Durstig - Balthasar Graf Brucegi - E-Book

Durstig E-Book

Balthasar Graf Brucegi

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Beschreibung

Durstig scheint wie andere Vampirbücher. Es erzählt in seinen 15 kurzen Geschichten über Vampire im Hollywood-Stil, wie wir sie alle kennen. Blutgierige Untote mit Fangzähnen auf der Jagd nach schönen, jungen Frauen eben. Doch es ist auch anders. Denn es erzählt zudem Geschichten aus mehr als 4000 Jahren Vampirismus, Geschichten aus allen Teilen der Welt, aus alten Überlieferungen und Volksmythen - über Vampire, die so ganz anders sind.

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Das Buch

„Durstig“ scheint wie andere Vampirbücher. Es erzählt Geschichten über Vampire im Hollywood-Stil, wie wir sie alle kennen. Blutgierige Untote mit Fangzähnen auf der Jagd nach schönen, jungen Frauen eben. Und doch ist es auch anders. Denn es erzählt zudem Geschichten aus mehr als 4000 Jahren Vampirismus, Geschichten aus allen Teilen der Welt, aus alten Überlieferungen und Volksmythen. Über Vampire, die nichts gemein haben mit den Untoten aus den klassischen Geschichten – außer dem Durst nach Blut.

Der Autor

Woher Balthasar Graf Brucegi stammt, ist nicht geklärt. Sein Nachname weist auf alten rumänischen Adel hin, doch diese Anmerkung lässt er stets unkommentiert. Auch über sein Alter gibt es keine belastbaren Belege. Danach gefragt, antwortet er meist, dass seine Erlebnisse für viele Leben reichen würden. Heute lebt Graf Brucegi in Deutschland. Und er scheut weder Tageslicht noch Knoblauch, welches sogar eines seiner bevorzugten Gewürze ist. Über die üblichen Vampirmythen lächelt er, findet eher Argumente, sie zu widerlegen, als sie zu bestätigen. Doch er wird nicht müde, zu bekennen, dass er an die mehr als 4000 Jahre alte Kulturgeschichte der Vampire glaubt, die ihn selbst seit seiner Jugend fesselt.

Wenn Einsamkeit und Ewigkeit und die Dunkelheit der Nacht sich vermählen wird sich ein neuer Vampir erheben um seinen Durst zu stillen nach Blut und einer Gefährtin

Inhalt:

Die Eiserne Jungfrau

Kuss

Angeliques Abschied

Penanggalan

Ein besonderer Morgen

Nachtjagd

Erwachen

Baobhan-Sith

Für eine Handvoll Münzen

Der Mönch mit der Axt

Überraschender Besuch

Blutrose

Nachzehrer

Venezianische Pest

Cihuateteos

The Making of „Durstig“

Die eiserne Jungfrau

Mit großen Augen stand Valerie vor der alten Burg. Sie hatte sich schon lange vorgenommen, das alte Gemäuer einmal zu besuchen. Sie interessierte sich für Burgen, seit sie als kleines Mädchen davon geträumt hatte, später einmal eine Prinzessin zu werden.

Nun, eine Prinzessin war sie zwar nicht geworden, aber sie liebte es trotzdem, durch Schlösser und Burgen zu wandern und von vergangenen Jahrhunderten zu träumen. Und ihre Träume spiegelten sich unter anderem in ihrer Kleidung wider. Zumindest bei bestimmten Anlässen wie diesem. Sie trug ein pastellfarbenes, verspieltes Kleid, üppig ausgestattet mit Rüschen.

Die Burg musste sehr alt sein, und die Zeit war nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Einer der Türme im Westteil war bereits in sich zusammengefallen, überall in den Außenmauern hatten sich Steine gelöst. Moos bedeckte die Mauern, in vielen Fenstern fehlten die Scheiben.

Valerie betrat die Zugbrücke und ging durch das rostige Eingangstor. Mitten im Hof stand eine alte Eiche, die hoch in den Himmel ragte. Der Baum mochte fast so alt sein wie die Burg, dachte Valerie. Seine knorrigen Äste waren so dick wie ein Mann, und einige neigten sich dem Boden zu, so schwer waren sie.

In einem der Äste saß ein schwarz glänzender Rabe, der die junge Frau mit blitzenden Augen ansah.

Der jeden ihrer Schritte, jede Bewegung, jeden Blick mit diesen Augen folgte, die sich in ihr Leben bohrten.

Die Fassaden der Gebäude sahen besser aus als die Außenmauern. Offenbar waren sie nicht nur im Laufe der Jahrhunderte mehrfach instand gesetzt worden, sondern das letzte Mal vor nicht allzu langer Zeit. Die Burg schien offenbar doch bewohnt, obwohl Valerie immer gedacht hatte, es sei eine verlassene Ruine.

Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gebracht, als sich die Haupttür des größten Wohngebäudes öffnete. Eine seltsame Gestalt erschien, ein alter Mann in Livree, klein, mit schlohweißen Haaren, wie ein Diener längst verstorbener Fürsten. Sein runzliges Gesicht schien starr, mit einer ausholenden Bewegung seiner Hand bedeutete er Valerie, einzutreten. Die Kerzen im Leuchter seiner linken Hand flackerten leicht.

Mit langsamen Schritten ging sie auf das Haus zu. Im Nacken spürte sie die Blicke des Raben. Mit einem Kopfnicken grüßte sie den Alten, als sie an ihm vorbei das Gebäude betrat.

Es roch muffig. Das wenige Sonnenlicht, das von außen durch die Tür eindrang, beleuchtete tanzende Staubflocken. Die Fenster waren mit schweren schwarzen Vorhängen verhängt.

Ausgeblichene Gemälde früherer Hausherren und ihrer Gemahlinnen begrüßten Valerie mit toten Augen.

„Mein Herr erwartet Euch.“

Valerie zuckte zusammen, als der Alte sie ansprach. Seine Stimme klang genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie war leise, aber schneidend, bestimmt, aber unverbindlich.

„Ihr Herr?“

„Freiherr von Steinen hat Euch vom Fenster aus kommen sehen.“

Valerie warf einen Blick auf die Vorhänge an den Fenstern und zuckte die Schultern.

Der Alte schlich tiefer in das Gebäude. Ihr blieb nur, ihm zu folgen, wenn sie die Burg nicht sofort wieder verlassen wollte. Und das wollte sie nicht, das alte Gemäuer faszinierte sie. Sie wollte mehr über seine Geschichte erfahren, und sie war neugierig auf den Bewohner. War sein Diener schon eine merkwürdige Erscheinung, wie mochte dann erst der Freiherr sein? Nun, immerhin schien es zumindest ein echter Adliger zu sein.

Das Innere des Gebäudes unterschied sich nicht von dem anderer Burgen, die Valerie gesehen hatte. Die kalten Steinwände waren mit Gemälden und Wandteppichen vollgehängt, auf dem Boden lagen weitere Teppiche. Rüstungen und klobige Möbel mit wachsverklebten Kerzenleuchtern standen in den Gängen. Nur war hier alles älter, staubiger, verschlissener als in den anderen bewohnten Burgen, die sie kannte.

Aus einem der Räume drangen das Knistern eines Kamins und der dazu gehörige Feuerschein durch die offene Tür. Mit einem schnellen Blick registrierte Valerie ein breites Bett, eine Kommode, einen Stuhl, über dem eine weitere Livree hing. Es schien die Kammer des Dieners zu sein.

Der war plötzlich stehen geblieben, und Valerie hätte den Alten beinahe umgerannt.

Vor ihnen lag eine große Halle, in der ebenfalls ein Kaminfeuer prasselte.

Vor dem Kamin stand ein hochgewachsener Mann, dessen Alter nur Valerie schwer schätzen konnte. Er schien wesentlich jünger zu sein als sein Diener. Und doch war da etwas in seinen Augen, das ihn uralt erscheinen ließ. Die Augen erinnerten Valerie an die des Raben.

Auch der Freiherr trug altmodische Kleidung. Der Anzug war zwar alt, aber gepflegt. Wie seine gesamte Erscheinung.

„Seid mir willkommen. Ihr interessiert Euch für meine Burg?“

Die Stimme des Adligen klang charmant. Trotzdem musste Valerie schlucken. Die ganze Szene hatte etwas unwirkliches, wie die kleinen Geschichten in ihren Tagträumen, die sie vor Jahren geträumt hatte. „Ja. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass hier jemand lebt.“

Die Augen des Adligen blitzten kurz auf, als er das Wort „lebt“ hörte.

„Nun ja, ich verbringe nur einen Teil meiner Zeit in diesen Räumen. Aber wenn es Euch interessiert, werde ich sie Euch dennoch gerne zeigen. Vor allem die Räume der Burg dürften Euch begeistern, in denen seit Jahrhunderten nichts verändert wurde.“

Valerie ertappte sich dabei, wie sie dachte, dass das ja eigentlich auf alle Räume zutreffen dürfte.

Der Freiherr griff einen der Kerzenleuchter und ging voran. Der Diener war verschwunden, wahrscheinlich hatte er sich in seine Kammer zurückgezogen. Immer tiefer führte der Adlige Valerie in das Innere der Burg hinein. Je tiefer sie in das Gemäuer vordrangen, desto älter wurde die spärliche Einrichtung, desto staubiger wurde es. Dichte Spinnweben hingen in den Ecken, aber Valerie sah nicht eines der achtbeinigen Tiere.

Schließlich gelangten sie in einer weiteren Halle an eine kleine Holztür.

„Ich führe Euch jetzt in die Folterkammer, wenn Ihr es wünscht. Diese Tür hat in früheren Zeiten der Burgherr genutzt, um zu den Gefangenen zu gelangen. Die Unglücklichen selbst wurden durch einen Gang direkt vom Hof aus in das Verlies gebracht. Ich persönlich halte diesen Bereich für den interessantesten Teil der Burg. All die Schrecken, diese Qualen, Ängste und zerbrochenen Hoffnungen kann man heute noch dort unten atmen. All das berührt mich immer wieder besonders, wenn ich einen meiner seltenen Ausflüge in diese Räume unternehme.“

Ausflüge nennt er es, wenn er in die Folterkammer geht, dachte Valerie abgestoßen und fasziniert zugleich. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

Knarrend öffnete sich die Holztür. Das Kerzenlicht riss eine steile uralte Holztreppe aus der Dunkelheit. Die ausgetretenen Stufen bogen sich durch, als der Adlige Valerie in die Tiefe führte.

Vor ihnen öffnete sich ein steinernes Gewölbe. Der Freiherr entzündete einige der Fackeln an den Wänden. Langsam glitt der Raum aus der Vergangenheit ins Jetzt.

Valerie sah Schwerter und Holzknüppel an den Wänden hängen, Seile, Ketten, Eisenfesseln. In der Mitte des Gewölbes stand eine Streckbank, die aussah, als sei sie erst gestern das letzte Mal benutzt worden. Alles in dieser alten Folterkammer war in besserem Zustand als die Einrichtung in den Wohnräumen der Burg.

Auch die Eiserne Jungfrau, die neben der Streckbank stand, schien im Kerzenlicht zu blitzen. Valerie hätte eigentlich erwartet, dass sie nach Jahrhunderten in diesem Gewölbe stumpf und rostig sein würde. Sie hatte schon von diesen mittelalterlichen Folterinstrumenten in Menschenform gehört, in welche die Unglücklichen gestellt wurden. Dann klappten ihre Folterknechte das Vorderteil zu und die Nägel im Inneren bohrten sich in das Fleisch der Opfer.

Fasziniert ging Valerie langsam auf die Eiserne Jungfrau zu. Mit zitternden Fingerspitzen strich sie über das Metall. Das Vorderteil der Eisernen Jungfrau war aufgeklappt. Die Nägel blitzten seltsamerweise nicht wie der Rest des Gerätes, sondern sahen stumpf aus, als wären sie mit Rost überzogen.

Valerie stellte sich in den Innenraum, um sich die Eisenspitzen näher anzusehen. Sie rieb an einem der Nägel. Es roch rostig, doch es fühlte sich nicht wie Rost an.

Für einen Moment war Valerie abgelenkt. Sie glaubte, einen huschenden Schatten bemerkt zu haben. Ihr Blick suchte den Adligen. Als sie ihn nicht sofort sah, wandte sie sich wieder den Eisenspitzen zu.

Das nächste, was Valerie von dem Adligen sah, war seine Hand, die das Vorderteil der eisernen Jungfrau zuwarf. Die scharfen Eisenspitzen bohrten sich überall in ihren Körper, rissen das Fleisch auf und drangen in ihr Leben, ihre Träume und Hoffnungen ein. Doch der Tod kam zu schnell und zu überraschend, als dass sie schreien konnte.

Doch dieser Tod war gnädig. Er ersparte ihr den Anblick der übernatürlich spitzen Zähne des Adligen. Und den Anblick, wie er das Blut, das aus der Eisernen Jungfrau tropfte, aufleckte.

Valerie öffnete die Augen. Schweißgebadet war sie aus ihrem Alptraum erwacht.

Sie schüttelte den Kopf. Ganz sicher würde sie heute nicht wie geplant diese Burg besuchen.

Kuss

Er blies das Zündhölzchen aus, mit dem er die Kerzen angezündet hatte. Ein dünner Rauchfaden schlängelte sich nach oben durch die Lichtschlieren, welche die Kerzenflammen in die Düsternis des Raumes atmeten. Sein Blick folgte diesem Rauchfaden für einen Moment. Schließlich zerfaserte der Rauch an der Decke des großen Zimmers.

Rodriguez senkte den Blick und sah Annabell in die Augen.

„Annabell.“

Seine Stimme war nur ein Hauch.

Sie öffnete ganz leicht den Mund, ohne etwas zu sagen.

Er konnte hören, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Konnte es sehen am Pochen ihrer Halsschlagader, die sich unter ihrer warmen Haut dahinwand wie ein Strom, dessen Flüssigkeit das Leben für ein ganzes Land bedeutete.

Die Ader pochte, bebte, zuckte.

„Annabell.“

Fast regungslos stand sie weiter vor ihm, blickte ihn mit ihren unergründlich tiefen braunen Augen an.

Hin und wieder schlossen sich die Augenlider, Bruchteile von Sekunden, flüchtig wie die Zeit.

Keine Unterbrechungen ihres Blickes, nur kleine unbewusste, unumgängliche Eruptionen ihres Lebens.

Sie schaute ihm fest in die Augen. Doch er wusste, dass sie schwach war, ihre Stärke nur Fassade. Er sah es an der Art, wie sich ihre Augenlider schlossen, an der Art, wie ihre Nasenflügel bebten und wie sie den Mund geöffnet hatte.

Er war nur ein schmaler Strich, der von ihren weichen Lippen umschmeichelt wurde. Kein Lächeln. Mehr eine Aufforderung. Keine Bitte, sondern ein Flehen.

Egal was. Aber tu etwas!

Rodriguez ging einen Schritt nach vorne.

Das Kerzenlicht flackerte leicht im Luftzug, den er dabei verursachte. Schatten tanzten an der Wand, auf den Laken des Bettes, an der Decke.

In ihren Haaren. Ihren Augen.

Ihr Mund öffnete sich ein kleines Stück mehr. Wie ein Versprechen schob sich die Spitze ihrer Zunge langsam durch die Lippen hindurch, glitt einmal über sie hinüber und hinterließ einen feuchten Schimmer, als sie wieder verschwand.

Ihre Ader pochte, bebte, zuckte.

Es fiel ihm nicht schwer, aus ihren Augen aufzutauchen und seinen Blick jetzt ganz an ihre Halsschlagader zu heften. Ihre Augen glänzten voller Sehnsucht, Hingabe, Geheimnisse, doch ihre Ader war das Leben.

Und ohne Leben waren die anderen Dinge sinnlos.