Beschreibung

Alle vierhundert Jahre wird eine mächtige Hexe geboren. Das Blöde daran ist nur, dass sie nichts davon weiß …   Geheimnisvolle und mysteriöse Dinge haben die sechzehnjährige Schülerin Anna schon immer fasziniert. Ein ungewöhnlicher Talentwettbewerb an ihrer Schule wirkt daher wie eine Einladung, zumal es bei diesem Casting ausgerechnet darum geht, ein Rätsel nach dem nächsten zu lösen. Annas Freunde Sarah und Ben drängen sie förmlich dazu, daran teilzunehmen, denn das versprochene Preisgeld können sie alle mehr als gut gebrauchen.   Doch die Konkurrenz ist groß. Anna muss sich zum Beispiel gegen den Möchtegern-Sonnyboy Lukas und dem wahnsinnig faszinierenden Elias behaupten, während sie sich den immer schwierigeren Aufgaben stellt. Obendrein scheint die verrückte Jury rund um die Theaterlehrerin Magda gänzlich eigene, undurchschaubare Ziele zu verfolgen, woraufhin mehr auf dem Spiel steht als nur das Preisgeld.   Dabei hatte alles so harmlos angefangen … mit einem alten Hut, einem Casting und einem bunten Haufen an Schülerinnen und Schülern.

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Darum geht es in diesem Buch:

Alle vierhundert Jahre wird eine mächtige Hexe geboren. Das Blöde daran ist nur, dass sie nichts davon weiß …

Geheimnisvolle und mysteriöse Dinge haben die sechzehnjährige Schülerin Anna schon immer fasziniert. Ein ungewöhnlicher Talentwettbewerb an ihrer Schule wirkt daher wie eine Einladung, zumal es bei diesem Casting ausgerechnet darum geht, ein Rätsel nach dem nächsten zu lösen. Annas Freunde Sarah und Ben drängen sie förmlich dazu, daran teilzunehmen, denn das versprochene Preisgeld können sie alle mehr als gut gebrauchen.

Doch die Konkurrenz ist groß. Anna muss sich zum Beispiel gegen den Möchtegern-Sunnyboy Lukas und dem wahnsinnig faszinierenden Elias behaupten, während sie sich den immer schwierigeren Aufgaben stellt. Obendrein scheint die verrückte Jury rund um die Theaterlehrerin Magda gänzlich eigene, undurchschaubare Ziele zu verfolgen, woraufhin mehr auf dem Spiel steht als nur das Preisgeld.

Dabei hatte alles so harmlos angefangen … mit einem alten Hut, einem Casting und einem bunten Haufen an Schülerinnen und Schülern.

Weitere Informationen zur Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Bibliografische Information derDeutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet überhttp://dnb.dnb.deabrufbar.

Copyright ©2019 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Coverbild: Maurice Mosqua

Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

Alle Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Parallelen zu real lebenden Personen und Situationen sind rein zufällig.

ISBN 978-3-95962-925-6

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www.papierverzierer.de

Table of Contents
Ein alter Hut
Inhalt
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Ann-Kathrin Karschnick

Kapitel 1

Anna

»Mama, ich will kein Brot mitnehmen!«, rief Anna über die Schulter und war schon auf dem Weg zur Tür.

»Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Und von dem, was du eben gerade gegessen hast, würde nicht einmal eine Maus satt werden.« Ihre Mutter stand mit der Brotdose in der Hand vor ihr und stemmte die andere Hand in die Hüfte.

Anna stöhnte. »Ich brauch nicht so viel am Morgen. Davon wird mir nur schlecht«, sagte sie und packte schon die Türklinke. Vor ihrem inneren Auge tauchte ein Bild auf. Die Müsliverpackung. Genauer gesagt der Kasten mit den Nährwertangaben. »Außerdem stand auf der Verpackung vom Müsli, dass es pro hundert Gramm vierhundert Kalorien hat. Und mehr brauche ich wohl kaum zum Frühstück.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf und stellte die Brotdose auf die hölzerne Kommode neben der Eingangstür. Dann nahm sie ihre Tochter in den Arm. Zuerst wollte Anna sich wehren, aber aus Erfahrung wusste sie, dass es besser war, es einfach geschehen zu lassen. Umso schneller kam sie aus dieser einengenden Umklammerung wieder frei. Doch diesmal ließ ihre Mutter sie nicht los. »Anna, wir wissen beide, dass du keine hundert Gramm gegessen hast. Ich bezweifle, dass du überhaupt auf zehn Gramm gekommen bist. Bitte, nimm die Dose mit und iss etwas.«

Für einen Moment wollte Anna widersprechen, wollte ihr sagen, dass sie mit sechzehn Jahren alt genug war, um selbst über ihr Leben zu bestimmen. Meistens klappte das ganz gut. Sie und ihre Eltern hatten eine Vereinbarung. Solange Anna sich artig verhielt, bekam sie die meisten ihrer Forderungen durchgesetzt. Immerhin hatten ihre Eltern ihr sogar erlaubt, sich in den Osterferien ein Tattoo stechen zu lassen, da sie sich den ganzen Winter um ihre Großmutter im Altersheim gekümmert hatte.

Doch statt sich zu wehren oder eigene Forderungen zu stellen, nickte sie. So früh am Morgen war sie noch nicht diskussionsbereit. Außerdem war es der erste Schultag nach den Ferien. Dafür würde sie noch genügend Kraft brauchen. »Meinetwegen«, brummte sie. Endlich löste ihre Mutter die Umarmung. Anna schaute noch einmal in den Spiegel über der Kommode. »Na toll, jetzt hast du meine Frisur versaut«, beschwerte sich Anna und richtete sich den Pony ihrer schulterlangen, tiefschwarzen Haare.

»Das, was du Frisur nennst, würde ich einen Zustand nennen«, erklärte ihre Mutter mit einem Lachen und reichte ihr die Brotdose.

»Ein Zustand aus kontrolliertem Chaos. Das ist modern«, sagte Anna und streckte ihrer Mutter die Zunge raus. »Davon verstehst du nichts.«

»Mach, dass du rauskommst«, scheuchte ihre Mutter sie weg und lachte dabei, so dass auch Anna schmunzeln musste. »Und viel Spaß in der Schule.«

»Widerspricht sich das nicht schon im Grundsatz?«, fragte Anna und öffnete die Tür, ehe ihre Mutter noch etwas erwidern konnte. Denn sowohl ihre Mutter als auch Anna wussten genau, dass ihr Schule die meiste Zeit über Spaß machte. Auch wenn sie das niemals vor ihren Freunden zugeben würde. Vielleicht lag es daran, dass ihr das Lernen leichtfiel. Im Gegensatz zu ihrer Freundin Sarah, die eine ziemliche Lernschwäche hatte, brauchte sie sich nur eine Seite durchlesen und schon konnte sie sich alles merken. Ihr Vater hatte es als photographisches Gedächtnis bezeichnet. Für Anna war es das jedoch nicht, da sie trotzdem alles lesen und in sich aufnehmen musste. Doch das kannte sie nicht anders.

***

»Anna!«, hörte sie eine Stimme hinter sich, kurz bevor sie die Schule erreicht hatte.

Anna drehte sich um und entdeckte ihren Freund Benny unweit hinter sich. Er kam auf seinem Hoverboard angefahren und bremste direkt neben ihr. Durch die Höhe seines Hoverboards war er etwas größer als sie. Kaum war er jedoch abgestiegen, musste er zu ihr aufschauen. Sein Wunsch, größer zu werden, hatte sich noch nicht erfüllt. Dafür verwandelte er sich immer mehr in Christian Ehrlich, sein großes Vorbild. Abgesehen von Bennys Wunsch nach Körpergröße gab es nur ein Ziel in seinem Leben: eines Tages ein bekannter Zauberkünstler zu sein. Deswegen sah er auch immer mehr aus wie einer der Ehrlich Brothers. Sein ganzer Stolz war seit diesem Jahr sein Ziegenbärtchen, das er inzwischen nicht mehr aufmalen musste, sondern das selbst gewachsen war. Die Haare hatte er ebenso wie sein Vorbild zum Teil blondiert. Anna wandte den Blick ab, als der sich spiegelnde Kettenanhänger um seinen Hals die Sonne so reflektierte, dass sie geblendet wurde.

»Hey, Benny. Cooles Teil. Ist das für einen neuen Zaubertrick?«, fragte sie und deutete auf das Hoverboard.

»Ausnahmsweise mal nicht.« Benny zog die dunkel nachgezogenen Augenbrauen hoch und legte eine Hand ans Kinn. »Obwohl es vielleicht eine Idee wäre. Mein Onkel hat uns letzte Woche mal wieder besucht und mir das Teil aus den USA mitgebracht.« Benny grinste und klemmte sich das E-Board unter den Arm. »Er scheint immer noch zu glauben, dass er mir immer was schenken muss, weil er nur einmal im Jahr rüberkommt.«

»Es gibt Schlimmeres, als ein Hoverboard geschenkt zu bekommen«, sagte Anna. »Wie schnell fährt das Teil?«

»Habe ich noch nicht ausgetestet, aber ich wollte das morgen nach der Schule mal probieren. Auf dieser gesperrten Straße in der Nordstadt. Kommst du mit?« Benny strich sich über die leuchtend rote Lederjacke, als wollte er sicherstellen, dass alles perfekt saß.

»Gerne doch. Habe nichts weiter vor.« Anna deutete auf seine Jacke. »Ist das dein Ernst mit dem Outfit?«, fragte sie und zog die Augenbrauen hoch.

Benny schmunzelte. »Habe ich bei eBay ersteigert. Es ist dasselbe Model, wie das von Christian«, erklärte er voller Stolz.

»Sarah und ich verstehen ja, dass dein Stil nicht der Alltäglichste ist, aber meinst du nicht, dass du deinen Halbbruder damit noch mehr ärgern wirst?«, fragte Anna. »Er hat es doch jetzt schon auf dich abgesehen.«

Benny winkte ab. »Lukas soll es ruhig mal versuchen. Dann zeige ich ihm, wie das unter Magiern geregelt wird.« Er machte eine geheimnisvolle Geste mit den Händen vor dem Gesicht und das Geräusch einer tosenden Menge.

Anna lachte und schob ihn in Richtung Schule. »Sarah und ich dürfen dich dieses Jahr also auch vor ihm beschützen, was?«

»Als ob ihr das jemals hättet tun müssen«, beschwerte er sich, wehrte sich aber nicht.

»Darf ich dich an den letzten Schultag erinnern? Hätten wir dich nicht rechtzeitig aus dem Zimmer befreit, wärst du vermutlich die ganzen Osterferien darin eingeschlossen gewesen.«

Benny hob den Zeigefinger in die Luft und schüttelte entschieden den Kopf. »Ich hätte mich befreit. Ich hätte nur noch ein paar Minuten gebraucht.«

»Ist klar«, erwiderte Anna und grinste ihn weiter an.

»Hätte ich mein Dietrichset dabeigehabt, wäre es viel schneller gegangen.« Er schlug sich mit der freien Hand gegen die Brust. »Aber noch mal kann das nicht passieren.«

»Gut zu wissen. Dann brauchen wir ja nicht mehr dein persönlicher Samweis Gamschie zu sein«, erklärte Anna und verzog das Gesicht. »Hätte dir ungern›den Schatz‹oder, in deinem Fall, die rote Jacke abgenommen.«

»Sag mal, hast du die ganzen Ferien wieder nur gelesen?«, fragte er und öffnete seine Jacke. Darunter kam ein einfaches weißes T-Shirt mit schwarzen, verwaschenen Farbklecksen zum Vorschein.

»Zumindest gibt es einige Bücher weniger, die in der Bücherei verstauben.«

»Wolltest du nicht mit deinen Eltern an die Ostsee?«

»Waren wir auch. Vier Mal«, sagte Anna und steckte die Hände in die Taschen der schwarzen Strickweste. »Die anderen Wochenenden musste ich zum Tätowierer.« Anna deutete auf ihren Arm. Sie hatte sich extra keine lange Jacke angezogen, weil sie stolz ihr Tattoo zeigen wollte.

»Du hast so spontan einen Termin bekommen? Hast du mir nicht erst vor drei Wochen davon erzählt?«, fragte Benny und kratzte sich vorsichtig am Kopf, um seine Frisur nicht zu ruinieren.

»Im Kino, ja. Da haben wir darüber gesprochen. Mein Vater hat einen Kumpel, der das auch privat macht. Da er wissen wollte, wer mir das Tattoo sticht, hat er ihn gefragt. So konnte er dabeisitzen.«

»Zeig mal her. Kenne ja bisher nur die Fotos von Instagram«, sagte er und ging auf die andere Seite.

Anna hatte das Motiv selbst gestaltet. Sie konnte zwar nicht sonderlich gut zeichnen, aber einigermaßen mit einem Zeichenprogramm umgehen. Sie hatte sich einen einfachen Ring ausgesucht, an dessen oberen, rechten Wölbung eine Rose verlief. Drei unterschiedlich lange Ketten mit Anhängern hingen vom unteren Teil herunter. Und in der Mitte prangte ein ausdrucksstarkes Auge mit geschwungenen Wimpern. Sie hatte sich sofort in das Motiv verliebt. Da es ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen war, hatte sie so lange daran gefeilt, bis sie es wirklich gut fand. »Und was sagst du?«

»Es ist sehr düster, aber sieht cool aus.«

»Na, dass ich mir kein sonnengelbes Tattoo stechen lasse, ist doch wohl klar, oder?« Anna deutete an sich herunter. Ebenso schwarz wie ihre Haare und ihre Weste waren das kurzärmlige Shirt darunter, die lange Jeanshose und ihre Schuhe. Sie mochte die Farbe einfach. Ein freundlicher Farbton, wie sie immer sagte.

»Stimmt«, bestätigte Benny, während sie sich an einer Gruppe von Schülern in Richtung Eingang vorarbeiteten. Nach den Osterferien schienen ihre Schulkameraden erhöhten Redebedarf zu haben. Mehrere Gruppen standen beisammen, quasselten, als hätten sie sich die gesamten Ferien über nicht gesehen. Meistens zu dritt oder viert. Ein vertrautes Bild für Anna an der Gurkensalat-Schule.

Die Schule war ein typischer Kastenbau. Rechteckig, mehrere Stockwerke und Fensterreihen. Die graue Putzfassade war erst vor ein paar Jahren erneuert worden und schimmerte immer ein wenig dreckig, so dass Anna sich nie gegen das Gebäude lehnte. Im Gegensatz zu ihrer Freundin Sarah, die neben dem Eingang auf sie wartete.

»Hey, Hexe«, begrüßte Benny sie und nahm sie in den Arm. Auch Anna umarmte ihre Freundin. »Wie war dein Urlaub in Italien? Wollten sie dich im Vulkan verbrennen?«

»Hey, Benny. Schöne Jacke«, erwiderte Sarah mit einem ironischen Grinsen. »Ach, bevor ich es vergesse, Michael Jackson rief gerade an und bietet dir passend zur Jacke seine Glitzerhandschuhe an.«

Alle drei lachten, als sie die Schule betraten. Anna wandte sich an Sarah. »Erzähl, wie war es in Italien?«

»Ziemlich heiß und stickig. Nächstes Jahr fahren wir in keine Stadt, haben meine Eltern beschlossen, sondern ans Meer. Ist ja nicht so, als ob ich ihnen das nicht schon vorher gesagt habe. Aber hey, wer hört schon auf seine Tochter?«

»Habt ihr denn auch ein paar Shows besucht?«, fragte Benny. »David Copperfield hat in Rom angeblich einen geheimen Salon, in dem er …«

»Was ist denn hier los?«, unterbrach Anna ihn. Vor ihnen in der großen Pausenhalle standen mehr als zwanzig Schüler vor der Ankündigungswand auf der rechten Seite und diskutierten eifrig. Wäre es nur eine Handvoll Schüler gewesen, hätte Anna sich nichts dabei gedacht, aber gleich so viele auf einem Haufen? Das bedeutete entweder Ärger oder eine Ankündigung, die für viel Gesprächsstoff sorgen würde. Und so, wie die Schüler herumtönten, war es sicherlich keine Schlägerei.

»Keine Ahnung. Hat bestimmt mit Kapitän Ahab zu tun. Hat der sich ein Projekt von der Größe eines Wals vorgenommen, das er wieder mal nicht hinkriegt?«, fragte Sarah und marschierte auf die Wand zu. »Was ist es diesmal? Schuluniformen in Mausgrau? Keine Toilettengänge in den Unterrichtsstunden? Oder kriegen wir doch endlich mal einen Kaffeeautomaten für die älteren Jahrgänge?«

Anna schüttelte den Kopf. »Auch wenn Direktor Seeger gerne Projekte in Angriff nimmt, die er nicht umsetzt, ist der Vergleich mit Moby Dick nicht passend«, sagte sie. »Kapitän Ahab war blind vor Wut, weil der Wal ihm ein Bein abgerissen hat. Ich glaube nicht, dass Direktor Seeger wütend auf uns ist.«

»Hey, Buchnerd«, sagte Sarah und zwinkerte ihr zu. »Du hast ihn nicht gesehen, als ich ihm ein Pupskissen in seinen Schreibtischstuhl eingenäht habe. Ich würde nicht ausschließen, dass er zumindest etwas Wut auf uns Schüler empfindet.«

Anna kannte die Geschichte nur aus Erzählungen, aber die reichten ihr, um ebenfalls zu schmunzeln. »Uns oder dich?«, fragte sie und drängelte sich an den anderen Schülern vorbei in Richtung Ankündigungswand. Neben den üblichen Plakaten für die außerschulischen Aktivitäten wie Schulzeitung, Volleyball-AG und Nistkästen bauen, hing ein überdimensionales und fürchterlich buntes Plakat mittig und verdeckte zum Teil den Flyer für aktive Mülltrennung in der Schule.

Auf dem Plakat waren Dutzende Bilder zu sehen. Notenschlüssel, Fußbälle, Gitarren und seltsame, geringelte Symbole, die sie an Wellen erinnerten. Nur dass diese in drei verschiedene Richtungen zu rollen schienen. Und mitten auf dem Plakat stand ein Wort, das ihre Laune in den Keller sinken ließen: Talentshow.

Kapitel 2

Elias

»Komm schon, Hanna«, rief Elias seiner kleinen Schwester zu. Sie rannte gerade mit ihrem Nutellabrot auf die Couch zu, während er seine jüngste Schwester Sophia auf dem Arm hielt und ihr die Flasche gab. »Justin, kannst du bitte dafür sorgen, dass Hanna nicht die ganze Couch einsaut«, bat er seinen zehnjährigen Bruder.

»Sag es ihr doch selbst«, brummte der in seine Schüssel Cornflakes und bewegte sich nicht einen Zentimeter.

»Ich bin gleich da, Schatz«, hörte Elias seine Mutter rufen. »Muss nur noch die Haare kämmen.«

Elias ging zur Couch und setzte sich zu Hanna. Seit vor acht Monaten seine jüngste Schwester geboren worden war, hatte er gelernt, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu können. Während sie aus ihrer Flasche trank, sorgte er dafür, dass Hanna sich auf die Couch setzen konnte und nicht überall Nussnougatcreme verteilte.

Dass er selbst dabei noch nicht fertig angezogen war, störte ihn nicht. Im Gegenteil. Er hatte sich angewöhnt, sich erst anzuziehen, wenn alle anderen aus dem Haus waren. Sonst landete entweder ein Klecks Milchbrei, Marmelade oder Cornflakes auf seinem Hemd. Endlich kam seine Mutter herunter. Sie steckte sich die Ohrringe an die Ohren, ehe sie ihm Sophia abnahm.

»Kannst du Hanna noch schnell saubermachen und ins Auto setzen? Dann können wir gleich los.« Seine Mutter drehte sich um, ging zum schweren Eichenesstisch und zeigte mit dem Finger auf Justin. »Und du, Freundchen, hilfst gefälligst, wenn dein Bruder dich darum bittet. Er muss nicht alles alleine machen, verstanden?«

Justin pfefferte seinen Löffel in die Schale. »Immer nimmst du ihn in Schutz«, brummte er, während er davonstürmte.

Seine Mutter seufzte und griff nach den Beuteln, die sie für ihre Kinder vorbereitet hatte. Währenddessen wusch er Hanna das Gesicht und stieß sie im Anschluss zurück in die Küche.

»Melde gehorsamst: Kind gereinigt«, sagte er mit einem Lächeln und salutierte.

»Lass den Blödsinn, Elias«, erklärte seine Mutter. »Ich hoffe, dass dein Vater bald von der Montage zurück ist, dann brauchst du auch nicht mehr so viel helfen.«

»Schon gut, Mama. Sophia ist ja erträglich.« Er grinste und zwinkerte ihr zu.

»Mach dich bitte auch fertig. Zum ersten Schultag solltest du auch einigermaßen pünktlich sein.« Sie ging auf ihn zu und richtete seine Haare auf die linke Seite, so, wie er es gerne trug. Die rechte Seite hatte er knapp über dem Ohr bis auf wenige Millimeter abrasiert. Den Undercut trug er bereits seit zwei Jahren und liebte es, wie die Haare nach links hinten fielen. Es dauerte zwar immer etwas, bis das Haargel trocknete, damit die Frisur den ganzen Tag hielt, aber das war es ihm wert.

Elias winkte ab, als er seine Mutter zur Tür begleitete, damit sie nicht alle drei Kinder alleine mitnehmen musste. »Wenn ich ein paar Minuten zu spät komme, ist das nicht schlimm. Die Lehrer fragen sowieso wieder nur, wie unsere Ferien waren.«

Seine Mutter schmunzelte und hob verschwörerisch die Augenbrauen. »Dann solltest du vielleicht doch pünktlich sein. Immerhin hast du etwas zu erzählen.«

Er überlegte, aber ihm fiel nicht ein, was seine Mutter meinte. Abgesehen von einem Ausflug in einen Freizeitpark in der Nähe hatten sie nichts unternommen, da sein Vater die meiste Zeit der Ferien auf Montage in der Schweiz gewesen war. Deswegen sah er sie verwirrt an. Meist reichte das, um eine Erklärung von ihr zu bekommen.

»Schau mal nachher in die Garage. Da steht etwas für dich, weil du mir die ganzen Ferien über so gut bei deinen Geschwistern geholfen hast.«

»Was ist es denn?« Elias wollte cool bleiben, aber dafür war er zu neugierig. Also rannte er gleich los und schaute in die Garage.

Darin stand ein neues Fahrrad. Dunkelblau metallic lackiert und mit – was ihm weniger gefiel – einem Korb auf dem Gepäckträger, aber den konnte er auch abnehmen. »Wow!«, entfuhr es ihm. »Für mich?«

»Wie gesagt, dafür, dass du immer so viel hilfst, wollten dein Vater und ich danke sagen.«

»Und was kriegen wir?«, forderte Justin und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Das diskutieren wir gleich im Auto. Los, einsteigen, sonst kommen wir zu spät«, sagte seine Mutter und schob ihn vor sich her.

»Das ist nicht fair. Immer bekommt Elias was und wir nicht«, meckerte Justin. Die Schimpftirade hielt weiter an, während seine Mutter seine Geschwister anschnallte.

Elias hingegen betrachtete sein neues Bike. Damit würde er zumindest an diesem Tag nicht allzu spät zur Schule kommen. Er schaute auf sein Handy. Halb acht. Er ging zurück ins Haus, machte sich fertig und radelte los zur Schule. Sie wohnten im Nachbardorf. Doch dadurch, dass die Schule im Randgebiet der Stadt lag, war er teilweise schneller an der Schule, als Kinder aus der Stadt.

Er genoss die Ruhe während der Fahrt durch das kurze Waldgebiet. Die Sonne schien durch das dichte Laub der Bäume, und er sog die frische Luft tief ein. In der Schule würde es noch früh genug laut und stickig werden.

***

Kaum schloss er sein neues Rad im Fahrradkeller an, begrüßten ihn auch schon die ersten Klassenkameraden, die ebenfalls auf zwei Rädern gekommen waren.

»Hey, Elias«, rief Jim, der amerikanische Austauschschüler, der seit einem halben Jahr bei ihnen war. Er kam zu ihm und griff seine Hand, schüttelte sie erst, ehe er umgriff und ihn zu sich heranzog, damit er ihn drücken konnte. »What’s up?«

»Fine«, erwiderte Elias wie immer, wenn Jim ihn fragte. Aber an diesem Morgen stimmte es sogar. Noch zumindest. »Wie waren deine Ferien?«

»Sehr deutsch«, erklärte Jim mit starkem Akzent. Auch nach einem halben Jahr in Deutschland hörte man ganz deutlich, wo er eigentlich herkam. »Wir waren …« Er überlegte einen Moment, während er nach dem richtigen Wort auf Deutsch suchte. Gleichzeitig begrüßten ihn zwei weitere Schüler mit Handschlag. »… hiking. Wandern, genau. In einem dunklen Wald.« Er verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Man, I live in Miami. Da gibt’s no wood.«

Elias schmunzelte. Auch wenn Jim sich Mühe gab, Deutsch zu sprechen, verfiel er immer wieder in seine Heimatsprache. »Ach, daran gewöhnst du dich. Und nächstes Jahr bist du schon wieder zurück in Amerika. Dann kannst du erzählen, was für schräge Urlaube die Deutschen machen.« Elias verabschiedete sich. Jim ging in die Parallelklasse und hatte ein anderes Klassenzimmer als er, so dass sich ihre Wege nach dem Eingang trennten.

Als er die Schule betrat, roch er gleich den typischen Duft der Gurkensalat-Schule. Frisch polierter Fußboden, gemischt mit dem Restgeruch von frischer Farbe. So wie die Wände aussahen, hatten Maler in den Ferien alles neu gestrichen. Und irgendwer hatte wohl vergessen, kräftig zu lüften. Dazu kam der Duft von hunderten Schülern, die sich in der Pausenhalle versammelten. Die Älteren, zu denen er inzwischen ebenfalls gehörte, meist mit Parfum oder zumindest einem kräftigen Deo. Die Jüngeren – wer konnte schon sagen, wie die rochen?

Alles zusammen ergab eine Mischung, die ihn schmerzhaft daran erinnerte, dass die Ferien vorbei waren. Ab sofort hieß es: lernen für die Abschlussprüfungen. Er verzog das Gesicht. Und endlich herausfinden, ob er studieren, ins Ausland gehen oder einfach eine Ausbildung anfangen sollte. Viele Gedanken hatte er sich dazu noch nicht gemacht, aber er fürchtete, dass es dafür Zeit wurde.

»Elias!«, rief Patricia und winkte ihm. Sie war der Flurfunk in seiner Klasse und hatte einen Narren an ihm gefressen. Auch wenn er nicht wusste, warum. Abgesehen davon, dass er sich ab und an mit ihr unterhielt, hatte er nichts mit ihr zu tun. Doch sie begrüßte ihn immer wie einen guten, alten Freund. »Du siehst so klasse aus. Hast du was an deinen Haaren verändert? Nein? Stimmt, aber die Brille ist neu, oder?«

»Hey, Patricia. Nein, alles beim Alten. Aber danke der Nachfrage. Sag mal, was ist denn hier los?«, fragte er und deutete auf die Menge, die vor der Ankündigungswand beisammenstand. Es gab nichts, was Patricia nicht wusste. Gefühlt kannte sie jedes Geheimnis von jedem Schüler – manchmal auch der Lehrer – und tratschte es unverblümt weiter. Jeder, der ein Gerücht in Umlauf bringen wollte, erzählte oder schickte es Patricia per WhatsApp. Dann konnte man sicher sein, dass es innerhalb kürzester Zeit auch beim letzten Schüler angekommen war.

Das Lustige daran war, dass alle wussten, wie gerne Patricia redete. Jeder wollte mit ihr befreundet sein, damit er die Nachrichten als Erster bekam und mitreden konnte. Es war wie ein Tanz auf dem Drahtseil. Damit man mit ihr befreundet war, musste man ihr Geheimnisse anvertrauen. Und gleichzeitig musste man hoffen, dass sie diese als zu nichtig empfand, um sie weiterzuerzählen. Sonst stürzte man ganz schnell ab und wurde zum Gespött der Schule.

»Die sind alle ganz aufgedreht, weil eine Talentshow angekündigt wurde.«

Elias zog die Augenbrauen hoch. »Eine Talentshow?«

»Ja, keine Ahnung. Wurde von der neuen Theaterlehrerin Frau Hiller initiiert, hat mir Herr Fischer gesagt. Sie wolle so die Talente der Schüler besser kennenlernen oder neue entdecken.« Patricia schulterte ihren Rucksack. »Alle sind deswegen schon ganz aus dem Häuschen. Einige überlegen, ob sie mit der Schulband daran teilnehmen. Andere finden es zum Kotzen, weil sie sich nicht vor der ganzen Schule blamieren wollen. Machst du auch mit?«

»Ich?«, fragte Elias und machte einen Schritt nach hinten. »Keine Ahnung. Ich wüsste nicht einmal, mit was ich teilnehmen sollte.«

»Du kannst doch tanzen, oder nicht?« Patricia drehte sich um und lief los. Die Glocke bimmelte und sie wollte ins Klassenzimmer. »Melanie sagt, du kannst verdammt gut Latein tanzen.«

Elias wunderte sich einen Moment lang, dass Patricia von seinem Hobby wusste. Schon seit seiner Kindheit tanzte er im Verein und hatte sogar schon eine Junioren-Meisterschaft gewonnen. Elias hatte mit seinem Erfolg nicht geprahlt, aber er hatte auch nie verschwiegen, dass er tanzte. Das Tanzen gehörte zu ihm wie sein Undercut. Sofern es ihm möglich war, tanzte er in jeder freien Sekunde. Nicht nur Latein auch frei. Die kontrollierten Bewegungen gaben ihm Halt, wenn er mal nicht weiterwusste. Denn es gab ein Geheimnis, das er niemals jemandem erzählen würde. Vor allem nicht Patricia. Allein bei dem Gedanken daran, dass es herauskommen könnte, wurde ihm schon anders. Nein, er würde es weiterhin verschweigen. Nur noch ein Jahr an der Gurkensalat-Schule, dann würde ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Dann würde er nur noch zu wenigen aus der Schule Kontakt haben. Und niemanden würde es mehr interessieren. Er wischte sich über die Augen und schob den Gedanken beiseite. Es war der erste Schultag, und er hatte von seinen Eltern ein Fahrrad geschenkt bekommen. Da musste er sich den Tag nicht mit diesen Gedanken versauen. »Das wäre eine Möglichkeit, stimmt«, reagierte er auf Patricias Frage. »Ach, mal schauen. Im Moment hege ich kein gesteigertes Interesse daran. Mal sehen, was die anderen so machen.«

»Stephanie will wohl Bauchtanzen«, sagte Patricia. »Und …«

Ab da hörte Elias nicht mehr zu. Er beobachtete eine Szene am anderen Ende des Korridors, die seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Kapitel 3

Anna

Anna stöhnte. »Und darum der ganze Aufriss?«, fragte sie und drehte sich zu Sarah und Benny um, die sich ebenfalls durch die Menge gearbeitet hatten. »Das ist doch lächerlich«, sagte sie.

»Eine Talentshow?« Bennys Augen leuchteten. »Meinst du, die lassen dort auch Magier zu?«

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, fragte Sarah und stemmte eine Hand in die Hüfte. »Willst du dich wirklich vor allen Augen blamieren?«

»Eine Blamage ist es nur, wenn man die Kunst der Zauberei nicht beherrscht«, erwiderte Benny und streckte sich, um noch das Plakat genauer in Augenschein zu nehmen.

»Benny, da steht was von einer Jury«, erklärte Anna sachlich und deutete auf das Plakat. »Wenn du dir die ganzen Talentshows im Fernsehen anschaust, dann sind das immer Musiker, die das Ding gewinnen. Ab und an mal ein Akrobat, aber das war es auch schon. Ein Magier lockt doch heutzutage niemanden mehr hinter dem Ofen hervor.«

»Dann wird es mal wieder Zeit.« Benny tätschelte Annas Wange und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Im nächsten Moment hielt er eine goldene Münze vor ihre Nase. »Niemand an dieser Schule kann das, was ich kann.«

»Ich habe dir schon mal gesagt, du sollst mit dem Quatsch aufhören«, sagte Anna, zog die Augenbrauen zusammen und schlug ihm die Münze aus der Hand. »Wir sind keine Fünftklässler mehr.

Benny verzog das Gesicht, als er in die Hocke ging, um die Münze wieder aufzuheben. »Damals habt ihr mich wenigstens noch unterstützt. Im Altenheim reden sie immer noch von unserem legendären Auftritt, Sarah.«

»Das mag ich doch stark bezweifeln. Erst einmal war das vor fünf Jahren. Die meisten sind also inzwischen entweder dement oder tot. Und zweitens war es sicher nur deswegen legendär, weil du das Kaninchen von deinen Nachbarn geklaut hast.«

Benny prustete und schlug den Kragen seiner Jacke hoch. »Ausgeliehen, bitte. Ich habe es wohlgenährt und mit einem Abenteuer im Gepäck zurückgegeben, das es seinen Freunden bei einer ordentlichen Portion Möhre erzählen konnte.«

»Und du wunderst dich, warum die Leute dich für seltsam halten«, erklärte Sarah, als die Schulglocke ertönte.

»Solange ihr bei mir bleibt, ist mir der Rest egal«, erklärte Benny und griff nach einem Anmeldebogen, die auf dem Tisch unter der Korkwand auslagen.

Anna seufzte und wandte sich an Sarah. »Ich fürchte, den werden wir wohl nie wieder los.«

»Ach, er ist wie ein Haustier. Erst muss man sich an ihn gewöhnen, aber dann will man ihn nicht mehr hergeben.« Sarah grinste, packte ihn im Schwitzkasten und rieb mit ihrer Faust über seinen Kopf, bevor Benny sich wehren konnte. »Und solange ich noch stärker bin, behalte ich ihn.«

Benny befreite sich aus der Umklammerung, als sie durch die Halle liefen und in Richtung Flur zum Klassenzimmer einbogen. Die Gänge waren breit genug, dass eine Marschkapelle hätte hindurchgelangen können. Erst die abgehenden Flure zu den Klassenzimmern wurden schmaler. Tatsächlich erinnerte der Aufbau der Schule Anna immer wieder an ein Krankenhaus. Ein breiter Eingangsbereich, von dem verschiedene Treppen, Aufgänge und Korridore wegführten. Dazu die krankenzimmerähnlichen Klassenzimmer. Doch in der Chronik der Schule hatte sie nichts dazu finden können. Darin hieß es nur, dass das Gebäude schon immer als Schule genutzt worden wäre. Vermutlich hatte derjenige, der das städtische Krankenhaus gebaut hatte, auch die Entwürfe für die Schule mitgestaltet.

»Kommt schon. Bitte, Sarah, kannst du nicht wieder mit mir auftreten? Wir waren so ein gutes Team damals. Und ich könnte eine sexy Assistentin gebrauchen.«

Sarah blieb stehen und hob eine Augenbraue. »Nur wenn du mich nie wieder als ›sexy‹ bezeichnest, verstanden? Ich bin vielleicht eine Hexe, aber sicher nicht sexy.«

»War das also ein Ja?«, fragte er hoffnungsfroh.

»Wann ist diese Talentshow?« Sarah griff sich den Anmeldebogen und studierte ihn. »In einer Woche schon? Dann müssen wir aber bis dahin verdammt viel üben. Und ich mache nur unter einer Bedingung mit.«

Bennys Augen leuchteten wieder so hell, dass Anna glaubte, er könnte die Lampen im Flur ersetzen. »Alles, was du verlangst.«

»Anna macht auch mit.«

»Ich?«, rief sie viel zu laut aus. »Was soll ich denn bitte auf einer Bühne? Und mit was?«

»Entweder mit deinem Buchnerd-Wissen oder deinem photographischen Gedächtnis«, erklärte Sarah und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich glaube nicht, dass mein Wissen über Bücher ein Talent ist«, sagte Anna und winkte ab.

»Bitte, bitte, bitte«, flehte Benny und warf sich vor ihr auf die Knie. »Du würdest mich unendlich glücklich machen.«

»Warum gehst du denn nicht alleine?«, fragte Anna. »Müssen wir denn unbedingt mitmachen?«

»Jeder Magier braucht eine Assistentin. Das ist Teil des Geheimnisses. Weißt du nicht mehr? Ablenkung und Aktion.«

Natürlich erinnerte sich Anna daran. Er hatte ihr damals einige Bücher aus der Bücherei empfohlen, die sie zu dem Thema Magier gelesen hatte. Es hatte sie nur interessiert, weil Benny sich dafür begeisterte. Aber das Thema selbst hatte sie nicht begeistert.

»Schon klar.« In dem Moment ging Patricia, eine Klassenkameradin von Anna, an ihr vorbei. Alle drei schwiegen, während sie freundlich winkte. Jeder wusste, dass Patricia Ohren wie die eines Raubtiers besaß. Manchmal war es fast, als ob sie jeden einzelnen Schüler verwanzt hätte, so genau verstand sie auf Entfernung alles, was gesprochen wurde.

Erst als Patricia vorüber war, fuhr sie fort. Sie wollte nicht riskieren, dass Benny noch mehr zum Gespött der Schule würde, als er es dank seiner Zauberei sowieso schon war. »Ich meine ja nur. Ich wüsste nicht, warum ich mitmachen soll.«

»Weil wir die drei Musketiere sind«, begann Sarah. »Einer für alle, alle für einen.«

»Du weißt schon, dass sich die Musketiere am Ende ihres Abenteuers aus den Augen verlieren, weil jeder was anderes macht, oder?« Anna lehnte sich gegen die Wand im Flur und verschränkte die Arme. Der Unterricht konnte noch einen Moment warten. Solange noch Schüler an ihnen vorbeiliefen, würden sie nicht die Letzten sein.

»Das ist der Kreislauf des Lebens, Simba«, merkte Sarah voller Sarkasmus an. »Nimm doch nicht alles gleich so ernst, Anna. Du weißt genau, was ich meine. Wir drei gehen zusammen durch Dick und Dünn. Egal wer oder was sich uns in den Weg stellt.«

Anna biss sich auf die Unterlippe. Das war in etwa der Wortlaut, den sie bei einem Schwur vor fünf Jahren benutzt hatten. Damals hatten sie sich in ihrer kindlichen Einfältigkeit ewige Treue und Freundschaft geschworen. Sie war diejenige gewesen, die darauf bestanden hatte.

»Ehrlich, Leute. Ich wüsste nicht, womit ich antreten könnte. Auch wenn ich es wollte. Ich habe kein Talent.«

»Das kannst du wohl laut sagen!«, ertönte eine fiese Stimme direkt hinter ihr.

Anna drehte sich erschrocken um. Ihr gegenüber stand Lukas, der Sohn des Direktors. Sie schluckte und drückte sich von der Wand ab. Auf keinen Fall wollte sie sich von dem in die Enge treiben lassen. Wenn sie drei die Musketiere waren, dann war er ihr Kardinal Richelieu.

Sarah stellte sich instinktiv halb vor Benny. Anna deckte gleich darauf die andere Hälfte ab. Benny war der Halbbruder väterlicherseits von Lukas. Was kaum jemand an der Schule wusste, denn Benny war ein Seitensprung des Direktors gewesen, der ihn seine Ehe gekostet hatte. Lukas tat alles daran, dass man Benny nicht ernst nahm. Dabei hatte Benny gar nicht vor, jemals auszuplaudern, wer sein Vater war. Seine Mutter bekam Alimente, er hatte einen tollen Stiefvater und er liebte sein Leben. Im Gegensatz zu Lukas missbrauchte er nicht die Macht seines Vaters.

»Was willst du, Lukas?«, fragte Anna und verschränkte die Arme vor der Brust. »Der Unterricht fängt gleich an.«

Wie immer war Lukas nicht ohne seine Leibgarde unterwegs. Jonas und David waren wie die beiden Freunde von Draco Malfoy. Genauso dämlich und leider genauso ergeben Lukas gegenüber. Sie taten alles, was er wollte. Sehr zum Leidwesen von Benny, denn die beiden waren so breit wie groß. Davids Oberarme waren so muskulös aufgepumpt wie bei anderen die Oberschenkel.

»Ihr denkt doch nicht ernsthaft darüber nach, am Talentwettbewerb teilzunehmen, oder?« Er schnaubte. »Ihr habt höchstens eine Chance auf Mitleid.«

Jonas und David lachten wie auf Befehl. Schon mehr als einmal hatte Anna gesehen, dass die Freude aber nicht bis in ihre Augen reichte. Es war mehr wie eine mechanische Reaktion auf einen Witz, den Lukas gerissen hatte. Anna stellte sich vor, dass in ihren Köpfen irgendwo ein großes Männchen saß, das verschiedene Knöpfe drückte, sobald Lukas sprach. Einer für grimmig gucken, einer für lachen und einer für zuschlagen. Der Rest war vermutlich leerer Raum.

»Verzieh dich, Lukas!«, sagte Sarah und verschränkte ebenfalls die Arme. »Wir wollen das neue Schuljahr doch nicht gleich wieder mit Blut begrüßen.«

Ein einziges Mal war es Sarah gelungen, einen Treffer auf seiner Nase zu landen. Nicht in der Schule, sondern auf dem Heimweg, wo er ihnen aufgelauert hatte. Danach nie wieder. Aber dieses eine Mal war Blut geflossen, und genau diese Begegnung hielt ihm sie immer wieder vor.

»Dich sollte man verbrennen, Hexe«, zischte er, ehe er sie und Anna beiseiteschob. In den Ferien musste er ebenfalls trainiert haben, denn es bereitete ihm nicht einmal Mühe. Anna wehrte sich, wollte weiterhin Benny beschützen. Der Gang war mittlerweile geleert bis auf einige wenige Schüler und niemand schaute mehr zu ihnen. Verdammt, warum erwischte er immer den Moment, in dem kein Lehrer in der Nähe war?

»Und du, Bastard!«, knurrte er in die Richtung seines Halbbruders. »Es ist unser letztes gemeinsames Jahr. Du weißt, was das bedeutet!«

Benny schluckte und wich an die Wand zurück. Er antwortete nicht. Das hatte er schon vor Jahren aufgegeben. Wenn man sich mit Lukas auf eine Diskussion einließ, wurde es nur schlimmer. Benny ertrug es einfach und verdrängte die Begegnung im Anschluss, indem er sich in weitere Zaubertricks stürzte.

»Ich werde dir das Leben zur Hölle machen. Du wirst dir noch wünschen, dass du nie geboren worden wärst. Ein Jahr. Mehr brauche ich nicht, um dir zu zeigen, wo dein Platz in deinem beschissenen Leben sein wird.«

Die Worte waren so eiskalt, dass Anna keinen Zweifel daran hegte, dass er sie umsetzen würde. Und genau das weckte ihren Widerstand. Sie kannte Bennys Platz im Leben. Und der war als Freund an ihrer und Sarahs Seite. Auch Sarah schien das zu denken, denn sie wehrte sich gegen Lukas.

»Lass ihn gefälligst in Ruhe«, riefen beide gleichzeitig.

»Bist du schon so tief gesunken, dass du Frauen als Beschützer brauchst?«, fragte Lukas und schnaubte spöttisch.

»Bist du so dämlich, dass du Frauen für schwächer hältst?«, entgegnete Sarah und reckte den Hals, um etwa gleichgroß mit ihm zu sein. Ihre feuerroten Haare umrundeten dabei ihr Gesicht wie eine bedrohliche Sturmwolke.

Lukas schien das jedoch nicht zu stören. Er machte einen Schritt nach vorne und griff seinen Halbbruder am Kragen seiner roten Lederjacke. »Du solltest endlich mal ein richtiger Kerl werden und diese Bitches in ihre Schranken weisen.«