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Als Paul Winter in seinem Büro im Kölner Finanzamt Besuch vom Finanzminister aus Berlin bekommt, ist seine Welt noch in Ordnung. Paul Winter kann seinem väterlichen Freund nicht gut etwas abschlagen und nimmt den Auftrag an, welcher lautet: Finanzielle Ungereimtheiten in der Vulkaneifel. Unvorstellbar und mit vielen Hindernissen verbunden macht er sich mit Pia Seelbach an den Auftrag und nimmt eine Stelle im dortigen Finanzamt an. Er stößt auf Widerstand im Amt und bei einigen Menschen in der Umgebung, doch unerwartete Hilfe erhalten sie von dem Kommissar a.D. Alois Schneider und der Amtssekretärin Sabine Kantmann. In ihrer Freizeit begegnen sie dem Herzen der Eifel, alten Einwohnern und hören sich ihre Geschichten an. Zuerst mit Skepsis und Humor, dann mit Neugierde, bis hin zu entfachtem Abenteuergeist, welcher sich während ihres Auftrages der sich hinzieht entwickelt. Ist wirklich etwas an der Finanzlage nicht in Ordnung? Ist etwas an den alten Geschichten der Einwohner dran? Dies gilt es zu klären für Paul Winter und Pia Seelbach.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2025
Richard Bertram
Eifel Jack
In geheimer Mission
Für meine Eltern und meine Frau Sabine
© Copyright by Jürgen Böhm 2025Gestaltung und Fotos: Jürgen Böhm
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Inhaltsverzeichnis
Ein ungewöhnlicher Auftrag
Vulkaneifel
Misstrauen
Undurchsichtige Situationen
Das Geheimnis von Strohn
Der Coup von Gillenfeld
Die Legende von Nohn
Nachwort
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Ein ungewöhnlicher Auftrag
Montag, 04. Mai 2015
Wie jeden Morgen von Montag bis Frei-tag ging Paul Winter den kurzen Weg zwi-schen der Straßenbahnhaltestelle am Neu-markt und in der Kölner Innenstadt zu Fuß in Richtung Büro.
Dort angekommen glaubte er, seinen Au-gen nicht zu trauen. Eine Menschenansamm-lung auf dem Flur vor seinem Büro, die fast alle Rekorde brach. Er blieb kurz stehen, schaute sich um – aber nichts Weltbewegen-des war zu entdecken. Also schloss er seine Bürotüre auf und wollte gerade hineingehen, als ihm in diesem Augenblick jemand von hinten an die Schulter tippte. Es war seine Kollegin und Gefährtin Pia Seelbach, wel-
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che ihn mit hochgezogener Augenbraue an-sah und dann sagte:
„Mach schnell die Tür zu, hier gibt es gleich eine Sturmflut.“
Paul Winter entgegnete:
„Wieso Sturmflut? Was ist denn los? Kann mich mal jemand aufklären?“
Mit einem Lächeln antwortete sie:
„Dein Freund, der große FM Schäuble, wird gleich hier einfliegen, ganz überra-schend für den Chef, weil.......der war ja noch nie hier.“
„FM Schäuble, so einen Quatsch. Sind jetzt langsam alle am Überdrehen?“
Damit ließ er Pia Seelbach stehen und ging sofort an seinen Schreibtisch. Also war es doch ein ganz normaler Montagmorgen.
Es vergingen nicht einmal zehn Minuten, als Paul Winters Bürotüre aufgestoßen wur-de, ohne vorher anzuklopfen. Das liebte er ganz und gar nicht und deshalb blökte er los, ohne aufzusehen:
„Raus hier, anklopfen und warten!“
Eine schwäbisch klingende Stimme meinte:
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„Da haben sie recht, auf ein Neues.“
„Das kommt mir gar nicht infrage“, brüllte Hans-Peter Müller, der Amtsleiter, von allen aber nur HP genannt.
„Raus“, kam es von Winter zurück, ohne aufzusehen.
Amtsleiter Müller wurde Schweigen gebo-ten und zwei Männer vom Sicherheitsperso-nal geleiteten ihn hinaus und schlossen die Türe von außen.
Fünfzehn Sekunden später klopfte es noch einmal an der Türe und Winter rief:
„Ja bitte!?“
Als die Türe sich öffnete, kam ein älterer Herr in feinem Zwirn, mit einem Lächeln im Gesicht, in seinem Rollstuhl herangerollt und meinte:
„Recht so, mein Junge, du hast dich immer noch nicht verbiegen lassen.“
Paul Winter schaute den Besucher an und rief:
„Wolfgang? Was machst du denn hier und das so früh am Morgen? “
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„War das ganze Wochenende bei meinen Kindern und habe mir gedacht: Schau mal in Köln vorbei. Mal sehen, was der liebe Paul so treibt, bevor ich wieder nach Berlin gehe, in mein Büro. War die letzte Zeit recht still um dich geworden!“
„Doktorchen, willst du mich heute Morgen tatsächlich veräppeln, so wie früher? Solche Ausflüchte kenne ich nur von dir, wenn du etwas ganz Bestimmtes, ganz Dringendes auf dem Herzen hast. Auszeit aus Berlin, kann ich gut verstehen. Erzähl mal, was ma-chen deine Frau und deine Enkel? “
Der Minister für Finanzen ging kurz darauf ein, da beide sich seit gut zwanzig Jahren näher kannten. Dann meinte er zu Winter:
„Du wolltest ja damals nicht mit nach Ber-lin. Jetzt bist du halt immer noch hier.“
„Besser als Bonn ist es allemal und durch deine S-Aufträge ist es abwechslungsreich in den letzten Jahren geworden. Warum ver-missen alle immer noch den Kalten Krieg? Den haben wir doch immer noch, zwar in et-was abgeänderter Form, aber er ist da. Man- chmal sogar im eigenen Land.“
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„Und wie sieht es mit Frau und Kindern bei dir inzwischen aus?“, fragte der Minister neugierig.
„Bei einem Job wie diesem besser nicht, dann bleiben einem zwei Dinge erspart – Trennung und Scheidung – beides kann ganz schön teuer werden. Mein lieber Freund Wolfgang, du kommst mich doch sicher nicht einfach so am Montagmorgen in aller Herrgottsfrühe besuchen, um mit mir über private Dinge zu plaudern. Mal eben so ei-nen Zwischenstopp in Köln nach all den Jahren, die du in Berlin bist, das passt weder zu dir noch zu deinem Job. Du willst doch irgendetwas?“
„Direkt wie eh und je. Du hast ja recht, mach mir ruhig ein schlechtes Gewissen, ich kann’s verstehen. Schließlich wollte ich ja mit aller Gewalt mit nach Berlin, obwohl ei-gentlich die Familie dran gewesen wäre“, meinte Schäuble mit seinem ihm eigenen Schmunzeln.
„Tiefe Einblicke, Herr Finanzminister, wie gut, dass ich nicht von der Presse bin. Aber jetzt raus damit: Was hast du auf dem Her-
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zen, dass du persönlich hier erscheinst? Scheint wohl sehr wichtig zu sein.“
„Das kann man wohl sagen. Du kennst doch unsere Finanzmisere in Deutschland bestens und weißt, dass wir jeden Cent brau-chen. Als parteiloser Mitarbeiter im Ministe-rium bist du wie geschaffen für diese Aufga-be. Frei und ungebunden und vor allen Din-gen keiner Seite verpflichtet, außer dem Staat, deinem Arbeitgeber gegenüber, egal wer an der Macht ist.“
„Ah, da weht der Wind her. Du brauchst Geld, das nicht da ist. Übrigens an dieser Stelle muss ich dir doch mal eines sagen, trotz aller Freude über deinen Besuch.
Diese blöde Geschichte mit der gekauften Hehlerware aus der Schweiz ist doch das Al-lerletzte, was ihr euch da geleistet habt. Je-der andere wäre dafür Jahre hinter Gitter ge-wandert, aber nein, ihr zahlt Millionen Euros an Diebe und wollt das auch noch per Ge-setz im Nachhinein legalisieren.
Wo habt ihr Herren Parteigenossen euer Geld denn angelegt? Warum missbrauchen staatliche Banken oder da, wo ihr Anteile besitzt, jahrzehntelang ihre guten Kunden
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mit dubiosen Geldanlagen in Steueroasen wie Liechtenstein, Österreich, der Schweiz oder den Kanalinseln, um sie dann später zu bestrafen? Ihr lockt sie in die Falle, bis sie zuschnappt, und dann werden sie eiskalt ab-gezockt? Ist das Freiheit und Demokratie? Wolfgang, ich bin sehr enttäuscht, was ihr allesamt da macht, und deshalb habe ich den Stolz, keinem dieser Vereine anzugehören.“
„Das kann ich irgendwie nachvollziehen“, meinte Schäuble nun mit ernstem Gesicht. „Aber dir geht es auch nicht ganz schlecht bei der Sache. Viel höher kannst du die Lei-ter ohne Politik nicht mehr erklimmen.“
Paul Winter lachte und sagte:
„Wolfgang, weißt du, was gut ist? Rein rhetorische Frage. Wenn der ganze Scheiß hier irgendwann (und das dauert gar nicht mehr so lange) zusammenbricht, dann seid ihr genauso arm und beschissen dran wie alle anderen auch. Wenn nichts mehr da ist, gibt es leider auch nichts mehr, auch keine überteuerten Ministerposten oder MdBs. Dann sind alle Minister mit drei und mehr Ministerposten genauso ein armes Schwein wie der Maurer oder Bäcker von nebenan.
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Das lässt mich meine Arbeit schon seit Jah-ren sehr viel leichter machen. Besonders, wenn es dabei um sogenannte hohe Persön-lichkeiten geht, egal auf welcher Ebene.“
„Diese Einstellung mag ich an dir. Und jetzt zum Punkt: Ich brauche dich ganz drin-gend in der schönen Eifel, genauer gesagt in der Vulkaneifel. Ich brauche da meinen bes-ten Mann.“
Während der FM Schäuble in seiner für ihn eigenen schwäbischen Ruhe weitererzählte, verzog sein Gegenüber das Gesicht, als er gerade dachte:
„Hab ich jetzt richtig gehört? Eifel .......... Vulkaneifel ......... was soll es da schon so Theatralisches geben, dass der Schäuble selber herkommt? Ah ..... vielleicht sind da die SED-Milliarden abgeblieben und er hat einen Hinweis. Ich ahne schon echt Schlimmes auf mich zukommen.“
So war es dann auch, sein Gefühl hatte ihn nicht betrogen. Tatsächlich sollte er direkt ab Montag kommender Woche einen neuen Arbeitsplatz besetzen. Und wo? Man glaubt es nicht, es ging wirklich in die tiefste Vul-
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kaneifel, mitten zwischen den Maaren, ins Finanzamt Daun. Auch das noch!
„Mit 40 Jahren in die Eifel“, dachte er, „ein echter Witz. Dahin machte man früher Aus-flüge mit den Eltern oder mit der Schule. Gelegentlich ist man mit dem Motorrad hin-gefahren oder auch schon mal für ein Wo-chenende am Nürburgring geblieben, zu Rock am Ring – mehr aber auch nicht. Der Nürburgring, der größte Steuermissbrauch in der Geschichte von Rheinland-Pfalz. Ein Sumpf ohne Ende und das bis heute. Doch wo soll da Geld fürs Ministerium zu holen sein?“
Als der Minister mit seiner Darstellung zu Ende war, meinte Winter nur:
„Im Klartext heißt das für mich: ab Montag neuer Arbeitsplatz. Ihr bezahlt meine Kosten hier und ich suche mir da in der Pampa eine Bleibe. Legende ist auch klar und wie heiße ich?“
„Wie immer Paul Winter. Wie sonst?“
„Toll, und was werdet ihr diesmal erzählen, warum ich versetzt werde?“
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„Überqualifiziert und deshalb unterfordert. Das werden sie schon fressen.“
„Klasse, und dann auch noch strafversetzt in die Vulkaneifel. Etwas Besseres ist euch da wirklich nicht eingefallen.“
„Nimm’s nicht so tragisch, wird doch gut bezahlt und Spesen gibt es ja auch.“
„Okay, wenn ich schon nichts dran ändern kann, dann sei bitte so gut und erkläre das den Kollegen und dem Müller selber.“
„Nichts lieber als das! Dann sind wir uns also einig!“
„Habe ich eine andere Wahl?“
„Den Auftrag bekommst du am Freitag über den Verfassungsschutz zugestellt. Du erhellst ihn über den bekannten Weg. So kannst du dich über das Wochenende einle-sen. Viel Glück“, meinte Schäuble mit ei-nem halb versteckten Lächeln.
„Sollte das wirklich klappen mit Paul, dann ist unsere Wiederwahl so gut wie sicher“, dachte der FM beim Hinausrollen, sich im Geiste auf die Schulter klopfend.
Er traf Müller, den Leiter des Amtes, in seinem Büro an und teilte ihm mit, dass er in
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fünf Minuten das gesamte Personal sprechen möchte. Klar wollte Müller zuerst wissen, worum es ginge, doch der FM meinte nur:
„Mein lieber Herr Müller, in fünf Minuten sind Sie schlauer.“
Kurz darauf waren alle Kollegen fein und brav angetreten. Die Abteilung wurde davon unterrichtet, dass man die Stelle von Herrn Winter bis auf weiteres gestrichen hatte, so dass sie auch nicht neu besetzt würde.
„Herr Winter bekommt ab Montag eine neue Aufgabe in der Vulkaneifel.“
Es ging ein Raunen durch die Belegschaft und einer traute sich gar, zu fragen:
„Herr Minister, ist die Frage erlaubt, was denn Herr Winter angestellt hat, dass er so eine Versetzung verdient hat ... in die Vulkaneifel !?“
„Meine Damen und Herren, Herr Winter ist hier in der Abteilung überqualifiziert und unterfordert, deshalb bekommt er eine neue Aufgabe.“
Alle mussten jetzt doch mal kräftig lachen. Wenn er hier unterfordert ist, was will er
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dann in der Eifel? Da ist doch viel weniger los als hier?
Na, das konnte noch eine schöne Woche werden bei dieser Belobigung.
Nach dem Besuch von heute Morgen muss-te sich Paul Winter in der Mittagspause erst einen McRip und ’ne Cola reinziehen. Zum Glück begegnete ihm keiner der Kollegen. Hier konnte er über diesen ominösen Auf-trag nachdenken.
„Vulkaneifel, was soll da schon zu holen sein? Ich glaube langsam, sollte der liebe Wolfgang an seinen Ruhestand denken, da-mit er nicht noch mehr Unheil anrichtet als jetzt. Du meine Güte, ich habe schon so manchen verrückten Auftrag bekommen, aber so einer war noch nie dabei.“
Winter grübelte über den Haken an der gan-zen Sache.
„Wollen die dich von oberster Stelle aus kaltstellen? Hast du bei deinen Aufträgen ir-gendeinem auf den Fuß getreten, der jetzt in der Regierung ist?“
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Er fand einfach keine Antwort und tröstete sich damit, dass sein Geld auf jedenfalls weiter gezahlt würde.
Nach der Mittagspause kam Pia Seelbach in sein Büro und begrüßte ihn mit:
„Hallo Eifel Jack, was hast du schon wie-der angestellt?“
„Ich? Wieso? Gar nichts habe ich ange-stellt. Wie kommst du darauf? Und wieso Eifel Jack? Wer ist das?“
„Das ist seit heute dein neuer Spitzname von den Kollegen, denn Indianer Jones und Crokodile Dundee gibt es ja schon. Ist doch richtig nett, wenn die Kollegen dich so in Erinnerung behalten. Nur ich werde dich vermissen.“
„Kannst ja mitkommen, Crokodile Jane.“
„Im Ernst, dann sehen wir uns ja nur noch am Wochenende.“
„Komm heute Abend nicht so spät nach Hause, dann sehen wir weiter.“
„Klingt geheimnisvoll. Okay.“
Pia Seelbach, 35 Jahre alt, war im Finanz-amt Köln offiziell Sachbearbeiterin für Ge-
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schäftskunden und seit mehr als zehn Jahren mit Paul Winter liiert. Sie war nicht nur sehr attraktiv mit ihren schlanken 1,70 m, den schönen braunen Augen und der passenden braunen Kurzhaarfrisur. Sie war vor allem intelligent und sehr verlässlich. Paul Winter vertraute ihr wie sich selbst. Also ein richtig gutes Team, die beiden. Paul liebte nicht nur ihren Körper, sondern ganz besonders ihren Witz und ihren Charme.
Als Pia wieder fort war, dachte Paul Winter nur noch darüber nach, wie er dem Spott der Kollegen in dieser Woche wieder einmal aus dem Weg gehen konnte. Kein geheimer Aufzug oder alter Gang, durch den er sich verdrücken könnte – gibt’s halt doch nur in Filmen und Romanen. Zum Glück waren es ja nur noch vier Tage ohne heute, welche zu überstehen waren.
Diese Sonderaufträge können manchmal auch richtig nerven, wie eben dieser. Immer diese Geheimniskrämerei und dann diese kurzfristigen Geschichten. Dieses Mal hat er wenigstens fünf Tage Zeit und nicht wie beim letzten Einsatz, als er am nächsten Morgen schon im Flieger sitzen musste, um nach Uruguay und Paraguay zu jetten.
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Am Abend saß Paul Winter in ihrer beider Kalker „Penthouse“-Wohnung mit Winter-garten vor seinem Laptop, als es klingelte und Pia erschien. Er war gerade dabei, etwas über seinen neuen Arbeitsplatz in Erfahrung zu bringen. Er wollte ja nicht unvorbereitet sein, wenn er seinen neuen Auftrag ausführ-te. Da er seine offiziellen Instruktionen ja erst am Freitag erhalten sollte, musste er we-nigstens schon mal mit der Umgebung ver-traut sein.
Sich mit den Örtlichkeiten vertraut zu ma-chen, ist nie ein Nachteil. Wenn du das Ter-rain gut kennst, bist du immer im Vorteil, das war seine Devise. Also stöberte er im In-ternet sämtliche Pressemeldungen in den lo-kalen Zeitungen durch.
„Die beiden größten Tageszeitungen der Region, mit dem ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘ … hahahaha“, dachte Paul Winter dabei und schaute weiter.
„Recherche ist alles“, ging es ihm durch den Kopf, als Pia gerade die Türe aufschloss und herein kam. Er begrüßte sie mit einem Kuss und einem Lächeln. In der Hand hielt sie eine Tüte mit Döner, gutem türkischen
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Rotwein und einer Flasche weißem Krims-koje Sekt, für später, als kleine Aufmunte-rung für den neuen Auftrag. Das konnte ein wirklich langer Abend werden, auch wenn es eigentlich gar nichts zu feiern gab. Doch was sollte es, sie hatten schon so lange nicht mehr richtig was zusammen gefeiert – also war dies eine gute Gelegenheit.
„Ich wusste, dass du noch nichts gegessen hast“, meinte Pia triumphierend, ihre Tüte in die Höhe haltend.
„War kurz beim Türken, ist doch okay?“, sagte sie und schon war sie in der Küche.
Die Wohnung mit ihren 70 qm und dem 15 qm großen Wintergarten bestand aus einem Bad mit Dusche, einer kleinen Küche, einem Schlafzimmer und einem geräumigen Wohnzimmer. Die Einrichtung war modern und alles war hell. Ach ja, da war auch noch der Wintergarten, im Sommer genau der richtige Ort, um dort zu frühstücken, doch im Winter war es dort eher trist, weil man den direkten Ausblick auf den Hinterhof ei-nes Autohauses hatte. Wozu hatte man Rollos?
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Pia und Paul waren vor 8 Jahren in ihre ge-mütliche Wohnung gezogen. Seit Pia eben-falls eine geheimdienstliche Ausbildung er-halten hatte, war das Zusammenleben für beide einfacher geworden, da man oft als Team eingesetzt wurde. Dieses geheimnis-volle Schweigen bei wichtigen Entscheidun-gen fiel damit weg. Oft genug hatten sie sich dabei als gutes Team bewährt. Natürlich gab es auch Dinge, die Paul ihr nicht anvertrauen durfte, weil sie einfach topsecret waren.
Am Abend ging Pia früh zu Bett, da sie an-derntags ein Seminar in Aachen besuchen sollte, wie es hieß, um sich weiterzubilden.
Sie hasste es, auf solche Seminare zu fah-ren, bei denen es außer Essen, Trinken und Anmachen keinen interessierte, was da ge-sagt würde. Der Chef wollte es so, also fährt man brav da hin.
Paul stöberte noch in den Berichten über die Vulkaneifel und warf einen Blick in die Zeitungen der Eifel.
„So ganz ohne scheint es da wohl auch nicht zu sein“, dachte er bei sich.
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„Recherche im Vorfeld ist niemals ver-kehrt“, meinte er, als er seine Unterlagen zu-sammenlegte und sich dann zu Bett begab.
„Mal schauen, was die eigentlich da genau wollen?“
Das waren seine letzten Gedanken, bevor der Schlaf ihn dann endlich um Mitternacht übermannte.
Freitag, 08. Mai 2015
Es war kurz vor 16 Uhr, einige Minuten vor Feierabend, als der Kurier vom VS (Ver-fassungsschutz) mit den Unterlagen für ihn ankam. Er steckte sie in seine Tasche und verließ das Büro.
Nach dem Abendessen trank er gemütlich ein Glas guten neuseeländischen Rotwein, einen Ata Rangi 2014, den sie im Haus hatten. Dann begann er, sich vorzubereiten. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf über das, was er las.
„Glauben die wirklich, was die da alles schreiben?“, fragte er sich.
Etwa gegen 20 Uhr trudelte auch Pia von ihrem Seminar kommend zu Hause ein. Es
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war wieder einmal einer dieser unnötigen Pflichttermine, wie sie es schon im Vorfeld geahnt hatte. Der einzige Lichtblick war die gute Verpflegung, das konnte man nicht an-ders sagen.
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Montag, 11. Mai 2015
Um 8 Uhr begann Paul Winters neuer Job. Er fuhr direkt von Köln in die Vulkaneifel. Zum Glück kam er gut durch den Verkehr. Er steuerte auf den kleinen Parkplatz am Fi-nanzamt Daun zu, wo es nur noch wenige freie Plätze gab, wie es schien. Es gab ei-gentlich nur noch einige Behindertenpark-plätze und schraffierte Flächen, auf denen niemand parken durfte. Sein erster Tag fing gleich gut an.
Nach längerem Suchen fand er in der Nähe doch noch einen Platz. Schnell noch den Weg zum Amt rauf. Wie hieß der noch, wo er sich melden sollte?
Am Empfang angekommen fiel ihm der Name spontan wieder ein: Willibert Kremer. Wie der ehemalige Bundesligatrainer von Bayer Leverkusen. Na ja, die Dame am
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Empfang würde es sicherlich wissen, ob er stimmt. Tatsächlich kannte sie ihn. War schließlich auch ihr oberster Chef in dem Laden.
Der Name war richtig, sein Büro lag im 2. OG. Vor der Türe zupfte Paul Winter aus Gewohnheit seine Krawatte noch einmal zu-recht, dann klopfte er an die Türe.
Nach einer kurzer Wartezeit ertönte eine Stimme:
„Herein!“
Schon stand er im Büro des Amtsleiters. Ein Herr, Ende fünfzig, grauhaarig, die Bril-le weit auf die Nasenspitze gesetzt. Der An-zug passte zu ihm, er war ebenso grau wie sein volles Haar, eine weinrote Krawatte prangte auf seinem weißen Hemd und ihm fiel sofort der dicke Siegelring an seiner rechten Hand ins Auge. Das war also sein neuer „Vorgesetzter“.
„Stilistisch okay, doch irgendetwas will er damit übertünchen“, blitzte es Paul Winter durch seine Gedanken.
Auf dem Weg zum Schreibtisch musste Paul Winter schon wieder schmunzeln, er
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dachte, die würden in der Eifel alle mit Jeans und karierten Hemden rumlaufen.
„Was kann ich für Sie tun?“, sagt eine kräf-tige, fast schon tiefe Stimme, die Respekt ausstrahlen sollte.
„Winter, Paul Winter ist mein Name und ich glaube, dass man sie von meiner An-kunft unterrichtet hat.“
„Ach, sie sind es. Habe gar nicht damit ge-rechnet, dass sie tatsächlich kommen. Sie haben sich wirklich hierher versetzen lassen, auf eigenen Wunsch?“
„Nein, Herr Amtsleiter Kremer, da müssen Sie doch etwas verwechseln. Ich bin hierher versetzt worden, weil bei ihnen im Amt eine neue Stelle eingerichtet wird und diese soll ich hier besetzen.“
„Was für eine neue Stelle? Wie war ihr Name noch gleich? Herr......“
„Winter, Paul Winter.“
„Also gut, Herr Winter, das mit der Stelle ist wieder einmal so eine Schnapsidee aus dem Ministerium, wo einer sitzt, der nichts zu tun hat, als Blödsinn zu verzapfen.“
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„Wie dem auch sei, ich bin jetzt hier und würde gerne mein Büro sehen.“
Amtsleiter Kremer war nun etwas verwirrt und aus dem Häuschen.
„Welches Büro?“, entgegnete er erregt am Montagmorgen, gleich mit Arbeit belegt zu werden.
„Na, das Büro, das ich hier besetzen soll“, erwiderte Winter.
„Ich habe kein Büro für sie und auch keine Arbeit, Herr Winter. Ich glaube, da wollte uns jemand in Koblenz einen kleinen Streich spielen.“
„Herr Kremer, zeigen Sie mir jetzt bitte mein neues Büro, schließlich bin ich nicht von mir aus um 5:30 Uhr aufgestanden und gut 120 km hergefahren. Es gibt eine Order und ich werde jetzt nicht wieder nach Köln zurückfahren. Also, wo ist mein Büro?“
„Ich habe keins frei“, war die prompte Ant-wort.
„Ihr Pech, dann besorgen Sie mir eben eins.“
Irgendwie machte ihm das Spielchen Spaß. Er bemerkte sofort, dass sein Freund FM
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Schäuble einen sehr guten Riecher hatte, ihn hier herzuschicken. Definitiv war hier etwas faul.
„Sie scheinen ja richtig besessen darauf zu sein, hier arbeiten zu wollen, Herr Winter“, entgegnete Kremer mit gespieltem Lächeln auf dem Gesicht, während sein Gehirn auf Hochtouren lief.
„Ganz und gar nicht, Herr Kremer. Hier macht man Urlaub oder einen Ausflug hin, aber hier arbeitet man ganz bestimmt nicht so gerne.“
„Oh, warum haben sie sich dann trotzdem gerade auf diese Stelle hier beworben? Win-ter, sie fangen an, mir zu gefallen. So einen hochnäsigen Mitarbeiter hatte ich in meiner Laufbahn auch noch nicht. Also gut, ich rufe ihnen meine Sekretärin, die Frau Kantmann. Die wird dann mit ihnen erst einmal frühstü-cken gehen und in dieser Zeit werde ich mich um alles kümmern.“
„Wenigstens ist das ein Anfang. Vergessen sie bitte nicht Herr Kremer: Ich bin hierher geschickt worden und habe mich nicht hier beworben.“
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Frau Kantmann war Anfang dreißig, wie Paul Winter sie auf den ersten Blick schätz-te, nicht sehr groß ca. 1,60 m, hat hellbraune Haare mit blonden Strähnen und braune Rehaugen. Auf den ersten Blick eine echte Frohnatur mit großer Ausstrahlung, immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Wenn sie lä-chelte, zeigten sich auf ihren Wangen niedli-che Grübchen, welche sofort entwaffneten, falls sie jemand im Zorn anredete oder Grimm auf sie hätte. Sie war ein echtes Vor-zimmerjuwel, dachte Winter.
„Hallo, Sabine Kantmann. Dann wollen wir mal, Herr Winter“, trällerte sie mit wei-cher Stimme.
„Paul Winter, sagen Sie einfach nur Paul, das ist schon okay.“
Beide gingen los und Paul Winter folgte der Sekretärin.
Als sie das Büro verlassen hatten, griff Kremer gleich zum Hörer. Als am anderen Ende abgenommen wurde, blökte er sofort los:
„Was wird hier gespielt? Was soll der Neue hier? Wo soll ich mit dem hin, Maier? Du weißt doch sonst immer alles.“
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„Was meinen Sie, Chef? Ich verstehe nicht, wovon sie reden. Was sollen die Fragen von Ihnen?“
„Tun Sie doch nicht so, Maier, ich bin echt enttäuscht von Ihnen. Ich dachte immer, dass sie loyal sind.“
„Was soll das? Entschuldigung Chef, ha-ben sie was getrunken?“
„Meier, in zwei Minuten sind sie bei mir im Büro, sofort, ohne Widerrede.“
Kremer knallte den Hörer auf. Jetzt war er außer sich vor Wut. Wie konnte man ihn so hintergehen? Auf niemanden konnte er sich mehr verlassen. Es war für ihn richtig pein-lich, diese Lage, in die man ihn gebracht hatte.
Sabine Kantmann führte Paul Winter durch das Amt, um ihn den Kollegen vorzustellen. Was nun die genaue Aufgabe von diesem Herrn Winter war, konnte sie ihnen aller-dings nicht erklären, da sie es selber nicht wusste.
Nachdem sie ihm alles gezeigt hatte, kam sie zu der Überzeugung, dass der „Neue“
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recht passabel sei. Sie fand ihn sehr attrak-tiv, humorvoll und er war hinreißend char-mant.
„Mit ihm frühstücken gehen, war echt eine tolle Idee vom Chef“, dachte sie. „Ich weiß auch schon, wo.“
Dann sagte sie mit verschmitztem Lächeln:
„Und jetzt gibt es endlich das versprochene Frühstück. Komm Paul, mein Wagen steht draußen.“
„Es gibt hier keine Kantine?“, meinte Win-ter verwundert. „So ein Komplex wie hier und nicht mal eine Kantine, das ist ein Skan-dal.“
Sabine Kantmann lachte nur:
„Wenn das schon ein Skandal für dich ist, dann bleibst du wohl nicht lange hier, was?“
„Wer weiß? Vielleicht gewöhne ich mich ja an solche Skandale.“
„Na, das hoffe ich doch. Es wäre schade, wenn du direkt schon wieder weg wärst, be-vor du richtig angekommen bist. Man ge-wöhnt sich an alles“, sagte sie, und er merk-te, dass sie in dem Moment ein sehr ernstes Gesicht machte.
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Während dieser kurzen, aufschlussreichen Unterhaltung fuhren sie die Leopoldstraße hinunter und hielten direkt vor dem Café Thul.
Es ist nicht sehr groß, da es eigentlich mehr eine Bäckerei ist als ein richtiges Café. Da-für stehen Tische und Stühle auch vor dem Geschäft. Es ist für Touristen wie für Ein-heimische ein beliebter Ort, um ein wenig auszuspannen und natürlich auch zum Ge-nießen und Beobachten. Sabine Kantmann wird von der Bedienung freudig begrüßt:
„Hallo Sabine, wie immer?“
„Ja, aber zweimal bitte.“
„Oh, in Herrenbegleitung. Ich maach jet janz jodes, Mädsche.“
„Äver flück, mir han net fel zick.“
„Auch das noch“, dachte Paul Winter, der neben ihr stand, „so eine nette Frau und so einen Dialekt.“
Als beide Platz genommen hatten, meinte die Kantmann:
„Na, Herr Winter, irritiert?“
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„Wieso?“, konterte er.
„Ihr erster Gedanke war doch sicher: In so einer Stellung eine solche Aussprache. Ist es nicht so? Mal ganz ehrlich.“
Sie hatte den Punkt getroffen. Schmun-zelnd gab er zu, was sie ihm entgegenhielt.
„Ich komme zwar aus der Vulkaneifel, bin in Köln aufgewachsen und später hierher versetzt worden. Hier muss man sich mit den Menschen verstehen, dann hat man offe-ne Ohren und offene Herzen bei ihnen. Das mögen die Leute.“
„Aha“, gab er nur zurück.
„Unser Chef ist da ganz anders, der nimmt auf niemanden Rücksicht, außer auf sich selbst. Es muss einfach jemand da sein, der vermitteln kann, sonst hätten wir Mord und Totschlag in der Region, das kannst du mir glauben.“
„Und trotzdem macht der Job noch Spaß?“, wollte Winter wissen.
„Seien wir mal ehrlich, woanders ist es doch auch nicht besser. Man tut, was in sei-ner eigenen Macht steht, um möglichst friedlich durchzukommen.“
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Die Bedienung brachte das Frühstück. Wie sagte sie zu Sabine Kantmann: „Isch maache wat jodes“, und das stimmte. Es war sein bestes Frühstück seit langem.
Vielleicht konnte sie ihm ja in Zukunft noch so manches Mal hilfreich sein, diese neue Kollegin. Sie unterhielten sich angeregt über die Arbeit, das Amt, die Kollegen und über die wunderschöne Gegend. Da ging Sa-bine Kantmann vollends aus sich heraus und schwärmte in den höchsten Tönen, was Paul Winter unbedingt alles sehen musste.
Nach circa einer guten Stunde war das XXL-Frühstück beendet und es ging wieder zurück ins Amt. Als sie bei Herrn Kremer im Büro standen, empfing dieser beide sehr höflich. Dann zeigte er Winter das Büro. Aber wo wollte der hingehen? Kein Aufzug und der Weg nahm kein Ende.
Es ging auf direktem Wege ab in den Kel-ler. Am Ende des Ganges war eine Türe zu sehen, welche offenstand. Dort wurde er hineingeführt:
„Das ist ihr neues Büro, Herr Winter. Ich hoffe, sie fühlen sich wohl. Hier können sie ungestört arbeiten.“
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So weit Amtsleiter Willibert Kremer. Win-ter schaute sich entsetzt um. Es war ein alter, vergessener Lagerraum, der ihm als Büro dienen sollte, weit weg von allen anderen. Jetzt war sich Paul Winter ganz sicher, dass hier wirklich etwas nicht stimmte. Neue störten und mussten rausgemobbt werden, gerade in so einem Fall. Sie sollten aber von alleine wieder gehen. Dafür unternahm man einiges.
„Na warte, Bursche“, dachte Winter, „jetzt erst recht. Wenn du Krieg willst, dann sollst du ihn auch haben.“
Zu seinem „neuen Chef“ gewandt, meinte er:
„Schön, hier kann ich ganz in Ruhe arbei-ten und werde sicher nicht gestört.“
„Ganz sicher, Herr Winter, unser ruhigster Ort.“
„Dann werde ich mich ein wenig einrich-ten. Könnte mir dann noch jemand das Ar-chiv zeigen, wenn es nicht zu viele Umstän-de macht?“
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„Sehr gerne, ich schicke ihnen gleich Herrn Grabach, unseren Revisor. Der wird sich um alles Weitere kümmern.“
Paul Winter bedankte sich und blieb alleine in seinem neuen „Büro“ zurück. Er sah sich um und kam zu dem Schluss, dass hier schon seit Jahren niemand mehr drin war. Nicht mal eine Reinigungskraft, wie es der dicke Staub überall bewies. Das nannte man einen Einstand nach Maß.
Am Abend quartierte Paul Winter sich in der „Maar Perle“, einem netten Hotel in Gil-lenfeld, ein. Er zahlte gleich einen Monat im Voraus, so wie er es immer tat bei seinen Einsätzen. Es stellte sich bald heraus, dass er hier eine sehr gute Wahl getroffen hatte mit diesem Quartier.
