Beschreibung

Ein kleines Mädchen. Entführt. Tot.
Ein Familienvater. Verdächtigt. Verurteilt.
Zehn Jahre später …
Es ist Hochsommer, als die neunjährige Ulrike entführt wird – und in ihrem Gefängnis umkommt. Schnell findet sich ein Verdächtiger: Zeugen wollen Jens Brückner mit dem Mädchen gesehen haben. Bis zuletzt beteuert er seine Unschuld. Vergeblich.
Zehn Jahre später wird Brückner aus der Haft entlassen. Er hat alles verloren: Arbeit, Freunde, Familie. Kurz darauf wird der Hauptbelastungszeuge von damals ermordet. Anonyme Drohbriefe kursieren, und Brückner ist plötzlich spurlos verschwunden.
Ein Racheakt? Zu naheliegend, findet der ermittelnde Kommissar Arne Larsen. Und auch sein Vorgänger Gregor Harms, der sich noch immer die Schuld am Tod des Mädchens gibt, zweifelt inzwischen, ob er vor zehn Jahren den Richtigen hinter Gitter gebracht hat.
Als schwere Unwetter Norddeutschland heimsuchen und wieder ein Kind verschwindet, scheinen sich die Ereignisse von damals auf unheilvolle Weise zu wiederholen. Doch diesmal vermag niemand zu sagen: Wer ist Opfer und wer Täter?
Der Auftakt zur Reihe um den jungen, hochsensiblen und eigenwilligen Hauptkommissar Arne Larsen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 480


Thomas Nommensen

Ein dunkler Sommer

Kriminalroman

Rowohlt E-Book

Inhaltsübersicht

WidmungPrologAnfang April Jens BrücknerDienstag, 17. Juli, abends Der JungeMittwoch, 18. Juli, Vormittag Gregor HarmsMittwoch, 18. Juli, später Nachmittag Olaf KoogSamstag, 21. Juli, mittags Olaf KoogSamstag, 21. Juli, mittags Jens BrücknerSonntag, 22. Juli, mittags Arne LarsenSonntag, 22. Juli, früher Nachmittag Jens BrücknerSonntag, 22. Juli, früher Nachmittag Arne LarsenSonntag, 22. Juli, früher Nachmittag Der JungeSonntag, 22. Juli, Abend Gregor HarmsMontag, 23. Juli, früher Vormittag Jens BrücknerMontag, 23. Juli, früher Vormittag Gregor HarmsMontag, 23. Juli, mittags Arne LarsenMontag, 23. Juli, früher Nachmittag Gregor HarmsMontag, 23. Juli, abends Arne LarsenDienstag, 24. Juli, morgens Gregor HarmsDienstag, 24. Juli, morgens Arne LarsenDienstag, 24. Juli, mittags Gregor HarmsDienstag, 24. Juli, nachmittags Der JungeDienstag, 24. Juli, nachmittags Arne LarsenDienstag, 24. Juli, nachmittags Der MannDienstag, 24. Juli, nachmittags Arne LarsenDienstag, 24. Juli, später Nachmittag Arne LarsenMittwoch, 25. Juli, morgens Olaf KoogMittwoch, 25. Juli, morgens Arne LarsenMittwoch, 25. Juli, früher Vormittag Der MannMittwoch, 25. Juli, später Vormittag Gregor HarmsMittwoch, 25. Juli, früher Nachmittag Arne LarsenMittwoch, 25. Juli, früher Nachmittag Jens BrücknerMittwoch, 25. Juli, später Nachmittag Gregor HarmsMittwoch, 25. Juli, abends Arne LarsenDonnerstag, 26. Juli, nachts Der MannDonnerstag, 26. Juli, vormittags Arne LarsenDonnerstag, 26. Juli, früher Nachmittag Jens BrücknerDonnerstag, 26. Juli, nachmittags Arne LarsenDonnerstag, 26. Juli, nachmittags Olaf KoogDonnerstag, 26. Juli, nachmittags Arne LarsenDonnerstag, 26. Juli, früher Abend Olaf KoogDonnerstag, 26. Juli, abends Arne LarsenDonnerstag, 26. Juli, abends Olaf KoogFreitag, 27. Juli, morgens Arne LarsenFreitag, 27. Juli, morgens Olaf KoogFreitag, 27. Juli, morgens Arne LarsenFreitag, 27. Juli, morgens Arne LarsenFreitag, 27. Juli, später Vormittag Arne LarsenFreitag, 27. Juli, später Vormittag Olaf KoogFreitag, 27. Juli, abends Arne LarsenFreitag, 27. Juli, abends Olaf KoogFreitag, 27. Juli, später Abend Arne LarsenFreitag, 27. Juli, später Abend Olaf KoogFreitag, 27. Juli, später Abend Arne LarsenFreitag, 27. Juli, nachts Arne LarsenFreitag, 27. Juli, nachts Olaf KoogFreitag, 27. Juli, nachts Arne LarsenSamstag, 28. Juli, nachts Arne LarsenSamstag, 28. Juli, nachts Olaf KoogSamstag, 28. Juli, nachts Arne LarsenSamstag, 28. Juli, nachts Olaf KoogSamstag, 28. Juli, früher Morgen Arne LarsenMontag, 30. Juli, nachmittags Arne LarsenEpilogDanke
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Für Jutta

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Prolog

Das Donnergrollen klingt in den weitverzweigten Röhren der Kanalisation wie das Brüllen eines gigantischen Monsters. Sie zuckt zusammen, schlingt die Arme fest um die angewinkelten Beine und rutscht auf der dünnen Matratze nach hinten, bis sie die raue Mauer im Rücken spürt. Wenige Momente später hallt schon ein zweiter Donnerschlag durch die Gänge.

Das Gewitter muss sehr nah sein, denkt sie. Wie war das noch? Erst vor kurzem haben sie es in der Schule durchgenommen. Licht ist viel schneller als Schall, hat der Lehrer erklärt. Also muss sie auf den nächsten Blitz warten und dann die Sekunden bis zum Donner zählen.

Aber wie soll sie hier unten, in dieser Nische, einen Blitz sehen? Alles um sie herum ist doch pechschwarz.

Sie kneift die Augen zusammen, starrt angestrengt in die Dunkelheit. Doch … da hinten, kaum wahrnehmbar flackert ein schwaches Leuchten in einer der großen Röhren.

«Eins.»

Sie erschrickt. Ist dieses Raue wirklich ihre Stimme?

«Zwei.»

Dann kommt auch schon der Donner. Noch lauter, noch bedrohlicher.

Das Mädchen reißt die Arme hoch, presst die Handflächen gegen ihre Ohren. Sie stößt ein Wimmern aus, beugt sich weit vor, bis ihr Gesicht die Knie berührt. Sofort steigt ihr der scharfe Uringeruch in die Nase. Vorhin ist es ihr einfach passiert. Das Licht der kleinen Lampe, die der Mann an den Gitterstäben befestigt hatte, war immer schwächer geworden und dann vollends erloschen. Im selben Moment hörte sie in der Ecke ein Rascheln, etwas huschte über den Boden, und als sie gleich darauf eine flüchtige Bewegung an der Hand spürte, entleerte sich ihre Blase einfach. Der Urin war warm, durchnässte ihr Höschen, lief ihr über die Schenkel und auch in das helle Sommerkleid. Sie hat sich geschämt, an ihre Mutter gedacht und die Schimpfe, die sie bekommen würde, aber trotzdem haben ihr die Wärme und der Geruch eine Weile lang Trost gespendet.

Jetzt aber ist das beinahe angenehme Gefühl zu einem furchtbaren Brennen zwischen ihren Beinen geworden. Sie würde sich gerne waschen, doch die Wasserflasche, die ihr der Mann zusammen mit einer Packung Keksen vor Ewigkeiten gebracht hatte, ist längst leer. Die Zunge klebt ihr trocken am Gaumen, und in ihrer Kehle scheint ein Feuer zu brennen.

Ich komme bald wieder. Der Mann hatte ihr zugelächelt – das konnte sie erkennen, obwohl er ein Tuch vor Mund und Nase trug. Dann hatte er mit einem Ruck das Gitter der Nische zugezogen und mit einem Bügelschloss versperrt.

Wenn du ganz brav bist, kannst du nachher vielleicht schon nach Hause.

Im Gehen hatte er sich noch einmal umgedreht und ihr zugewinkt. Aber er ist nicht mehr wiedergekommen. Stunden, Tage. Wie viel Zeit ist seitdem vergangen? Sie weiß es nicht, denn irgendwann ist sie sehr müde geworden und, obwohl sie sich dagegen gewehrt hat, schließlich fest eingeschlafen.

Hat es aufgehört? Das Mädchen nimmt die Hände von den Ohren. Lauscht in die Dunkelheit. Tatsächlich, das Grollen ist jetzt schwächer, das Gewitter scheint sich zu entfernen.

Aber was ist das?

Ein neues Geräusch, oder bildet sie sich das nur ein?

Doch, da ist es wieder. Ein Fauchen, nein, eher ein Rauschen. Sie überlegt, ob sie so etwas schon einmal gehört hat. Es klingt wie starker Regen, der durch einen Rinnstein strömt. Oder wie das Plätschern des großen Brunnens daheim auf dem Marktplatz.

Das Mädchen richtet sich abrupt auf, setzt einen Fuß neben die Matratze, zieht ihn mit einem kleinen Aufschrei sofort wieder zurück. Wo kommt denn das Wasser her? Sie geht auf die Knie, tastet mit den Händen den Boden ab.

Nass, alles ganz nass.

Aber vielleicht nur auf dieser Seite?

Sie dreht sich um, und während sie über ihren Schlafplatz kriecht, spürt sie bereits, wie das Wasser über den Rand der Matratze schwappt und Hände und Knie umspült.

 

Er hört den Schrei, und er weiß, es ist sein eigener. Schlaftrunken rollt er sich seitlich aus dem Bett. Seine Fußsohlen berühren den Teppich, doch er spürt die weichen Fasern nicht. Stattdessen steht er bis zu den Knöcheln in kaltem Wasser.

Ein Traum, es ist nur ein Traum. Er weiß es, doch er kann nichts dagegen tun. Noch ist er dieses Mädchen, spürt die Angst, die es damals erlebt haben muss.

Einige Minuten werden vergehen, dann wird er Stück für Stück wieder die Kontrolle über seinen Körper erlangen. Die furchtbaren Bilder aber werden bleiben und den Tag über seine Gedanken beherrschen.

Einige Jahre lang hat er Ruhe gehabt. Während dieser Phase haben ihn die Träume häufig ganz verschont oder waren beim Aufwachen kaum mehr als eine flüchtige Erinnerung, die sich in wenigen Sekunden auflöste. An manchen Tagen gab er sich sogar der Hoffnung hin, es wäre endlich vorbei und die Last der Schuld von seinen Schultern genommen.

Mit der Erkenntnis aber, dass sich die schrecklichen Ereignisse in diesem Sommer zum zehnten Mal jähren, sind auch die Träume wieder in seinen Schlaf zurückgekehrt. Und dieses Mal sind die Bilder schlimmer, die Eindrücke intensiver, der Geruch nach Ammoniak und die Feuchtigkeit zwischen seinen Schenkeln nicht nur Teil seines Traums.

Auch wenn er es nicht ausspricht, vielleicht nicht einmal bewusst denkt, so ahnt er dennoch: Er muss etwas unternehmen, wenn er weiterleben will.

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Anfang AprilJens Brückner

Die Freiheit ist ein weiter blauer Himmel über Schleswig-Holstein, eine fahle Frühlingssonne, die in den Augen beißt, aber noch nicht wärmt, und das Taxi, das ihn an diesem Morgen mit laufendem Motor erwartet. Die Freiheit ist ein schlechtgelaunter Taxifahrer, der ihm etwas durch das halb geöffnete Fenster zuruft, mit einem Mechanismus den Kofferraum öffnet, aber nicht aussteigt. Und die Freiheit ist das metallische Geräusch, mit dem sechs armdicke Bolzen aus ihren Kammern schnellen und das Stahltor hinter ihm verriegeln.

Jens Brückner bewegt sich langsam auf den Fond des Wagens zu. Das Koordinieren der Schritte fällt ihm schwer, seine Füße scheinen am Boden zu kleben. Als würde auf dieser Seite des Tores eine andere Schwerkraft herrschen.

An der hinteren Wagentür verharrt er kurz, betrachtet die kleine Reisetasche in seiner Hand und beschließt, sie mit auf die Rückbank zu nehmen. Mehr als die paar Dinge darin besitzt er nicht. Den Tauchsieder, das Wandregal mit den hundertmal gelesenen Comicheften und ein wenig Geschirr hat er für seinen Nachfolger in der Zelle zurückgelassen.

Er beugt sich vor, tastet nach dem Türgriff und sieht ein Gesicht über die getönte Scheibe gleiten. Sein eigenes Gesicht, das ihn ernst und trotz des freudigen Moments seltsam traurig anstarrt.

Plötzlich schießt der Impuls durch seinen Kopf: Dreh dich um, lauf zurück, schlag gegen das Tor, bis sie dich wieder reinlassen. Er richtet sich abrupt auf, seine Finger rutschen von der rauen Griffmulde, und er macht einen unbeholfenen Schritt zur Seite.

In diesem Moment flammt der erste Lichtblitz auf.

Mit einem Ruck dreht er sich um.

Er hat Angst gehabt, dass sie es diesmal nicht machen würden – nicht für ihn, den Mädchenmörder. Doch sie ziehen es durch – das komplette Ritual. An den vergitterten Fenstern der oberen Etagen. Fast der ganze Block, der zur Hofseite zeigt, macht mit. Die, die um diese Zeit arbeiten müssen, haben ein helles Handtuch ins Fenster gehängt. Die anderen benutzen Rasierspiegel, polierte Metallstücke, das Glas einer Armbanduhr – geeignet ist alles, was die Sonne reflektiert. Oft genug hat er selbst da oben gestanden und einen unten auf dem Vorplatz auf diese Weise verabschiedet. Einer der tanzenden Lichtpunkte springt auf sein Gesicht. Er reißt eine Hand hoch, um seine Augen zu schützen. Es ist, als würde er im Blitzlichtgewitter Dutzender Fotografen stehen. So wie damals, als sie ihn nach der Urteilsverkündung aus dem Gerichtssaal geführt haben.

Der Taxifahrer klopft von innen gegen die Scheibe, sieht ihn fragend an und deutet dann mit dem Kinn Richtung Taxameter.

Jens Brückner nickt und öffnet die hintere Tür. Sein Blick wandert noch einmal über die mit Maschendraht gesäumten Mauern, die Wachtürme und den ausgedehnten Gebäudekomplex aus rotem Backstein dahinter. Dann presst er die Reisetasche flach vor seinen Bauch und lässt sich auf die Rückbank fallen.

Die letzten Tage sind die schlimmsten, haben ihm alle gesagt, die das Theater schon mal mitgemacht haben, und sie haben recht behalten. Das Warten nutzt sich mit den Jahren ab, wird stumpf und schmerzlos. Doch wenn der Zeitpunkt naht, beginnst du wieder die Tage zu zählen und rechnest sorgfältig aus, wie häufig du den Fraß aus der Anstaltsküche noch essen musst. Die Ungeduld flammt in dir auf und brennt durch deine Nervenbahnen, als wäre sie nie erloschen.

Brückner legt den Gurt an und drückt sich tief in die Polster der Rückbank. Das Leder verströmt einen intensiven Geruch nach all den Menschen, die hier vor ihm gesessen haben – auf der Fahrt zur Arbeit, zur Hochzeit, zu einem Kinobesuch vielleicht. Er saugt die Luft ein und fühlt sich wie ein Junkie auf Entzug.

Der Taxifahrer glotzt ihn aus dem Rückspiegel an. «Ich hol ja öfter welche da ab», sagt er, ohne sich umzudrehen. «Aber die meisten wollen hier schnell weg. Also, Meister, was ist nun?»

Brückner liest die Adresse der Wohnung von einem Zettel ab. Er war dort noch nie. Wie auch? Der Sozialdienst hat sie ihm besorgt. Wiedereingliederungshilfe haben sie es genannt. Er musste etwas unterschreiben, ein Formular, er hat es nicht gelesen. Freuen Sie sich?, haben sie gefragt. Natürlich, hat er gesagt, aber er wusste nicht, worüber sie eigentlich gesprochen hatten.

Dem Taxifahrer scheint die Adresse etwas zu sagen. Er nickt zufrieden und verschwindet aus dem Rückspiegel.

Alles muss normal wirken, denkt Brückner, den Umständen entsprechend, und versucht sich zu entspannen. Vor den Scheiben rauscht eine scheinbar unbekannte Gegend vorbei.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er auch den Bus genommen. Zweimal umsteigen. Alles machbar – irgendwie. Doch Mutter hat ihm unbedingt einen Wagen schicken wollen. Wenn ich dich schon nicht abholen soll, Junge.

Im Nachhinein ist er ihr sehr dankbar. Für das Taxi und dafür, dass sie nicht doch draußen auf dem Platz auf ihn gewartet hat.

Nordermühlen. Das Haus rechts, noch vor der Ortsgrenze. Jemand hat den Briefkasten beschriftet. Es ist nicht seine Schrift, aber es ist sein Name, der auf der Klappe in der zweiten Reihe prangt. Auch auf der Klingeltafel entdeckt er ein Plastikschild, rot, weiße Prägebuchstaben, neuer, noch nicht so verblichen wie die anderen. Der Flur ist hellgrün, die Stufen sind marmoriert. In der ersten Etage steht ein Kinderwagen auf dem Absatz. Drei Türen gehen ab. Links ein buntes Keramikschild, die mittlere Tür ist nicht beschriftet, rechts klebt ein Zettel mit seinem Namen. Er schließt die Tür auf und tritt in einen kleinen Korridor. Küche, ein Bad mit Dusche, ein winziges Schlafzimmer. Gegenüber das Wohnzimmer. Eine Tapete mit großen Kreisen in verschiedenen Erdfarben. So eine hatten seine Eltern vor Jahrzehnten mal gehabt. Ob das inzwischen wieder modern ist?

Auf dem Balkon flattert rot-weißes Absperrband. An der Scheibe klebt ein Zettel:

Betreten des Balkons verboten. Einsturzgefahr.

Jens Brückner rückt einen der beiden verschiedenfarbigen Sessel vom flachen Tisch ab, wirft einen kritischen Blick auf den zerschlissenen Stoff, lässt sich dann vorsichtig in das Polster sinken.

«Hier wohne ich. Das ist meine neue Heimat», sagt er leise, wiederholt es mehrmals, brüllt es schließlich.

Von irgendwoher klopft es gegen die Wand.

«Ist ja schon gut», schreit er, senkt dann die Stimme: «Hier also.»

In der Haft hat er häufig mit sich selbst gesprochen. Anfangs leise und geflüstert, doch irgendwann ist es ihm völlig egal gewesen, ob und was die Zellennachbarn mithören konnten.

«Das ist gut», hat Dr. Philipi ihn gleich bei ihrer ersten Zusammenkunft bestärkt. «Du musst es rauslassen, Jens. Alles. Und wenn du niemanden hast, der dir sein Ohr leiht, dann musst du dir eben selbst zuhören. Ohne Zuhörer geht es häufig nicht, verstehst du? Alles hat zwei Seiten. Hell und Dunkel. Gut und Böse. Der, der spricht, und der, der zuhört. Alles gehört zusammen.»

Der Kurs war ein Experiment. Entstanden auf Grundlage eines neuen Förderprogramms der Kieler Landesregierung zur Resozialisierung von Strafgefangenen.

«Das ist keine Therapie, meine Herren.» Dr. Philipi hatte das gleich am ersten Tag deutlich gemacht. Aus diesem Grund sollten die Häftlinge ihn auch nicht mit seinem Doktortitel anreden, und die Sitzungen selbst wurden einfach nur als Kurs bezeichnet. Da die Teilnahme freiwillig war, machte Jens Brückner anfangs nur mit, weil er auf Vergünstigungen in der Haft hoffte. Doch nach einigen Monaten spürte er, dass ihm die Sitzungen mit ihrer speziellen Mischung aus Zen, Yoga, Gruppen- und Einzelgesprächen tatsächlich guttaten. Sogar einige der Zen-Weisheiten, über die alle Kursteilnehmer anfangs nur alberne Witze gerissen hatten, ergaben für ihn im Laufe der Zeit einen Sinn.

Aus dem Treppenhaus ist plötzlich ein metallisches Krachen zu hören. Brückner springt auf, steht kerzengerade und starrt auf einen Punkt mitten im Raum. Die Sekunden vergehen, aber es bleibt still. Kein Schlüssel kratzt im Schloss einer stahlverstärkten Tür. Keine Sichtklappe wird mit diesem Knirschen aufgezogen, das ihn immer an Sand zwischen den Zähnen erinnert hat. Niemand brüllt: Brückner, raustreten!

Zwei Meter zwanzig sind es vom Stuhl bis zur Zellentür.

Kaum drei Schritte.

Vorsichtig setzt er einen Fuß vor den anderen, die Hände vorgestreckt, gleich wird er mit den Fingerspitzen die raue Zellenwand berühren.

Doch da ist nichts.

Er geht langsam weiter, durch das Wohnzimmer in den Flur zur Wohnungstür, legt die Hand auf den Türdrücker.

Offen!

Ein kühler Lufthauch weht ihm entgegen, irgendwo im Treppenhaus steht sicher ein Fenster auf. Es riecht nach Kohl und scharf Gebratenem. Mittagszeit. Sein Magen knurrt. In der JVA wäre um diese Uhrzeit die Speisung schon durch gewesen.

Sein Blick wandert über den Treppenabsatz. Hat da vorhin nicht ein Kinderwagen gestanden? Sicher war das der Grund für den Lärm. Kein Grund, nervös zu werden. Er drückt die Tür wieder ins Schloss, dreht den Schlüssel um und geht zurück ins Wohnzimmer.

Vor seinem Sitzplatz tanzen Inseln aus Licht über die beige Auslegware. Brückner tritt an das Fenster, legt eine Hand flach auf die Scheibe. Die Sonne kratzt gegenüber an den noch kahlen Wipfeln des Waldrandes. Nur wenige Strahlen erreichen sein Gesicht, doch in der Wärme, die sich auf seiner Haut ausbreitet, liegt schon ein Versprechen auf den Sommer.

Im Knast befand sich seine Zelle im zweiten Stock des Hauptgebäudes. Ostseite. Trotzdem war es in dem Trakt während der Sommermonate oft unerträglich heiß. Die Wände rund um den gepflasterten Hof wirkten als Wärmespeicher und verwandelten die Zellen auf dieser Gebäudeseite in acht Quadratmeter große Backöfen. In dieser Zeit schlief er immer schlecht, wälzte sich oft die ganze Nacht hin und her, um am nächsten Tag nur noch mehr unter den Temperaturen zu leiden. Das Schlimmste aber war der Fäkaliengestank aus dem Klo in der Zellenecke. Manchmal so stark, dass er durch ein feuchtes Tuch mit ein paar Tropfen Mundwasser atmen musste, um sich nicht zu erbrechen.

Eine Katze. Plötzlich balanciert sie auf der Balkonbrüstung, bleibt direkt vor ihm stehen, streckt sich und sieht ihn unverwandt an. Er klopft gegen die Scheibe, doch das Tier dreht nur träge den Kopf zur Seite, als würde es ahnen, dass der Balkon zurzeit für Menschen gesperrt ist.

Er geht hinüber zur Balkontür, zieht am Türgriff. Nichts rührt sich. Er zieht noch einmal mit mehr Kraft. Die Tür schwingt auf, die Scheibe klirrt im Rahmen. Die Katze starrt ihn gelassen aus grünen Augen an, offenbar ist sie solche Geräusche gewohnt.

«Miez, miez.»

Er geht in die Hocke, schnipst mit den Fingern. Macht man das eigentlich so bei einer Katze? Auch eine der vielen Erinnerungen, die ihm der Knast gestohlen hat. Dabei hat er früher ständig Katzen um sich gehabt.

Svenja besaß so ein Fellmonster, als er sie gerade kennengelernt hatte. Wie hieß das Tier noch? Erna? Jedenfalls starb die apathische Perserdame, noch bevor sie bei der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung zu einem Problem werden konnte.

Und Mutter verpflegte – bis sie merkte, dass Tierhaare ihr Asthma verschlimmern – gleich eine ganze Armee von Mäusefängern auf ihrem Grundstück in der Laubenkolonie. In die Tür des Geräteschuppens hat er sogar eine Katzenklappe einbauen müssen. Damit die Tiere auch im Winter eine Zuflucht haben, Jens.

Ja, Mutter und ihr großes Herz.

Einmal im Monat hat sie ihn in der JVA besucht. Sein einziger Kontakt nach draußen. Svenja hat sich nicht einmal um eine Besuchserlaubnis bemüht.

Mein armer Junge, wie hältst du das hier nur aus. Mutters Standardbegrüßung. Anschließend haben sie eine halbe Stunde lang an einem der kleinen, am Boden verschraubten Tische gesessen, und Mutter hat erzählt. Von den Erdbeeren, die dieses Jahr nicht so recht wollten, von den Nachbarn, die das neue Auto nicht gekauft, sondern geleast haben, und vom Wetter, das immer irgendwie unpassend war. Wenn er versuchte, das Gespräch auf den Grund seiner Haftstrafe zu lenken, wechselte sie sofort das Thema.

«Ich weiß doch, dass mein Junge unschuldig ist», flüsterte sie in solchen Momenten immer, als würde sie sich vor den anderen Besuchern im Raum für diese Aussage schämen, und legte ihre kleine Hand auf seine. Er sah das Lächeln in ihren Mundwinkeln, aber auch die Traurigkeit und den Zweifel in ihren Augen.

Er seufzt, schnipst noch einmal mit den Fingern.

«Miez, miez.»

Die Katze erhebt sich langsam, gähnt und streckt sich genüsslich, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Sie läuft ein paar Schritte auf dem Sims hin und her, wirkt unschlüssig. Plötzlich – mitten aus der Bewegung heraus – springt sie, landet lautlos auf dem grauen Betonboden des Balkons und drängt eine Sekunde später ihre zitternde Flanke gegen sein Schienbein. Durch den dünnen Stoff der Hose spürt er die Wärme, die von dem kleinen Körper ausgeht, und bekommt eine Gänsehaut.

Die getigerte Katze beginnt zu schnurren. Es klingt rau und etwas unrund. Du bist wohl aus der Übung, denkt er und spürt das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitet, wie einen Fremdkörper. Langsam lässt er seine Fingerspitzen durch das weiche Fell gleiten.

Katzen waren in der JVA natürlich nicht erlaubt, doch einige der Mithäftlinge besaßen Kanarienvögel oder hatten ein Aquarium mit Fischen auf der Zelle. Der Kontakt zu einem Tier, sich täglich zu kümmern – vielleicht hätte ihm das auch gutgetan, vielleicht sogar verhindert, dass er ständig diese unkontrollierten Wutausbrüche bekam.

Oder …

Seine Finger wandern über den Rücken der Katze, hoch zum Nacken, umschließen den schmalen Hals. Für einen Augenblick spürt er noch die tieffrequenten Vibrationen, dann hört ihr Schnurren schlagartig auf.

«Wenn sie dich nicht kaputtmachen, dann tust du es im Laufe der Zeit selbst.» Er spricht leise, seine Lippen bewegen sich kaum. «Man braucht einfach ein Ventil», fügt er hinzu, starrt für einige Sekunden schweigend auf seine zusammengekrampfte Hand, zieht sie dann ruckartig zurück. Die Katze faucht, macht einen Riesensatz zur Seite und verschwindet unter einem der Sessel.

«Ohne den Kurs und ohne Philipi wäre ich sicher verreckt.» Er erhebt sich, schüttelt das rechte Bein aus, das von der Hockhaltung noch ganz taub ist. Dann beginnt er im Zimmer auf und ab zu gehen.

«Ich selbst hätte mir nicht helfen können, verstehst du? Selbstmitleid und Rache. Das ist eine Scheiß-Gedankenspirale, aus der man nicht mehr rauskommt. Trotzdem hätte ich im zweiten Jahr den Kurs fast geschmissen.» Er wirft einen Blick hinter sich. Die Katze liegt immer noch im Schatten unter dem Sitzmöbel. In ihren Pupillen spiegelt sich das helle Viereck des Fensters, offenbar verfolgt sie jede seiner Bewegungen ganz genau.

Ja, dieses zweite Jahr ist wirklich übel gewesen, erinnert er sich. Eines Tages ist Philipi in den Gruppenraum gekommen und hat verkündet, dass man sich nun den Umständen der einzelnen Vergehen nähern wolle: «Jetzt geht’s ans Eingemachte, meine Herren.»

Brückner bemühte sich, aber er hatte das Gefühl, seine eigene Erinnerung wäre gelöscht und durch die Prozessaussagen von Zeugen, Polizisten und Gutachtern ersetzt worden. Fremde Stimmen in seinem Kopf, fremde Gedanken, präsent, als ob es seine eigenen wären. Und wenn er versuchte, tiefer in sich zu dringen, reagierte sein Körper mit Zittern, migräneartigen Kopfschmerzen und Schweißausbrüchen.

«Dein Unterbewusstsein versucht dich offenbar immer noch zu schützen und verweigert dem Bewusstsein den Zugriff auf einen Teil deiner Erinnerungen. In der Chronologie entstehen so aber Löcher, die das Gehirn irgendwie stopfen muss. Zur Not greift es dabei auch auf Versatzstücke aus zweiter oder dritter Hand zurück.» Philipi beschrieb ihm dann anschaulich den Fall eines anderen Patienten. Brückner hörte fasziniert zu und entdeckte tatsächlich zahlreiche übereinstimmende Symptome. Als Philipi ihm schließlich den Vorschlag machte, sich seinem Problem in Einzelsitzungen unter Anwendung von Hypnose zu nähern, willigte er sofort ein.

Brückner unterbricht seine Wanderung durch das Wohnzimmer und blickt sich um. Offenbar hat die Katze den Schreck inzwischen überwunden, denn sie liegt zusammengerollt auf dem Sessel. Ob sie schläft, kann er nicht erkennen, aber ihre Schwanzspitze zuckt in regelmäßigen Abständen.

Vor der Balkontür knattert das rot-weiße Absperrband. Wind ist aufgekommen, die Sonne hat sich hinter die grauen Baumwipfel gesenkt, und im Zimmer ist es empfindlich kühl geworden. Er reibt über die Gänsehaut auf seinen Unterarmen, geht zur Balkontür, zögert dann.

Was soll er mit der Katze machen?

Behalten?

Er müsste ihr Futter kaufen. Und ein Klo, so eine Kiste mit Sägespänen zumindest. Vielleicht auch etwas gegen Flöhe.

Und wenn die Wutanfälle zurückkehren?

Nein, das geht nicht.

Er hat jetzt eine andere Aufgabe. Verantwortung kann er zurzeit nicht mal für sich selbst übernehmen.

«Kusch!» Er schlägt die Handflächen gegeneinander, nähert sich dem Sessel. «Raus hier, verschwinde.»

Die Katze richtet sich im Sessel auf, sieht ihn mit einem verwunderten Ausdruck an.

Das ist ein Tier, überlegt er, es reagiert nur, denkt aber nicht über dein Verhalten nach.

«Raus!»

Diesmal klatscht er direkt neben ihrem Kopf.

Mit einem Satz ist die Katze vor der Balkontür, springt erst über das Flatterband und dann auf die Brüstung. Dort verharrt sie, dreht noch einmal den Kopf in seine Richtung.

Ein Blick wie «Wir hätten auch Freunde werden können» – aber das ist nur ein kurzer Gedankenblitz in seinem Kopf –, dann ist sie verschwunden. Offenbar auf den Nachbarbalkon gehüpft.

Auf dem Platz vor dem Haus spielen Kinder. Er hört ihr Gejohle, das Trampeln vieler Füße und das Schlittern eines Balls, der immer wieder über die asphaltierte Fläche geschossen wird.

Mit einem kräftigen Ruck schließt er die Tür, zwingt das aufgequollene Holz in den Rahmen zurück. Es wird ruhig im Zimmer. Für eine Weile bleibt er vor der Scheibe stehen und sieht dem Tag beim Wegdämmern zu.

Plötzlich wird er unruhig. Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr – nein, er hat sich nicht getäuscht. Zehn Jahre immer gleicher Tagesablauf haben sein Zeitgefühl konditioniert.

In wenigen Sekunden beginnt der Nachteinschluss. Wieder ein Tag überlebt. Bis zum Morgen kann er die Zelle nicht verlassen, aber glücklicherweise kann außer den Schließern auch niemand zu ihm. Und hier?

Er rennt in den Flur.

Die Wohnungstür ist zu. Aber das Schloss ist simpel, lässt sich leicht aufbrechen. Er muss sich gleich morgen einen zusätzlichen Riegel besorgen. Die Fenster sind glücklicherweise alle intakt und machen sogar einen halbwegs stabilen Eindruck.

Er kehrt ins Wohnzimmer zurück, setzt sich und atmet tief durch. Sein Blick fällt auf die kleine Reisetasche, die immer noch neben dem Sessel steht. Er beugt sich vor, zieht sie zu sich heran. Der Reißverschluss hakelt. Zehn Jahre ist sie in einem Lagerraum der Haftanstalt verwahrt worden, riecht streng nach Staub, Mottenpulver und einem Desinfektionsmittel.

Die Schachtel ist aus grauer Pappe. Das Yin-und-Yang-Symbol hat er selbst mit einem Kugelschreiber auf den Deckel gemalt. Vorsichtig nimmt er den zierlichen Gegenstand aus dem Behältnis, hält ihn gegen das dämmerige Licht, pustet sanft über die messingfarbene Oberfläche. Die an winzigen Ketten befestigten Waagschalen flattern in dem Luftstrom, so leicht sind sie.

Die kleine Waage stand früher auf dem Schreibtisch von Philipi. Brückner hat sie dort immer wieder bewundert, und eines Tages hat der Therapeut sie ihm schließlich in die Hand gedrückt.

«Das ist ein Symbol für den Ausgleich, Jens», hat er gesagt. «Nur wenn wir Balance in unser Leben bringen, erfahren wir inneren Frieden, sind ausgeglichen. Bei dir fehlt zum Gleichgewicht noch einiges, aber daran arbeiten wir ja.»

Tatsächlich aber zeigten die Behandlungen lange Zeit überhaupt keine Wirkung. Entspannungsübungen, Hypnose und immer wieder Gespräche, doch Brückners Unterbewusstsein verweigerte hartnäckig die Mitarbeit.

Der Durchbruch kam unerwartet. Eines Nachts – das war im Herbst seines fünften Jahres in der JVA – wachte er völlig verschwitzt auf. Der Beginn des verhängnisvollen Sommertages war im Schlaf wie ein Film vor ihm abgelaufen, und am nächsten Morgen konnte er sich sogar noch an einige Fragmente daraus erinnern.

Natürlich war es nur ein Traum, die entscheidenden Ereignisse des Nachmittags fehlten, und leider verblasste die Erinnerung auch nach wenigen Stunden wieder. Trotzdem war es für ihn ein riesengroßer Erfolg: Die lang versperrte Tür in seinem Kopf hatte sich in jener Nacht endlich einen Spaltbreit geöffnet.

Ja, und jetzt habe ich die Chance, sie ganz aufzustoßen – für alle Zeit!

Brückner greift in das Seitenfach der Reisetasche, holt Stift und Notizblock hervor. Den Block klappt er auf, legt ihn auf dem Oberschenkel ab. Dann lehnt er sich zurück und starrt an die Zimmerdecke.

Die Minuten vergehen, unten im Hof haben die Kinder ihr Spiel inzwischen eingestellt, und es ist still geworden.

Die Straßenbeleuchtung springt an und tauscht die Grautöne der Fassaden gegen ungesund wirkende Schattierungen von Gelb und Orange. Als ob er auf dieses Signal gewartet hätte, beugt Brückner sich vor und beginnt zu schreiben. Zunächst zögerlich, dann immer flüssiger, und erst als er vier Blätter gefüllt hat, hält er inne und blättert zur ersten Seite zurück.

Oskar Sartorius.

Dieser Name steht ganz oben. Zweimal dick unterstrichen. Dann folgt eine Liste der übrigen Personen, die im Prozess eine Rolle gespielt haben. Zu jedem Eintrag hat er notiert, was er über den betreffenden Menschen bereits weiß und welche Informationen er noch beschaffen muss.

Am Ende sind es leider deutlich mehr Fragen als Antworten geworden. Aber noch bleibt ihm etwas Zeit, und er wird sie nutzen, um jedes verdammte Fragezeichen auf dem Notizblock durch ein Ausrufezeichen zu ersetzen.

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Dienstag, 17. Juli, abendsDer Junge

Der Junge keucht. Er steht mit dem Rücken an eine niedrige Gartenmauer gelehnt, die noch warm von der Hitze des Tages ist, und wischt sich mit der linken Hand über die verschwitzte Stirn. Am Lederriemen, den er sich mehrmals um das Handgelenk geschlungen hat, ruckt es plötzlich heftig.

«Hör auf», ruft der Junge genervt und reißt die Leine zurück. Ein heiseres Kläffen ist die Reaktion.

Scheiß Töle, denkt der Junge, dann konzentriert er sich wieder auf seine andere Hand, den Schokoriegel darin, und versucht die Verpackung mit den Zähnen aufzureißen.

Seit dem letzten Weihnachten muss er sich mit dem Köter rumschlagen. Ein winziger Mischlingsrüde mit spitzer Schnauze und kleinen, hervorquellenden Augen. Hässlicher und dümmer kann ein Hund kaum sein, findet der Junge.

Wir dachten, du würdest dich freuen.

Die Eltern hatten den Hund ausgesucht. Natürlich, so wie sie immer alles für ihn entscheiden wollen – nur zu seinem Besten. Als er sich ein Jahr vorher eine Autorennbahn gewünscht hatte, fand er unter dem Weihnachtsbaum eine Lego-Eisenbahn. Mit allem Drum und Dran. Doch von dieser Art Geschenk konnte er natürlich niemandem aus seiner Klasse etwas erzählen, schließlich war er kein Kleinkind mehr.

Und dann dieser Hund.

Jäcki heißt er, hatte Vater gesagt und stolz gelächelt. Der Junge hatte das klapperdürre Fellbündel angestarrt und kurz überlegt, ob er es nicht mit einem gezielten Fußtritt gleich im festlich geschmückten Wohnzimmer erledigen sollte. Von ganzem Herzen hatte er sich einen Hund gewünscht, aber doch einen richtigen. Wie Fritz, den Schäferhund vom alten Sartorius. Groß, kräftig, furchteinflößend. So muss ein Hund sein. Den dann richtig trainiert, scharfgemacht – und niemand würde sich mehr trauen, ihn wegen seines dicken Bauches zu hänseln.

Specki, so rufen ihn die Jungs aus seiner Klasse. Die Mädchen rufen nichts, reden nicht mal mit ihm, aber sie tuscheln miteinander und grinsen ihn dann dümmlich an.

Der Junge spuckt ein Stück Verpackung aus und beißt eine große Ecke des Schokoriegels ab. Er kaut langsam und lässt die Schokolade in seinem Mund schmelzen, bevor er sie runterschluckt. Die Hitze, die schon den ganzen Tag wütet und ihn auch jetzt am Abend bei jeder Bewegung schwitzen lässt, hat ihm die Kehle ausgetrocknet. Das klebrige Süß legt sich wie ein schützender Film über die rauen Stellen in seinem Hals.

Plötzlich schreckt der Junge auf. War das ein Schrei? Er fährt herum, versucht das Geräusch zu orten. Hinten auf dem Gelände von Sartorius, in dem Werkstatttrakt, ist noch Licht. Der Junge erkennt eine Gestalt am Fenster – oder sind es doch zwei? Er kneift die Augen zusammen, aber die Entfernung ist zu groß. Ein weiterer Schrei und gleich darauf noch einer, diesmal von einer anderen Stimme.

Jäcki beginnt wie wild zu kläffen. «Pscht, aus. Halt die Schnauze, Hund», flüstert der Junge, der vermeidet, den Hund bei seinem Namen zu rufen, meist nennt er ihn einfach Hund, Töle oder Köter. Er beugt sich zu dem struppigen Tier runter und hebt drohend die Hand. Der Hund knurrt und zeigt seine kleinen, spitzen Zähne. Der Junge greift in das Halsband, will den Hund dichter zu sich ziehen, dabei entdeckt er den frischen Kothaufen.

«Ich drehe dir den Hals um, dumme Töle», entfährt es ihm. Er hasst es abgrundtief, wenn er die stinkenden Hinterlassenschaften des Vierbeiners mit einer Plastiktüte wegmachen muss. Allein das Gefühl, diese warme, weiche Masse in seiner Handfläche zu spüren – absolut eklig, selbst mit der Folie dazwischen. Bäääh. Der dicke Junge schüttelt sich angewidert. Er greift in die Hosentasche, sucht nach der kleinen Rolle mit den Tüten, in diesem Moment hört er das Geräusch eiliger Schritte. Eine dunkle Silhouette bewegt sich rasch auf ihn zu und springt dann mit einem Satz über die Mauer von Sartorius’ Grundstück. Nur wenige Meter neben ihm.

Der Junge erstarrt, würde am liebsten auf die Größe seines Hundes schrumpfen.

Die Gestalt macht ein paar Schritte in seine Richtung, offenbar, ohne ihn zu bemerken, bleibt dann im Lichtkegel der Straßenlaterne stehen.

Eindeutig ein Mann. Der Junge hört ihn schwer atmen, sieht im fahlen Licht, wie er mit beiden Händen über sein Hemd reibt, als wolle er etwas abwischen.

Was ist das? Ist das … Blut?

In diesem Moment hebt der Mann seinen Kopf, entdeckt den Jungen und verharrt in der Bewegung.

Die Finger des Jungen verkrampfen sich um die lederne Hundeleine in seiner Hand. Sein Herz setzt für einen Schlag aus, und die Lippen, an denen noch einige Schokoladenkrümel haften, formen einen lautlosen Schrei.

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Mittwoch, 18. Juli, VormittagGregor Harms

Gregor Harms kniet in dem schmalen Beet, das die Straßenseite seines Grundstücks säumt, und bricht mit einer kleinen Hacke trockene Erdschollen auf. Unbarmherzig beißt die Sonne in Kopfhaut und Nacken. Der schützende Schatten, den das Nachbarhaus den Morgen über gespendet hat, ist längst verschwunden. Doch er hat weitergemacht: Unkraut gejätet, den Boden gelockert, frischen Kompost aufgebracht und immer wieder gewässert, obwohl er genau weiß, dass man das erst nach Sonnenuntergang machen soll.

Er wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, schließt für einen Moment die Lider. Seine Augen brennen, fühlen sich trocken an. Auch in der letzten Nacht hat er wieder viel zu wenig geschlafen. Mit Decke war es zu warm, ohne ging es gar nicht, da fehlte ihm einfach was. Als sich dann endlich die ersten Sonnenstrahlen unter den schweren Vorhängen des Schlafzimmerfensters durchzwängten, ist er sofort aufgestanden, froh, dem durchgeschwitzten Bett entkommen zu sein.

Er atmet tief ein, holt Schwung und treibt die Hacke erneut in die ausgedörrten Erdschichten. Einmal, zweimal, immer wieder – als ob die graubraunen Klumpen Feinde wären, die es zu eliminieren gilt. Der alte Mann und das Beet schießt ihm durch den Kopf, doch er lacht nur kurz in sich hinein und setzt seine Arbeit ohne Pause fort.

Plötzlich klatscht etwas auf sein Handgelenk. Ein fetter Tropfen, der eine helle Spur auf der dreckverkrusteten Haut hinterlässt. Er weiß, dass es nur sein eigener Schweiß ist, aber für einen kurzen, unsinnigen Moment stellt er sich vor, dass endlich der langersehnte Regen kommt. Kühle, erfrischende Regentropfen, die den klebrigen Staub vom Land spülen und die Menschen wieder klar denken lassen.

Er legt das Gartengerät zur Seite und blickt nach oben.

Doch da sind keine Wolken, da ist nichts, was auf einen Wetterumschwung hindeuten könnte, nur unendliches Blau. Ein satter Farbton zudem, wie frischlackiert, und mitten darauf der gleißende Lichtball der Sonne.

Wann hat Norddeutschland das letzte Mal so eine Hitzewelle erlebt?

Gregor Harms schüttelt unwillig den Kopf. Grellgelbe Kreise tanzen plötzlich vor seinen Augen, zwingen ihn, für einen Moment innezuhalten und durchzuatmen.

Du bist verrückt, denkt er. Bei dieser Hitze zu arbeiten. Wenigstens den Strohhut solltest du dir aus dem Haus holen.

Er drückt sich vom Boden hoch, geht langsam in die Hocke. In diesem Moment registriert er eine Bewegung auf der anderen Seite des Gartenzauns. Ein Mann nähert sich von der Straße und schwenkt etwas Helles, Rechteckiges über dem Kopf. «Für Sie», ruft er.

«Was ist das?» Harms erhebt sich vollends, wischt sich die Handflächen an der Arbeitshose ab. Als er das rechte Knie durchdrückt, schießt ein scharfer Schmerz durch sein Bein.

«Wofür halten Sie es denn, Herr Hauptkommissar?»

Herr Hauptkommissar? Woher kennt dieser Typ seinen Dienstrang? Harms tritt dicht an den Zaun und steht nun unmittelbar vor dem Mann. Sieht aus wie ein Student, findet er. Fachrichtung Medizin oder Jura, so etwas. Jedenfalls hat er ihn hier noch nie gesehen. Passt auch gar nicht in das Viertel.

Harms’ Gegenüber hat die Stirn in Falten gelegt und vermittelt den Eindruck, er würde angestrengt nachdenken. «Größe, Gewicht, Form …» Der Mann legt eine Pause ein, schnippt dann mit den Fingern der linken Hand und grinst. «Ich würde sagen, das ist ein Brief.»

Harms verzieht das Gesicht. «Ja, danke, das sehe ich auch. Aber was machen Sie mit einem Brief, der an mich adressiert ist?» Er deutet auf die Empfängerangaben, die in großen blauen Buchstaben auf dem Umschlag stehen. Sein Zeigefingernagel ist dreckig von der Gartenarbeit, hebt sich unschön vom hellen Papier ab. Er zieht die Hand weg und versenkt sie eilig in der Hosentasche.

«Austragen, Herr Hauptkommissar. In die Briefkästen stecken. Oder den Anwohnern persönlich übergeben, wenn die Briefe nicht …»

«Aber Sie sind doch nicht der Postbote. Sie …», unterbricht Harms den Mann, der ihm in T-Shirt und Jeans gegenübersteht, und kommt dann selbst ins Stocken. Der Mann hat ihn schon wieder mit seinem Dienstgrad angeredet. Woher …

Er wirft einen Blick auf den Umschlag.

An Hauptkommissar Gregor Harms

Sehr ungewöhnlich. Seit er bei der Polizei ausgeschieden ist, erhält er solche Schreiben nur noch selten. Lediglich die Beamtenkasse führt seinen Rang mit auf, sogar in der Anrede. Allerdings fügen sie auch grundsätzlich das Kürzel für im Ruhestand dazu. Als würde es ihnen Spaß machen, ihn ständig an seinen vorzeitigen Abgang zu erinnern.

In den Augen des Mannes auf der anderen Seite des Gartenzauns liegt Spott, als er sagt: «Ich bin die Urlaubsvertretung. Auch ein Postbote muss ja mal ausspannen dürfen.»

Harms nickt und ihm wird bewusst, dass er mit seinem regulären Briefträger zwar ab und an ein paar Worte wechselt, aber nicht einmal dessen Namen kennt.

«Zahlen Sie also Porto und Nachgebühr?» Der junge Mann schwenkt das Kuvert vor Harms’ Nase.

«Gebühr? Wieso, was ist denn mit dem Brief?» Harms betrachtet abwechselnd den Umschlag und den Aushilfsbriefträger.

Der schenkt ihm einen mitleidigen Blick. «Fällt Ihnen an der Briefmarke nichts auf?»

Harms beugt sich vor. «Das ist Bach, oder? Johann Sebastian Bach. Ich habe einige Platten …»

«Hier, das Porto. Darum geht es. Sehen Sie nicht, was da steht?», unterbricht ihn der junge Mann.

«Hundertzehn … das ist ziemlich viel für so einen kleinen Brief.»

«Wenn es Cent wären – ja. Es sind aber Pfennige. Hundertzehn Pfennige. Eine Deutsche Mark und ein Groschen. Diese Briefmarke ist mehr als zehn Jahre alt und nicht mehr gültig.»

Harms zieht die Augenbrauen hoch. Eine Briefmarke aus der Zeit vor der Euroeinführung? Seltsam. «Darf ich?», fragt er und streckt die Hand aus.

Der Aushilfspostbote schüttelt den Kopf. «Erst müssen Sie Ersatzporto und Einziehungsgebühr zahlen.»

Harms starrt auf das Kuvert. Kein Firmenaufdruck, sicher auch kein Absender, sonst wäre der Brief direkt zurückgegangen. «Können Sie den Umschlag bitte mal hochhalten?», fragt er.

Der Mann antwortet nicht, sein Blick verrät, dass er in diesem Moment Harms’ Zurechnungsfähigkeit in Frage stellt. Dennoch hebt er den Arm.

Die Sonne steht nicht günstig, Harms muss den Kopf ein wenig drehen, aber dann sieht er den Umriss des Inhalts durchschimmern. Offenbar ist es ein einzelnes Blatt, nachlässig zusammengefaltet. So verschickt man weder Werbeschreiben noch eine Rechnung. Also eher etwas Privates.

«Danke. Was muss ich zahlen?», fragt er und zieht sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche. Er zählt dem Mann den geforderten Betrag auf den Cent genau in die Hand und greift bereits nach dem Umschlag, als er plötzlich ein seltsames Unbehagen spürt.

Er starrt auf seine Finger, der Dreck auf dem Handrücken lässt die Furchen und Falten der Haut aussehen, als seien sie mit Tusche nachgezogen. Hat seine Hand gerade gezittert?

Er ballt die Finger zu einer Faust, öffnet sie wieder. Die Hand ist völlig ruhig, auch das mulmige Gefühl ist jetzt verschwunden. Vermutlich alles eine Folge der Hitze.

Der Aushilfspostbote händigt ihm Kuvert und Quittung aus, dreht sich um und geht Richtung Nachbargrundstück. Dort lehnt ein Fahrrad am Zaun, am Lenker eine große blaue Transporttasche, aus der zahlreiche Kuverts und Zeitschriften ragen. «Nächste Woche …», sagt der Mann und schwingt sich auf den Sattel, «… ist ihr Zusteller dann wieder im Dienst.»

Harms hat das Gefühl, den Mann noch etwas fragen zu müssen, doch als ihm endlich die passenden Worte einfallen, hat der Postbote bereits das Ende der Straße erreicht und ist nur noch ein unscharfer Schemen in der flirrenden Luft.

Harms tritt vom Zaun zurück, den Umschlag hält er an einer Ecke zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Beschriftung der Briefmarke ist winzig. Geburts- und Todesjahr von Bach kann er gerade noch erkennen, aber darunter ist noch eine weitere Zahl aufgedruckt. Er hält den Brief dicht vor seine Augen.

Was steht dort?

2000. Die Marke ist also tatsächlich über zehn Jahre alt.

Doch wann wurde das Schreiben abgeschickt? Das war die Frage, die er dem Briefträger noch stellen wollte.

Der Stempel ist ein wenig verschmiert, mit etwas Mühe entziffert er, dass das Schreiben den Ort nicht verlassen hat. Eingeworfen wurde er in Nordermühlen am …

Er lässt die Hand sinken. Jetzt ist er fast ein wenig enttäuscht, prüft noch einmal das Datum. Nein, er hat sich nicht geirrt. Der Brief ist keine Nachricht aus der Vergangenheit, kein Irrläufer der Post, der einfach mal ein gutes Jahrzehnt für die Zustellung brauchte. Der Brief wurde vor zwei Tagen abgestempelt.

Ein aktuelles Schreiben mit einer uralten Marke. Wer macht denn so was? Versehen, Scherz oder etwas ganz anderes?

«Du wirst ihn wohl aufmachen müssen, Harms», sagt er im Flüsterton zu sich selbst und betrachtet das Kuvert erneut. Überall auf dem hellen Papier prangen dunkle Flecken und Fingerabdrücke. Offenbar hat er den Brief, ohne dass es ihm bewusst geworden ist, wieder und wieder in der Hand gewendet. Und dann fällt ihm noch etwas auf: Jetzt zittern seine Finger tatsächlich.

Du musst unbedingt aus der Hitze raus, denkt er. Ab in den Schatten mit dir und viel trinken.

Wenn er es recht überlegt, hat er außer dem Kaffee am frühen Morgen keine Flüssigkeit zu sich genommen. Dehydration, natürlich. Dieses seltsame Angstgefühl, das Zittern – alles Symptome, die sich damit erklären lassen. Er schiebt den Brief in die Tasche seiner Arbeitshose und bewegt sich langsam Richtung Haus.

 

Der Supermarkt ist gut klimatisiert. Gregor Harms reiht sich mit seinem Einkaufswagen in die Schlange vor der Kasse ein und ist dankbar, der Gluthitze draußen für ein paar Minuten entkommen zu sein.

Die Frau vor ihm dreht sich um. Langes gewelltes Haar. Sie lächelt. Er sieht zwei Grübchen. Asymmetrisch, aber schön, überlegt er in einem Winkel seines Kopfes, während er gleichzeitig an etwas anderes denkt.

«Hallo», sagt sie, sieht ihn weiterhin an, abwartend, schließlich wirft sie einen Blick in seinen Einkaufswagen. «Soll ich dich vorbeilassen?»

Harms grübelt: Müsste ihm das Gesicht bekannt vorkommen? Du, hat sie gesagt. Selten, dass ihn jemand duzt, nicht mal die Kollegen damals fanden das passend, obwohl es in der Abteilung üblich war.

«Danke», sagt er und manövriert seinen Wagen in den schmalen Gang zwischen den Kassen.

Der Kunde vor ihm bezahlt, Harms muss aufrücken.

Die Verkäuferin an der Kasse trägt eine Strickjacke über einem hellblauen Kittel. «Ja, bitte?», sagt sie, sieht ihn verständnislos an und deutet auf das leere Transportband.

«Ich habe wohl noch gar nicht ausgepackt.» In Gedanken schimpft er sich einen Idioten und lächelt entschuldigend, bevor er sich vorbeugt, um die Waren aus dem Einkaufswagen zu heben. Doch der Drahtkorb ist vollständig leer. Er starrt durch das Gitter hindurch auf den hellgrauen Linoleumboden.

Er kann sich nicht erinnern. Hat er die Waren schon aus dem Wagen herausgenommen, sie vielleicht bei einer anderen Kasse abgelegt? Hat er überhaupt etwas in den Wagen gelegt? Was genau wollte er eigentlich einkaufen? Mineralwasser fällt ihm ein, aber sonst? Er hat sich doch eine Liste gemacht.

«Ich … es tut mir leid.» Er blickt auf den zerknüllten Zettel in seiner Hand. Das ist nicht seine Einkaufsliste. Das ist ein Ausdruck. Zwei kurze Zeilen nur. Der Briefbogen aus dem Umschlag. Auf dem Weg zum Supermarkt hat er ihn wieder und wieder gelesen. Der Text verschwimmt vor seinen Augen.

«Ich weiß auch nicht.» Er dreht sich in einer hilflosen Geste um. Hinter ihm hat sich inzwischen eine kleine Schlange gebildet. Zwei Teenager tuscheln miteinander und werfen amüsierte Blicke in seine Richtung.

«Ich … Ich komme später wieder. Entschuldigung», sagt er wieder der Verkäuferin zugewandt, die gelangweilt die kleinen hellroten Marienkäfer auf ihren Fingernägeln betrachtet.

Vielleicht könnte ich jetzt bitte mal aus diesem Scheißtraum aufwachen, denkt er und verlässt hastig den Laden. Den Einkaufswagen lässt er mitten im Eingangsbereich stehen.

Nach der Kühle des Supermarktes trifft ihn die Hitze draußen mit voller Wucht. Er macht ein paar Schritte, setzt sich dann auf eine Bank im Schatten des Gebäudes. Gegenüber ein kleiner Spielplatz. Ein einzelnes Kind spielt in der Sandkiste.

Er fährt sich mit der Hand über die Stirn.

Warum hat dich diese Botschaft so aus dem Tritt gebracht? Diese zwei kleinen Zeilen? Wie ein Depp hast du dich in dem Laden aufgeführt, hast auf dieses Papier gestarrt und völlig in Gedanken den leeren Einkaufswagen zur Kasse geschoben. Wo ist nur deine Professionalität von früher hin, Harms? Hast du sie vielleicht zusammen mit Dienstmarke und Waffe auf dem Präsidium abgegeben?

Nach ein paar Sekunden sagt er laut: «Ja», dann fängt er an, albern zu kichern, lacht schließlich, bis ihm die Tränen über seine Wangen rollen.

«Schön, es geht dir wieder gut.» Die Unbekannte mit den Grübchen setzt sich neben ihn. «Im Laden sahst du plötzlich ganz grün aus.»

Harms blickt auf und wischt sich hastig mit dem Handrücken über die feuchten Wangen. «Das war mir wirklich sehr peinlich. Ich habe das Einkaufen vergessen. Verrückt, oder? Ich habe es einfach vergessen. Und Sie … kennen wir uns, oder habe ich auch das vergessen?» Harms sieht die Frau an, deren Gesicht freundlich, aber ernst wirkt. Ich müsste sie zum Lachen bringen, denkt er. Ihre Grübchen sieht man nur, wenn sie lacht.

«Du», sagt sie und blickt zum Spielplatz rüber.

«Du?»

«Ja, wir waren schon beim Du … Moment …»

Sie springt auf und macht ein paar Schritte in Richtung Sandkiste. «Torben, hör auf, mit dem Sand zu werfen.»

Dann setzt sie sich wieder und hat noch ein Lächeln im Gesicht, ein Lächeln, das nicht ihm gilt. «Torben. Er ist sechs, wirklich schon sehr vernünftig. Aber im Sandkasten kommt das Kleinkind immer wieder durch.»

Harms grinst unsicher, schweigt und sieht zu dem kleinen Jungen rüber. Kinder sind ihm irgendwie fremd.

«Wir sind vor einem Monat in deine Straße gezogen. Frida, ich bin Frida Matthies.»

Harms nickt, während er überlegt, ob ihm dieser Name tatsächlich etwas sagt.

«Gregor. Gregor Harms», sagt er schließlich.

«Ich weiß, Gregor. Ich habe bei dir geklingelt. Ich habe bei allen geklingelt in der Straße. Wollte mich vorstellen. Dachte, das gehört sich so. Ja, du hast mir aufgemacht, aber du … du warst ziemlich betrunken. Betrunken, aber sehr nett.»

Ihre Stimme ist warm und weich. Harms genießt den Klang der Worte, obwohl ihm nicht alle gefallen.

«Oh, peinlich. Ich weiß nicht … was habe ich gesagt? Habe ich überhaupt etwas gesagt?»

«Du hast von den Nachbarn erzählt, von den Leuten, die in der Straße wohnen, und von deinem Garten. Aber es war alles etwas … etwas durcheinander.»

Harms schaut auf seine Schuhe. «Das muss am Achten gewesen sein, oder? Samstag, der 8. Juli.»

«Ja, genau, es war das erste Wochenende nach dem Umzug. Warst du deshalb betrunken? Weil es der Achte war? Oder weil es ein Samstag war?»

Harms blickt sie kurz von der Seite an. «Ja, ja … der 8. Juli. Ich habe meinen Geburtstag gefeiert, ging wohl ein bisschen hoch her, feuchtfröhlich jedenfalls.»

Frida sieht erstaunt auf. «Du hattest eine Feier? Ich hatte gar nicht den Eindruck … Wir haben doch eine ganze Weile an deiner Haustür gestanden …»

Harms lacht kurz und trocken. «Ich war auch der einzige Gast.»

Frida schaut ihn einen Augenblick entgeistert an, dann bricht sie in schallendes Gelächter aus.

Torben kommt auf seine Mutter zugelaufen. In einer Hand trägt er einen roten Plastikeimer, der im Rhythmus seiner Schritte hin und her schleudert. «Mama, warum lachst du? Ich will mitlachen.»

Frida steht auf und klopft dem Kind Sand aus den Falten der Hose. «Der Herr Harms … Gregor hat einen Scherz gemacht. Aber du bist noch ein bisschen zu klein, um das zu verstehen.»

Frida dreht sich zu Harms um, der auch aufgestanden ist und unschlüssig vor der Bank steht. «Ich muss jetzt los, Gregor. Du hast übrigens versprochen, mir deinen Garten zu zeigen. Vor allem den Teich, vielleicht …»

«Ja, gerne, sehr gerne», sagt Harms und ärgert sich, dass es so hastig klingt.

Frida nimmt Torben an die Hand, der Harms die Zunge rausstreckt. Sie lächelt kurz.

«Herzlichen Glückwunsch übrigens», sagt sie. «Nachträglich», fügt sie hinzu, dann dreht sie sich um und geht.

Harms setzt sich wieder auf die Bank und überlegt, ob er jetzt einen zweiten Einkaufsversuch wagen kann.

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Mittwoch, 18. Juli, später NachmittagOlaf Koog

Olaf Koog lächelt, nickt ihr zu.

Sie zögert. Der Kugelschreiber verharrt einen Moment. Sie blickt von dem Papier auf, sucht seine Augen.

Er begegnet ihrem fragenden Blick mit einem erneuten, bekräftigenden Nicken. Er hat sie. Sie zappelt in seinem Netz. Er weiß genau, was jetzt zu tun ist.

«Möchten Sie noch einmal darüber schlafen?», fragt er. «Ich kann gerne wiederkommen, nächste Woche … nein, das passt leider nicht, aber in vierzehn Tagen. Wenn Sie möchten …»

«Nein, nein», murmelt sie und starrt wieder auf das Papier vor ihr. «Ich habe mich ja entschieden. Wozu noch warten? Es ist nur …»

«Ja, natürlich. Es ist viel Geld», sagt er und sieht ernst und mitfühlend dabei aus. «Sehr viel Geld. Aber die Sicherheit, Frau Kramers, dieses gute Gefühl, dass nun alles geregelt ist … Unbezahlbar ist das, glauben Sie mir, unbezahlbar.»

Frau Kramers seufzt, schaut kurz aus dem Fenster, vor dem sich bereits der Abend in die Wärme des sonnigen Nachmittags schiebt. Ihr Blick wandert zurück zu dem Papier vor ihr auf dem Wohnzimmertisch. Das blaue Emblem mit dem Firmenschriftzug verschwimmt ein wenig vor ihren Augen. Sie setzt die Mine auf die Linie, ein Schwung mit ihrer rechten Hand, blaue Tinte, ihr Name, die Unterschrift. Sie legt den Stift zur Seite. Atmet tief durch, als wenn dieser Vorgang mit schwerer körperlicher Tätigkeit verbunden wäre.

Olaf Koog nickt. Er nimmt den Vertrag vom Tisch, betrachtet den Schriftzug fast liebevoll, pustet vorsichtig über die Buchstaben. «Sie haben das Richtige getan, Frau Kramers. Sie sind eine intelligente, vorausschauende Frau.»

Er muss freundlich bleiben. Rücktrittsrecht. Daran scheitern viele seiner jungen Kollegen. Der Kunde hat unterschrieben, und dann fällt die Maske, schnell den Vertrag eingepackt und weg. Das ist schlecht. Der Kunde kommt ins Grübeln, spricht mit Freunden und Angehörigen und – zack – kündigt noch innerhalb der Frist. Provision futsch, und nicht nur das. Schließlich ist ein zufriedener Kunde ein Multiplikator, ein Garant dafür, dass er nicht Klinken putzen muss, sondern die Neukunden sich bei ihm melden.

Ein wenig Small Talk ist daher wichtig.

Ja, der Sommer kommt jetzt mit aller Macht.

Ruhig sitzen bleiben, an den angebotenen Keksen knabbern.

Sehr lecker, selbstgebacken?

Das Likörchen auf den Abschluss dankend annehmen. Natürlich, die Dame ist doch froh, mal einen Grund für einen kleinen Schwips zu haben.

Prost, auf Sie, Frau Kramers. Glückwunsch noch mal!

Das Glas kurz zum Mund führen, ohne zu trinken, abstellen hinter der Kaffeekanne. Ein zufälliger Blick auf die Armbanduhr.

Wie die Zeit vergeht, in netter Gesellschaft … Aber jetzt muss ich los, Frau Kramers, leider …

Olaf Koog steigt in seinen Wagen. Eine Bewegung an der Wohnzimmergardine. Er winkt kurz in ihre Richtung. Frau Kramers winkt zurück.

Koog startet den Motor. Hinter der nächsten Ecke schaltet er das Radio ein, wählt eine CD und reißt die Lautstärke auf. Metallica dröhnt aus den Boxen, während er durch das Wohnviertel rast. Er sucht sein Gesicht im Rückspiegel, wirft sich einen Kussmund zu.

Er hat es geschafft. Beruflich und privat. Der kleine Bungalow in Nordermühlen, das Hochzeitsgeschenk von Monikas Vater, sein Einstieg in die Versicherungsagentur nach dessen erstem Herzinfarkt. In ein, zwei Jahren wird sein Schwiegervater endgültig in den Ruhestand gehen, dann kann er das Büro alleine führen. Sybille, ihr kleiner Sonnenschein, ist viereinhalb und tanzt schon in einer Ballettgruppe. Und Monika ist wieder schwanger – fünfter Monat. Diesmal wissen sie nicht, welches Geschlecht das Kind hat.

Ein bisschen Thrill muss sein, hat er gesagt.

Monika hat ihn verständnislos angesehen.

Ist nur Spaß, hat er schnell erklärt. Dann hat er gelacht.

Monika hat auch gelacht.

Ach so, hat sie gesagt, doch er hat ihr angesehen, dass sie nichts verstanden hat.

Olaf Koog parkt den Wagen in der Einfahrt seines Grundstücks. Schwarzer BMW auf weißem Mamorkies, das sieht einfach gut aus. Auch die Nachbarn sollen etwas von seinem exquisiten Geschmack haben. Nachts kommt das gute Stück in die Garage, Versicherungsbestimmung. Da kennt er sich aus. Seine Branche.

Koog lacht trocken. Was für ein Tag, und als Finale der Vertragsabschluss mit Frau Kramers. Während er aussteigt, überschlägt er die Provision, addiert im Geist ein paar Zahlen, grinst. Das Leben meint es gut mit ihm.

Die rote Blechflagge am Briefkasten zeigt Post an. Koog wirft einen Blick zum Haus.

Komisch, Monika müsste zu Hause sein, warum hat sie die Post nicht reingeholt?

Koog klemmt sich die Akten und das Laptop unter den rechten Arm, öffnet mit der linken Hand die Klappe und angelt einen einzelnen Umschlag aus der Blechbox. Keine Briefmarke, kein Absender. Nur sein Name auf der Vorderseite, in Großbuchstaben.

Wahrscheinlich ein Klient, der in der Gegend wohnt und sich den Weg ins Versicherungsbüro sparen wollte.

Er quetscht das Kuvert zwischen die Akten unter seinem Arm und tastet nach dem Schlüsselbund in der Hosentasche. In diesem Moment öffnet sich die Haustür, Monikas Silhouette zeichnet sich ab.

«Ach, das passt gut … Ich habe keine Hand frei. Hallo!», sagt er.

«Ich habe schon gewartet.» Monikas Stimme zittert. Nur ein wenig. Aber er kann es hören, eine seiner Fähigkeiten, die den Erfolg bei den Kunden ausmachen.

«Was? Ist etwas passiert?»

«Nein, es ist nichts passiert. Das heißt doch. Da war dieser Anruf. Sybille ist rangegangen. Sie dachte … dass du anrufst, dass du vielleicht doch kommst zur Aufführung …»

«Zur Aufführung?» Er hat es vergessen. Wieder einmal vergessen. Immer diese Ballettaufführungen der Kleinen, mitten am Tag. «Ja, die Aufführung. Stimmt. Ich …»

«Ich habe ihr dann den Hörer abgenommen. Sie hat geweint, sie stand mit dem Hörer im Flur, hat nichts gesagt, aber ihr liefen die Tränen runter.»

«Was?», sagt er. «Geweint? Sybille? Wieso?»

«Komm erst mal rein. Die Nachbarn müssen nicht alles mithören.»

Olaf Koog nickt. Im Wohnzimmer legt er Akten und Laptop auf den flachen Tisch, bleibt vor der Couch stehen. «Wer war denn dran?»

Monika schüttelt den Kopf. «Ich weiß es nicht. Ich habe nur noch ein Rauschen gehört, dann war die Leitung tot. Vorher lief wohl Musik.»

«Musik?»

«Ja, Sybille sagt, sie hat schöne Musik gehört. Plötzlich war da wohl ein lautes Atmen. Nichts weiter, nur dieses Atmen. Sie hat sich erschreckt, und es kamen ein paar Tränen – du weißt ja, wie leicht das bei ihr passiert.»

Olaf Koog schüttelt nachdenklich den Kopf, geht zur Terrassentür, öffnet sie einen Spalt, atmet tief durch. «Sicher nur so ein Werbeanruf. Telefonmarketing. Ich gehe später zu ihr und sage ihr, dass sie bei solchen Anrufen einfach auflegen soll.»

«Und entschuldige dich bei ihr. Sie war enttäuscht. Olaf, bitte, du darfst nichts versprechen, was du nicht halten kannst.»

«Ja … Ja, natürlich», sagt er. Von draußen dringt das abendliche Sommerkonzert der Rasensprenger und sirrenden Sprinkler aus den Nachbargärten herein. Es ist trocken zurzeit, viel zu trocken, selbst für Mitte Juli.

Olaf Koog blickt an seiner Frau vorbei in den Garten und denkt das erste Mal seit langer Zeit wieder an jenen Sommer aus einer anderen Zeitrechnung. An jenen Sommer, der ebenfalls mit einem trockenen Juli begann und den er für immer vergessen wollte.

 

Sybille fliegt. Die Arme schleudern wie bei einem Hampelmann. Mit nackten Füßen stößt sie sich vom Grau der elastischen Bespannung des kleinen Trampolins ab. Rhythmisch auf und nieder. Ihr Kopf kommt der Zimmerdecke gefährlich nahe.

«Papa, fang mich!», ruft sie. Dann springt sie auch schon. Er schafft es kaum, die Arme auszubreiten. Sie prallt gegen seinen Brustkorb. Ein, zwei Runden dreht er sie schwungvoll durch die Luft. Sybille juchzt, dann setzt er sie vorsichtig auf den Boden.

«Hallo, Prinzessin.» Er streicht ihr eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Wangen glühen.

«Du warst nicht da», sagt sie. «Alle anderen Mädchen hatten einen Papa.»

Sie schaut ihn streng an. Was sie so streng nennt in ihrem Alter. Sie imitiert Monika, denkt er. Auch die Stimme, manchmal klingt sie bereits so ähnlich, rollt das ‹R›, derselbe Zungenschlag, nur etwas höher gestimmt.

«Ich mache es wieder gut. Am Wochenende … wir können zum See fahren. Oder etwas anderes? Was möchtest du?»

Sybille klatscht in die Hände. «See fahren», ruft sie und sieht wieder wie ein kleines Mädchen aus.

«Okay, also abgemacht, wenn sich das Wetter hält, packen wir das Boot ein, und dann ab zum Westensee.»

«Ist morgen schon Wochenende?»

Olaf Koog schüttelt den Kopf.

«Übermorgen?»

«Nein, Sybille. Samstag ist …»

«Überdrübermorgen?», fragt Sybille.

Er lacht und nickt.

Sybille klettert wieder auf das Trampolin. «Überdrübermorgen, juhu!», ruft sie und hüpft auf und ab.

Beim Verlassen des Kinderzimmers denkt Koog kurz an den Anruf und dass er mit Sybille darüber sprechen wollte. Er schließt die Tür und hat den Gedanken schon wieder vergessen.

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Samstag, 21. Juli, mittagsOlaf Koog

Sybille rennt den Hügel hinunter, über den Holzsteg zum See. Sie springt, zieht die Beine an den Körper und umschlingt sie mit den Armen. Dann trifft sie mit einem großen Platschen auf der Wasseroberfläche auf.

Olaf Koog richtet sich von dem Strandhandtuch auf, blinzelt gegen das Gelb der Sonne. Mit einer Hand schirmt er die Augen ab und sieht zum Steg hinüber. Sybille kann schwimmen, seit sie ein Baby ist. Monika hat sie zu einem dieser Kurse gebracht, die damals gerade sehr populär waren. Ihm ist es egal. Kind bleibt Kind, und deswegen schaut er in regelmäßigen Abständen, was sie treibt. Links neben dem Steg taucht Sybilles froschgrüner Badeanzug auf. Sie winkt ihm zu.

Olaf Koog streicht sich die schweißnassen Haare aus der Stirn. Sie sind erst ein paar Minuten hier, aber bereits jetzt verflucht er seine Idee, ausgerechnet am Wochenende an den Westensee zu fahren. Sengende Hitze, zu viele Menschen und keine Aussicht, einen Platz im Schatten der wenigen Büsche am Ufer zu ergattern.