Eifelfluten - Bruno Laberthier - E-Book

Eifelfluten E-Book

Bruno Laberthier

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Beschreibung

Ein Doku-Thriller steht kurz vor der Veröffentlichung – »Eifelfluten« verspricht die spannende Aufarbeitung eines beispiellosen Anschlags auf die Rurtalsperre: In der Nordeifel rund um den Rursee gehen im April 2014 seltsame Dinge vor sich. Neonazis aus aller Welt quartieren sich in Pensionen in und um Einruhr ein, Flugblätter mit kryptischen Anweisungen zur Evakuierung werden auf den umliegenden Campingplätzen verteilt und auf dem Rursee erscheinen mit Chemikalien auf die Wasseroberfläche geätzte Hakenkreuze. Tim Rhiel, Fremdenführer in der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang, riecht Lunte: Was wollen Neonazis aus Belgien, Ungarn, Südafrika, Paraguay und den USA gerade in der Nordeifel? Und welche Rolle spielt dabei der ortsansässige Altnazi Bruno Hüppauf, der ein Manuskript hütet, das Tim schon länger interessiert, und das unter dem Stichwort »Operation Züchtigung« vom Plan einer Bombardierung der Rurtalsperre berichtet? So erzählt es der nach den Ereignissen in Auftrag gegebene Doku-Thriller. Dem Euskirchener Hauptkommissar Heisterbach, der Kölner Profilerin Dolores Montizquierdo-Gil und dem im Eifelfluten-Thriller unfreiwillig zum Protagonisten gewordenen Tim fallen jedoch Ungereimtheiten in den Druckfahnen auf, die sie als Beteiligte vorab erhalten haben. Sie recherchieren auf eigene Faust und sehen sich einem Netz aus Lügen, falschen Identitäten, erfundenen Personen und V-Leuten gegenüber …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Bruno Laberthier

Eifelfluten

Impressum

1. Auflage 2022

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Lektorat:

Christoph Swiontek

Umschlaggestaltung:

Dietrich Betcher

Bildnachweis (Umschlag):

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Operation_Chastise_(8746348883).jpg

Druckbuch:

ISBN-10: 3-96123-050-1

ISBN-13: 978-3-96123-050-1

E-Book:

ISBN-10: 3-96123-063-3

ISBN-13: 978-3-96123-063-1

Wie bei einer Marionette, die der Puppenspieler nach der Vorstellung an den Haken hängt, zuckten seine Glieder noch eine Weile, dann pendelten sie aus in völlige Reglosigkeit. Der Kopf des Alten hing schräg in der Schlaufe und lief am Hals schnell dunkel an. Der Körper baumelte leblos über einem umgestürzten Holzstuhl. Unter den weit aufgerissenen Augen troff ein dünner Speichelfaden aus dem Mundwinkel auf das Revers der jägergrünen Cordjacke, genau zwischen das Knopfloch und die Anstecknadel mit den drei ineinander verwobenen Dreiecken.

Das Seil zog sich straff hoch zum Querbalken und von dort zu einem der Dachsparren. Den Valknut, mit dem es an dem Sparren befestigt war, musste ein Könner geknotet haben: fest genug, um das Gewicht des Alten zu tragen, und gleichzeitig so kunstvoll, dass die Dreiecke dem Kenner sofort in die Augen stachen.

Oder dem genauen Beobachter, der das nordische Symbol mit dem Zeichen am Aufschlag der Jacke des Toten verglich und sich fragen würde, warum beide identisch waren und was das alles zu bedeuten hatte.

Milchig schien das Sonnenlicht durch die blinden Fensterscheiben in den kleinen Gauben auf den Erhängten. Staub tänzelte um seine Füße.

»Ick sach mal so. Gut, dass wir die Härte hatten.« Schritte waren zu hören, die Stufe für Stufe die knarrende Holztreppe hinunterstiegen.

»Voran, kein Gequatsche«, gab eine andere Stimme zurück. Sie klang seltsam heiser und für einen Mann ungewöhnlich hoch.

»Der kommt uns nicht mehr in die Quere«, fiel eine dritte Stimme ein, diesmal die einer Frau. »Der arme alte Idiot. Unser Mohr …«

»Hat seene Schuldigkeit jetan«, lachte die tiefe Männerstimme dazwischen.

»Voran«, befahl die Fistelstimme. »Die Tür zusperren.« Das Knarren auf den Stufendielen setzte aus. »Na los schon.«

Schwere Schritte stampften die Stufen wieder herauf. Ein Mädchenkopf lugte durch den Türspalt in den Dachboden. Noch ein hastiger Blick, zur Sicherheit. Dann knallte die Holztür zu, das dumpfe sschtock! des Schub­riegels war zu hören und wieder, jetzt gedämpft durch die geschlossene Tür, das Trampeln auf der Treppe.

»Und jetzt weiter«, hallte die helle Stimme herauf. »Wir sind noch nicht fertig.«

1

»Machst du Ölwechsel, oder was?«

Tim Rhiel riss das Gebrüll seines Kollegen Schmottlich aus den Feierabendgedanken. Schmottlich, die selbst ernannte Stimmungskanone des Vogelsang-Teams. Tim tat so, als hätte er ihn nicht gehört.

Mit seinem Quad war er an den offenen Panzerhallen vorbei auf den Besucherparkplatz der alten Nazi-Ordensburg gefahren und hatte sich und das Fahrzeug bis ganz vorne auf eine der Rampen bugsiert. Zurückgelehnt in seinen Sitz und die Arme hinter dem Kopf verschränkt, blinzelte er in die Aprilsonne, die vor ihm über Wollseifen, dem verlassenen Örtchen auf der anderen Seite des Neffgesbachtals, allmählich unterging.

»Die Bauern aus Morsbach und Herhahn kommen auch hierher«, schnaufte Schmottlich und schob seinen mächtigen Bauch über den Parkplatz bis vor die erste des halben Dutzends Panzerrampen, die die Belgier hier errichtet hatten: jede an die sieben Meter lang und vorne einen Meter zwanzig hoch mit einer Grube in der Mitte, die so breit war, dass Tim hier nur mit dem breiten Quad hochkam, aber nicht mit seinem Rollstuhl.

Verdammt, fluchte Tim leise vor sich hin, das war es dann mit der Stille und dem in Ruhe Grübeln.

»Mit ihren Treckern zockeln die nachts durch die Gräben, vorne an der Schranke vorbei«, dozierte Schmottlich und ging hinter Tims Quad mühsam in die Hocke. »Dann bocken sie die hier hoch und drehen die Schraube auf unter der Ölwanne. Oben wieder frisches Öl rein, auf den Messstab gucken, und flupp-di-wupp sind sie wieder weg. Und zwischen den Betonrampen haste dann den Salat.« Er keuchte und kroch auf allen vieren ein Stück vorwärts. »Siehst du, so wie hier«, presste er heraus. Ächzend wuchtete er sich zurück in die Höhe und hielt Tim triumphierend den Zeigefinger vor die Nase: die Spitze nass, schwarz und ölig.

»Das ist ein Elektro-Quad, Jürjen«, imitierte Tim den Zungenschlag, den sie bei Schmottlichs draufhatten. »Das braucht kein Ölwechsel.«

»Jetzt wo du’s sagst, logo. Ein Elektro-Quad«, Schmottlich schlug sich theatralisch mit der flachen Hand vor die Stirn und grinste. »Und du bist der Graf Berghe von Trips von Vogelsang. Rhiel, the wheel.«

Tim verstand ›Rielsewiel‹.

»Der Seriensieger im Quadfahren bei die Paralympics.«

Schmottlich sagte ›Kwattfahn‹ und ›Paar Ulümpix‹.

Tim drehte den Kopf zur Seite, schob die Schirmmütze ein Stück nach oben und musste jetzt auch grinsen. »Und was ist dann das hier?«, wieder fuchtelte Schmottlich mit dem Zeigefinger vor Tims Nase. »Oder bist du das? Du selbst, mein ich!?«

»Ich?« Tim entschloss sich, das Spielchen mitzuspielen. Umso schneller würde er ihn loswerden.

»Guck mal sicherheitshalber nach, ob der Stöpsel noch drin ist«, feixte Schmottlich, »sonst ziehst du nachher eine Spur, wenn du wegfährst.«

»Ich pinkel doch kein Öl«, Tim beugte sich akrobatisch zur Seite hinunter zum Urinbeutel, der zwischen seinen Beinen mit einer Schlaufe in einem schmalen schwarzen Metallcase direkt auf der Getriebeverkleidung hing. »Aber wo du’s gerade sagst, Schmotti«, schauspielerte er, »da ist tatsächlich was nicht in Ordnung. Kannst du mal an deinem Finger schnuppern, ob das nicht doch nach Pipi riecht?«

Angewidert starrte Schmottlich auf seinen Finger.

»Oder dran lecken, geht auch.«

»Sonst noch was?« Er wischte den schwarzen Schlamm an der Seite seiner Jeans ab. »Bah, was bist du eklig!«

Schmottlich wollte noch was loswerden, verkniff es sich aber und zog grußlos ab.

»Schönen Abend noch!«, schickte ihm Tim über den breiten Parkplatz hinterher. Dann drehte er sich um, schob die Schirmmütze in die Stirn und rutschte tiefer in den Sitz. Der kann das ab, dachte er. Außerdem tut das mal gut. Wenn einen sonst schon nichts aufheitert.

Der Grund für Tims schattige Gemütslage hatte einen Namen: Bruno Hüppauf.

Anfang siebzig, stur und ein bisschen schrullig: so ging Hüppauf bei den meisten durch. Geboren und aufgewachsen war er in Einruhr, wo er irgendwann in seiner Kindheit an die falschen Freunde geraten war. Das heißt, an den einen falschen Freund: Walter Lambertz, der bei seinen Eltern im Haus zur Miete gewohnt hatte. Um 1970 herum zog Hüppauf nach Rurberg, Lambertz war da gerade gestorben. Aus dem alten Fachwerkhaus am Ufer des heutigen Obersees, das ihm seine Eltern vermacht hatten, machte er ein Gästehaus. Damit war er nicht der einzige. Nach der zweiten Aufstauung der Rur hielt der Fremdenverkehr in Einruhr Einzug und viele der alten Schuppen und Ställe verwandelten sich in schmucke kleine Hotels und Pensionen.

Für Tim war Bruno Hüppauf nicht nur ein verschrobener alter Hausbesitzer, sondern ein ausgemachter Nazi. Und er war der mit dem Manuskript, auf das Tim so scharf war. Hüppauf hütete es wie einen Schatz und wollte es nicht rausrücken. Jedenfalls nicht an Tim.

»Ihr Interesse an Lambertz und am Wehrhaften Volk schön und gut«, hatte Hüppauf Tim vor einem halben Jahr wissen lassen. »Auch dass Ihnen der Mensch Walter Lambertz etwas bedeutet. Mir selbst ging es ein Leben lang nicht anders.«

Der Alte schwelgte eine Weile in seiner abgöttischen Bewunderung für den ehemaligen Vogelsang-Junker und Lehrer an der Adolf-Hitler-Schule: die Weitsicht und Kraft seiner Gedanken, die Widerständigkeit gegen den Zeitgeist nach dem Krieg, die Radikalität seiner Schlussfolgerungen, bla bla bla.

Dann kam der Fangschuss, erster Teil.

»Bloß wie anmaßend ist es, dass Sie mit Ihrer Verkrüppelung sich nur deswegen für ihn interessieren, weil er diesen Klumpfuß hatte?«

Hüppauf hatte das einen Moment lang wirken lassen, die Augen starr und streng auf Tim gerichtet, dem die Kinnlade herunterklappte.

»Lambertz hat seine Verwachsung nicht gestört«, nahm er den Faden wieder auf, »zeit seines Lebens ignoriert hat er sie. Nicht verdrängt und schon gar nicht in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt: ig-no-riert, sage ich, um das Große denken zu können, den Neuen Menschen. Und um das hier zu schaffen.«

Mit der flachen Hand klopfte er auf den Stapel welken Papiers, der in eine Kladde eingebunden vor ihm auf dem Tisch lag. Dann setzte er an zum Fangschuss, Teil zwei: einer wilden Tirade gegen alles und jeden im Deutschland der Gegenwart.

»Und ich frage mich, was können Sie schaffen? Sie da in Ihrem Rollstuhl. Einer von denen, um die heutzutage mit ganz besonderer Hingabe herumscharwenzelt wird, in Vogelsang und sonst überall. Denen man es viel zu leicht macht, die man nicht fordert, so wie damals Lambertz noch. Was ist aus dieser Nation geworden, die nichts lieber tut als zu bemitleiden. Krüppel wie Sie oder die Horden von jungen Rotztürken, die sich nicht anpassen wollen! Die sich selbst bemitleiden und einem kommen mit ihrem Schuldkult!«

»Das mögen Sie so sehen«, hatte Tim irgendwann gesagt. »Darf ich dann auch nochmal? Für meinen Teil erklären, warum ich Sie aufgesucht habe, meine ich.«

Der Alte murrte etwas Unverständliches, Tim ließ sich davon nicht aufhalten.

»Vogelsang ist ein Ort, an dem der Körperkult der Nationalsozialisten und ihre Ideologie vom arischen Übermenschen unterrichtet, gelebt und in den Bauten Stein geworden ist. In diesem Ambiente arbeite ich, Tag für Tag, und das schwer verkrüppelt, wie Sie es nennen. An diesem Ort hat auch Walter Lambertz gelebt, und zwar ebenfalls mit einer Behinderung. Ihn und mich verbindet also etwas, und das ist es, was mich interessiert. Brennend. Es geht mir darum, ihn und den Ort da oben besser zu begreifen. Und dazu möchte ich mehr über ihn erfahren als das, was wir in Vogelsang in den Archiven haben. Dazu muss ich sein Wehrhaftes Volk einsehen.«

Tim hielt inne, überlegte, ob er noch etwas einwerfen sollte, und entschied sich dann: ja. Raus mit dem Köder.

»Dazu bin ich hergekommen und, wer weiß, um Lambertz‘ Schrift eines Tages aufzubereiten und herauszugeben. Um sie der Welt zugänglich zu machen, Hüppauf, verstehen Sie!?«

»Das hat damals schon nicht geklappt«, hatte Hüppauf mit unterdrücktem Zorn geantwortet. »Und was heißt überhaupt ›der Welt zugänglich machen‹!? Zum Gruseln ausstellen wollen Sie es, nur darum geht es. Verfälschen und in ein schiefes Licht rücken.«

»Gewähren Sie mir Einblick in das Manuskript, ja oder nein?«

Hüppauf sah ihn an, die Halsadern geschwollen und das Gesicht rot vor Wut. Oder vor Hass. Dann brachen alle Dämme.

»Raus mit Ihnen. Verschwinden Sie. Lassen Sie sich hier nie wieder blicken!« Hüppauf war aufgesprungen und hatte die Haustür aufgerissen.

Draußen lag Rurberg im Nebel da. Auch Tim hüllte er sofort ein, als er den Rollstuhl hektisch bis an den Gehweg kurbelte.

Tim erinnerte sich und blickte mit zusammengekniffenen Augen über das Tal auf die Gebäudeattrappen von Wollseifen. Ein mit Diffamierungen gespickter Rauswurf, so war im vergangenen Herbst ihr Treffen geendet. Kein Wunder, dass er es seitdem vermied, Hüppauf über den Weg zu laufen.

Und vorhin dann das Wiedersehen, unten bei den Sportanlagen von Vogelsang. Nur ein kurzer Moment, nicht mehr als ein Augenkontakt, aber der reichte. Hüpp­aufs Reaktion war eindeutig. Es war ein Erkennen, gefolgt von einem abschätzigen Blick. Dann wandte der Alte sich in aller Ruhe denen zu, die mit ihm die alte Ordensburg besuchten.

Tims Reaktion war weniger ruhig. Er hatte nur noch weggewollt von der Besuchergruppe, die er und die Volontärin bis vor die Turnhalle geführt hatten. Schnell rief er der Kollegin etwas zu, an das er sich schon Sekunden später nicht mehr erinnerte. Er gab Gas und lenkte das Quad auf den geteerten Weg, der nach oben zurück zu den Kameradschaftshäusern führte. Erst nachdem er die steile Zufahrtsstraße zur Hälfte erklommen hatte, kam er zur Besinnung, fuhr in den schmalen Pfad zum Sportplatz oberhalb der Turnhalle und blickte zurück. Da standen sie noch, die Volontärin mit der Besuchergruppe und weiter hinten, auf der Treppe an der Kopfseite des Schwimmbads, Bruno Hüppauf und die andere Gruppe. Jetzt erst nahm er wahr, was das für Typen waren.

Seitenscheitel oder raspelkurze Haare, dazu weiße Runenschrift auf schwarzen T-Shirts und Lederjacken: »Terre’Blanche se Dissipels, Suid-Afrika«, »Blood & Honour Philadelphia« und »Arizona Aryans.« Vor dem schmalen Fenster unter dem Schwimmbaddach drängelten sie sich, linsten hinein, imitierten die drei Männerfiguren auf dem Mosaik an der Hallenwand gegenüber und ließen sich von einer jungen Frau fotografieren. Breitbeinig und mit ausgestrecktem rechten Arm der Kerl links, die anderen beiden mit einer Andeutung von forschem Schritt, die sie zum Standbild erfrieren ließen. Dann lautes Gelächter, als die Aufnahme im Kasten war und die drei sich wieder rührten. Bis hinüber zu Tim schallte es: »Now undress, and once more« von der Fotografin, »come on guys, show us you’re real herrenmenschen« von einem Hänfling aus Südafrika. »Whose little herrenmensch was it that got a swastika tattoo?«, wieder aus Südafrika, nur bedeutend fetter als der Erste. »Dick’s, who else!«, alberte Arizona zurück. Dann Schulterklopfen bei Dick und noch lauteres Gegröle, ehe Hüppauf dazwischen ging und auf die Treppe hoch zur Thingstätte deutete.

Na wunderbar, dachte Tim und spürte, wie sich erneut ein leiser Anflug von Panik in ihm breitmachte. Hier waren Rassisten aus aller Welt zu Gast in Deutschland. Sie posierten vor originalen Nazifassaden, amüsierten sich über ihre hakenkreuztätowierten Pipiherrenmännchen und folgten ihrem Führer, einem rüstigen Eifelnazi in Kniebundhose und Jägerrock. Ging das an?

Ging das an auf Vogelsang!?

»Nee, natürlich nicht. Da muss Vogelsang einschreiten und was tun. Hausrecht ausüben, Streife rufen, irgendwas«, meinte Marie. »Und die müssen vor allem Hüppauf mal eins zwischen die Hörner geben«, setzte sie entschlossen hinterher. »Erst gibt er den Ehren-Opa bei den Freien Nationalisten und jetzt auch noch Animateur in einem Vergnügungspark für Nazis aus aller Welt. So nicht!.«

Wenn es eine gab, die nachfühlen konnte, was Tim bedrückte, dann Marie Breuer. In Sachen Mode irgendwo zwischen Emo und Goth und beruflich hoffentlich eines Tages mal Schauspielerin, war sie mit ihren frischen einundzwanzig Jahren für Tim die Favoritin unter den Assistentinnen, die der Arbeiter Samariter Bund ihm zuwies. Marie kam aus Schleiden, absolvierte seit neun Monaten ein Freiwilliges Soziales Jahr und war nicht nur deswegen viel geerdeter, als es die gefühlten zwei Pfund Metall, die sie im Gesicht, um die Handgelenke und sonst wo mit sich herumschleppte, und die ständig wechselnden Haarfarben und Frisuren auf den ersten Blick vermuten ließen.

Heute waren ihre Haare pechschwarz und zum Dutt hochgetürmt, und würden es die nächsten Tage über auch bleiben. In der vorigen Woche waren noch Nordisch-Blond und dicke Zöpfe angesagt gewesen, um Hüppaufs Idealvorstellung von der jungen deutschnationalen Frau zu entsprechen. Nach ein paar freien Tagen trat sie heute wieder ihren Dienst an und hatte sich nach Tims Feierabend mit ihm auf Vogelsang verabredet, um ihn und sein Quad in den BTW zu verfrachten und hinunter nach Gemünd zu kutschieren, wo er ein kleines Häuschen direkt am Ufer der Urft bewohnte.

»vogelsang ip wird da nichts unternehmen«, meinte Tim später beim Abendessen. »Es ist schließlich nicht verboten, mit Blut-und-Ehre-T-Shirts herumzulaufen und sich gegenseitig auf dem Gelände zu fotografieren. Leider nicht.«

»Tim ….« Marie zögerte, fasste nach dem Rotweinglas, nahm einen Schluck und setzte nochmal an. »Sei ehrlich. Was dich bedrückt, ist Hüppauf. Der Alte ist das Problem, und nicht die Verwandlung von Vogelsang in eine internationale Rassistenbegegnungsstätte.« Sie sah ihm fest in die Augen. »Der Alte und seine Schrift. Das spukt dir im Kopf herum, immer noch!« Ihr Blick wurde bohrend. »Schlag dir diesen Text aus dem Kopf, Tim! Dann ist dir auch Hüppauf schnuppe mit seinem unmöglichen Auftritt vor dir …«

»Und dir!«

»Und mir, ja.« Marie griff nach den Papierservietten, hielt Tim eine hin, tupfte sich dann selbst den Mund ab. »Meinst du, du kannst dich irgendwann mal von deinem Projekt Walter Lambertz verabschieden?«

Tim knüllte die Serviette zusammen, wich ihrem Blick aus und sah eine Weile aus dem Fenster, sagte aber nichts.

»Es fällt dir schwer, ich weiß«, Marie stand auf und räumte die leeren Teller vom Tisch. »Dann mache ich einen Vorschlag. Den Vorschlag.« Sie drehte sich um und lachte Tim fröhlich in sein fragendes Gesicht. »Wir schmieren Hüppauf an. Wenn keiner sonst es tut, dann halt wir: du und ich, zusammen. Egal, was dabei rauskommt, ob sie ihn auf Eis legen oder nicht. Wenn ja, ist alles in Butter, weil man dann kaum mehr an die Unterlagen und Papiere kommt, die er daheim zurücklässt. Und wenn nicht, dann muss er eben erfahren, dass er angeschwärzt wurde. Beide Male ist klare Kante und du weißt mit Sicherheit, was sich sowieso schon abzeichnet: dass dir Hüppauf niemals Zugang zu diesem beschissenen Wehrhaften Volk gewähren wird.«

»Und gut ist!?« Tim blieb skeptisch. Immerhin schien ihn Maries Gedanke zu beschäftigen.

»Und gut wäre dann. Hoffentlich.«

»Womit willst du ihn denn anschmieren?«

»Wir, Tim«, Maries Stimme klang bestimmt. »Denk mal nur an das, was er mir so alles zugeraunt hat. Als ob das nicht reicht, um ganz schnell den Herrn Wachtmeister zu verständigen.«

»Also gut«, seufzte Tim. »Überzeugt. Ich bin dabei.«

»Du bist dabei, wowdy! Echt jetzt!?« Marie hatte noch ihre Zweifel.

»Ich, Tim Rhiel, bin dabei«, bekräftigte Tim. »Sogar mit Klarnamen.« Marie nickte langsam und zufrieden. »Und was ist mit dir«, legte Tim nach, »als wer machst du mit, als Marie Breuer? Oder Gudrun von Glasenapp?«

Marie lachte, packte Fruchtjoghurts auf den Tisch, kramte in der Küchenschublade nach kleinen Löffeln und schritt ans Fenster. Mit den Plastiklöffelchen klackerte sie eine Weile auf den Ringen an den Fingern ihrer linken Hand herum und dachte nach.

Ein bizarrer Auftritt war das gewesen als völkisches Mädel Gudrun bei Hüppauf vorige Woche. Tim war irgendwann mit der Idee gekommen, dass sie es nach seinem Rauswurf mal versuchen solle: ohne Rollstuhl und stattdessen mit der rechten rechten Gesinnung. Er musste Marie nicht lange überzeugen, zu ihrem Handy zu greifen, Hüppaufs Nummer zu wählen und einen Besuch zu vereinbaren. Wer an die Schauspielschule will, kann vorher gar nicht oft genug üben. Und ein bisschen Klischee konnte auch nicht schaden, also ›Gudrun‹ vorne und ein bisschen aristokratisch-militärischer Anstrich beim Familiennamen. Dazu die Haare eingeblondet, das Blech in Nasenflügel und Unterlippe abmontiert und zugekleistert, einen Faltenrock und eine Rüschenbluse angezogen und ab nach Rurberg, in die Höhle des Löwen.

Als Hüppauf die Haustür öffnete und sie misstrauisch musterte, war es vorbei mit der Leichtigkeit. Hoffentlich habe ich nicht überzogen mit meiner Maskerade, dachte Marie und ratterte ihren Text herunter. Hüppaufs Augenbrauen zogen sich in die Höhe: Die hier war neu in der Nordeifel, das behauptete sie jedenfalls, und kam auf Empfehlung der Kameradschaft Aachener Land vorbei, zum Antrittsbesuch sozusagen. Auch die in Stolberg und die Freien Nationalisten in Euskirchen hätten ihr einiges vorgeschwärmt von dem Altvorderen aus der Bewegung.

»Na, dann kommen Sie mal herein, Fräulein Gudrun«, das Eis schien gebrochen. Marie war erleichtert. Hüppauf trat zur Seite und bat sie ins Haus. Ein Opi wie aus dem Bilderbuch, wie er so dastand, das Kreuz durchgestreckt und noch erstaunlich gut beisammen für seine einundsiebzig Jahre. Das Haar zwar dünn und weiß, aber noch voll. Filzpantoffeln, eine Cordhose und eine längst fadenscheinige Strickjacke mit einer Anstecknadel am aufgeschlagenen Kragen, die aus merkwürdig ineinander verknoteten Dreiecken bestand.

Vermutlich keine Mitgliedsnadel der örtlichen Antifa, dachte Marie und lächelte schüchtern.

Dass sie die braunen Organisationen aus der Gegend erwähnte, die sie angeblich zu Hüppauf geschickt hatten, erwies sich als Sesam-öffne-dich. Der Alte brühte einen Filterkaffee auf, kramte Gebäck auf den Wohnzimmertisch und geriet in Plauderlaune. Marie musste das Biest nur noch füttern und ein wenig auf der Hut sein, sich nicht zu verplappern. Selbstverständlich kannte sie Axel Jäger und Silke Feisting, behauptete sie, als Hüppauf sich erkundigte, wen aus der Bewegung sie bereits getroffen hatte und ein paar Namen fallen ließ. »Auch den Belgier? Und die aus Mitteldeutschland?« Marie musste passen. Oder besser, sie wollte passen, damit das hier nicht zu auffällig wurde.

Und dann kamen sie zur Sache. Hüppauf selbst war es, der damit anfing. Vor ein paar Jahren seien die jungen Leute aus den Freien Kameradschaften auf ihn zugekommen und hätten sich nach Walter Lambertz erkundigt, dem Vordenker der heutigen Bewegung und Widerständler gegen den Gesinnungsterrorismus, dem das Land heute ausgesetzt sei. Ob es wirklich so war, wie Hüppauf behauptete, oder ob nicht vielmehr er selbst dem braunen Nachwuchs seinen Lambertz aufgeschwatzt hatte, war nicht herauszubekommen. Gemessen daran, wie er nach nicht mal fünf Minuten zu einer ausführlichen Eloge auf seinen geistigen Mentor ansetzte, war anzunehmen, dass er jedem, der es hören wollte oder auch nicht, mit seiner Lambertzpredigt kam.

Hüppaufs Besessenheit erleichterte Marie die Arbeit. Aus einem Wandtresor zauberte er die stockfleckige Kladde hervor, ungefähr zweihundert Seiten dick: Wehrhaftes Volk. Ansichten eines nationalen Sozialisten, las Marie auf dem Umschlag. Vorsichtig schlug er sie auf. Marie gab vor, brennend interessiert zu sein. Ihr Blick huschte über das Inhaltsverzeichnis: ›Junkerjahre‹, ›Lehrerjahre‹, ›Vertreibung aus Wollseifen‹ oder, weiter unten, ›Eifelfluten‹.

Hüppauf war das plötzlich zu viel. An seinen Gral, da ließ er niemanden heran: jedenfalls keine, die er erst seit ein paar Minuten kannte, »die in Euskirchen haben eine Fotokopie, Gudrun, wenden Sie sich einfach an den Kameraden Jäger.« Er klappte die Schrift wieder zu und ließ seine Hand demonstrativ auf dem Einbanddeckel ruhen.

»Dann werde ich mal den Axel fragen«, sagte Marie, »denn ich muss sagen, Sie haben mich mächtig neugierig gemacht.« Ob sonst noch jemand eine Kopie besitze, setzte sie neugierig hinterher, und Hüppauf rückte heraus mit einem für ihn kaum bedeutsamen, für Tim dagegen hochinteressanten Detail.

Die welken Blätter zwischen den Einbanddeckeln und die Fotokopie in Euskirchen seien genau genommen nicht die einzigen Ausfertigungen, meinte er. In seinem Haus in Einruhr, wo Lambertz bis zu seinem Tod gelebt hatte, könnten sich ein zweites Typoskript und ein paar Durchschläge befinden, die Lambertz angefertigt hatte, um mit seinen Gedanken bei Verlagen vorstellig zu werden. Hüppauf erzählte, wie er als junger Mann den dicken Umschlag zur Post hatte bringen dürfen und zusammen mit dem alten Lambertz gehofft hatte, dass die Schrift zum Druck angenommen und ein Erfolg werden würde. Irgendwann seien die Papierstapel mit einem knappen Ablehnungsschreiben wieder zurückgekommen. Ein Frust sei das gewesen, vor allem für Lambertz, der die Abschriften schließlich zusammen mit der Korrespondenz in den Keller gepackt habe, »und zwar in den unteren.« Und der nie mehr ein Wort über den missglückten Versuch verloren hatte, als Publizist in Erscheinung zu treten.

»Den unteren?«

»Den ursprünglichen. Das Haus in Einruhr liegt unten im Ort, nicht weit entfernt von der Rur. Als man den Obersee aufstaute, mussten sämtliche Gebäude, die in Ufernähe standen und nicht abgerissen wurden, ein Stockwerk nach oben versetzt werden. Auf den ursprünglichen Keller kam ein neuer drauf, in der Höhe des alten Erdgeschosses. Das neue Erdgeschoss wurde wiederum dort draufgesetzt, und so weiter.«

»Und der untere Keller ist erhalten geblieben als Tiefkeller …«

»Den es bei Wasserhochstand schon mal flutet, genau.«

»Und da lagern noch die Abschriften?«

»Wenn die Feuchtigkeit und die Hochwasser sie nicht längst zersetzt haben. Was ich annehme, wenn ich an die Schneeschmelzen im Frühjahr denke, oder an die Kanalisation, die unten am Ufer die Wassermassen nicht mehr gebändigt bekommt.«

»Dann ist das hier also doch das einzige noch erhaltene Exemplar«, hielt Marie mit gespieltem Bedauern fest und zeigte auf das Manuskript.

»Da können wir von ausgehen, Gudrun. Das Typoskript und die Abschriften sind wohl den Eifelfluten zum Opfer gefallen. Ironischerweise.«

Marie hakte nach, was er meinte. Weil eines der Kapitel so betitelt war, fragte sie, ›Eifelfluten‹?

Da habe sie wohl ganz genau hingeschaut, meinte Hüppauf. Aber richtig, ironisch sei es schon, wenn eine Schrift, in der von Eifelfluten die Rede ist, genau denen zum Opfer falle. Auch wenn es sich genau genommen nur um eine Abschrift handele.

Maries alias Gudruns Gesicht verzog sich zu einem einzigen Fragezeichen. Auf einmal war der Alte nicht mehr so handzahm und auskunftsfreudig wie noch zu Beginn. Im Gegenteil, so abrupt wie er damals auf Tim losgegangen und ihn herausgeschmissen hatte, so plötzlich änderte er auch jetzt den Tonfall, wurde laut und schwadronierte los. Marie kam es vor wie zusammenhangloses und wirres, dabei irgendwie bedrohliches Zeug. Nur dass Hüppauf es mit einem Brustton der Überzeugung herauskeifte, als wüsste er mehr über das Wann, das Wo und das genaue Wie hinter seinen kryptischen Andeutungen.

»Ein gigantischer Großputz wird das! Eine Säuberungsaktion, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat …!«

In seiner Erregung bemerkte er die feinen Speicheltropfen nicht, die aus seinem Mund jagten und auf Marie einprasselten. Die sagte kein Wort und hoffte, dass der Ausbruch schnell vorüber ging.

»… da wird einmal gnadenlos nass durchgewischt, gna-den-los, wie es sich gehört. Kein Stein bleibt da mehr auf dem anderen. Und verdient haben sie es, alle haben es verdient.« Er fuhr in die Höhe, fuchtelte mit beiden Armen in der Luft. »Nur verdient ist das, nur verdient und nichts anderes als verdient!« Puterrot und mit zitternden Händen wollte er weiter nachlegen, geriet aber allmählich aus der Puste. »Diese Besatzer, diese Inländerfeinde, diese … geeezüchtigt, jawohl!«

Dann implodierte Bruno Hüppauf. Plop!, sank er schlaff auf die Couch und rang nach Luft.

Holla die Waldfee, dachte Marie, was für ein Choleriker.

Und sie wusste nur zu genau, dass sie ihn auf den Veitstanz besser nicht ansprach, sondern so gut es ging bei der Sache blieb.

»Eines verraten Sie mir aber noch«, meinte sie verschwörerisch. »Nämlich, ob für den Großputz noch Reinigungskräfte gesucht werden.« Hüppauf keuchte immer noch.

»Fragen Sie die Anführer von der Putzkolonne«, japste er eine erstaunlich spritzige Antwort heraus.

»Und die finde ich wo?«

»Wo sagen Sie, kommen Sie nochmal her? Wer hat Sie zu mir geschickt?« Er richtete sich im Sitzen auf und drückte das Kreuz durch. »Na also.«

»Marie? Hallo!?«, Tim riss sie aus ihren Gedanken. »Scotty an Enterprise: Hier unten gibt’s Joghurt!«

Mit einem Grinsen trat sie vom Fenster zu ihm hinüber, schubste ihm den Plastiklöffel auf den Tisch.

»Enterprise an Scotty, wie war nochmal die Frage?«

»Ob du dich als Marie Breuer oder Gudrun Glasenapp an der Verpfeifungsaktion beteiligen willst.«

Ach ja, die Verpfeifungsaktion. Die von Hüppauf, die Tim helfen sollte, sich von seiner Obsession mit Lambertz’ Schrift zu lösen.

»Warum nicht eine E-Mail von der Glasenapp an die Polizei in Euskirchen?«

2

Kriminalinspektorin Franka Froitzheim galt seit dem Gewinn der Deutschen Juniorenmeisterschaft vor zehn Jahren als Deutschlands größtes Talent im Frauenringen. Ihre Vorgesetzten in Euskirchen stellten sie deswegen gerne aus als Vorzeigebeamtin, die in einer Vorzeigebehörde ihren Dienst verrichtet. Als sie sich vor zwei Monaten beim Training im Olympiastützpunkt in Köln das Knie verdreht hatte, stellten dieselben Vorgesetzten sie kalt: Innendienst und Schonung statt riskanter Einsätze als szenekundige Beamtin in Fußballstadien und bei ruppigen Fanclubs. Wo käme man sonst hin, wenn ein Hooligan der Güteklasse ›gewaltsuchend‹ sich dem Zugriff entzieht, sie über den Haufen rennt und die Eifel damit um Edelmetall bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen bringt?

Die Begründung fand Franka Froitzheim noch plausibel, obwohl sie sich längst an die stramme Bandage ums Knie gewöhnt hatte und sich danach verzehrte, mal wieder Auslauf zu bekommen, in freier Wildbahn agieren zu können. Weniger Verständnis brachte sie auf für das, was man ihr stattdessen als Aufgabe zugewiesen hatte: »mal das Netz zu beobachten.« Also den lieben langen Tag im Internet zu surfen und auszukundschaften, in welchen Foren und in welchen Chatrooms sich ihre Klienten tummelten, verabredeten und dabei vielleicht die eine oder andere Straftat ausheckten.

Und ganz und gar nicht begreifen konnte sie, dass sie mit dem, was sie tat, im kompletten Apparat auf taube Ohren stieß: Wenn sie meinte, etwas gefunden zu haben, das lohnte, mal genauer durchleuchtet zu werden, oder wenn sie eines ihrer Dossiers aufsetzte, um das die Vorgesetzten sie anfangs gebeten hatten, blockten alle plötzlich ab. Von der Leitungsebene der Kreispolizeibehörde in Euskirchen über die Staatsanwälte in Bonn bis zu den Kontaktleuten in den Landes- und Bundesbehörden schoben sie sich gegenseitig die Zuständigkeit zu und wollten mit ihren Hinweisen nicht behelligt werden, geschweige denn ihre Dossiers lesen. In Alemannia Aachens Anhängerszene rumort es, weil Ultras und Rechte sich zunehmend spinnefeind sind und sogar die Fanbeauftragte mit ihrem Latein am Ende ist? »Leiten Sie es weiter an die Polizei in Aachen.« Eine Hooliganklopperei der erleseneren Sorte zwischen Mönchengladbachern und Anhängern des 1. FC Köln kündigt sich in der Gegend von Weilerswist an: Ort, Tag und Uhrzeit kursieren bereits. Anweisung für weiteres Vorgehen erbeten. »Wenn die sich unbedingt gegenseitig die Köpfe einschlagen wollen, wollen wir das verhindern?« Nachfrage: Sie meinen sicher, »wie wollen wir das verhindern.« Antwort: »Nein, nur: wollen wir das verhindern? Eine rhetorische Frage.«

Nicht nur die Achtundzwanzigjährige war von der demonstrativen Gleichgültigkeit frustriert, mit der die da oben auf das reagierten, was sie in ihrer unfreiwilligen Quarantäne produzierte und ihnen vorlegte. Angesäuert war auch Bülent Haspolat, den sein Hauptpraktikum zum Kommissaranwärter nach Euskirchen verschlagen hatte. Bülent hatte zu Beginn des zweiten Vierteljahres den Fehler begangen, zu laut und zu schnell ›hier‹ zu rufen, als jemand mit Ahnung von Computern und Internet gesucht wurde. Jetzt teilte er sich ein Dienstzimmer, eine Kaffeemaschine und einen Laserdrucker mit Franka Froitzheim.

»Bülle, was geht!?«

»Bülle war schon fleißig. Wie sich’s gehört bei der Büllezei. Auf den Weltnetzseiten ist ordentlich Verkehr.« Weltnetzseiten, das war Neonazijargon für ›Internet‹. »Und was geht bei Franka Polente?«

»Die Polente kommt grad vom Arzt. Zwei, drei Wochen noch, dann kann ich wieder ins Training.«

»Freut mich für dich«, Bülent stand auf und schob ihr eine Laufmappe mit Ausdrucken auf den Schreibtisch. »Beim ersten Training bin ich dabei, persönliche Massage inklusive.«

»Wenn’s der Mitarbeitermotivation dient, meinetwegen. Was ist das?« Sie zeigte auf die Mappe.

»Bloodandhonour.com, 1488landser.org aus Belgien, whitearyanwarriors.com, Kanada, witafrikaner.co.za, die Widerstandsbewegung der Rassisten in Südafrika. Überall eindeutig Zweideutiges.«

»Schlagworte?«

»Eifel, Naturpark, Züchtigung, Säuberungsaktion«, ratterte Bülent herunter. »Lambertzen, Lambertzification, Lambertsen: je nach Sprache. Verabredungen, Treffpunkte, Veranstaltungen; meeting points and events. Anreise und Suche nach Unterkünften, travel and accomodation. Dazu Touristisches, sights, vor allem Vogelsang und die Rheinwiesenlager, die allerdings ausschließlich bei den Europäern. Den Amerikanern und Kanadiern sagt das entweder nichts oder sie sagen ›thanks, but no thanks‹. Immerhin waren das ja alliierte Kriegsgefangenenlager, da kommen viele Nordamerikanazis scheinbar in eine Zwickmühle.«

»Also das Übliche«, seufzte Franka Froitzheim vor der Kaffeemaschine.

»Das Übliche, ja, bloß schon wieder mehr. Der Verkehr wird dichter auf der rechten Spur vom Information-Highway.«

Die Kriminalinspektorin goss sich und Bülent einen Kaffee ein, ließ sich in ihren Bürostuhl fallen und sah die Papierausdrucke durch. Irgendwas war hier im Busch, ärgerte sie sich. Auf den Webseiten der rechten Fußballfanclubs und in den Foren der Hooliganszene hatte es angefangen, vor zwei Wochen war sie das erste Mal darauf gestoßen. Die User, wusste sie, waren zum Teil identisch mit der Belegschaft der Freien Kameradschaften, wo auf den Webseiten das gleiche dunkle Geraune zu beobachten war. ›Lambertzen‹, was sollte das sein? Und jetzt, je mehr man das Netz durchstöbert, kriechen sie aus allen Löchern und Ecken. Auf der ganzen Welt. Sie sagen sich an und freuen sich auf das Wiedersehen mit den deutschen Spießgesellen, die sie die mop and bucket brigade nennen: die Putzkolonne.

»Zum kotzen ist das«, mit der Faust hämmerte sie auf den Schreibtisch. »Ekelhaft.«

»Und kein Schwein interessiert es.«

»Doch, Bülle«, Franka Froitzheims Stimme wurde schneidend und scharf, »Heisterbach interessiert es, richtig brennend. Der Herr Hauptkommissar hat sich gestern tatsächlich herabgelassen, mein Memo zu lesen. Behauptet er jedenfalls. Wahrscheinlicher ist, dass jemand ihm gesteckt hat, was da drinsteht, und dass mich die Neonazikirmes langsam schwer nervt. Nach dem, was in Thüringen und Zwickau ans Licht gekommen ist, rechte Terrorzellen und so, müssten wir da ein Auge drauf haben, sagte er mir unten im Foyer gerade. Umso besser, dass du und ich gerade Zeit hätten, meinte er, und dass wir mal so ordentlich nachfassen sollen bei allem, was im Internet so abgeht.«

»Und?«

»Nix und. Auf einmal hatte er keine Zeit mehr. War mit Dütemeyer fast wieder durch die Tür, als ich ihn mir nochmal krallen konnte und gefragt habe, ob er da nicht Gefahr im Verzug sehe. Und was wir unternehmen sollten.«

»Und!?«

»Der liebe Herr Dütemeyer drängelte.«

»Kommissar Dütemeyer.« Bülent verdrehte die Augen.

»Genau der. Wird wieder nur das Übliche sein, hat er dem Chef souffliert. Dass die Braunen zur Geburtstagsfeier rüsten und sich danach alle wieder in sämtliche Winde verstreuen würden. Diesmal würde eben der Widerstand West die Party organisieren.«

»Geburtstagsfeier? Party?«

»Adolf Hitler wird am 20. April Hundertsechsundzwanzig.«

»Meint Dütemeyer. Und Heisterbach? Was meint der, was wir tun sollen?«

»Nix. ›Vermutlich hast du recht, Düte‹. Und: ›Bleiben Sie auf Empfang, Frau Froitzheim, und melden sich bei mir, wenn Sie meinen, dass wir trotzdem eingreifen müssen‹. Und weg war er.«

»Ist nicht zu fassen …«

Stufe 1, Präsenz ausbauen.

Der junge Mann mit der Nickelbrille unter der blonden Scheitelfrisur richtete ein paar Worte an die Versammlung in der Deutschen Eiche. Zu Bier und Salzgebäck in Triskele-Form begrüßte er die »Vorhut« und »Erste Legion« zum »Aktivurlaub«, kam dann zur Einteilung in kleinere Gruppen. »Für die Kameraden aus Ventersdorp übersetzt Jean Mertens alles nochmal ins Flämische.«

Ein bulliger Riese mit Sommersprossen im rotwangigen Gesicht stand auf und hakte die Daumen rechts und links hinter die Gürtelschnalle, auf der unter der offenen Bomberjacke gut sichtbar Gott mit uns zu lesen war. Er nickte knapp in die Runde.

»Ihr Weißafrikaner habt hoffentlich keine Probleme mit Flämisch.«

Murren und Gelächter, dann wurde auch den vier Amerikanern eine Übersetzerin zugewiesen.

»Ich bitte euch um eins: Hört gut zu und fragt nach, wenn ihr etwas nicht verstanden habt oder nicht sicher seid. Von euch hängt der Erfolg der ersten Stufe ab. Ihr seid das erste, das dreckige Dutzend. Auf euch kommt es besonders an. Viel mehr als auf die, die in den nächsten Tagen hier eintreffen. Sieg Heil!«

*

In Rurberg an der Kante von Obersee und Rurtalsperre tauchten sie zuerst auf, flanierten die Seeuferstraße entlang und marschierten über den Eiserbach- und den Paulushofdamm auf die Kermeterseite. Sie packten ihre Ferngläser aus und sahen in den Ort zurück, hoben die Arme zu verabredeten Zeichen, die erwidert wurden von denen auf der anderen Seite, und telefonierten über Handy miteinander.

*

Zur gleichen Zeit führte ein halbes Dutzend Vollbärte dieselbe Inszenierung an der Staumauer oberhalb von Heimbach auf. Die Männer liefen in khakifarbenen Uniformen über den Fahrweg, gaben sich gegenseitig Zeichen und blinkten am helllichten Tag mit starken Taschenlampen einen Code in Richtung Hasenfeld, der sich mit keinem Morsealphabet entschlüsseln ließ.

*

Andere machten Ausflüge und wanderten in Simonskall den Westwall-Weg entlang. Sie präsentierten ihre Kurzhaarfrisuren, die Schriftzüge und Runen auf ihren T-Shirts und ihr festes Schuhwerk mit den hohen Schäften und weißen Schnürsenkeln in den Biergärten der Ausflugslokale oder bei Erbsensuppe und Trappistenbier auf der Besucherterrasse der Abtei Mariawald. In Nideggen und Heimbach sprachen sie die ersten Motorradfahrer der Saison auf ihre motorbikes made in Germany an.

*

Einer Polizeistreife fiel auf der B 265 oberhalb von Gemünd ein PKW auf, der selbst für Eifeler Verhältnisse viel zu schnell die Serpentinen hinaufkletterte. Der Wagen war gemietet, der Fahrer zeigte einen US-Führerschein vor, über die Stereoanlage im Auto lief Kategorie C, ›Fußballfest ’98‹. Die anderen Insassen, ein junger Kanadier und zwei Deutsche, trugen schwarze T-Shirts: ›Staatsfeind Nr. 1‹, ›So sind wir‹ und ›A.C.A.B.‹ Sie taten abwechselnd teilnahmslos oder grölten den Text mit, »Hoch auf dem gelben Wagen, sitz ich beim Führer vorn«. Die beiden Polizeibeamten stutzten, notierten den Namen des Fahrers, kassierten das Knöllchen direkt ab und erzählten den Kollegen auf der Wache später von den vier Herren.

*

Im Wald zwischen Bad Münstereifel und Rodert brannte es. Anwohner entdeckten den Feuerschein in der Dämmerung und verständigten die Polizei. Diesmal war es nicht die Wiking Jugend, die in den Ruinen des Felsennests herumzündelte, vergangene völkische Zeiten beschwor und sich hemmungslos besoff. Diesmal waren es ältere Semester mit Vollbärten und Safarianzügen, die vor den massiven Betonklötzen, die einmal ein Führerhauptquartier waren, ein Braai veranstalten. Dicke Bratwurstschnecken brutzelten auf einem Grillrost, als die Beamten eintrafen, die Gesellschaft auflösten und Platzverweise aussprachen, nachdem sie die Personalien der Afrikaaner aufgenommen hatten.

*

Bonn, eine kleine Seitenstraße im nördlichen Teil des Zentrums. Zuerst betrat der Kamerad aus Belgien den Buchladen in dem eingeschossigen Flachbau, erkundigte sich nach Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, und ob es das Buch in flämischer Übersetzung gebe. Die Bedienung hinter der Ladentheke verneinte. Dann kamen ein junger Mann und eine Frau dazu und fragten nach Bildbänden über die Waffen-SS. Der Belgier verfolgte amüsiert, wie die Verkäuferin wieder verneinte und die nächsten drei Kameraden in das Ladenlokal traten. Mein Kampf vom Führer, do you have it on stock? Die Verkäuferin, alleine mit einem halben Dutzend Kunden, die allesamt nach Rechtsausleger-Literatur verlangten, sagte, sie wolle im Lager nachsehen und verließ den Verkaufsraum, um einen Kollegen anzurufen und Hilfe oder Unterstützung anzufordern. Als sie in den Laden zurückkehrte, waren die sechs verschwunden. Der Flashmob fand nicht ohne Grund in genau diesem Buchladen statt. Eng verbunden mit dem Geschäft und seinen Betreibern, einem Kollektiv, war die Antifa Euskirchen/Eifel, die nicht lange fackelte und schon tags darauf in ihrem Blog über den Vorfall und die unerwünschte Kundschaft berichtete.

Die Nachricht an [email protected] erreichte Bülent mit zwei Tagen Verzögerung. Die Kollegen in der Wache, wo die E-Mails zuerst eintrudeln und gelesen werden, hatten nichts mit ihr anfangen können und sie durch die gesamte Kreispolizeibehörde gereicht.

»Saubere Arbeit«, bemerkte der Kommissaranwärter bissig, »an diejenigen, die wirklich zuständig sind, leiten sie es zuletzt weiter.« Er schob eine Kopie der Mitteilung in Franka Froitzheims Postfach.

»Wieder was von der Antifa?«, brummelte die und zog sich das Mailprogramm vor die anderen auf den Bildschirm. »So lieb ich die auch habe. Es wird langsam ein bisschen viel. Den Neonazi-Quark beobachten und von denen ständig eingedeckt zu werden mit Hinweisen und Tipps … schafft dich das nicht, Bülle?« Franka Froitzheim kam die Antifa ein bisschen vor wie der zudringliche Hausmeister am Tatort, der ›ich meine es ja nur gut‹ und ›mir ist da noch was eingefallen‹ sagt, und den keiner mehr eingefangen kriegt, wenn er einmal loslegt.

»Nö.«

»Was, nö!? Also, ich bin drauf und dran, denen zu schreiben, dass sie lieber erst mal filtern, was sie …«

»Nicht von der Antifa«, ging Bülent dazwischen. »Das mein ich mit ›nö‹. Als Absender ist eine Gudrun von Glasenapp angegeben. Merkwürdiger Name …«

»Und merkwürdiger Inhalt. Will uns da jemand zum Besten halten?«

»Sei nicht so empfindlich, Franka. Hier wird nur jemand ganz harmlos angeschwärzt, wenn du mich fragst.«

»Bruno Hüppauf, Bülle. Ist dir der Name schon mal untergekommen in den Foren?«

»Nochmal nö. Alles andere ist bekanntes Programm. ›Säuberungsaktion‹, ›nass durchwischen‹, ›sauber spritzen‹. Nur Bruno Hüppauf hab ich noch nirgendwo gelesen. Das ist aber nicht das wirklich Interessante …«

»Sondern Lambertz.« Mit dem Zeigefinger rieb Franka Froitzheim sich die Oberlippe, dann den rechten Nasenflügel, dann den anderen. »Walter Lambertz, der. Das Lambertzen«, sie schnippte mit den Fingern. »Bülle, ich glaube, wir sollten da mal nachhaken.«

»Was hält meine Wickie davon, wenn ich der Freifrau von Glasenapp mal ne Antwortmail schreibe!?«

»Frag sie nach Wohnort, Adresse, Alter. Und sobald sie antwortet, lade sie vor.«

»Haben wir eine Handhabe für sowas?«

»Okay, dann lade sie ein. Nicht vor.«

Also doch die Antifa, war Franka Froitzheims erster Gedanke, als es klopfte und zuerst ein Mittdreißiger im Rollstuhl und dann eine junge Dame das Dienstzimmer betraten. Bülent war fasziniert von dem Silbertand, der aus der Frau stak und an ihr herumhing. Er hörte nicht richtig zu, als Marie sich vorstellte und danach in zwei Sätzen erklärte, dass der Name Gudrun von Glasenapp nur Tarnung gewesen und sie diejenige sei, die hinter der Maskerade steckte.

»Mein Name ist Froitzheim und das ist der Kollege Haspolat«, half die Kriminalinspektorin aus. »Hast du das mitgekriegt, Kollege? Frau Glasenapp heißt in Wahrheit Breuer.«

»Und Sie«, Bülent sortierte sich, »sind der Herr, warten Sie, Hüppauf und heißen in Wirklichkeit …!?«

Mit Büßerstimme flüsterte Tim seinen Namen.

»Und nur Tim Rhiel. Wirklich!«

Marie berichtete, was es auf sich hatte mit Bruno Hüpp­auf und ihrer Nachricht an die Polizei.

»Selbst wenn wir’s wollten«, flötete Bülent nach Maries Beichtstunde. »Wir dürfen Sie als Denunzianten gar nicht bei dem von Ihnen Denunzierten denunzieren. Da hätten Sie den alten Herrn schon ins CC setzen müssen, bei Ihrer E-Mail an uns. Oder sieht der Praktikant das falsch, Frau Froitzheim?«

»Nee, das sieht er vollkommen richtig. Und für üble Nachrede oder Verleumdung sind die Gerichte zuständig, nicht wir«, sekundierte Franka Froitzheim.

Tim sah Marie an, und Marie Tim. Na klasse, sagten sich ihre Mienen, was haben wir denn da für einen bescheuerten Plan ausgeheckt!?

»Tja, ist vielleicht auch besser so.« Marie fand die Sprache zuerst wieder.

»Allerdings habe ich gerade beschlossen, Sie für etwas anderes einzuspannen, Herr Rhiel. Für etwas und als jemanden.«

Franka Froitzheim wuchtete sich energisch aus ihrem Bürostuhl und trat vor den Rolli, beugte sich vor und sah Tim in die Augen, stützte sich mit der Linken auf die eine der beiden Armlehnen und pochte ihm mit Zeige- und Mittelfinger der anderen Hand auf sein Brustbein. »Und zwar als Lambertz-Experten! Genau so einer fehlt uns hier nämlich. Wir haben keinen blassen Schimmer, was gemeint ist, wenn aus einem Nomen proprium ein Verbum wird …«

»Nochmal zum Mitschreiben«, schaltete sich Bülent ein. Marie musste lachen, auch Tim fing an zu grinsen.

»Wenn aus einem Eigennamen ein Tu-Wort wird, Kollege. Wie bei ›Lambertz‹ zu ›lambertzen‹.«

Franka Froitzheim erzählte von den Aktivitäten auf den Weltnetzseiten, die sich im Norden von Aachen über Düren und Pulheim bis nach Leverkusen und im Süden die Mosel entlang von Trier bis nach Koblenz spannten und in denen verdächtig oft die Rede war von einem mysteriösen Lambertzen, dazu seit Anfang der Woche von ›Lambertzbombern‹, von ›Tonnage spazieren fahren‹, ›Dynamitfischen‹ und ›Heimbach, Hausen und Blens auszetteln‹.

»Da stimmt was nicht, da braut sich was zusammen, und wir wissen nicht was«, schloss sie. »Allenfalls wann, und das auch nur mit Fragezeichen: 20. April, also in einer Woche. Die ganze Gegend ist scheinbar schon voller Neonazis. Aus der ganzen Welt kommen sie hierher gepilgert.«

Tim dachte an die Begegnung mit Hüppauf in Vogelsang Anfang der Woche, an dessen seltsam arroganten und herablassenden Blick und an die Typen, die er im Schlepptau gehabt hatte. Dann erzählte er, was es mit dem Namen Lambertz auf sich hatte.

»Was haben Sie vor, Frau Froitzheim?«

»Ich mag mich vertun, aber Hüppauf könnte uns weiterhelfen. Und da er kaum gewillt sein wird, es freiwillig zu tun, sollten wir ein wenig nachhelfen. Mit einem Durchsuchungsbeschluss. Was meinst du, Kollege?«

»Wie willst du den erwirken? Und wo, bei wem?« Bülent klang eher verzweifelt als erheitert. »Das ist aussichtslos. Nee, nicht bloß aussichtslos. Das ist ausgeschlossen!«

»Heute ist Freitag, lass mich überlegen. Wer von der Staatsanwaltschaft sitzt am Wochenende in der Bereitschaft?« Sie klickte sich auf ihrem Computerbildschirm durch ein paar Seiten, holte tief Luft und atmete langsam aus. »Carola Knittel, okay«, sprach sie mehr mit sich selbst als zu den anderen. »Kenne ich zwar nicht, aber das muss nichts heißen. Knittel hört sich schon mal gut an, die deutsche Meisterin in der Klasse bis 55 Kilo heißt auch so.«

Bülent schob seine Augenbrauen in die Höhe, Marie und Tim zogen ihre fragend zusammen.

»Die Kollegin Froitzheim ringt, müssen Sie wissen«, erklärte der Kommissaranwärter, als er den verdutzten Blick der beiden bemerkte. »Manchmal mit sich selbst, nach Feierabend gegen andere.«

3

An Samstagabenden schmeckte Leonie Schumpeter das Pils im Stüffje in Einruhr am besten. Samstag war Bettenwechsel, was für ihre Ferienwohnung in der Hochsaison hieß: acht Betten frisch beziehen, die gebrauchten Bezüge waschen, die Küche putzen und den Wohnraum saugen, den Kühlschrank ausräumen und das Bad scheuern. Danach ein Frischgezapftes, ein Schwatz mit den anderen Kneipengästen und ein wenig Tratsch über Klätschjüppchen oder Schmock, den größten Intriganten des Ortes, dem gerade die zweite Frau weggelaufen war. Gab es etwas, das einen besser entspannte und runterkommen ließ? Nicht wirklich.

Heute war das anders. Der Bettenwechsel hatte Gäste in ihre Ferienwohnung geschwemmt, die Leonie Schumpeter gründlich die Stimmung vermiesten. Als die Reservierung übers Internet bei ihr eintraf, dachte sie noch: Simbabwe und Paraguay, das ist ja mal eine interessante Kombination. Sie erinnerte sich, dass in den beiden Ländern zwei ziemlich finstere Gestalten an der Macht waren: der eine weiß und schon tot, der andere nicht weiß und noch nicht tot. Aber, hatte sie gedacht, die Leute, die da gebucht haben, werden mir schon zeigen, dass ich dumme Gans nur voller Vorurteile stecke.

Und dann das: drei kräftige blonde Kotzbrocken, Vater und zwei Söhne, denen Robert Mugabe die Farm weggenommen hatte und die jetzt den bewaffneten Kampf gegen das schwarze Rattenpack und die Rückeroberung ihrer Farmen vorbereiteten. Und ein Haufen Ableger aus der Colonia Dignidad, mit deutschen Wurzeln und braundeutscher Gesinnung wie die meisten, die die Siedlung in Chile mitgegründet hatten. Als es mit Pinochet und seinen Schergen politisch zu Ende ging und unklar war, wo die Nachfolger politisch standen, wechselten sie kurzerhand das Land und machten sich davon, rüber nach Paraguay.

»Komm mir bloß nicht mit denen«, blaffte sie Albrecht Wollgarten an, als er sie auf die internationalen Gäste ansprach. »Die aus Afrika sehen aus, als hätte Vogelsang den Betrieb wiederaufgenommen. Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, dazu semmelblond und blauäugig.«

Albrecht nickte, schwang sich herum und orderte zwei frische Pils. Dann fiel sein Blick auf die Kneipentür.

»Und jetzt fallen sie hier ein«, raunte er dunkel, als er sah, wer das Stüffje betrat.

Bruno Hüppauf nickte knapp und wortlos zum Tresen herüber. Wenigstens die Tageszeit hätte er sagen können, dachte sich Leonie, die ansonsten froh war, dass der Alte und seine Begleiter sich an einen Tisch in der hintersten Ecke der Kneipe niederließen und die Köpfe zusammensteckten.

»Die schon wieder.« Marlene, die sich im Stüffje ihr Studium erkellnerte, lehnte sich über den Tresen und musterte die fünf jungen Leute, die sich um Hüppauf scharten. »Was sind das eigentlich für welche?«

»Sieht man das nicht?« Leonie deutete auf die schwarzgewichsten Knobelbecher mit den weißen Schnürsenkeln, die drei der jungen Kerle an den Füßen hatten, und die Thor-Steinar-Jacken, die das Mädchen und der schmächtige vierte Mann trugen.

»Ich glaube, da ist mal ein ernstes Wort mit dem Alten fällig«, sagte Albrecht. »Die fünf hat er in seinem Gästehaus untergebracht.«

»Echt!?« Marlene zog die Brauen in die Höhe.

Albrecht nickte. Als Bausachverständiger überprüfte er zweimal im Jahr die Statik der ufernahen Gebäude. Dem Quintett war er bei der Frühjahrskontrolle von Hüppaufs Haus begegnet.

»Der Hänfling neben Bruno hat das Sagen, die anderen sind eher von der maulfaulen Sorte.«

»Maulfaule Sorte, aha«, meinte Leonie.

»Jedenfalls spricht immer nur der eine, und die anderen tun, was er sagt.«

Leonie sah wieder zu dem Tisch herüber. Auch jetzt redete der Schmale auf Hüppauf und die anderen ein. Mit raschen Handbewegungen unterstrich er seine Worte und deutete abwechselnd auf die fünf anderen und einen imaginären Plan, den er vorher mit ein paar Gesten auf dem Wirtshaustisch ausgebreitet hatte.

»Da könntest du Recht haben, Ali«, entgegnete sie. »Der Kuchen spricht und die Krümel müssen schweigen.«

»Bloß, dass die sonst nicht in dem Fummel durch den Ort rennen«, meinte Albrecht. »Da tragen sie zivil.«

»Die kommen bestimmt direkt von der Schicht.« Leonie nippte an ihrer Pilstulpe. »Keine Zeit zum Umziehen.«

»Wo schieben die bitteschön Schicht?« Albrecht kratzte sich am Kinn. »Da ist doch was im Busch!«

In der Ecke stand Hüppauf auf, quetschte sich hinter dem Tisch hervor, kam auf den Tresen zu und orderte sechs Bier. Mit unsicherem Blick schielte er zu Leonie und Albrecht herüber, sah dann wieder in eine andere Richtung. Ganz klar, dachte sich Leonie, der hat was zu verbergen. Oder ein schlechtes Gewissen. Oder beides.

»Bruno, was soll der Scheiß?« Albrecht griff sein Frischgezapftes und stellte sich Hüppauf in den Weg, der zurück an seinen Tisch schlurfte.

»Was willst du«, brummte der Alte. »Lass mich in Frieden!«

»Einruhr ist nazibefreite Zone, verstanden!? Nicht national befreit, nazibefreit! Und das wird’s auch bleiben. Mach dass deine Pimpfe wieder abrücken und sich hier nicht mehr blicken lassen, sonst ziehen wir andere Saiten auf!«

»Leck mich«, giftete Hüppauf und setzte sich gerade wieder in Bewegung, als die Eingangstür aufflog und Leo­nies blonde Feriengäste den Schankraum betraten. Der Alte strahlte über das ganze Gesicht, als er den Farmer und seine beiden Söhne erblickte. Er zeigte auf den Tisch mit den anderen und bestellte Bier nach. Dann baute er sich vor Albrecht auf.

»War noch was!?«, raunte er. »Nein, oder!?«

Albrechts Kaumuskeln mahlten, er sagte aber nichts. Auch Leonie verkniff sich eine Bemerkung und rang sich einen knappen Gruß in Richtung ihrer Gäste ab.

»Leck mich!«, zischte Hüppauf wieder. Diesmal klang es nicht nur giftig, sondern triumphierend.

Zurück an seinem Tisch, machte er ein paar abfällige Gesten in Richtung Leonie und Albrecht. Wahrscheinlich hatten seine Spießgesellen wissen wollen, wer die beiden waren.

Die drei aus Simbabwe mieden den Blickkontakt mit Leonie, ihrer Ferienhauswirtin, als sie das Stüffje eine Stunde später verließen. Nur der Schmale mit der Nickelbrille hinterließ einen Gruß. An Albrecht gewandt, spreizte er Daumen, Zeige- und Mittelfinger auseinander und hielt sie ihm mit ausgestrecktem Arm entgegen.

»Gute Nacht«, presste er hervor. Seine Stimme war ein einziges Kieksen. »Und schließen Sie gut ab. Man kann nachts nie wissen.«

Albrecht packte den Burschen am Arm.

»Pass mal gut auf, Freundchen«, setzte er an. Weiter kam er nicht. Der Kräftigste von den Burschen ging dazwischen, baute sich vor Albrecht auf und versetzte ihm einen deftigen Stoß in die Seite. Dann hob er den Zeigefinger und schwang ihn wie ein Metronom vor Albrechts Augen hin und her.

»Nu mol schön wieder aufn Hogger mit dir.« Albrecht war zu perplex, um nicht aus einem Reflex heraus genau das zu tun, was das Muskelpaket von ihm verlangte. »So ist brav. Schön sitzenbleiben und gor nüscht mehr sagen.« Das Metronom hörte auf zu ticken, stattdessen legte sich der Finger in die Horizontale. Die Spitze zeigte genau auf die Stelle zwischen Albrechts Augen. »Sonst muss ich nochmol wiedergommen.«

Der Daumen fuhr aus, reckte sich kurz über den gestreckten Zeigefinger in die Höhe, schnappte dann zurück in die Faust.

Stufe 2, Köder auslegen

»Ich begrüße auch die neu Hinzugekommenen. Südamerika hat entsandt, aus Ungarn sind Kameraden dazu gestoßen und das südliche Afrika hat Verstärkung erhalten.« Die Nickelbrille schob sich über den blassen Bäckchen in die Höhe, als der Blonde zufrieden grinste. »Wir waren nicht untätig, die Vorhut hat ordentlich vorgelegt. Man merkt, wir sind in der Gegend präsent und werden wahrgenommen. Die Blogs quellen über, die Herren Wachtmeister verstärken ihre Streifen, es gibt rund um unsere Heldengedenkorte verstärkt Verkehrskontrollen und auch unsere Freunde von der Antifa haben inzwischen richtig Schaum vor dem Mund. Für alle, die mit dem Begriff nichts anfangen können: Antifa, das sind die, die sich als Erste für einen ausgedehnten Erholungsurlaub im KZ eignen, wenn es soweit ist.«

Im Saal machte sich Heiterkeit breit. Zuletzt lachten auch die, denen man es übersetzen musste.

»Jetzt ist es Zeit für die zweite Stufe. In den nächsten Tagen legen wir ein paar Köder aus. Keine leichte Aufgabe, das Ganze muss so koordiniert sein, dass denen, für die wir sie auslegen, nichts entgeht. Dauer der Maßnahme: bis weit in die kommende Woche hinein, wenn nötig bis Freitag. Dann zur Logistik. Alles ist soweit vorbereitet. Die Wegbeschreibungen zu den Höfen und Scheunen, in denen ihr das Material abholt, werden euch die Kameraden Feisting, Mertens und Behrend-Wolff gleich aushändigen. Dito die Karten mit den Einsatzorten und den genauen Zeiten. Wenn Fragen aufkommen sollten, raus damit. Die Kameraden stehen euch zur Verfügung. Wichtig ist, die Liste mit den Führerscheinen für Lastkraftwagen zu aktualisieren. Dazu die mit Bootsführerscheinen. Ich denke, damit sind wir bis Mittag durch. Danach bietet Kamerad Hüppauf einen weiteren Rundgang durch die Ordensburg an. Für alle, die sie noch nicht gesehen haben oder beim ersten Mal nicht genug bekommen konnten. Nicht vergessen, wer an dem Sonntagsspaziergang nach Vogelsang teilnimmt, soll sich die Nadel ans Revers heften. Auch in Stufe Zwei schaden die Maßnahmen aus Stufe Eins nicht. Präsenz zeigen, und Einigkeit. Und eisernen Willen. In diesem Sinn. Sieg Heil!«

*

Der militärgrüne alte Magirus ächzte die schmale Bundesstraße entlang bis Einruhr, von dort nahm er die Uferstraße nach Rurberg. Die Tarnnetze auf der Ladeklappe verbargen die Fracht. Vor den Staumauern würden sie die Camouflage herunterziehen und den Blick freigeben auf die Fässer. Der junge Bursche aus Simbabwe hatte sichtlich Spaß, am Steuer eines echten deutschen Militärlasters zu sitzen. Original Drittes Reich, hatte ihm Behrend-Wolff vorgeflunkert, angeblich war der LKW sogar in Grozny und Leningrad gewesen. Hin und wieder zurück, durch die klirrende Kälte, dazu die Einschüsse über der Hinterachse. Tatsächlich hatte der Laster am Heck kleine Beulen und Stellen mit abgesprungenem Lack, die stammten jedoch von Milchkannen, Leitern und Zementsäcken. Der Magirus hatte in den sechziger Jahren einer Nordeifeler Milchgenossenschaft und dann, als die Milchkannen durch Tankfahrzeuge ersetzt worden waren, einem Bauunternehmer aus der Gegend von Hillesheim gehört. Sein H-Kennzeichen, hatte Behrend-Wolff dem blonden Burschen aus Afrika weisgemacht, stehe immer noch für Hitler.