E-Book 1116-1120 - Patricia Vandenberg - E-Book

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Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! E-Book 1: Nicht so forsch, Kollegin! E-Book 2: Komm zurück ins Leben! E-Book 3: »Ich bin's, dein Sohn!« E-Book 4: Hin- und hergerissen E-Book 5: Dass es dich in meinem Leben gibt...

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Seitenzahl: 502

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Nicht so forsch, Kollegin!

Komm zurück ins Leben!

»Ich bin’s, dein Sohn!«

Hin- und hergerissen

Dass es dich in meinem Leben gibt...

Chefarzt Dr. Norden – Box 2 –E-Book 1116-1120

Patricia Vandenberg

Nicht so forsch, Kollegin!

Eine junge Ärztin wagt sich sehr weit vor

»Wenn ich überlege, wie schwer die Platten früher waren.« Dr. Daniel Norden stand am Operationstisch und wog das Stück Metall in der Hand. »Heute sind sie aus Titan.« Er beugte sich über das Operationsfeld und setzte den Eingriff fort. »Schauen Sie gut zu, Sophie, sonst lernen Sie nichts.«

Die neue Assistenzärztin Sophie Petzold stand ihm gegenüber und nickte.

Sie hatte Glück gehabt. Obwohl an der Behnisch-Klinik einige Assistenzarztstellen gekürzt worden waren, hatte sie einen der begehrten Plätze ergattert. Das war nur Dr. Sandra Neubeck zu verdanken. Die Freundin von Felicitas Norden war auf eigenen Wunsch ausgeschieden. Nun schlug die große Stunde der ehrgeizigen Sophie. Auf keinen Fall würde sie in die Fußstapfen ihrer Vorgängerin treten und schon nach ein paar Monaten das Handtuch werfen. Ganz im Gegenteil schwebte ihr eine große Karriere vor, wie ihr Eifer jetzt schon erahnen ließ.

Daniel Norden zögerte.

»Gibt es Probleme?«, erkundigte sich der Anästhesist Arnold Klaiber.

»Die Patientin ist Bluterin. Da habe ich nicht so ein gutes Gefühl, die Platte einzusetzen.«

»Dann lassen Sie es doch!«, sagte Sophie Petzold.

Aller Augen richteten sich auf sie. Der Klinikchef runzelte die Stirn.

»Wie bitte?«

»Bohren Sie einfach drei kleine Löcher und setzen Spickdrähte ein.«

»Meine liebe Frau Petzold, diese Entscheidung überlassen Sie bitte mir«, wies er die neue Kollegin zurecht. »Ich denke, ich verfüge über genügend Erfahrung, um zu wissen, was ich tue.«

Sophie zuckte mit den Schultern.

»Ich meinte ja nur. Wenn Sie wegen der Hämophilie Bedenken haben, ist das doch genau die richtige Maßnahme. Ohne tiefe Schnitte gibt es keine Blutung. Das ist doch ganz einfach.«

Dr. Klaibers Grinsen war an den Fältchen um seine Augen zu erkennen.

Der Klinikchef holte tief Luft und ließ sich den Schweiß von der Stirn tupfen.

»Ob Sie es glauben oder nicht: Diese Methode ist mir geläufig. Aber Spickdrähte sind nicht so stabil.«

»Ich würde ja lieber dieses Risiko eingehen, statt einen toten Patienten mit bombenfester Platte im Ellbogen in die Kühlkammer zu schieben.«

Bisher hatte sich Matthias Weigand – er assistierte Dr. Norden – vornehm aus der Diskussion rausgehalten. Doch nun konnte auch er sich das Lachen nicht länger verkneifen.

Daniels strafender Blick traf ihn.

»Was sagst du dazu?«, fragte er streng.

Matthias räusperte sich.

»Nichts für ungut. Einen Versuch wäre es zumindest wert. Wenn wir die drähte richtig platzieren, dann hält es auch.«

»Na schön. Dann folgen wir dem Vorschlag unserer jungen Kollegin.« Daniel gab sich geschlagen und setzte den Eingriff fort.

Eine halbe Stunde später war alles vorbei. Dr. Norden bedankte sich bei seinen Mitarbeitern und verließ den Operationsbereich. Am Telefon verabredete er

sich mit seiner Frau Felicitas im Kiosk ›Allerlei‹, wo man unter Palmen köstliche Kaffeespezialitäten und Backwaren aus der besten ­Bäckerei der Stadt genießen konnte.

»Sieh mal einer an, du hast also schon zugeschlagen.« Er entdeckte sie an ihrem Lieblingstisch und begrüßte sie mit einem Kuss.

»Stell dir vor: Diese arme Schokoladentorte war gefangen in einem Glaskasten. Sie hat mich so flehentlich angesehen, dass ich sie einfach befreien musste«, erwiderte Fee mit einem mitfühlenden Blick auf ihren Teller.

»Unter Einsatz deines Lebens, versteht sich!«

»Unter Einsatz deines Gehalts«, korrigierte sie ihn und klopfte auf den freien Stuhl neben sich. »Komm, setz dich zu mir, damit ich euch bekannt machen kann.« Sie hielt ihm die Gabel vor den Mund.

Willig ließ sich Daniel ein Stück Torte verabreichen.

»Köstlich.« Genüsslich schloss er die Augen, um sich dem Genuss ganz hinzugeben. »Ich frage mich, wie Tatjana es schafft, bei diesem Beruf rank und schlank wie eine Tanne zu bleiben. Ich an ihrer Stelle würde wahrscheinlich einem schönen, dicken Hefezopf Konkurrenz machen.«

»Deshalb bist du auch Klinikchef geworden. In dieser Eigenschaft hast du kaum Zeit zu essen, geschweige denn, dich adäquat um deine Frau zu kümmern.«

»Höre ich da eine gewisse Kritik heraus?«, fragte er und bestellte Latte Macchiato und Apfelkuchen bei Lenni.

Fee schüttelte den Kopf. »Nein. Zumindest nicht, solange du daran denkst, dass wir heute Abend eine Verabredung mit unserer Familie haben.«

»Ich gebe mir Mühe«, versprach Daniel und löffelte Zucker in seinen Kaffee. Während er umrührte, hing er seinen Gedanken nach. »Habe ich dir eigentlich schon von unserer neuen Assistenzärztin erzählt?«

»Die Nachfolgerin von Sandra?«

Daniel nickte und trank einen Schluck Milchkaffee.

»Mit der werden wir noch unseren Spaß haben.«

»So viel Spaß wie ich mit Lammers?« Die Taktlosigkeit, mit der ihr Stellvertreter Kollegen und Patienten behandelte, war sprichwörtlich. Nur zu gern hätte Fee darauf verzichtet, ständig die Beschwerden der Eltern ihrer kleinen Patienten abzuwehren. Der einzige Grund, ihn zu halten, waren seine bestechenden Fähigkeiten in der Kinderchirurgie, die in der Stadt ihresgleichen suchten.

Daniel wusste, was seine Frau meinte, und schüttelte den Kopf.

»Zumindest nicht, was den Umgang mit den Patienten angeht. In dieser Hinsicht ist Sophie perfekt. In puncto Respektlosigkeit sieht es allerdings anders aus.«

»Eine Assistenzärztin darf nicht zu viel Respekt haben, sonst geht sie unter in dem Haifischbecken«, gab Fee zu bedenken. Sie kratzte den letzten Rest Schokocreme zusammen.

»Bevor du den Teller mitisst, bestelle ich dir lieber noch ein Stück. So viel gibt mein Gehalt als Chefarzt gerade noch her«, bot er an.

»Ah, der Herr hat die Spendierhosen an.« Lachend schüttelte Fee den Kopf. »Aber nein, danke. Erzähl mir lieber noch mehr von dieser ominösen Sophie.«

»Sie hatte heute im OP eine gute Idee, die sie vehement verteidigt hat.« Daniel wiegte den Kopf. »Allerdings ist es mir durchaus schwergefallen, mir von diesem jungen Gemüse etwas sagen zu lassen.« Dieses Geständnis fiel ihm nicht leicht.

Fee legte die Hand auf seinen Arm. Ihr Blick war voller Liebe.

»Diese jungen Menschen sind die Zukunft. Du solltest ihr eine Chance geben.«

»So wie du Lammers?« Schon blitzte wieder der Schalk aus Daniels Augen.

Fee versetzte ihm einen Knuff in die Seite.

»Du Satansbraten! Ich sollte der jungen Querulantin dankbar sein, dass sie dich in deine Schranken verweist.« Sie leerte ihre Tasse und stand auf. »Ich freue mich jetzt schon auf neue Geschichten von Sophie Petzold.« Sie beugte sich über ihren Mann und gab ihm einen Abschiedskuss, ehe sie sich wieder auf den Weg in ihre Abteilung machte.

Daniel sah ihr aus schmalen Augen nach.

»Fragt sich, wer hier der Satansbraten ist«, murmelte er, als Lenni zu ihm an den Tisch trat und ihren ehemaligen Chef, der ihr wie ein Sohn ans Herz gewachsen war, in ein Gespräch verstrickte.

*

Der Weg in ihre Abteilung führte Dr. Felicitas Norden an einer langen Glasfront mit Blick auf den herrlichen Klinikgarten vorbei. Dieser Anblick genügte, um sie zumindest für einen kurzen Moment alles andere vergessen zu lassen. Mit den Händen in den Kitteltaschen blieb sie stehen und ließ den Blick über die Frühlingspracht schweifen. Ein bunter Blütenteppich breitete sich zu ihren Füßen aus. Frisches Grün, wohin das Auge reichte. Obwohl die Sonne um diese Uhrzeit noch nicht wärmte, saß ein Mädchen auf der Schaukel.

»Ganz schön kalt für einen Schlafanzug, findest du nicht?«

Die Stimme ihrer Freundin, der zukünftigen Pflegedienstleitung Elena, weckte Fee aus ihrer Verzauberung.

»Du hast recht. Ich hole sie rein.«

»Ich mach schon. Du musst gleich zur Visite.«

Felicitas warf einen erschrockenen Blick auf die Uhr.

»Schon so spät? Da wird Lammers wieder einen passenden Kommentar auf Lager haben.« Sie winkte der Schwester und machte sich im Laufschritt auf den Weg. Nicht, dass sie sich vor dem Kollegen fürchtete. Doch die ständigen Sticheleien zerrten an ihren Nerven. Schon deshalb hatte sie ihre Strategie geändert und versuchte, jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen.

Wie versprochen trat Elena hinaus in den Garten und gesellte sich zu der kleinen Romy, die tags zuvor in die Klinik gekommen war. Das Mädchen saß auf der Schaukel und schwang hin und her.

»Schöner Pullover!« Sie betrachtete das aufgedruckte Einhorn auf rosafarbenem Untergrund. »Den gleichen hat mir meine Tochter geschenkt.« Vorsichtshalber verriet sie nicht, dass dieses Geschenk ein Scherz der halbwüchsigen Lara gewesen war.

Romys Augen wurden kugelrund.

»Echt?« Sie holte neuen Schwung und schaukelte weiter.

»Ja, aber ich trage ihn nur zu Hause.« Sie fröstelte. »Es ist ein bisschen kalt. Wollen wir nicht reingehen?«

»Im Bett ist es aber langweilig.« Unverdrossen schwang Romy weiter auf und ab.

Elena dachte kurz nach.

»Also gut. Wir spielen Fli-Fla-Flu. Wenn ich gewinne, gehen wir rein.«

Tatsächlich sprang das Mädchen von der Schaukel. Vor Elena blieb sie stehen und ballte die Hand zur Faust.

»Fli-Fla-Flu! Papier wickelt Stein ein. Eins zu null für mich«, triumphierte sie im nächsten Augenblick.

»Na warte, den nächsten Punkt mache ich«, drohte Elena im Spaß. »Fli-Fla-Flu! Mist, Schere zerschneidet Papier.«

»Zwei zu null für mich.« Romy kicherte. »Fli-Fla-Flu!«

»Wenn Sie für’s Spielen bezahlt werden wollen, hätten Sie Kindergärtnerin werden sollen.« Volker Lammers Stimme dröhnte durch den Garten.

Ein paar Vögel im Gebüsch flatterten erschrocken auf. Romy legte den Kopf schief und musterte den stellvertretenden Chef der Kinderabteilung, der an der Tür zum Garten stand. Als jüngstes von vier Geschwistern hatte sie gelernt, sich zu behaupten.

»Das heißt Erzieherin und nicht Kindergärtnerin. Weißt du das nicht?«

Elena gluckste leise. Lammers Kopf wurde dagegen so rot, als wollte er gleich platzen.

»Unverschämtes Gör! Wenn du nicht sofort parierst, lege ich dich über’s Knie.«

Romy stemmte die Hände in die Hüften und starrte ihn feindselig an.

»Das darfst du nicht. Dann kommst du ins Gefängnis.«

Schwester Elena sah dem Arzt an, dass Gefahr in Verzug war. Noch ein freches Wort von der Kleinen, und es würde eine Katastrophe geben.

Sie beugte sich zu Romy hinunter.

»Wir sollten jetzt wirklich lieber reingehen. Frau Dr. Norden kommt gleich zur Visite. Habe ich dir schon erzählt, dass sie immer eine Zauberkiste dabei hat, aus der sich jedes Kind ein Spielzeug aussuchen darf? Das würde ich mir an deiner Stelle nicht entgehen lassen«, raunte sie ihr so leise zu, dass Lammers nichts hören konnte.

Romy überlegte einen Moment. Dann legte sie vertrauensvoll ihre Hand in die von Elena.

»Aber der Hausmeister bekommt kein Spielzeug. Der ist böse«, sagte sie laut und deutlich, als sie an Volker Lammers vorbei durch die Tür ging.

»Ich bin kein Hausmeister, sondern der Stellvertreter hier!«, stellte er wütend klar.

Schnell zog Elena das Mädchen mit sich.

»Warum hat er dann einen blauen Kittel an wie der Hausmeister in unserem Kindergarten?«, fragte Romy, als Elena sie in ihr Zimmer schob und ins Bett verfrachtete.

»Weil er gerade aus dem Operationssaal kommt.« Sie zog die Decke glatt und zwinkerte Romy zu. »Und jetzt bleibst du schön brav hier, bis Frau Dr. Norden zur Visite kommt.« Sie hielt den ausgestreckten Zeigefinger ans Ohr. »Lange kann es nicht mehr dauern. Ich höre sie schon.«

Tatsächlich waren die Schritte vieler Füße und Stimmen zu hören, die rasch näher kamen.

Doch Romys Gedanken weilten noch bei dem unfreundlichen Arzt.

»Wenn mich der Hausmeister operieren will, gehe ich nach Hause«, erklärte sie mit dem ganzen Ernst ihrer fünf Jahre und verschränkte so demonstrativ die Arme vor der Brust, dass Elena wusste: In diesem Fall war jede weitere Diskussion zwecklos.

*

Die Chefsekretärin Andrea Sander hielt den Telefonhörer noch in der Hand, als Daniel Norden zur Tür hereinkam. Nach dem Treffen mit seiner Frau war er blendender Laune und bereit für die neuen Herausforderungen des Tages.

»Ach, Chef, gut, dass Sie kommen.« Gedankenverloren reichte Andrea ihm eine Mappe mit Unterlagen der Stationspatienten, die er am Morgen verlangt hatte. »Es gab einen Brand in einem Hochhaus mit mehreren Schwerverletzten. Fünf von ihnen wurden gerade in die Klinik eingeliefert. Sie werden dringend in der Notaufnahme gebraucht.«

Daniel hielt kurz inne und dachte nach.

»In Ordnung. Bitte sagen Sie den Termin mit der Stadtverwaltung ab. Außerdem wollte der Kollege Prehm vorbeikommen, um die Kooperation mit seiner Klinik zu besprechen …«

Andrea Sander lächelte engelsgleich.

»Ich habe bereits sämtliche Vormittagstermine storniert.«

»Und am Nachmittag?«

»Steht ohnehin nur der Verwaltungsdirektor auf dem Programm.«

»Sie sind ein Schatz.« Daniel lächelte seiner Assistentin zu und verließ das Vorzimmer mit wehendem Kittel.

Auf dem Weg in die Notaufnahme kam er im Aufenthaltsraum der Ärzte vorbei, wo Sophie Petzold mit der Kollegin Christine Lekutat zusammenstand.

»Wir haben einen Brand mit fünf Schwerverletzten«, teilte er der Kollegin Lekutat mit. »Ich werde in den nächsten Stunden im OP sein.«

»Brauchen Sie mich?«, bot die junge Assistenzärztin sofort an.

»Nein, danke. Aber die Station ist unterbesetzt. Wenn Sie sich gemeinsam mit der Pflegedienstleitung darum kümmern könnten.« Er erinnerte sich an die Mappe und blätterte durch die Papiere. »Nichts Anspruchsvolles. Ein paar Verbände müssen gewechselt und die Wundheilung kontrolliert werden, Medikamenteneinstellungen, Untersuchungen, solche Dinge«, zählte er auf.

Sophies Blick flog hinüber zur Kollegin Lekutat.

»Es tut mir leid, Herr Dr. Norden. Aber ich habe keine Zeit«, erklärte sie dann mit der ganzen Gewichtigkeit ihrer noch jungen Jahre.

Die Deckel der Mappe klatschten aneinander, als Daniel sie abrupt zuklappte.

»Was soll das heißen?«, fragte er streng.

»Die Kollegin Lekutat hat einen TIA-Apoplex, den sie mir gerade vorstellen wollte.«

Dr. Norden zog eine Augenbraue hoch. Mehr war nicht von seiner inneren Erregung zu sehen.

»Der wird ihnen nicht so schnell davonlaufen.« Es kostete ihn alle Mühe, nicht laut zu werden. »Wir haben hier Patienten, die dringend versorgt werden müssen«, wiederholte er seinen Auftrag.

Sophie Petzold warf den Kopf in den Nacken und funkelte ihn kämpferisch an.

»Das mag schon sein. Aber wenn ich mich recht erinnere, stand in meiner Stellenbeschreibung nichts von ›Mädchen für alles‹.«

Daniel war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren.

»Wenn Sie nicht morgen Verbände wechseln und Essen austeilen wollen, begeben Sie sich jetzt auf direktem Weg auf Station.« Seine Stimme war leise, aber nicht minder drohend.

Sophie suchte noch nach einer Antwort, als eine Schwester hereinkam. Keuchend rang sie nach Atem.

»Hier stecken Sie!«, rief sie bei Daniels Anblick erleichtert. »Das Operationsteam ist bereit. Alle warten nur auf Sie.«

Daniel schoss einen letzten, warnenden Blick auf die Assistenzärztin, ehe er sich Schwester Nina zuwandte.

»Ich komme sofort.« Er nickte ihr lächelnd zu und ging aus dem Zimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen.

*

In Begleitung der Kinderärztin Carola May, zweier Schwestern und einigen anderen Kollegen war Felicitas Norden auf Visite. Unterwegs studierte sie das Krankenblatt der nächsten Patientin.

»Romy Kaulbach, fünf Jahre alt, seit gestern Nachmittag bei uns, leidet unter einem häufig wiederkehrenden Appendix vermiformis. Im vergangenen Jahr wurde sie deshalb vier Mal stationär aufgenommen.« Sie warf einen Seitenblick auf den Medizinstudenten Johannes Sondermann, der momentan ein Praktikum auf ihrer Station absolvierte. »Was können Sie mir zur Blinddarmreizung sagen?«

Nicht gewohnt, im Zentrum des Interesses zu stehen, schoss Johannes das Blut in die Wangen.

»Die Blinddarmreizung ist zunächst nicht bedrohlich.« Seine Stimme war heiser, und er räusperte sich. »Entwickelt sie sich allerdings zu einer Appendizitis, also einer Entzündung, ist eine Operation in der Regel unvermeidbar.«

»Und warum?« Felicitas legte größten Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Schützlinge.

Der Tross war inzwischen vor dem Krankenzimmer der kleinen Patientin angekommen.

»Weil …, weil …, weil die Gefahr eines Blinddarmdurchbruchs besteht.« Im letzten Augenblick hatte Johannes den rettenden Einfall.

Felicitas lächelte ihm zu.

»Sehr gut.« Sie klopfte an und öffnete die Tür. Elena war noch im Zimmer und gesellte sich zu ihren Kollegen. »Hallo, Romy. Wie geht es dir?«

Bevor das Mädchen antwortete, flog ihr Blick über die Köpfe der Anwesenden. Endlich entspannte sich ihre Miene.

»Ganz gut. Solange der Hausmeister nicht da ist.«

»Der Hausmeister?«

Elena zupfte ihre Freundin am Ärmel und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Lächelnd setzte Fee das Gespräch fort.

»Dr. Carola May wird dich operieren.« Sie deutete auf die Kollegin, die neben ihr stand. »Du musst keine Angst haben. Die Operation ist nicht schlimm. Und danach bist du deine Bauchschmerzen ein für alle Mal los.«

»Außer, ich esse eine Schüssel voll Kirschen und trinke Wasser hinterher«, antwortete Romy neunmalklug.

Fee beneidete die Mutter nicht um das aufgeweckte, ganz offensichtlich diskussionsfreudige Kind.

»Das liegt aber nicht am Wasser, sondern daran, dass auf der Schale der Kirschen häufig Keime zu finden sind.«

»Außerdem bekommt man von Kirschen generell leicht Blähungen«, ergänzte Johannes. Der erste Erfolg hatte ihn mutig gemacht.

»Sehr gut.« Fee nickte und hatte gleich eine weitere Frage an den Medizinstudenten. »Apropos Kirschen. Was kannst du uns zu den Ursachen einer Blinddarmreizung sagen?«

Diesmal zögerte Johannes nicht.

»Im Wurmfortsatz des Blinddarms können sich wegen seiner zahlreichen Lymphfollikel leicht Erreger festsetzen und Entzündungen verursachen. Manchmal sind auch Fremdkörper wie Kirschkerne«, er zwinkerte Romy zu, »oder auch Weintraubenkerne Auslöser für eine Infektion. Außerdem ist es möglich, dass der Wurmfortsatz abknickt und sich deshalb entzündet.«

»Ausgezeichnet. Von mir aus kannst du dich sofort zur Prüfung anmelden«, scherzte Fee und wandte sich wieder ihrer kleinen Patientin zu. »Bevor wir dich morgen früh in den Operationssaal bringen, bekommst du von Schwester Elena eine Spritze, die dich ganz müde macht. Die richtige Narkose folgt kurz vor dem Eingriff. Und wenn du wieder aufwachst, ist alles gut.«

»Schneidet ihr mir den Bauch auf?«

»Keine Angst.« Schwester Elena trat an Romys Bett und streichelte ihr über die Stirn. »Es werden nur drei ganz kleine Schnitte gemacht. In die führen die Ärzte die Instrumente ein und entfernen den Blinddarm. Wenn du erwachsen bist, wirst du noch nicht einmal mehr die Narben sehen.«

Romy musterte Elena ehrfürchtig.

»Du weißt ja genauso viel wie ein richtiger Arzt.«

»Ich bin aber nur Krankenschwester.«

»Kein Wunder. Ich habe auch noch nie einen Doktor mit Einhorn-Pullover gesehen.«

Diesmal war es Elena, der unter den belustigten Blicken der Kollegen die Röte ins Gesicht schoss. Verlegen strich sie eine unsichtbare Strähne aus dem Gesicht.

»Na ja, ein bisschen Glitzer im Leben hat noch niemandem geschadet, oder?« Tapfer zwinkerte sie Romy zu. »Das könnte der Hausmeister auch vertragen.«

Dr. Lammers im Einhorn-Pullover! Diese Vorstellung war zu lustig. Romy giggelte und kicherte mit den Erwachsenen um die Wette, bis eine Schwester mit der versprochenen Zauberkiste ans Bett trat.

*

»Ich bin doch nicht hier, um zur beliebtesten Mitarbeiterin der Woche gewählt zu werden«, schimpfte Sophie Petzold vor sich hin, nachdem die Aufträge des Klinikchefs erledigt waren.

»Aber auch nicht, um gleich wieder gefeuert zu werden.« Selbst Christine Lekutat mit ihrer rustikalen Art ahnte, dass sich die junge Assistenzärztin mit ihrem Benehmen auf dünnem Eis bewegte. »Wenn Sie Interesse an dem Job haben, würde ich mich an Ihrer Stelle ein bisschen zusammennehmen. Unser Verwaltungschef trägt nicht umsonst den Namen ›Sparfuchs‹. Er freut sich über jede Kündigung, die er unterschreiben darf. Das haben ein paar Assistenten, deren Leistungen nicht entsprechend waren, in letzter Zeit schmerzhaft zu spüren bekommen.

»Schon gut«, murrte Sophie und sah zu Dr. Weigand, der ihnen auf dem Flur entgegenkam. Er begleitete einen Patiententransport in eines der Behandlungszimmer. Als er die junge Assistenzärztin bemerkte, winkte er sie zu sich hinüber.

»Kommen Sie bitte mit, Kollegin Petzold. Ich kann ein bisschen Hilfe und Sie eine Lehrstunde brauchen.«

Schon lag Sophie wieder ein passender Spruch auf den Lippen, als sie Christine Lekutats Hand auf dem Rücken spürte. Sie schluckte die Bemerkung hinunter.

»Natürlich.«

»Das hier ist Frau Lücke«, stellte Dr. Weigend die Patientin auf der Liege vor. »Sie ist Opfer des Brandunfalls und hat vermutlich eine Rauchvergiftung erlitten. Deshalb möchte ich sie mir genauer ansehen.«

»Aber das ist wirklich nicht nötig, Herr Doktor«, versicherte die junge Frau zum wiederholten Male. »Den Husten habe ich schon seit Jahren.«

»Dann gefällt er mir noch viel weniger«, hielt Dr. Weigand dagegen.

Die Türen des Behandlungsraums schlossen sich hinter ihnen. Während Matthias die Angaben der Patientin durchlas, wies er Sophie Petzold an, Bettina Lückes Blutdruck und Puls zu messen. Die Assistenzärztin verdrehte die Augen, tat aber kommentarlos das, was von ihr verlangt wurde. Bei der folgenden körperlichen Untersuchung war sie nur Beobachterin.

»Waren Sie schon immer so dünn?«, fragte Matthias, während Bettina das bunt gemusterte T-Shirt wieder überstreifte.

Er hatte am Schreibtisch Platz genommen und notierte die Ergebnisse.

»Seit ein paar Monaten habe ich öfter Bauchschmerzen und Durchfälle«, gestand Bettina zögernd. Von einer Rauchvergiftung war keine Rede mehr.

Matthias Weigand drehte sich zu Sophie Petzold um, die sich in einer Zimmerecke langweilte.

»Welche Untersuchungen würden Sie in diesem Fall anordnen?«

Sofort trat sie an die Liege.

»Als bildgebendes Verfahren empfehle ich zunächst eine Sonographie des Bauchraums, um mögliche Entzündungsherde ausfindig zu machen. Mithilfe von laborchemischen Untersuchungen können Entzündungswerte im Blut nachgewiesen und eine mögliche Mangelernährung ausgeschlossen werden. Eine Stuhluntersuchung auf Bakterien kann Hinweise auf eine erregerbedingte Darmentzündung bringen.«

»Lehrbuchmäßig«, lobte Dr. Weigand zufrieden.

Sophie winkte herablassend ab.

»Das ist doch Kindergartenniveau.«

»Ich weiß ja nicht, in welchen Kindergarten Sie gegangen sind. Ich für meinen Teil habe einen Großteil meiner Kindergartenzeit in der Sandkiste verbracht.«

»Tja, sehen Sie, deshalb sind Sie heute auch noch kein Professor.«

Auf diesen Kommentar fiel Matthias nichts mehr ein. Um seine Verlegenheit zu überspielen, wandte er sich wieder seiner Patientin zu.

Auch Bettina Lücke wirkte alles andere als glücklich.

»Müssen diese Untersuchungen wirklich sein, Herr Doktor?«, fragte sie bangen Herzens. »Wissen Sie, meine Schwester ist an einem Darmtumor gestorben. Ich habe solche Angst, dass auch ich …«

Dr. Weigand verstand, auch ohne dass sie den Satz beendete.

»Je früher ein Karzinom entdeckt wird, umso besser sind die Erfolgschancen.«

Bettina lächelte bitter.

»Das haben die Ärzte meiner Schwester auch gesagt. Und wissen Sie, was trotz Früherkennung passiert ist? Sie ist vor zwei Jahren gestorben.«

»Und deswegen wollen Sie sich nicht untersuchen lassen?«, mischte sich Sophie Petzold in das Gespräch ein. »Das ist doch Wahnsinn.«

Bettina Lücke drehte den Kopf zu ihrer Seite.

»Meine Schwester hat auch gedacht, dass alles gut wird. Und dann …« Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Aber Sie sind hier in den allerbesten Händen«, versicherte Sophie mit einer Leidenschaft, die Matthias Weigand überraschte.

Noch mehr Tränen drängten in Bettinas Augen.

»Sie wissen doch gar nicht, wie das ist, wenn man Hoffnung hat und dann enttäuscht wird«, schluchzte sie auf. »Deshalb will ich lieber erst gar nicht wissen, wie es um mich steht.«

Diese Behauptung konnte Sophie unmöglich so stehen lassen.

»Und was ist, wenn ich Ihnen sage, dass mein Vater auch Krebs hatte und heute gesund ist? Weil er früh genug zur Vorsorge gegangen ist?« Ihre Augen funkelten herausfordernd. Es war Bettina Lücke anzusehen, dass sie keine Kraft für eine nervenaufreibende Diskus­sion hatte.

»Schon gut.« Sie schloss die Augen und winkte ab. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können.«

»Na bitte«, wandte sich Sophie an ihren Kollegen Weigand, als eine Schwester die Patientin zum Ultraschall abgeholt hatte. »Geht doch!«

»Sie können Ihrem Vater dankbar sein. Wenn er nicht …«

Mit einer Geste schnitt Sophie ihm das Wort ab.

»Ich kenne meinen Vater gar nicht.« Sie ging zur Tür. »Er hat die Familie verlassen, als ich noch ein kleines Kind war.«

»Wo wollen Sie hin?«, rief Dr. Weigand ihr verdutzt nach.

»Zu unserer Patientin. Oder haben Sie jetzt Pause?«

Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, zuckte Matthias zusammen.

»Herrje. Das kann ja noch heiter werden«, seufzte er, ehe er Anstalten machte, Sophie Petzold zu folgen.

*

Felicitas Norden saß in ihrem Büro und bereitete sich auf die Elternsprechstunde vor, als es klopfte.

»Johannes, herein mit dir!« Lächelnd bot sie dem Medizinstudenten den Stuhl vor ihrem Schreibtisch an.

Er setzte sich auf die äußerste Kante und legte einen Stapel Unterlagen auf den Schoß. Seine Finger trommelten auf dem Deckel der obersten Akte.

»Tut mir leid, wenn ich störe.«

Fee klappte die Mappe zu.

»Kein Problem, ich bin schon fertig. Also, raus mit der Sprache. Wer macht dich nervös?« Als er den Mund öffnete, um zu antworten, hob sie die Hände. »Nein, lass mich raten.« Sie beugte sich über den Tisch und winkte ihn zu sich. »Ist es die Lernschwester? Julia? Die ist wirklich süß. Aber auch auf die Gefahr hin, dich zu enttäuschen: Ich glaube, sie hat einen Freund.«

Johannes rang sich ein Lächeln ab.

»Macht nichts. Ich bin ja auch nicht solo.«

»Oh.« Felicitas lehnte sich zurück. »Wo liegt dann der Hase im Pfeffer?«

»Ich will mich ja nicht beschweren.« Endlich fasste sich Johannes ein Herz. »Aber vorhin hat mir Dr. Lammers diesen Packen Patientenakten in die Hand gedrückt und mir den Auftrag gegeben, den Schreibkram zu erledigen. Mal abgesehen davon, dass ich seine Schrift gar nicht lesen kann, bin ich damit die ganze Woche weg vom Fenster. Dabei wollte ich doch bei der OP von Dr. May dabei sein. Und noch viele andere Sache lernen.«

Felicitas sah den Medizinstudenten ungläubig an.

»Das kann doch wohl nicht wahr sein!« Ohne lange nachzudenken sprang sie auf, nahm ihm die Unterlagen ab und eilte zur Tür. Dort blieb sie stehen und sah ihn auffordernd an. »Du gehst jetzt wieder zur Kollegin May. Um die Akten musst du dir keine Sorgen machen. Ich kümmere mich darum. Und um Lammers«, fügte sie drohend hinzu und machte sich auf den Weg.

Felicitas musste nicht lange suchen. Ihr Stellvertreter stand vor dem Aufzug und wartete. Als sie ihn erblickte, straffte sie die Schultern. Ihre Miene war entschlossen.

»Gut, dass ich Sie treffe, Kollege Lammers«, erklärte sie scheinheilig und hielt ihm die Akten unter die Nase. »Wissen Sie, was das ist?«

Lammers nahm ihr die Unterlagen aus der Hand und blätterte kurz darin.

»Was haben Sie mit meinen Patienten zu tun?«

»Wie kommen Sie dazu, unseren Medizinstudenten als Sekretärin zu missbrauchen?«, stellte sie eine Gegenfrage. »Er ist hier, um etwas zu lernen.«

»Immer dieser weibliche Hang zur Übertreibung!« Kopfschüttelnd schnalzte Lammers mit der Zunge. »Von Missbrauch kann ja wohl keine Rede sein. Ganz im Gegenteil lernt der Junge enorm viel dabei. Zum Beispiel, wie wichtig es ist, die medizinische Arbeit genau zu dokumentieren.«

»Ich bin dafür verantwortlich, dass der junge Mann hier praktische, klinische Arbeit lernt und nicht dafür, Sekretärinnen auszubilden«, entgegnete sie scharf.

Lammers’ Augen wurden schmal.

»Was ist Ihnen lieber? Dass ich operiere? Oder dass ich diese wunderbaren Instrumente mit Tinte beschmiere?« Selbstverliebt betrachtete er seine Hände.

Am liebsten wäre Fee an Ort und Stelle über ihn hergefallen. Zwei Schwestern, die tuschelnd an ihnen vorbei eilten, hielten sie davon ab.

»Verhalten Sie sich einfach vernünftig und kollegial. Das genügt schon.«

Ein belustigtes Kichern wehte zu ihnen herüber.

»Vielleicht können wir dieses Gespräch in Ihrem Büro fortsetzen«, zischte Lammers. Er hasste es, sich zum Gespött zu machen.

Felicitas wusste, dass sie gewonnen hatte. Zumindest dieses Mal.

»In dieser Angelegenheit gibt es nichts mehr zu besprechen.« Die Aufzugtüren öffneten sich. »Übrigens ist der Fahrstuhl da.« Sie nickte ihm zu und ließ ihn stehen. Es gab wahrlich Wichtigeres zu tun, als diesen ermüdenden Kleinkrieg zu führen.

Dr. Matthias Weigand saß am Computer und betrachtete die Lungenaufnahmen von Frau Lücke, als sich Daniel Norden nach getaner Arbeit im OP zu ihm gesellte. Suchend sah er sich um.

»Hast du unsere engagierte Nachwuchsärztin in die Kühlkammer gesteckt?«, scherzte er. Die Versorgung der Brandopfer war erfolgreich verlaufen, und er hatte allen Grund, gut gelaunt zu sein.

Ehe Matthias Weigand antworten konnte, kam eine Schwester herein und reichte ihm einen Umschlag.

»Die Ergebnisse aus dem Labor.«

»Danke.« Er öffnete das Kuvert und zog ein paar Blätter heraus, die er eingehend studierte.

Daniel schenkte sich Kaffee ein und gesellte sich zu seinem Freund.

»Was ist denn jetzt mit Frau Petzold? Wir brauchen Hilfe bei den Frischoperierten. Oder hat sie wieder ein Studienobjekt an der Angel?« Sein Blick ruhte auf dem Bildschirm.

»So könnte man es auch sagen.« Matthias reichte Daniel den Befund.

»Wer ist das?«

»Bettina Lücke – 28 Jahre alt. Sie wurde zusammen mit den Brandopfern mit Verdacht auf eine Rauchvergiftung eingeliefert.«

Betroffen starrte Daniel Norden auf den Befund und dann wieder auf den Monitor mit den Aufnahmen aus dem MRT.

»Dann werden wir die Botschaft mal überbringen«, seufzte er schließlich.

»Ich komme mit«, erklärte Matthias und stemmte sich aus dem Stuhl hoch.

Auf dem Flur begegnete ihnen Sophie Petzold, die von Christine Lekutats Patient kam.

»Gut, dass Sie hier sind.« Ohne innezuhalten, winkte Daniel sie mit sich. »Wir sind auf dem Weg zu Frau Lücke. Sie …«

»Oh, Frau Lücke!« Sofort schloss sich Sophie den beiden Ärzten an. »Bettina ist eine sehr nette Frau. Stellen Sie sich vor, wir haben das gleiche Hobby. Sie reitet auch für ihr Leben gern. Und das, obwohl es ihr schon eine ganze Weile nicht mehr gut geht. Sie ist wirklich tapfer.« Sophie bemerkte die ernsten Blicke der Kollegen und hielt inne. »Es ist doch nichts Schlimmes?«

»Kommt darauf an.« Mehr sagte Dr. Norden nicht.

Vor dem Krankenzimmer angekommen, blieben sie stehen. Stimmen waren zu hören.

»Mach dir keine Sorgen, mein Schatz«, beschwor Ralf Lücke seine Frau. »Sie haben bestimmt nichts Schlimmes gefunden.«

Bettina hob die Hand und winkte müde ab.

»Egal, was passiert. Ich möchte …«

Als es klopfte, hielt sie inne. Bei Sophies Anblick huschte ein Lächeln über ihr eingefallens Gesicht.

»Schön, dass du da bist«, begrüßte sie die Assistenzärztin wie eine alte Freundin. »Das ist Ralf, mein Mann. Er hat mein Handy mitgebracht. Jetzt kann ich dir Fotos von Cherry Blossom zeigen.«

Während Matthias die Patientin im Nachbarbett bat, das Zimmer kurz zu verlassen, trat Dr. Norden zu Bettina Lücke.

Ralf musterte den Klinikchef argwöhnisch.

»Es ist alles in Ordnung, nicht wahr?«

»Leider nein.«

Auch Sophie horchte auf.

»Was fehlt Bettina?«, fragte Ralf Lücke erschrocken.

»Haben Sie den Namen ›Morbus Crohn‹ schon einmal gehört?«, wandte sich Daniel an die Patientin.

»Nein, nie.« Sie schüttelte den Kopf.

»Bei Morbus Crohn handelt es sich um eine chronische Entzündung des Verdauungstraktes. Sie verläuft meist in Schüben«, griff Sophie Petzold ihrem Chef vor.

»Aber was hat der Husten damit zu tun?« Bettina Lücke sah von einem zum anderen.

»Bei einer Studie wurde vor ein paar Jahren ein Zusammenhang zwischen Atemwegserkrankungen und der Häufigkeit von Darmerkrankungen untersucht«, erläuterte Dr. Norden. »Bei COPD-Patienten tritt Morbus Crohn zu 55 Prozent häufiger auf als bei anderen Patienten.« Er sah Bettina fragend an. »Sind Sie Raucherin?«

»Früher habe ich mal geraucht. Wie das so ist bei jungen Leuten.« Es klang wie eine Entschuldigung.

»Bettina hat schon vor fünf Jahren aufgehört«, versicherte ihr Mann.

Daniel nickte.

»Um die 90 Prozent der COPD-Erkrankten sind aktive Raucher oder haben schon einmal geraucht.«

»Übrigens ist COPD Englisch und bedeutet übersetzt chronischobstruktive Lungenerkrankung«, nahm Sophie Petzold ihrem Chef erneut das Wort aus dem Mund.

Sein strafender Blick gebot ihr Einhalt.

»Wie schlimm ist der Husten denn? Und wie lange leiden Sie schon darunter?«, wollte er von der Patientin wissen.

Bettina dachte kurz nach.

»Ich kann mich gar nicht mehr genau daran erinnern, wann das losging. Das muss schon ein paar Jahre her sein.«

»Als ich dich kennengelernt habe, hattest du gerade einen Allergietest hinter dir«, erinnerte sich Ralf.

»Stimmt.« Bettina schickte ihrem Mann ein zärtliches Lächeln. »Nachdem nichts dabei herauskam, habe ich mich damit abgefunden, immer mal wieder zu husten. Richtig nervig ist es eigentlich erst mit den Bauchschmerzen geworden.«

»Manchmal braucht es keine Studie, um Zusammenhänge festzustellen«, bemerkte Matthias Weigand.

Bettina und Ralf tauschten nachdenkliche Blicke.

»Das ist ja alles schön und gut. Aber was bedeutet das alles jetzt für mich?«, stellte sie eine berechtigte Frage.

Diesmal ließ Daniel Norden der Assistenzärztin den Vortritt. Sophie verstand die stumme Aufforderung.

»Das größere Problem ist der Morbus Crohn. Bis heute gibt es keine Heilung für diese Krankheit mit ihren typischen Beschwerden wie Durchfall und krampfartigen Bauchschmerzen.« Sie fing den Blick des Klinikchefs auf. Er nickte ihr zufrieden zu. Doch Sophie war noch nicht fertig. »Aber es gibt ein Verfahren, das die Symptome deutlich lindern kann. Ein amerikanischer Professor hat im Studium davon erz …«

Weiter kam sie nicht.

»Bevor wir über eine weiterführende Therapie nachdenken, versuchen wir es zunächst mit den konventionellen Methoden«, unterbrach Dr. Weigand die übereifrige junge Kollegin schnell. »Zunächst einmal behandeln wir mit Medikamenten gegen den Durchfall und Entzündungshemmern. Hier stehen uns zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung. Außerdem spielt die Ernährung eine wichtige Rolle.«

»Und wenn das alles nicht hilft?«, fragte Ralf mit bangem Herzen.

»Dann bleibt immer noch eine Operation. Aber bis dahin ist noch viel Zeit«, versprach Daniel Norden und nickte Bettina Lücke aufmunternd zu. »Wichtig ist jetzt, dass Sie die Flinte nicht ins Korn werfen. Damit das nicht passiert, schicke ich Ihnen Herrn Dr. Kranz. Er ist Psychologe an unserer Klinik und steht Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.«

Bettina biss sich auf die Lippe, sagte aber nichts. Auch wenn es ein Grund zur Freude war, dass sie nicht an Darmkrebs litt, musste sie die Neuigkeit erst einmal verdauen.

*

Über ihre Unterlagen gebeugt saß Schwester Elena im Schwesternzimmer. Wie jede freie Minute in letzter Zeit nutzte sie auch diese Pause, um sich auf die Prüfung zur Pflegedienstleitung vorzubereiten. Sie war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie Dr. Lammers’ Stimme zwar hörte, seine Worte aber nicht auf sich bezog, sondern auf Schwester Julia, die Verbandmaterial in einen Schrank räumte.

»Hören Sie schlecht oder reden Sie neuerdings nicht mehr mit jedem?«

Die laute Stimme direkt neben ihrem Ohr ließ sie vor Schreck zusammenzucken. Sie starrte Lammers an und presste die Hand auf das wild schlagende Herz.

»Was fällt Ihnen ein? Ich habe Pause und muss für meine Prüfung lernen.«

»Keine Angst. Die Qualifikation für die Kindergärtnerin attestiere ich Ihnen. Im Übrigen ist Ihre Pause vorbei.«

Elena sah auf die Uhr über der Tür.

»Das stimmt nicht. Ich habe noch …«

»Wenn ich sage, dass Ihre Pause vorbei ist, dann ist das so!«, unterbrach er sie und klatschte eine Patientenakte auf den Tisch. »Gehen Sie schon mal vor. Ich bin in fünf Minuten bei der kleinen Rotznase.« Ohne ein weiteres Wort wandte sich Lammers ab und rauschte aus dem Zimmer.

Die junge Lernschwester sah ihm mit offenem Mund nach.

»Das lassen Sie sich doch hoffentlich nicht gefallen.«

Elena starrte ihm nach. Ihre Miene verhieß nichts Gutes. Sie klappte ihre Bücher zu und griff nach den Unterlagen.

»Keine Sorge. Wenn ich erst Pflegedienstleitung bin, zahlte ich ihm alles heim. Auf Heller und Pfennig«, zischte sie und machte sich auf den Weg zu Mutter und Sohn.

»Hallo, Elias«, begrüßte sie den jungen Mann, der auf dem Bett saß. »Mein Name ist Schwester Elena.«

Annabelle Werner legte das Buch zur Seite, aus dem sie ihrem Sohn gerade vorgelesen hatte, und wollte die Schwester begrüßen, als sich die Tür erneut öffnete.

»Dr. Lammers«, erklärte der Kinderchirurg knapp und zog sich einen Hocker heran. »Du bist also wegen deinem Pferdefuß hier«, wandte er sich an den Jungen.

Entsetzt drehte sich Elias zu seiner Mutter um.

»Mami, ich habe keinen Pferdefuß.«

Annabelle und Elena waren gleichermaßen entsetzt.

»Natürlich hast du das nicht. Der Doktor meint das nicht so«, versicherte Elena schnell.

»Sie hat niemand gefragt!«, wies Lammers sie scharf zurecht, ehe er sich wieder an Mutter und Sohn wandte. Vorsichtshalber hatte sich Elias in Annabelles Arme geschmiegt. Hier geschah ihm kein Leid. »Die meisten vierfüßigen Tiere setzen den Fuß nicht mit der ganzen Sohle auf. Auch das Pferd. Deshalb wird ein Pes equinus so genannt. Kein Grund, sich deshalb aufzuregen.« Er rollte näher heran. »Jetzt zeig deinen Spitzfuß mal her.«

Elias schickte Annabelle einen hilfesuchenden Blick, ehe er mit einem Satz aus dem Bett sprang und im Bad verschwand. Annabelle entschuldigte sich und lief ihm nach.

»Komm schon, Elias, ich habe dir doch alles genau erklärt. Zeig dem Doktor deinen Fuß.«

»Ich will aber nicht. Der ist böse.«

Volker Lammers rollte mit den Augen.

»Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Was ist denn jetzt?«, fragte er energisch.

Mit Engelszungen redete die Mutter auf ihren Sohn ein. Endlich ließ sich Elias überreden und schlich zurück. Er rutschte aufs Bett, Annabelle zog ihm die Socken aus. Doch als Volker nach dem Fuß greifen wollte, zog der Junge ihn abrupt zurück.

»Rotzlöffel!«, entfuhr es Lammers. Und zu Annabelle gewandt: »Wie alt ist Ihr Sohn?«

»Sieben Jahre.« Es kostete sie alle Kraft, das sich windende Kind zu bändigen.

»So ein Spitzfuß wird normalerweise im Kleinkindalter operiert.«

»Er hat schon zwei Eingriffe hinter sich, die leider noch nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben.« Elias zappelte in Annabelles Armen. »Jetzt hör doch bitte auf! Die letzten Male war es doch auch nicht schlimm.« Vor Anstrengung trat ihr der Schweiß auf die Stirn. Sie lächelte Dr. Lammers entschuldigend an. »Er beruhigt sich bestimmt gleich wieder.«

»Rufen Sie mich, wenn es so weit ist.« Volker hatte keine Lust mehr zu warten und verließ das Zimmer.

Elena murmelte eine Entschuldigung, ehe sie ihm folgte.

»Was ist denn jetzt mit Elias?« Im Laufschritt eilte sie ihm über den Flur nach.

»Ein Leichtathlet wird er mit Sicherheit nie.«

Elena schnappte nach Luft. Lammers machte seinem Ruf wieder einmal alle Ehre.

»Was soll das heißen? Operieren Sie nicht?«

»Wie denn? Teleskopinstrumente gibt es noch nicht.«

Mitten auf dem Gang blieb Schwester Elena stehen und sah ihm nach.

»Sie benehmen sich wie eine beleidigte Diva!«, schleuderte sie ihm hinterher.

Ohne sich umzudrehen, machte Lammers eine wegwerfende Handbewegung und wollte um die Ecke verschwinden, als Annabelle Werner hinter Elena auftauchte.

»Herr Doktor!«, rief sie.

Diesmal blieb Volker stehen und drehte sich um.

»Was ist denn noch?«

»Elias hat doch mehr Angst vor dem Eingriff, als ich dachte. Aber er hat versprochen, jetzt brav zu sein. Ich weiß, dass Sie der beste Kinderchirurg weit und breit sind. Bitte untersuchen Sie ihn.«

Diese Worte waren Wasser auf Volkers Mühlen. Er kostete diesen Augenblick weidlich aus. Endlich gab er sich einen Ruck.

»Sie haben Glück, dass ich heute meinen großzügigen Tag habe.« Wie ein König schritt er auf Annabelle zu. Ein paar Meter vor ihr machte er Halt und blickte von oben auf sie herab. »Ohne Untersuchung keine Operation. Wir verstehen uns?«

»Natürlich«, versicherte Annabelle und eilte voraus in Richtung Elias’ Zimmer.

Schwester Elena wollte ihr folgen, doch Lammers hielt sie mit einer entschiedenen Handbewegung davon ab.

»Das schaffe ich auch ohne Kindergärtnerin«, erklärte er und ging davon, ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen.

*

»Ich kann es kaum glauben, dass du wirklich an unsere Verabredung heute Abend gedacht hast.« Ein Glas Wein in der Hand stand Felicitas Norden in der Küche und musterte ihren Mann, der mit düsterer Miene am Tresen saß.

»Wenn ich gewusst hätte, dass ich zum Küchendienst eingeteilt werde, hätte ich es mir anders überlegt.« Tränen rannen ihm übers Gesicht. »Müssen die Zwiebelscheiben wirklich so dünn sein?«

»Sonst schmeckt das Gratin nicht.« Fee stellte den Wein weg und schwenkte eine Schale geschälter Kartoffeln durch die Luft. »Janni. Dési. Ihr werdet sehnsüchtig erwartet.«

Seit drei der fünf Kinder ausgezogen waren, hatte sich die Haushälterin Lenni einen anderen Wirkungskreis im Klinik-Kiosk ›Allerlei‹ gesucht. Fee begrüßte diese Entscheidung. Im Gegensatz zu ihrer Familie liebte sie die seltenen gemeinsamen Kochabende. Sie beschloss, die mürrische Miene ihres Mannes zu ignorieren und das Positive hervorzuheben.

»Ich finde es jedenfalls toll, dass wir alle zusammen Zeit haben.«

»Es geschehen noch Zeichen und Wunder«, unkte Janni, jüngster Sohn der Familie Norden, und rückte seine schwarzumrandete Brille zurecht. Er stand an der Arbeitsplatte und ließ seine Familie wieder einmal an seinem fundierten Wissen teilhaben.

»Sag das nicht zu laut!«, warnte seine Zwillingsschwester Dési. Sie saß neben ihrem Vater. »Sonst wird Mum oder Dad noch zu einem Notfall gerufen.«

Jan nahm sich Brettchen und Messer und begann akribisch, Kartoffelscheiben in hauchdünne Scheiben.

»Die Neigung, bedeutungsvolle Zusammenhänge in Ereignisse hineinzuinterpretieren, ist eine grundlegende biologische Eigenschaft des Menschen.« Wieder einmal machte er seinem Spitznamen alle Ehre. »Diese Eigenschaft lässt sich schon im Tierreich finden.«

»Interessant!« Nur mit Mühe gelang es Fee, ernst zu bleiben. »Können Sie uns das bitte genauer erklären, Herr Professor Norden.«

Großmütig überging Janni den spöttischen Unterton und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. Er schob die Kartoffelscheiben auf den Teller, den seine Mutter ihm hinhielt, und griff nach der nächsten Knolle.

»Burrhus Skinner, ein amerikanischer Psychologe, gab hungrigen Tauben in unregelmäßigen Abständen Futter. Daraufhin suchten die Tiere instinktiv nach einem Grund für die überraschende Futtergabe und entwickelten abergläubische Verhaltensweisen«, erklärte er beiläufig.

Inzwischen war auch Daniel aufmerksam geworden.

»Die sich wie äußerten?«, hakte er interessiert nach und wischte sich mit dem Geschirrtuch die Tränen ab.

»Manche Tiere hatten zufällig immer dann auf einem Bein gestanden, wenn der Futtersegen hernieder regnete. Daraufhin begannen sie, vermehrt auf einem Bein zu stehen.«

»Das ist wirklich interessant«, erwiderte Fee. Sie hatte den ersten Teil der Kartoffeln abwechselnd mit den Zwiebeln in eine Form geschichtet. Während sie auf Nachschub wartete, hob sie ihr Glas an die Lippen.

Daniel hingegen musterte seinen Sohn mit gerunzelter Stirn.

»Wenn ich dich so reden höre, muss ich wieder an unsere neue Assistenzärztin denken«, gestand er.

Fee sah ihren Mann fragend an.

»Was ist mit Sophie Petzold?« Sie setzte sich neben ihn an den Tresen.

Bevor er antwortete, nahm er ihr das Glas Wein aus der Hand und trank einen Schluck.

»Stell dir vor: Sie wollte einer Morbus-Crohn-Patientin eine Behandlungsmethode empfehlen, die bei uns in Deutschland noch gar nicht etabliert ist.«

»Aber wenn sie hilft …«, wandte Dési ein.

»Trotzdem darf sie keine Hoffnungen schüren«, unterbrach Daniel seine Tochter. Ungeduldig warf er das Messer auf den Tisch. »Diese Zwiebeln machen mich noch wahnsinnig.«

»Dann gib schon her!«, verlangte Janni und nahm seinem Vater das Schneidebrett ab.

»Und was ist mit den Kartoffeln?«, fragte Fee kritisch.

»Längst fertig.« Jan deutete auf den Teller mit hauchfein geschnittenen Kartoffelscheiben, der auf der Arbeitsplatte stand.

Fee rutschte vom Hocker und ging hinüber.

»Unser Sohn!« Sie nahm eine Scheibe heraus und hielt sie gegen das Licht. »Der wird es noch einmal weit bringen.«

»Er ist generalistisch gebildet und lösungsorientiert«, dachte Daniel laut nach. »Er sollte Unternehmensberater werden und uns alle reich machen.«

»Und was würdest du mit so viel Geld anstellen?«, stellte Dési eine berechtigte Frage. Nachdem sie mit ihren Kartoffeln fertig war, hatte sie damit begonnen, die restlichen Scheiben abwechselnd mit den Zwiebeln in die Form zu schichten. »In Frührente gehen?« Ungläubig schüttelte sie den Kopf. »Ohne deine Arbeit wärst du doch gar nicht glücklich.«

Daniel betrachtete seine Tochter aus schmalen Augen.

»Meinst du wirklich?«, fragte er scherzhaft.

Fee lachte.

»Wo sie recht hat, hat sie recht«, stimmte sie ihrer Jüngsten belustigt zu und drückte ihr einen schmatzenden Kuss auf die Wange.

*

Sophie Petzold saß noch im Aufenthaltsraum der Ärzte am Computer und recherchierte. Ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Doch sie wollte nicht eher aufgeben, bis sie alles herausgefunden hatte, was es über die neue Methode zu wissen gab.

»Die Abreibung, die mir dieser Norden verpasst hat, wird ihm noch leid tun«, murmelte sie vor sich hin, als sie ein Piepen, gefolgt von hektischen Schritten hörte. Trotz der späten Stunde war plötzlich Leben auf der Abteilung. Kurzentschlossen stand Sophie auf, um herauszufinden, was der Grund dafür war.

»Akuter Morbus-Crohn-Schub!«, rief Schwester Anila ihr schon von Weitem zu.

Sophie wusste sofort, wer damit gemeint war, und machte sich im Laufschritt auf den Weg. Die junge Frau krümmte sich im Bett.

»Wir erhöhen die Schmerzmittel, schnell!«, traf die Assistenzärztin eine Entscheidung. »Und dann verlegen wir sie auf die Intensivstation.«

Sie kontrollierte sämtliche Werte, bis Anila ihre Arbeit getan hatte. Dann löste sie die Bremsen am Bett und machte sich höchstpersönlich mit ihrer Patientin auf den Weg zur ITS. Dort angekommen wollte ein Kollege übernehmen. Doch Sophie Petzold bestand darauf, sich selbst um die Patientin zu kümmern. Sie schloss Bettina an die Überwachungsgeräte an und verabreichte ihr die notwendigen Medikamente. Dann setzte sie sich an ihr Bett. Die Wirkung der starken Mittel ließ nicht lange auf sich warten. Bettina Lückes Schmerzen ließen nach, sie fiel in einen erschöpften Schlaf, über den Sophie Petzold wachte.

Sie musste selbst eingenickt sein, denn sie zuckte hoch, als sie eine Stimme hörte. Matt und leise, aber immerhin.

»Sophie … Du bist ja noch hier«, krächzte Bettina.

Sofort war die Assistenzärztin auf den Beinen. Sie warf einen Blick auf die Geräte, maß Fieber und Blutdruck und fühlte Bettinas Puls.

»Keine Angst. Die Medikamente haben gut angeschlagen. Die Entzündung geht offenbar zurück.«

Bettina lächelte fein.

»Immerhin lebe ich noch.« Das Sprechen fiel ihr schwer. »Ein Glück, dass Ralf schon weg war. Der hätte sich fürchterlich aufgeregt.«

»Das wird er so auch tun. Immerhin liegst du jetzt auf der Intensivstation.«

Bettina nickte und starrte blicklos auf die Bettdecke.

»Ich hatte schon länger den Verdacht, dass ich diese komische Krankheit habe«, gestand sie leise.

Sophie, die im Augenblick nichts mehr für ihre Patientin tun konnte, setzte sich auf die Bettkante.

»Und warum bist du nicht zum Arzt gegangen?«

»Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Das, was ich im Internet über Morbus Crohn gefunden habe, war alles andere als lustig.« Sie schluckte. »Glaubst du, dass ich je wieder reiten kann?«

Wieder musste Sophie an die Standpauke des Klinikchefs denken. Durfte sie Bettina wirklich keine Hoffnung machen?

»Ich glaube, dass der Wille Berge versetzen kann«, entschied sie sich für einen goldenen Mittelweg.

Bettina musterte Sophie nachdenklich.

»Was … Was war das vorhin für eine Therapie, die du erwähnt hast?«

Die Assistenzärztin biss sich auf die Lippe. Sie sah sich um, ob sie einen Zuhörer hatte. Doch das Zimmer war leer, und auch auf den Gängen der Intensivstation herrschte um diese Uhrzeit fast gespenstische Stille.

»Einer meiner Professoren an der Uni hat lange Zeit in den USA gearbeitet«, erwiderte sie endlich zögernd. »Daher stammt diese Methode. Aber du hast es ja selbst gehört. Dr. Norden will zunächst die üblichen Behandlungen ausprobieren, bevor er neue Wege gehen will.«

Zitternd suchte Bettinas Hand die der jungen Ärztin.

»Und was, wenn ich diese neue Methode ausprobieren will?«

Sophie Petzold erschrak. Damit hatte sie nicht gerechnet.

»Dann müsste ich die Kollegen davon überzeugen.«

»Würdest du das für mich tun?«

Sophie antwortete nicht sofort. Wenn sie zustimmte, setzte sie ihre Stelle aufs Spiel. Falls es ihr aber gelang, die Kollegen und allen voran Daniel Norden zu überzeugen, war das ihre große Chance.

»Also gut. Ich versuche es. Aber ich kann dir nichts versprechen.« Sie drückte Bettinas Hand und stand auf. Zeit, nach Hause zu gehen.

»Danke!«, hörte sie Bettina noch leise sagen. Doch da hatte sie das Zimmer schon verlassen.

Früh am Morgen war der Himmel noch voller Wolken gewesen. Doch nach und nach gewann die Sonne an Kraft und riss immer mehr Löcher in die graue Decke. Ein besonders vorwitziger Sonnenstrahl fiel auf Elias Bett, der geduldig darauf wartete, dass seine Mutter die Taschen fertig gepackt hatte. Um sich die Zeit zu vertreiben, blätterte er in seinem Buch.

»Eine wunderschönen guten Morgen«, begrüßte Felicitas Norden den kleinen Patienten. Tags zuvor hatte sie keine Zeit gefunden, den Neuankömmling zu besuchen.

Annabelle hielt in ihrer Arbeit inne. Ein T-Shirt in der Hand, richtete sie sich auf und sah sie an. Fee bemerkte das Misstrauen in diesem Blick.

»Mein Name ist Dr. Felicitas Norden. Ich bin die Chefin der Pädiatrie«, stellte sie sich vor. »Ich weiß, dass Sie gestern zu uns gekommen sind, um Elias’ Spitzfuß operieren zu lassen. Merkwürdigerweise habe ich in den Unterlagen keinen Untersuchungsbericht gefunden.« Wie zum Beweis schlug sie Elias’ Akte auf, die sie mitgebracht hatte. Bis auf die Aufnahmeformulare war sie leer.

»Die Untersuchung hat nicht stattgefunden. Und es wird keine Operation geben.« Die Enttäuschung stand Annabelle ins Gesicht geschrieben. Sie beugte sich wieder über die Tasche und legte das T-Shirt zu den anderen Kleidern. »Wir wurden gebeten, ein anderes Krankenhaus aufzusuchen.«

»Warum das denn?«

»Weil mein Sohn sich nicht von Dr. Lammers untersuchen lassen will.«

Lammers! Natürlich! Wie konnte es anders sein?

Einen Moment lang dachte Felicitas über die richtige Strategie nach.

»Stimmt das?«, wandte sie sich freundlich an Elias.

Angestrengt starrte der Junge in sein Buch und nickte kaum merklich.

Obwohl sich Fee wieder einmal maßlos über ihren ungehobelten Stellvertreter ärgerte, wurde das Lächeln auf ihren Lippen tiefer. Ihre jahrelange Erfahrung mit Kindern kam ihr ebenso zugute wie ihre psychologischen Kenntnisse. Es hatte keinen Sinn, Kindern Lügen aufzutischen. Deshalb entschied sie sich für die Wahrheit.

»Darf ich mich zu dir setzen?«, fragte sie sanft.

Wieder nickte Elias, und sie setzte sich auf die Bettkante.

»Soll ich dir mal ein Geheimnis verraten?«

Diesmal erntete sie einen schüchternen Blick. Und sogar Annabelle spitzte die Ohren.

»Was denn für eins?«

»Als ich Dr. Lammers zum ersten Mal gesehen habe, fand ich ihn auch ziemlich komisch. Bis ich ihn besser kennengelernt und festgestellt habe, dass er es gar nicht so meint.«

»Warum ist er dann so ätzend?«

»Elias!«, tadelte Annabelle die Wortwahl ihres Sohnes.

Doch Felicitas winkte ab.

»Du hast schon recht. Und ehrlich gesagt habe ich noch nicht herausgefunden, warum er so ist. Ich denke, es liegt daran, dass er nicht gelernt hat, wie man Freunde findet.«

Elias Augen wurden groß und rund.

»Er hat keine Freunde? Keinen einzigen?«

Bedauernd schüttelte Fee den Kopf.

»So viel ich weiß nicht. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm für ihn, weil er deshalb sehr viel Zeit hat, sich mit seiner Arbeit zu beschäftigen. Und ich kann dir eines versprechen: Dr. Lammers ist der beste Kinderchirurg, den ich jemals kennengelernt habe.«

Diese Worte ließ sich Elias durch den Kopf gehen. Annabelle hielt die Luft an. Würde es der Ärztin gelingen, ihren Sohn umzustimmen?

»Aber er war gemein zu mir.«

Wortlos schüttelte seine Mutter den Kopf. Mit einem Ruck zog sie den Reißverschluss der Tasche zu.

Doch Felicitas wollte noch nicht aufgeben. Einen Trumpf hatte sie noch im Ärmel.

»Soll Dr. Lammers dein Freund werden oder dein Bein gesund machen?«, stellte sie die alles entscheidende Frage.

»Der und mein Freund? Niemals!«, schnaubte Elias verächtlich. »Ich will, dass er mein Bein gesund macht, damit ich endlich mit meinen Freunden Fußball spielen kann und nicht immer nur im Tor stehen muss.«

Fee lachte und erhob sich von der Bettkante.

»Siehst du, dafür ist Dr. Lammers genau der Richtige«, erklärte sie innig. »Aber damit er dich gesund machen kann, muss er dich untersuchen. Darf er das? Auch wenn er nicht dein Freund werden will?«

Elias sah hinüber zu seiner Mutter. Annabelle verstand die stumme Frage und nickte ihm zu.

»Also gut«, erwiderte er gedehnt.

Felicitas lächelte.

»Ich wusste von Anfang an, dass du ein schlauer Junge bist.« Zufrieden tippte sie ihm auf die Nase, ehe sie das Zimmer mit dem Versprechen verließ, so schnell wie möglich und in Begleitung von Volker Lammers zurückzukehren. Wie sie das anstellen sollte, davon hatte sie allerdings noch keinen blassen Schimmer.

*

In ihr Lehrbuch vertieft betrat Schwester Elena an diesem Morgen die Behnisch-Klinik.

»Haftung bedeutet: Individuen müssen für die Folgen ihres Handelns oder Nicht-Handelns die Verantwortung tragen.« Sie war so vertieft in die Wiederholung ihres Prüfungsstoffes, dass sie Matthias Weigand nicht bemerkte, der sich zu ihr gesellte und den Flur mit ihr hinunterwanderte. »Grundvoraussetzung der Haftung ist, dass durch die Handlung oder Unterlassung immaterielle oder materielle Schäden entstanden sind. Die Konsequenzen können sowohl zivilrechtlich …«

Matthias beschloss, dem Selbstgespräch ein Ende zu bereiten.

»Seit wann müssen Kindergärtner denn so was wissen?«, fiel er ihr ins Wort.

Vor Schreck schrie Elena auf und ließ das Buch fallen. Matthias schnitt eine Grimasse.

»Du liebe Zeit. Ich wusste nicht, dass sich meine Wirkung auf Frauen so dramatisch verändert hat.« Er bückte sich nach dem Buch und hielt es ihr hin.

»Kein Wunder, dass keine länger als vier Wochen bei dir bleibt«, schnaubte Elena und riss ihm das Lehrwerk aus der Hand. »Und woher hast du das mit der Kindergärtnerin?«

»Die Klinik-Flüsterpost hat mir verraten, dass Lammers dich so nennt«, gestand er. »Ich fand das witzig.«

»Einen seltsamen Sinn für Humor hast du.« Elena packte das Buch in ihre Tasche und ging weiter.

Auch Matthias setzte sich wieder in Bewegung.

»Komm schon! Sei nicht sauer! Als Wiedergutmachung biete ich dir an, dich abzufragen.«

Elenas Miene erhellte sich. Ganz offensichtlich ahnte ihre Freund und Kollege nicht, was er da gesagt hatte.

»Könnte durchaus sein, dass ich auf dein großzügiges Angebot zurückkomme«, erwiderte sie, ehe sich ihre Wege an einer Glastür trennten. Elena bog nach rechts ab, Matthias musste den linken Flur wählen.

Auf dem Weg in die Notaufnahme kam er an einem Aufenthaltsraum vorbei. Die Tür stand halb offen, und er war schon vorbeiegangen, als er stutzte. Er sah auf seine Armbanduhr und kehrte noch einmal zurück.

»Sophie, was machen Sie denn schon hier?«

»Nach was sieht es denn aus?«, fragte sie, ohne sich ablenken zu lassen. Sie saß am Tisch vor einem Laptop und studierte einen Text.

Matthias Weigand überlegte nicht lange und trat hinter sie.

»Dachte ich es mir doch.«

Sophie seufzte.

»Bettina Lücke lässt mir keine Ruhe. Sie hatte heute Nacht einen Schub. Und ehrlich gesagt bin ich nicht Ärztin geworden, um die Hände in den Schoß zu legen und tatenlos dabei zuzusehen, wie meine Patienten leiden.«

»Das verlangt ja auch keiner von Ihnen.«

»Dr. Norden verlangt es«, behauptete sie trotzig und klickte zur nächsten Seite.

Matthias schob die Hände in die Jackentasche und lächelte.

»Dummerweise scheinen Sie vergessen zu haben, dass ich bei dem Gespräch dabei war«, erinnerte er sie. »Er hat Ihnen lediglich ans Herz gelegt, sich an die konventionellen Methoden zu halten und der Patientin keine unbegründete ­Hoffnung zu machen.« Er dachte kurz nach. »Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass neue Medikamente und Behandlungsmethoden immer schneller zugelassen werden und auf den Markt kommen, ohne dass ihre Sicherheit und Zuverlässigkeit ausreichend geprüft wäre. Diese Beschleunigung ist von der Industrie gewollt und wird sogar teilweise gefördert. Deshalb befinden wir Mediziner uns im Blindflug, weil wir keine Einsichten über die Wirksamkeit und den richtigen Einsatz haben.« Oft genug hatte Matthias Weigand mit Daniel Norden über dieses Thema diskutiert, dass er seinen Standpunkt kannte und vertreten konnte.

Sophie versetzte dem drehstuhl einen Schub und fuhr zu ihrem Kollegen herum. Ihre Augen schossen wütende Blitze.

»Wenn jeder Arzt solche verstaubten Ansichten hätte, würde die Forschung niemals Fortschritte machen.«

Ein belustigtes Lächeln spielte um Matthias Weigands Lippen. Schon jetzt freute er sich auf das Gesicht seines Freundes, wenn er ihm von diesem Gespräch erzählte.

»Ihr Ehrgeiz gefällt mir.« Er zog sich einen Hocker heran und setzte sich. »Dann erzählen Sie mal! Was haben Sie herausgefunden?«

Einen Moment lang meinte Sophie Petzold, dass er sich über sie lustig machte. Schließlich gab sie sich aber einen Ruck.

»Das hier ist ein Artikel über die Methode, die mein Professor in den USA kennengelernt hat. Sie kann die Symptome eines Morbus Crohn lindern. Ich denke, dass das eine Möglichkeit für Bettina wäre.«

Matthias überflog den Artikel.

»Hier steht allerdings, dass eine der gefürchteten Komplikationen ein künstlicher Darmausgang ist.« Er sah Sophie eindringlich an. »Und das will Frau Lücke mit Ende zwanzig sicher nicht riskieren.«

Sophie biss sich auf die Unterlippe.

»Nein, Sie haben recht. Trotzdem finde ich, dass Bettina ein halbwegs normales Leben verdient hat.«

Matthias Weigand stand auf. Es wurde Zeit, seinen Dienst anzutreten.

»Dann wünsche ich Ihnen viel Vergnügen bei dem Unterfangen, den Chef umzustimmen.« Er ging zur Tür.

»Danke«, erwiderte Sophie Petzold und beugte sich wieder über ihre Notizen.

Schon eine ganze Weile stand Felicitas Norden in der Tür zu Volker Lammers’ Büro und beobachtete ihn beim Frühstück.

Während er in einem Fachmagazin blätterte, ließ er sich ein Croissant schmecken. Schließlich fasste Felicitas sich ein Herz.

»Gut, Sie zu sehen.« Sie betrat das Büro.

Vor Schreck fiel Lammers das letzte Stück Croissant aus der Hand.

»Was ist?«, erkundigte er sich misstrauisch. »Wollen Sie kündigen und mir Ihren Posten anbieten? Mich für meine herausragenden Dienste auszeichnen?«, fragte er todernst.

Innerlich verdrehte Fee die Augen. Es sah ihm ähnlich, dass er solche Dinge ernst meinte.

»Es geht um Elias Werner, den Jungen mit dem Spitzfuß.«

Augenblicklich verdüsterte sich Lammers’ Miene. Demonstrativ beugte er sich wieder über das Magazin.

»Ich habe nichts mehr dazu zu sagen.«

»Das ist bedauerlich.« Felicitas wanderte durch das Büro. Auf dem Sideboard entdeckte sie eine kleine Holzstatue. Sie nahm sie hoch und begutachtete sie eingehend, ehe sie sie wieder an ihren Platz zurückstellte und ihren Rundgang fortsetzte. »Dabei ist Elias so ein netter kleiner Kerl.«

»Da muss ich wohl irgendetwas verpasst haben«, bemerkte Volker und blätterte um.

»Jetzt mal im Ernst, Kollege Lammers.« Fee nahm sich einen Keks aus der Schale auf dem Tisch und kehrte zum Schreibtisch zurück. »Sie sind Kinderchirurg. In dieser Eigenschaft sollten Sie selbst am besten wissen, dass Kinder Angst vor Operationen haben.« Als sie in den Keks beißen wollte, stellte sie fest, dass er steinhart war.

»Die sind noch vom letzten Jahr«, erklärte Volker ungefragt.

»Ich dachte, aus dem vorigen Jahrhundert.« Felicitas schnitt eine Grimasse und ließ das Gebäck in der Kitteltasche verschwinden. »Was ist denn jetzt mit Elias?«

Endlich lehnte sich der Kinderchirurg zurück und sah sie aus schmalen Augen an.

»Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie eine Nervensäge sind?« Unwillig schüttelte er den Kopf. »Bisher hat sich noch jeder Rotzlöffel von mir untersuchen lassen.«

»Ich möchte Sie trotzdem bitten, sich noch einmal mit dem Jungen zu unterhalten.« Eine Idee schoss Fee durch den Kopf. »Am besten vielleicht ohne die Mutter. Meine Kinder waren früher immer viel entspannter, wenn ich nicht dabei war.«

»Das wundert mich nicht«, erwiderte Lammers ungerührt.

Allmählich war Felicitas mit ihrer Geduld am Ende. Am liebsten hätte sie ihm einen passenden Kommentar um die Ohren gehauen und das Büro mit fliegenden Fahnen verlassen. Doch dann würden die Probleme erst anfangen. Bisher hatte sich Lammers noch nicht geweigert, ein Kind zu operieren. Doch Felicitas war sicher: Wenn er diesen Machtkampf ein Mal für sich entschied, wäre das der Anfang vom Ende ihrer Karriere als Chefin der Pädiatrie. So weit wollte sie es nicht kommen lassen. So zählte sie in Gedanken bis drei, um sich zu beruhigen.

»Bringen Sie Elias dazu, sich untersuchen zu lassen, und operieren Sie ihn. Dann sorge ich dafür, dass Sie keinen Schreibkram mehr erledigen müssen.« Sie wusste selbst nicht, wie sie dieses Versprechen einlösen sollte. Aber es war das einzige Angebot, mit dem sie ihn ködern konnte.

Ein Lächeln huschte über Lammers’ Gesicht, erlosch aber im nächsten Moment wieder.

»Verlockender Gedanke, aber leider zu spät«, seufzte er in gespielter Enttäuschung. »Mutter und Sohn sind nämlich schon weg. Aber das Angebot mit der persönlichen Sekretärin nehme ich trotzdem an.«

Um ein Haar hätte Felicitas laut aufgelacht.

»Erstens war nie die Rede von einer persönlichen Assistenz. Und zweitens sind Elias und seine Mutter noch da. Ich habe sie überredet zu bleiben.« Sie machte eine einladende Handbewegung. »Wenn ich bitten darf!«

Volker Lammers zögerte, erhob sich dann aber doch. Die Aussicht, den Papierkram ein für alle Mal loszusein, überwog den Unwillen, der Aufforderung seiner Chefin nachzukommen.

*

»Thank you so much«, bedankte sich Sophie Petzold, bevor sie das Telefonat mit dem amerikanischen Kollegen beendete. Sie legte den Hörer auf und zögerte keine Sekunde, raffte sämtliche Unterlagen zusammen, die sie über die neue Methode zusammengesucht hatte, und machte sich auf den Weg zu Bettina Lücke. Schon von Weitem sah sie Dr. Norden über den Flur eilen. Er kam direkt auf sie zu. Im ersten Moment dachte sie an Flucht. Anders als von Matthias Weigand empfohlen, hatte sie sich für einen Alleingang entschieden. Wenn sie Bettina erst von der neuen Methode erzählt hatte, würde es einfach sein, den Chef der Behnisch-Klinik zu überzeugen. Zumindest war das ihre Annahme. Sie setzte ein freundliches Lächeln auf und ging entschlossen auf Dr. Norden zu.

»Guten Morgen, Frau Petzold«, begrüßte Daniel die rebellische Assistenzärztin und blieb kurz vor ihr stehen. »Ich hoffe, Sie nehmen mir die gestrige Abreibung nicht übel.«

»Schon vergessen!«, winkte Sophie ab und wollte weitergehen.

»So war das nicht gemeint«, erlaubte sich Daniel einen Hinweis. »Ich bin immer noch der Ansicht, dass es falsch war, Frau Lücke eine andere Behandlung als die geläufigen in Aussicht zu stellen. Aber ich denke auch, dass Sie intelligent genug sind, um das einzusehen.«

»Natürlich.« Es kostete Sophie unendlich viel Mühe, ihrem Chef in die Augen zu sehen.

Daniel war in Eile und bemerkte ihre Verlegenheit nicht.

»Gut, dass wir uns verstehen.« Er nickte ihr zufrieden zu und beschloss, sein erstes, hartes Urteil über die rebellische Assistenzärztin zu revidieren. »Übrigens habe ich gleich eine interessante OP-Besprechung. Wenn Sie interessiert sind, können Sie gern mitkommen.«

Händeringend suchte Sophie nach einer Ausrede.

»Ich … Ich habe Dr. Weigand versprochen, diese Unterlagen wegzubringen.«

Daniel zuckte mit den Schultern.

»Ein Wort ist ein Wort. Da kann man nichts machen. Dann bis später!« Er hob die Hand zum Gruß und eilte weiter.

Sophie Petzold atmete tief durch, ehe auch sie ihren Weg fortsetzte.

*

Mit genügend Sicherheitsabstand – Volker Lammers wollte Kindern nur in schlafendem Zustand nahe kommen – saß der Kinderchirurg im Zimmer seines kleinen Patienten.

»Mit so einem Fuß wie deinem kann man viele tolle Sachen nicht machen«, sagte er, während er eingehend seine Fingernägel betrachtete.

Elias schickte ihm einen argwöhnischen Blick.

»Weiß ich schon.«