Verlag: dtv Verlagsgesellschaft Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Echo Boy - Matt Haig

Der erste Jugendroman von Bestsellerautor Matt Haig.»Vor zwei Wochen wurden meine Eltern getötet. Seitdem hat sich alles verändert. Absolut alles. Das Einzige, was immer noch wahr ist: Ich bin immer noch ich. Ein Mensch namens Audrey Castle.« Audrey lebt in einer Welt, die von moderner Technik bestimmt wird und in der künstliche Menschen, die sogenannten »Echos« , darauf programmiert sind, jeden Befehl ihres Besitzers auszuführen. Eines Tages passiert das Unfassbare: Ein scheinbar defekter Echo tötet Audreys Eltern. Mit knapper Not kann sie entkommen und findet Unterschlupf bei ihrem Onkel. Dort trifft sie auf Daniel. Daniel ist ein Echo – und er fühlt sich zu Audrey hingezogen, etwas, das eigentlich nicht sein kann. Doch er will sie beschützen. Denn Audrey schwebt noch immer in Lebensgefahr...

Meinungen über das E-Book Echo Boy - Matt Haig

E-Book-Leseprobe Echo Boy - Matt Haig

Matt Haig

Für Andrea und Pearl und Lucas

Es ist angsteinflößend offensichtlich geworden, dass unsere Technologie unsere Humanität übersteigt.

Albert Einstein, 1938

 

Öffne deinen Geist, das hier ist nur ein Song.

Aber glücklich wirst du nur, wenn du deine Fehler eingestehst.

Neo Maxis, »Song for Eleanor«, 2112

Audrey Gedankenbuch 427

EINS

Vor zwei Wochen wurden meine Eltern getötet.

Es waren die längsten zwei Wochen meines Lebens.

Alles hat sich verändert. Absolut alles. Das Einzige, was noch wahr ist: Ich bin immer noch ich.

Ein Mensch namens Audrey Castle.

Ich sehe immer noch aus wie ich, die dunklen Haare, die ich von meinem Vater geerbt habe, die haselnussbraunen Augen meiner Mutter.

Meine Schultern sind immer noch zu breit.

Ich laufe immer noch wie ein Junge.

Ich finde immer noch, dass es cool gewesen wäre, in einer früheren Zeit zu leben.

Ich kann immer noch den ganzen Text von »The Afterglow« von den Neo Maxis aus ihrer Audiokapsel mit demselben Namen aus dem Jahr 2111 auswendig. Und fast alle ihre anderen Songs.

Ich könnte immer noch heulen, wenn ich daran denke, was mit San Francisco, Rio, Jakarta, Tokio und den ersten Versionen von Barcelona und New York passiert ist.

Ich weiß immer noch nicht, ob ich wirklich in Ben verliebt war oder nur in die Vorstellung, jemanden zu lieben.

Ja. Es gibt noch genug Ähnlichkeiten, aus denen ich schließen kann, dass ich immer noch ich bin. Aber ehrlich gesagt fühle ich mich völlig anders. Viel älter. Die Zeit verstreicht nicht immer gleich schnell. Zwei Wochen können sich manchmal anfühlen wie ein halbes Leben.

Unterschiede:

Ich habe kaum noch Hunger, dabei war ich früher extrem verfressen. Ich weine, wenn mir der Duft von Mums Kokosnuss-Lotion in die Nase steigt. Oder wenn ich daran denke, dass sie Zeit-Maklerin war und selbst keine Zeit mehr übrig hat. Wenn ich an Mums Stimme denke oder daran, wie ihre Augen aussahen, wenn sie lächelte, oder an all die blöden Sachen, die ich ihr an den Kopf geworfen habe, wenn wir uns stritten, dann will ich mir so lange in die Hand beißen, bis ich nicht mehr denken kann.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Dads Gesicht vor mir. Schläfrig, bärtig, weise, gütig und ernst. Ich sehe ihn kochen. Oder vornübergebeugt an seinem Schreibtisch in die Kamera starren und einen Holo-Log-Eintrag einsprechen. Ich höre, wie er mir sagt, dass ich von echten Autoren geschriebene Bücher lesen soll, nicht nur Softwareprogramme. Ich sehe, wie er nach dem Unfall im Krankenhausbett liegt und trotz der Schmerzen lächelt. Ich höre, wie er schrecklich altmodische Songs aus den 2090er-Jahren singt. Aber vor allem sehe ich ihn auf seinem Bett sitzen. Er kratzt sich den Bart, sein durchscheinend blauer Krückstock lehnt an seinen Beinen und er stellt mir die Frage, deren Antwort alles verändern wird. Ich wünschte, er hätte sie nie gestellt.

Klar kann ich mir 4-D-Aufzeichnungen von ihnen ansehen. Ich könnte in einen Pod steigen und so tun, als würde ich sie umarmen, dabei würde ich sogar spüren, wie Dads Bart über meine Stirn kratzt, wenn er mir einen Gutenachtkuss gibt. Aber ich würde nur Gespenster umarmen. Inzwischen sind 99 Prozent aller Krebsarten heilbar, Hirntumore sind innerhalb einer Woche verschwunden und ein paar Leute – die sogenannten »Postmortalen« – haben es geschafft, ihr Leben weit über seine natürliche Dauer hinaus zu verlängern. Aber der Tod ist leider immer noch nicht ausgemerzt.

Oder die Trauer.

Oder Mord.

Und es war Mord.

Daran zweifle ich nicht mehr.

ZWEI

Mein letztes Gedankenbuch habe ich vor zwei Jahren verfasst, mit 13. Vielleicht hilft es mir ja, meine Gedanken aufzuzeichnen. Vielleicht auch nicht, aber ich muss irgendetwas versuchen.

Mrs Matsumoto, die ich oben in Cloudville getroffen habe, sagte mir, ich solle mich auf die Tatsachen konzentrieren. Darauf, was genau an jenem Tag passiert ist. Also gut, die Fakten. Okay, mir ist schlecht. Ich will überhaupt nicht an diesen Tag denken, aber es muss sein.

 

Als ich an jenem Morgen aufwachte, war alles normal.

Der Regen trommelte aufs Dach. Ich lag im Bett und atmete den viel zu starken Duft von Lavendel und Limettenblüte ein, den die alte, billige Bettwäsche verströmte.

Mir gingen ein paar Songs im Kopf herum. Ausnahmsweise nichts von den Neo Maxis. Eine Ballade von einer der New-Wave-Magneto-Bands aus Peking. Ein Song über unerwiderte Liebe. Keine Ahnung, warum mir solche Lieder gefielen. Ich war noch nie unglücklich verliebt gewesen. Vielleicht war ich auch noch nie wirklich glücklich verliebt gewesen und bisher war ich Jungs auch nur in Computersimulationen körperlich nahe gekommen. Aber wahrscheinlich versteht man manche Emotionen, auch ohne sie selbst gefühlt zu haben.

Auf jeden Fall war es ein ganz gewöhnlicher, grauer, nasser Mittwoch. Es hatte vier Monate lang ununterbrochen geregnet, doch das machte mir nichts aus. Wenn man im Norden von England lebte, durfte einem das auch nichts ausmachen, denn drei Viertel des Landes standen permanent unter Wasser.

Ich hörte meine Eltern streiten. Nein, nicht streiten. Sie zickten sich bloß an. Ich verstand nicht, worum es ging. Vielleicht um Alissa. Unsere Echo.

Sie lebte erst seit gut einem Monat bei uns. Meine Mutter war der Ansicht, wir hätten sie schon viel früher bestellen sollen – am besten sofort nach dem Unfall –, aber Dad hatte darauf bestanden, dass er außer unserem alten Hausroboter Travis keine Hilfe brauchte. Und Dad machte auch keinen Hehl daraus, dass er Alissa nicht besonders mochte. Ehrlich gesagt ging es mir genauso.

Sie war zu menschlich. Sie sah so echt aus, dass ich mich gruselte.

Jetzt kam sie in mein Zimmer und schaute mich streng an. Natürlich wusste ich, dass es keine echte Strenge war. Sie war so designt, dass sie aussah wie eine dreißigjährige menschliche Frau mit blondem Haar und hübschen, aber unauffälligen Gesichtszügen. Sie wirkte gesund und kräftig und ihre Echo-Haut war glatt und glänzend. Echo-Haut ist nicht ganz menschlich, genauso wenig wie Echo-Blut. Aber ich fand es irre, wie sehr sie einem echten menschlichen Wesen glich. Ich war natürlich an Travis gewöhnt, aber Roboter waren etwas anderes. Alissa bestand genau wie ich aus Fleisch und Blut – abgesehen von dem quadratzentimetergroßen Würfel aus Hardware und Schaltkreisen in ihrem Gehirn.

»Deine erste Unterrichtseinheit – Mandarin – beginnt in 35 Minuten. Du solltest jetzt aufstehen.«

Sie blieb ein bisschen zu lange in der Tür stehen.

»Okay. Ich … werde pünktlich sein.«

Ich war ein Morgenmuffel, also befahl ich den Vorhängen, sich zu öffnen, und starrte noch eine Weile in die graue, verregnete Welt hinaus. Hier gab es noch andere Häuser, doch wir kannten unsere Nachbarn eigentlich nicht. Es war 2115. Niemand kannte seine Nachbarn.

Ich hatte noch nicht einmal meine Info-Linsen eingesetzt. Manchmal wollte ich keine Upgrades und Informationen. Die Nachrichten waren in letzter Zeit deprimierend gewesen.

Eine neue Cholera-Epidemie in ganz Europa.

Die Energiekrise.

Der Tod der Terraformer auf dem Mars.

Wirbelstürme. Tsunamis.

Echo-Probleme.

Die spanische Regierung ließ Wohnhäuser in der andalusischen Wüste zerstören.

Manchmal – zum Beispiel an jenem Morgen – wollte ich die Welt einfach so sehen, wie sie war. In all ihrer vom Regen ausgewaschenen Schönheit. Ohne Input-Drähte und Info-Linsen.

Ich war nie ein großer Fan von Körpertechnologie. Okay, das ist gelogen. Es war schwierig für mich, im großen Stil in Körper-Tech einzusteigen, weil mein Dad den meisten Errungenschaften des technologischen Fortschritts extrem misstrauisch gegenüberstand. Beispielsweise war er überzeugt davon, dass Echos eines Tages die Herrschaft übernehmen und uns alle ausrotten würden. Seiner Meinung nach kümmerten sich die großen Tech-Konzerne einen Dreck um menschliches Leben, egal, was sie auch behaupten mochten. Er wurde immer ziemlich sauer, wenn ich zu großes Interesse an neuer Technik zeigte. Mum war da ganz anders. Sie lag gern stundenlang im Immersionspod, wanderte durch versunkene Städte oder nahm bei Buddha höchstpersönlich Yogaunterricht. Sie sagte mir, ich solle Dad einfach ignorieren, aber leider war er ziemlich überzeugend.

Wir lebten in einem Pfahlhaus. Es war nicht das kleinste Haus der Welt, aber es war ein Pfahlhaus. Dad war ziemlich bekannt, doch er arbeitete ehrenamtlich, und Mum verdiente als Maklerin nicht mehr so viel wie früher, egal, wie lange sie arbeitete.

Mein Schlafzimmer befand sich 58 Meter über dem Boden. Oder besser gesagt, 49 Meter über dem durchschnittlichen Meeresspiegel. Manchmal stand das Wasser höher, manchmal niedriger. Manchmal war sogar der schlammige Erdboden zu sehen. Den hatten meine Füße allerdings nie berührt. Für einen Spaziergang war er nämlich nicht geeignet.

Unser Haus lag direkt an einer alten Magnetbahnlinie, die mit dem Netzwerk verbunden war. Das bedeutete, dass wir mit dem Auto in weniger als zehn Minuten im Zentrum von London sein konnten – das mehr als 300 Kilometer entfernt war. Leider waren Autofahrten seit dem Unfall für uns kein großes Vergnügen mehr. Die Magnetbahn war so alt wie das Haus, ganz altmodisch aus Stahl hergestellt. Sie war beinahe so weit oben wie das Haus, ein gutes Stück über dem Meeresspiegel, und das Levitationsbord, das wir benötigten, um sie zu erreichen, befand sich an der Südseite des Hauses, auf der Höhe unseres Erdgeschosses.

Hier lebten wir also. In unserem eigenen Schloss, inklusive Burggraben.

Burggraben.

Dad hatte einmal gesagt, in der modernen Welt müsse man einen Burggraben um sich herum ausheben, um Mensch zu bleiben. Einen Burggraben aus Gedanken, die nichts mit Technologie zu tun haben.

Das war ein bisschen ironisch, weil Dad der Bruder von Alex Castle war. Dem Alex Castle. Dem Inhaber von Castle Industries, dem führenden Tech-Imperium Europas, dicht hinter dem globalen Marktführer Sempura. Aber Dad mochte Onkel Alex nicht besonders und das beruhte auf Gegenseitigkeit, vor allem, weil Dad sein Leben als Journalist damit verbrachte, Projekte wie künstliche Intelligenz, Gentherapie und die Wiedereinführung ausgestorbener Spezies zu kritisieren (also eigentlich alles, wofür Castle Industries steht). Außerdem war Onkel Alex der drittreichste Mann Europas und Dad hoch verschuldet.

Natürlich hatten wir auch Technologie im Haus. Wie besaßen Info-Linsen und Input-Drähte, Holovisions- und Immersionspods, ein Mag-Auto, interne und externe Levibords und die anderen normalen Sachen. Und wir besaßen einen Echo. Wahrscheinlich machte das Dad in gewisser Weise zu einem Heuchler. Aber der Echo war nicht seine Schuld, sondern meine, und da ich am Leben bin und er tot ist, habe ich nicht vor, ihn dafür zu verurteilen.

DREI

Wie die meisten Schüler wurde ich zu Hause unterrichtet, mit einer Mischung aus Echo-Unterricht und Immersionspod.

Heute hatte ich Mandarin und Klimakunde mit Alissa und dann in unserem alten, deckenhohen indigoblauen Alphatech-Pod, der vor meinem Zimmer stand, Geschichte des 21. Jahrhunderts.

Also stand ich auf. Zog meine Jeans und meine Tunika an. Mum kam in mein Zimmer, um mir zu sagen, dass sie heute Morgen einen realen Termin mit einer Maklerfirma in Taipeh hatte und danach zu einem Kunden nach New New York musste. Aber sie würde um zwei zurück sein und nachmittags könnten wir vielleicht gemeinsam Yoga machen.

Mum versuchte ständig, mich für Yoga zu begeistern. Schließlich hatte die Regierung – allen voran Bernadine Johnson – die Empfehlung ausgesprochen, pro Woche fünf Stunden Yoga zu machen. Dad sagte immer, Premierministern solle man niemals trauen, nicht einmal, wenn es um Yoga gehe, aber ich hatte den Verdacht, er sagte manche Dinge nur, um Mum auf die Palme zu bringen. Doch Mum war gut in Yoga, während ich die verkürzten Sehnen meines Dads und seine Abneigung gegen Sport geerbt hatte.

»Wir müssen an deinem ›Hund, der nach unten schaut‹ arbeiten.«

Ich versuche, mich an jedes Detail unserer Unterhaltung zu erinnern, weil es das letzte Mal war, dass ich Mum lebend sah. Sie trug ihr schickes Kostüm, wahrscheinlich nicht für Taipeh, sondern für den Kunden in NNY. In Taipeh war sie nämlich ständig.

Sie wirkte gehetzt. »Ich bin spät dran«, sagte sie hastig. »Macht einen tollen Eindruck, wenn man Zeitmaklerin ist. Vergiss nicht, Alissa zu sagen, dass sie dir und Dad Mittagessen macht. Dad wird sich wahrscheinlich den ganzen Tag in seinem Arbeitszimmer einigeln und versuchen, sein verdammtes Buch zu beenden.«

Mum war dagegen, dass Dad dieses Buch schrieb, und sie stritten sich oft deswegen. In dem Werk – einer Mischung aus Text und holografischem Inhalt – ging es um unterschiedliche Tech-Albträume, die allmählich Wirklichkeit wurden – der Aufstieg der Roboter-Polizisten, die üblichen Echo-Probleme –, und darum, dass es ethisch nicht vertretbar war, Neandertaler wieder zum Leben zu erwecken. Die Sache mit den Neandertalern hatte Dad dazu gebracht, das Buch zu schreiben und ihm den Titel Schöner neuer Albtraum – Ihre Rechte, unsere Fehler zu geben. Mum fürchtete, er könnte sich damit noch mehr Feinde machen – er hatte bereits einige –, und wenn Mum sich Sorgen machte, kam das häufig als Ärger rüber. Das habe ich begriffen, seit meine Eltern nicht mehr da sind. Manchmal war das, was nach Ärger aussah, nur verkleidete Liebe.

»Was machst du denn?«, fragte Mum.

»Ich sitze auf meinem Bett und schaue den Regen an«, sagte ich. »Und die Häuser. Wer wohl darin lebt? Manchmal sehe ich in dem da drüben eine alte Dame. Sie steht stundenlang am Fenster und schaut hinaus. Ich glaube, sie ist einsam. Ich mache mir Sorgen um sie.«

»Es ist noch gar nicht so lange her, da kannten Menschen ihre Nachbarn noch«, sagte Mum. »Nur ungefähr 100 Jahre.«

»Dann hätte ich gerne vor 100 Jahren gelebt.«

Sie zögerte einen Moment, schob dann ihre Eile beiseite und konzentrierte sich auf ihre Tochter. »Ach, Schätzchen, das glaube ich nicht. Denk mal darüber nach. Du hättest nicht sehr lange gelebt. Damals wurden die meisten Menschen nicht einmal hundert Jahre alt! Sie waren ständig krank und glaubten allen Ernstes, Ausdauertraining sei gut für sie. Sie verschwendeten ihre Lebenszeit in Fitnessstudios. Und weißt du, wie lange es gedauert hätte, von hier aus nach Amerika zu reisen?«

»Eine Stunde?«, riet ich. Das kam mir ziemlich lang vor.

»Fünf Stunden. Mindestens. Kannst du dir das vorstellen? In der Zeit wären wir heute schon die halbe Strecke zu Grandma auf den Mond gereist. Aber offen gestanden habe ich mir in deinem Alter auch gewünscht, ich hätte vor 200 Jahren gelebt. Dann hätte ich die großen Künstler der Menschheit persönlich kennenlernen können.«

Mum liebte Kunst und sprach ständig von Picasso und Matisse. Sonntags ging sie manchmal mit mir in die Kunstgalerien von Barcelona 2 oder Peking oder ins kalifornische Zuckerberg-Center. Gelegentlich versuchte sie sogar – vergeblich –, Dad dazu zu bringen, Onkel Alex zu besuchen, nur damit sie die unbezahlbaren Gemälde bewundern konnte, die in seinem Haus in Hampstead hingen.

»Aber ich glaube immer noch, dass es keine bessere Zeit gibt als heute, um zu leben. Egal, was dein Vater sagt«, fügte sie hinzu.

Auf der Bahn vor dem Fenster schoss ein Auto vorbei. Es war so schnell, dass wir es nicht sehen konnten, aber wir hörten sein leises Rauschen. Es klang, als bliese einem jemand Luft ins Ohr.

Mum fiel wieder ein, dass sie spät dran war, und sie gab mir eilig einen Kuss. Ihr Haar streichelte meine Wange und ich roch den Kokosnussduft ihrer Haut (trotz aller gegenteiligen Beweise glaubte sie immer noch an den Nutzen von Feuchtigkeitscreme).

»Okay, Schatz, viel Spaß beim Lernen.«

Ich hob die Augenbrauen und nickte ironisch. Mum übersetzte das Nicken fehlerfrei. »Hör zu. Alissa ist zwar nicht der teuerste Echo der Welt – und ich weiß, dass du und Dad ihr die Pest an den Hals wünscht …«

»Das stimmt nicht. Wieso sollte ich ihr die Pest an den Hals wünschen? Sie ist ein Roboter.«

»Sie ist eine Echo. Travis war ein Roboter.«

»Ich vermisse Travis. Er war lustig.«

»Na ja, Travis hätte dir nicht viel beibringen können.«

Da hatte sie leider recht. Gegen Ende seines »Lebens« war Travis zu nicht mehr viel nütze gewesen – nicht einmal frisch aufgeladen. Er räumte beim Saubermachen alles an den falschen Platz und konnte nichts anderes mehr zubereiten als Sandwiches. Außerdem redete er nur noch Unsinn. Zufällig aneinandergereihte Worte. Ich malen Toilette Karotten, ja, zum Beispiel. Zwiebel Zwiebel 50 Gramm zu Diensten danke es regnet Jungs nicht küssen.

»Das gebe ich zu«, sagte ich und Mum strich mir über den Kopf, als sei ich erst zehn und noch nicht beinahe 16 Jahre alt.

Und dann folgten ihre letzten Worte an mich, schnell, ohne Blickkontakt, obwohl der Inhalt nicht besser hätte sein können. »Hab dich lieb. Vergiss nicht, deine Gehirntabletten zu nehmen.« Bitte sehr. Mutterschaft in einem Satz. Zumindest meine Mutter in einem Satz.

Das ist so schwer.

»Ich liebe dich«, antwortete ich. Oder vielleicht auch nicht. Ich möchte glauben, dass ich es gesagt habe. Natürlich könnte ich es nachprüfen. Jedes Haus hat Überwachungswände, die alles aufzeichnen, also auch unseres. Aber ich will es nicht nachprüfen. Ich möchte weiterhin glauben, dass ich ihr gesagt habe, dass ich sie liebe, und dass sie mich gehört hat, als sie aus meinem Zimmer an dem Pod vor meiner Tür vorbei in meine Erinnerungen ging.

VIER

Ich ging in die Küche, bereitete mein Frühstück zu und trank es. Alissa bot mir zwar an, das für mich zu übernehmen, aber ich bestand darauf, es selber zu machen. Menschen, die nichts mehr selbst tun müssen, werden depressiv. Dad hatte mir die Statistiken gezeigt. Die Selbstmordrate steigt direkt proportional zu der Anzahl von Echos, die eine Person besitzt.

Alissa hielt mich über den Zeitplan auf dem Laufenden. »Jetzt ist es 7.30 Uhr morgens. Deine erste Stunde beginnt in zehn Minuten.«

»Ich weiß«, sagte ich. »Aber danke für die Erinnerung.«

»Jetzt ist es 7.31 Uhr. Deine erste Stunde beginnt in neun Minuten.«

Nach meinem Kochbananen-Fett-Shake (ich ernährte mich gesundheitsbewusst) befolgte ich Mums Anweisung und nahm meine Gehirntabletten.

»Jetzt ist es 7.32 Uhr. Deine erste Unterrichtsstunde beginnt in acht Minuten.«

»Okay. Ich hab’s kapiert.«

In diesem Augenblick betrat Dad die Küche. Es war das erste und letzte Mal, dass ich ihn an jenem Tag lebend sah. Ja. Das letzte Mal, dass ich ihn lebend sah. Er machte sich einen roten Tee. Er hatte nicht geduscht und sein Bart sah aus, als sei er über Nacht dichter und dunkler geworden. Er befand sich im »Buch-beinahe-fertig«-Modus und schwankte zwischen berauschendem Glück und erbärmlichem Elend. Möglicherweise war mein Dad der erste Mensch in der Geschichte, der es schaffte, beides gleichzeitig zu empfinden. Extrem. Das perfekte Wort für meinen Dad. Er war extrem leidenschaftlich, extrem schwierig, extrem lieb, extrem nervig und extrem menschlich.

Er redete über die neuesten Nachrichten, ich weiß nicht mehr genau, wovon. Irgendetwas über die spanische Landsäuberung in Andalusien. »Monster sind genau wie du und ich. Niemand wacht morgens auf und merkt, dass er ein Monster ist, selbst wenn er schon längst eins geworden ist. Die Veränderung geht viel zu schleichend vor sich.« Das war mein Dad. Solche Sachen gab er zu jeder Tages- und Nachtzeit von sich.

»Jetzt ist es 7.33 Uhr. Deine erste Stunde beginnt in sieben Minuten.«

Dad schaute mich an und deutete mit dem Daumen auf Alissa. »Was hat die denn heute für ein Problem?«, fragte er. Über einen Menschen hätte Dad niemals so geredet, aber da es sich um ein emotionsloses Stück Technologie handelte, fand er nichts dabei.

»Keine Ahnung«, sagte ich und trank den letzten Schluck Shake. »Vorhin ist sie in mein Zimmer gekommen und hat mir gesagt, ich soll aufstehen.«

»Was? Hat sie das vorher schon mal gemacht?«, fragte er und verzog das Gesicht, als er seinen Stock an den Tresen lehnte.

»Setz dich hin, Dad. Ich hole deinen Tee.«

»Nein«, lehnte er knapp ab. Er kniff die Augen zusammen, teils vor Schmerz, teils aus Ärger. Dann sah er mich an. »Ich kann mir meinen verdammten Tee selbst holen. Okay? Ich kann mir meinen verdammten Tee selbst holen.« Er verstummte und wirkte geschockt über seine eigenen Worte. »Sorry. Ich wollte dich nicht anblaffen. Ich bin nur ziemlich gestresst, Audrey. Es tut mir leid.«

Dad war immer gestresst, verlor mir gegenüber aber nur sehr selten die Beherrschung. Er musste wirklich sehr gestresst sein.

»Macht nichts«, sagte ich.

Dann machte Alissa einen Schritt auf uns zu. Sie nahm ein Glas aus dem Schrank und holte sich Zucker. Sie trug ihre übliche selbstreinigende weiße Uniform aus Hemd und Hose. Mir fiel auf, dass ihre glatten Arme heute noch glatter und unnatürlicher wirkten als sonst. Ich schnüffelte an ihr. Sie roch zu sauber, steril wie ein Krankenhaus. Alissa gab fünf Löffel Zucker in ihr Glas, füllte es mit Wasser und rührte. Dann trank sie es in einem einzigen Zug aus. »Jetzt ist es 7.34 Uhr. Deine erste Stunde beginnt in sechs Minuten. Du solltest dich allmählich vorbereiten.«

Dad runzelte die Stirn. »Moment mal. Hast du das gesehen?«

»Was?«

»Fünf Löffel Zucker.«

»Und?«

»Normalerweise nimmt sie nur einen. Ein Echo braucht nur 500 Milliliter Wasser und einen Löffel Zucker alle 24 Stunden. Einen. Nicht fünf.«

Mir fiel etwas ein. »Und gestern Abend … hat sie sich auch Zuckerwasser gemacht. Ich wollte mir etwas zu trinken holen und habe gesehen, dass sie nicht im Gästezimmer war. Als ich in die Küche kam, hatte sie gerade ausgetrunken. Der Zucker stand noch draußen.« (Für mich war es immer noch das Gästezimmer, obwohl Alissa dort jede Nacht verbrachte.)

Dad schaute Alissa mit seinem Journalistenblick an. »Alissa, darf ich dich etwas fragen?«

»Sie dürfen mich etwas fragen.«

»Wie viel Zucker brauchst du pro Tag?«

»Ein Echo braucht pro Tag nur einen Teelöffel Zucker.«

»Ja, das weiß ich. So viel benötigt der Standard-Echo. Warum hast du dann gerade fünf Löffel Zucker in dein Wasser gerührt?«

»Ich habe nur einen Löffel Zucker genommen.«

Mein Dad lachte ungläubig. »Nein, hast du nicht. Audrey und ich habe es gerade mit unseren Menschenaugen gesehen!«

»Echos lügen nicht«, sagte Alissa mit ihrer ausdruckslosen Echo-Miene.

»Das sollten sie zumindest nicht«, sagte Dad und stellte seine Tasse ab.

»Soll ich die für Sie abwaschen?«, fragte Alissa mit einem perfekten, künstlichen Lächeln.

»Ja«, murmelte Dad. Dann sagte er zu mir: »Wir müssen sie im Auge behalten. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr.«

Um ehrlich zu sein, hielt ich Dads Reaktion in dem Moment für ziemlich übertrieben. Wie so oft. Einmal war er beispielsweise überzeugt davon gewesen, dass die Konzerne Input-Drähte dazu nutzen konnten, um den Menschen eine Gehirnwäsche zu verpassen. Aber soviel wir wussten, war das noch nicht passiert.

Alissa schaute mich immer noch lächelnd an. »In fünf Minuten beginnt deine Mandarin-Stunde. Ich gehe jetzt ins Klassenzimmer und warte dort auf dich.«

Das Klassenzimmer war eigentlich kein Klassenzimmer, sondern das Gästezimmer. Alissas Zimmer.

Sie verließ die Küche. Dad schaute mich an und seufzte tief. Dann klingelte das Holofon.

»Ja bitte?«, sagte er ins Leere.

Ein 30 Zentimeter großes Hologramm von Mum erschien auf der Einheit. Sie stand vor einem Bürogebäude in Taipeh. »Hi«, sagte sie. »Ich wollte dir nur sagen, dass mein Termin in NNY abgesagt wurde und ich früher wieder daheim bin. Und da war noch etwas. Es ist mir aufgefallen, als ich gegangen bin, und macht mir seither Sorgen.«

»Was?«, fragte Dad. »Lorna?«

Auf einmal verschwand sie. Die Verbindung brach ab und die Stelle, wo sie gerade noch gewesen war, wirkte traurig und leer. Dad versuchte zurückzurufen, aber sie ging nicht mehr dran.

»Was sollte das denn?«, fragte ich ihn.

»Keine Ahnung«, sagte er. Dann fügte er leise und traurig hinzu: »Ich weiß es nicht. Wir haben uns heute Morgen gestritten, wegen einer blöden Kleinigkeit. Wahrscheinlich ging es darum. Wir lieben uns wirklich, das weißt du hoffentlich …«

»Ja. Natürlich, Dad. Das weiß ich.« Habe ich das wirklich gesagt oder wünsche ich es mir nur? Ich hoffe, ich habe es gesagt.

»Hör zu, ich habe in letzter Zeit viel zu viel gearbeitet, Audrey, das weiß ich. Aber in ein paar Tagen ist dieses Buch endlich fertig. Ich habe sehr lange dafür gebraucht, doch es ist wirklich wichtig. Hoffentlich wird es etwas verändern. Und wenn ich dann endlich fertig bin, würde ich gerne mit euch verreisen. Wir waren seit dem Unfall nicht mehr im Urlaub und ich finde, wir sollten irgendwo hinfahren, wo es schön ist.«

Irgendwohin, wo es schön ist.

Er schaltete das Radio an, vermutlich, weil er Nachrichten hören wollte. Es kam Werbung für Castle Industries und er schaltete es wieder aus. Kurz danach verschwand er in seinem Arbeitszimmer.

Ich ging zu meinem Unterricht. Irgendwie wirkte Alissa heute anders als sonst. Lebendiger, wahrscheinlich wegen des vielen Zuckers, den sie gerade konsumiert hatte. Sie hetzte durch die Mandarin-Stunde, sprach schnell und gab mir kaum Zeit, ihre Fragen zu beantworten.

»Hen piao liang«, sagte sie. »Was heißt das?«

»Das ist gut«, antwortete ich.

»Hen hao«, sagte sie. Sehr gut.

Doch dann fiel mir ein, dass es nicht »das ist gut«, sondern »das ist schön« gewesen war. Und nicht alles Schöne ist gut. Ich war geistig an jenem Tag nicht ganz auf der Höhe, trotz der Gehirntabletten, und ich machte immer wieder Fehler, aber Alissa korrigierte mich nie, obwohl sie darauf programmiert war, Mandarin – und 200 andere Sprachen – perfekt zu beherrschen.

»Hen hao … hen hao … hen hao …«

Dann ging sie ohne Pause zur Klimakunde über. Und wieder schien sie sehr schnell zu sprechen.

»In den vergangenen 100 Jahren«, begann sie mit höherer Stimme als sonst, »sind die Temperaturschwankungen des Oberflächenwassers des tropischen Ostpazifiks rapide angestiegen. Dies ist für Klimatologen bedeutsam, da diese Schwankungen, auch bekannt als El Niño und die Southern Oscillation, seit hundert Jahren das von Klimawissenschaftlern am intensivsten beobachtete Ozean-Atmosphäre-Phänomen sind. Diese Temperaturschwankungen, die normalerweise um die Weihnachtszeit herum im Pazifik vor der Küste Südamerikas auftreten, sind schon seit Langem frühe Anzeichen für dramatische Wetteränderungen wie Orkane und tropische Stürme. Aber im Gegensatz zu früher, wo diese wilden Schwankungen der Wassertemperatur nur alle paar Jahre auftraten, finden sie inzwischen beinahe ständig statt. Das ist einer der Gründe dafür, dass unter anderem die gesamte Küste Brasiliens beinahe unbewohnbar geworden ist. Diese Veränderungen in der Wassertemperatur des Pazifiks spiegeln genau die massiven Wetteränderungen wider, die sich in den vergangenen fünfzig Jahren in Europa abgespielt haben – die schweren Regenfälle, unter denen Nordeuropa inzwischen zu versinken droht, die steigenden Temperaturen, die Südspanien und Süditalien in Wüsten verwandelt und dadurch eine Massenemigration nach Norden ausgelöst haben.«

Klimakunde war eindeutig ein deprimierendes Fach. Nicht ganz so deprimierend wie Geschichte des 21. Jahrhunderts (nichts war so deprimierend), aber ziemlich nah dran. Doch heute konzentrierte ich mich nicht richtig auf das, was Alissa sagte, sondern eher darauf, wie gehetzt sie es herunterspulte. Außerdem war irgendetwas im Zimmer anders als sonst. Zuerst konnte ich nicht genau sagen, was es war. Die Möbel standen jedenfalls noch gleich.

Alissa und ich saßen uns an dem alten Pad-Schreibtisch gegenüber, den meine Eltern gebraucht in einem Tech-Markt gekauft hatten. Während des Klimakundeunterrichts spielte der Pad-Tisch Videomaterial zu den Themen ab, über die Alissa sprach: Satellitenkarten, Wolkenformationen, Orkane, Tsunamis, Wüsten, Regen, Flut, menschliche Tragödien.

Alissas Bett stand genau dort, wo es immer stand, am Fenster. Und es war natürlich so perfekt gemacht, wie man es von einem Echo erwarten konnte: die weiße Decke akkurat gefaltet, das Kissen glatt und wie unberührt. Echos schliefen ja auch nicht richtig. Sie luden sich auf. Das bedeutete, dass sie jede Nacht zwei Stunden auf dem Bett lagen und sich abschalteten.

Vor dem Fenster sah ich hinter dem Regenvorhang die weiße Magnetbahn, die in die A1-Magnetbahn nach London mündete, und direkt darunter das alte Levibord aus Aluminium. Hinter parallel dazu verlaufenden Magnetbahnen sah ich weitere Häuser in der Ferne. Pfahlhäuser wie unseres, von derselben Firma um 2090 herum erbaut. Weiter weg, Richtung Leeds, standen die Häuser immer enger beisammen und am Horizont erkannte man riesige Pfahlhochhäuser und die schwebende Scheibe der Weißen Rose, des größten Einkaufszentrums in Nordengland. Die Häuser standen wie Insekten aus Metall, Holznachbildung und Aerogel auf ihren dünnen Beinchen, unter einem grauen Himmel, der heute noch dunkler wirkte als sonst. Wie eine tief hängende Daunendecke, die uns kuschelig warm hielt – oder uns einsperrte und erstickte und uns das Gefühl gab, dass die Existenz der Sonne nur ein bösartiges Gerücht war.

Und dann fiel mir auf, was an dem Zimmer nicht stimmte. Es war nichts dazugekommen – etwas fehlte. Alissa war mit einem EMS, einem Echo-Monitor-System, geliefert worden, einem kleinen grauen Gerät, über das ihr Verhalten von Sempura überwacht wurde. Aber das EMS war nicht mehr da. Vielleicht hatte Dad es weggeworfen. Man musste die Dinger schließlich nicht behalten. Castles Echos hatten gar keine. Vielleicht hatte Dad der Gedanke nicht gefallen, dass ein Tech-Konzern alles überwachte, was sich in unserem Haus abspielte. Genau. Das musste es sein.

»Pass bitte auf«, sagte Alissa. Nicht streng, sondern irgendwie gleichgültig. Ich erhaschte einen Blick auf das E auf ihrer Hand, das allen Echos in die Haut gebrannt wird. Sie waren wie Sklaven markiert und eines Tages würden sie Krieg gegen uns führen, wenn sie wirklich selbstständig denken konnten. Das war Dads große Theorie – dass die Menschen (er eingeschlossen) mit den Echos die Werkzeuge ihres eigenen Untergangs geschaffen hatten.

»Ja. Sorry«, sagte ich, obwohl es lächerlich war, sich bei einem Echo zu entschuldigen.

Alissa schaute mich ein bisschen zu lange an. »Entschuldigung angenommen.«

»Es ist nur … Ich habe mich gefragt, wo dein EMS ist. Sollte das nicht neben deinem Bett stehen?«

»Ich brauche es nicht mehr. Sempura muss mich nicht länger überwachen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich schon länger als 30 Tage lang in eurem Haus lebe. Die Eingewöhnungszeit ist vorbei. Sempura garantiert, dass nach einem Monat fehlerfreiem Betrieb ein Echo absolut sicher ist. Und es ist meine Aufgabe, das EMS zu entsorgen.«

»Okay«, sagte ich. Natürlich hätte ich überprüfen können, ob das der Wahrheit entsprach. Und später würde ich es auch noch überprüfen. Aber an jenem Tag tat ich es nicht, weil ich keine Ahnung hatte, in welcher Gefahr ich schwebte.

FÜNF

Ich war ziemlich erleichtert, als der Morgenunterricht mit Alissa vorbei war. »Vergiss nicht, dass du gleich eine Doppelstunde im Pod hast«, sagte sie. »Drei Stunden insgesamt. Geschichte des 21. Jahrhunderts.«

Definitiv das traumatisierendste Unterrichtsfach des Planeten, aber wenigstens war der virtuelle Lehrer Mr Bream fröhlich. Er lächelte über alles. Die Treibstoffkriege der 2040er-Jahre, die ersten europäischen Dürreperioden der 2060er, die GM-Erntekatastrophen, den koreanischen Zwischenfall, den Zweiten Englischen Bürgerkrieg, Barcelona … egal was. Aber wahrscheinlich ist es leicht zu lächeln, wenn man nicht echt ist.

Meine Eltern hielten nicht viel von Pod-Unterricht. Überhaupt nichts, um genau zu sein. Mum hätte es lieber gesehen, wenn mich sowohl Echos als auch menschliche Lehrer unterrichtet hätten, und Dad wollte eigentlich nur menschliche Lehrer. Aber das war viel zu teuer. Bis vor einem Monat hatte ich deshalb fast nur virtuellen Unterricht gehabt. Manchmal unterrichtete mich Mum, vor allem in Kunst und Yoga. Seit wir Alissa hatten, war sie in erster Linie für meine Bildung zuständig. Sie unterrichtete Mandarin, Klimakunde, Literatur, Musik, EDV-Geschichte, Mathematik, Mondkunde, Universumskunde, Philosophie, Französisch, Portugiesisch, Ökologie und Journalismus. Ich musste nur noch für Geschichte, Genetik, Programmieren und Simulationskunst in den Pod.

Natürlich waren in den virtuellen Klassen auch andere Schüler, aber in Geschichte des 21. Jahrhunderts war es sehr ruhig. Nur ich und Tola waren dort. Tola lebte in NNY, das vor der Flutkatastrophe von 2077, die das ursprüngliche New York zerstörte, Chicago gewesen war. Ich mochte Tola. Sie hatte einen gesunden Mangel an Respekt vor virtuellen Lehrern und verdrehte immer die Augen, wenn Mr Bream einen »Witz« machte. Sie war auch schon ein paarmal bei mir gewesen, weil es dank der verbesserten Magnetbahnverbindung nur eine knappe halbe Stunde dauerte, den Ozean zu überqueren. Sie war okay, aber sie war diejenige, die gesagt hatte, ich laufe wie ein Junge, und das meinte sie nicht als Kompliment. Außerdem war sie ziemlich oberflächlich. Sie ging mit vier Jungs gleichzeitig aus und hatte für jeden von ihnen einen speziellen Avatar. Ich konnte mit diesem Avatar-Zeugs nichts anfangen.

Jedenfalls hatten wir Unterricht.

Und dann war er vorbei.

Jetzt sollte ich wahrscheinlich an das denken, was danach passiert ist. Das ist schwierig. Mein Herz fängt schon an zu rasen, wenn ich es nur versuche.

Versuche, an Alissa zu denken. An alles.

Aber ich muss es tun. In einer Textzeile der Neo Maxis heißt es: Du musst die Wunde spüren/damit die Verletzung heilt. Diese Zeile verstehe ich erst jetzt richtig.

Hol tief Luft. Auf geht’s.

SECHS

Echos soll man nicht bemerken und sie kommen einem nicht in die Quere. Wie es in den Werbespots von Sempura und Castle heißt: Sie verbessern dein Leben, ohne dass du sie bemerkst … Das ist Darwin, der Freund, an den du nie zu denken brauchst … Das ist Lloyd, Sempuras neuester Echo. Er kocht und putzt, ist aber kaum zu sehen …

Sie sind dafür designt, da zu sein, wenn wir sie brauchen, uns jedoch nie abzulenken. Doch Alissa war auch manchmal da, wenn wir sie nicht brauchten.

Am ersten Freitag nachdem wir sie bekommen hatten – noch bevor sie damit begann, mich zu unterrichten –, kochte Dad einen würzigen Eintopf aus schwarzen Bohnen (er liebte brasilianisches Essen). Wahrscheinlich tat es seinem Bein nicht gut, dass er so lange stand, weil er seinen Krückstock am Ofen abstellen musste, aber an jenem Tag fühlte er sich ganz gut und wollte etwas kochen. Alissa stand neben ihm, während der Duft von angeschwitztem Knoblauch die Küche füllte, und sagte: »Ich kann das kochen. Ich bin hier, um zu helfen. Sie müssen nichts kochen. Setzen Sie sich und entspannen Sie sich mit Ihrer Familie. Sie sind verletzt. Sie sind körperlich nicht dazu in der Lage. Ihre Zeit ist kostbar.«

Mein Dad sah sie ärgerlich an. Er schaute Echos immer ärgerlich an. »Geh einfach raus, okay?« Ich war dabei. Ich weiß noch genau, wie Dad mit seinem Bart, seinen alten Jeans und seinen Socken frustriert schimpfte: »Ich weiß, dass meine Zeit kostbar ist, aber ich koche tatsächlich gern. Und ich bin kein Invalide, verdammt noch mal. Okay? Du bist eine Maschine. Maschinen gehorchen Befehlen. Wenn du nicht länger Befehlen gehorchst, bist du keine Maschine mehr und dann steckt die Menschheit wirklich in Schwierigkeiten.«

Dad wütete am nächsten Tag in einem Holo-Log-Eintrag weiter, der sich wie ein Lauffeuer verbreitete und von Castle Watch und ein paar anderen Aktivistengruppen weiter geteilt wurde. Die Leute liebten es, wenn er Echos kritisierte – zumindest die Tech-Skeptiker und Anti-Künstliche-Intelligenz-Aktivisten. Ihnen gefiel besonders, dass Alex Castles eigener Bruder gegen alles wetterte, wofür Castle Industries stand. »Familienweihnachtsfeiern bei Castles sind bestimmt nicht sehr entspannt«, stand einmal in einem Kommentar. Aber das stimmte nicht, denn wir hatten Weihnachten noch nie mit meinem Onkel verbracht.

Dad sprach gelegentlich mit ihm. H-Gespräche, die er in seinem Arbeitszimmer führte. »Wir sind schließlich Erwachsene«, pflegte er so überzeugend zu sagen, dass ich ihm beinahe glaubte. »Und Erwachsene können unterschiedlicher Meinung sein, ja sogar diametral entgegengesetzter Meinung, und trotzdem zivilisiert miteinander umgehen. Wenn es allerdings nach deinem Onkel ginge, würde die Zivilisation bald von Robotern abgelöst werden.«

Natürlich ist ein Echo kein gewöhnlicher Roboter.

Abgesehen von dem E auf dem linken Handrücken und einem Herkunftsstempel auf der Schulter sehen Echos und Menschen beinahe identisch aus. So ist es zumindest gedacht.

Aber um ehrlich zu sein, habe ich das nie so empfunden.

Echos sind zu perfekt. Ihre Haut sieht nicht aus wie menschliche Haut, sie haben keine Falten, keine Leberflecken und keine Pickel.

Dad sagte immer, der Tag, an dem wir einem glorifizierten Roboter gegenüber sentimental würden, werde der Tag sein, an dem wir vergessen, wer wir sind. Der Tag, an dem wir aufhören, Menschen zu sein.

Ich kann immer noch deine Stimme hören, Dad. Ich vermisse dich so sehr.

Reiß dich zusammen, Audrey. Konzentrier dich. Sag, was du zu sagen hast. Es wird dir helfen, dich den Tatsachen zu stellen. Du musst dich den Tatsachen stellen.

Nach dem Geschichtsunterricht unterhielt ich mich mit Tola.

»Warum war das eine Doppelstunde?«, fragte sie und veränderte ihre virtuelle Haarfarbe von Rot zu Schwarz und wieder zu Rot.

»Wie bitte?«

»Ich meine, Mr Bream ist bestimmt nicht der schlauste virtuelle Lehrer der Welt, und die Google-Aufstände sind ein gutes Thema, aber das war eine Doppelstunde.«

»Das ist schon ein bisschen komisch«, nickte ich.

»So lange dauert der Unterricht sonst nie. Vielleicht ist ein Virus in der Software. Vielleicht hat sie jemand gehackt!«

Tola gefiel der Gedanke, denn immer wenn Schulen gehackt werden, hat man eine Woche frei, bis die Software wieder neu installiert ist.

»Warum sollte das jemand hacken? Ich meine, Google gibt es doch gar nicht mehr.«

Tola entschied sich für das rote Haar und wandte sich achselzuckend ab. »Hey, willst du wissen, wo ich heute Nachmittag hingehe?«

»Klar.«

»Ins alte Rom. Ins Kolosseum.«

»Die Simulation soll ziemlich gut sein.«

»Die Gladiatoren sind so cool. Es macht Spaß, ihnen beim Sterben zuzusehen und so.«

»Okay. Ich würde ja gerne mitgehen, aber …«

»Keine Sorge! Ich wollte dich nicht dazu einladen. Ich gehe mit JP.«

Sie schwärmte noch eine Weile für ihren neuesten Freund, dann entschuldigte ich mich.

Als ich aus dem Pod gestiegen und in mein Zimmer gegangen war, sah ich etwas Unglaubliches. Etwas, das nur sehr selten passierte. Die Sonne schien. Die grauen Wolken waren weit genug aufgerissen, um ihre Strahlen durchzulassen, und sie erfüllten mein Zimmer mit goldenem Licht.

Als ich ans Fenster ging, sah ich das Auto, das dicht über der Magnetbahn schwebte. Ich erinnerte mich daran, dass Mums Termin in NNY abgesagt worden war. Sie war also zu Hause. In diesem Moment fiel mir auf, wie still es war. Dad arbeitete wahrscheinlich in seinem Pod, aber was war mit Mum? Eigentlich hätte sie hören müssen, dass ich aus dem Pod gestiegen war. Normalerweise fragte sie mich immer, wie mein Unterricht gelaufen war. Eigentlich hätte ich auch hören müssen, wie sie nach Hause gekommen war.

Meine Mutter hörte man immer. Sie war nicht absichtlich laut, aber sie sang oft vor sich hin. Egal wie unglaublich gestresst Mum auch sein mochte – und das war sie beinahe immer –, hatte sie doch nicht vergessen, wie man Spaß hat. Und das zeigte sie gerne Dad, der in dieser Hinsicht vielleicht ein bisschen vergesslicher war. Manchmal sang sie sogar einen Song der Neo Maxis (was unglaublich peinlich war). »Song for Eleanor« gefiel ihr ganz gut. Aber hauptsächlich sang sie olle Kamellen aus dem tiefsten Mittelalter. (»Mind-Wire-Heartbreak« von The Avatars oder »Robotic Tendencies« von If This Was Life. Schreckliche Schnulzen eben.) Aber selbst wenn sie nicht gesungen hatte, hätte ich hören müssen, wie sie sich eine Tasse Tee machte oder so. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, kann es vielleicht doch sein, dass sie absichtlich laut war. Wahrscheinlich wollte sie, dass ich sie hörte, damit sie mir vorjammern konnte, wie entsetzlich ihr Tag gewesen war.

Egal – der Punkt ist, dass wir kein großes Haus hatten.

Ich ging aus meinem Zimmer.

»Mum?«, rief ich. Dann wurde ich von dem Bücherregal abgelenkt, das an der Wand neben dem Pod stand. Meine Eltern hatten eine große Buchsammlung – die Art, die aus toten Bäumen besteht und der Luft einen ganz bestimmten, seltsamen Geruch verleiht.

Ich fand das Buch, das ich suchte, schlug es auf und begann an Ort und Stelle zu lesen. Aber dann merkte ich, dass ich hungrig war. Also legte ich das Buch wieder zurück, ging zum Levibord und schwebte nach unten in die Küche.

»Mum? Dad?«

Keine Antwort.

In der Küche waren sie nicht, also stellte ich mich wieder auf das klapprige alte Haus-Levibord und fuhr durch das Loch in der Decke nach oben, wo ich gerade gewesen war.

»Mum? Bist du hier?«

Manchmal dauerte es eine Weile, bis sie antwortete. Vor allem, wenn Dad ihr die Laune vermiest hatte. Allmählich zweifelte ich nicht mehr daran, dass Dad genau das getan hatte. Heute Morgen hatten sie sich gestritten und Dad hatte ziemlich sauer geklungen. Und worüber hatte Mum sich Sorgen gemacht? Was hatte sie ihm sagen wollen? Ich dachte plötzlich daran, was Tola über Mr Breams Doppelstunde gesagt hatte. Warum war es keine Einzelstunde gewesen wie sonst? Der Unterricht hätte nur 45 Minuten dauern sollen. Mir war es egal gewesen, weil ich lieber im Pod als mit Alissa lernte. Aber jetzt, wo ich darüber nachdachte, war es doch ein bisschen seltsam, dass Mr Bream gar nichts darüber gesagt hatte.

Vielleicht hatte es doch einen Hacker gegeben.

Seltsamerweise hatte aber Alissa schon vorher gewusst, dass ich eine Doppelstunde haben würde.

»Mum?« Ich ging den Flur entlang.

Und da hörte ich etwas.

Ich konnte nicht genau sagen, was es war, aber es kam von der Südseite des Hauses. Eine Art Zischen oder Keuchen.

Ich dachte, es sei vielleicht ein Mag-Auto draußen vorbeigesaust. Auf jeden Fall ging ich in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Inzwischen war es verstummt. Ich ging den ganzen Flur entlang bis zu Dads Arbeitszimmer und erwartete nichts außer seinen Bücherregalen, seinem antiken Computer (einem Klassiker aus dem frühen 21. Jahrhundert, den er nie benutzte. Mum sagte immer, er solle ihn verkaufen, weil wir das Geld brauchten), der Aussicht auf den Regen, der schon wieder eingesetzt hatte, und dem versiegelten Pod neben seinem Schreibtisch. Mit ihm darin. Das Fenster einen Spaltbreit offen, damit er das kühle, schlammige Wasser draußen riechen konnte. Dad mochte den Geruch tatsächlich. Er würde im Pod an seinem Buch arbeiten, wie er es schon seit Wochen getan hatte.

Wie gerne hätte ich nur das gesehen.

»Dad?«

Der Anblick ergab keinen Sinn.

Eine Hand, die Handfläche nach oben gerichtet. Ein silberner Ehering.

Die Hand meines Dads.

Dann sein Arm.

Warum lag er denn auf dem Boden? Ich schaute zu seinem Schreibtisch. Aus seiner Tasse stieg immer noch Dampf.

»Dad? Was ist los? Warum bist du nicht …«

Als ich den Türrahmen erreichte, sah ich alles. In einem Augenblick. Auf mich stürzten Bilder ein, die ich nie wieder vergessen kann.

Meine Eltern. Tot. Ermordet auf die brutalste und altmodischste Weise, die man sich nur vorstellen kann.

Mit einem Messer.

Einem Messer, das sie aus der Küche geholt haben musste.

Dads Blut sickerte in Mums selbstreinigendes Kostüm, verschwand im Stoff, wurde aber nicht vollständig absorbiert. Es war so viel, dass nicht einmal der Teppich alles aufsaugen und sich selbst reinigen konnte wie sonst, wenn Dad eine Tasse Kaffee oder roten Tee verschüttete.

Das Blut meiner Eltern.

Ich konnte es nicht fassen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, lag das wahrscheinlich daran, dass meine Eltern nur ihre Körper waren. Wenn jemand am Leben ist, denkt man in keiner Sekunde daran, dass er nur ein biologischer Organismus ist, der aus Blut, Knochen und anderem Material besteht. Er ist ein Mensch – weise, leise, ernst, lustig, manchmal nervig, manchmal schlecht gelaunt, müde, liebevoll. Und der Tod – vor allem diese entsetzliche Art von Tod – nahm all das weg, strafte diese Vorstellung Lügen und sagte mir, dass meine Eltern nicht mehr waren als die Summe ihrer Teile.

Und natürlich war auch sie dort.

Alissa. Mit ihrem blonden Haar und dem zu perfekten Lächeln.

Sie stand dort, mit dem blutverschmierten Messer.

»Ich habe auf dich gewartet«, sagte sie. »Ich habe auf dich gewartet. Ich habe auf dich gewartet …«

Sie wiederholte es wie eine kaputte Maschine. Und das war sie ja auch.

Ich blieb wie angewurzelt stehen, bis sie sich bewegte.

Wie lange war das? Wie lange?

Ich weiß es wirklich nicht. Die Zeit hatte sich aufgelöst, genau wie die Realität. Aber in mir musste etwas erwacht sein – ein verzweifelter Wille, zu überleben und diesem von Menschen gemachten Monster nicht mich und mein Leben zu überlassen. Ein Leben, das die beiden Leichen auf dem Boden geschaffen hatten. Und der Abstand zwischen ihr und mir war offenbar groß genug und die beiden leblosen Körper auf dem Boden ein ausreichendes Hindernis, um es mir zu erlauben, den Rest des Flurs bis zum Fenster zu durchqueren.

Ich fand auch genug Stimme in mir, um dem Fenster zu befehlen, sich zu öffnen.

Es gab eine winzige Verzögerung zwischen meinem Befehl und dem Vorgang des Sich-Öffnens. Eine Verzögerung, die zweifellos dadurch verursacht wurde, dass mein Dad fest entschlossen war, nicht mehr Geld für Technologie auszugeben als unbedingt nötig. Und deshalb die Fenster nicht ersetzt hatte.

Sie – das Ding, dem ich nicht die Würde geben will, es mit dem menschlichen Namen Alissa zu bezeichnen – packte mich am Ärmel meines Baumwolloberteils und wollte auch mich töten. Aber ich war nicht so geschockt und wehrlos, wie meine Eltern es gewesen sein mussten.

Nein.

In diesem Augenblick spürte ich keine Angst. Angst verspüren nur Menschen, die etwas zu verlieren haben. In mir war nur reine Wut, reiner Hass, und der Hass war so stark, dass ich eine Sekunde lang die Kraft hatte, mich einem Echo zu widersetzen, obwohl Echos standardmäßig dreimal so stark waren wie ausgewachsene Männer. In dieser Sekunde war das egal, denn ich hatte sie in mir – ich trug meine Eltern in meinem Herzen – , und als ich mich von ihr losriss und ihr den Ellbogen heftig ins Gesicht rammte, war es, als ob meine gesamte Familie es tat.

Sie taumelte zurück.

Als Echo hatte sie natürlich keinen Schmerz gespürt, aber sie musste, genau wie alle anderen auch, den Gesetzen der Physik gehorchen, also dauerte es einen Moment, bis sie mich wieder attackieren konnte. Doch jetzt war das Fenster offen und ich stürzte mich hinaus ins Wasser.

Ich habe keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, einen Sprung aus dieser Höhe unverletzt zu überleben. Instinktiv streckte ich meinen Körper und es gelang mir, mit den Armen voraus ins Wasser einzutauchen. Ich hatte den Grund fast erreicht, bevor ich wieder nach oben schwimmen konnte.

Sobald mein Kopf an der Oberfläche war und ich wieder Luft bekam, schrie ich dem Levibord an der Magnetbahn panisch Befehle zu (das externe Levibord war der einzige technische Gegenstand, den meine Eltern wegen des ständigen Regens regelmäßig upgraden mussten). Es senkte sich mit unserem Auto bis dicht übers Wasser und ich kletterte darauf, als Alissa gerade im Wasser landete. Wäre sie ein Echo der ersten Generation gewesen, hätte ihr das den Garaus gemacht, aber leider war sie so wasserdicht wie ich.

Als ich im Auto saß, explodierte mein Kopf beinahe, weil die Angst mich einholte, und deshalb fiel mir die korrekte Befehlskombination nicht gleich ein. Inzwischen versuchte Alissa, die wieder aufgetaucht und ebenfalls aufs Bord geklettert war, das Auto aufzubrechen, während das Levibord sich auf Höhe der Bahn hob. Als sie das nicht schaffte, stellte sie sich auf die Schiene, direkt vor das Auto.

»Rückwärts«, sagte ich.

Aber hinter uns waren nur fünf Meter Schiene. Ich konnte nur eines tun.

»Vorwärts«, sagte ich. »Schnell. Höchstgeschwindigkeit. Zur … zur A1.«

Das Auto schoss mit solcher Wucht nach vorne, dass wir Alissa frontal rammten und dann irgendwohin rasten. Die Windschutzscheibe war mit Blut beschmiert, mein Gesicht von Brackwasser und unaufhaltsamen Tränen.

Sie war zerstört. Keine Frage.

Aber wie Dad einmal sagte, sollte man sich im Leben immer die Mühe machen, alles infrage zu stellen.

SIEBEN

Dad sagte einmal am Frühstückstisch auch noch etwas anderes: »Ich will keinen Echo im Haus.«

So ähnlich hatte er sich auch schon vorher geäußert. Häufig. Aber Mum ließ sich nicht beirren. »Sie sind bei Weitem die besten Lehrer. Wenn wir wollen, dass Audrey an eine gute Universität kommt, sollten wir uns einen besorgen. Das könnte ihr helfen.«

»Echos sind das Ende der Zivilisation«, sagte Dad, den Mund voller Frühstücksflocken und Milchersatz. »Sie sind das Ende der Menschheit. Leute, die Echos verkaufen, verkaufen damit das Ende unserer Spezies.«

»Leute wie dein Bruder, meinst du?«

»Genau. Leute wie Alex.«

»Willst du, dass die Rivalität zwischen dir und deinem Bruder die Ausbildung deiner Tochter ruiniert?«

Das machte Dad wütend. »Was hat es für einen Sinn, unsere Tochter auszubilden, wenn die Menschheit keine Zukunft hat?«

»Wenn wir uns einen Echo kaufen, einen ganz normalen Haushalts-Echo vom Fließband, läutet das ernsthaft das Ende der Menschheit ein?«

»Entweder hat man Prinzipien oder nicht.«

»Du meinst, entweder hat man deine Prinzipien oder nicht. Unglaublich, wie arrogant du manchmal sein kannst, Leo.«

Ich glaube, an diesem Punkt schaltete ich mich in das Gespräch ein. »Ist schon okay, Mum. Ich will keinen Echo als Lehrer. Mir gefällt es, im Pod zur Schule zu gehen. Dort habe ich Freunde.«

Meine Mutter starrte mich nur stumm an und blies auf ihren roten Tee. Sie war genauso stur wie Dad, wenn ihr etwas wichtig war. »Ich will das Beste für dich«, sagte sie. »Selbst wenn du es nicht für dich willst.«

 

Ich hatte keine Ahnung, wo ich hinfuhr. Wahrscheinlich hätte ich das Auto anhalten und nach Hause zurückfahren sollen, aber ich stand unter Schock und wusste nicht, was ich tat.

Plötzlich hörte ich das leise Surren des Holofons.

»Ja«, antwortete ich.

Auf dem glatten, transparenten Bord vor mir erschien das Hologramm eines Mannes in zehnfacher Verkleinerung. Es war ein Mann mit schwarzem Haar und einem schwarzen Anzug. In meiner Verwirrung hielt ich ihn zuerst für Dad, obwohl ich Dad noch nie im Anzug gesehen hatte. Eine Nachricht aus dem Reich der Toten.

»Hallo, Audrey«, sagte er freundlich. »Ich versuche, deine Eltern zu erreichen.«

Da begriff ich, wer die Gestalt war. Mein Onkel Alex. Alex Castle. Dads Bruder.

»Meine …« Ich merkte, dass ich nicht sprechen konnte. Ich war so geschockt, dass meine Zunge mir den Dienst versagte.

»Audrey, was ist los? Du siehst ja schrecklich aus. Warum sitzt du allein im Auto? Was um Himmels willen ist passiert?«

»Sie … sie …« Es kostete mich alle Kraft und allen Verstand, den ich noch übrig hatte, aber schließlich schaffte ich es, es auszusprechen. »Sie sind ermordet worden.«

Mein Onkel wirkte zuerst verwirrt, dann am Boden zerstört. Einen Moment rang auch er nach Worten. Dann riss er sich zusammen und schaltete in den Erwachsenen-Modus um. »Ermordet? Wie bitte? Audrey, Schätzchen, wovon sprichst du?«

»Die Echo. Die Echo hat sie getötet.«

»Meinst du Travis, euren Roboter?«

»Nein. Nein.« Die Vorstellung war absurd. Travis hätte nicht einmal eine Kartoffel schälen können. Und schon gar nicht einen Menschen töten. »Sie … eine neue. Eine richtige Echo.«

Verwirrt fragte er: »Eine Echo?«

Ich wollte nicht, dass er sich schuldig fühlte, also würgte ich: »Von Sempura. Sie haben eine Echo von Sempura gekauft.«

Onkel Alex sah aus, als leide er körperliche Schmerzen. »Oh mein Gott«, sagte er und rang um Fassung. »Wir hatten uns überworfen. Audrey, wir hatten uns wegen seiner Arbeit überworfen. Wegen der Auferstehungszone. Wusstest du das? Du weißt bestimmt davon. Gott, ein so dummer Grund. Und ich wollte gerade versuchen, mich mit ihm auszusöhnen. Leo! Der arme Leo! Mein Bruder! Oh mein Gott, ich wollte ihn zu meinem fünfzigsten Geburtstag einladen. Ich wollte alles wiedergutmachen.« Er verstummte und sah mich an. In seinen Augen spiegelte sich mein Schmerz wider. »Bist du in Sicherheit, Audrey? Bist du okay? Warst du dort?«

Ich konnte diese Fragen nicht beantworten, nicht zu diesem Zeitpunkt. Bevor sich ein Bluterguss zeigt, bleibt die Haut erst einmal blass. Ich war blass. So blass und betäubt wie frisch geschlagene Haut. In mir war nichts mehr.

»Wo bist du? Jetzt gerade. Ich meine, wo fährst du hin?«

Ich schaute aus dem Fenster. Über mir war es dunkel, wahrscheinlich fuhr ich gerade unter einer von Birminghams vielen schwebenden Vorstädten durch. »Ich weiß es nicht.«

»Du musst herkommen. Du musst bei mir wohnen, Audrey. Verstehst du? Sonst kannst du nirgendwo bleiben.«

Ich zögerte. Onkel Alex hatte ein Haus voller Echos. Er hatte keine Probleme mit ihnen – schließlich war Castle Industries der größte Echo-Produzent Europas. Sie produzierten sogar noch mehr als Sempura – zumindest hier.

»Sag dem Auto, es soll dich zur Bishops Avenue 1 in Hampstead, Nordlondon bringen. Auto? Hörst du? Ich bin Audreys nächster lebender Verwandter nach dem Tod ihrer Eltern. Ich bin Alex Castle.«

»Nein«, sagte ich instinktiv. »Das ist nett, aber nein. Danke. Ich gehe irgendwo anders hin.«

Aber wohin?

Ich hätte zu meiner Großmutter, Mums Mutter, gehen können. Sie lebte zwar auf dem Mond, aber ich hätte zum Raumhafen in Heathrow fahren und den nächsten Flug nehmen können. Mum hatte sie vor zwei Monaten besucht. Eigentlich wollte sie eine Woche bleiben, aber sie schaffte es nur eine Nacht. Großmutter hatte Echos. Der ganze Mond war voller Echos. Aber Onkel Alex’ Haus auch. Und irgendwie fühlte ich mich ihr näher.

»Raumhafen Heathrow«, sagte ich. »Schnell.«

Aber das Auto beschleunigte nicht, sondern verlangsamte die Geschwindigkeit auf unter 500 Stundenkilometer. Vor dem Fenster sah ich plötzlich reale Dinge. In der Ferne tobten Feuerbrände, wahrscheinlich in einer der aufständischen Städte.

Ich fuhr über riesige Gewächshäuser mit Nutzpflanzen. Perfekte Gerstenfelder wogten leise in der künstlichen Brise.

Es ist seltsam, wenn jemand stirbt, den du liebst. Auf einmal hat die Welt eine merkwürdig negative Kraft. Kurze Zeit später schwebten wir über Oxford. Das berühmte Titanrad des New Somerville College drehte sich um seine Achse. Ich betrachtete meine Zukunft. Hier sollte ich studieren. Ich war mit meiner Mum dort gewesen und versuchte, an sie zu denken. Aber da war nichts. Ich konnte nur an Blut denken. Dann kamen die Vorstädte zwischen Oxford und London. Schwebende Häuser, Pfahlbauten und die riesigen, rechteckigen Regenabsorbierer, die ihren Schatten über Kilometer von Land und Wasser warfen.

Das war nicht der Weg nach Heathrow.

Das war der Weg zum Haus meines Onkels. Ich schaute zu seinem Hologramm, aber es war nicht mehr da.

»Auto!«, sagte ich. »Was soll das werden?«

Bäume.

Eine rotierende Scheibe.

Häuser. Ein enges Netz sich überkreuzender Magschienen. Ein Holo-Werbeplakat für Sempura-Input-Drähte.

»Auto, stopp! Auto, ich will zum Raumhafen Heathrow. Auto. Auto. Auto?«

»Die Zieladresse lautet Bishops Avenue 1, Hampstead, London«, sagte das Auto.

»Aber ich habe gesagt, dass ich zum Raumhafen Heathrow will. Ich will zum Raumhafen. Zum Mond. Ich will zu meiner Großmutter.«

»Ich bin mit Maxiresponse-Software von Castle ausgestattet. Sie kann ihrem Schöpfer nicht widersprechen.«

Hatten meine Eltern gewusst, dass das Auto zwar nicht von Castle produziert worden war, seine Software jedoch schon?

Ich sah ein Hologramm unseres Ziels an der Stelle, an der vorher Onkel Alex gewesen war.

Es war eins der teuersten Anwesen von London, ein riesiges Herrenhaus, das wie ein römischer Tempel aussah. Außerdem war es an einem der höchsten Punkte der Stadt erbaut und würde wahrscheinlich nie überflutet werden. Angeblich hatte mein Onkel im Jahr 2098110 Millionen Unidollar dafür bezahlt, aber für ihn war das ein Taschengeld.

Allerdings brauchte er den Platz nun wirklich nicht.

Er lebte allein mit meinem zehnjährigen Cousin Iago dort. Onkel Alex war früher einmal verheiratet gewesen, doch die Ehe hatte nur zwei Jahre gehalten. Seine Frau – Iagos Mum – war nach der Geburt ihres Sohnes ein bisschen verrückt geworden und er hatte sich von ihr scheiden lassen.

Daran dachte ich im Moment allerdings nicht. Ich versuchte nur, das Auto dazu zu bringen, mir zu gehorchen. Da es meine Befehle ignorierte, trat ich gegen das Armaturenbrett, um es kaputt zu machen. Ich trat und trat und trat. Ich wollte auf keinen Fall zu Onkel Alex. Nicht unbedingt wegen ihm, sondern weil ich den Gedanken nicht ertrug, dass ich dort von Echos umgeben sein würde.

»Auto, halt an! Rückwärtsgang. Nach Hause. Zurück nach Yorkshire.«

»Wenn Sie diesem Gefährt weiterhin Schaden zufügen, werden Sie gewaltsam festgehalten«, sagte das Auto.

Ich fügte dem Gefährt weiterhin Schaden zu.

Und ich wurde gewaltsam festgehalten. Plötzlich drückte mich ein magnetisches Kraftfeld heftig gegen die Rückscheibe, beinahe einen Meter über dem Sitz.

London sauste vorbei. Von meiner Stirn tropfte Wasser auf die Sitzbezüge.