Ein Fall von Liebe (Historisch, Liebe) - Katherine Collins - E-Book

Ein Fall von Liebe (Historisch, Liebe) E-Book

Katherine Collins

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5,99 €

Beschreibung

Eine Liebe durch die Zeiten

Katharinas Trip nach Schottland verläuft anders als geplant. Eigentlich will sie sich eine schöne Zeit mit ihrer Schwester machen, doch ein Sturz in die sagenumwobenen Fairy Pools in den Highlands reißt die junge Frau durch den Strudel der Zeit in die Vergangenheit.

Schottland, 1746. Mitten im Krieg mit den Engländern und dem Aufstand der rebellischen Jakobiter rettet der Highlander Finlay eine geheimnisvolle Frau vor einer Horde Halunken. Kann sich Katharina in der barbarischen Vergangenheit zurechtfinden – ohne ihr Leben auf dem Scheiterhaufen oder ihr Herz an ihren unverschämt attraktiven Retter Finlay zu verlieren?

Diese romantische Schottland-Saga führt die Highland-Serie von Katherine Collins und deren liebgewonnene Figuren auf eine erfrischende Art im Geiste von Diana Gabaldons „Outlander“ weiter! Für Fans von historischen Liebesromanen und romantischen Zeitreisegeschichten.

Erste Leserstimmen
„gut recherchierter Zeitreise-Roman, der einen vom ersten Satz an mitreißt“
„Finlay und Katharina sind ein schicksalhaftes Liebespaar!“
„ganz große Gefühle in den Highlands“
„Charaktere, in die man sich Hals über Kopf verliebt“
„Eine Liebesgeschichte für alle Fans der wilden Highlands!“

Über die Autorin
Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Als passionierte Leseratte kam sie schon in ihrer Jugend zum Schreiben. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Angefangen mit „Verzeih mir, mein Herz!“  hat sie bereits elf Veröffentlichungen, unter anderem bei Ullstein-Forever und dem Latos-Verlag, vorzuweisen. Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind. Dabei liegt ihr Fokus auf den Beziehungen ihrer Protagonisten.

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Seitenzahl: 404

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Über dieses E-Book

Katharinas Trip nach Schottland verläuft anders als geplant. Eigentlich will sie sich eine schöne Zeit mit ihrer Schwester machen, doch ein Sturz in die sagenumwobenen Fairy Pools in den Highlands reißt die junge Frau durch den Strudel der Zeit in die Vergangenheit.Schottland, 1746. Mitten im Krieg mit den Engländern und dem Aufstand der rebellischen Jakobiter rettet der Highlander Finlay eine geheimnisvolle Frau vor einer Horde Halunken. Kann sich Katharina in der barbarischen Vergangenheit zurechtfinden – ohne ihr Leben auf dem Scheiterhaufen oder ihr Herz an ihren unverschämt attraktiven Retter Finlay zu verlieren? Diese romantische Schottland-Saga führt die Highland-Serie von Katherine Collins und deren liebgewonnene Figuren auf eine erfrischende Art im Geiste von Diana Gabaldons „Outlander“ weiter! Für Fans von historischen Liebesromanen und romantischen Zeitreisegeschichten.

Impressum

Erstausgabe Oktober 2018

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-469-0 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-470-6

Covergestaltung: Elica Design unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © trilingstudio © olga4075 und © Davidenko_Vyacheslav shutterstock.com: © orxy Lektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Ein Fall von Liebe

1. Wunderschöne Isle of Skye

Obwohl ich es genoss, von einer luxuriösen Limousine von A nach B gebracht zu werden, wünschte ich endlich anzukommen. Der Tag war lang genug gewesen, der Flug zwar mit zwei Stunden kurz, aber nicht weniger nervig als die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Recklinghausen zum Flughafen nach Düsseldorf, aber das hatte ich zumindest selbst zu verantworten. Eigentlich hätte ich von Köln aus fliegen können, wenn ich mich nicht bereit erklärt hätte, die Lieblingsbücher meiner Schwester aus unserem Elternhaus mitzubringen. Tja, in den letzten Jahren, die ich in der Metropole am Rhein zugebracht hatte, hatte ich wohl vergessen, wie beschwerlich alles in Kaffs war, wie jenem in dem ich aufgewachsen war. Dass der Flughafen auch noch umbaute und das reine Chaos herrschte, war nicht vorhersehbar gewesen, und der Ausfall der Steuerbordturbine wurde zum I-Tüpfelchen meiner Reise. Wäre ich ein spiritueller Mensch, hätte ich es als böses Omen betrachtet, so aber überlegte ich, ob es Rückerstattungs-Klauseln gab, die ich in Anspruch nehmen konnte. Das Nachdenken hielt mich während der Fahrt beschäftigt, nicht das Panorama, dem ich mich nur widmete, wenn ich nicht nachdachte.

Seufzend riss ich mich vom Anblick des schillernden Nord-Atlantischen-Meeres los. Wir fuhren über eine Brücke, die das schottische Festland mit der Isle of Skye verband, demnach konnte es nicht mehr weit sein. Entschlossen ging ich online alle Artikel durch, die das Reiserecht abdeckten und markierte wichtige Passagen. Mein Laptop rutschte auf meinen Knien hin und her, was zu Fehlmarkierungen führte und mich von meiner Recherche ablenkte.

Die Aussicht änderte sich zwar, aber es blieb Natur, an der ich vorbeifuhr. Keine Häuser auf weiter Flur. Stattdessen fuhr die Limousine die millionste Biegung und den Hang wieder hinunter, den wir gerade erst gemeistert hatten. Wieder hoch und wieder runter. Besuchten wir Schneewittchen hinter den sieben Bergen?

Natürlich war meine Schwester Vanessa nicht Schneewittchen, und wenn sie mit sieben Zwergen zusammenlebte, würde ich schnurstracks wieder umkehren. Langsam fragte ich mich, in welches Niemandsland sie mich gelockt hatte. Fein, ich hatte Semesterferien und es hielt mich nichts in der Heimat, aber diese Odyssee war nicht besser, als weitere drei Wochen mit meinem Ex Felix in unserer engen WG aushalten zu müssen.

Unmut kribbelte in meinem Magen und ich griff nach meiner Tasche, im Begriff Vanessa anzurufen und zu fragen, in welchem verschlafenen Nest man mich absetzen würde, als ein Häuschen an mir vorbeiglitt. Ein altes Fachwerkhaus übersät mit Margeriten, Hortensien, Nelken und Blumen, die ich nicht benennen konnte, in allen möglichen Farben. Wie süß. Leider wurde es wieder von Rasen abgelöst, aber dahinter ragte plötzlich eine riesige Burg-Anlage aus dem Grün. Grau, trutzig und verwunschen.

Natürlich war ich von meiner Schwester vorgewarnt worden, aber irgendwie hatte wohl niemand in der Familie so recht geglaubt, dass an ihren Geschichten etwas dran war. Plötzlich ging es ihr gut? Sie hatte angeblich den Mann ihrer Träume getroffen, der sie binnen einer Woche geheiratet und auf sein Schloss in die Highlands entführt hatte? Also bitte, die Zeit für Märchen war längst vorüber!

Schön, ich war also eine Zynikerin, die ihrer großen Schwester generell kein Wort glaubte. Schon gar nicht, wenn es sich um unsterbliche Liebe, Seelenverwandtschaft und ähnlichem Schmu handelte. Die Sache zwischen Mann und Frau war simpel: Es ging um Sex. Männer interessierten sich nur so lange für einen, wie sie einen benutzen konnten, nett waren sie nur, bis sie einen eingefangen hatten. Und wir Frauen? Wir redeten uns ein, verliebt zu sein, um uns nicht eingestehen zu müssen, dass wir uns demütigen ließen. Traurig, aber wahr.

Felix hatte mir die Augen geöffnet, aber letztlich waren meine Beziehungen davor auch nicht anders verlaufen, mit dem Unterschied, dass dieses Mal ich es war, die ging. Ich hatte genug von seiner Ignoranz, von seinem Paschagehabe und seinen Forderungen. Und, ja, geliebt hatte ich ihn nie richtig.

Wir kamen näher und aus riesig wurde phänomenal: Dunvegan Castle. Eine richtige Burg, nicht zu fassen. Die gesamte Länge der Vorderfront war gekiest, dann schloss sich eine gepflegte Rasenfläche an. Das Gemäuer wirkte alt, der Putz hatte Risse, aber die dutzend Fenster funkelten im Sonnenlicht. Zwei Türme flankierten die Ecken und man sah, dass es hinten drei weitere Türme gab. Standarten wehten im Wind. Das Eingangstor wirkte übermächtig und passte nicht in meine Vorstellung einer Burg, denn es war keine Zugbrücke oder etwas ähnliches, sondern eine zweiflüglige Tür, hoch, breit und aus dickem Holz.

So ganz verinnerlicht hatte ich die neuen Lebensumstände meiner Schwester noch nicht, als der Chauffeur mir die Tür öffnete und mir die Hand hinhielt, um mir beim Aussteigen zu helfen.

Ich war fünfundzwanzig und nicht halbtot, aber ausweichen konnte ich der Geste nicht. Meine Tasche wurde mir ungefragt abgenommen und in Richtung Eingangsstufen bugsiert. Meine Schwester kam mir dort bereits entgegen.

„Katharina!“ Sie strahlte, was mich urplötzlich stehenbleiben und blinzeln ließ. Sah aus wie Vanessa, klang wie Vanessa, konnte aber unmöglich …

Sie umarmte mich. „Wie schön, dass du mich endlich besuchen kommst!“

Also gut, sie klang doch nicht wie meine Schwester.

Vanessa schob mich von sich, um mich zu mustern. „War ein langer Tag, was? Hast du die Fahrt genossen? Ich hoffe, du hast nicht die Minibar im Auto leergetrunken und erleichterst gleich deinen Magen in der Halle.“ Nicht lustig, trotzdem lachte sie auf. Wie unheimlich. Tatsächlich konnte ich mich nicht entsinnen, wann ich sie zuletzt lachen gesehen hätte.

„Komm rein. Ich zeige dir dein Zimmer. Ich warne dich, es ist so groß wie deine gesamte WG!“

Klar. Vanessa hakte sich bei mir unter und zog mich die Stufen hoch und durch das riesige Portal. Die Eingangshalle war beeindruckend, neben mannshohen Fenstern hingen Teppiche an den Wänden. Zwei erzählten, ähnlich wie aufwendige Gemälde, eine Geschichte von einer Schlacht und das Gebilde über dem Kamin war wohl ein Wappen. Die Farbe war verblichen und das Material mitgenommen. Es musste uralt sein, wie auch der Rest der ausgestellten Dinge. Hellebarden flankierten den Kamin, Kelche und ein Kandelaber standen auf dem Sims und trugen ebenfalls Insignien.

Sie ließ mir keine Zeit, mir alles genau anzusehen, sondern zog mich weiter, durch den Saal, der sich anschloss, zu einem monströsen Relikt eines Fahrstuhls – neben einer nicht minder beeindruckenden Treppe, die ich tausendmal lieber emporgestiegen wäre, als dieses Höllenteil zu nutzen, das aus einem Drahtkäfig bestand.

„Wir können auch die Treppen nehmen, aber es sind unzählige Stufen.“

Und wenn schon!

„Bei dem Teil wüsste ich nicht, welche Angst zuerst zuschlüge: Klaustrophobie, Cremnophobie, Karagulophobie oder Stenophobie.“

Vanessa schnaubte. „Fachchinesisch? Glaubst du, das beeindruckt mich?“

„Angst vor engen Räumen, Abgründen, sich lächerlich zu machen und vor Enge an sich. Und ja, ich wollte etwas aufschneiden, schließlich hältst du mich für einen Dummkopf.“ Dabei war ich es, die studierte, während Vanessa nur eine Ausbildung absolviert hatte und nicht mal eine herausfordernde, wenn man mich fragte. Hotelfachfrau war doch nichts weiter als eine nette Umschreibung für Mädchen für alles. Sie hätte besser mal was Nützliches gelernt, Steuerfachangestellte oder PTA.

„Nein, nur für faul.“ Wie immer nahm sie kein Blatt vor den Mund. „Wie läuft dein Studium?“ Und stocherte in der Wunde herum.

„Gut. Hervorragend. Könnte nicht besser laufen!“ Ich drehte ihr den Rücken zu und nahm die Treppe, abhängen konnte ich meine Schwester, den ollen Terrier, aber nicht.

„Ach wirklich? Zuletzt hieß es, dass du das Semester wiederholen musst.“

Das war keine aktuelle Information, Vanessa war nie up to date.

„Reite doch nicht darauf herum.“

Vanessa seufzte. „Lassen wir das. Du sollst dich hier erholen und amüsieren.“

Und ablenken, aber das brauchte ich nicht laut auszusprechen.

„Wie geht es Mama?“, fragte Vanessa nach exakt drei Stufen.

„Wie üblich.“

„Hm. Ich dachte, sie käme mit.“

Was ich ihr schnell ausgeredet hatte. Die beiden agierten zusammen wie ein altes Ehepaar und Vanessa vergaß, dass sie nur meine Schwester war und niemand, der mir Ratschläge zu erteilen hatte.

„Na, vielleicht ein andermal.“ Sie klang enttäuscht, ließ es sich aber nicht ansehen. „Ich habe extra ein Zimmer bereitstellen lassen, das sich nicht am A… der Welt befindet. Ich verlaufe mich hier immer noch und das wollte ich dir ersparen.“

„Danke.“

Vanessa bog ab und nahm die erste Tür. In einem Hotel wäre es wohl das Zimmer, das man lieber nicht haben wollte, direkt an der Treppe war es bestimmt nicht gerade ruhig. Die Aufmachung war ebenso wie alles Bisherige steinalt. Holzvertäfelung an den Wänden plus geweißte Steinmauern, ein riesiges Himmelbett, komplett aus schwerem Gehölz, dazu noch ein großer Kamin.

„Wow, ich begann schon, dich zu beneiden.“ Unnötigerweise, denn alles in allem fehlte es hier an Komfort.

„Ich weiß, es ist einfach, aber alle moderneren Zimmer sind so abgelegen, dass man sich verläuft.“ Ihr Kopf ruckte nach rechts. „Drüben im Südtrakt. Von hier findest du schneller zu den Salons und Speisesälen.“

Plural, was mir natürlich auffiel. „Wie viele davon gibt es?“

Vanessa winkte ab. „Unzählige.“ Sie verdrehte die Augen. „Hast du dich mal gefragt, was man mit so einem alten Kasten anfangen soll? Zimmer ohne Ende und alle stehen leer.“ Sie hob die Achseln. „Was für eine Verschwendung.“

„Mach ein Hotel draus.“ Der Kamin zog mich an. Er war groß genug, dass ein Kind aufrecht in ihm stehen konnte. Meine Fingerspitzen berührten die glatte Oberfläche und glitten über die tiefe Einkerbung. Sah aus, als hätte man versucht, ein Stück herauszuhacken. „Muss ich mir hier mein Wildschwein selber braten?“

Sie schnaufte mit einem unterdrückten Lachen. „Du bist hier all inclusive, Dearie, und ich will sehen, wie du das meinem Mann verkaufst. Ein Hotel, vermutlich fällt ihre Gnaden bei dem Vorschlag tot um.“

„Ich?“ Das hätte sie wohl gern. „Ist deine Baustelle, Schwesterchen, da misch ich mich nicht ein.“

Sie seufzte mit einem Achselzucken und ließ das Thema auf sich beruhen. Scheinbar, denn so wie ich meine Schwester kannte, ratterte ihr Hirn bereits, um meine Idee nach Schwachstellen abzuklopfen. Statt eines Stapels Argumente, warum mein Vorschlag absolut hirnrissig war, bekam ich eine Führung serviert. „Also, wenn du dich frisch machen willst, dort geht es zum Bad.“ Vanessa ging vor und drückte ein Paneel an der Wand auf. Eine Art Geheimgang, der ins nächste Zimmer führte. „Du hast das Bad für dich allein, aber es gibt einen zweiten Zugang vom anderen Schlafzimmer.“ Sie deutete auf die Nische gegenüber. „Es ist unbenutzt, dich sollte also keiner überraschen. Die Dienstmädchen, die hier saubermachen, werden sich aus dem Staub machen, sobald sie dich bemerken.“

„Wo ist die Dusche?“ Ich schob sie zur Seite, aber auch in der hinteren Ecke tauchte die nicht auf. „Baden? Echt jetzt?“

„Immerhin gibt es heißes Wasser.“ Vanessa zwinkerte verschmitzt, bevor sie auflachte. „Hey, in früheren Jahrhunderten musste das Wasser in Kübeln auf dem Feuer der Kamine, wie der in deinem Zimmer, erwärmt werden. Schwelge also in unendlichem Luxus!“ Sie prustete erneut.

„Haha!“ Sehr lustig, vor allem, wo war der Luxus, den ich mir nach der Fahrt in der Limousine und der ersten Klasse bei Britisch Airways – laut Originalbuchung und nicht, worauf ich schließlich hatte zurückgreifen müssen – erhofft hatte.

„Der Spa-Bereich hat eine Dusche und ist leicht zu finden.“ Sie grinste, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Die Treppe runter und den Gang zur Linken bis zum Ende. Ein Freiluftsalzbad, ein Whirlpool, eine Sauna und ein extralanges Becken fürs Schwimmtraining. Ich muss dich aber warnen …“

„Noch mehr Dienstboten?“

„Nein, mein Mann.“ Vanessa zog die Wand hinter sich wieder zu, wodurch ich die Schlaufe bemerkte, mit der sie zu öffnen war. „Er schwimmt zwei Mal am Tag und verbringt mindestens eine Stunde im Fitnessraum gegenüber.“

Also liefe ich meinem unbekannten Schwager häufiger über den Weg, als es mir recht sein konnte. Offengestanden stand ich ihm skeptisch gegenüber, schließlich kannte ich Vanessas Geschmack und der war grottig.

Es klopfte.

„Euer Gnaden“, murmelte ein Bediensteter, ohne in unsere Richtung zu sehen, und verbeugte sich vor uns. „Das Gepäck der Miss.“ Er hob meinen Koffer und meine Tasche. „Scott verwies darauf, dass es hier abzuliefern sei.“

„Kommen Sie rein. Das ist meine Schwester Katharina.“ Sie drehte sich mir zu und suchte meinen Blick. „Das ist unser Interimsbutler Ferris. Ihre Gnaden ist nicht zufrieden mit ihm, was es leider nötig macht, ihn irgendwann zu ersetzen. Wenn du Fragen hast oder etwas brauchst, bitte eines der Mädchen darum oder wende dich an Ferris. Er kennt sich hier aus.“

Verdattert musterte ich den Interimsbutler, der mein Gepäck am Fußende des Bettes abgestellt hatte und nun vor uns stehenblieb, die Hände auf dem Rücken, steif wie ein Brett und ohne eine von uns anzusehen. Hier waren sogar die Dienstboten Snobs.

„Hallo Ferris.“

„Miss Hagedorn.“ Er stolperte über meinen Namen und leichte Röte schoss in seine Wangen. „Euer Gnaden.“ Er wartete auf Vanessas Nicken und verschwand wie ein Geist. Nur das Puff fehlte.

„Euer Gnaden?“ Das war lächerlich.

„Die bestehen darauf.“ Sie seufzte. „Also kann ich dich gleich mitschleifen, oder brauchst du nach dem Stress der Anreise etwas Ruhe?“

„Wohin willst du mich schleifen?“ Mein Magen knurrte, und zwar nicht in Zimmerlautstärke.

Vanessas Augen wurden rund. „Wie wäre es mit einem Snack?“

Aufmerksam, das musste ich ihr lassen.

„Na komm, Auspacken kannst du immer noch, oder lass das eines der Mädchen machen. Das Dinner ist um sechs, also lohnt es sich nicht, noch ins Bett zu gehen. Auf keinen Fall solltest du zu spät zum Dinner kommen.“ Sie schauderte merklich. „Und du hast doch etwas Formelleres dabei? Ich kann dir auch was leihen.“ Dieses Mal war ihr Blick, der über mich glitt, kritisch. „Du darfst auf keinen Fall in Jeans …“ Gurgelnd brach sie ab und zeigte endlich einen Hauch ihres eigentlichen Selbst. Sie sackte zusammen und schlug sich die Hände vor das Gesicht. „Oh, Mann, bitte versprich mir, die Duchess nicht unnötig aufzuregen. Sie raubt mir den letzten Nerv.“

„Wer ist die Duchess?“

„Meine Schwiegermutter.“ Sie schaffte es, ihre Stimme klingen zu lassen, als käme sie aus dem Grab.

„Ah, das obligatorische Schwiegermonster.“ Tja, wenn sie auch nur halb so schlimm war, wie der Komfort in meinem Zimmer, gab es keinen Grund zu Neid. Grinsend willigte ich ein, mein Bestes zu versuchen, und folgte ihr feixend hinaus in den Flur.

***

Das innere der Burg war tatsächlich verwirrend. Die Treppe hinab in die Halle, dann rechts den Gang hinunter, soweit kam ich mit. Zumal ich den Weg bereits zurückgelegt hatte und mein Zimmer an der Treppe zur Halle lag. Da hatte Vanessa tatsächlich mitgedacht. Die Halle war riesig, besaß eine hohe Decke, einen monströsen Kamin, der in strahlendem Marmor ausgekleidet war. Auf dem Sims standen goldene Kandelaber und eine Art Pokal. Die dunkel vertäfelten Wände ließen den Raum kleiner wirken, aber er maß gut fünfzehn Schritte und führte zu einem zweiten riesengroßen Tor, ähnlich jenem, durch das ich in die Burg gelangt war. Es war nicht die einzige Tür, die mit Schnitzereien verziert dazu einlud, sie länger zu betrachten. Ich folgte Vanessa durch ein Gewirr aus Treppen und Räumen, die allesamt mit Gemälden behangen waren

"Sag mal, was sind das für Tapeten?" Obwohl wir zügig gingen, nahm ich mir die Zeit, mit den Fingern über die Wandverkleidung des Flures zu streichen, und war beeindruckt von ihrer Weichheit. "Fühlt sich fast an wie …"

"Seide?" Vanessa lachte auf. "Tatsächlich sind die Wände der meisten Räume und Flure mit Seidentapeten verkleidet. Es gibt Ausnahmen, wie die Zimmer in deinem Flur, die gewöhnlich nicht genutzt werden, und die Verbindungsgänge zwischen den hinteren Türmen, aber generell sind sie farbenprächtig verkleidet.

Plötzlich standen wir in einem Wintergarten. Ein Dschungel aus Sträuchern, Palmen und einem bunten Blumenreigen, bevor wir auf eine ebenfalls bepflanzte Terrasse traten. Ich sah mich beeindruckt um. Die rückwärtige Burgmauer lag ein gutes Stück entfernt und war von dicken Efeuranken bedeckt. Der Terrasse schloss sich ein Garten an. Schmetterlinge flogen umher und Bienen summten geschäftig von Blüte zu Blüte. Vanessa zog an einer Kordel und drehte sich mit einem Lächeln zu mir um.

„Komm, setzen wir uns doch.“ Sie deutete auf eine Gruppe Rattanmöbel und wartete, bis ich vorging. „Also warst du bei Mama?“

„Aber ja.“ Der Stuhl knarrte unter meinem Gewicht. „Ich war froh, dass ich einen Flug hatte, den ich erwischen musste.“

Vanessa schüttelte den Kopf. „Sie ist ganz allein“, mahnte sie, streckte sich und legte ihre Hand auf mein Knie. „Sie braucht nur hin und wieder jemanden zum Reden.“

Mein Lachen war bitter. „Hast du mich deswegen hingeschickt? Von wegen, du wolltest deine Lieblingsbücher bei dir haben.“

„Oh doch, meine Bücher liegen mir sehr am Herzen.“ Sie zwinkerte. „So sehr, dass ich sie mir schon längst geholt habe.“ Sie kicherte. „Entschuldige, aber mit Mama zu telefonieren ist auch kein Spaß, und du bist für sie nie zu erreichen.“

„Aus gutem Grund.“

„Wir haben Glück, Katharina, glaube mir, es gibt Mutter-Kind-Beziehungen, die sind fürchterlich.“ Sie zog die Hand zurück und lehnte sich seufzend in die weichen Polster. „Meine Schwiegermutter zum Beispiel ist der Teufel in Person.“

„Eine deiner üblichen Übertreibungen.“ Sie liebte es, sich schlecht zu fühlen, selbst wenn alles hervorragend war.

„Oh, wenn du wüsstest!“ Ihre Aufmerksamkeit driftete ab. „Ferris, wir benötigen Tee und Sandwiches. Kati? Hast du einen Wunsch?“

„Tee?“ Sie war wirklich komisch.

„Entschuldige, es wird zur Gewohnheit. Kaffee natürlich. Möchtest du Kuchen?“

„Nein, Sandwisches sind super.“ Selbst wenn man die Wahl hatte. „Es ist hübsch hier.“ Der Innenhof war riesig, oder wirkte zumindest so, da die Beete und Wege verschlungen angelegt waren. Die Mauern um ihn herum waren mit Efeuranken bedeckt. Ich zählte vier Stockwerke und wunderte mich, wie viele Zimmer es hier wohl gäbe. Zu viele vermutlich.

„Du lenkst ab.“ Sie lachte. „Aber ja, es ist schön hier.“

„Und ruhig.“ Gerade mal das Zwitschern der Vögel war zu hören. „Aber wir sind am A… der Welt, nicht wahr?“

„Danke Ferris, das ist dann alles. Oh, ihre Gnaden muss nicht wissen, wo wir uns aufhalten.“ Sie lächelte ihm zu. „Meine Schwester und ich brauchen etwas Zeit für uns.“

Der Butler verbeugte sich eckig und verschwand lautlos.

„Ja, wir sind am Arsch der Welt.“ Sie kicherte. „Aber es ist herrlich hier.“ Ihr Grinsen verwischte. „Meistens.“

„Deine Schwiegermutter?“ Langsam wurde ich neugierig. „Erzähl.“

Vanessa verdrehte die Augen, strich sich eine Strähne aus der Stirn und seufzte gedehnt. „Wo fange ich da nur an?“

„Vorne.“ Wo sonst?

„Sie hasste mich von Anfang an. Ich bin ihr nicht gut genug.“ Ihr Seufzen war tonnenschwer. „Jedes Wort, das ich vorbrachte, nutzte sie gegen mich. Jede Information wurde zur Waffe. Mein Mann hatte mich gewarnt, ja, aber das war dann doch eine Nummer zu arg für mich.“

„Komm schon, Tacheles, hör auf in Rätseln zu reden!“ Ich war müde und mochte Dinge lieber deutlich, klar und durchschaubar.

„Am Tag der Beerdigung des alten Dukes hat sie mich in der Wildnis ausgesetzt.“

Das glaubte sie doch wohl selbst nicht!

„Zuvor hat sie mich durcheinandergebracht, meine Eifersucht benutzt und mein nagendes Gewissen, damit ich mich schlecht fühlte. Schlecht genug, um …“ Sie zuckte die Achseln und machte ein zerknirschtes Gesicht. „Mir fiel zu spät auf, dass ich auf dem falschen Weg war. Ich war schon fast am Wasserfall der Fairy Pools angelangt, als ich in Zweifel zog, dass die Beisetzung auf einem Berg stattfinden sollte, der nicht befahrbar war.“ Sie lachte auf. „Das war idiotisch, glaub mir, ich habe mich gefühlt, wie der größte Trottel.“

Immerhin konnte sie nun darüber lachen, was ein Fortschritt war zu ihrer üblichen Art, über vergossene Milch zu lamentieren.

„Der Anblick da oben ist phänomenal, aber natürlich habe ich ihn nicht genießen können.“

Der Butler Ferris war zurück und stellte ein Tablett mit Kaffee und Sandwiches auf dem Tisch zu unserer Linken ab, um dann einzugießen. „Milch und Zucker, Euer Gnaden?“

„Nur Milch bitte. Kati?“

„Schwarz, danke.“

Vanessa nahm ihre Tasse samt Untertasse entgegen und senkte sie in ihren Schoß. „Danke, Ferris, wir kommen nun zurecht.“

Der Kaffee dampfte, sein würziges Aroma fiel mir gleich auf und ich hob die Tasse, um ihn zu inhalieren.

„Ich zeige dir die Fairy Pools. Es ist ein wundervoller Ausblick.“

„Erwähntest du bereits und ich bin mir nicht sicher, ob ich tolle Aussichten benötige.“ Oder ausgedehnte Wandertouren, schließlich war es kein Ort, an dem man mit dem Wagen vorfahren konnte.

„Es lohnt sich.“ Sie nippte an ihrem Kaffee. „Aber lass mich zu Ende erzählen. Ich wollte den Weg nicht zurückgehen, weil meine Füße in den Pumps wahnsinnig schmerzten, also bin ich runtergeklettert.“

„Du bist was?“ Das war doch Wahnsinn.

„Nachher dachte ich mir auch, dass es bescheuert war, den Hang hinunterzuklettern, aber …“ Sie zuckte die Achseln. „Ich wollte einfach nicht den ganzen Weg wieder zurückgehen.“

„Du bist verrückt!“

Sie seufzte. „Das ist ja nichts Neues.“

Ich musste lachen und Vanessa fiel mit ein. Unsere Tassen klapperten und Kaffee schwappte über.

„Das Beste kommt erst noch.“ Sie hob die Brauen und grinste so verschmitzt, wie ich es bei ihr noch nie zuvor gesehen hatte. „Ich war mutterseelenallein im Nirgendwo, fror, hatte Hunger und Durst und war verzweifelt.“ Was ich mir hervorragend vorstellen konnte. „Keine Menschenseele weit und breit, nur eine kleine, verschrobene Hütte, die zwar verlassen wirkte, aber offenkundig bewohnt war.“

Ihre Augen blitzten auf. Langsam wurde sie mir unheimlich, ich konnte mich kaum entsinnen, sie jemals so positiv erlebt zu haben. Ihre Depression war immer schon vorhanden gewesen, selbst, als sie sich noch glücklich verheiratete wähnte. Sie hatte sich ein Kind gewünscht, hatte so danach gelechzt, dass jeder Fehlschlag einen Teil von ihr zerstört und sie tiefer in die Melancholie gerissen hatte. Nichts davon war ihr nun anzumerken.

„Mir war so elendig, dass ich die Hütte betrat und mir Feuer machte.“ Ihre Unterbrechung sollte wohl für Spannung sorgen, langweilte mich aber nur. Diese Spielchen hasste ich, ich wollte nicht unterhalten werden, sondern die Fakten hören.

„Als der Bewohner zurückkam, war es bereits Abend und die Silhouette hob sich gespenstisch vom Hintergrund ab.“

„Erzählst du mir jetzt eine Story, oder was passiert ist?“

Sie lachte auf und machte einen Wisch mit der Hand, bevor sie ihre Tasse aufnahm und an ihrem Kaffee nippte. „Banause. Also schön. Die Bewohnerin heißt Gail McInnes und sie lebt dort völlig zurückgezogen. Sie ist eine wundervolle Person, ich werde sie dir vorstellen.“

Da sie so verdammt enthusiastisch war, wollte ich sie nicht bremsen, auch wenn ich nicht Bekanntschaft mit verschrobenen Schottinnen machen musste, um meinen Aufenthalt zu versüßen. Ich brauchte nur Abstand und etwas Zeit für mich, um meine Gedanken und Gefühle zu ordnen.

Felix war Tabu, mein Ex war nicht der Richtige und auch nicht gut für mich gewesen, damit konnte ich mich abfinden. Besser als er zumindest.

„Sie nahm mich auf, und obwohl es ihr gesundheitlich nicht gut geht, brachte sie mich am nächsten Tag nach Dunvegan zurück“, fuhr Vanessa fort. „Sandwich? Greif zu. Wenn du einen Wunsch hast, lass es mich wissen.“

Um sie zu beruhigen, nahm ich mir einen Teller und häufte mir Brot auf.

„Möchtest du noch Kaffee? Warte, dass der Mist immer so weit weg stehen muss!“ Vanessa zerrte den Tisch mit dem Tablett näher an uns heran. „So. Besser, oder?“ Sie seufzte, während sie sich mit einer frischen Tasse Bohnenaufguss zurücklehnte und die Füße anzog. „Es war die längste Wanderung meines Lebens.“

„Wie? Sag nicht, es gibt hier keine vernünftigen Straßen.“

„Doch, aber sie meinte, querfeldein ginge es schneller.“ Vanessa verdrehte die Augen. „Sie hatte sicherlich recht, denn über die Straßen zu ihr zu gelangen, ist mit einem riesigen Umweg verbunden.“

„Oh, sie hat kein Auto, was?“

Vanessa schüttelte den Kopf. „Sie lebt sehr einfach. Ihr fließend Wasser ist der Fluss vor ihrer Tür.“

„Oh, Gott!“ Das konnte ich mir nicht einmal vorstellen. Ich liebte die Moderne mit all ihren Möglichkeiten und Vereinfachungen. Mir jeden Morgen Wasser ins Haus zu schleppen, um mich waschen oder etwas kochen zu können – nein danke.

„Als wir hier waren, wollte uns der damalige Butler nicht ins Haus lassen.“ Wieder hob sie die Brauen und sah mich eindringlich an. „Ist das zu fassen? Ich war mit dem Besitzer verheiratet und er wollte mich aus dem Haus werfen! Wenn Ian nicht rechtzeitig Heim gekommen wäre …“ Sie schüttelte den Kopf. „Die Duchess hat behauptet, ich sei abgehauen, dabei hatte sie mich ausgesetzt! Mein Mann war wahnsinnig vor Sorge und rund um die Uhr unterwegs gewesen, um mich zu finden.“

„Wow.“ Auf so eine Schwiegermutter konnte man verzichten – so Vanessa nicht maßlos übertrieb.

„Jepp, sie kann mich ums Verrecken nicht ausstehen.“ Sie kicherte und verschüttete dabei ihren Kaffee. „Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre.“ Sie seufzte schwer und tat wieder etwas, was mich überraschte. „Ach, was soll´s? Wenn du aufgegessen hast, zeig ich dir die Burg.“ Sie stockte und musterte mich schnell. „Oder bist du zu müde?“

„Verschone mich! Ich packe lieber aus, wenn du nichts dagegen hast.“

***

Dass nicht alles rosig war, hatte ich verstanden, wie dick aber die Wolken waren und wie tief sie hingen, war mir nicht bewusst. Aber ich sollte es herausfinden. Vanessa hatte mich gewarnt, dies hielt ich ihr zugute, trotzdem war ich auf das Zusammentreffen mit der Duchess nicht vorbereitet. Vanessa hatte mich abgeholt, obwohl ich mir zutraute ihrer Beschreibung nach den Speisesaal zu finden, aber sie offenkundig nicht. Entweder das, oder sie befürchtete, dass ich ihren Rat bezüglich meines Outfits nicht beherzigte, denn sie war äußerst angespannt, als ich die Tür zu meinem Zimmer öffnete, und seufzte dann erleichtert. Offenbar bestand mein dunkelblauer, wadenlanger Rock in Kombination mit meiner blütenweißen Seidenbluse, die ich untypisch hoch zugeknöpft hatte, in ihren Augen. Meine Kette passte zu meinen Ohrsteckern und funkelte in einem dunklen Blau, das zu meinem Rock und den Pumps passte.

Sie trieb mich zur Eile an und stürzte die Treppe hinunter – im übertragenden Sinne, obwohl ich mich fragte, ob es nicht doch an ihrer Lebensmüdigkeit lag, dass sie so unvorsichtig schnell die Stufen nahm.

Anstelle des Speisesaals betraten wir eine Art Wohnzimmer, nur das der Fernseher fehlte. Vanessas Hand flatterte in meinem Rücken, als sie mich vorwärts schob. „Ian.“ Ihr Lächeln flackerte. „Euer Gnaden, darf ich euch meine Schwester Katharina vorstellen?“

Im ersten Moment bemerkte ich die Frau gar nicht und hatte nur Augen für den mehr als sexy Typen, der mich angrinste. Himmelblaue Augen und rabenschwarzes Haar, wie ich diese Kombination liebte!

„Willkommen, Katharina.“ Seine Stimme war samtweich und weckte einen wohligen Schauer. Seine Berührung war zart und sein Kuss auf meinen Handrücken leider nur angedeutet. „Vanessa hat schon viel von dir erzählt.“

„Nur Gutes hoffe ich doch.“ Automatisch hob ich den Kopf und streckte die Schultern zurück. Wenn er nur halb so nett war, wie er aussah …

Er ließ meine Hand los und legte den Arm in Vanessas Rücken, um sie näher an sich zu ziehen. Mir dämmerte es, dass ich die Situation falsch einschätzte. Ian war Vanessas Mann. Ich ratterte durch die Erzählungen meiner Mutter und auch durch die Telefongespräche mit meiner Schwester, aber ich konnte mich nicht erinnern, eine optische Beschreibung von ihm bekommen zu haben. Schön, ich hätte es ihr wohl auch nicht abgenommen, dass sie nicht nur einen vermögenden Mann dazu brachte, sie von heute auf morgen zu heiraten, sondern auch noch einen, der allein durch seine Optik jede Frau rumbekam.

Um nicht aufzufallen – schließlich hatte ich mich bereits auf einen Flirt eingestellt – wandte ich mich schnell ab, um die zweite Person zu begrüßen, und bekam nun den ersten Eindruck der hiesigen Lage präsentiert. Die brünette Frau war in ihren späten Fünfzigern, auch wenn sie es zu verschleiern versuchte. Die Ohrringe, die breite mit Steinen besetzte Halskette, die Armbänder, die nicht weniger opulent geschmückt waren als die auffälligen Ringe, überdeckten sie beinahe und lenkten von ihrer einfachen Kleidung ab. Sicher eine Fehleinschätzung, denn sie passten ihr aufs Genauste. Dafür hatte ich ein Auge entwickelt, als ich mein Praktikum in einer Kanzlei für Familien- und Erbrecht gemacht hatte. Kleidung war ein Statushinweis und deutete auf die finanziellen Hintergründe, besonders bei Dingen, die nicht von der Stange kamen. Da ich für meine Praktika ebenfalls angemessen gekleidet sein musste, wusste ich, was Qualität kostete.

Ach, und Ressentiments erkannte ich auch. Ihre Miene war verkniffen und die Augen glitten mit einem Abscheu über mich, dass ich fast in wildes Gelächter ausgebrochen wäre. Sie kannte mich gar nicht und sah mich an, als wäre ich Abschaum.

Statt zu lachen, streckte ich ihr die Hand hin. „Hallo, ich bin Kati.“ Ich erwartete nicht, dass sie mir die Hand schüttelte, und wurde in dem Punkt auch nicht enttäuscht. Sie sprach nicht einmal mit mir, sondern wandte sich ab. Ihr Blick glitt hinter mich und sie begann zu sprechen. Ich verstand sie nicht, obwohl ich mich einen langen Moment bemühte, Sinn in die Worte zu bringen.

Ian unterbrach sie mit strenger, fast wütender Stimme in ebenfalls unverständlicher Sprache. Er trat vor, kam an mir vorbei und stellte sich zwischen mich und die wütende Duchess. Vanessa folgte ihm, legte ihm kurz die Hand in den Rücken, bevor sie mir einen ängstlichen Blick zuwarf.

„Es tut mir leid“, formten ihre Lippen.

Ich hob die Schultern, es war nicht Vanessas Schuld, sie hatte mich gewarnt. Definitiv ein Schwiegermonster und damit verblasste Ians Attraktivität deutlich. Klar, er war sexy und obendrein reich, aber ich würde es hassen, wenn ständig diese Anspannung um mich herum wäre.

Passenderweise trat Ferris ein, stoisch, wie ich ihn bisher kennengelernt hatte. Er räusperte sich, ignorierte alle Anwesenden als auch die Stimmung im Raum und verkündete laut und mit tragender Stimme: „Das Dinner kann serviert werden. Wenn die Herrschaften mir folgen wollen?“ Er machte kehrt und ging.

Beeindruckt sah ich ihm nach.

Vanessa seufzte. „Manchmal wünschte ich, ich könnte auch einfach gehen“, flüsterte sie mir zu. „Allein essen und ohne diese ständigen Machtkämpfe.“

„Warum tun wir es nicht?“ Alles war besser, als einem Streit zu folgen, den man ohnehin nicht verstand.

„Katharina!“ Der Tadel steckte bereits in der ersten Silbe.

Also ließ ich die tolle Idee ziehen, aber es gab keinen Grund, stattdessen hierzubleiben. „Komm. Wir wollen doch das gute Essen nicht verderben lassen.“ Ich zog sie mit mir. „Du verstehst auch nicht, worum es geht, oder?“

Sie schüttelte den Kopf und gab ihr Widerstreben nach einem schnellen Blick zurück auf. „Sie wird mir den Kopf abreißen und Ian wird sie dafür wieder auf ihren Witwensitz verbannen.“ Sie klang verzweifelt.

„Und das wäre schlimm?“ Hörte sich für mich eher nach einer Win-win-Situation an, also nicht das Kopfabreißen, sondern die Verbannung.

„Ich fühle mich schuldig“, vertraute sie mir an. In unserem Rücken herrschte immer noch ein turbulentes Wortgefecht. „Sie ist fürchterlich, auch zu ihren Kindern, aber sie ist die Mutter. Ich finde es falsch, sie einzukerkern und auf Wasser und Brot zu setzen.“

Nun war ich erst recht von Ian beeindruckt. Es brauchte eine gehörige Portion Abgebrühtheit, die eigene Mutter so zu behandeln.

„Besonders bei Feierlichkeiten.“

„Was gibt es zu feiern?“ Und ich hatte schon befürchtet, ich könnte mich hier langweilen.

„Ihren Geburtstag.“ Sie hätte auch etwas Makabres sagen können, wie ihren Todestag oder so etwas, so tief sank ihre Stimme ab.

Na herrlich. Vanessas Miene war göttlich, auch wenn sie sich jeden weiteren Kommentar zu dem Thema verkniff.

„Also schön, klär mich auf. Ich dachte, die Landessprache in Schottland sei Englisch.“

„Ist es auch“, brummte Vanessa, als sie sich von mir löste und auf einen Stuhl zeigte. „Da ist dein Platz.“ Sie selbst setzte sich mir gegenüber auf die andere Seite des Tisches. „Schottisches Englisch, wenn man es genau nimmt. Man hört den Unterschied, aber Schottland ist etwas komplizierter.“ Sie verdrehte die Augen. „Es gibt offiziell drei Amtssprachen. Scots und Gälisch werden zwar in der Minderheit gesprochen, aber sind beide nicht totzukriegen.“

„Scots? Ich habe schon mal was von Gälisch gehört, aber Scots?“ Ich schüttelte den Kopf und ließ meinen Blick über die Tafel gleiten. Etwas zu prunkvoll, aber ich war angetan. Mit einem Überschuss an Besteck konnte ich umgehen, nicht umsonst war meine Schwester gelernte Hotelfachfrau und warf gewöhnlich mit ihrem (Besser-)Wissen um sich.

„Ein Dialekt. Gälisch wird nur von einem Prozent der Schotten gesprochen.“ Sie sah mich an, als wolle sie ohne Worte ausdrücken, was sie als Nächstes zu sagen hatte. „Natürlich lande ich bei den wenigen, die diese verrückte Sprache sprechen und ihr Bestehen hartnäckig verfechten.“

„Aha.“ Ja, Murphys Law schlug bei meiner großen Schwester gerne zu. „Ein Prozent, ja?“

Sie knurrte und sah an mir vorbei. „Es gibt auf Skye sogar eine gälische Hochschule, rate, wer sie sponsert.“

Ich kicherte. Ich brauchte nicht raten, sie hatte es schon verraten.

„A ghràidh, entschuldige.“

„Sie wird nicht mit uns speisen?“ Vanessa stieß den Atem aus. „Ich hatte gehofft …“

„Wie erwartet.“ Ian setzte ein Grinsen auf. „Ich muss mich bei dir für das rüde Verhalten meiner Mutter entschuldigen, Katharina. Sie ist leider nicht gruppenkompatibel.“

Nette Umschreibung. „Womit genau stieß ich ihr nun vor den Kopf? Vanessa war mit meinem Aufzug zufrieden.“ Nicht, dass es mich interessierte, aber es gefiel mir, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Seinen Blick auf mir zu spüren und mir vorzugaukeln, ein Mann wie dieser könnte Interesse an mir haben. Ein reicher Mann mit einem schäbigen Schloss und einem Drachen als Mutter?

Ja, manchmal war ich hoffnungslos bescheuert. Oder so ausgehungert nach männlicher Aufmerksamkeit, dass ich selbst meinem Schwager hinterherlechzte?

Schön, Felix hatte erst wieder Interesse an mir gefunden, als ich ihn vor vollendete Tatsachen gestellt hatte: die Trennung. Aber in den drei Jahren zwischen Kennenlernen und dem Aus war ich ihm häufig sprichwörtlich am A… vorbeigegangen. Es hatte ihn nicht interessiert, wo ich war, hinging oder was ich tun wollte. Gemeinsamkeiten hatten wir keine und so drifteten wir immer mehr auseinander.

„Mach dir darüber keine Gedanken.“ Ian griff nach Vanessas Hand und lächelte sie an. „Habt ihr schon Pläne? Wirst du mich involvieren, oder werde ich auf deine Gesellschaft verzichten müssen?“

Es ging offenbar auch anders, denn diese Frage hatte Felix mir nie gestellt. Zugegeben ich ihm auch nicht oft, aber mit meinem Ex und dessen Konsorten abzuhängen, war schnell zu einem No-Go geworden. Seine Clique bestand aus einem Haufen Spiele-Nerds, die das Sonnenlicht scheuten und ihre Mahlzeiten lieber flüssig als fest einnahmen. Wie gesagt, unsere Schnittpunkte waren rar gewesen und keiner hatte sich um Besserung bemüht. Die Vergangenheit schob ich schnell aus meinem Fokus, schließlich hatte ich lang genug Gedanken an diese Beziehung verschwendet, bevor ich meinen Entschluss endlich in die Tat umgesetzt hatte. Weg mit dem alten Hut, weg mit der Gleichgültigkeit und der lähmenden Routine.

„Irgendwie habe ich es verschwitzt, Pläne zu machen.“ Vanessa verzog den Mund. „Wir sind spontan, nicht wahr?“

„Klar.“ Wobei ich nur von mir sprach, von Vanessa wusste ich es besser. „Vielleicht schauen wir uns die Schule an?“

„Bitte?“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf.

„Die gälische Hochschule“, griff ich auf und beglückwünschte mich. Ian strahlte mich an. Gut, es war ein blödes, unpassendes und gemeines Spiel, aber wenigstens für kurze Zeit wollte ich in der Vorstellung schwelgen, nicht nur Vollidioten anzuziehen, sondern Männer mit Substanz.

„Du interessierst dich für die gälische Sprache? Vanessa hat ihre liebe Mühe damit, aber ich muss gestehen, dass meine Versuche, Deutsch zu lernen, ebenfalls eher mühsam sind.“ Er lachte auf. „Sie sagt, mein Akzent sei grauenvoll!“

„Für die Hochschule. Ich studiere und finde Alternativen immer sehr interessant.“

„So?“ Ians blaue Augen funkelten interessiert. „Darf ich fragen, was ihr Studienfach ist?“

„Jurisdiktion. Ich studiere Recht.“ Was ein weites Thema war und fürchterlich aufwendig. Tja, oder ich gestand ein, zu abgelenkt gewesen zu sein, um mich auf mein Studium zu konzentrieren.

„Spannend!“

„Oh ja.“ Ich grinste, was etwas verwackelte, als Ian sich an Vanessa wandte und ihre Hand drückte.

„Ich habe Wirtschaft studiert, kann aber nicht behaupten, dass viel hängengeblieben wäre. Nur gut, dass ich meine Vanessa habe, die mich immer daran erinnert, den Ball flachzuhalten.“ Er feixte, während Vanessa die Augen verdrehte. Ich war irritiert, dachte mir aber nichts weiter dabei. Verwirrung war vorprogrammiert, wenn man sich eine Weile nicht in seiner Muttersprache verständigte.

„Du bist ein Verschwender, Ian.“

„Und du die Knauserin!“ Er hob ihre Hand und drückte sie an seinen Mund. „Wir passen zusammen, wie die Faust aufs Auge.“

Schön, es war wohl Zeit einzusehen, dass die beiden sich tatsächlich gesucht und gefunden hatten – verrückt, wie sie waren.

2. Ein Blick in die Ferne

Der Aufstieg zu den Fairy Pools nahm kein Ende. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und wich erneut entgegenkommenden Touristen aus. Meine Schwester lachte in meinem Rücken.

„Ganz schön was los hier.“ Vanessa sah dem Pulk an Touristen feixend nach. „Wenn das letztes Jahr so gewesen wäre …“ Sie hakte sich bei mir ein und zog mich weiter.

„Ich verstehe nicht, warum man hier hochkraxelt, wenn man eigentlich zu einer Beerdigung will.“ Absolut unverständlich, wenn man mich fragte, aber Vanessa war ein Sonder-Fall. Sie war immer schon von ihren eigenen Dämonen und Hirngespinsten getrieben worden. Erst ihre perfekte Ehe mit Jörg, inklusive fanatischem Kinderwunsch und anschließend ein nimmer endendes Bad in Selbstmitleid.

Vanessas Seufzen trug ganze Dramen in sich. „Ich glaube, ich wollte einfach nur weg von meiner Schwiegermutter. Du hast sie erlebt, und da war sie noch handzahm.“

Wenn man das handzahm nennen konnte …

„Ich habe mir erst hier oben Gedanken gemacht, ob ich auf dem richtigen Weg bin.“ Vanessa lenkte uns an den Rand, um eine weitere Touristen-Stampede durchzulassen. Hier musste es etwas umsonst geben, bei dem Andrang. Mich vorbeugend verfolgte ich den unebenen Weg, der sich in den Berg grub. Es kam mir nicht so vor, als näherten wir uns unserem Ziel.

„Hier? Vani …“ Ich schüttelte den Kopf. „Du bist hoffnungslos.“

Wieder seufzte sie. „Ich bin selbst, als ich ahnte, dass ich hier nicht zur Kapelle finden würde, weiter geradeaus gegangen, nur um nicht aus Versehen doch noch der Duchess über den Weg zu laufen.“

Hoffnungslos. Mir blieb nur, den Kopf zu schütteln und das Wundern einzustellen.

„Na, komm, es ist noch ein Stück!“

Obwohl ich es geahnt hatte, stöhnte ich verzweifelt. Als meine Schwester vorgeschlagen hatte, die Fairy Pools zu besichtigen, hatte sie verschwiegen, dass damit eine Kletterpartie einherging. Ich hätte mich sonst herausgeredet.

„Der Anblick ist es wert, Katharina, glaub mir, er ist atemberaubend.“

Kein Wunder, wenn man bis oben auf den Berg kam, war man so fertig, dass einem automatisch der Atem wegblieb.

„Warum noch gleich?“ Mein Spott war verschwendet, aber ich hatte es auch nicht anders erwartet. Vanessa überhörte Sarkasmus und Ironie, egal wie dick er aufgetragen wurde.

„Der Auflauf hier?“ Vanessas Hand fasste meine und zog mich resolut den Weg hinauf. Einen Moment war ich verblüfft. Meine Schwester und Tatkraft passte zusammen, wie Sommer und Schnee.

„Catrionas Buch, Mystic Pools, spielt hier.“

„Und Catriona ist wer?“ Hier musste ich meine Verfehlung eingestehen. Ich hatte mir in den Jahren angewöhnt, abzuschalten, wenn Vanessa mit mir sprach. Erst waren es nur Vorhaltungen gewesen, wie sorglos und verschwenderisch ich sei, und dann ging es in endlose Litaneien über, wie schlecht es ihr ginge und warum.

„Ians jüngste Schwester, sie ist doch Autorin. Ich glaube, Enchanted Dùn wurde gerade übersetzt und sollte bald auch in Deutschland auf den Markt kommen.“ Vanessa wich einem Findling aus, der mitten aus dem Weg wuchs. Kopfschüttelnd ließ ich mich weiterziehen. Warum wurde so etwas nicht aus dem Weg geräumt?

„Deine Schwägerin also. Die Beliebte.“ Es war einfacher, Etiketten auf die Personen zu kleben, um sie auseinanderzuhalten, es waren einfach zu viele.

„Ealasaid ist …“, begann Vanessa, brach dann aber ab, um kichernd einzustimmen: „Ja, die Schwägerin, die ich leiden kann.“

Ich stieß mir den Zeh und fluchte.

„Ist es noch weit?“

„Stell dich nicht so an. Als ich zum ersten Mal hier hoch bin, trug ich Pumps!“

Was für meine Schwester keine große Sache sein sollte, lief sie doch arbeitsbedingt häufig auf Stelzen herum. Dass ich die Augen verdrehte, bekam sie mit, ließ es aber unkommentiert durchgehen.

„Ein paar Höhenmeter sind es noch, aber …“

Der Ausblick wäre es wert, ja, ja!

Folgsam hielt ich den Mund und schleppte mich weiter. Es war wohl offensichtlich, dass es mir an Ausdauer mangelte und daran trug allein ich die Schuld. Zu Beginn meines Studiums hatte ich noch regelmäßig das campuseigene Sportangebot genutzt, aber mit der Zeit – nein, mit Felix – war ich faul geworden. Auch das konnte ich zum Ende der Semesterferien in Angriff nehmen, ebenso wie die Verbesserung meiner Leistungen, denn inhaltlich war kaum etwas von den letzten beiden Studienjahren hängengeblieben.

„Verflixt, das ist jetzt aber nicht lustig!“ Vanessa riss mich aus der Selbstbetrachtung. Vor uns befand sich ein Pulk Menschen und mehr als Rücken und Hinterköpfe waren nicht auszumachen. „Müssen wir uns echt anstellen?“

Ihr Verdruss war putzig und beflügelte meine Laune. Fröhlich zwinkerte ich ihr zu und stellte mich an. „Ist sich die Herzogin etwa zu fein, um unter Gemeinen anzustehen?“

„Pft!“ Sie verschränkte die Arme, reihte sich ein und sah zur Seite, als sie murmelte: „Ich hätte das Areal räumen lassen sollen, wie Ian vorschlug.“

Ich lachte auf. Meine Schwester das elitäre Wesen, ja, das passte zu ihr!

„Und einen Shopper benutzen, anstatt hier zu Fuß hochzukraxeln!“ Die Schlange bewegte sich langsam vorwärts, kam zum Stehen und setzte sich wieder in Bewegung. Vanessa hatte ausgiebig Zeit, mich auszuschimpfen, daher stellte ich auf Durchzug. Endlich näherten wir uns dem Kopf der Gruppe. Ein Rauschen übertönte Vanessa und deutete auf fließendes Wasser hin. Endlich traten wir durch die Öffnung im Felsen auf ein Plateau, von dem man tatsächlich einen sagenhaften Ausblick hatte. Das Gedrängel nahm ab und ich konnte meinen Blick über das Panorama schweifen lassen. Vor uns lagen die Fairy Pools, was Vanessa mir nicht noch einmal sagen musste, es aber trotzdem tat. Es folgten noch ein Haufen Erklärungen und Geschichten, wie der Ort an die Bezeichnung gekommen war, die ich aber gekonnt ausblendete. Der Anblick genügte vollauf, um meine Sinne gefangen zu nehmen. Das Farbenspiel des Sees unterhalb von uns, der Regenbogen, der sich in dem gigantischen Wasserfall brach und der Krach, den das rauschende Wasser produzierte, als es über die Klippen ging und in die Tiefe stürzte. Ich verfolgte fasziniert den Fall. Unten gab es einen riesigen Bereich mit aufgewühltem Wasser, dann der Nebel, der über allem lag, ein Vorhang feinster Tropfen. Selbst hier oben spürte man ihn auf der Haut und in jedem Atemzug. Ich schloss die Augen, um mich für einen Moment auf meine Sinne zu konzentrieren. Es schmeckte anders, als ich es von Wasser gewöhnt war.

„Langfinger!“ Vanessas Kreischen riss mich aus der Betrachtung des Naturschauspiels. Automatisch machte ich einen Schritt zur Seite, denn die Warnung konnte nur auf mich gemünzt sein. Jedem anderen hätte sie etwas Englisches zugerufen. Ich stieß gegen das dicke Tau, das den Bereich absperrte, und musterte die Umstehenden scharf. Vanessa verstellte einer jungen Frau den Weg, als sie Richtung Torbogen verschwinden wollte. „Was haben Sie gestohlen?“

Meine Hand zuckte zu meiner Umhängetasche, die mit einem Magnetverschluss geschlossen war und zusätzlich einen Reißverschluss hatte. Beides war offen. Mein Blick folgte meinen Fingern ungläubig. Ich hatte nichts bemerkt!

Und wurde von etwas Glitzerndem, das auf dem Boden lag, abgefangen. Falsche Steine reflektierten Sonnenstrahlen, Steine, die mein Sternzeichen auf blauer Emaile nachbildeten. Mein Schlüsselanhänger!

Ich bückte mich um ihn aufzuklauben, während Vanessa sich um die Taschendiebin kümmerte. Sie bekam Unterstützung durch einen Mann, was mir allein eine tiefe Stimme verriet, denn meine Aufmerksamkeit war einzig auf meinen Schlüssel gerichtet. Mein Knie schrappte über lose Steine und ich streckte mich immer weiter, um ihn zu erreichen. Ich musste nachrutschen, während hinter mir nach dem Sachverhalt gefragt wurde und jemand keifend alle Schuld von sich wies. Endlich berührten meine Fingerspitzen das kühle Metall, aber ich war noch nicht nah genug, um es auch greifen zu können, also krabbelte ich weiter vor. Mein Mofaschlüssel hing über den Rand der Klippe. Erleichtert, ihn gerettet zu haben, stand ich auf, um den Beweis, dass die Frau an meiner Tasche gewesen war, in die Luft zu heben. Mich drehend bekam ich einen Schubs. Vermutlich unbeabsichtigt, denn die Frau stieß gegen mich, als sie versuchte, meiner Schwester auszuweichen.

Ich kippte, riss die Augen auf und fing Vanessas Blick auf. Ihre Lippen formten meinen Namen, aber ich konnte ihn nicht hören. Das Rauschen nahm überhand, als ich sie aus den Augen verlor. Die Zeit blieb stehen, während ich verdutzt verfolgte, wie mein Blickfeld sich Stück für Stück änderte.

Verflixt, wie tief fiele ich wohl? War es von Bedeutung? Sicherlich war die Wasseroberfläche hart wie Stein, egal ob aus zehn oder hundert Metern und mein Aufprallwinkel war alles andere als optimal. Ich schlüge frontal mit dem Rücken auf, was schrecklich wehtäte. Bräche ich mir dabei das Genick? Moment, wie tief war der Pool hier? Selbst wenn ich den Aufschlag auf die Wasseroberfläche überlebte, wenn der Grund nicht tief genug lag … Ach, verdammt!

Ich war zu jung, um zu sterben. Wut mischte sich mit meiner Überraschung und wandelte sich ebenso schnell in Trauer. Eine eigene Familie wäre nett gewesen. Ein Baby, ein liebender Ehemann … Das war nicht fair!

Moment, irgendwie klang ich jetzt schon wie Vanessa.

Wasser schlug über mir zusammen und einen Moment lang verdrängte der Schmerz alles andere aus meinem Fokus. Die Augen aufgerissen sah ich, wie tausende Bläschen sich in die entgegengesetzte Richtung bewegten und ein kleiner Teil meines Gehirns merkte an, dass ich besser meine Richtung überdachte.

Ach ja, und den Mund schloss.

Ich biss mir auf die Lippe, was mir zumindest half, mein Entsetzen abzuschütteln, handeln konnte ich trotzdem nicht. Über mir färbte sich das Wasser rot. Der Atem ging mir aus, meine Lungen schrien nach Luft, während meine Glieder ihrem Befehl zu rudern nicht nachkamen. Scheiße!

Das Rot füllte mein Blickfeld aus, bevor dessen Ränder dunkler wurden und sich dann blitzschnell zusammenzogen. Oh, nein, eine Ohnmacht war das Letzte, was ich nun gebrauchen konnte. Leider kam ich nicht dagegen an.

3. Eine etwas andere Rettung

Licht gleißte auf, funkelte, drehte sich wild im Kreis. Etwas zog an mir. An meinem Haar, das sich aus dem lockeren Dutt in meinem Nacken gelöst hatte, an meiner Kleidung, die sich mit Wasser vollsog und mich unerbittlich hinab zog. Aber da war noch etwas. Etwas, das mir zusätzlich die Luft abdrückte, Luft, die ich gar nicht mehr haben dürfte.

Und doch …

Ich brach durch die Oberfläche, was ich nur durch die plötzliche Wärme auf meinen Wangen bemerkte. Ich schnappte nach Atem, gierig und verzweifelt zugleich, nur um doch Wasser zu schlucken. Ich prustete, kämpfte mich los, oder versuchte es zumindest.

Endlich ließ die Wand aus Wasser nach und ich bekam frische, wenn auch feuchte Luft in die Lungen. Gierig konzentrierte ich mich nur darauf zu atmen. Ein, aus, ein …

Das reine Glück schoss durch meinen Körper. Mir war danach zu lachen. Allerdings wurde der Laut augenblicklich abgewürgt. Eine Hand presste sich auf meinen Mund. Erneut fehlte mir der Atem und ich begann sofort mich zu wehren. Das Ergebnis war nicht, was ich im Sinn hatte, denn anstatt die Pranke loszuwerden, die mir Mund und Nase zudrückte, legte sich auch noch ein Stahlband um meine Mitte, das beide Arme an meinen Körper presste und mich bewegungslos zurückließ. Da ich an eine harte Mauer in meinem Rücken gepresst, und heißer Atem über meine Wange krabbelte, während unverständliche Worte gemurmelt wurden, korrigierte ich gedanklich das Stahlband mit Arm, auch wenn es sich nicht anfühlte, als wäre etwas Menschliches um mich herum.