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Schreckliche Morde im Central Park, an jungen Frauen in New York. Und Eddie Spencer, Versicherungsagent und in Sachen Frauen ein Luftikus, hatte mit jedem Opfer Dates! Ein klarer Fall, scheint es. Inspektor Woolbeck und sein Assistent Yellowkingfish ermitteln beharrlich. Bewahren sie kühlen Kopf und werden sie es schaffen, den Täter oder etwa die Täterin zu ermitteln, bevor er oder sie wieder zuschlagen kann? Der erste Fall von Inspektor Woolbeck vom Autorenduo Aschenberg/ Monet, die Einblicke in juristische Abwägungen der Polizeiarbeit bieten und mit Humor einen Blick auf Menschen und Situationen werfen! Ein spannendes und nichtdestotrotz humoriges Lesevergnügen mit psychologischem Spürsinn!
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Axel Aschenberg, Jahrgang 1970 sammelte als Jurastudent wichtige Infos bei Staatsanwälten und Anwälten für Strafrecht, die er in seinen 1. Krimi einfließen lies. Nach der Arbeit als Realschullehrer für Deutsch, Ev. Reli und Geschichte und als DAF-lehrer widmete er sich ganz dem Schreiben. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien und seinem Erstling „Karteileichentango“. Er tritt regelmässig in ganz Deutschland auf Slam poetrys auf.
Louis de Monet, Jahrgang 1968, Diplomverwaltungswissenschaftler arbeitet als Disponent.
Seit Kindesbeinen ist er leidenschaftlicher Krimifan. Dies ist sein 1. Buch!
Für alle, die an mich als Schriftsteller glauben.“
Axel Aschenberg
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Ein typischer Montagmorgen - mal wieder. Das ganze Haus am Lenox Hill war noch dunkel, nur in einem Büro, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift Versicherungen und Hausverwaltungen prangte, brannte schon wieder Licht. Dieser arbeitswütige Spencer saß mal wieder als erster in seinem Versicherungsbüro. Stapel von Papier umlagerten ihn. Er murmelte Geburtsdaten vor sich hin.
»Ein Drecksjob«, fluchte er. Seine letzte Arbeitswoche hatte er mit mühsamen, stundenlangen Recherchen in den Kellergewölben der städtischen Bibliothek zugebracht. Sein Interesse hatte den standesamtlichen Nachrichten von vor zwanzig Jahren gegolten.
Vor allem weiblichen Geburten galt das Augenmerk, während sich Eddie Spencer, ein etwas beleibter großgewachsener neunzig-Kilo-Mann, durch die Akten wühlte und das nicht um neue Versicherungen abzuschliessen.
Das Telefon läutete. Genervt griff Eddie, jäh aus seiner Arbeit gerissen, zum Hörer. Wieder einmal dieser Miles, der bei ihm vor Jahren eine popelige Haftpflichtversicherung nach stundenlangen, zähen Verhandlungen abgeschlossen hatte! Die lächerliche Provision hatte gerade für einen netten Abend gereicht.
Kaum hatte er sich gemeldet, legte Miles auch schon mit seinem Redeschwall los: Sein Sohn hatte mit einem Fußball die Scheibe eines Supermarktes beim Waldorf Astoria eingeschossen und jetzt wollte Miles eine umfangreiche Beratung, wie er sich den Schadensersatz sparen könnte. Klar, dass der lästige Typ nach Möglichkeit bei der ganzen Angelegenheit noch ein Geschäft machen wollte. Nachdem alle Versuche, Miles abzuwürgen, gescheitert waren, willigte Miles widerwillig in einen Beratungstermin für den heutigen Nachmittag ein.
Mittlerweile fing auch in den anderen Büros geschäftiges Treiben an und die Bewohner der Apartments machten sich so langsam auf den Weg zur Arbeit.
Es klopfte an Eddie Spencers Tür. Kathy aus Apartment sieben steckte unaufgefordert den Kopf zur Tür rein. »Wie lange soll ich noch auf die Reparatur von meinem Wasserhahn warten?« keifte sie los.
Eddie, seines Zeichens Versicherungsüberlebenskünstler, konnte sich nur über Wasser halten, weil er nebenbei den Hausverwalter für dieses Haus machte. »Ich habe den Klempner doch schon vor drei Wochen angerufen«, behauptete er und holte dann mit übertrieben ruhiger Stimme zum Schlag aus: »Der Klempner hat mich eben - wie du - versetzt!«
»Hoffentlich klappt’s bald mal«, schrie Kathy ihn an.
»Meinst du jetzt mich oder den Klempner?«, kam es schlagfertig zurück.
»Den Klempner natürlich«, fauchte Kathy und knallte die Tür zu.
Inzwischen war es zehn Uhr vormittags; Eddie schaltete die Kaffeemaschine ein und kramte in seiner Schublade nach einem alten Playboyheft. Er nahm gemütlich auf seinem Schaukelstuhl Platz während das Wasser durch die Kaffeemaschine lief, blätterte das Heft durch, ließ seinen Phantasien freien Lauf.
›Ich kann mal probieren, ob die erste schon da ist?‹, murmelte Spencer mit frischer Kraft in der Stimme vor sich hin. Hastig suchte er im örtlichen Telefonbuch einen Namen, den er aus den Geburtsmeldungen ermittelt hatte. ›B....Be...Becci! Na, wer sagt`s denn, die wohnt tatsächlich noch hier! Also frisch ans Werk.‹ Rasch tippte er die Nummer ins Telefon ein.
Es läutete fünfmal, dann endlich hauchte jemand »Cornelia Becci« ins Telefon.
»Hallo, kann ich mal mit Steffi sprechen?«
»Wer ist denn da überhaupt?«
Schlagfertig wie immer erwiderte Eddie: »Das soll eine Überraschung werden.«
Eine halbe Minute später meldete sich eine junge, zarte Stimme mit: »Ja, hier Steffi Becci« am Telefon.
»Ja, hallo Steffi, ich wollte dir noch nachträglich recht herzlich zum 18. Geburtstag gratulieren. Es tut mir leid, dass ich es am letzten Donnerstag verschwitzt habe, mich bei dir zu melden«, speichelte Eddie Spencer mit gedehntem und gleichermaßen einschmeichelndem Unterton.
»Schön, dass du trotzdem noch anrufst«, gab Steffi eingelullt, aber etwas unsicher zurück.
Weiter den Köder auslegend, hakte Eddie blitzschnell nach: »Hast du schön gefeiert?«.
»Ja, es waren ganz viele Freunde da, sogar Opi und Omi sind von ganz weit hergekommen!«
»Das ist ja schön, wenn man die auch mal wiedersehen kann. Hattet ihr auch schönes Wetter?«
»Oh ja, das Wetter war prima, nur gegen Abend hat es geregnet, so dass wir leider nicht grillen konnten.«
»Das ist aber schade«, tröstete Eddie und setzte in fast gelangweiltem Ton, innerlich aber angespannt, nach: »Da müssen wir beide ja noch unbedingt zusammen nachfeiern.«
»Das wäre schön, - aber kenne ich dich eigentlich?« »Wenn du mich siehst, erinnerst du dich wieder!«
»Ja, sonst hättest du auch nicht gewusst, dass ich Geburtstag gehabt habe«, lenkte Steffi halbwegs überzeugt ein.
Von einem Glücksgefühl durchströmt, vollendete er: »Also dann am Mittwoch, um drei Uhr Nachmittags, am Obelisk gegenüber dem Metropolitan Museum of Art im Central Park, das liegt ja für beide auf der Strecke.«
»Ja, okay, ich komme.«
»Kann ich mich drauf verlassen?«, setzte Eddie souverän nach.
»Ja, klar!«
»Bis dann. Ich freu‘ mich!«
»Ich auch«, gab Steffi halblaut zurück und hängte den Hörer ein.
Eddies Magen meldete sich mit einem Knurren. Spontan beschloss er, zum Hot Dog Stand um die Ecke zu gehen. Den Hot Dog verschlingend, starrte er den jungen Frauen mit den Miniröcken und dem Eis in deren Händen nach und dachte: ›Wie gerne wäre ich jetzt das Eis.‹
Unerwartet verschluckte er sich, spuckte seinen letzten Bissen in den Mülleimer und erblickte eine dicke, grüne Schmeißfliege. Der Hot Dog Verkäufer, reagierte mit einem breiten Grinsen.
Eddie brüllte aufgebracht: »Ich hetze ihnen den Wirtschaftskontrolldienst auf den Hals, geben Sie mir mein Geld zurück!«
Mit einem noch breiteren Grinsen bot ihm Ali einen neuen Hot Dog an. »Diesmal nicht so viel Fleisch!«
Eddie ergriff den Hot Dog, wurde immer röter vor Wut und schleuderte ihn dem Mann ins Gesicht. »Guten Appetit« brüllte er mit bebender Stimme und machte sich schnell aus dem Staub.
Befriedigt von seiner persönlichen Rache, warf sich Eddie Spencer noch schnell eine Currywurst an einer Imbissbude ein und machte sich auf den Weg ins Büro. Kaum hatte er gestärkt wieder Platz genommen, klopfte es an seiner Tür. Als er Miles Gesicht erblickte, fiel ihm niagarafallartig das leidige Beratungsgespräch wieder ein.
Nach versierten Auskünften, die Miles seinem Gesichtsausdruck zufolge dankbar aufnahm, räusperte sich Eddie Spencer: »Jetzt habe ich auch einmal eine Frage.«
»Um was geht’s denn?«, nuschelte Miles.
Er lehnte sich in dem knautschenden Büroledersessel zurück, atmete erleichtert auf, die Prozedur des Beratungsgesprächs überstanden zu haben und sprach zu dem gerade im Aufbruch begriffenen Miles: »Wie Sie wissen, hat meine Friseuse ihren Laden geschlossen, um mit einem dahergelaufenen Brasilianer nach São Paulo zu ziehen. Jetzt stehe ich da, schauen Sie sich mal meine Mähne an, so kann ich ja nicht unter die Leute. Wo haben Sie denn ihre flotte Frisur her, wenn man fragen darf?«
Verständnisvoll nickte Miles: »Da haben Sie recht, ich kann ihnen nur wärmstens Robert Lavé in der Metro-North Park Avenue empfehlen.«
»Und wie ist der preislich so?« erkundigte sich Eddie.
»Die Preise sind okay, der Lavé ist zwar ein seltsamer Kauz, aber er versteht sein Handwerk!«
»Okay, da schaue ich mal vorbei«, antworte Eddie.
Nachdem Miles endlich das Büro verlassen hatte, sah er ein, dass der Tag gelaufen war und beschloss entkräftet, Feierabend zu machen. Er schloss wie immer sorgfältig ab und fuhr vom vierten in den achten Stock, wo sein Apartment lag. Zaghaft öffnete er seine Wohnungstür, sich auf die Begrüßung von Kathy freuend, die munter auf ihn zusteuerte und gleich von ihm liebkost werden wollte.
Er hatte nämlich seine Katze auf den Namen Kathy umgetauft, nachdem es mit Mandy auseinandergegangen war und seit drei Tagen die süße Kathy aus dem Haus, die von Apartment sieben, seine neue Nummer eins war.
Während er sich ein Dosenbier hinter die Binde goss, fiel er in tiefes Grübeln, was er mit dem Abend anfangen solle. Auf einmal kam ihm der rettende Einfall, unter welchem Vorwand er wieder zu Kathy gehen konnte. Stürmisch polterte er aus seiner Wohnung und klopfte an Kathys Tür. Kathy öffnete.
»Ich habe mir gedacht, ich schau mir den Wasserhahn mal selbst an, wäre doch gelacht, wenn wir das nicht hinkriegen.«
»Warum bist du auf diese glorreiche Idee nicht schon vor einer Woche gekommen?«
»Äh, ich musste erst das neue Sieb bestellen«, erwiderte er, sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagernd.
Kathy sagte schnippisch: »Dann mal los, du großer Klempner!«
Mit einem mulmigen Gefühl, nach außen aber souverän wirkend, tauschte Eddie Spencer die Siebe aus und schraubte die Muffen fest.
Dankbar spendierte Kathy ihm einen Kaffee: »Den hast du dir jetzt aber verdient!«
»Ja, gerne«, sagte Eddie und nahm sofort mit der ganzen Fülle seines Körpers das Sofa in Beschlag.
»Hast du eigentlich meinen Tipp von neulich befolgt?«, setzte Eddie das Gespräch fort.
»Ach, du meinst den mit dem Abführmittel?«, meinte Kathy.
»Genau, habt ihr es eurem widerlichen Chef verabreicht?«
»Ja, sicher«, lachte Kathy und ergänzte, »der hatte endlich mal was Sinnvolles zu tun.«
Beide saßen schenkelklatschend - Kathy mit Lachtränen in den Augen - auf dem Sofa.
Sie schenkte Eddie noch mehr Kaffee ein und legte eine Bach-Platte auf. Innerlich fluchend über die aus seiner Sicht grauenhafte und viel zu anspruchsvolle Musik, überhäufte er sie mit Komplimenten für die gute Auswahl. Kathy wiederum mochte die Musik auch nicht und legte sie für Eddie nur auf, weil der sich immer als großen Klassikfan tituliert hatte.
Sie plauschten vergnügt noch eine Stunde, ehe Kathy anfing von einer gewissen Müdigkeit zu reden.
Dies bezog Spencer natürlich gleich wieder auf seine Person und fragte: »Habe ich dich so gelangweilt oder warum bist so müde?«
»Nein, natürlich nicht«, beschwichtigte Kathy. »ich hatte nur einen langen, schweren Tag und würde gerne ins Bett gehen.«
Sich für den schönen Abend bedankend, verabschiedete sich Eddie Spencer innerlich schmollend und ging in sein Apartment zurück.
Leicht geknickt, ließ er sich auf sein Bett fallen und griff zum Telefonhörer. Er wollte Marc Salesbreed, einem alten Kumpel, sein Leid klagen. Siebenmal ließ er es klingeln, doch es nahm niemand ab. Eddie dachte: ›Der ist schon wieder bei der Arbeit, mitten in der Nacht!‹
Marc hatte nach abgebrochenem Jurastudium die fragwürdige Karriere eines Bestattungsgehilfen eingeschlagen. Obwohl Eddie keine allzu hohe Meinung von Marc hatte, wollte er ihn wieder einmal als Frustmülleimer gebrauchen. Er schätzte an Marc, dass er die Berichte über seine Eskapaden - ohne zu kommentieren - konsumierte. Mehr erwartete er von seinem Gesprächspartner auch nicht. Widerrede und Kritik hätten ihn nur unnötig zusätzlich gekränkt.
Beim Ablegen der Kleider ließ er den Tag noch einmal Revue passieren. ›Naja, der Tag war eigentlich gar nicht so mies, immerhin habe ich noch zwei gute Projekte mit Kathy und Steffi am Laufen und nebenbei habe ich noch eine Lebensversicherung und eine Barlohnumwandlung abgeschlossen.‹
Im Bett zog er unter seinem Kopfkissen noch einen WM Almanach hervor und wiegte sich mit Dutzenden von WM-Ergebnissen, die er auswendig lernte, in den Schlaf. Seit jeher verfügte er über ein phänomenales Gedächtnis und ergötzte sich nur zu gerne daran, Stammtischfreunde damit zu beeindrucken. Gelegentlich konnte er auch Frauen beeindrucken, indem er Gedichte frei rezitierte.
Endlich Mittwoch! Nach einem enttäuschten Blick in den Briefkasten - wieder keine Post von potentiellen Projekten - Frauen in allen erdenklichen Farben und Formen, so überraschend wie sein Kondomarchiv - stattdessen nur Rechnungen. Der Tag wollte für Eddie einfach nicht vorübergehen. Er saß den ganzen Tag wie auf Kohlen. Endlich sollte diese Ungewissheit vorbei sein. Heute sollte nun endlich das große Treffen mit dieser Becci stattfinden. Er schloss frühzeitig sein Büro und eilte zum Central Park. Schließlich hatte er sich um fünfzehn Uhr mit Steffi Becci dort verabredet. Tagsüber war es gar nicht so einfach, dort ein geeignetes Versteck zu finden, an dem man unbemerkt blieb. Nervös rieb er sich den Schweiß von der Stirn und peilte die Lage. Er dachte: ›Ausgerechnet jetzt müssen diese Rentner hier ihre Zeit totschlagen. Wo soll ich denn nun auf die kleine Steffi warten.‹ Er wollte sich noch das Hintertürchen offenlassen, sich nicht erkennen geben zu müssen, falls Steffi Becci wie ein Monster aussah.
Jetzt kam auch noch Miles um die Ecke. Eddie verfluchte innerlich den Tag, an dem dieser bei ihm Kunde geworden war und murmelte vor sich hin: ›Wenn der mich sieht, ist alles gelaufen. Der drückt mir ein sinnloses Gespräch rein und vermasselt mir mein Treffen mit Steffi.‹ Geistesgegenwärtig sprang er zur Seite und kauerte sich hinter einen Baum, um ungestört warten zu können. Miles passierte ihn, ohne ihn zu bemerken. Eddie atmete auf.
Er sah nun im Hintergrund eine tolle Frau, in schwarzem Leder umherstolzieren. Er dachte: ›Nein, bei meinem Pech ist das natürlich nicht Steffi Becci. Die ist der helle Wahnsinn! Die hat schwarze lange Haare, ein formvollendetes Gesicht und eine nicht zu überbietende Figur.‹ Sie hatte einen Minirock mit passendem Top an. Das Gesamtbild wurde durch Stiefel, die sich nahezu nahtlos an die traumhaft langen Beine, wie bei einer Nachtclubtänzerin, anschlossen, angeheizt. Plötzlich sah Eddie Spencer wiederum zehn Meter dahinter eine sehr bieder gekleidete, ebenfalls junge Frau mit Pickeln - wie ein Streuselkuchen - übersät, mit verkniffenem Blick daherkommen.
›Wenn es die ist, dann hat sich die Mühe mal wieder gelohnt. Die ist wahrscheinlich nur hier, weil sie sowieso nie einen abgekommen würde, dieses verkrampfte Ungeheuer‹, lamentierte Eddie Spencer leise.
Die erste Frau blieb nun stehen und ließ ihren Blick kreisen, während die zweite langsam an ihr vorbeitrollte. Die Hoffnung stieg bei Eddie Spencer ins Unermessliche, dass die Klassefrau nun wohl doch Steffi Becci sein müsste. Er nahm allen Mut zusammen und kam langsam unauffällig aus seinem Versteck hervor. Zaghaft ging er auf sie zu und bevor ihm das Herz vollends in die Hose zu rutschen drohte, rief er ihr keck zu: »Hallo, Steffi, schön das du gekommen bist!«
Steffi Becci blieb stehen. Sie taxierte Spencer von oben bis unten und lächelte selbstbewusst: »Du bist das? Ich habe verzweifelt versucht, mir das passende Gesicht zu deiner Stimme vorzustellen, als du am Montag angerufen hast.«
»Also komm, lass uns einen Kaffee trinken gehen«, setzte Eddie souverän fort.
»Alles klar, lass uns hier nicht Wurzeln schlagen!« Mit stolzgeschwellter Brust schlenderte Eddie mit Steffi durch den Park Richtung Fußgängerzone. Er fühlte sich am Ziel seiner Träume, vieler schlafloser Nächte. Er hatte in seinem Leben schon sehr viele Enttäuschungen erlebt, weil er so impulsiv war. Wenn er eine reizvolle Frau sah, dann war er oft von so starker Begierde erfüllt, dass er nicht mehr Herr seiner Sinne war. Erst neulich war es ihm wieder passiert, dass er eine schwarze Perle mit so einem raffinierten Lederrock, der nur das Nötigste bedeckte, vor dem Postamt gesehen hatte und hemmungslos hinstarrte. Und das Schlimme war, sie hatte ihn sogar angelächelt, und nicht nur das, sogar längere Zeit mit einem auffordernden Blick angeschaut, nach dem Motto: Nun mach schon, sprich mich endlich mit irgendeinem Blödsinn an und wenn du mir nur eine Kuh zeigst, die gerade vom Himmel fällt! Doch er hatte sich nicht getraut, sie anzusprechen. Es war für ihn wie ein ständiges Schlucken müssen gewesen. Ihn lähmten gleichermaßen Respekt und Faszination vor diesem weiblichen Wesen, die wie von einem anderen Stern zu sein schien. Er hatte keine Ahnung, was die wirklichen Gründe für seine Handlungshemmung waren.
Als sie schon weg war, ging er noch in die Telefonzelle, von wo aus sie gerade angerufen hatte und drückte die Wahlwiederholungstaste, doch leider wurde keine Telefonnummer angezeigt. Schade, leider kein Anhaltspunkt für eine Fahndung nach dieser Frau für ihn. Eine Welt war für Eddie damals zusammengebrochen. Mit hängenden Schultern und leerem Blick hatte er zu Boden geschaut, wie ein Patient, der von einer tödlichen Krankheit durch seinen Hausarzt erfahren hat.
Jedenfalls hatte er seine Passivität hinterher bitter bereut. Er war tagelang nur noch ein Häufchen Elend gewesen.
An Marc schickte er eine verzweifelte Mail. »Ich sehe sie nicht mehr, was soll ich nur tun? Ich stehe mir jeden Tag vor dem Postamt die Füße in den Bauch und sie erscheint nicht. Bitte, bitte lieber Marc, hilf mir doch; ich bitte Dich auf Knien. Ich kann ohne diese Frau nicht mehr leben. Sie ist die einzig Wahre. Nicht nur, weil sie gelächelt hat.«
Und in der nächsten Mail schrieb Eddie Spencer: »Was soll ich nur tun, Marc? Wenn ich sie das nächste Mal sehe, mache ich ihr sofort einen Heiratsantrag!«
Jetzt mit Steffi war alles ganz anders, er kam sich wie ein König vor, der seine Göttin ausführt. Seine Nasenspitze berührte den Himmel. Man sah förmlich, wie sein Selbstbewusstsein aufblühte, als ihm manch unbekannte Schöne, die ihn sonst nur mit Missachtung gestraft hätte, anerkennende Blicke zuwarf. Wie stolze Pfaue spiegelte sich das Paar in den Schaufensterscheiben der mondänen Schmuck- und Modeboutiquen von Manhattan.
Auf einmal blieb sie gebannt vor einer exklusiv gekleideten Modepuppe stehen. »So etwas könnte ich mir mit meinem Ferienjob bei Adler-Paper nie leisten«, wisperte sie.
Mit gönnerhafter Miene fragte Eddie Spencer: »Möchtest du das Kleid haben, Steffi?«
Völlig überrascht und geschmeichelt von der Großzügigkeit Eddies, bildeten sich auf Steffi Gesicht rote Flecken vor freudiger Erregung.
»Als kleine Aufmerksamkeit von mir!« So etwas hatte Steffi noch nie erlebt. Sie kam aus einfachem Hause und das Kleid hatte den stolzen Preis von sechshundert US-Dollar. Die gebürtige Italienerin war mit ihren Eltern als Kleinkind von Neapel nach New York gezogen, aber das große Glück hatte ihre Familie noch nicht gemacht.
Kurzerhand kaufte Eddie ihr das Kleid, wobei er die abschätzigen Blicke der Verkäuferin mit einem hohen Trinkgeld quittierte.
Als die beiden die Boutique verließen, murmelte die Verkäuferin zu sich selbst: »Schade, dass sich so junge Dinger kaufen lassen. Diesem Möchtegerncasanova steht es doch auf der Stirn geschrieben, auf was er aus ist.«
Bereits beim Verlassen der Boutique legte Eddie stolz seinen Arm um Steffi. Sie gingen ins Jazz-Café Blue Daddy. Man hielt ein wenig Smalltalk, bevor Steffi nun doch endlich wissen wollte, woher Eddie sie kenne. Demütig gab er zu, von Steffi Erscheinung wie vom Blitz in der Nähe des Adler-Paper-Ladens getroffen worden zu sein. Er wollte sie immer schon ansprechen, habe sich aber bisher nicht getraut, wie er mit verklärtem Blick gestand. Daher habe er in mühsamen Recherchen die Zeitungen gewälzt, um ihren Geburtstag herauszufinden.
Steffi hing förmlich an seinen Lippen und antwortete geschmeichelt: »Das finde ich ja rührend, dass du wirklich keine Mühe gescheut hast mich kennenzulernen. Ich finde, dass du dafür eine faire Chance verdient hast. Jetzt muss ich aber langsam heim. Wir können ja am Samstag zusammen ins Funtastic gehen.«
Eddie Spencers Augen blitzten auf wie bei einer Raubkatze in der Nacht.
