Ein Earl mit Mut und Leidenschaft - Julia Quinn - E-Book

Ein Earl mit Mut und Leidenschaft E-Book

Julia Quinn

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Beschreibung

Die meisten jungen Damen wären begeistert, wenn der charmante Daniel Smythe-Smith, Earl of Winstead, ihnen den Hof machen würde. Für die schöne Gouvernante Anne kommt sein Werben jedoch äußerst ungelegen, denn sie hat sich gerade unter falschem Namen ein neues Leben aufgebaut. Um ihr Geheimnis zu wahren, weist sie ihn schweren Herzens ab. Er spürt, dass sie etwas verbirgt, und lässt sich nicht entmutigen. Unter seinen heißen Küssen schmilzt Annes Widerstand dahin. Doch plötzlich taucht ein tödlicher Feind aus ihrer Vergangenheit auf. Die Gefahr bringt sie und Daniel einander noch näher - und droht doch, sie für immer zu entzweien ...

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Ein Earl mit Mut und Leidenschaft erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2012 by Julie Cotler Pottinger Originaltitel: „A Night Like This“ erschienen bei: Avon Books, New York Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe HISTORICAL GOLDBand 266 - 2013 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg Übersetzung: Petra Lingsminat

Umschlagsmotive: ILINA SIMEONOVA / Trevillion Images

Veröffentlicht im ePub Format in 02/2021.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751505154

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, TIFFANY

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PROLOG

Winstead, du verdammter Betrüger!“

Daniel Smythe-Smith blinzelte. Er war leicht angetrunken, aber er glaubte gehört zu haben, dass ihn eben jemand beschuldigt hatte, beim Kartenspielen zu betrügen. Er hatte einen Augenblick gebraucht, um zu begreifen, dass er gemeint war, schließlich trug er den Titel Earl of Winstead erst seit knapp einem Jahr, und es kam immer noch vor, dass er nicht reagierte, wenn ihn jemand damit ansprach.

Aber nein, er war Winstead, beziehungsweise Winstead war er, und …

Er neigte den Kopf, wiegte ihn hin und her. Worum ging es gerade noch?

Ach ja. „Nein“, sagte er langsam, immer noch recht verwirrt von der ganzen Angelegenheit. Er hob eine Hand, um Widerspruch einzulegen, denn er war sich ganz sicher, dass er nicht betrogen hatte. Er musste zugeben, das war nach dieser letzten Flasche Wein das Einzige, dessen er sich noch ganz sicher war. Aber er war nicht in der Lage, sich noch weiter zu äußern. Tatsächlich war es ihm gerade noch möglich, aus dem Weg zu springen, als der Tisch krachend auf ihn zukam.

Der Tisch? Herr im Himmel, wie betrunken war er denn?

Aber der Tisch stand nun schräg, und die Karten lagen auf dem Boden, und Hugh Prentice schrie wie ein Verrückter auf ihn ein.

Hugh schien auch betrunken zu sein.

„Ich habe nicht betrogen“, sagte Daniel. Er zog die Brauen zusammen und blinzelte, als könnte er auf diese Weise den Schleier der Betrunkenheit lüften, der alles, nun ja, verschleierte. Er sah zu Marcus Holroyd hinüber, seinem besten Freund, und schüttelte den Kopf. „Ich betrüge doch nicht.“

Jeder wusste, dass er nicht betrog.

Doch Hugh war offenbar verrückt geworden, und Daniel konnte ihn nur anstarren, wie er wütete, mit den Armen um sich schlug, lauthals herumbrüllte. Irgendwie erinnerte er Daniel an einen Schimpansen. Ohne Fell.

„Was hat er bloß?“, fragte er in die Runde.

„Dieses Ass kann er unmöglich gehabt haben“, schimpfte Hugh. Er kam auf Daniel zugestürmt, einen Arm schwankend zur Anklage erhoben. „Dieses Ass hätte dort … dort …“, er wedelte vage in die Richtung, wo vor Kurzem noch der Tisch gestanden hatte. „Na, du hättest es jedenfalls nicht haben dürfen“, murrte er.

„Aber ich hatte es“, erklärte Daniel. Nicht zornig, nicht einmal abwehrend. Nur ganz nüchtern, mit einem „Was soll ich denn noch dazu sagen“-Schulterzucken.

„Das konntest du aber nicht“, schoss Hugh zurück. „Ich kenne doch meine Karten.“

Das stimmte allerdings. Hugh kannte seine Karten. Sein Verstand war in dieser Hinsicht außergewöhnlich scharf. Kopfrechnen konnte er auch. Komplizierte Rechnungen, mit Zahlen, die mehr als dreistellig waren, komplett mit Übertrag und eins gemerkt und all dem Kram, der ihnen in der Schule eingebläut worden war.

Im Nachhinein betrachtet, hätte Daniel ihn vermutlich besser nicht zu einem Spiel auffordern sollen. Aber auf Plaudereien hatte er keine Lust gehabt, und er hatte ehrlich damit gerechnet zu verlieren.

Niemand besiegte Hugh Prentice beim Kartenspielen.

Außer anscheinend er.

„Bemerkenswert“, murmelte Daniel und blickte auf die Karten hinunter. Auch wenn sie jetzt über den ganzen Boden verteilt lagen, wusste er ganz genau, was er auf der Hand gehabt hatte. Er war genauso überrascht gewesen wie die anderen, als sich seine Karten als das Siegerblatt herausstellten. „Ich habe gewonnen“, verkündete er, obwohl er das Gefühl hatte, dass er das wohl schon gesagt hatte. Er wandte sich an Marcus. „Kannst du das glauben?“

„Hörst du überhaupt zu?“, zischte Marcus. Er klatschte vor Daniels Gesicht in die Hände. „Wach auf!“

Daniels Miene wurde finster, er krauste die Nase, als es in seinen Ohren zu klingeln begann. Also wirklich, das wäre jetzt wirklich nicht nötig gewesen. „Ich bin wach“, sagte er.

„Ich will Satisfaktion“, knurrte Hugh.

Daniel betrachtete ihn verwundert. „Was?“

„Nenne deine Sekundanten.“

„Willst du mich zu einem Duell fordern?“ Denn genau danach hörte es sich an. Allerdings war er ja auch betrunken. Und sein Verdacht, dass Prentice auch nicht mehr nüchtern war, erhärtete sich.

„Daniel!“ Marcus stöhnte.

Daniel drehte sich um. „Ich glaube, er fordert mich zum Duell.“

„Daniel, halt die Klappe!“

„Pfff.“ Daniel winkte ab. Er liebte Marcus zwar wie einen Bruder, aber manchmal konnte er äußerst schwerfällig sein. „Hugh“, sagte Daniel zu dem zornbebenden Mann vor sich, „sei doch kein Trottel.“

Hugh stürzte sich auf ihn.

Daniel machte einen Satz zur Seite, aber nicht schnell genug, und im nächsten Augenblick gingen beide zu Boden. Daniel war zwar gut zehn Pfund schwerer als Hugh, doch Hugh war wütend, während Daniel nur durcheinander war, und so konnte Hugh mindestens vier Hiebe landen, ehe Daniel überhaupt zuschlagen konnte.

Und selbst der Schlag war kein Treffer, weil Marcus und ein paar andere sich zwischen die Streithähne warfen und sie voneinander trennten.

„Du bist ein verdammter Betrüger“, keuchte Hugh und versuchte sich von den beiden Männern loszureißen, die ihn festhielten.

„Und du bist ein Idiot.“

Hugh verengte seine Augen zu zwei schmalen Schlitzen. „Ich fordere Satisfaktion.“

„Vergiss es“, fuhr Daniel ihn an. An irgendeinem Punkt – möglicherweise in dem Moment, als Hugh ihm den Fausthieb ans Kinn verpasste –, hatte sich Daniels Verwirrung in glühenden Zorn verwandelt. „Jetzt verlange ich Satisfaktion.“

Marcus stöhnte wieder auf.

„Auf dem kleinen Rasen?“, fragte Hugh kühl, wobei er die versteckte Wiese im Hyde Park meinte, wo Gentlemen ihre Differenzen austrugen.

Daniel sah ihm in die Augen. „Im Morgengrauen.“

Gespanntes Schweigen breitete sich im Raum aus, jeder wartete darauf, dass die beiden wieder zur Vernunft kamen.

Aber sie kamen nicht wieder zur Vernunft. Natürlich nicht.

Hugh nickte grimmig. „Einverstanden.“

„Ach, verflucht“, ächzte Daniel, „mir dröhnt der Schädel.“

„Tatsächlich?“, entgegnete Marcus ironisch. „Woher das wohl kommen mag?“

Daniel schluckte und rieb sich das heile Auge. Das, das Hugh ihm am Vorabend nicht blau geschlagen hatte. „Ironie passt nicht zu dir.“

Marcus ignorierte ihn. „Du kannst der Sache immer noch Einhalt gebieten.“

Daniel sah sich um, schaute auf die Bäume, die die Lichtung umgaben, betrachtete das leuchtend grüne Gras, das sich ringsum erstreckte, von ihm bis zu Hugh Prentice und dem Mann neben ihm, der die Pistole untersuchte. Die Sonne war eben erst aufgegangen, und überall hing noch der Morgentau. „Dafür ist es jetzt ein wenig spät, meinst du nicht?“

„Daniel, das ist doch Unfug. Was fällt dir ein, hier mit Pistolen zu hantieren? Wahrscheinlich bist du noch betrunken von letzter Nacht.“ Besorgt sah Marcus zu Hugh hinüber. „Und er auch.“

„Er hat mich einen Betrüger genannt.“

„Das ist doch nicht wert, dafür zu sterben.“

Daniel rollte mit den Augen. „Ach, nun mach mal einen Punkt, Marcus. Er bringt mich doch nicht um.“

Wieder blickte Marcus zu Hugh hinüber. „Da wäre ich mir nicht so sicher.“

Daniel tat diese Bemerkung mit einem weiteren Augenrollen ab. „Er schießt in die Luft.“

Marcus schüttelte den Kopf und trat in die Mitte der Lichtung, um sich dort mit Hughs Sekundanten zu beraten. Daniel beobachtete, wie sie die Pistolen kontrollierten und mit dem Wundarzt sprachen.

Wer zum Kuckuck war auf die Idee verfallen, einen Wundarzt mitzubringen? Bei derartigen Veranstaltungen wurde normalerweise niemand verletzt.

Marcus kehrte mit düsterer Miene zurück und reichte Daniel die Pistole. „Bring dich nach Möglichkeit nicht damit um“, brummte er. „Oder ihn.“

„In Ordnung“, meinte Daniel gerade sorglos genug, um Marcus bis aufs Blut zu reizen. Er zielte, hob den Arm und wartete darauf, dass bis drei gezählt wurde.

Eins.

Zwei.

Dr…

„Verdammt und zugenäht, du hast mich angeschossen!“, schrie Daniel und sah Hugh voll Wut und Entsetzen an. Dann blickte er auf seine Schulter hinab, aus der nun Blut quoll. Es war nur eine Muskelwunde, aber lieber Gott, sie tat furchtbar weh. Und es hatte ihn an dem Arm erwischt, mit dem er die Pistole führte. „Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“, schrie er.

Hugh stand einfach nur wie ein Trottel da und starrte ihn an, als wäre ihm bisher nicht klar gewesen, dass eine Kugel blutige Folgen haben konnte.

„Du Idiot!“, sagte Daniel, hob erneut die Pistole, um den Schuss zu erwidern. Er zielte ein Stück daneben – dort stand ein schöner, dicker Baum, der eine Kugel vertragen konnte –, doch dann kam der Wundarzt herbeigeeilt, brabbelte dabei irgendetwas, und als Daniel sich ihm zuwandte, geriet er auf einer feuchten Stelle ins Straucheln, sein Finger schloss sich um den Abzug, und der Schuss löste sich, ohne dass Daniel es beabsichtigt hätte.

Zum Henker, tat der Rückschlag weh. Dummer …

Hugh schrie.

Daniel wurde eiskalt, und mit wachsendem Entsetzen blickte er auf die Stelle, wo Hugh eben noch gestanden hatte.

„Oh Gott.“

Marcus rannte schon hinüber, ebenso der Wundarzt. Überall war Blut, so viel, dass Daniel sehen konnte, wie es sich im Gras ausbreitete, sogar von der anderen Seite der Lichtung aus. Die Pistole glitt ihm aus der Hand, und wie in Trance tat er einen Schritt nach vorn.

Lieber Himmel, hatte er gerade einen Menschen umgebracht?

„Meine Tasche!“, schrie der Wundarzt, und Daniel machte noch einen Schritt vorwärts. Was sollte er nur tun? Helfen? Das tat Marcus schon, zusammen mit Hughs Sekundanten, und außerdem, hatte er Hugh nicht eben erschossen?

Wurde das von einem Gentleman erwartet? Einem Mann zu helfen, nachdem er ihn mit einer Kugel durchlöchert hatte?

„Halt durch, Prentice“, flehte jemand, und Daniel machte noch einen Schritt, und noch einen, bis ihm der metallische Geruch von Blut in die Nase stieg – er spürte, wie ihm die Knie weich wurden.

„Binden Sie das ganz fest“, sagte jemand.

„Er wird das Bein verlieren.“

„Besser das Bein als das Leben.“

„Wir müssen die Blutung stoppen.“

„Drücken Sie fester!“

„Nicht einschlafen, Hugh!“

„Er blutet immer noch!“

Daniel hörte zu. Er wusste nicht, wer was sagte, und es spielte auch keine Rolle. Hugh lag im Sterben, mitten auf dem Gras, und er, Daniel, war dafür verantwortlich.

Es war ein Unfall gewesen. Hugh hatte ihn getroffen. Und das Gras war nass gewesen.

Er war ausgerutscht. Lieber Gott, wussten sie überhaupt, dass er ausgerutscht war?

„Ich … ich …“ Er versuchte etwas zu sagen, aber ihm fehlten die Worte, und Marcus war ohnehin der Einzige, der ihn hörte.

„Du hältst dich besser im Hintergrund“, sagte Marcus ernst.

„Ist er …“ Daniel wollte die einzig bedeutsame Frage stellen, doch seine Kehle war wie zugeschnürt.

Und dann fiel er in Ohnmacht.

Als Daniel zu sich kam, lag er in Marcus’ Bett, den schmerzenden Arm bandagiert. Marcus saß neben dem Bett auf einem Stuhl und starrte aus dem Fenster, das von der Mittagssonne hell erleuchtet war. Als er Daniel stöhnen hörte, wandte er sich zu seinem Freund um.

„Hugh?“, fragte Daniel heiser.

„Er lebt. Ich weiß allerdings nicht, ob ich da ganz auf dem Laufenden bin.“

Daniel schloss die Augen. „Was habe ich getan?“, flüsterte er.

„Sein Bein ist völlig hinüber“, sagte Marcus. „Du hast eine Arterie getroffen.“

„Das wollte ich doch nicht.“ Es klang erbärmlich, doch es entsprach der Wahrheit.

„Ich weiß.“ Marcus drehte sich wieder zum Fenster. „Du bist ein lausiger Schütze.“

„Ich bin ausgerutscht. Es war nass.“ Er wusste nicht, warum er das überhaupt sagte. Es spielte keine Rolle. Nicht, wenn Hugh starb.

Himmel, sie waren doch Freunde. Das war das Idiotische an der ganzen Sache. Sie waren Freunde, er und Hugh. Sie kannten sich schon seit Jahren, seit ihrem ersten Jahr in Eton.

Aber er hatte getrunken, Hugh hatte getrunken, alle hatten sie getrunken, bis auf Marcus, der nach dem ersten Glas aufgehört hatte.

„Wie geht es deinem Arm?“, erkundigte sich Marcus.

„Er tut weh.“

Marcus nickte.

„Das ist gut, dass er wehtut“, sagte Daniel und senkte den Blick.

Vermutlich nickte Marcus auch dazu.

„Weiß es meine Familie schon?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Marcus. „Wenn nicht, so werden sie es bald erfahren.“

Daniel schluckte. Was auch passierte, er war nun ein Ausgestoßener, und das würde sich auch auf seine Familie auswirken. Seine älteren Schwestern waren verheiratet, doch Honoria war eben erst in die Gesellschaft eingeführt worden. Wer würde sie jetzt noch nehmen?

Und er wollte nicht einmal darüber nachdenken, was das für seine Mutter bedeutete.

„Ich werde das Land verlassen müssen“, sagte Daniel ausdruckslos.

„Noch ist er nicht tot.“

Daniel musterte den Freund erstaunt, konnte diese schlichte Direktheit gar nicht fassen.

„Wenn er es überlebt, brauchst du das Land nicht zu verlassen“, meinte Marcus.

Das stimmte, aber Daniel konnte sich nicht vorstellen, dass Hugh durchkam. Er hatte das Blut gesehen. Er hatte die Wunde gesehen. Verdammt, er hatte sogar den Knochen gesehen, so tief war der Schuss eingedrungen.

Eine solche Verletzung überstand niemand. Wenn ihn der Blutverlust nicht umgebracht hatte, würde ihn der Wundbrand erledigen.

„Ich sollte zu ihm gehen“, entschied Daniel schließlich und richtete sich auf. Er schwang die Beine über den Bettrand und wollte gerade aufstehen, als Marcus ihn zurückhielt.

„Das ist keine gute Idee“, warnte Marcus ihn.

„Ich muss ihm sagen, dass ich es nicht absichtlich getan habe.“

Marcus zog die Augenbrauen hoch. „Ich glaube nicht, dass das noch eine Rolle spielt.“

„Für mich schon.“

„Gut möglich, dass der Friedensrichter dort ist.“

„Wenn der Friedensrichter hinter mir her wäre, wäre er hier längst aufgekreuzt.“

Marcus dachte einen Moment nach, trat schließlich zur Seite und sagte: „Da hast du recht.“ Er streckte einen Arm aus, und Daniel ergriff ihn, um sich daran festzuhalten.

„Ich habe Karten gespielt“, erklärte Daniel mit hohler Stimme, „wie es sich für einen Gentleman gehört. Und als er mich einen Betrüger nannte, habe ich ihn gefordert, ebenfalls, wie es sich für einen Gentleman gehört.“

„Geh nicht so streng mit dir ins Gericht“, sagte Marcus.

„Nein“, widersprach Daniel langsam. Er würde es zu Ende führen. Ein paar Dinge mussten einfach geklärt werden. Mit blitzenden Augen sah er Marcus an. „Ich habe danebengeschossen, wie es üblich ist unter Ehrenmännern“, rief er aufgebracht „Und ich habe mein Ziel verfehlt. Ich habe mein Ziel verfehlt und ihn getroffen, und jetzt mache ich das, was ein Mann tun muss, ich gehe zu ihm und sage ihm, dass es mir leidtut.“

„Ich begleite dich.“ Marcus straffte die Schultern. Mehr gab es nicht zu sagen.

Hugh war der zweite Sohn des Marquess of Ramsgate, und er war ins Haus seines Vaters in St. James gebracht worden. Daniel hatte schnell herausgefunden, dass er dort nicht willkommen war.

„Sie!“, donnerte Lord Ramsgate und deutete mit ausgestrecktem Arm auf Daniel, als stünde der Teufel höchstpersönlich in der Halle seines vornehmen Hauses. „Wie können Sie es wagen, sich hier blicken zu lassen?“

Daniel blieb vollkommen ruhig. Ramsgate hatte alles Recht der Welt, zornig zu sein. Er hatte Furchtbares durchlitten. Er trauerte. „Ich bin gekomm…“

„Um Ihr Beileid zu bekunden?“, unterbrach ihn Lord Ramsgate höhnisch. „Bestimmt ist Ihnen die Nachricht nicht willkommen, dass es dafür noch ein wenig früh ist.“

Daniel verspürte einen Funken Hoffnung. „Dann ist er noch am Leben?“

„Kaum.“

„Ich möchte mich gern entschuldigen“, sagte Daniel steif.

Ramsgate riss die Augen auf. „Entschuldigen? Wahrhaftig? Sie glauben, eine Entschuldigung könnte Sie vor dem Galgen bewahren, wenn mein Sohn tot ist?“

„Deswegen habe ich nicht …“

„Ich sorge dafür, dass Sie am Galgen enden! Glauben Sie bloß nicht, dass ich dazu nicht imstande bin.“

Daniel bezweifelte es keine Sekunde.

„Hugh war derjenige, der die Forderung ausgesprochen hat“, sagte Marcus ruhig.

„Mir doch egal, wer damit angefangen hat“, herrschte Ramsgate ihn an. „Mein Sohn hat sich richtig verhalten. Er hat danebengeschossen. Aber Sie …“ Er wirbelte zu Daniel herum und goss all sein Gift und seine Trauer über ihm aus. „Sie haben ihn angeschossen. Warum haben Sie das getan?“

„Es lag nicht in meiner Absicht.“

Einen Augenblick konnte Ramsgate ihn nur anstarren. „Es lag nicht in Ihrer Absicht. Das soll Ihre Entschuldigung sein?“

Daniel schwieg. Die Erklärung klang auch in seinen Ohren schwach. Aber es war die Wahrheit. Und es war schrecklich.

Er sah zu Marcus, hoffte auf irgendeinen stillen Rat, etwas, das ihm verriet, was er sagen oder tun sollte. Doch Marcus wirkte ebenfalls verloren. Vermutlich hätten sie sich noch einmal entschuldigt und wären dann gegangen, wenn nicht in diesem Augenblick der Butler eingetreten wäre mit der Nachricht, der Arzt habe soeben Hughs Krankenzimmer verlassen und wünsche, den Hausherrn zu sprechen.

„Wie geht es ihm?“, fragte Ramsgate scharf, nachdem der Arzt erschienen war.

„Er wird es überleben“, erklärte der Arzt, „vorausgesetzt, er holt sich keinen Wundbrand.“

„Und das Bein?“

„Er wird es behalten. Aber auch das nur, wenn sich die Wunde nicht entzündet. Aber ein Hinken wird wohl zurückbleiben, möglich, dass er lahm sein wird. Der Knochen ist zersplittert. Ich habe ihn gerichtet, so gut ich konnte …“ Der Arzt zuckte mit den Achseln. „Aber Wunder kann auch ich keine vollbringen.“

„Wann kann man sicher sagen, dass die Gefahr einer Entzündung vorüber ist?“, fragte Daniel. Er musste es einfach wissen.

Der Arzt blickte ihn misstrauisch an. „Wer sind Sie?“

„Der Verrückte, der meinen Sohn angeschossen hat“, zischte Ramsgate.

Der Arzt fuhr zusammen, vor Überraschung und dann noch einmal vor Schreck, als Ramsgate durch den Raum marschiert kam. Unmittelbar vor Daniel blieb der Marquess stehen. „Sie werden für das bezahlen, was Sie meinem Sohn angetan haben. Selbst wenn er es überlebt, ist er am Ende. Sein Bein ist kaputt, sein ganzes Leben ist ruiniert.“

Daniel wurde immer unwohler zumute. Ihm war klar, dass Ramsgate überfordert war, dazu hatte er auch allen Anlass. Aber seine Reaktion ging darüber weit hinaus. Der Marquess wirkte völlig außer sich, fast wie besessen.

„Wenn er stirbt“, schrie Ramsgate, „wandern Sie an den Galgen. Und wenn er nicht stirbt, wenn Sie dem Gesetz irgendwie entkommen können, werde ich Sie töten.“

Sie standen jetzt so dicht voreinander, dass Daniel die Speicheltropfen abbekam, die Ramsgate mit jedem Wort versprühte. Und als Daniel in die glitzernden grünen Augen des älteren Mannes blickte, wusste er, was es hieß, nackte Angst zu verspüren.

Lord Ramsgate würde ihn umbringen. Es war nur eine Frage der Zeit.

„Sir“, begann Daniel, denn irgendetwas musste er ja von sich geben. Er konnte dass alles nicht einfach schweigend hinnehmen. „Ich muss Ihnen sagen …“

„Nein, ich sage Ihnen etwas“, schnauzte Ramsgate ihn an. „Mir ist gleich, wer Sie sind oder welchen Titel Ihr gottverlassener Vater Ihnen vererbt hat. Sie werden sterben. Haben Sie mich verstanden?“

„Ich glaube, wir sollten aufbrechen“, mischte Marcus sich ein. Er schob einen Arm zwischen die beiden Männer und vergrößerte den Abstand zwischen ihnen. „Doktor“, sagte er und nickte dem Arzt zu, während er Daniel an ihm vorbeiführte. „Lord Ramsgate.“

„Ihre Tage sind gezählt, Winstead“, sagte Lord Ramsgate. „Beziehungsweise Ihre Stunden.“

„Mylord“, sagte Daniel noch einmal in dem Versuch, dem älteren Mann Respekt zu erweisen. Er wollte doch alles in Ordnung bringen. Er musste alles dafür tun. „Ich möchte, dass Sie wissen …“

„Sprechen Sie nicht mit mir“, unterbrach Ramsgate ihn. „Nichts, was Sie sagen, könnte Sie jetzt noch retten. Es gibt keinen Ort, an dem Sie vor mir sicher sein werden.“

„Wenn Sie ihn töten, enden Sie ebenfalls am Galgen“, gab Marcus zu bedenken. „Und wenn Hugh überlebt, wird er Sie brauchen.“

Ramsgate betrachtete Marcus, als wäre er ein Idiot. „Sie meinen, ich würde mir selbst die Hände schmutzig machen? Eine solche Aufgabe lässt sich ganz leicht übertragen. Ein Leben ist nicht viel wert.“ Er nickte zu Daniel hinüber. „Ihn töten zu lassen, wird nicht viel kosten.“

„Ich sollte langsam aufbrechen“, sagte der Arzt. Und entfloh.

„Denken Sie daran, Winstead“, meinte Lord Ramsgate und warf Daniel einen giftigen, abschätzigen Blick zu. „Sie können weglaufen, Sie können versuchen, sich zu verstecken, doch meine Männer werden Sie finden. Und da Sie sie nicht kennen, werden Sie Ihr Ende auch nicht kommen sehen.“

Diese Worte verfolgten Daniel die nächsten drei Jahre. Von England nach Frankreich, von Frankreich nach Preußen, von Preußen nach Italien. Er hörte sie im Traum, im Rauschen der Bäume und in jedem Schritt, der hinter ihm ertönte. Er gewöhnte sich daran, immer mit dem Rücken zur Wand zu stehen, niemandem zu trauen, nicht einmal den Frauen, mit denen er sich hin und wieder vergnügte. Und er akzeptierte die Tatsache, dass er nie wieder einen Fuß auf englischen Boden setzen oder seine Familie wiedersehen würde, bis zu seiner Überraschung eines Tages Hugh in einem kleinen italienischen Dorf auf ihn zugehinkt kam.

Er wusste, dass Hugh überlebt hatte. Ab und zu hatte Daniel Briefe von zu Hause erhalten. Aber er hatte nicht erwartet, ihn wiederzusehen, vor allem nicht hier, wo die Mittelmeersonne heiß auf den alten Marktplatz hinabbrannte und die Arrivedercis und Buon giornos durch die Luft hallten.

„Ich habe dich gefunden“, sagte Hugh. Er gab ihm die Hand. „Tut mir leid.“

Und dann sagte er die Worte, von denen Daniel geglaubt hatte, er würde sie nie hören:

„Du kannst jetzt nach Hause kommen. Versprochen.“

1. KAPITEL

Für eine Dame, die sich die letzten acht Jahre darum bemüht hatte, nicht aufzufallen, befand sich Anne Wynter in einer recht misslichen Lage.

In etwa einer Minute war es so weit: Sie musste auf einer behelfsmäßigen Bühne erscheinen, vor mindestens achtzig Mitgliedern der Crème de la Crème der Londoner Gesellschaft knicksen, sich ans Pianoforte setzen und spielen.

Dass sie die Bühne mit drei weiteren jungen Damen teilen sollte, war ein kleiner Trost. Die anderen Musikerinnen – Mitglieder des berüchtigten Smythe-Smith-Quartetts – spielten Saiteninstrumente, mussten dem Publikum also direkt gegenübertreten. Anne konnte sich zumindest tief über ihre elfenbeinernen Tasten beugen. Mit etwas Glück würden sich die Zuhörer so sehr in die schreckliche Musik vertiefen, dass sie die dunkelhaarige Frau gar nicht beachten würden, die in letzter Minute den Platz der Pianistin eingenommen hatte. Die Pianistin war (wie es deren Mutter jedem mitteilte, der ihr zuhörte) furchtbar – nein, höchst bedrohlich – erkrankt.

Anne glaubte keinen Augenblick, dass Lady Sarah Pleinsworth krank war, aber es gab nichts, was sie deswegen hätte tun können, nicht wenn sie ihre Stellung als Gouvernante von Lady Sarahs drei jüngeren Schwestern behalten wollte.

Lady Sarah hatte ihre Mutter jedoch überzeugen können, und diese hatte entschieden, dass die Vorstellung keinesfalls ausfallen sollte. Und nachdem sie einen erstaunlich detaillierten Abriss der siebzehnjährigen Historie der Smythe-Smith’schen musikalischen Soiree abgeliefert hatte, hatte sie erklärt, dass Anne den Platz ihrer Tochter übernehmen würde.

„Sie haben mir einmal erzählt, dass Sie Mozarts erstes Klavierkonzert bereits in Auszügen gespielt haben“, hatte Lady Pleinsworth sie erinnert.

Das bedauerte Anne nun zutiefst.

Es schien vollkommen unwichtig zu sein, dass Anne das fragliche Stück in den letzten acht Jahren kein einziges Mal mehr gespielt hatte und noch nie zur Gänze. Lady Pleinsworth war taub für jegliche Einwände gewesen, und so war Anne schließlich zu Lady Pleinsworths Schwägerin gefahren worden, wo das Konzert stattfinden sollte. Sie hatte acht Stunden zum Üben gehabt.

Es war absurd.

Der einzige Trost bestand darin, dass das übrige Quartett so miserabel spielte, dass Annes Fehler kaum auffielen, wie sie erleichtert während der Proben hatte feststellen können. Ihr erklärtes Ziel für diesen Abend lautete, nicht aufzufallen. Denn das wollte sie wirklich nicht. Auffallen. Aus einer ganzen Reihe von Gründen.

„Gleich ist es so weit“, flüsterte Daisy Smythe-Smith aufgeregt.

Anne lächelte ihr zu. Daisy war anscheinend nicht klar, dass sie lausig spielte.

„Was für eine Freude“, sagte Daisys Schwester Iris mit ausdrucksloser, matter Stimme. Sie wusste Bescheid.

„Kommt schon“, sagte Lady Honoria Smythe-Smith, ihre Cousine. „Es wird ganz wunderbar sein. Wir sind eine Familie.“

„Na, sie gehört aber nicht dazu“, meinte Daisy und nickte zu Anne hinüber.

„Heute Abend schon“, entgegnete Honoria. „Noch einmal vielen Dank, Miss Wynter. Sie sind wirklich unsere Rettung.“

Anne murmelte etwas Unverständliches, da sie sich wirklich nicht dazu durchringen konnte, den anderen zu versichern, es mache ihr keinerlei Umstände oder es sei ihr gar ein Vergnügen. Sie mochte Lady Honoria recht gern. Im Gegensatz zu Daisy war ihr durchaus bewusst, wie schlecht sie spielten, doch anders als Iris wollte sie trotzdem auftreten. Honoria beharrte darauf, dass es nur um die Familie gehe. Um die Familie und um die Tradition. Siebzehn Konzerte des Smythe-Smith-Quartetts waren bereits gegeben worden, und wenn Honoria es entscheiden könnte, würden ihnen siebzehn nachfolgen. Wie ihre Musik klang, war vollkommen nebensächlich.

Iris stöhnte lustlos.

Honoria stupste ihre Cousine mit dem Geigenbogen an. „Familie und Tradition“, mahnte sie Iris. „Darum geht es.“

Familie und Tradition. Dagegen hatte Anne nichts einzuwenden. Obwohl ihre Erfahrungen diesbezüglich alles andere als erfreulich waren.

„Kannst du etwas sehen?“, erkundigte sich Daisy bei Honoria. Sie hüpfte von einem Fuß auf den anderen, wie eine überdrehte Elster, und Anne war schon zwei Mal zurückgewichen, um ihre Zehen in Sicherheit zu bringen.

Honoria, die näher zur Bühne stand als die anderen, nickte. „Ich sehe ein paar leere Plätze, aber nicht viele.“

Iris stöhnte wieder.

„Ist es immer so?“, konnte Anne sich nicht verkneifen zu fragen.

„Wie?“ Honoria sah sie offen und freundlich an.

„Nun ja, ähm …“ Manche Dinge konnte man zu den Nichten seiner Dienstherrin einfach nicht sagen. Zum Beispiel verbreitete man sich nicht über die mangelhaften musikalischen Fähigkeiten dieser jungen Damen. Man fragte sich auch nicht laut, ob die Konzerte immer so schrecklich waren oder ob es dieses Jahr besonders übel war. Und man fragte ganz bestimmt nicht nach, warum die Leute immer noch kamen, wenn die Konzerte doch so unerträglich waren.

In diesem Augenblick kam die fünfzehnjährige Harriet Pleinsworth durch eine Seitentür gewirbelt. „Miss Wynter!“

Anne schaute sich zu ihr um, doch bevor sie etwas hätte sagen können, verkündete Harriet: „Ich bin gekommen, um für Sie umzublättern.“

„Danke, Harriet. Das ist äußerst hilfsbereit von dir.“

Harriet grinste Daisy an, die ihr darauf einen säuerlichen Blick zuwarf.

Anne wandte sich ab, damit niemand sah, wie sie die Augen verdrehte. Die zwei hatten sich nie verstanden. Daisy nahm sich viel zu ernst, und Harriet nahm überhaupt nichts ernst.

„Es ist so weit!“, rief Honoria.

Und dann gingen sie auf die Bühne und begannen nach einer kurzen Einführung zu musizieren.

Anne hingegen fing an zu beten.

Lieber Himmel, so hart hatte sie noch nie gearbeitet. Ihre Finger rasten über die Tasten, versuchten verzweifelt, mit Daisy Schritt zu halten, die Geige spielte, als gelte es, ein Wettrennen zu gewinnen.

Das ist lächerlich, lächerlich, lächerlich, intonierte Anne innerlich. Es war seltsam, aber diese Selbstgespräche waren der einzige Weg, die Sache durchzustehen. Selbst für geübte Pianisten war es ein äußerst schwieriges Stück.

Lächerlich, lächerlich … hoppla! Cis! Anne streckte den rechten kleinen Finger aus und traf die Taste gerade noch rechtzeitig. Also ungefähr zwei Herzschläge später als erforderlich.

Rasch blickte sie zum Publikum. Eine Frau in der ersten Reihe sah ganz krank aus.

Weiterspielen, weiterspielen. Ach herrje, falsche Note. Egal. Niemand würde es bemerken, nicht einmal Daisy.

Und sie machte weiter, fragte sich dabei nur halb im Spaß, ob sie einfach irgendetwas spielen sollte. Grauenhafter konnte es unmöglich werden. Daisy flog durch ihren Part, ihre Tonstärke wechselte zwischen laut und extrem laut. Honoria stapfte durch die Partitur, jede Note ein entschlossener Schritt, und Iris …

Iris machte ihre Sache tatsächlich gut. Nicht, dass diese Tatsache einen Einfluss auf den Gesamteindruck gehabt hätte.

Anne atmete tief durch, rieb sich während einer kurzen Pause im Klavierpart wärmend die Hände. Dann ging es zurück an die Tasten, und …

Umblättern, Harriet.

Umblättern, Harriet.

„Umblättern, Harriet!“, flüsterte sie.

Harriet blätterte um.

Anne schlug den ersten Akkord an und bemerkte, dass Iris und Honoria bereits zwei Takte weiter waren. Daisy war – lieber Himmel, sie hatte keine Ahnung, wo Daisy war.

Anne übersprang ein paar Takte in der Hoffnung, die anderen an der richtigen Stelle einzuholen. Schlimmstenfalls wäre sie irgendwo in der Mitte.

„Sie haben etwas ausgelassen“, flüsterte Harriet.

„Macht nichts.“

Es machte wirklich nichts.

Und dann gelangten sie endlich, endlich zu einer Passage, in der Anne drei ganze Seiten Pause hatte. Sie lehnte sich zurück, stieß die Luft aus, die sie an die zehn Minuten angehalten hatte, zumindest fühlte es sich so an, und dann …

Sah sie jemanden.

Sie erstarrte. Jemand beobachtete sie aus dem Hinterzimmer. Die Tür, durch die sie die Bühne betreten hatten – und von der Anne sich sicher war, dass sie sie geschlossen hatte –, stand nun einen winzigen Spalt offen. Und weil sie der Tür am nächsten saß und die Einzige im Quartett war, die sie nicht im Rücken hatte, konnte sie einen flüchtigen Blick auf das Gesicht des Mannes werfen, der durch den Spalt linste.

Schiere Angst stieg in ihr auf, drückte ihr die Lungen zusammen, lief ihr heiß über die Haut. Sie kannte das Gefühl. Sie hatte es glücklicherweise nicht oft, aber doch oft genug. Jedes Mal, wenn sie jemanden sah, der ihr merkwürdig vorkam …

Halt.

Sie zwang sich zum Weiteratmen. Sie war im Haus der Dowager Countess of Winstead. Sie war so sicher wie in Abrahams Schoß. Was jetzt nottat …

„Miss Wynter!“, zischte Harriet.

Anne fuhr zusammen.

„Wo sind wir jetzt?“, fragte sie hastig.

„Ich weiß nicht. Ich kann keine Noten lesen.“

Unwillkürlich blickte Anne auf. „Aber du spielst doch Geige.“

„Ich weiß“, sagte Harriet elend.

Anne überflog die Noten auf der Seite, so rasch sie konnte, ihr Blick huschte von Takt zu Takt.

„Daisy sieht uns wütend an“, wisperte Harriet.

„Psst.“ Anne musste sich konzentrieren. Sie blätterte um, versuchte die Stelle zu erraten, und begann mit einer Passage in g-Moll.

Und wechselte dann zu G-Dur. Das war besser.

Wobei besser ein äußerst relativer Begriff war.

Für den Rest der Aufführung beugte sie sich tief über die Tasten. Sie sah nicht mehr auf, blickte weder ins Publikum noch zu dem Mann, der sie vom Hinterzimmer aus beobachtete. Wie die drei Smythe-Smiths arbeitete sie sich durch die Noten, so gut sie konnte, und als sie fertig waren, stand sie auf und knickste, den Blick zu Boden gerichtet. Dann flüsterte sie Harriet zu, dass sie mal verschwinden müsse, und entfloh.

Daniel Smythe-Smith hatte nicht vorgehabt, zur alljährlichen musikalischen Soiree der Familie nach London zurückzukehren, und seine Ohren wünschten sich auch sehnlichst, er hätte es nicht getan, doch sein Herz … nun, das war eine andere Geschichte.

Es war schön, wieder zu Hause zu sein. Trotz der Katzenmusik.

Vor allem wegen der Katzenmusik. Nichts gab einem männlichen Smythe-Smith ein intensiveres Gefühl von Heimat als ein schlecht gespieltes Musikstück.

Er hatte nicht gewollt, dass ihn irgendwer vor dem Konzert zu Gesicht bekam: Er war drei Jahre weg gewesen, seine plötzliche Rückkehr hätte die musikalische Darbietung in den Schatten gestellt. Das Publikum hätte es ihm vermutlich gedankt, doch er hatte nicht die Absicht, seine Familie vor den versammelten Damen und Herren des ton zu begrüßen. Die meisten waren vermutlich ohnehin der Ansicht, er hätte im Exil bleiben sollen.

Aber er wollte seine Familie sehen. Daher war er, sobald die Musik einsetzte, leise in den Übungsraum gehuscht. Dort war er auf Zehenspitzen zur Tür gegangen und hatte sie einen Spaltbreit geöffnet.

Er schluckte gerührt. Dort saß Honoria und lächelte ihr strahlendes Lächeln, während sie ihre Geige mit dem Bogen bearbeitete. Die Ärmste hatte keine Ahnung, dass sie nicht spielen konnte. Bei seinen anderen Schwestern war es genauso. Aber er liebte sie dafür, dass sie es versuchten.

An der anderen Geige saß – lieber Himmel, war das etwa Daisy? Gehörte sie nicht noch ins Schulzimmer? Nein, inzwischen war sie wohl schon sechzehn, noch nicht in die Gesellschaft eingeführt, aber auch kein kleines Mädchen mehr.

Am Cello saß Iris und wirkte betrübt. Und am Pianoforte …

Er hielt inne. Wer zum Teufel war das am Klavier? Er sah genauer hin. Sie hatte den Kopf gesenkt, ihr Gesicht war kaum zu erkennen, aber eines war sicher – sie war nicht mit ihm verwandt.

Also, das war ihm ein Rätsel. Er wusste genau (seine Mutter hatte es ihm oft genug erzählt), dass das Smythe-Smith’sche Quartett aus unverheirateten jungen Smythe-Smith’schen Damen bestand und niemandem sonst. Die Familie war ziemlich stolz darauf, dass sie so viele musikalisch interessierte (die Worte seiner Mutter, nicht seine) Sprösslinge hervorbrachte. Sobald eine heiratete, stand schon eine andere bereit, um ihren Platz einzunehmen. Bisher war es noch nie nötig gewesen, dass jemand Familienfremdes einsprang.

Vor allem aber: Welche Familienfremde würde da einspringen wollen?

Eine seiner Cousinen musste krank geworden sein. Das war die einzige Erklärung. Er versuchte sich zu erinnern, wer am Pianoforte hätte sitzen sollen. Marigold? Nein, die war schon verheiratet. Viola? Er glaubte sich zu erinnern, einen Brief erhalten zu haben, in dem stand, dass sie ebenfalls geheiratet habe. Sarah? Es musste wohl Sarah gewesen sein.

Er schüttelte den Kopf. Er hatte wirklich wahnsinnig viele Cousinen.

Neugierig betrachtete er die Frau am Klavier. Sie strengte sich wirklich sehr an mitzukommen. Ihr Kopf nickte auf und ab, während sie auf die Noten blickte, und hin und wieder verzog sie das Gesicht. Harriet stand neben ihr und blätterte stets zur Unzeit die Seiten um.

Daniel lachte in sich hinein. Wer das arme Mädchen auch war, er hoffte, dass seine Familie sie gut bezahlte.

Und dann löste sie schließlich die Finger von den Tasten, als Daisy ihr schmerzvolles Geigensolo begann. Er sah, wie die Fremde den Atem ausstieß, sich die Hände rieb, und dann …

Sie blickte auf.

Die Zeit blieb stehen. Blieb einfach stehen. Das war zwar ein kitschiges Klischee, aber die wenigen Momente, in denen sie sich ihm zuwandte … sie dehnten sich und wurden immer länger, verdichteten sich zur Ewigkeit.

Sie war wunderschön. Aber das erklärte es noch nicht. Schönen Frauen war er schon oft begegnet. Hatte sogar mit einigen geschlafen. Aber das … Ihr … Sie …

Sogar seine Gedanken gerieten ins Stocken.

Ihr Haar war glänzend dunkel und voll, und es machte auch nichts, dass sie es in einem praktischen Knoten trug. Sie brauchte weder Lockenstab noch Samtbänder. Selbst wenn sie sich das Haar straff nach hinten gebunden oder es ganz abrasiert hätte – sie wäre immer noch das bezauberndste Geschöpf gewesen, das er je gesehen hatte.

Es war ihr Gesicht, es musste ihr Gesicht sein. Es war herzförmig und blass, und sie hatte bemerkenswert schön geschwungene Brauen. Ihre Augenfarbe konnte er in dem schummrigen Licht nicht erkennen, es war eine Tragödie. Aber ihre Lippen …

Er hoffte von Herzen, dass sie nicht verheiratet war, denn er war fest entschlossen, sie zu küssen. Es war nur noch eine Frage der Zeit.

Dann – er bemerkte es sofort – entdeckte sie ihn. Sie zuckte zusammen und erstarrte, und ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Er lächelte reuig, schüttelte den Kopf. Hielt sie ihn für verrückt, weil er sich ins Winstead House geschlichen hatte und nun heimlich dem Konzert beiwohnte?

Nun, den Eindruck musste die Situation wohl auf sie machen. Er kannte die Anzeichen von Misstrauen. Sie wusste nicht, wer er war, und während des Auftritts würde man im Hinterzimmer auch gewiss niemanden erwarten.

Das Erstaunliche war, sie schaute nicht weg, vielmehr hielt ihr Blick den seinen fest. Daniel bewegte sich nicht, atmete nicht einmal, bis der Augenblick durch seine Cousine Harriet zerstört wurde, die die dunkelhaarige Frau anstupste und ihr etwas zuflüsterte, wahrscheinlich, dass sie ihren Einsatz verpasst habe.

Danach sah die Frau nicht mehr auf.

Doch Daniel ließ sie nicht aus den Augen. Er beobachtete sie, wie sie sich durch das Stück arbeitete, beobachtete sie bei Läufen und Akkorden, bei piano und fortissimo. So versunken war er in diese Beobachtung, dass er irgendwann nicht einmal mehr die Musik hörte. In ihm spielte eine eigene Symphonie, üppig und voll, die sich auf ihren eigenen vollkommenen, unvermeidlichen Höhepunkt zubewegte.

Den sie nie erreichte. Der Bann wurde gebrochen, als das Quartett die letzten Noten in den Saal schickte, und die vier Damen sich daraufhin erhoben und vor dem Publikum knicksten. Die dunkelhaarige Schöne sagte etwas zu Harriet, die den Applaus so strahlend entgegennahm, als hätte sie selbst musiziert, und lief dann so eilig davon, dass Daniel sich nicht gewundert hätte, wenn sie auf dem Boden Spuren hinterlassen hätte.

Egal. Er würde sie schon finden.

Rasch ging er zum rückwärtigen Teil von Winstead House. Als junger Mann hatte er sich selbst oft genug davongeschlichen; er wusste genau, welchen Weg man einschlagen musste, um unbemerkt zu verschwinden. Und wie vermutet, stieß er auf sie, als sie um die letzte Ecke zum Dienstboteneingang bog. Sie sah ihn nicht gleich, sie nahm ihn erst wahr, als …

„Da sind Sie ja!“, sagte er und lächelte, als wäre sie eine lang vermisste Freundin. Wenn man jemanden aus der Reserve locken wollte, gab es nichts Besseres als ein unvermutetes Lächeln.

Vor Schreck geriet sie ins Taumeln, und ihr entfuhr ein spitzer Schrei.

„Lieber Himmel“, sagte Daniel und presste ihr die Hand auf den Mund. „Machen Sie doch nicht so einen Lärm. Am Ende hört Sie noch jemand.“

Er zog sie an sich – anders hätte er ihr den Mund nicht zuhalten können. Ihr Körper fühlte sich klein und zierlich an, und sie zitterte wie Espenlaub. Sie schien nackte Angst zu haben.

„Ich tue Ihnen nichts“, erklärte er. „Ich will nur wissen, was Sie hier machen.“ Er wartete einen Augenblick und beugte sich dann vor, um ihr Gesicht besser betrachten zu können. Ihr Blick begegnete dem seinen, dunkel und zutiefst beunruhigt.

„Also“, sagte er, „wenn ich Sie loslasse, sind Sie dann still?“

Sie nickte.

Er dachte kurz nach. „Sie lügen.“

Sie rollte mit den Augen, als wollte sie sagen: Was haben Sie denn erwartet? und er lachte. „Wer sind Sie?“, fragte er.

Und dann passierte etwas äußerst Merkwürdiges. Sie entspannte sich in seinen Armen. Jedenfalls ein bisschen. Er spürte, wie ihre Verkrampfung sich ein wenig lockerte, spürte ihren Atem, wie er über seine Finger strich.

Interessant. Sie hatte nicht befürchtet, dass er nicht wusste, wer sie war. Sie hatte befürchtet, er wisse, wer sie war.

Langsam und so bedächtig, dass ihr klar sein musste, er könnte es sich jederzeit anders überlegen, hob er die Hand von ihrem Mund. Die andere Hand ließ er allerdings an ihrer Taille liegen. Ihm war durchaus bewusst, dass das selbstsüchtig von ihm war, aber er konnte sich einfach nicht dazu durchringen, sie ganz freizugeben.

„Wer sind Sie?“, murmelte er an ihrem Ohr.

„Wer sind Sie?“, erwiderte sie.

Er lächelte. „Ich habe zuerst gefragt.“

„Ich spreche nicht mit Fremden.“

Darüber musste er wieder lachen. Er wusste, dass er sich einfach unmöglich benahm, er nötigte das arme Ding praktisch. Für Tändeleien hatte sie keinen Sinn. Liebe Güte, sie hatte im Quartett seiner Familie gespielt. Eigentlich sollte er ihr danken.

Doch ihm war so leicht zumute, beinahe schwindelig. Etwas an dieser Frau beschwingte sein Blut, und er war schon ein wenig benommen gewesen, als er Winstead House nach der wochenlangen Reise endlich erreicht hatte.

Er war zu Hause. Zu Hause. Und er hatte eine schöne Frau im Arm, von der er sich ganz sicher war, dass sie ihn nicht umbringen wollte.

Es war eine ganze Weile her, seit er dieses Gefühl zum letzten Mal auskosten konnte.

„Ich glaube …“, sagte er staunend, „ich glaube, ich muss Sie jetzt vielleicht küssen.“

Sie zuckte zurück, wirkte dabei aber nicht sonderlich verängstigt, sondern eher verwirrt. Oder auch besorgt.

Kluge Frau. Er hörte sich wirklich an wie ein Verrückter.

„Nur ein bisschen“, versicherte er ihr. „Ich muss mich nur erinnern an …“

Sie schwieg, und dann fragte sie, als könnte sie nicht anders: „Woran?“

Er lächelte. Ihre Stimme gefiel ihm. Sie klang tröstlich und rund, wie guter Brandy. Oder ein Sommertag.

„An die Tugend“, sagte er, umfasste mit einer Hand ihr Kinn. Er hielt den Atem an – er hörte, wie sie keuchte –, aber sie wehrte sich nicht. Er wartete kurz, nur einen Augenblick, denn wenn sie sich wehrte, würde er sie loslassen müssen, das war ihm klar. Doch sie tat nichts. Fest blickte sie ihn an, ebenso gebannt von diesem Augenblick wie er.

Also küsste er sie. Zögernd zuerst, fast als befürchtete er, sie könnte sich in seinen Armen auflösen. Aber es reichte nicht. Leidenschaft durchflutete ihn, und er zog die Fremde enger an sich, genoss es, ihren weichen Körper zu spüren.

Sie war zart, feingliedrig auf die Art, die in einem Mann den Wunsch weckte, Drachen zu töten. Doch sie fühlte sich wie eine Frau an, warm und üppig an genau den richtigen Stellen. Er sehnte sich danach, ihre Brüste zu berühren oder ihr perfekt gerundetes Hinterteil. Aber dazu war nicht einmal er wagemutig genug, nicht im Haus seiner Mutter.

Dennoch war er noch nicht bereit, sie gehen zu lassen. Sie duftete nach England, nach sanftem Regen und sonnenüberfluteten Wiesen. Sie war so verführerisch wie das schönste Paradies. Er wollte sie umfangen, sich tief in ihr versenken und für alle Zeiten dort verharren. Er hatte seit drei Jahren nicht mehr getrunken, aber jetzt war er betrunken, sprudelte über vor einer Lebensfreude, von der er nicht mehr gedacht hatte, dass er sie noch einmal würde empfinden können.

Es war Wahnsinn. Musste Wahnsinn sein.

„Wie heißen Sie?“, fragte er eindringlich. Er wollte es wissen. Er wollte alles über sie wissen.

Aber sie antwortete nicht. Wenn er mehr Zeit gehabt hätte, hätte er sie vielleicht überreden können, es ihm zu verraten, aber sie hörten beide, wie jemand die Hintertreppe herunterkam, die sich nicht weit von der Stelle befand, wo sie immer noch eng umschlungen standen.

Sie schüttelte den Kopf, die Augen weit aufgerissen. „So darf man mich nicht sehen“, flüsterte sie drängend.

Er ließ sie los, aber nicht, weil sie ihn darum gebeten hatte. Er hatte gesehen, wer da die Treppe herunterkam – und was sie taten –, und darüber vergaß er seine dunkelhaarige Schönheit.

Seiner Kehle entrang sich ein wütender Schrei, und dann rannte er wie ein Berserker durch den Gang davon.

2. KAPITEL

Eine Viertelstunde später stand Anne immer noch dort, wo sie sich eine Viertelstunde zuvor wiedergefunden hatte, nachdem sie durch den Gang und durch die erstbeste unverschlossene Tür gestürzt war. Bei dem Glück, das sie in letzter Zeit gehabt hatte (nämlich keines), war sie in einem finsteren, fensterlosen Vorratsraum gelandet. Eine kurze Untersuchung – Anne tastete mit den Händen wie eine Blinde durch die Dunkelheit – offenbarte ein Cello, drei Klarinetten und möglicherweise eine Posaune.

Das hatte etwas Passendes. Sie hatte den Raum gefunden, in den die Smythe-Smith’schen Musikinstrumente zum Sterben kamen. Und sie steckte hier fest, zumindest solange, bis der Wahnsinn draußen auf dem Flur vorüber war. Sie hatte keine Ahnung, was dort los war, nur dass es mit jeder Menge Geschrei einherging, ziemlich viel Gestöhne und ein paar Geräuschen, die sich erschreckend nach Faustschlägen anhörten.

Bis auf den Fußboden gab es nichts, wo sie sich hätte hinsetzen können, und so ließ sie sich auf dem kalten, blanken Holzfußboden nieder, lehnte sich an ein freies Stück Wand neben der Tür und beschloss einfach abzuwarten, bis die Rauferei vorüber war. Was auch immer da draußen los sein mochte, Anne wollte nichts damit zu tun haben, vor allem aber wollte sie nicht in der Nähe sein, wenn die anderen entdeckt wurden. Und das konnte nicht mehr lang dauern, bei dem Krach, den sie veranstalteten.

Männer. Das waren doch Idioten, allesamt.

Obwohl dort draußen auch eine Frau zu sein schien – dem Gekreische nach zu schließen. Anne glaubte, sie habe den Namen Daniel verstanden, und dann möglicherweise Marcus, in dem sie dann den Earl of Chatteris vermutete, den sie früher am Abend kennengelernt hatte. Er schien ganz verrückt nach Lady Honoria zu sein …

Wenn sie es sich recht überlegte, klang das Gekreische tatsächlich ein wenig nach Lady Honoria.

Anne schüttelte den Kopf. Das ging sie nichts an. Niemand würde es ihr verübeln, wenn sie sich heraushielt.

Jemand knallte gegen die Wand direkt hinter ihr, worauf Anne erschrocken zusammenfuhr und das Gesicht in den Händen barg. Sie würde nie wieder hier herauskommen. Jahre später würde man ihren leblosen, vertrockneten Körper hier finden, über einer Tuba liegend, während zwei Flöten ein Kreuzzeichen bildeten.

Wieder schüttelte Anne den Kopf. Sie musste wirklich damit aufhören, vor dem Schlafengehen in Harriets melodramatischen Erzählungen zu schmökern. Ihre junge Schutzbefohlene betrachtete sich als Schriftstellerin, und ihre Geschichten wurden von Tag zu Tag schauerlicher.

Schließlich verebbte der Lärm auf dem Korridor, und die Männer ließen sich an der Wand nach unten gleiten (sie konnte es spüren, direkt durch die Wand hindurch). Einer war direkt hinter ihr; ohne die Mauer würden sie nun Rücken an Rücken hocken. Anne konnte sie keuchen hören, dann hörte sie sie in der für Männer so typischen Art reden, in kurzen, knappen Sätzen. Auch wenn sie eigentlich nicht lauschen wollte, konnte sie gar nicht anders, schließlich saß sie hier fest.

Und in diesem Augenblick wurde es ihr klar.

Der Mann, der sie geküsst hatte – er war Lady Honorias großer Bruder, der Earl of Winstead! Sie hatte sogar schon einmal ein Bild von ihm gesehen, sie hätte ihn gleich erkennen müssen. Vielleicht auch nicht. Das Porträt stimmte zwar grundsätzlich – kaffeebraunes Haar und fein geschwungener Mund –, doch es gab ihn nicht richtig wieder. Er war ziemlich attraktiv, das konnte man nicht leugnen, aber weder Farbe noch Pinselstrich konnten das lässige, elegante Selbstvertrauen eines Mannes einfangen, der seinen Platz auf der Welt kannte.

Himmel, nun befand sie sich wahrhaftig in Schwierigkeiten. Sie hatte den berüchtigten Daniel Smythe-Smith geküsst! Anne wusste alles über ihn, wie jeder. Er hatte sich vor ein paar Jahren duelliert und war vom Vater seines Kontrahenten aus dem Land gejagt worden. Aber anscheinend waren sie jetzt zu einer Einigung gekommen. Lady Pleinsworth hatte erwähnt, dass der Earl endlich nach Hause zurückkehren würde, und Harriet hatte Anne all den Klatsch dazu erzählt.

In dieser Hinsicht war Harriet wirklich recht nützlich.

Doch wenn Lady Pleinsworth erfuhr, was an diesem Abend geschehen war … Nun, damit wäre Anne als Gouvernante erledigt, sowohl für die Pleinsworth-Schwestern als auch für alle anderen. Schon nach dieser Stellung hatte Anne lange suchen müssen; niemand würde sie nehmen, wenn herauskäme, dass sie mit einem Earl getändelt hatte. Keine besorgte Mama stellte eine Gouvernante von zweifelhafter Moral ein.

Und es war noch nicht einmal ihre Schuld. Diesmal konnte sie absolut nichts dafür.

Sie seufzte. Draußen war es ruhig geworden. Waren sie endlich gegangen? Sie hatte Schritte vernommen, doch war es schwer zu sagen, von wie vielen Menschen sie rührten. Sie wartete noch ein paar Augenblicke, und als sie dann sicher war, dass sie draußen nichts als Stille antreffen würde, drehte sie den Türknopf und trat vorsichtig hinaus auf den Gang.

„Da sind Sie ja!“, sagte er. Zum zweiten Mal an diesem Abend.

Bestimmt hatte sie vor Schreck einen Satz in die Höhe gemacht. Nicht weil Lord Winstead sie überrascht hatte, obwohl das auch der Fall war, sondern weil sie so erstaunt war, dass er so lang im Flur hatte bleiben können, ohne den geringsten Laut zu verursachen. Sie hatte wirklich nichts gehört.

Aber das war nicht der Grund, warum ihr der Mund offen stand.

„Sie sehen ja schrecklich aus“, sagte sie, bevor sie es sich noch hätte verkneifen können. Er war allein, saß auf dem Boden, die langen Beine in den Gang gestreckt. Anne hätte nicht gedacht, dass jemand im Sitzen torkeln konnte, aber es machte doch ganz den Anschein, dass der Earl umgefallen wäre, wenn er nicht an der Wand gelehnt hätte.

Er hob eine Hand und grüßte lässig. „Marcus sieht noch schlimmer aus.“

Sie betrachtete sein Auge, das am Rand bläulich anzulaufen begann, und sein Hemd, das voller Blutflecken war, die wer weiß woher stammten. Oder von wem. „Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

Lord Winstead stieß den Atem aus. „Er hat meine Schwester geküsst.“

Anne wartete auf mehr, doch offenbar war das für ihn Erklärung genug. „Ähm …“, sagte sie, um Zeit zu gewinnen, denn in keinem Benimmbuch fanden sich Hinweise darauf, wie man sich in einer solchen Lage verhalten sollte. Am Ende entschied sie, dass sie am besten beraten wäre, sich nach dem Ausgang des Streits zu erkundigen und nicht nach den Ursachen. „Dann ist jetzt alles in Ordnung, ja?“