie eine lebende Tote. Nach einem Familientreffen bei ihrer Mutter eskalierte die Situation komplett und Patrik schlug Hanna fast tot. Danach tauchte er unter, der feige Hund. Ihre Nachbarn hatten Gott sei Dank die Polizei verständigt. Der diensthabende Notarzt hatte ihr das Leben gerettet. Die Polizei konnte Patrik nach einigen Wochen endlich schnappen und verhaften. Patrik wurde zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Hanna hatte lange Zeit nicht einen Gedanken an Patrik vergeudet, es traf sie heftig, ihn an diesem Abend im Ratskeller zu sehen. Es war ihr Mädels Abend und sie wollte ihn mit ihren Freundinnen verbringen, also ließ Hanna sich nichts anmerken, entschuldigte sich kurz am Tisch und ging rasch zur Toilette. Wenn sie jetzt heulen müsste oder gar eine Panikattacke bekommen würde, wäre der Abend für sie gelaufen. Also spritzte sie sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht, um sich zu erfrischen. Sie atmete einige Male tief ein und aus und versuchte schließlich, sich wieder etwas zu beruhigen. Was könnte Patrik ihr vor all den Gästen denn schon antun? Hanna verdrängte ihre Angst ganz nach hinten in der Hoffnung, sich diesen Abend von nichts und niemanden versauen zu lassen. Als Hanna zurückkam, bat sie Mona, mit ihr den Sitzplatz zu tauschen. Hanna hoffte, den wahren Grund nicht erwähnen zu müssen und Mona schien zu merken, dass etwas nicht stimmte und sie nicht darüber reden wollte. Also ließ sie es auf sich beruhen und fragte nicht weiter. Es verging etwa eine Stunde, bis alle ihr Essen vor sich stehen hatten. Lilly und Biene unterhielten sich grade, als Mona sich zu Hanna hinüberbeugte. „Er ist weg.“ Hannas Kopf fuhr hoch und sie schaute Mona mit ängstlich aufgerissenen Augen an. „Ich habe ihn auch gesehen. Ich fasse es nicht, dass der Typ sich wieder in die Stadt traut, nach allem, was er dir angetan hat.“ Hanna atmete schwer und ihre Augen wurden feucht. Schnell versuchte sie sich zu beherrschen. Sie wollte nicht, dass jemand ihr den Schreck ansah, den sie grade durchlebte. „Danke, dass du nichts gesagt hast.“ Sie wusste nicht genau, wie sie sich verhalten sollte, also versuchte Hanna das ganze einfach zu ignorieren. Sie hatte so lange dafür gebraucht, um das Erlebte zu verarbeiten und hatte sich in Gedanken auch immer wieder ausgemalt, wie es wohl wäre, ihm nochmal zu begegnen. Aber dennoch, nach all den Therapiestunden, den langen Sitzungen mit ihrer Psychologin und den vielen Jahren, die dazwischenlagen, fühlte sie sich Patrik gegenüber noch immer hilflos ausgeliefert und unterlegen. Der erste Gedanke, der ihr in den Sinn kam, war Alex davon zu erzählen. Vielleicht wüsste er, was zu tun wäre. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, dass sie sich jederzeit bei ihrem Stiefbruder melden könnte, beruhigte sie sich wieder. So schnell wollte sie sich den Abend von dieser kleinen Made nicht vermiesen lassen. Sie wollte ihm nicht erlauben, sie allein durch seine Anwesenheit so sehr einzuschüchtern. Sie wollte ihm diese Macht nicht geben. Später am Abend gingen die vier Freundinnen, wie besprochen, ins Shoelite. Es war gerammelt voll. Jeder Tisch war belegt und fast glaubte Hanna schon, sie müssten die Bar wieder verlassen. Doch sie hatten Glück und fanden einen Platz an der Theke. Hanna, Mona und Sabine nahmen sich die Getränkekarte, während Peter schon bei Lilly stand und gleich begann, ihr schöne Augen zu machen und mit ihr flirtete. Vielleicht hatte Hanna sich geirrt und es war doch mehr als ein Flirt für ihn. Aber ganz sicher konnte man schließlich nie sein, oder? Er war ihr einfach etwas zu großartig, aufmerksam und freundlich, um wahr zu sein. Denn Hanna glaubte nicht mehr an die große Liebe. Schon lange nicht mehr! Hanna hatte Patrik ihr Herz geschenkt. Verletzlich und sanft, gab sie sich ihm hin und hoffte darauf, dass er zu schätzen wüsste, wie wertvoll ihre Liebe war. Doch er hatte sie verletzt. Hatte ihr kleines Herz aus ihrer Brust gerissen und ihr Leben zerstört. Als sie das Ganze dann doch überlebt hatte, nahm sie sich vor, sich nie wieder dermaßen auf einen Menschen einzulassen. Lilly hingegen war sehr offenherzig und freizügig. Auch ihren Körper gab sie öfter her, als es gut für sie war. Sie behauptete, eine Menge Spaß zu haben. Hanna verstand diese Behauptung einfach nicht. Sie hatte noch nie Spaß beim Sex empfunden. Nach Hannas Meinung nach, hatte Lilly einfach nur Schiss, sich zu binden. Aber Lilly war eine erwachsene Frau und konnte ganz gut auf sich selbst aufpassen. Sie war unschlagbar darin, zu bekommen, was sie wollte und sich vom Leibe zu halten, wen oder was sie eben nicht wollte. Hanna vertraute ihrer besten Freundin und würde ihr nur in seltenen Fällen ins Gewissen reden. Aber Peter war nicht einer solcher Fälle. Er war vielleicht geil auf Lilly, aber Hanna glaubte nicht, dass er zu Aggressionen neigen würde. Er mochte Sex, Lilly mochte Sex, damit war das Thema für Hanna erledigt. Sie hatte genug um die Ohren und sollte sich mehr Gedanken um ihre eigene Zukunft machen, als sich um Lilly zu sorgen. Nachdem jeder einen Cocktail vor sich stehen hatte, prosteten sie sich erneut auf einen vergnüglichen Abend zu. Mona und Biene waren bald in ein Gespräch über Kindergärten und Krabbelgruppen vertieft, während Lilly immer noch mit Peter quatschte und über jeden Witz lachte, den er von sich ließ. Er war wirklich ein wandelndes Witzebuch, doch nicht jeder war ein Brüller. Hanna wandte sich auf ihrem Hocker um, in Richtung Gastraum, wo jeder Tisch besetzt war. Durch die beleuchteten Regale, in denen die neusten Kunstwerke mit abstrakt verzierten Schuhen standen, waren die Tische so voneinander getrennt, dass jeder seine Privatsphäre hatte. Die indirekte Beleuchtung brachte die Modelle in den Glasschaukästen besonders gut zur Geltung. Das Kerzenlicht auf den Tischen und die einzelnen Schaukästen tauchten den ganzen Raum in schummrig schönes Licht. So entstand eine romantische Atmosphäre und viele der hier anwesenden Gäste schienen dieses geheime Flair genauso wahrzunehmen, wie es beabsichtigt war. Ein bisschen Erotik, ein leises Knistern und die richtige Musik dazu. Was stand da einem frisch verliebten Paar denn schon im Weg. Die leise Jazz Musik gefiel Hanna am besten. Diese schummrig schönen Klänge, die einem die Sinne fluteten.

Kapitel 4

Gegen Mitternacht ließ Sabine verkünden, dass sie am Ende sei und nach Hause wolle. Mona war ziemlich schnell der gleichen Meinung, also beschloss Hanna, beide nach Hause zu fahren. Sie ging rüber zu ihrer Freundin und strich ihr sanft über die Schulter. „Lilly? Ich fahr die zwei nach Hause. Willst du auch mit oder kommst du später anderweitig nach Hause?“ Sie schien kurz zu überlegen, drehte sich zu Peter und grinste ihn verspielt an. „Ich würde gerne zahlen. Wir gehen nach Hause.“ Etwas verdutzt sah Peter sie an, reagierte aber sofort und kassierte bei Lilly ab. Dann beugte sie sich zu ihm herüber und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Wir sehen uns dann. Ich freu mich schon.“ Fassungslos starrte er Lilly an. Diese Abfuhr hätte er nicht erwartet. Aber so war Lilly eben. Eine Klassefrau, die genau wusste, was sie wollte. Er war vollends begeistert. Lilly erhob sich von dem Barhocker und schwang sich ihre Jacke um die Schultern. Während Lilly davonging, starrte er sie an, als wäre sie das leckerste Stück Sahnetorte, dass er je zu Gesicht bekommen hätte. Seine Augen funkelten vor Erregung und Lust. Hanna fand es lustig und folgte kichernd ihrer besten Freundin.

Hanna und Lilly saßen total aufgekratzt im Auto und wollten beide partout noch nicht nach Hause gehen. Dafür war es definitiv noch viel zu früh. Die Uhr im Auto zeigte grade mal Null Uhr dreiunddreißig. Als sie Mona und Biene heimfuhren, wollte Lilly nicht erzählen, dass sie sich am Sonntag mit Peter treffen würde. Sie möchte ihre Freundinnen, alle drei, doch Mona und Biene tratschten ihr einfach zu viel. Hanna hingegen war viel vertrauenswürdiger, darum brach Lilly es nun endlich zur Sprache. „Ich weiß, es kommt jetzt ein bisschen überraschen, aber Peter hat mich gefragt, ob ich am Sonntagmittag mit ihm essen gehe.“ Lilly klatschte aufgeregt in ihre Hände und grinste Hanna wie eine Verrückte an. Man sah ihr ihre Freude echt an und Hanna freute sich augenblicklich für sie mit. „Glückwunsch. Erzähl mir wo ihr euch treffen werdet.“ Als Lilly jedoch den bevorstehenden Sonntag erwähnte und verlauten ließ, dass sie endlich ein Date mit Peter hätte, durchfuhr es Hanna, wie vom Donner gerührt. Sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Oh, Fuck! Fuck! Fuck! Fuck!“ Bei Hannas plötzlichem Gefühlsausbruch starrte Lilly sie entgeistert an. Diese winkte schnell ab und versuchte die Situation schnell zu erklären. Sie schaute während dem Fahren kurz zu Lilly herüber. „Ich habe total vergessen dir auszurichten, dass Alex uns einlädt, am Sonntag mit ihm im Maya´s