Ein Cupido zum Verlieben - Elvira Zeißler - E-Book
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Ein Cupido zum Verlieben E-Book

Elvira Zeißler

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Beschreibung

Was geschieht, wenn sich der Engel der Liebe einmal irren sollte? Nach einer weiteren Enttäuschung hat Sam von Männern die Nase definitiv voll und schwört der Liebe endgültig ab. Das kann Coup - ein Engel der Liebe - ausgerechnet kurz vor Weihnachten natürlich nicht so auf sich sitzen lassen. Kurzerhand geht er eine Wette ein, dass er es schafft, bis Jahresende den Richtigen für Sam zu finden. Den passenden Kandidaten scheint er auch schon gleich parat zu haben, denn Sams schüchterner Nachbar Patrick ist ganz offensichtlich in sie verliebt. Und doch erlebt Coup die Überraschung seines Lebens, als er feststellt, dass sein sechster Sinn ausgerechnet in diesem einen Fall versagt … Berührend, humorvoll und durch und durch romantisch!

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Seitenzahl: 329

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Ein Cupido zum Verlieben

Winterzauber - Band 4

Elvira Zeissler

Impressum

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages!

Im Buch vorkommende Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2021 dieser Ausgabe Obo e-Books Verlag,

alle Rechte vorbehalten.

M. Kluger

Fort Chambray 

Apartment 20c

Gozo, Mgarr

GSM 2290

Covergestaltung: Claudia Toman

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Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Epilog

Winterzauber …

Eingeschneit - Ein Weihnachtshörbuch!

1

Der kühle Herbstwind fuhr durch Sams schulterlange Haare und blies ihr ein paar vereinzelte Regentropfen ins Gesicht. Hastig steckte sie sich eine kastanienbraune Strähne hinter das Ohr und schlang ihren dünnen Mantel enger um sich.

Es war nicht gerade das beste Wetter, um draußen herumzulaufen, doch davon würde sie sich die Laune nicht vermiesen lassen. Sie lächelte glücklich, als sie sich Logans Gesicht vorstellte, wenn er das Geburtstagsgeschenk sah, das sie für ihn ausgesucht hatte. Das hieß, falls sie es überhaupt schaffte, es rechtzeitig abzuholen.

Sam schaute auf die Zeitanzeige ihres Handys und beschleunigte ihren Schritt. In zehn Minuten würde der Laden schließen.

Innerlich verfluchte sie ihren Chef. Sie war schon auf dem Sprung gewesen, als er noch unbedingt über zwei ihrer Studenten mit ihr hatte sprechen wollen. Und das, obwohl sie ihm extra angekündigt hatte, dass sie an diesem Tag früher gehen wollte.

Sam bog um die nächste Ecke und atmete erleichtert auf, als sie noch Licht in dem Laden brennen sah. Ein melodischer Türgong ertönte, als sie ins Innere trat, und der junge Mann hinter der Theke deutete demonstrativ auf die Uhr.

»Wurde auch Zeit«, brummte er, doch das Kräuseln seiner Mundwinkel verriet, dass er ihr nicht wirklich böse war.

»Ist es fertig?« Sam konnte ihre Aufregung kaum verbergen.

»Und ob! Schau her.« Er holte ein kleines Kästchen hervor und öffnete den Deckel. Darunter kam ein matt schimmernder Schlüsselanhänger aus gebürstetem Edelstahl zum Vorschein.

»Wow«, entfuhr es Sam ehrfürchtig, als sie das Schmuckstück in die Hände nahm und es vorsichtig hin und her drehte. »Es ist wunderschön.« In einem schlichten, zeitlosen Design schlangen sich die beiden Initialen S und L formvollendet umeinander. Logan würde begeistert sein.

Und die Tatsache, dass er erst vor vier Monaten endlich zu ihr gezogen war, verlieh dem Geschenk noch eine weitere Bedeutung. Dieser Anhänger an seinem Schlüsselbund sollte ihn immer daran erinnern, dass es nicht mehr nur ihre Wohnung war, sondern dass sie ihnen beiden gehörte. Vielleicht sollte sie sich auch eine Kopie davon anfertigen lassen.

»Das macht dann fünfzig Dollar«, holte die Stimme des Verkäufers sie in die Realität zurück.

Sam sah sich das Kleinod noch einmal an, bevor sie es widerstrebend in das Kästchen zurücklegte.

»Ja, sicher.« Sie kramte nach ihrer Geldbörse. Sie wusste, dass es streng genommen zu teuer für einen Schlüsselanhänger war, dass sie sich von dem Geld lieber eine neue Tasche für die Uni kaufen sollte, da ihre alte allmählich den Geist aufgab. Aber Logan war ihr jeden Cent davon wert. Sie hatte noch nie zuvor einen Mann getroffen, bei dem sie sich so frei, so unbeschwert, so angenommen gefühlt hatte. Ja, er war der Richtige.

Sam lächelte immer noch, als sie den Laden verließ und zur nächsten U-Bahn-Station eilte. Sie hatte noch rund eine Stunde, bevor er nach Hause kam. Zeit genug, um die Wohnung für einen romantischen Abend zu zweit gemütlich herzurichten.

Während sie die knarzenden Stufen zu ihrer New Yorker Altbauwohnung hinaufstieg, fuhr sie sich mit der Hand immer wieder über die Manteltasche, um sicherzugehen, dass das Geschenkpäckchen noch da war. Ein aufgeregtes Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus, als sie daran dachte, wie der zweite Teil von Logans Geschenk aussehen sollte. Sie musste unbedingt daran denken, den Elektro-Kamin einzuschalten, damit es ihnen ja nicht zu frisch wurde.

Sam steckte ihren Haustürschlüssel ins Schloss. Es klackte nur einmal. Hatte sie am Morgen vergessen, die Tür richtig abzuschließen? Oder war Logan schon zurück?

Vorsichtig trat sie ein.

Leise Stimmen drangen an ihr Ohr. War der Fernseher etwa noch an?

Mit klopfendem Herzen schlich Sam näher.

Ein Stöhnen und Gekicher.

Es war der Fernseher, es musste einfach der Fernseher sein.

Vor der halboffenen Schlafzimmertür blieb sie schließlich stehen.

Es war nicht der Fernseher.

Es war Logan, der gerade mit großer Hingabe eine andere Frau vögelte.

Sam erstarrte. Es war, als hätte sich vor ihr ein gähnender Abgrund aufgetan, eine Leere, die sie zu verschlingen drohte. Und für den Bruchteil einer Sekunde wünschte sie sich, es wäre wirklich so. Alles wäre besser gewesen, als dabei zuzusehen, wie eine fremde Blondine schamlos ihren Freund ritt. Den Mann, den sie für die Liebe ihres Lebens gehalten hatte.

Sam schwankte. Sie spürte, wie ihr Herz zerbrach, wie sich ein Teil von ihr abspaltete, der das Treiben auf dem zerwühlten Bett seltsam unbeteiligt, mit fast schon wissenschaftlicher Neugier verfolgte. Während der Rest von ihr innerlich tobte, sie dazu drängte, sich auf diese Frau zu stürzen, sie von Logan herunterzuziehen und sie aus ihrer Wohnung zu jagen.

Sam atmete tief durch und kämpfte um ihre Selbstbeherrschung. Logan hatte ihr das Herz gebrochen, es aus ihrer Brust herausgerissen und es mit Füßen getreten. Das einzige, was ihr noch blieb, war ihre Selbstachtung.

Was für ein Glück, dass sie noch nicht dazugekommen war, ihn in den Mietvertrag mitaufzunehmen, fuhr ihr fast zusammenhangslos durch den Kopf und sie unterdrückte ein hysterisches Kichern. Sie durfte nicht zulassen, dass der Schock die Überhand gewann.

»Wie ich sehe, hast du dir schon selbst ein Geburtstagsgeschenk besorgt und es sogar bereits ausgepackt.« Sie war stolz, wie fest ihre Stimme klang. »Da brauchst du das hier ja nicht mehr.« Sie hielt das kleine Päckchen hoch, über das sie sich so viele Gedanken gemacht hatte. Wie lächerlich das doch gewesen war. Wie naiv.

»Sam?« Logan sprang so erschrocken hoch, dass er die andere Frau fast vom Bett schubste.

Es sah beinahe lustig aus, wie ertappt er wirkte und wie fieberhaft er versuchte, in seine Boxershorts hineinzuschlüpfen.

Sam lächelte kühl. »Lass dir ruhig Zeit, dich ordentlich anzuziehen. Draußen ist es frisch.« Zynismus war gut. Er half, ihren Schmerz zu verbergen.

»Sam.« Er eilte beschwörend auf sie zu. »Es ist nicht so, wie es aussieht.«

»Oh, das denke ich schon.« Sie schlang ihre Arme fest um sich. Auf keinen Fall wollte sie ihm zeigen, wie tief er sie verletzt hatte.

Sam ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Wie lange würde er wohl brauchen, um seine Sachen zu packen?

»Ich mache mir jetzt einen Tee. Möchten Sie auch einen?«, wandte sie sich dann mit ausgesuchter Höflichkeit an die blonde Frau, die sich nun in ein Laken gewickelt hatte und das Geschehen unsicher verfolgte.

»Wie bitte?«, krächzte sie.

»Einen Tee?«, wiederholte Sam schneidend. »Sie wissen doch sicherlich, was das ist. Logan wird vermutlich eine Weile mit Packen beschäftigt sein. Danach können Sie ihn gerne mitnehmen.«

»Sam, warte! Das kannst du doch nicht tun!« Erschrocken starrte Logan sie an. Als dies keine Wirkung zeigte, änderte er seine Taktik. »Schatz, es tut mir wirklich leid. Es war doch nur ein Ausrutscher, ein Versehen. Es kommt nie wieder vor. Ich schwöre es.«

»Oh, davon bin ich überzeugt.« Sam wandte sich ab. »Du hast dreißig Minuten«, warf sie ihm über die Schulter zu, bevor sie in der Küche verschwand.

Fast mechanisch brühte sie sich einen Tee auf und schloss ihre eisigen Finger um die heiße Tasse, um sie am Zittern zu hindern.

Logan streckte seinen Kopf in die Küche. »Sam, bitte. Lass es mich dir erklären.«

Hinter seinem Rücken schlich die andere Frau nun wieder vollständig bekleidet in Richtung Tür.

»Nein.« Sam schüttelte entschlossen den Kopf. Sie wollte es nicht hören. Nichts, was er sagte, würde jemals dieses grausame Bild tilgen können, das sich in ihre Hornhaut eingebrannt zu haben schien. »Verschwinde!«

Er schluckte. »Ich ruf dich an, ja?«, sagte er mit vager Hoffnung in der Stimme.

Sam erwiderte nichts, starrte nur weiter geradeaus und kämpfte darum, ihre Tränen zurückzuhalten.

Er seufzte resigniert, hatte aber zumindest den Anstand, sie nicht noch einmal zu belästigen.

Unfähig, sich zu regen, ja auch nur zu denken, saß Sam einfach da und hörte zu, wie er hektisch durch die Wohnung lief, um seine Sachen zu packen. Sie merkte, wie er noch einmal vor der geschlossenen Küchentür zögerte, und wappnete sich. Dann ging er jedoch einfach weiter. Leise fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Sie war endlich allein.

Allein. Weil der Mann, dem sie vertraut, den sie geliebt hatte, sich als Mistkerl entpuppt hatte.

Schon wieder.

Sam blieb noch eine Weile sitzen, während ihr Herz sich noch immer weigerte, die grausame Wahrheit zu begreifen. Dann erhob sie sich und ging langsam ins Schlafzimmer herüber. Stumpf begann sie damit, die Bettwäsche abzuziehen.

Der aufdringliche Duft eines fremden Parfüms stieg ihr in die Nase und die Hand, die gerade dabei war, das Laken in den Wäschekorb zu werfen, erstarrte. Was zum Teufel tat sie da eigentlich?

Sam spürte, wie all die Gefühle, die sie bisher so erfolgreich unterdrückt hatte, plötzlich an die Oberfläche drangen. Wutentbrannt lief sie – das Bettlaken noch immer in der Hand – zurück in die Küche und stopfte es mit voller Wucht in einen Müllsack. Der Rest der Wäsche, die nach dieser fremden Frau stank, folgte hinterher. Dann riss sie die Tür auf und pfefferte den Beutel in den Treppenflur. Sollten sich doch die Nachbarn das Maul zerreißen oder sich wundern. Was kümmerte es sie? Ihr Leben lag in Trümmern. Sie spürte, wie sie unkontrolliert zu zittern begann, und konnte die Tränen nun nicht mehr zurückhalten. Kraftlos ließ Sam sich auf den Boden sinken und vergrub ihr Gesicht in der Armbeuge, während ein alles verzehrender Sturm in ihrem Inneren zu toben begann. Bitterkeit, Verzweiflung, Schmerz und Wut loderten in ihr auf, fegten über sie hinweg und ließen sie ausgebrannt, kalt und geläutert zurück.

Sie würde nie wieder zulassen, dass ihr irgendjemand so wehtat. Nie wieder würde irgendein Arschloch ihr das Herz brechen.

Sie hatte immer geglaubt, dass zum Glück unbedingt die große Liebe gehörte. Jetzt wusste sie, was für ein Blödsinn das war. All die verkorksten Männer in ihrem Leben hatten ihr einiges beschert, aber gewiss kein Glück.

Nein, den Traum von der wahren Liebe hatte sie nun endgültig ausgeträumt. Sie existierte einfach nicht und es war sinnlos, diesem Hirngespinst hinterherzujagen.

Der Gedanke an Logan und an die Zukunft, die sie sich mit ihm erhofft hatte, schnitt ihr erneut ins Herz und sie blinzelte wütend die Tränen fort, die in ihr aufstiegen. Sie würde nicht weinen, nie wieder. Sie brauchte keinen Mann, um glücklich zu sein. Sie hatte sich. Und das musste einfach genügen.

»Na, die hast du jetzt aber verloren.«

Gabriels Stimme hallte laut in der ansonsten völlig leeren Aussichtshalle und riss Coup aus seiner Versunkenheit. Nur widerwillig nahm er den Blick von der großen, spiegelglatten Wasserschale, in der er jede von Sams Bewegungen konzentriert verfolgte.

Die Plattform, die rund ein Dutzend solcher marmorner Schalen enthielt, war so gewaltig, dass ihr Rand sich irgendwo in dem weißen Dunst verlor, aus dem alles in dieser hellen, farblosen Himmelswelt zu bestehen schien. Der Kontrast zu der bunten Vielfalt der Erde war so groß, dass Coups Augen eine Weile brauchten, um sich an seine eigene Umgebung zu gewöhnen. Irritiert schaute er seinen Freund an. »Wie meinst du das?«

Der dunkelhäutige Schutzengel zuckte vielsagend mit den Schultern. »Na, sieh dir die Frau doch an. Merkst du nicht, wie ihr Herz immer kälter wird? Sie hat den Glauben an die Liebe für immer verloren.«

Coup schnaufte unwillig und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Sam zu. Die junge Frau hatte sich auf dem Boden ihrer Wohnung zusammengekauert und ihre Wange auf die angezogenen Knie gelegt. Er holte das Bild näher heran und versuchte, in ihrem Gesicht zu lesen – einem bemerkenswert hübschen Gesicht, das von einer Fülle kastanienbrauner Locken umrahmt wurde. Er konnte nicht leugnen, dass sich in ihren großen, grünen Augen eine innere Leere spiegelte, die ihn mit Besorgnis erfüllte. Er lauschte in ihr Herz hinein und schüttelte leicht seinen Kopf. Er konnte nicht glauben, dass diese Frau, die im Grunde ihrer Seele von Leidenschaft und Mitgefühl erfüllt war, für die Liebe verloren sein sollte. Und er spürte, dass er es ewig bereuen würde, falls er dies geschehen ließ.

»Armes Ding«, murmelte Gabriel neben ihm. »Mit gerade mal zweiunddreißig hat sie vier gescheiterte Beziehungen und hat zweimal geglaubt, die große Liebe gefunden zu haben. Der kannst auch du nicht mehr helfen.«

»Und ob!« Coup spürte, wie bei dieser gutmütigen Spöttelei sein Cupido-Stolz erwachte. »Diese Frau ist für die Liebe geschaffen!« Er lachte laut auf. »Bleib du mal lieber bei deinen Lebensrettungen und überlass die Liebe jemandem, der wirklich etwas davon versteht.«

»Meinst du etwa dich?«

»Klar, wen sonst?«

Abschätzend sah Gabriel seinen Freund an. »Wenn du dir da so sicher bist, wie wäre es mit einer kleinen Wette?«

»Und um was wetten wir?«

Der Schutzengel dachte kurz nach, dann erschien ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. »Sechs Monate Teenager-Liebeskummer-Betreuung. Wenn ich gewinne, übernimmst du demnächst meine Schicht. Gewinnst du, übernehme ich deine.«

»Hey, nicht so schnell.« Coup hob abwehrend die Hände. »Meine sechs Monate sind gerade erst um. Und wenn ich noch ein weiteres Mädchen wegen Justin Bieber seufzen höre, drehe ich durch.«

»Kein Problem. Ich kann gut verstehen, dass du kneifst, die Frau ist ein hoffnungsloser Fall.«

Coup sah seinen Freund belustigt an. »Dir ist wohl jedes Mittel recht, um deiner Schicht zu entkommen. Glaubst du etwa, ich würde diesen lächerlichen Manipulationsversuch nicht durchschauen?«

»Nenn es, wie du willst. Aber ich habe noch immer keine Antwort von dir. Also, was ist?«

Coups Aufmerksamkeit wanderte wieder zu Sam, wie sie zusammengesunken und mit gebrochenem Herzen auf dem Boden saß – und er wusste, dass er ihr in jedem Fall helfen würde. Wette hin oder her. Immerhin war er ein Engel der Liebe. Und wenn er sich dabei auch noch vor einer unliebsamen Aufgabe drücken konnte – umso besser.

»Die Wette gilt.«

»Eine Kleinigkeit noch.« Gabriel stupste ihn freundschaftlich an. »Wir haben noch nicht über die Frist gesprochen.«

»Die Frist?«

»Na klar. Irgendwann würde es dir bestimmt gelingen, den Richtigen für sie zu finden. Aber wo bleibt da der Spaß, die Spannung?«

»Und was schwebt dir vor?«

»Sagen wir, drei Monate?«

Coup rieb sich nachdenklich das Kinn. Drei Monate waren ziemlich knapp für einen Menschen, um sich von einer Trennung zu erholen, den Glauben an die Liebe wiederzufinden und mit dem richtigen Mann zusammenzukommen. Andererseits schlug die Liebe innerhalb weniger Sekunden zu. Wer sollte das wohl besser wissen als er? Die Menschen brauchten bloß meist etwas länger, um es zu begreifen.

»Ich bin dabei. Bis Jahresende hat sie ihren Traummann gefunden, oder ich übernehme deinen Platz bei der Teenie-Betreuung.«

Gabriel lächelte. »Wunderbar. Dann bestelle den Teenies demnächst einen schönen Gruß von mir.«

Kopfschüttelnd schaute Coup seinem Freund nach, der sich in nächster Sekunde in Luft auflöste. Dann wandte er sich wieder der Wasserschale zu und strich mit seinen Fingerkuppen leicht über Sams Wange. Es war definitiv keine einfache Aufgabe, die vor ihm lag, aber überaus lohnenswert.

2

Vier Wochen später

Sam schaute auf ihre Armbanduhr und fluchte. Sie war schon viel zu spät dran. Obwohl die Studenten sich bestimmt nicht beschweren würden, wenn die Vorlesung etwas kürzer ausfiel. Doch in ein paar Wochen standen die ersten Zwischenprüfungen an und Prof. Conrady, der Leiter des Lehrstuhls für angewandte Psychologie, an dem Sam als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war, war nicht dafür bekannt, bei seinen Prüflingen Milde walten zu lassen.

Sie schlüpfte rasch in ihre Stiefel und schnappte sich ihren Mantel vom Kleiderhaken. Im Gehen zog sie ihn sich über und schloss die Wohnungstür hinter sich.

»Hallo Sam.« Ihr Nachbar Patrick kam gerade die schmale Holztreppe hoch.

»Patrick.« Sie nickte ihm flüchtig zu und quetschte sich hastig an ihm vorbei die Treppe hinunter.

Interessiert betrachtete Coup den Mann, der Sam schwärmerisch hinterhersah. Patrick war Ende dreißig, Single und unter seinem ausgeleierten StarWars-Kapuzenpulli gar nicht mal unattraktiv.

Coup lächelte zufrieden. Das war immerhin ein Anfang. Um sein Äußeres würde er sich zwar noch ein wenig kümmern müssen, aber letztendlich war Patrick genau die Sorte Mann, die Sam glücklich machen könnte – clever, schüchtern, aufmerksam und definitiv kein Weiberheld. Wenn sie ihm die Chance dazu gab, würde Patrick sie auf Händen tragen, davon war Coup mehr als überzeugt.

Nach der Sache mit Logan hatte Sam sich vollends in ihre Arbeit gestürzt und keinen Blick mehr für irgendeinen Mann übrig gehabt, weder für den süßen Pizzaboten, der ein paarmal mit ihr zu flirten versucht hatte, noch für den smarten Doktoranden von der juristischen Fakultät, der sie auf einen Kaffee hatte einladen wollen.

Doch damit war jetzt Schluss. Er hatte ihr einige Wochen Ruhe gegönnt, um über Logan hinwegzukommen. Und nun wurde es Zeit, dass sie ihr Schneckenhaus endlich wieder verließ.

Coup schaute Patrick, der sich gerade eine Fertigpizza in den Backofen schob, noch einmal prüfend an und nickte zufrieden. Ja, dieser Mann war definitiv richtig für Sam. Und mit etwas Hilfe seinerseits würde das glückliche Paar spätestens unter dem Weihnachtsbaum die traute Zweisamkeit genießen. Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Gabriel würde den Tag noch bereuen, an dem er ihn zu dieser albernen Wette herausgefordert hatte.

»Und du bist dir ganz sicher, dass du weißt, was du tust?« Skeptisch schaute Gabriel seinen Freund an. Sie saßen an einem kleinen Tisch in einer gutbesuchten Bar und der Schutzengel fühlte sich offensichtlich äußerst unwohl in seiner Haut, während er zögernd an einem Wasserglas nippte.

»Aber klar, entspann dich doch«, erwiderte Coup gut gelaunt und nahm einen Schluck von seinem Tequila Sunrise. »Ihr Schutzengel geht einfach viel zu selten unter Leute.«

»Haha«, brummte Gabriel. »Im Gegensatz zu dir sind wir mit richtiger Arbeit beschäftigt.«

»Nenn es, wie du willst.« Coup hatte keine Lust, sich mit seinem Freund zu streiten. »Aber glaub mir, ich habe alles genau geplant. Schon sehr bald wird Patrick hier aufschlagen. Ich gebe ihm ein paar kleine Tipps an die Hand – und voilà – kannst du den Teenies schon sehr bald einen lieben Gruß von mir überbringen.«

»Und wenn du auffliegst?«

»Werde ich nicht. Schau mal her.« Er griff in seine Hosentasche und holte ein paar Hochglanzvisitenkarten hervor.

»Couper – Beziehungscoaching«, las Gabriel belustigt vor. »Couper, soso.«

»Coupidon hätte einfach zu übertrieben geklungen.« Er grinste. »Ich habe sogar eine eigene Homepage.«

Gabriel runzelte missbilligend die Stirn. »Muss das wirklich sein? Ist das nicht ein wenig zu viel Öffentlichkeit für einen«, er senkte seine Stimme zu einem leisen Flüstern, »Engel?«

»Leider nicht. Nicht alle haben es so einfach wie du und deine Sippe.« Coup seufzte resigniert, als Gabriel ihn nur verständnislos anstarrte, und fuhr mit seinen Erläuterungen fort. »In Zeiten von Not oder akuter Gefahr wenden sich die Menschen noch immer hilfesuchend direkt an euch. Das ist ein Instinkt, sie kommen einfach nicht dagegen an. Bei der Liebe werden jedoch schon lange keine höheren Mächte mehr gerufen. Die Menschen suchen sie im Internet, bei Datingshows oder in Kneipen, aber kaum jemand kommt mal auf die Idee, es direkt bei der zuständigen Stelle zu probieren. Also muss ich mich wohl oder übel bewegen und dort erreichbar sein, wo meine Schützlinge nach mir suchen.«

»Als ein Beziehungscoach.« Die Skepsis war noch immer nicht aus Gabriels Stimme verschwunden.

»Bisher hat es jedenfalls ganz gut funktioniert. Oder hast du dich nie gefragt, wieso ich die beste Erfüllungsquote unter allen Liebesengeln habe?«

»Deinem Ego hat es jedenfalls nicht geschadet«, schnaufte Gabriel.

»Du kannst ja hierbleiben und mich mal in Aktion erleben«, schlug Coup gut gelaunt vor. »Da vorne ist übrigens Patrick. Pünktlich auf die Minute.«

»Nein danke, ich verzichte. Ich habe noch ein wenig echte Arbeit zu tun.«

Coups Augen folgten Gabriel, wie der in Richtung der Toiletten verschwand, und er wusste, dass sein Freund von dort nicht wieder zurückkommen würde. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit Patrick zu, der sich an der Bar gerade ein Bier bestellte. Coup nahm an, dass er wie jeden Tag sein Getränk langsam leeren würde, während er schweigend das Treiben um sich herum beobachtete. Manchmal kamen auch einige seiner Kollegen mit, die mit ihm in einer Softwarefirma in den oberen Stockwerken des Gebäudes arbeiteten. Aber heute hatte er Glück, Patrick war allein.

Coup nahm sein eigenes Glas und schlenderte an die Bar hinüber, wo er sich gut einen Meter von dem Mann entfernt auf einen freien Hocker niederließ.

»Ganz schön viel los, was?«

»Hä?« Patrick sah sich verwirrt um und Coup prostete ihm freundlich zu, als sein Blick endlich auf ihn fiel. »Sprechen Sie mit mir?«

»Ja.« Coup rutschte ein Stück näher. »Ich sagte, ist ganz schön was los hier.«

»Sieht so aus.« Patrick nickte zurückhaltend. »Feierabend«, fügte er eher notgedrungen hinzu, als Coup ihn weiterhin erwartungsvoll anschaute.

Der Engel unterdrückte ein Seufzen. Besonders gesprächig schien er ja nicht gerade zu sein. Er würde ihn wohl erst aus der Reserve locken müssen.

»Man gönnt sich gern einen kleinen Drink, bevor man heim zu Frau und Kindern eilt, nicht wahr?«

»Vielleicht.« Patrick zuckte mit den Schultern.

Oh Mann, da hatte er sich ja was vorgenommen.

Coup ließ innerlich die Knöchel knacken und beschloss, direkt in die Offensive zu gehen. »Ganz zufrieden sehen Sie aber nicht aus, Kumpel. Was ist los, hat Ihnen eine Frau aufs Gemüt geschlagen?«

»Was?« Patrick starrte ihn verständnislos an. Es war offensichtlich, dass er nicht vorhatte, irgendetwas aus seinem Privatleben mit einem wildfremden Mann an einer Bar zu erörtern. Er leerte sein Glas in einem Zug und machte Anstalten, sich zu erheben.

»Die nächste Runde geht auf mich«, sagte Coup schnell, als hätte er dies nicht bemerkt.

»Das ist wirklich nicht nötig«, setzte Patrick an, doch der Engel ließ ihn nicht ausreden.

»Ach, kommen Sie schon. Allein in einer Bar zu hocken macht einfach keinen Spaß. Oder wartet zu Hause jemand auf Sie?«

»Nein«, gab Patrick widerstrebend zu und ließ sich wieder auf seinen Hocker sinken.

»Aber ich wette, da ist eine, von der Sie sich das wünschen würden.«

»Bitte?« Patrick verengte die Augen. »Wie kommen Sie denn darauf?«

»Oh, ich weiß nicht. Irgendetwas an der Art, wie Sie in Ihr Bierglas starren oder die Pärchen um Sie herum beobachten. Glauben Sie mir, ich habe ein Auge für so was.«

»Und woher?«

Coup lächelte gewinnend. »Ist sozusagen mein Beruf.« Er reichte Patrick seine Karte.

»Beziehungscoaching?« Misstrauen machte sich auf Patricks Gesicht breit. »Ist das irgend so eine blöde Masche, um Kunden aufzureißen?« Er erhob sich kopfschüttelnd. »Danke für das Bier, aber bei mir sind Sie dafür an der falschen Adresse.«

»Und wieso?« Coup ließ sich von seiner Entrüstung nicht beeindrucken.

»Für ein Beziehungscoaching braucht man wohl zuerst eine Beziehung. Und selbst wenn ich eine hätte, würde ich bestimmt nicht mit so einem Psycho-Heini darüber sprechen.«

»Eine klare Meinung.« Coup lächelte selbstbewusst. »Aber erstens bin ich nicht auf Kundenfang, glauben Sie mir, ich habe davon auch so schon mehr als genug. Und zweitens umfasst mein Service nicht nur die Pflege, sondern auch die Anbahnung von Beziehungen.«

»Sie meinen, Sie helfen auch dabei, eine Frau rumzukriegen?«, fragte Patrick und zum ersten Mal tauchte eine Spur von echtem Interesse in seinem Gesicht auf.

»Ich würde es zwar etwas anders ausdrücken, mein Freund, aber im Wesentlichen haben Sie es erfasst.«

»Und …« Er zögerte. »Und wie teuer ist so etwas?«

Coup schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Ich sag Ihnen was: den ersten Tipp gibt es gratis. Wenn er weiterhilft, können Sie sich ja bei mir melden und wir können dann in Ruhe alles Weitere besprechen. Meine Nummer haben Sie ja jetzt.« Er deutete auf die Karte, die Patrick noch immer unentschlossen in den Fingern hielt.

»Und wie lautet der Tipp?« Seine Neugier hatte definitiv die Oberhand über das Misstrauen gewonnen.

»Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.«

Verblüfft starrte Patrick ihn einen Moment lang an, bevor er laut zu lachen anfing. »Ha! Der war gut. Es gibt wirklich Leute, die Ihnen für solch abgedroschene Phrasen echtes Geld bezahlen?«

Coup verzog keine Miene. »Es ist gar nicht so trivial, wie es sich anhören mag. Nehmen wir Sie zum Beispiel. Es gibt da eine Frau, die Ihnen richtig gut gefällt. Aber ich wette, dass Sie es ihr gegenüber noch nie erwähnt haben.«

Die Heiterkeit verschwand aus Patricks Gesicht.

»Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen an unerfüllter Liebe leiden, nur weil sie nie auch nur den Versuch unternehmen, etwas an diesem Zustand zu ändern.« Er sah ihn eindringlich an. »Wie ich sagte: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Denken Sie darüber nach. Und dann erzählen Sie mir, wie es mit der Dame Ihres Herzens gelaufen ist.« Er zwinkerte ihm aufmunternd zu und erhob sich. »Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, mein Freund.«

Coup verließ die Kneipe, ohne sich noch einmal umzusehen. Doch auch so wusste er, dass er Patrick nun an der Angel hatte.

3

Patrick warf seinem Spiegelbild einen unsicheren Blick zu.

Hinter ihm, unsichtbar verborgen, rollte Coup genervt mit den Augen. Wenn der Mann jetzt schon wieder anfing, sich die Haare zu kämmen, würde er Sam definitiv verpassen! Andererseits musste er sie wirklich mögen, so nervös wie er war. Immerhin wollte er sie nur zu einem Abendessen einladen und sie nicht gleich heiraten.

Coup lauschte angestrengt, ob er im Treppenhaus etwas hörte.

Wurde da gerade eine Tür geöffnet?

Am liebsten hätte er Patrick an den Schultern gepackt und ihn einfach in den Flur geschubst. Aber das war natürlich nicht möglich. Von wegen Regeln und so.

Coup seufzte und teleportierte sich schnell in Sams Wohnung. Er musste sie irgendwie aufhalten. Wenn Patrick sie jetzt verfehlte, würde er womöglich nie wieder den Mut aufbringen, sie um ein Date zu bitten.

Er hatte sich nicht geirrt. Sam war tatsächlich gerade im Begriff, ihre Wohnung zu verlassen. Hektisch sah Coup sich um. Da, eine Vase! In Ermangelung eines besseren Plans fegte er sie einfach vom Regal. Mit einem dumpfen Knall schlug sie auf dem Teppich auf, ging aber zumindest nicht zu Bruch.

Erschrocken drehte Sam sich um und starrte auf die Wasserlache, die sich auf ihrem Boden ausbreitete. Dann schaute sie sich prüfend um, als suchte sie nach der Ursache für dieses Malheur. Schließlich ließ sie fluchend ihre Umhängetasche zu Boden gleiten und lief in die Küche. Wenige Sekunden später tauchte sie, mit Papiertüchern bewaffnet, wieder auf und begann damit, das Blumenwasser aus dem Teppich zu reiben. Als der größte Schaden behoben zu sein schien, schnappte sie sich ihre Tasche und verließ hastig die Wohnung. Genau im selben Moment, als Patrick ebenfalls im Treppenhaus erschien.

Coup lächelte zufrieden – perfektes Timing. Er hatte es noch immer voll drauf.

»Hallo, Sam«, erklang es zögerlich, als sie den Schlüssel in ihre Wohnungstür steckte.

»Patrick.« Sie nickte ihm höflich zu.

»Ähm.« Er verstummte unsicher.

Überrascht schaute sie auf. »Ja?«

»Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht mal was mit mir essen gehen würdest?« Hoffnungsvoll sah er sie an.

»Ähm.« Nun war es Sam, die sich räusperte. Sie schaute betreten zu Boden und Coup erkannte ungläubig, was gleich geschehen würde. Sie wollte ihm doch tatsächlich einen Korb verpassen! Einem Mann, der ganz offensichtlich bis über beide Ohren verknallt in sie war. Einem Mann, der ihn gerade stark an einen ausgesetzten Hundewelpen erinnerte. Keine Frau, die nur einen Funken Mitgefühl besaß, konnte so einem Blick widerstehen, wie dem, den Patrick ihr gerade schenkte!

Sam öffnete den Mund. Und Coup wusste, er durfte sie die Worte nicht aussprechen lassen, nicht, wenn er sich demnächst nicht schon wieder endlos heulende Teenager anhören wollte.

Wie beiläufig glitten seine Finger zu dem Amulett, das um seinen Hals hing. Ein schlichtes, silbernes Schmuckstück, das zwei kleine Flügel zeigte, die zwischen sich ein kristallenes Herz bargen. So schlicht und doch so mächtig. Das Herz leuchtete kurz auf und Sam sah aus, als würde ihr das, was sie gerade noch hatte sagen wollen, plötzlich im Hals stecken bleiben.

»Aber sicher«, entgegnete sie stattdessen leise und hörte sich an, als wäre sie von ihren eigenen Worten überrascht. »Es könnte … nett werden.«

Coup atmete erleichtert auf. Er war auf dem richtigen Weg. Seine Magie konnte sie nicht zu etwas zwingen, was sie nicht wollte, nur den Funken verstärken, der bereits da war. Sie fühlte sich also tatsächlich zu ihrem Nachbarn hingezogen, auch wenn sie es sich bisher nicht hatte eingestehen wollen. Doch dafür war er ja schließlich da.

»Was? Echt? Wow!« Offensichtlich konnte Patrick seinen Erfolg nicht fassen, denn er starrte Sam einfach nur grinsend an.

Jetzt vermassele es bloß nicht, Junge, fuhr es Coup beschwörend durch den Kopf.

Als hätte dieser mentale Anstoß ihn tatsächlich erreicht, gewann Patrick plötzlich seine Fassung wieder. »Sagen wir, morgen Abend, um acht?«

»Okay.« Sie nickte leicht. »Aber jetzt muss ich wirklich los.«

»Ja, ich auch. Bis dann.« Er machte noch immer keine Anstalten, seine Tür zuzuschließen.

»Bis dann, Patrick.« Sam rannte leichtfüßig die enge Holztreppe hinunter.

»Wer nicht wagt, der nicht gewinnt«, murmelte Patrick ihr leise hinterher. »Wow!«

Sam stand nachdenklich vor ihrem Kleiderschrank und überlegte, was sie zu ihrem Date anziehen sollte. Sie hatte keine Ahnung, was in sie gefahren war, als sie Patricks Einladung angenommen hatte. Sie brauchte keinen Mann in ihrem Leben und sie hatte erst recht keine Lust, sich in das Single-Getümmel zu werfen. Nach der Liebe zu suchen führte nur zu zwei Dingen – Enttäuschung und Schmerz.

Doch sie hatte ihm nun einmal zugesagt. Dass es offensichtlich in einem Zustand geistiger Umnachtung geschehen war, spielte keine Rolle. Sie fand es unfair, jetzt wieder einen Rückzieher zu machen.

Diese Verabredung stürzte sie jedoch in ein kleidungstechnisches Dilemma. Patrick sollte auf keinen Fall den Eindruck bekommen, sie hätte sich für ihn besonders schick gemacht. Aber wie eine Vogelscheuche wollte sie nun auch wieder nicht aussehen.

Schließlich holte sie eine enge Jeans und einen schlichten, grobmaschigen Pullover hervor, der ihr bis zur Mitte der Oberschenkel reichte. Jetzt noch eine passende Kette und ein wenig Make-up und das Outfit war perfekt.

Als sie fertig war, warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel und nickte bestätigend. Sie sah hübsch aus, aber nicht aufgetakelt. Sie hätte jetzt genauso gut eine Vorlesung halten oder ein wenig bummeln gehen können.

Das Klingeln an der Tür ersparte ihr weitere Grübeleien. Sie atmete tief durch und lief zur Tür.

Es ist nur ein Abendessen, versuchte sie sich selbst ein wenig aufzuheitern. Und vielleicht würde es ihr ganz guttun, mal wieder unter Leute zu kommen.

»Sam, du siehst einfach umwerfend aus!« Patrick bedachte sie mit einem bewundernden Blick.

Na super. Entweder war er ein notorischer Lügner oder sie hatte ihr Ziel grandios verfehlt.

»Danke.« Sie knüpfte rasch ihren Mantel zu. »Wollen wir los?«

»Aber sicher. Ich habe uns einen Tisch bei einem Italiener reserviert. Ich hoffe, du magst italienisch?« Er wartete ihr Nicken kaum ab, bevor er aufgeregt fortfuhr. »Gut. Es ist nur zwei Blocks entfernt. Macht es dir was aus, wenn wir laufen? Oder soll ich uns ein Taxi rufen?«

Offensichtlich versuchte er seine Nervosität mit seinem Redeschwall zu überbrücken. Vermutlich ging er nicht besonders oft mit Frauen aus. Aber andererseits war seine Aufregung richtig süß und Sam spürte, wie sie sich allmählich entspannte. »Ich laufe gern. Außerdem sind wir vermutlich zu Fuß eher da als das Taxi.«

Patrick lächelte sie erleichtert an. »Tut mir leid, vermutlich hätte ich direkt eins bestellen sollen.«

»Nein, es ist alles in Ordnung, wirklich«, beruhigte sie ihn. »Du hast nicht zufällig im Luigi’s reserviert?«, fügte sie hinzu, als sie merkte, welche Richtung er einschlug.

»Doch. Wieso? Magst du es nicht?«

»Ich liebe es«, erwiderte sie enthusiastisch. »Ich nehme mir dort öfter was mit.«

»Wirklich? Ich auch.« Er strahlte sie an.

Sam spürte, wie ihr eigenes Lächeln gefror.

Hoffentlich nahm er das jetzt nicht als Zeichen. Sie hatte doch nur höflich sein wollen.

»Was machst du eigentlich beruflich?«

Sie seufzte. Offensichtlich war der offizielle Teil des Dates bereits eröffnet. »Ich arbeite am Lehrstuhl für angewandte Psychologie und schreibe nebenbei an meiner Habilitation.«

»Habilitation?« Er sah sie verwundert und offensichtlich mit neugewonnenem Respekt an. »Dann hast du schon einen Doktortitel in der Tasche?«

»Ja. Ich habe über die häufigsten Trennungsursachen unserer Zeit promoviert.«

Ein Grund mehr, nicht an die Liebe zu glauben.

Patricks Gedanken schienen in eine ähnliche Richtung gegangen zu sein. »Kein besonders schönes Thema, oder?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Wie man’s nimmt. Nur wenn man die Gründe kennt, kann man Strategien entwickeln, um Trennungen zu vermeiden.« Aber eigentlich hatte er recht. Und all ihr Wissen hatte ihr definitiv nichts für ihr eigenes Leben gebracht.

Ja, weil es kein Mittel gegen das Fremdgehen gab.

Sie hatte keine Lust, noch weiter über ihr Forschungsthema zu sprechen. »Und was machst du?«

Er grinste herausfordernd. »Rate doch mal. Immerhin bist du die Psychologin.«

Sam verkniff sich ein genervtes Stöhnen. Wieso dachten immer alle Leute gleich, Psychologen währen so was wie Wahrsager?

Doch sie wollte nicht zickig wirken. Also schaute sie ihn abschätzend an und versuchte sich alles in Erinnerung zu rufen, was sie über ihn wusste – die Computerzeitschriften, die regelmäßig in seinem Briefkasten steckten, den Haufen technischen Equipments, den sie einmal durch seine offene Wohnungstür im Hintergrund erspäht hatte.

»Programmierer«, sagte sie schließlich ruhig.

»Wow! Du bist gut! Du hast es fast getroffen! Ich entwickle Spiele.«

»Also doch ein Programmierer«, bemerkte sie mit einem kleinen Lächeln.

»Schon, ja. Aber Spielentwicklung ist soviel mehr als das!« Echte Begeisterung sprach aus seinem Gesicht und Sam ertappte sich dabei, dass sie wider Willen neugierig wurde, obwohl sie mit Computerspielen noch nie etwas am Hut gehabt hatte. Sein Enthusiasmus war schlichtweg zu ansteckend. Hier hatte jemand offensichtlich seine Berufung gefunden.

»Wirklich? Dann erzähl mal.«

Der Gesprächsstoff für den Abend war gesichert.

Sam musste zugeben, dass es ihr wirklich guttat, wieder mal etwas anderes zu sehen als ihre Wohnung und die Uni. Und so sehr es sie überraschte, Patrick schien ein angenehmer und kurzweiliger Gesprächspartner zu sein. Er erzählte ihr von einer Welt der Fantasie, die so viel mehr zu bieten hatte als pure Fakten und Wissenschaft, von riesigen Internet-Gemeinschaften, von bunten Zusammenkünften und sogar von Spielern, die sich als ihre Lieblingshelden verkleideten und Schwerter schwingend durch die Landschaft liefen. Und obwohl diese Welt niemals die ihre sein würde, machte es Spaß, für einen Abend Anteil daran zu haben. Es lenkte sie ab von ihrem eigenen Leben und sie verstand zum ersten Mal, wieso manche Leute so viel Freude an diesen Dingen hatten.

»Wenn du willst, kann ich dir das Spiel mal zeigen«, schlug Patrick ihr auf dem Rückweg vor, nachdem er ihr von seiner letzten Entwicklung vorgeschwärmt hatte.

Die Worte klar, wieso nicht hatten ihr schon auf der Zunge gelegen, als sie gerade noch rechtzeitig innehielt. Sie wollte nicht, dass Patrick ein weiteres Treffen als ein zweites Date auffasste. Aber genau das würde er vermutlich tun. So nett der Abend mit ihm auch gewesen war, er hatte auch immer wieder versucht, mit ihr zu flirten. Und die Tatsache, dass sie darauf nicht eingestiegen war, hatte seinem Enthusiasmus keinen Abbruch getan. Wenn sie sich noch einmal mit ihm verabredete, würde sich das Ganze definitiv in eine falsche Richtung entwickeln. Zumindest, was ihn anging. Besser, sie beendete es gleich an Ort und Stelle, bevor er sich noch Hoffnungen machte.

»Das ist sehr nett von dir. Aber ich denke nicht, dass es was für mich wäre.« Sie verzog entschuldigend das Gesicht, um ihren Worten die Schärfe zu nehmen. »Ich bin nicht so für Videospiele.«

»Oh.« Damit hatte er wohl nicht gerechnet. »Dann vielleicht ein Film?«

Okay, sie musste noch deutlicher werden. »Das wäre vermutlich auch keine so gute Idee.«

»Wieso, schaust du etwa auch nicht fern?«, schnappte er und sie konnte es ihm nicht verübeln. Aus seiner Sicht war der Abend bestimmt phänomenal verlaufen.

»Doch. Aber …« Sie blieb stehen und sah ihn fest an. »Aber du würdest das vermutlich als Date auffassen und das möchte ich nicht.«

Er schluckte hörbar und ein verletzter Zug erschien auf seinem Gesicht.

»Versteh mich bitte nicht falsch, Patrick. Es ist wirklich nichts gegen dich. Ich fand den heutigen Abend sehr nett, aber ich will einfach keine Dates und erst recht keine neue Beziehung.«

»Und wieso bist du dann mit mir ausgegangen?«

Wenn sie das nur selbst wüsste.

»Wir sind da«, sagte sie statt einer Antwort und war noch nie so froh, das alte Mehrfamilienhaus zu sehen.

»Sieht so aus«, entgegnete er bitter und verzichtete darauf, ihr die Eingangstür aufzuhalten.

Sam lächelte innerlich über dieses kindische Benehmen. »Gute Nacht, Patrick«, sagte sie höflich, bevor sie energisch die schmale Holztreppe emporstieg.

Fassungslos beobachtete Coup die Szene, die sich gerade vor ihm abspielte. Was zur Hölle war nur schiefgegangen? Der Abend war ganz fantastisch verlaufen, die zwei lagen so eindeutig auf einer Wellenlänge wie selten ein Paar. So sehr, dass er sich insgeheim schon gefragt hatte, was sie überhaupt an diesem Nerd, der sie die ganze Zeit mit seinen Videospielen zuquatschte, überhaupt fand. Doch ihre Augen hatten vor aufrichtigem Interesse geleuchtet. Also hatte er es einfach hingenommen. Und sogar an der Art und Weise, wie Patrick das zweite Date ins Gespräch gebracht hatte, gab es rein gar nichts auszusetzen. Kein betretenes Schweigen, kein peinliches Rumgestotter.

Und dann das.

Er hatte mit Sams Antwort genauso wenig gerechnet wie Patrick. Sie hatte sie beide eiskalt erwischt. Und deshalb hatte er auch keine Gelegenheit gehabt, ein wenig mit seinem Amulett nachzuhelfen.

Offensichtlich war sie eine viel härtere Nuss, als er gedacht hatte.

Soll doch mal einer die Frauen verstehen!

4

»Oh, Sam, gut, dass du da bist«, wurde sie von der Lehrstuhlsekretärin begrüßt, kaum dass sie am Montagmorgen die Büroräume betreten hatte. »Der Professor will dich sehen.«

Verwundert folgte Sam der Aufforderung.

Das erste, was sie sah, als sie das Büro ihres Chefs betrat, war ein fremder Mann. Ein gut aussehender fremder Mann. Er trug ein sportliches, schwarzes Sakko, ein weißes, am Kragen aufgeknöpftes Hemd und eine blaue Jeans. Und er musterte sie unverhohlen aus seinen strahlend blauen Augen.

Sam wandte irritiert den Blick ab. Sie kannte solche Typen, sie kannte sie zur Genüge. Vermutlich war das schon wieder irgend so ein Marketing Manager einer sehr erfolgreichen Firma, der ihnen eine Kooperation aufschwatzen oder irgendein Event sponsern wollte.

»Ah, Sam. Schön, dass Sie da sind. Darf ich vorstellen – Mr. Couper. Mr. Couper – Samantha Andrews, meine vielversprechendste Mitarbeiterin.«

Von der Lobrede des Professors ungerührt, reichte Sam dem Fremden kühl die Hand. »Mr. Couper.«

Er lächelte strahlend. »Meine Freunde nennen mich Coup.«

Sie runzelte die Stirn und warf Professor Conrady einen grimmigen Blick zu. Was sollte das Ganze hier? »Wenn die Herren mich bitte entschuldigen würden, die Arbeit wartet.«

»Wie soll ich das verstehen?« Leichter Tadel schwang in der Stimme ihres Chefs mit. »Haben Sie unseren Termin vergessen?«

»Termin? Welchen Termin?« Verständnislos starrte Sam ihn an.

»Der schon seit Wochen in unserem Kalender steht? Es war gar nicht so leicht gewesen, sich mit Mr. Couper abzustimmen. Er ist ein viel beschäftigter Mann. Umso mehr freut es mich, dass er endlich Zeit für uns gefunden hat.«