Ein Doppelgänger kommt selten allein - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Dieser Band enthält eine Auswahl aus den besten Kriminalgeschichten von Mignon G. Eberhart: Der scheckige Hund / Der Valentinsmord / Die Blondine aus Sumatra / Gefährliche Schönheit / Die rote Pfote. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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MOBI

Seitenzahl:199


Mignon G. Eberhart

Ein Doppelgänger kommt selten allein

Kriminalgeschichten

Aus dem Amerikanischen von Mechtild Sandberg und Hedi Hummel-Hänseler

FISCHER Digital

Inhalt

Der scheckige HundDer ValentinsmordDie Blondine aus SumatraGefährliche SchönheitDie rote Pfote

Der scheckige Hund

Es war so gut wie eine Herausforderung zum Mord.

»Sie meinen«, sagte Susan Dare ungläubig, »sie leben beide hier im Haus?«

Idabelle Lasher – Mrs. Jeremiah Lasher, die Witwe des Pharmakönigs, der im vergangenen Jahr gestorben war (nachdem er, wie es hieß, seinen eigenen Wundermitteln bis zum Ende beharrlich widerstanden hatte) – richtete ihre großen blaßblauen Augen auf Susan und sagte seufzend: »Ja, natürlich, was hätte ich sonst tun sollen? Ich kann doch nicht meinen eigenen Sohn auf die Straße setzen.«

»Immer vorausgesetzt«, entgegnete Susan, »daß einer der beiden wirklich Ihr Sohn ist.«

»Oh, ganz bestimmt, Miss Dare«, versicherte Idabelle. »Warten Sie, ich will mal sehen, ob ich das richtig verstanden habe«, sagte Susan Dare. »Ihr Sohn Derek ist vor zwanzig Jahren verschwunden. Vor kurzem ist er nun zurückgekehrt – oder vielmehr, er ist gleich in doppelter Ausführung zurückgekehrt.«

Idabelle hatte Tränen in den Augen. »Einer von ihnen muß mein Sohn sein, Miss Dare«, sagte sie beinahe flehentlich. »Ich brauche ihn so sehr.«

Aller Protz und alle Künstlichkeit, alle Verwöhntheit durch ein sorgloses Luxusleben traten hinter der Aufrichtigkeit dieser wenigen Worte zurück. Sie war plötzlich bedauernswert – nein, mehr noch; sie war tragisch in ihrer Sehnsucht nach ihrem Kind.

»Und außerdem«, sagte sie unvermittelt und mit einer merkwürdigen Naivität, »ist da ja auch noch das ganze Geld. Dreißig Millionen.«

»Dreißig –«, begann Susan und brach ab. Nicht zu fassen. Eine halbe Million, ja; vielleicht auch noch eine Million. Aber dreißig! »Aber wenn Sie selbst nicht feststellen können, welcher von beiden Ihr Sohn ist, wie soll ich das dann schaffen? Und noch dazu, wenn es um soviel Geld geht –«

»Das ist es ja gerade«, sagte Idabelle beschwörend. »Ich muß ganz sicher sein. Das letzte, was mein Mann zu mir sagte, war: ›Gib auf dich acht, Idabelle. Hüte dich vor Betrügern, die es auf dein Geld abgesehen haben.‹«

»Aber ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen da helfen kann«, erklärte Susan.

»Sie müssen mir helfen. Christabel Frame hat mir von Ihnen erzählt. Sie sagte, Sie schreiben Kriminalromane und seien die einzige, die mir helfen könnte.« Ängstlich wie ein Kind wartete sie, ob der Name Christabel Frame auf Susan die gewünschte Wirkung haben würde. Aber es war weniger der Name der Freundin, der Susan beeindruckte, als vielmehr die Not dieser Frau.

»Wie stehen Sie denn zu den beiden jungen Männern?« fragte sie. »Fühlen Sie sich zu einem von ihnen stärker hingezogen als zum anderen?«

»Das ist ja gerade das Problem«, antwortete Idabelle. »Ich mag sie beide.«

»Erzählen Sie mir doch noch einmal die ganze Geschichte, ja? Möglichst genau.«

Idabelle richtete sich auf. »Also«, begann sie, »es war so …« Zwei Monate zuvor hatte ein junger Mann namens Dixon March sie aufgesucht. Er hatte sich nicht an ihren Anwalt gewandt, sondern war direkt zu ihr gekommen und hatte ihr eine sehr einfache Geschichte erzählt.

»Sie werden sich vielleicht an die Sache damals erinnern – Unsinn, natürlich nicht, dazu sind Sie viel zu jung. Unser kleiner Derek war vier Jahre alt, als er verschwand. Seine Kinderfrau verschwand zur gleichen Zeit. Ich persönlich war immer überzeugt, daß sie ihn mitgenommen hatte.«

»Erpressung?« fragte Susan.

»Nein. Das war ja das Sonderbare. Es kam nie eine Lösegeldforderung. Nein, ich glaube, die Kinderfrau wollte ihn einfach haben – sie war eine seltsame Person.«

»Und dieser Dixon March behauptet nun, Ihr Sohn Derek zu sein?« fragte Susan.

»Ja. Das ist auch noch so ein Punkt. Ich glaube sicher, daß er seinen Namen wußte – Derek, meine ich –, aber vielleicht hat man ihn im Waisenhaus nicht richtig verstanden, als er auf seine kindliche Art seinen Namen sagte, und nannte ihn deshalb Dixon. Allerdings –«

»Ja?«

»Nun, der andere junge Mann, der andere Derek – er heißt Duane. Sehen Sie jetzt?«

Susan war einigermaßen verwirrt. »Und was erzählte Ihnen Dixon?«

»Er sagte, daß er mit sechs Jahren in ein Waisenhaus kam; daß er sich vage an eine Frau mit dunklem Haar und einem Muttermal erinnert. Die Beschreibung paßt genau auf die Kinderfrau. Wir haben natürlich die Akten des Waisenhauses überprüfen lassen, aber nichts Schlüssiges gefunden, auch keine Möglichkeit, die Frau zu identifizieren. Sie hieß Sarah Gant – unsere Kinderfrau hatte einen anderen Namen –, und bei ihrem Tod hat das Jugendamt den Jungen einfach ins Waisenhaus gebracht, da keine Verwandten und keine finanziellen Mittel da waren.«

»Und wieso glaubt er, daß er Ihr Sohn ist?«

»Na ja, als er erwachsen geworden war und sich in der Baufirma, in der er angefangen hatte, einigermaßen hochgearbeitet hatte, fing er an, sich für seine Herkunft zu interessieren, sagt er – und ein Bericht über Dereks Verschwinden, die Daten und die Tatsache, daß er nichts darüber in Erfahrung bringen konnte, wie die Frau, Sarah Gant, gelebt hatte, bevor sie nach Ottawa gezogen war –«

»Ottawa?«

»Ja. Er kommt aus Ottawa. Der andere, Duane, kommt aus New Orleans. Ja, also, er sagte, zwischen der Frau, wie er sie in Erinnerung hatte, und den Zeitungsfotos unserer Kinderfrau hätte eine starke Ähnlichkeit bestanden, und das hätte ihn auf den Gedanken gebracht; daß er vielleicht unser verschwundener Sohn sei.«

»Er kam also einzig aufgrund übereinstimmender Daten und einer gewissen Ähnlichkeit dieser Sarah Gant mit den Zeitungsfotos der Kinderfrau zu Ihnen und behauptete, Ihr Sohn zu sein. Knapp ein Jahr nach dem Tod Ihres Mannes.«

»Ja, aber –« Idabelle errötete. »Er hat außerdem einige Erinnerungen.«

»Zum Beispiel?«

»Er erinnert sich an die grünen Vorhänge im Kinderzimmer. Sie waren wirklich grün. Und an einen – einen scheckigen Hund. Und – an ein paar andere Dinge. Die Anwälte meinen, schlüssig sei das nicht. Aber ich finde es sehr bedeutsam, daß er sich an den scheckigen Hund erinnert.«

»Sie haben also seine Behauptungen von Anwälten überprüfen lassen?«

»Aber ja«, antwortete Idabelle. »Sehr gründlich.«

»Und es ist ihnen nicht gelungen, die Spur dieser Sarah Gant zu finden?«

»Nein.«

»Wie steht es mit der körperlichen Erscheinung?« fragte Susan.

»Unser kleiner Derek war blond und hatte graue Augen. Er hatte keinerlei besondere Merkmale, und er hatte noch seine Milchzähne. Im Grunde könnte jeder junge Mann mit blondem oder hellbraunem Haar und grauen Augen mein Sohn sein. Das gilt auch für die beiden, die sich bei mir gemeldet haben. Ich habe mir ihre Gesichter so aufmerksam und so lange angesehen, daß ich jeden Zug und jeden Ausdruck kenne. Manchmal sehe ich eine Ähnlichkeit, dann wieder überhaupt keine. Dennoch bin ich sicher, daß einer von ihnen mein Sohn ist. Ich spüre es, daß er – endlich nach Hause gekommen ist.«

»Aber Sie wissen nicht, welcher von beiden es ist«, sagte Susan.

»Nein«, antwortete Idabelle. »Aber einer von ihnen ist Derek, das weiß ich.«

Sie wandte sich ab und ging bedrückt zum Fenster. Der Saum ihres bodenlangen Kleides aus fließendem blaßgrünem Crêpe de Chine streifte über einen kostbaren Seidenteppich, der in ein Museum gehört hätte. Hinter ihr an der perlgrauen Wand hing ein exquisiter kleiner Mauve. Einundzwanzig Stockwerke tiefer wälzte sich der Verkehr den Lake Shore Drive von Chicago hinunter.

»Einer von ihnen muß ein Betrüger sein«, sagte Idabelle mit gepreßter Stimme.

»Ist Dixon denn sicher, daß er Ihr Sohn ist?«

»Er sagte, er glaube es. Aber seit Duane aufgetaucht ist, ist er – behauptet er es mit mehr Nachdruck.«

»Natürlich.« Zwischen den beiden Männern mußte eine heftige Rivalität bestehen. Susan sah die Situation vor sich: Zwei Männer, von denen einer mit Gewißheit ein Betrüger war – die vielleicht sogar beide Betrüger waren –, im Kampf um Idabelle Lashers Gunst und Geld. Das eröffnete schreckliche Möglichkeiten.

»Und was hat Duane Ihnen erzählt?« fragte sie.

»Das ist ja das Unglaubliche, Miss Dare. Duanes Geschichte deckt sich mit der Dixons.«

Susan starrte auf den breiten grünen Rücken, der trotz des zweifellos erstklassigen Korsetts aussah, als würde er gleich alle Nähte sprengen. »Aber doch nicht genau!« rief sie.

»Doch, ganz genau.« Idabelle drehte sich um. »Nur die Namen und die Orte sind andere. Die Frau, bei der Duane lebte, hieß Mary Miller, das Waisenhaus war in New Orleans, und er besuchte hier in Chicago die Kunstakademie, als er – genau wie Dixon – anfing, sich für seine Herkunft zu interessieren, und Nachforschungen anstellte. Auch er erinnert sich an gewisse Dinge aus seiner frühen Kindheit, an die nur Derek sich erinnern könnte.«

»Moment mal, Mrs. Lasher«, widersprach Susan, froh, sich an etwas Konkretes klammern zu können. »Jeder Hausangestellte oder alte Freund könnte diese Dinge auch wissen.«

Idabelle schüttelte den Kopf. »Sie sprechen von einer Verschwörung. Darauf wollten die Anwälte auch hinaus. Aber sie haben alles überprüft, was zu überprüfen war, Miss Dare. Ich weiß, was aus den wenigen Hausangestellten geworden ist, die wir hatten – ich meine, aus allen außer der Kinderfrau. Und wir hatten nie viele enge Freunde. Seit wir so wohlhabend geworden waren nicht mehr. Und keiner von ihnen – keine würde so etwas tun.«

»Aber es kann doch nur einer von den beiden jungen Männern Ihr Sohn Derek sein – wenn überhaupt«, entgegnete Susan verzweifelt. Sie griff wieder auf den gesunden Menschenverstand zurück und fragte: »Wie lange nach dem Tod Ihres Mannes meldete sich Dixon bei Ihnen?«

»Zehn Monate danach.«

»Und Duane?«

»Duane kam drei Monate nach Dixon.«

»Und beide leben jetzt hier bei Ihnen?«

»Ja.« Sie wies mit dem Kopf zum Ende des großen Raums. »Sie sind jetzt in der Bibliothek.«

»Zusammen?« fragte Susan.

»Ja, natürlich«, antwortete Idabelle. »Sie spielen Karten.«

»Die Anwälte haben doch sicher alle Tests machen lassen, die möglich sind?«

»Aber natürlich.«

»Sie haben keine Fingerabdrücke Ihres Sohnes?«

»Nein. Damals maß man den Fingerabdrücken noch nicht solche Bedeutung bei. Wir haben es natürlich mit Blutproben versucht. Sie haben beide die gleiche Gruppe.«

»Bestehen Ähnlichkeiten mit Ihnen oder Ihrem Mann?«

»Sie werden es beim Essen heute abend selbst sehen, Miss Dare. Sie werden mir doch helfen?«

Susan seufzte. »Ja.«

Das Gästezimmer, in das Idabelle persönlich Susan führte, war eingerichtet wie ein französisches Boudoir, mit viel Taft, indischem Atlasholz und spitzenbesetzten Kissen. Es war sehr groß und überwältigend in seiner Pracht. Goldgerahmte Spiegel warfen Susan ihr Bild zurück.

Susan war heilfroh, daß sie ihr bestes Abendkleid mitgenommen hatte, ein neues, sehr elegantes Modell, und kam sich in dem riesigen, versenkten Becken aus schwarzem Marmor, das eine Wanne zu nennen sie niemals gewagt hätte, wie eine Lebedame vor. Tja, dachte sie, mit dreißig Millionen kann man sich eben allerhand leisten.

Sie schlüpfte in das weiße Chiffonkleid und war gerade dabei, die Riemchen ihrer silbernen Sandaletten zuzumachen, als Idabelle klopfte.

»Ich habe hier Dereks Kindersachen«, sagte sie beinahe flüsternd und warf einen Blick über ihre schwammige weiße Schulter. »Kommen Sie, gehen wir ein bißchen weiter weg von der Tür.«

Sie setzten sich auf eine mit cremefarbenem Satin bezogene Chaiselongue, und Idabelle breitete zwischen ihnen die Dinge aus, die sie mitgebracht hatte.

»Sein kleiner Anzug – er sah so niedlich aus in Gelb.« Sie strich wehmütig über den Stoff. »Hier einige Bilder. Sein rosa Plüschteddy. Seine Kindergartenzeugnisse. Er ging so gern in den Kindergarten, Miss Dare. Und hier ist der scheckige Hund.«

Susan betrachtete den abgegriffenen scheckigen Stoffhund, den Idabelle so liebevoll in ihren dicken, brillantfunkelnden Händen hielt. Eine Welle kalten Zorns gegen den Mann, der nicht Derek war, stieg plötzlich in ihr auf. Eifrig nahm sie die Fotos zur Hand.

Aber sie verrieten nicht viel. Das eine zeigte Derek im Alter von etwa zwei Jahren, ein Atelierfoto – ein rundes Kindergesicht mit unausgebildeten Zügen. Zwei, drei weitere Fotos eines kleinen Jungen beim Spiel.

»Hat sonst noch jemand diese Dinge gesehen?«

»Sie meinen, Dixon oder Duane? Nein, Miss Dare.«

»Ich meine auch Hausangestellte oder Freunde.«

Idabelles blaßblaue Augen blickten vage und verschwommen.

»Vor langer Zeit vielleicht«, sagte sie. »Vor vielen, vielen Jahren. Aber sie liegen schon seit Jahren im Safe in meinem Schlafzimmer. Und vorher bewahrte ich sie in einem abgeschlossenen Schrank auf.«

»Seit wann liegen sie im Safe?«

»Seit wir diese Wohnung gekauft haben. Zehn – nein, zwölf Jahre.«

»Und niemand – der Safe ist nie aufgebrochen worden?«

»Nein, Miss Dare. Dixon und Duane können unmöglich vom Inhalt des Kartons erfahren haben. Sie müssen die Sachen aus der Erinnerung kennen.«

»Und Dixon erinnert sich an den scheckigen Hund?«

»Ja.« Idabelle stand auf und ging zur Tür. Dort blieb sie stehen und drehte sich noch einmal nach Susan um. »Und Duane erinnert sich an den Teddy. Er beschrieb ihn mir ganz genau.« Damit ging sie hinaus.

Es war beinahe komisch, aber hinter der Komik verbarg sich, wie häufig, das Tragische.

Wieder allein, sah sich Susan die Fotos noch einmal aufmerksam an. Dann die Kindergartenzeugnisse, die wie gestochen geschrieben waren. Musik: Ein gutes Gehör; Gedächtnisübungen: Ausgezeichnet; Anpassungsvermögen: Sehr gut; Soziales Verhalten: Neigung zu Schüchternheit; Rhythmisches Gefühl: Schwach (empfohlen werden Klatsch- und Tanzspiele zu Hause); Betragen: Das schien nicht immer befriedigend gewesen zu sein; eine recht herbe Bemerkung besagte, daß es während des halbstündigen Mittagsschlafs immer wieder Störungen gegeben hatte und man Derek für deren Urheber hielt. Susan lächelte und begann sich für den kleinen Derek zu erwärmen. Gleich darauf entdeckte sie unter der Überschrift »Sport und Spiel« den ersten Hinweis auf ein möglicherweise charakteristisches Merkmal. »Flink und wendig«, stand in dem einen Zeugnis. »Schnelle Auffassungsgabe, aber mangelhafte Körperkoordination«, hieß es im nächsten. Und das dritte Zeugnis sagte es eindeutig: »Neigung zur Linkshändigkeit, die wir zu korrigieren bemüht sind.«

Neigung zur Linkshändigkeit. Das war eine angeborene Neigung, die sich ein Leben lang immer wieder bemerkbar zu machen pflegte. Damals allerdings hatte man sie mit allen Mitteln bekämpft und dadurch, neueren pädagogischen Erkenntnissen zufolge, alle möglichen psychischen Schäden provoziert. Aber ließ sich Linkshändigkeit jemals ganz besiegen?

Nachdem Susan die Sachen wieder in den Karton gepackt hatte, brachte sie sie Idabelle in ihr Zimmer und sah zu, wie diese ein elegantes elfenbeinfarbenes Wandpaneel öffnete, hinter dem sich ein sehr stabiler Stahlschrank verbarg, und den Karton dort einsperrte.

»Haben Sie irgend etwas Brauchbares gefunden?« fragte Idabelle.

»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Susan. »Etwas Eindeutiges scheint es leider nicht zu geben. Wissen Dixon und Duane, warum ich hier bin?«

»Nein«, antwortete Idabelle, doch nicht ganz so naiv wie gedacht. »Ich habe ihnen erzählt, daß Sie eine liebe Freundin von Christabel sind. Und daß ihre – meine – unsere Situation Sie interessiert. Wir sprechen nämlich ganz offen darüber, Miss Dare. Den beiden Jungen liegt soviel wie mir daran, daß die Wahrheit aufgedeckt wird.«

Nein, dachte Susan verwirrt, daran kann doch nur dem wahren Derek liegen. Überzeugt, daß sie beide Männer höchst unsympathisch finden würde, folgte sie Idabelle wieder zum Salon. Aber der Mann, der mit einem Cocktailglas in der Hand an der Tür zur Bibliothek stand, war viel zu alt, um einer der beiden Kandidaten sein zu können.

»Major Briggs«, stellte Idabelle vor. »Christabels Freundin, Susan Dare, Tom.« Sie wandte sich Susan zu. »Der Major ist unser engster Freund. Meinem Mann war er ein Bruder, und mir ist er es noch.«

»Aber nein, ein Bruder gewiß nicht«, korrigierte der Major galant. »Sagen wir lieber, ein Verehrer. So, das ist also Christabels Freundin.« Er stellte sein Glas ab, verbeugte sich und nahm eine Spur zu zärtlich Susans Hand.

Idabelle ging weiter ins Zimmer hinein, Susan sah zwei Männer im Smoking aufstehen, um sie zu begrüßen, und Major Briggs sagte strahlend: »Wie schön, daß Sie hier sind, mein Kind. Ich nehme an, Idabelle hat Ihnen von unseren – von unserem Problem berichtet.«

Er war etwa so groß wie Susan; weißhaarig, ziemlich aufgedunsen unter den Augen und ein kleines bißchen zu rosig. Er rückte seine goldgeränderte Brille zurecht, ließ sie dann an ihrem schwarzen Band herunterfallen und sagte: »Was meinen Sie zu der Geschichte, Miss Dare?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Susan. »Was meinen Sie!«

»Tja, schwierig, schwierig. Wenn selbst Idabelle völlig unsicher ist und nicht einmal mit Hilfe der gründlichsten – ja, der gründlichsten und genauesten Untersuchung durch bestens ausgebildete und erfahrene Fachleute die Identität des verschwundenen Erben festgestellt werden konnte, wie soll ich da etwas sagen können?« Er trank seinen Cocktail aus und bemerkte dann beiläufig: »Aber es ist Duane.«

»Was –«, sagte Susan.

»Ich sagte, Duane ist der Erbe. Selbst ein Blinder kann das sehen. Seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Ah, da kommen sie schon.«

Sie waren einander ähnlich und doch auch wieder gar nicht ähnlich. Beide waren ziemlich groß, schlank, gut gebaut. Beide hatten mittelbraunes Haar. Beide hatten graublaue Augen. Keiner von beiden sah besonders gut aus. Keiner war direkt unattraktiv. Vom Gesichtsschnitt hatten sie keine Ähnlichkeit, keiner von beiden jedoch zeichnete sich durch besonders markante Züge aus. In einem Reisepaß wären ihre Beschreibungen völlig gleichlautend gewesen. Tatsächlich waren sie einander überhaupt nicht ähnlich.

Beim Salat erhob sich Major Briggs ein wenig und wies auf ein Porträt an der Wand gegenüber. »Jeremiah Lasher«, sagte er vielsagend zu Susan und fügte hinzu: »Sehen Sie eine Ähnlichkeit, Miss Dare? Ich meine, zwischen meinem alten Freund und einem der beiden Jungen hier?«

Einer der »Jungen« – es war Dixon – fühlte sich sichtlich unwohl, doch Duane lächelte.

»Das braucht Ihnen nicht peinlich zu sein, Miss Dare«, bemerkte er freundlich. »Wir sind diese Art der Inspektion mittlerweile beide gewohnt.« Er lachte unbekümmert, und Idabelle lächelte, und Dixon fragte: »Weiß Miss Dare denn Bescheid?«

»O ja«, antwortete Idabelle und wandte sich ihm so bereitwillig und aufmerksam zu wie vorher Duane. »Wozu ein Geheimnis daraus machen?«

»Natürlich«, erwiderte Dixon ein wenig scharf. »Sie haben ganz recht.«

Den Rest des Abends jedoch wurde über das Identitätsproblem nicht wieder gesprochen. Es wäre ein ruhiger, sogar ein wenig langweiliger Abend geworden, wäre nicht die Sache mit dem Major passiert.

Sie ereignete sich unmittelbar nach dem Abendessen. Susan und Idabelle hatten sich in den Salon gesetzt, um Kaffee zu trinken, während die drei Männer im Speisezimmer zurückgeblieben waren. Es war ganz still im Salon, dennoch hörte man aus dem Speisezimmer nicht einmal die gedämpften Stimmen der Männer. Gerade darum traf der erstickte Schrei, der plötzlich aus dem Speisezimmer herüberschallte, die beiden Frauen wie ein Schlag.

Es ging alles sehr schnell. Sie hatten keine Zeit, aufzuspringen und nachzufragen, was los sei, denn schon erschien Duane an der Tür. Er war blaß, aber er lachte.

»Es war nichts«, versicherte er. »Alles in Ordnung.«

»Duane!« stieß Idabelle erschrocken hervor. »Was –«

»Regen Sie sich nicht auf«, sagte er hastig. »Es ist nichts passiert.« Er drehte den Kopf und sah zum Flur hinaus, durch den sich jetzt jemand näherte. »Hier ist er schon«, sagte er. »Gesund und wohlbehalten.«

Er wich aus, um Major Briggs zur Tür hereinzulassen. Der sah so benommen aus, so rot im Gesicht, daß beide Frauen sofort zu ihm eilten.

»Komm«, sagte Idabelle. »Komm, leg dich aufs Sofa. Lassen Sie den Kognak bringen, Duane. Leg dich hin, Tom.«

»Nein, nein, nicht nötig«, versicherte der Major mühsam.

»Es ist ja alles in Ordnung.«

Duane führte ihn dennoch zum Sofa, und jetzt erschien auch Dixon an der Tür. »Was ist denn los?« fragte er.

Der Major wedelte schwach mit beiden Händen.

»Der Major wäre beinahe aus dem Fenster gestürzt«, sagte Duane.

»Um Gottes willen!« rief Idabelle zu Tode erschrocken.

»Es ist ja nichts passiert«, meinte der Major, der immer noch sichtlich erschüttert war. »Ich bekam gerade noch den Vorhang zu fassen. Ich muß sagen, ich bin wirklich froh, daß du so stabile Vorhangstangen hast, Idabelle.«

Ihr Gesicht war leichenblaß unter der Schminke, und ihre Hände zitterten heftig. »Aber wie konnte das –?« fragte sie stockend. »Was hast du – wie ist das nur geschehen?«

»Der Zug war schuld«, erklärte der Major gereizt. »Der verflixte Zug an meinem Hals. Ich stand auf, weil ich das Fenster zumachen wollte, und – da wäre ich beinahe hinausgestürzt.«

»Aber wie hast du das nur –«, begann Idabelle wieder.

»Ich weiß selbst nicht, wie es geschehen ist«, sagte der Major. »Ich weiß nur, daß ich plötzlich –« Verblüffung breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus. »Merkwürdig«, sagte er leise. »Ich nehme an, es war der Zug. Aber es war ein Gefühl, als ob –« Er brach ab.

»Als ob was?« rief Idabelle erregt.

»Als ob mich jemand gestoßen hätte«, sagte der Major. Vielleicht war es ein Glück, daß in diesem Moment der Butler kam und für Ablenkung sorgte. Gemeinsam brachten sie den Major dazu, einen steifen Kognak zu trinken und sich dann auf dem Sofa auszustrecken. Im nachfolgenden Gespräch ergab sich, daß weder Dixon noch Duane im Speisezimmer gewesen waren, als der Zwischenfall sich ereignet hatte.

»Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit über – na ja, über die Erbschaftssteuer«, erklärte Dixon errötend. »Duane war in die Bibliothek gegangen, um im Konversationslexikon nachzuschlagen, und ich war in mein Zimmer gegangen, um die Abendzeitung zu holen, die einen Artikel zu dem Thema enthält. Der Major war also allein, als es passierte. Ich merkte überhaupt erst, daß etwas los war, als mir die Aufregung hier drinnen auffiel.«

»Ich«, sagte Duane, ohne Dixon aus den Augen zu lassen, »hörte den Major schreien und bin sofort ins Speisezimmer gelaufen.«

Spät in der Nacht, als der Major längst gegangen war und Susan sich wieder allein in der überwältigenden Pracht ihres Boudoirs befand, mußte sie immer wieder an den erschreckenden Zwischenfall denken. Vor lauter Vorsicht ließ sie ihr Fenster geschlossen, so daß sie nicht genug frische Luft bekam und schließlich schweißgebadet und im Kampf mit der seidenen Steppdecke aus einem Traum erwachte, in dem sie selbst zum Fenster hinausgestoßen werden sollte.

Es war natürlich nur ein Alptraum, vermutlich durch ihre Höhenangst ausgelöst. Doch er lieferte ihr die Anregung zu dem Vorschlag, den sie Idabelle gleich am nächsten Morgen machte.

Natürlich konnte der Zwischenfall genau das gewesen sein, was er zu sein schien – ein Unfall. Wenn es jedoch kein Unfall gewesen war, dann gab es nur zwei Möglichkeiten.

»Sie meinen im Ernst«, rief Idabelle ungläubig, als Susan mit ihr sprach, »ich soll ganz offen sagen, daß ich Duane für meinen Sohn halte? Aber Sie verstehen nicht, Miss Dare. Ich bin überhaupt nicht sicher. Ebensogut kann Dixon mein Sohn sein.«

»Ich weiß«, versetzte Susan. »Es kann ja sein, daß ich mich täusche, aber ich glaube, es würde etwas bewirken, wenn Sie erklären – ich meine, nur Major Briggs und den beiden jungen Männern –, daß sie Duane für Ihren Sohn halten und beabsichtigen, die nötigen Schritte zu seiner gesetzlichen Anerkennung zu unternehmen.«

»Aber warum denn das? Was versprechen Sie sich davon? Was soll das nützen?«

»Ich weiß nicht, ob es etwas nützen wird«, antwortete Susan müde, »aber es ist der einzige Weg, den ich im Moment sehe. Und ich bin der Meinung, Sie sollten gleich handeln.«

»Heute noch?« fragte Idabelle widerstrebend.

»Beim Mittagessen«, erwiderte Susan unerbittlich.

»Rufen Sie Major Briggs gleich an, und laden Sie ihn ein.«

»Na gut«, sagte Idabelle. »Tom wird sich auf jeden Fall freuen. Er drängt mich schon die ganze Zeit, eine Entscheidung zu fällen. Er scheint überzeugt zu sein, daß Duane der Richtige ist.«

Doch Susan, die immer präsent war und genau beobachtete, konnte nur feststellen, daß Idabelle, nachdem sie sich einmal zu handeln entschlossen hatte, dies mit Engagement tat. Ihre Herzlichkeit zu Duane, ihre Güte gegen Dixon, ihre Erleichterung darüber, diese entscheidende Frage gelöst zu haben, wirkten absolut echt. Susan war sicher, daß sie die Männer überzeugte. Duane zeigte verständlicherweise eine gewisse Siegesfreude und gab sich Dixon gegenüber hochherzig, wie er sich das ja auch leisten konnte. Dixon war blaß und schweigsam, als hätte er eine solche Entscheidung nicht erwartet und wäre sehr betroffen von ihr. Major Briggs wollte es zuerst nicht recht glauben, dann jedoch machte er kein Hehl aus seiner Freude und brachte einen Toast nach dem anderen aus.

Das Mittagessen zog sich reichlich in die Länge, und es wurde später Nachmittag, ehe der Major schließlich ging und Susan und Idabelle sich allein in der Bibliothek zusammensetzen konnten. Idabelle war gespannt und unruhig.

»War es gut so, Miss Dare?« fragte sie aufgeregt.

»Perfekt«, versicherte Susan.

»Und – wissen Sie jetzt –«

»Noch nicht«, sagte Susan. »Aber sorgen Sie dafür, daß Dixon bleibt.«

»In Ordnung«, sagte Idabelle.

Der Rest des Tages verlief ruhig und war, aus Susans Sicht, unergiebig. Ihre Bemühungen, die angeborene Linkshändigkeit des wahren Derek aufzudecken, schlugen fehl. Sowohl beim Badminton als auch beim Billardspiel zeigten beide Kandidaten beständige Rechtshändigkeit.