Verlag: neobooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Ein fast perfekter Winter in St. Agnes E-Book

Bettina Reiter  

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E-Book-Beschreibung Ein fast perfekter Winter in St. Agnes - Bettina Reiter

„Emma tu dies, Emma tu das“, und Emma tut es. Das ist die bittere Bilanz der einunddreißigjährigen Konditorin Emma Sinclair, die sich von Kindheit an wie ein Fremdkörper in ihrer Familie fühlt. Bis ihr eines Tages ein Zufall zu Hilfe kommt, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt und sie in das beschauliche Küstendorf St. Agnes verschlägt. Dort steht sie aber nicht nur vor ihrer größten Herausforderung, sondern muss sich gegen eine folgenschwere Intrige behaupten. Gleichzeitig verliert sie ihr Herz ausgerechnet an den Mann, der im Dorf als Casanova bekannt ist …

Meinungen über das E-Book Ein fast perfekter Winter in St. Agnes - Bettina Reiter

E-Book-Leseprobe Ein fast perfekter Winter in St. Agnes - Bettina Reiter

Bettina Reiter

Ein fast perfekter Winter in St. Agnes

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Kurze Einführung in den 1. Teil

19. Dezember 1995, London

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Danksagung

Weitere Veröffentlichungen

Liste der Musiktitel

Zusammenfassung

Impressum neobooks

Vorwort

© Bettina Reiter

Lektorat: Edwin Sametz, Titelbildgestaltung: © Bettina Reiter

Titelbilder: Pixabay: Larisa-K, maciej326, Sangeeth88

Bilder/innen: Fotolia: © marc/Fotolia.com, © ViDi Studio/Fotolia.com

Grafiken/Illustrationen: Pixabay: machiej326, alex80, Janson_G, Clker-Free-Vector-Images,

OpenClipart-Vectors, SilviaP-Design, gamerio, PandraRose, Deedster, Deviser, suju, Chukovskaya, ROverhate

Website der Autorin: www.bettinareiter.at

Alle Rechte liegen bei der Autorin.

Sämtliche Texte sowie das Cover sind urheberrechtlich geschützt.

Eine Nutzung in jeglicher Form (Fotokopie, Mikrofilm, Verbreitung, Textauszug, Vervielfältigung oder anderes)

ist ohne die schriftliche Genehmigung des Rechteinhabers/Urhebers nicht zulässig und daher strafbar!

♥ Für meine Kinder♥

Herz und Seele sind der beste Kompass,

Fehler manchmal richtungsweisend. Manche werdet ihr bereuen, aus manchen lernen,

an anderen wachsen und jene in Erinnerung behalten, die es wert waren.

Und vergesst nie: Tut alles auf eure Weise,

denn die Himmelsrichtung eures Lebens bestimmt ihr allein.

Many thanks to Gill (st-agnes.com) for the nice support

and the great Christmas impressions of St. Agnes.

It was wonderful to be there in my thoughts.

Liebe Leserinnen und Leser,

nun ist es soweit und ich reise neuerlich mit Ihnen gemeinsam nach St. Agnes. In dieses wundervolle Küstendorf, dem ein ganz eigener Zauber innewohnt. Ich persönlich habe mich sehr gefreut, mit einer neuen Geschichte an den Ort zurückzukehren, in dem ich mich so wohlfühle.

Wie bereits im ersten Teil „Ein fast perfekter Sommer in St. Agnes“ sind auch im zweiten Teil alle handelnden Personen frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Bars, Restaurants usw. entstammen wie gehabt meiner Fantasie, allerdings benenne ich auch reale Schauplätze.

Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen schöne Lesestunden und entführe Sie jetzt nach St. Agnes in den Winterurlaub (okay, ein bisschen Frühling, Sommer und Herbst sind auch dabei ;-).

Viel Spaß mit Emma.

Herzlichst, Ihre Bettina Reiter

Kurze Einführung in den 1. Teil

„Ein fast perfekter Sommer in St. Agnes“

Vielleicht ist es schon länger her, dass Sie den ersten Teil gelesen haben. Um Ihnen den Einstieg zu erleichtern, möchte ich nachfolgend auf einige Personen eingehen, die Ihnen auch in Emmas Geschichte begegnen werden:

Minnie & Duncan: Die beiden sind noch immer glücklich und pflegen ihr Faible für schottische Kleidung. Aber wehe dem, der hinter Minnie steht, wenn sie sich bückt (Sie erinnern sich?). Ihre Outfits sind nach wie vor ziemlich eng bemessen, aber niemand ist perfekt, nicht wahr? Duncan genießt übrigens sein Pensionisten-Dasein und hilft manchmal als Elektriker aus. Ansonsten spielt er wie gehabt ab und zu im Aloha, während Minnie mit Freude ihr kleines Souvenir-Geschäft am Town Hill führt.

Pater Jeremy: Er freut sich sehr, dass seine Nichte Annie mit Jack endlich ihr Glück gefunden hat. Allerdings sieht er die „Wilde Ehe“ der beiden nicht so gerne und wäre froh, wenn sie endlich heiraten würden. Doch diese Mühlen mahlen ziemlich langsam … die beiden denken gar nicht daran, in dieser Sache auf ihn zu hören!

Josie und George: Sie haben sich in St. Agnes gut eingelebt, nachdem sie von Pencanze hergezogen sind. Mittlerweile sind sie Eltern von drei Kindern (die Zwillinge und ihr Mädchen), rollen jeder Nanny den roten Teppich aus und während George weiterhin als Pilot arbeitet, hat Josie einen Job in einem Tourismus-Büro angenommen.

Leni: Bei ihr hat sich wenig geändert. Sie besucht die Schule in Redruth und genießt ihre Liebe zu Harry - dem Sohn des Schuldirektors. Ihre Leidenschaft gehört weiterhin der Schauspielerei und natürlich ihrem Hund Rocky.

Annie und Jack: Sie scheinen das große Glück gepachtet zu haben und lieben sich stärker als je zuvor. Die beiden Herzschlösser haben demnach ihre Zauberkraft nicht verloren und auch Annies Geschäft läuft super. Inzwischen hat sie sich einen guten Namen gemacht und Jack lebt seine Leidenschaft zu Antiquitäten aus. Allerdings befasst er sich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, einem weiteren Geschäftszweig nachzugehen. Ob er Nägel mit Köpfen macht, werden wir sicherlich im Laufe der Geschichte erfahren.

Wem begegnen wir noch? Rose und Annies Dad Joseph, der keinen Tropfen mehr trinkt und Rose manchmal im Geschäft hilft. Auch Trijn und Hermes sind noch zusammen, die jedoch meistens auf Tour sind und ihr Leben in vollen Zügen genießen.

Sally ist mittlerweile die beste Kundschaft im eigenen Tattoo-Geschäft und ein Verkaufs-As im Porzellanladen. Amber und Todd lieben das Aloha heiß und innig, das sie ja von Lance und dessen Frau übernommen haben, die sich auf Mallorca ein neues Leben aufbauen.

Roger und Trish: Die zwei haben nur aufgrund der Unterhaltszahlungen Kontakt miteinander. Sie lebt weiterhin mit seinem Sohn Lucas in Dublin. Allerdings ließ Roger in den letzten zwei Jahren bekanntlich nichts anbrennen und betäubt sich mit Alkohol. Als Chef der Bank nicht unbedingt von Vorteil. Mal sehen, ob er sich besinnt …

Weihnachten bedeutet: nach Hause kommen.

In der Heiligen Nacht tritt man gern einmal aus der Tür

und steht allein unter dem Himmel, nur um zu spüren, wie still es ist,

wie alles den Atem anhält, um auf das Wunder zu warten.

Heinrich Waggerl

19. Dezember 1995, London

Emma konnte die alte Eiche vor ihrem Elternhaus bereits von weitem sehen, als sie die verschneite Straße in Greenwich entlangschritt. Fahles Sonnenlicht fiel auf die knorrigverzweigten Äste und ließ die Schneekristalle schimmern, als hätte jemand einen Eimer voller Glitzer über den Baum gestreut. In Emmas Fantasie hatte die Eiche ohnehin Zauberkräfte und oft stellte sie sich vor, dass Elfen darin wohnten, die jeden Wunsch erfüllen konnten.

Je näher Emma der Eiche kam, desto mehr kribbelte es in ihr. Zu sehr hoffte sie, dass heuer alles anders werden würde. Deshalb nahm sie den Polizeiwagen nur am Rande wahr, der vom Grundstück ihres Elternhauses fuhr.

Viel wichtiger war ihr neunter Geburtstag und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als ein Geschenk von ihren Eltern. So, wie es bei ihren Schwestern Tiffany und Kim der Fall war, deren Geburtstage gefeiert wurden. Sie bekam bisher stets nur den doofen Spruch zu hören: In einigen Tagen ist Weihnachten, da gibt es ohnehin Geschenke.

Aber Emma wollte nicht auf Weihnachten warten, sondern zu ihrem Geburtstag etwas bekommen. Ein Tag, dem sie förmlich entgegenfieberte. Außerdem könnte sie endlich in der Klasse erzählen, was sich ihre Eltern für sie einfallen lassen hatten. So wie es die Schulkameraden oder ihre besten Freunde Linda und Grant taten.

„Du bist spät dran!“, begrüßte die Mutter sie, kaum dass Emma die Küche betrat. „Außerdem hast du noch deine Stiefel an. Zieh sie sofort aus. Ich habe gerade alles durchgewischt.“ Emma zögerte und schaute ihrer Mom dabei zu, wie sie im Topf rührte. Es gab Kartoffelsuppe. Ob die Torte im Kühlschrank war? Für Kim und Tiff gab es immer eine. „Wird’s bald, Emma. Ich habe nicht ewig Zeit und muss in einer Stunde in der Innenstadt sein. Deine Tante Camilla veranstaltet eine Lesung und kann jeden Zuhörer brauchen. Tiff und Kim kommen später mit Dad heim. Bis dahin bist du allein. Also kümmere dich in der Zwischenzeit um die Hausaufgaben und mach niemandem die Tür auf, verstanden?“ Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. „Es schleicht sich allerhand Gesindel in Greenwich herum.“

„War die Polizei deshalb da?“

„Du hast sie gesehen?“ Ihre Mutter wirkte plötzlich hektisch. „Nein“, dementierte sie sogleich. „Das hatte einen anderen Grund. Und jetzt mach was ich dir gesagt habe.“

Emma stand weiterhin wie angenagelt vor ihrer Mutter. Gleich würde sie lachen und sie in die Arme nehmen, um ihr zu gratulieren. Sie konnte unmöglich vergessen haben, wie schlecht es ihr beim letzten Geburtstag gegangen war. Immerhin hatte sie wie ein Schlosshund geweint. Oder war das Geschenk in ihrem Zimmer versteckt?

Flugs eilte Emma zur Schuhanrichte im Gang und schlüpfte aus den Stiefeln. Wenige Sekunden darauf landete der pinke Schulranzen daneben. „Ich gehe auf mein Zimmer“, rief sie der Mutter durch die halboffene Tür zu und war bereits bei der Treppe.

„In fünf Minuten wird gegessen“, kam es zurück. „Ach ja: Happy Birthday.“

Ihre Mom hatte es nicht vergessen!

Übermütig hopste Emma die Treppen hoch und kaum in ihrem kleinen Zimmer angelangt, ließ sie den Blick durch den Raum schweifen. Die weißen Stores vor dem gekippten Fenster blähten sich. Der Quilt auf dem Bett zeigte keine einzige Falte, die darauf schließen ließ, dass etwas darunter versteckt war. Vielleicht würde sie in den Schubladen fündig? Emma öffnete eine nach der anderen und verdrängte die aufkommende Enttäuschung. Noch hatte sie nicht alles abgesucht!

Aber weder im Kleiderschrank noch unter dem Bett oder hinter ihrem schneeweißen Lieblingsbären fand sie ein Geschenk. Als die Mutter zum Essen rief, trottete Emma hinunter und setzte sich an den großzügigen Tisch in Stein-Optik, der sich neben der offenen Küche befand.

Die Mutter stellte den dampfenden Teller vor Emma hin. „Ich muss mich umziehen. Kann ich mich auf dich verlassen?“

„Ja, Mom.“ Missmutig griff Emma zum Löffel. „Bekomme ich … ähm … nachher mein Geschenk?“ Sie dachte an die Eiche. An die Elfen.

„Ach, Emma, bald ist Weihnachten. Da gibt es genug Geschenke.“

„Ich habe aber heute Geburtstag!“, begehrte Emma auf und ließ den Löffel los, der dumpf auf dem Tisch aufschlug. „Kim und Tiff kriegen jedes Jahr etwas. Warum ich nicht?“

„Du und deine dumme Eifersucht“, fuhr die Mutter auf. „Was ist schon ein Geburtstag? Außerdem gibt es nichts, worüber du dich beklagen könntest. Wir tun alles für euch, also hör auf so undankbar zu sein und nimm dir ein Beispiel an deinen Schwestern. Die dramatisieren nicht laufend jede Kleinigkeit. Vielleicht solltest du deine Nase nicht ständig in Bücher stecken. Das Leben ist nämlich keine deiner Fantasiewelten. Davon abgesehen ist dein Dad ohnehin sauer, dass du mir ständig das Leben schwer machst. Also reiß dich gefälligst zusammen. Es gibt Menschen, die wirkliche Probleme haben.“

Damit ließ die Mutter sie allein. Emma starrte auf die Suppe, in die hin und wieder eine Träne platschte. Sie hasste Kartoffelsuppe. Vor allem hasste sie Weihnachten, weil dieses blöde Fest an allem schuld war. Aber Hauptsache, dieser Jesus wurde von allen gefeiert. Da kamen sogar drei Könige mit Geschenken vorbei. Blöder Geburtstag!

Missmutig trug Emma den vollen Teller in die Küche und sah die Mutter wegfahren. Das Funkeln der Eiche war erloschen. Schiefergrau hing der Himmel über dem Baum. Unzählige Schneeflocken wirbelten herab. Emma wünschte sich eine von ihnen zu sein. Irgendwann tauten sie und verschwanden für immer. Als wären sie nie da gewesen. Genauso fühlte sie sich. Als wäre sie nicht vorhanden. Deshalb würde es keinen interessieren, wenn sie die Hausaufgaben nicht machte. Wieso sollte sie? Trotz guter Noten lobte der Vater ständig ihre Schwestern. Sogar Tiff, die in Mathe eine Niete und in Deutsch eine Doppelniete war. Trotzdem bekam sie vorne und hinten alles hineingestopft. Da musste sogar Kim manchmal zurückstecken, was Emma jedoch nicht leidtat. Wenn es darauf ankam, stand die jüngste der Familie stets auf Tiffs Seite.

„Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“, war das erste, das Emma auch heute von ihrem Dad hörte, als er mit ihren Schwestern zur Tür hereinkam. Tiffs und Kims Wangen waren gerötet. Sie rochen nach frischer Luft und etwas Süßem. Kandierte Äpfel? „Sag schon.“ Er zog sich die Jacke aus und hängte sie an die Garderobe.

„Ja, habe ich“, schwindelte Emma. Die waren garantiert eislaufen gewesen!

„Hol die Schlittschuhe aus dem Auto“, bat der Vater Kim, als hätte er Emmas Gegenwart bereits vergessen, die sich bestätigt fühlte. Verletzt und traurig. Ständig unternahmen sie etwas ohne sie. Nur wenn ihre Mutter dabei war, fuhren sie manchmal mit der ganzen Familie aus.

„Alles Gute zum Geburtstag“, wisperte Kim im Vorbeigehen. So leise, als hätte sie Angst, dass es irgendjemand mitbekommen könnte. Lächelnd schaute Emma ihr nach, bis ihr Blick auf Tiff fiel, die Kim erst aus den Augen ließ, nachdem die Haustür hinter ihr zugefallen war.

„Was hat sie zu dir gesagt?“, wollte Tiff prompt wissen, die einen nagelneuen Wintermantel trug. Himmelblau, mit abgesteppten Nähten und Goldknöpfen. Den hatte Emma vor einiger Zeit auf dem Weg zur Schule in einem Schaufenster gesehen. Leider hatte sie sich förmlich die Nase am Glas plattgedrückt, was Tiff nicht entgangen war. Jetzt lief sie damit herum, während Emma wie üblich in die Röhre schaute.

„Das geht dich nichts an“, antwortete Emma.

„Sag mal, wie redest du mit deiner Schwester?“ Ihr Vater hob drohend den Zeigefinger. „Sie hat dir eine einfache Frage gestellt. Statt höflich zu antworten, fährst du sie an. Du hast eine Woche Hausarrest.“ Triumphierend stand Tiff da, die sich den Mantel aufknöpfte. Emma hätte ihr die Goldknöpfe am liebsten einzeln ausgerissen. Mitsamt ihrem blonden Engelshaar. „Nicht schon wieder!“, schimpfte ihr Dad erneut. Unterschwellig war Musik zu hören. Wie jeden Tag um diese Zeit. Ihre alte Nachbarin Mrs. Bing hörte eine Stunde lang dasselbe Lied. Bei weit geöffnetem Fenster. Sommer wie Winter. „Irgendwann flippe ich aus! Ich kann dieses My Way nicht mehr hören.“ Er ging ins Wohnzimmer.

„Was hast du eigentlich zum Geburtstag bekommen?“ Tiff schälte sich aus ihrem Mantel und grinste. „Oh je, ich habe völlig vergessen, dass du jedes Jahr leer ausgehst.“

Ihr Spott tat weh, obwohl Emma längst daran gewöhnt sein müsste. „Lass mich in Ruhe.“

„Gern. Du bist sowieso eine blöde Kuh. Keiner mag dich. An deiner Stelle würde ich abhauen. Mom und Dad wären bestimmt froh darüber.“

Emma ließ den Kopf hängen. Es war immer dasselbe. Tiff schaffte es, sie zum Weinen zu bringen. Oder so weit, dass sie kein Wort mehr herausbrachte. Im Grunde hatte sie ja recht. Niemandem würde sie fehlen.

Ein Gedanke, der Emma durch ihre gesamte Kindheit begleitete. Sie blieb ein Fremdkörper in dieser Familie und fragte sich mit zunehmendem Alter, ob sie adoptiert worden war. Wer wusste es schon? Doch den Mumm, direkt nachzufragen, hatte sie nicht. Sonst würde es erneut heißen, dass sie aus allem ein Problem machte. Außerdem war ihr Vater mit den Jahren zunehmend weniger zuhause, wodurch sie nicht ständig seiner Nörgelei ausgesetzt war.

Mit einer kleinen Konditorei in London hatte seine kometenhafte Karriere begonnen. Als Emma zwölf war, besaß er bereits zig Filialen in ganz Großbritannien. Wenn er müde heimkam, zog er sich meistens in sein Büro unter dem Dach zurück und wollte nichts von den Problemen hören, mit denen sich die Mutter herumschlagen musste. Selbstredend, dass meistens Emma der Stein des Anstoßes war. Tiff ließ sich nämlich immer wildere Geschichten einfallen, um ihr den schwarzen Peter zuzuschieben. Nicht selten erfand sie sogar Sachen, um sie vor den Eltern in Ungnade fallen zu lassen. Wie unter anderem die dreiste Lüge, dass Emma Drogen nehmen würde. Ihr Vater war außer sich gewesen, der um seinen guten Ruf fürchtete. Nichts hasste er mehr als negative Publicity. Natürlich hatte Emma die haltlose Beschuldigung dementiert. Mit dem Ergebnis, dass ihr Vater sie das schwarze Schaf der Familie nannte. Sie war es wohl auch und wurde allmählich schweigsamer, bis sie sich überhaupt nicht mehr zur Wehr setzte.

Als Jugendliche flüchtete sie sich deshalb oft zu ihrer Tante Camilla, die eine Bücherei besaß. Die Schwester ihres Dads war nett, weshalb Emma mit sechzehn bei ihr im Laden jobbte. Manchmal kam ihre Mutter vorbei, um sich ein Buch zu kaufen. Bei dieser Gelegenheit erteilte sie der Tante oft Ratschläge. Insbesondere, wie sie sich endlich den Mann fürs Leben angeln oder das Geschäft modernisieren könnte. Dabei war es gerade das altwürdige Ambiente der Bücherei, das Emma über alles liebte. Ihrer Tante ging es scheinbar ähnlich, die nichts Wesentliches änderte und mit einer Engelsgeduld darüber hinweg sah, wenn sich Emmas Mom besonders an Weihnachten über zu viel Dekoration im Buchladen mokierte.

In dieser Angelegenheit waren sich Emma und ihre Mom ausnahmsweise einig. Wer brauchte Weihnachten? Kein Mensch! Selbstredend, dass die Geschichte Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat von Kindesbeinen an zu ihren Lieblingsbüchern gehörte. Oft las sie ihrem Bären namens Grinch daraus vor. Diese Zeiten waren zwar vorbei, die Abneigung blieb. Insbesondere, da es im Buchladen überall glitzerte und funkelte. Wo war eine Müllhalde, wenn man sie brauchte? Und dann dieses Gedudel. Ob beim Einkaufen oder in den Straßen, überall wurde Weihnachten besungen. Kitschiger ging es nicht mehr! Dennoch war ihre Tante mittendrin statt nur dabei. Sie, die ansonsten lieber Bücher für sich sprechen ließ und unter dem Jahr auf jeglichen Ramsch verzichtete.

Gelinde gesagt zeigte sich ihre Tante entsetzt, als sie hinter Emmas Anti-Weihnachts-Haltung kam. Vermutlich drängte sie ihr deswegen eine rote Kugel mit einer Masche auf. Angeblich die erste, die sie sich von ihrem selbstverdienten Geld gekauft hatte. Mit den Worten: „Es kommt der Tag, an dem du den Zauber von Weihnachten fühlen wirst“, überreichte sie Emma das geschmacklose Ding. Nur mit Mühe widerstand diese dem Drang, die Kugel augenblicklich fallen zu lassen. Ob es an Camillas feierlicher Miene lag? Am sentimentalen Ausdruck in ihren Augen? Oder an der Liebe zur Tante? Jedenfalls wäre die Kugel ohne diese Gründe im Nirwana gelandet. So hortete Emma sie jedoch, verabscheute Weihnachten weiterhin mit großer Leidenschaft und zählte mit zunehmendem Alter den Film Der Grinch zu ihren Favoriten. Zumindest die erste Hälfte davon. Dann schaltete sie um. Das Buch hatte sie an ähnlicher Stelle ebenfalls stets weggelegt. Leider ließ sich der sympathische Weihnachtsmuffel in weiterer Folge bekehren. Das würde ihr in diesem Leben sicher nicht passieren!

Abgesehen von solchen Tiefpunkten gab es auch Höhen. Wenigstens durfte Emma den Beruf ergreifen, den sie erlernen wollte und ließ sich zur Konditorin ausbilden. Ein Wunsch, den sie bereits in jungen Jahren gehegt hatte, da der Vater manchmal die ganze Familie mit in den Laden nahm. Während Kim und Tiff im Gastraum herumtobten, verzog sich Emma meistens in die Küche und schaute den Angestellten über die Schulter. Was sie aus einem Klumpen Teig herstellten, faszinierte sie so sehr, dass sie ihnen nacheifern wollte. Vielleicht spielte die Hoffnung mit, dass ihr Vater stolz sein würde auf sie. Immerhin trat sie als Einzige in seine Fußstapfen. Doch vor anderen Leuten hob er stets Kim hervor, die Ärztin werden wollte. Oder Tiff, die sich für Modedesign interessierte. Emma blieb weiterhin unsichtbar. Ganz so, als wäre sie nie geboren worden. Eine Schneeflocke eben …

1. Kapitel

19. Dezember 2017, London, 22 Jahre später

Emma war völlig nassgeschwitzt, obwohl das beschlagene Fenster in der Backstube sperrangelweit offen stand. Hin und wieder verirrten sich Schneeflocken herein und tauten auf dem glänzenden Edelstahl der hypermodernen Gastronomieküche, die mit den besten Geräten ausgestattet war. Allein die Spülmaschine hatte ein Heidengeld gekostet, die just in diesem Augenblick piepste.

Seufzend warf sie den Lappen neben das verkrustete Backblech und öffnete die Maschine. Heißer Dampf quoll ihr entgegen. Ähnlich fühlte sich Emmas Innerstes an, während sie zur alten Bahnhofsuhr blickte, die über der Schwingtür hing. Fast zehn Uhr! Seit knapp vierzehn Stunden arbeitete sie und ein Ende war nicht in Sicht.

Erschöpft stellte sie sich zum Fenster und machte einen tiefen Atemzug. Dabei glaubte sie den Duft von gebrannten Mandeln wahrzunehmen. Hörte lautes Lachen und fröhliche Stimmen durch die Carnaby Street hallen, in der sich die Konditorei befand. Viele Menschen schlenderten an den hellerleuchteten Schaufenstern vorbei. Zur Weihnachtszeit war das Einkaufsviertel ein Besuchermagnet. Vor allem Touristen wurden mit vorweihnachtlichen Rabatten hergelockt. Von der Dekoration ganz zu schweigen. Wie in einem geschmacklosen Film schwebten riesige Leuchttafeln über der schneebedeckten Straße. Joy, Hope, Love …

„Hast du nichts zu tun?“, vernahm sie plötzlich die Stimme ihrer Schwester Tiffany.

Unwillig drehte sich Emma zu ihr um und fror auf einmal. Wie mondän ihre dreiunddreißigjährige Schwester im schwarzen Etuikleid aussah. Als wäre sie einem Filmklassiker entstiegen. Neben ihr konnte man sich nur wie das Aschenputtel fühlen. „Schau dich um und frag mich noch einmal“, piepste Emma. In Tiffs Gegenwart versagte ihr ständig die Stimme. Dabei würde es unheimlich guttun, endlich auf den Tisch zu hauen und ihrer Schwester die Meinung ins perfekt geschminkte Gesicht zu brüllen. Etwas, das sie sich tausendmal vorgestellt und genauso oft verworfen hatte. Im Wissen, dass sie gegen Tiff nur verlieren konnte. „Hast du dir schon Gedanken wegen meiner Arbeitszeit gemacht?“, schob Emma mit dünner Stimme nach. Vor einigen Tagen hatte sie sich nach wochenlangem Anlauf dazu durchgerungen, ihre Schwester um kürzere Arbeitszeiten zu bitten. Sie sah ihren Mann Brandon kaum noch. So konnte es nicht weitergehen, denn ein Privatleben kannte Emma mittlerweile nur vom Hörensagen. „Du weißt schon, wegen Brandon und so.“

„Da er ständig auf Geschäftsreise ist, wird er dich nicht sonderlich vermissen. Deswegen sollten wir dieses Gespräch vertagen. Wenigstens bis nach den Feiertagen. Du siehst ja selbst, was Tag für Tag los ist. Die Leute rennen uns die Bude ein.“ Tiff blickte in den kleinen Spiegel neben der Schwingtür und fuhr sich ordnend über das hochgesteckte blonde Haar. An ihren Ohren glänzten auffallende Strass-Ohrringe - sofern es Strass war. Von solchen Dingen hatte Emma keine Ahnung. „Ich habe ein Date mit einem Wirtschaftsmogul und mache jetzt Feierabend.“ Mit einem zufriedenen Lächeln auf den rotschimmernden Lippen wandte sie sich Emma zu. „Der Typ ist zwar steinalt, doch sein Geld macht ihn um einiges jünger.“

„Aber hier steht jede Menge dreckiges Geschirr.“ Emma blickte sich vielsagend in der Backstube um. „Soll ich das wieder alleine spülen?“

„Die Küche ist dein Ressort“, verkündete Tiff ungerührt und schaute sich auf die rotlackierten spitzen Nägel. Sobald einer abbrach, kreischte sie wie eine Tobsüchtige. Das tat sie ebenso mit den Angestellten und Emma, als wären sie alle reihenweise abgebrochene Nägel. Tiff konnte sich nur schwer beherrschen. Besonders an hektischen Tagen wie diesen. „Allerdings habe ich im Gastraum nicht die ganze Arbeit geschafft. Erledige du den Rest, wenn du schon dabei bist.“ Hoch erhobenen Hauptes eilte Tiff auf ihren schwarzen Stilettos aus der Backstube.

Emma starrte auf die heftig schwingende Tür. Hörte das pfeifende Geräusch, das sie verursachte und sank auf den Hocker vor dem Arbeitstisch, auf dem ein paar misslungene Marzipan-Rosen lagen. Misslungen. Genauso fühlte sich ihr Leben an.

Stillschweigend ließ sie alles über sich ergehen. Ob es tatsächlich das Los des typischen Sandwich-Kindes war, dass man ganz unten auf der Liste stand? Sollte sie sich endlich damit abfinden, dass sich daran nie etwas ändern würde? Sie war einfach zu feige, um sich aufzulehnen und würde bis zum bitteren Ende Emma, das Arbeitstier, bleiben. Emma, die Komplizierte. Emma, die es nie so weit bringen würde wie ihre Schwestern.

Tiff war als Erstgeborene scheinbar etwas Besonderes. Sie führte die Geschäfte, seitdem sich ihr Dad vor einem Jahr zur Ruhe gesetzt hatte. Ausgerechnet ihr vertraute er seine Laden-Kette an. Für Emma unfassbar. All die Jahre hatte sie sich förmlich abgestrampelt und ihr Können unter Beweis gestellt. Aber um den Vater stolz zu machen würden hundert Jahre nicht reichen. Dabei hatte sie im Gegensatz zu Tiff das Geschäft von der Pike auf gelernt. Ihre Schwester war Quereinsteigerin, nachdem sie mit ihrem Haute-Couture Laden in Konkurs ging. Tolle Voraussetzungen, doch der Vater hielt an seiner Entscheidung fest.

Und Kim? Sie war drei Jahre jünger als Emma, somit das Nesthäkchen der Familie. Ebenfalls ein Status, der ihr vieles in die Wiege gelegt hatte. Sicher, im Gegensatz zu Tiff und ihr hatte sie studiert und arbeitete tatsächlich als Ärztin. Dank ihres beeindruckenden IQ’s durfte sie sogar eine Klasse überspringen. Als wäre das nicht genug, hatte sie sich einen der begehrtesten Londoner Junggesellen geangelt und Dylan vor fünf Jahr geheiratet. Von ihrer Traumhochzeit hatten die Leute lange gesprochen. Ganz zu schweigen von der feudalen Villa, die ihnen Emmas Dad finanzierte.

Brandon und sie mussten sich das kleine Häuschen in der Nähe ihres Elternhauses dagegen vom Mund absparen. Zwar hatte ihnen der Vater ein klein wenig unter die Arme gegriffen, aber im Vergleich zu ihren Schwestern war die Summe lachhaft gewesen. Nicht, dass es Emma um Geld ging. Letztendlich ließ sich jedoch selbst damit ermessen, wie viel ein Mensch wert war. Im wahrsten Sinne des Wortes. In ihrem Fall hieß das wenig bis gar nichts. Das galt auch für ihre Hochzeit, die sie zwecks Geldmangels nur im engsten Kreis abhalten konnten. Dass ihr Dad sie nicht wie Kim zum Altar führte, hatte sie am meisten getroffen. Ganz zu schweigen davon, dass er beim legendären Ball der Töchter einige Wochen danach den Tochter-Vater-Tanz nur Kim und Tiff zugestand. Als Emma an der Reihe war, klagte er plötzlich über Schmerzen in den Beinen. Eine lapidare Ausrede, wie es in den letzten Jahren oft der Fall gewesen war.

Mit Tränen in den Augen fuhr sich Emma über die heiße Stirn. Es war verletzend und tat weh. Immer wieder. Wie eine Wunde, die nicht heilen wollte. Leider würden ihre Eltern nie verstehen, wie unfair das war. Wie ungeliebt man sich fühlte, wenn man den Geschwistern dabei zusehen musste, wie sie unterstützt wurden. Egal wobei. Und sei es nur, indem man sie zum Altar führe oder mit ihnen tanzte.

„Happy Birthday, Süße.“

Erschrocken wandte sich Emma zum Fenster. Als sie ihre besten Freunde Linda und Grant erblickte, war es um ihre Fassung geschehen. Sie schluchzte auf, während die beiden wie Diebe in die Backstube kletterten. Ehe sie sich’s versah, wurde sie von ihnen in die Arme genommen und hüllte sich nur zu gern in diese Wärme ein. In ihre Freundschaft, die nichts übertreffen konnte. In das Vertrauen und das Wissen, dass es Menschen gab, die sie so mochten wie sie war.

„Was ist los mit dir?“, fragte Linda sanft, die sich gleichzeitig mit Grant von Emma gelöst hatte und ihr forschend in die Augen blickte. „Deine Eltern?“

„Wer sonst?“, erboste sich Grant, der sich an den Arbeitstisch lehnte und die beschlagene Nickelbrille abnahm. Linda blieb in der Hocke und legte ihre kalten Hände auf Emmas, die untätig im Schoß lagen. „Bei Emma kommt pünktlich an ihrem Geburtstag alles hoch. Haben sich Claire und Ben wenigstens bei dir gemeldet?“

„Meine Eltern scheinen Besseres zu tun zu haben“, erwiderte Emma schniefend. Flugs erhob sich Linda, kramte in ihrer Lederhandtasche und reichte ihr ein Taschentuch. Ihre Freundin war stets für alle Eventualitäten gerüstet. Kein Wunder, in ihrer Tasche sah es aus wie in einem Tante Emma Laden. Sogar Schokolade fand sich manchmal in den Untiefen, seit Jahren abgelaufen. Im Beruf war sie hingegen extrem organisiert und fiel durch ihre schillernde Erscheinung auf. Großgewachsen, grellrotes raspelkurzes Haar, meist androgyn gekleidet mit einer Vorliebe für bunten Nagellack und sie hasste Jeans, womit sie ohnehin durch das allgemeine Raster fiel. „Ich habe sowieso nicht damit gerechnet.“ Schon lange gratulierten ihr die Eltern nicht einmal mehr.

„Und ob du das tust“, widersprach Grant, der Emma kannte wie seine Westentasche. „Alle Jahre wieder wartest du darauf.“ Er kratzte sich an der Glatze am Hinterkopf. Unter dem Haarausfall litt er fast genauso wie unter der Verkrümmung seiner Wirbelsäule, die ihm sowohl schlimme Schmerzen als auch viel Häme einbrachte. Grant scheute dennoch jeden Arzt. Dabei redeten Linda und Emma seit geraumer Zeit mit Engelszungen auf ihn ein. Erfolglos. Leider quälte er sich lieber weiterhin, statt sich behandeln zu lassen. „Tut mir leid für dich, Emma.“ Grant legte die Brille und seinen roten Schal auf den Arbeitstisch. Am Schulterbereich seines kobaltblauen Parkas zeichneten sich dunkle Flecken ab.

„Mir tut es leid, dass ich unfähig bin über den Dingen zu stehen. Ihr Armen müsst euch ständig mein Jammern anhören.“ Herzhaft schnäuzte sich Emma, bevor sie das zerknüllte Tuch in die Tasche ihrer Schürze steckte. „Ich wüsste zu gerne, wieso dieser Unterschied gemacht wird.“ Erneut trieb es ihr die Tränen in die Augen. Beinahe hasste sie sich dafür, dass sie sich ständig mit diesen Gedanken herumschlug. Jede Träne war eine zu viel. Vergeudete Energie. Trotzdem konnte sie nicht anders. Vor allem ihr Geburtstag und Weihnachten waren in dieser Hinsicht äußerst kontraproduktiv. Die Enttäuschung war vorprogrammiert.

„Im Gegensatz zu Tiff bist du grundehrlich, liebenswürdig und hast ein großes Herz“, ergriff Grant Partei für Emma. „Kim kenne ich zu wenig, aber sie kann dir in dieser Hinsicht ebenfalls nicht das Wasser reichen. Demzufolge gibt es einen riesigen Unterschied zwischen euch.“

„Grant hat recht“, sagte Linda und lächelte aufmunternd. „Doch statt Trübsal zu blasen, sollten wir feiern gehen.“ Sie trug eine beige Baskenmütze mit aufgenähten Blumen an der linken Seite und einen dazu passenden Kurzmantel. „Deswegen sind wir schließlich gekommen.“

„Ist Brandon eigentlich von seiner Geschäftsreise zurück?“ Mit gequältem Gesicht streckte sich Grant durch, der plötzlich nervös wirkte.

„Er kommt morgen.“ Emmas Stimmung sank auf den Tiefpunkt. Tiefer ging es nicht mehr. Seit vier Jahren waren sie ein Ehepaar. Zwischenzeitlich mehr auf dem Papier als in Wirklichkeit. Anfangs hatte Brandon wegen ihres Arbeitspensums oft gemeckert. In den letzten Monaten zeigte er jedoch viel Verständnis. Vermutlich, weil er befördert worden war und daher oft auf Reisen gehen musste. Somit saßen Sie in einem ähnlichen Boot. Umso größer war Emmas Befürchtung, dass sie sich über kurz oder lang auseinanderleben würden. „Ich schätze, wir feiern morgen ein bisschen“, machte sie sich selbst Mut.

„Du schätzt?“, hakte Linda nach. „Hat er sich nicht gemeldet?“

Emma schüttelte den Kopf. „Er wird viel zu tun haben.“

„Und wenn schon. Brandon weiß, wie viel dir der Tag bedeutet.“

„Ich sollte damit aufhören, meinen Geburtstag so wichtig zu nehmen“, ließ Emma verlauten. „Oder mich selbst. Immerhin bin ich einunddreißig und kein kleines Kind mehr.“

„Die Kindheit prägt jeden Menschen“, erwiderte Linda. „Du hast mir oft unsagbar leidgetan.“

Emma schaute zu ihr hoch. „Aber irgendwann muss man darüber hinwegkommen.“

„Ist das deine Meinung oder Brandons?“ Linda strich sich einige Strähnen aus der Stirn. Sie und Emmas Mann hatten nie das beste Verhältnis gehabt. Ihre Freundin hielt ihn für oberflächlich, woraus sie nie einen Hehl gemacht hatte. Dennoch versuchte sie sich mit ihm zu arrangieren, sofern sie aufeinandertrafen.

„Du kennst Brandon nicht so wie ich, Linda.“ Abrupt erhob sich Emma und trat vor den Spiegel. „Außerdem hat er es nicht einfach mit mir …“

„Hör endlich damit auf, dich runterzumachen.“ Linda trat hinter Emma und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Du hast so wenig Selbstbewusstsein, dass es wehtut.“

Eingehend betrachtete sich Emma. Ihr langes schwarzes Haar trug sie wie üblich zu einem Dutt. Sie war ungeschminkt und hatte eine fahle Gesichtsfarbe. Kein Wunder, sie kam kaum an die frische Luft. Infolgedessen nicht zum Shoppen. Das Geld war ohnehin knapp. So knapp wie die Auswahl in ihrem Kleiderschrank. Deshalb trug sie seit Jahren dasselbe: Weite Jeans, weite T-Shirts, noch weitere Pullis und flache Schuhe. Für die Arbeit genau das Richtige wie die Rüschenschürze mit dem Familienemblem auf der Brusttasche. By Eclaires stand in grüner Schrift darauf. Der Vater hatte seine Laden-Kette nach ihrer Mutter Claire benannt. „Ich dachte immer, dass alles gut werden würde, sobald ich verheiratet bin“, bekannte Emma. „Dass ich nur den einen Menschen brauche, der mich liebt, um mit der Vergangenheit abschließen zu können. Dennoch kommt ständig alles wie ein Bumerang zurück. Das ist schwierig für Brandon. Noch dazu bin ich ein Workaholic und sehe dementsprechend aus.“

„Das kannst du jederzeit ändern“, mischte sich Grant ein, dessen Blick Emma im Spiegel auffing. „Nimm deinen Geburtstag zum Anlass und fang ein neues Leben an. Befrei dich von der Sklaverei, die du Arbeit nennst. Kehr allen den Rücken, die dich seit Jahren piesacken und nicht einmal davor zurückschrecken …“ Er brach ab.

Prüfend musterte Emma sein finsteres Gesicht, bevor sie sich umwandte. „Die nicht einmal wovor zurückschrecken, Grant?“ Ihre Freunde senkten beinahe gleichzeitig den Kopf. „Was ist hier los?“

Ein Ruck ging durch Lindas Gestalt, bevor sie den Kopf hob. „Brandon betrügt dich.“

Drei Worte. Nur geflüstert. Trotzdem fühlten sie sich an, als hätte soeben eine Bombe eingeschlagen, die einen tiefen Krater in Emmas Herzen hinterließ. „Spinnst du komplett?“, unterstellte sie ihrer Freundin mit krächzender Stimme. „Wie kommst du auf diesen Blödsinn?“

„Sorry. Ich hätte das nicht sagen sollen.“

„Aber du hast es getan.“ Emma sah ihrer Freundin an der Nasenspitze an, wie entsetzt sie über sich selbst war. „Woher hast du diesen Humbug?“

„Aufgeschnappt“, behauptete Linda mit unsicherem Blick zu Grant.

„Von wem? Tiffany? Oder Kim? Erzählen meine Schwestern diese Lügen herum?“

„Sie tun nichts dergleichen und damit sollten wir das Thema beenden. Vor allem an deinem Geburtstag.“ Linda strich sich glättend über den Mantel. „Himmel, ich könnte mich dafür ohrfeigen, dass ich damit angefangen habe!“

„Eben. Du hast damit angefangen. Nun solltest du Klartext reden.“ Emma spürte, dass sie zitterte. „Immerhin habe ich ein Recht darauf zu wissen, wer hinter meinem Rücken solche Märchen verbreitet.“

„Emma … ich habe … Brandon selbst gesehen. Er ist in der Stadt.“ Linda hatte Tränen in den Augen. „Vor einigen Stunden machte ich Weihnachtseinkäufe“, fuhr sie fort. „Dabei entdeckte ich ihn. Er kaufte einen Ring bei einem teuren Juwelier.“

„Schön. Ich habe Geburtstag“, warf Emma ein, die sich fragte, woher er das Geld haben sollte. War er hinter ihr Notfallkonto gekommen? Nein, das würde er weder angreifen noch war er berechtigt, etwas abzuheben. Allein aus diesem Grund musste es sich um eine Verwechslung handeln. Oder hatte er sich Geld geliehen? Um ihr heuer eine besondere Überraschung zu bereiten, die so viel Planung erforderte, dass er seine Rückkehr geheim hielt, um in London einiges zu organisieren.

„Hast du in den letzten Monaten Rosen bekommen? Oder einen hübschen roten Kapuzenmantel?“, hielt Linda an ihrer Behauptung fest und die Unsicherheit war plötzlich wie weggeblasen. Übrig blieb eine zutiefst wütende Frau. „Der Typ ist so dämlich und kauft in meinem Viertel ein“, redete sie sich in Rage, als hätte sie monatelang darauf gewartet, sich Luft zu verschaffen. „Obwohl er weiß, dass ich dort lebe und arbeite. Außerdem übernachtet er im nobelsten Hotel. Das weiß ich aus erster Hand, weil ich ihm gefolgt bin und da ich den Concierge kenne, erfuhr ich, dass Brandon wiederholt mit seiner Frau ein Zimmer mietet. Exakt zur selben Zeit, wenn er angeblich auf Geschäftsreise ist.“

„Du musst dich irren.“ Emma zog sich den Hocker heran und setzte sich. Sonst wäre sie umgefallen. „Brandon würde mir das nie antun. Er weiß, wie sehr ich ihn liebe.“

„Bevor Linda ihn zum ersten Mal in der Stadt gesehen hat“, sprang Grant ihrer Freundin zur Seite, „kamen uns Gerüchte zu Ohren. Wir hielten sie für Nonsens. Immerhin wissen wir alle, wie viel aufgebauscht wird. Umso schlimmer ist es, dass die Leute nicht gelogen haben.“

„Stopp!“, rief Emma mit Wut im Bauch aus. „Was reimt ihr euch da zusammen? Es kann jeder gewesen sein, der Brandon ähnlich sieht. Oder hast du ihn zur Rede gestellt, Linda?“ Atemlos starrte sie auf deren blasse Lippen.

„Ich habe ihn nur von weitem beobachtet. Aber da ist die Sache mit dem Hotel …“

„Wofür es sicher eine plausible Erklärung gibt und bevor ich nicht mit Brandon gesprochen habe, glaube ich keinem ein Wort. Selbst euch nicht!“, griff Emma sie an. „Sobald mein Mann sämtliche Vorwürfe aus der Welt geschafft hat, könnt ihr euch übrigens bei uns entschuldigen!“

„Ich weiß, was ich gesehen habe. Und du weißt, wo du mich findest, wenn du mich brauchst“, blieb Linda uneinsichtig. „Trotz allem bin ich froh, dass es endlich ausgesprochen ist. Ich fühlte mich schäbig, dich im Ungewissen zu lassen.“

„Du fühlst dich schäbig?“, fuhr Emma endgültig aus der Haut. „Was denkst du, wie es mir geht? Ich dumme Kuh habe gedacht, dass ich mich wenigstens auf euch verlassen kann. Doch ihr seid dieselben Lügner wie alle anderen! Vielen Dank auch, dass ihr meinen Geburtstag ruiniert habt.“

„Das wollten wir zuletzt. Aber du hast auf die Wahrheit bestanden“, verteidigte Linda ihre Ehre und blieb bewundernswert ruhig, während Emma sie am liebsten zur Vernunft geschüttelt hätte. „Wir kennen uns jahrzehntelang und waren immer ehrlich zueinander. Natürlich ist der Augenblick denkbar ungünstig, doch gibt es überhaupt den richtigen für eine Nachricht wie diese? Noch dazu hadern Grant und ich eine ganze Weile mit unserem Wissen. Ich persönlich hätte es ohnehin nicht mehr lange geschafft, den Mund zu halten. Dazu bist du mir zu wichtig.“ Grant nickte. „Das mit Brandon ist …“

„Bitte halt den Mund, Linda“, fiel Emma ihr ins Wort, bevor die beiden hinter einem Tränenschleier verschwammen. „Ich will nichts mehr davon hören und jetzt geht bitte. Ich möchte alleine sein.“

Dichtes Schneetreiben fegte über London. Vom Wind getrieben, wirbelten dicke Flocken vor den beleuchteten Fenstern herum, als würden sie zu einer Musik tanzen. Vielleicht zum Lied von Louis Armstrong, das Emma auf dem Weg hierher aus einem der zahlreichen Lokale gehört hatte. What a wonderful world.

Was für ein Hohn! Es war keine wundervolle Welt, obwohl der Platz nicht grandioser sein könnte. Von hier oben hatte man einen beeindruckenden Blick über London. Auf dieser Aussichtsplattform, wie geschaffen für Verliebte. In ihrer Anfangszeit war sie mit Brandon oft hergekommen, wenn er sie nach Dienstschluss abgeholt hatte. Etwas, das er schon lange nicht mehr tat, von anderen Dingen gänzlich abgesehen.

Emmas Blick fiel auf das The Shard. Das EU-Gebäude galt als das höchste Londons und ragte wie eine nach oben schmaler werdende Säule aus Stahl und Glas in den Nachthimmel. Bis zwei Uhr würde die Spitze beleuchtet sein. Eine Tradition während der Weihnachtszeit.

Sie zog den grauen Mantel enger und konnte den Nebel sehen, wenn sie ausatmete. Es war empfindlich kalt im Gegensatz zu ihrer Backstube, die sie eine halbe Stunde nach dem Streit mit Linda und Grant fluchtartig verlassen hatte. Zum ersten Mal unaufgeräumt, weil sie keine Lust verspürte, ständig den Schlussdienst zu übernehmen, während sich ihre Schwester irgendwo amüsierte. Heute mit diesem Mann, morgen mit jenem. Tiff genoss ihr Single-Leben in vollen Zügen. Andererseits war es durchaus vorstellbar, dass sie unzufriedener war, als sie nach außen hin tat. Immerhin war Kim seit kurzem schwanger und Emmas Dad freute sich wie ein Verrückter auf sein erstes Enkelkind. Damit hatte Kim momentan die Nase vorn, was Tiff sicherlich nicht auf sich sitzen lassen würde. Obwohl die Schwestern sonst zusammenhielten, wollten beide das Alpha-Tier der Familie sein. Ein ewiger Konkurrenzkampf, der Emma ermüdete und im Grunde war sie nicht besser. Seit Jahren versuchte sie mit den Schwestern mitzuhalten. Damit musste endlich Schluss sein!

Das hieß jedoch, Ordnung in ihr Leben zu bringen. Darüber nachzudenken, wie die Zukunft aussehen sollte und vor allem die Sache mit Brandon zu klären, den sie mindestens zwanzig Mal angerufen hatte. Ohne nennenswerten Erfolg und je mehr Zeit verging, desto mehr nagten Lindas und Grants Anschuldigungen wie Ratten an Emmas Gedanken, die sich ständig im Kreis drehten.

Wieso zum Teufel hob ihr Mann nicht ab, damit sie darüber reden konnten? Danach würden sie darüber lachen und Pläne für morgen schmieden. Eine wohltuende Überlegung, die leider gegen das Bild prallte, das Emma ständig vor Augen hatte: Ein riesiges Hotelbett, auf dem sich Brandon mit irgendeiner Frau wälzte …

Verdrossen trank Emma einige Schlucke aus der Sektflasche. Sie hatte sie im Geschäft mitgehen lassen. Einfach so. Ohne jemand zu fragen, wie sie es sonst tat. Wie draufgängerisch! Jedenfalls fühlte es sich besser an als ständig zu kuschen. Emma tu dies, Emma tu das. Und Emma tat es. Sogar die Angestellten gewöhnten es sich an, Arbeiten auf sie abzuwälzen. Allerdings durfte sie keinem böse sein. Sie selbst hatte das all die Jahre mit sich machen lassen.

„Bevor Sie erschrecken: Ich bin kein Serienmörder, kein entlaufener Sträfling oder ein Psychopath, der aus einer Nervenheilanstalt geflohen ist.“

Mit der Flasche in der Hand wirbelte Emma herum und spürte, wie Sekt über ihre Hand rieselte. „Warum sollte ich das denken?“, erkundigte sie sich mutiger als sie war. Im schalen Schein der Außenlampe stand ein Mann, der einen dunklen Mantel trug. Das Haar hatte er zu einem lockeren Dutt zusammengebunden und wirkte eher wie ein Model als ein angsteinflößender Unhold. „Wie es aussieht, haben wir denselben Friseur“, entfuhr es ihr, bevor sie sich beherrschen konnte. Aber ein Witz lockerte die Situation auf. Nebenbei war ihr danach, über die Stränge zu schlagen, aus der eigenen Haut zu schlüpfen und Grenzen niederzutrampeln. Die Sektflasche war ein erster Schritt gewesen, um vom bisherigen Mausloch ins Licht zu treten. Außerdem lockerte der ungewohnte Alkohol ihre Zunge.

„Hauptsache praktisch.“ Ein Lächeln glitt über sein bis dahin ernstes Gesicht. „Man kann nicht ständig wie aus dem Ei gepellt aussehen.“

Prompt überkam Emma wieder das heulende Elend. „Danke für das Kompliment.“ Sie wandte sich der Stadt zu und hörte, dass er näher kam. Vielleicht mit einem Messer in der erhobenen Hand … nun jagte doch ein kalter Schauer über ihren Rücken.

„So war das nicht gemeint“, versicherte er, als er sich in einigem Abstand ans Eisengeländer lehnte. „Äußerlichkeiten sind nicht alles.“

„Und das aus dem Mund eines Mannes.“ Emma genehmigte sich erneut ein paar Schlucke, ehe sie ihm die Flasche hinhielt. „Möchten Sie auch?“

„Nein, danke. Ich bleibe lieber nüchtern.“

Emma riskierte einen längeren Blick zu ihm. „Klingt, als hätten Sie eine harte Zeit hinter sich.“

„Kann man so sagen“, murmelte der Unbekannte. „Ich habe einiges falsch gemacht in meinem Leben. Und gerade, als ich alles richtig machen wollte, hat es mir das Schicksal so richtig gezeigt.“ Er lachte leise. „Hört sich extrem nach Selbstmitleid an, nicht wahr?“

„Manchmal darf man sich selbst bemitleiden, glauben Sie mir.“ Plötzlich läutete ihr Handy. Emma stellte die Flasche ab und zog ihr weißes Mobiltelefon aufgeregt aus der Manteltasche. Auf dem blau leuchtenden Display zeigte sich Brandons Name. Mit zitternden Fingern nahm sie den Anruf entgegen. „Hallo?“

„Hi, ich bin es. Du hast versucht mich zu erreichen. Ist etwas passiert?“

„Ich wollte nur wissen, wann du zurückkommst“, stammelte Emma und verschob ein klärendes Gespräch. Morgen war auch noch ein Tag und sie wollte ihm dabei in die Augen sehen. Außerdem war sie nicht allein. Kurz schielte sie zum Unbekannten und drehte ihm den Rücken zu. „Liebst du mich, Brandon?“, flüsterte sie in das Handy.

„Natürlich, was für eine Frage“, versicherte er zu ihrer Erleichterung. „Leider war ich bis vor zehn Minuten in einem Meeting. Harte Sache, kann ich nur sagen und …“ Brandons Stimme trat auf einmal in den Hintergrund. Dafür schallte die unverkennbare Melodie von Big Ben umso lauter aus dem Hörer und danach folgte der Glockenschlag zur vollen Stunde. Es war ein Uhr nachts, doch Emma fühlte sich, als wäre die Zeit soeben stehengeblieben. Brandon war tatsächlich in London und die harte Sache konnte sie sich lebhaft vorstellen!

„Wo … wo bist du nochmal genau?“, fragte sie mit letzter Kraft.

„In Liverpool, das weißt du doch“, kam es unsicher zurück. Er schien seinen fatalen Fehler selbst bemerkt zu haben! „Leider werde ich es morgen nicht schaffen. Wir haben jede Menge zu tun.“ Wie dreist er weiterlog!

Emma hatte tausend Schimpfwörter auf der Zunge. Statt sie ins Telefon zu brüllen, unterbrach sie die Verbindung und ließ das Handy sinken. Tränen brannten in ihren Augen, als sie auf die Stadt blickte. Dorthin, wo Linda lebte und sich Brandon gerade mit irgendeinem Flittchen amüsierte. Dieser Schweinehund!

„Schlechte Nachrichten?“, brachte sich der Unbekannte in ihr Gedächtnis zurück.

Emma steckte das Handy in die Manteltasche zurück. Dass Brandon nicht einmal zurückrief zeigte ihr, wie fern sie sich bereits waren. „Wenn ein Mann behauptet, er sei geschäftlich in Liverpool und hält sich stattdessen in London auf, welchen Schluss ziehen Sie daraus?“

„Dass er Sie betrügt“, kam die umgehende Antwort.

„Danke für Ihre Ehrlichkeit.“

„Ich zähle nur eins und eins zusammen.“ Er schwieg kurz. „Ihr Freund?“

„Mein Ehemann.“ Emma griff nach der Flasche und trank ausgiebig. Aber um sich zu betäuben, würde sie Hochprozentigeres brauchen. „Sind Sie aus London?“ Fest umklammerte sie die Flasche und unterdrückte ein Rülpsen. Scheiß Kohlensäure. Scheiß Brandon!

„Nein. Ich wollte mir ein paar schöne Tage machen.“

„Hat super geklappt“, zog sie seine Aussage ins Lächerliche, obwohl sie das nicht wollte. „Sie stehen hier oben mit einer Frau, die Lust hat, sich sinnlos zu besaufen. Nebenbei lädt sie ihren ganzen Frust bei Ihnen ab und hat keine Hemmungen, Sie vom Dach zu stoßen, weil sie zu einer Gattung gehören, von der sie die Nase gestrichen voll hat.“

„Tja, insofern haben sich die zwei Richtigen getroffen“, konterte er. „Frauen können mir ebenfalls gestohlen bleiben. Also halten Sie sich gut fest. Womöglich stürzen Sie vor mir in die Tiefe.“

„Darauf trinke ich.“ Emma hob die Flasche in die Höhe, dann rieselte das Kribbelwasser ihre Kehle hinunter. Allmählich spürte sie, wie sich ein warmes Gefühl in ihr ausbreitete und sich die Stadt verzerrte. Vielleicht reichte der Sekt doch? „Sind Sie mit dem Auto da?“, kam ihr plötzlich eine Idee, während sie sich die Flasche an die Brust drückte.

„Ja, warum fragen Sie?“

„Leihen Sie es mir?“, bat Emma.

„Bestimmt nicht. Sie haben getrunken.“

„Dann fahren Sie mich. Ich zahle natürlich.“

Der Unbekannte begradigte sich. „Wollen Sie zu ihm?“

Emma nickte und fuhr sich tastend über den Dutt. „Ich brauche Gewissheit“, flüsterte sie. „Und muss mit eigenen Augen sehen, dass es so ist. Sonst erzählt er mir wer-weiß-was und ich dumme Pute wäre imstande ihm zu glauben. Weil ich leider Gottes so gemacht bin. Bloß keine Konfrontation, immer schön kuschen, um die Harmonie nicht zu zerstören. Dabei sollte ich endlich aufwachen. Immerhin musste ich bisher auf die harte Tour lernen, dass das Gute nicht immer siegt, so wie die Hoffnung manchmal schon gestorben ist, bevor man sie fühlt.“

Er räusperte sich. „Ich will mich nicht in Ihr Leben einmischen, aber gelegentlich sollte man eine Nacht darüber schlafen, um klarer zu sehen.“

„Irrtum. Manches wird selbst nach tausend Stunden Schlaf nicht klarer.“ Emmas Schultern sanken herab. „Wollen oder können Sie mir nicht helfen?“

„Wir kennen uns erst seit zehn Minuten! Haben Sie keine Freunde?“

„Natürlich, aber sehen Sie einen von ihnen?“, keifte Emma. „Momentan sind Sie mein einziger und könnten ruhig für mich da sein.“

Ein genervtes Seufzen war die Antwort. „Wissen Sie denn, wo er ist?“, schob er wenig begeistert nach.

„Ich nicht. Jemand anders schon …“

„Ich fühle mich, als würden wir einen Verbrecher observieren“, offenbarte der Unbekannte, nachdem sie unweit vor dem Noblesse-Hotel geparkt hatten. Die Scheiben seines blauen Hondas waren angelaufen. Dank des Gebläses, das auf Hochtouren lief, hatten sie jedoch bald klare Sicht.

„Das tun wir ja auch“, antwortete Emma abwesend. „Wir observieren meinen zukünftigen Ex-Mann und Verbrecher der übelsten Sorte.“ Sie hielt die inzwischen leere Sektflasche fest, als wäre sie ein Rettungsanker. Der Anruf bei Linda hatte sie jede Menge Mut gekostet. Sie abzuwimmeln noch viel mehr, denn die Freundin wollte sofort zu ihr. Doch Emma brauchte keine Zeugen und keinen, der ihr zu Hilfe eilte. Da musste sie alleine durch. Allerdings war die Theorie ein Ponyhof gegen die praktische Absicht, Brandon stellen zu wollen. Kein Wunder, dass sie die Prickelbrause förmlich in sich hineingeschüttet hatte und sich nun mit den Nebenwirkungen herumplagte. Zuerst hatte sie einen Schluckauf gehabt, jetzt stellte sich leichter Kopfschmerz ein. „Dafür wird er büßen, das schwöre ich Ihnen.“ Zwar zählte der Unbekannte ebenfalls zu einem Zeugen, aber im besten Fall würden sie sich danach nie wiedersehen.

„Noch fehlen Ihnen die Beweise.“ Natürlich half diese Spezies im Notfall zusammen! „Er könnte den Fernseher angehabt haben. Schon mal daran gedacht?“

„Oder er betrügt mich schlicht und ergreifend“, stellte Emma fest und hörte selbst, dass sie ihre Zunge nicht mehr ganz unter Kontrolle hatte. „Heuchelt mir Verständnis für meine Arbeit vor, um freie Bahn zu haben. Von wegen, er hat so viel zu tun und weiß nun, wie es mir geht.“

„Sie sind betrunken und obwohl ich mich ungern wiederhole, rate ich Ihnen lieber ins Bett zu gehen. Morgen sieht die Welt sicher anders aus. Abgesehen von Ihrem Kater.“

„Der ist im Augenblick mein geringstes Problem.“ Emmas Blick heftete sich auf die Leuchtreklame. Das grelle Licht schmerzte in den Augen wie der Gedanke an Brandons möglichen Betrug ihr Herz verletzte. Aber tat sie tatsächlich das Richtige? Hatte der Mann womöglich recht und sie sollte lieber nach Hause fahren? Andererseits hätte sie morgen keinen Mumm mehr, um sich der Situation zu stellen. Weil sie in jeder Lebenslage bevorzugt die Augen verschloss. Konnte es sein, dass sie deshalb viele Zeichen übersehen hatte? Im Grunde lebten Brandon und sie wie Geschwister zusammen, tauschten weder Zärtlichkeiten aus noch hatten sie übermäßig viel Sex. Und wenn, war er vorbei, bevor sie bis drei zählen konnte. Meistens war sie von der Arbeit ohnehin so kaputt, dass sie sogar froh darüber war, wenn er sich danach zur Seite drehte und einschlief.

„Worauf habe ich mich bloß eingelassen“, verschaffte sich ihre neue Bekanntschaft Luft. Dabei rieb er die Hände aneinander, als wäre ihm kalt. „Sollen wir die ganze Nacht warten oder wie haben Sie sich das vorgestellt, Sherlock?“

„Keine Ahnung, Watson.“ Trotz der ernsten Situation musste sie lachen. „Aber ich habe nicht vor, mir in Ihrem Auto den Allerwertesten abzufrieren.“

„Sondern?“

„Ich werde in das Hotel stürmen und nach Brandons Zimmernummer fragen.“ Nur der Gedanke daran verstärkte ihr Kopfweh.

„Die man Ihnen natürlich sofort gibt.“

„Habe ich schon erwähnt, dass ich Sarkasmus hasse?“, ärgerte sie sich. Schon wieder wurde sie von seiner Vernunft gestoppt, obwohl sie erneut Fahrt aufgenommen hatte.

„Und ich hasse Aktionen wie diese. Eigentlich wollte ich in Ruhe über mein Leben nachdenken. Nun befinde ich mich mitten in einem Ehe-Krimi.“

„In London müssen Sie mit allem rechnen und …“ Emma unterbrach sich, weil sie auf ein Pärchen aufmerksam wurde, das Arm in Arm auf den Eingang des Hotels zu schlenderte. Die Frau wurde vom Licht erfasst. Sie trug einen roten Kapuzenmantel! Sofort musste Emma an Lindas Aussage denken und in der nächsten Sekunde mitansehen, wie der Mann die Frau an sich zog und hingebungsvoll küsste. Wie hypnotisiert starrte Emma auf die Liebenden und hatte ein untrügliches Gefühl im Bauch.

Beinahe mechanisch öffnete sie die Tür und stieg aus. Ihre Beine fühlten sich an wie Blei, als sie auf das Pärchen zuging. Die Frau stand mit dem Rücken zu ihr. Der Mann fuhr mit seinen Händen zärtlich über ihre Schultern. Sein Goldring blitzte auf.

„Ich liebe dich“, hörte Emma ihn sagen, als sie sich voneinander lösten. Eine Stimme, die sie unter Tausenden erkannt hätte. Brandons Stimme! Und weil ihn das Licht nun ebenfalls erfasste, bekam sie das Gesicht gratis dazu. „Deshalb werde ich morgen mit Emma reden. Nach unserem Telefonat ist sie ohnehin im Bilde und sogar sie wird kapiert haben, was Sache ist.“

„Wie recht du hast“, entfuhr es Emma, deren Herz raste wie sie am ganzen Körper zitterte. Voller Wut und Enttäuschung über einen Betrug, für den sie keine Worte fand. Obwohl die Zeichen für seine Affäre untrüglich gewesen waren, traf sie seine Aussage dennoch, als wäre sie völlig unvorbereitet. „Was bist du bloß für ein Arschloch!“ Die Frau schien einen Stock verschluckt zu haben und ehe Emma sie aufhalten konnte, hetzte sie auf den Eingang zu. „Wer ist diese feige Schlampe? Und seit wann läuft das schon zwischen euch beiden?“

„Angie ist eine Kollegin“, bekannte er sofort Farbe. „Es ist einfach so passiert.“

„Einfach so?“, wiederholte Emma und begann zu schluchzen, obwohl sie sich vorgenommen hatte, ihm die Stirn zu bieten. „Was habe ich falsch gemacht?“

„Nichts … aber ich … Herrgott, schau dich an, Emma. Du läufst herum wie der letzte Penner. Außerdem müssen wir jeden Cent dreimal umdrehen. Dabei hast du einen stinkreichen Vater. Ich halte dieses ärmliche Leben einfach nicht mehr aus.“

„Vielleicht hätten wir mehr Geld, wenn du nicht alles für dieses Luder verschleudern würdest“, brüllte Emma, weil sie sich nicht mehr im Griff hatte. Sie fühlte sich verraten. So unendlich verraten. „Heute Rosen und morgen ein Ring. Dazu dieses Hotel. Wovon bezahlst du diesen Luxus?“

„Lass das meine Sorge sein und jetzt sollten wir die Unterhaltung beenden. Du wirkst angetrunken. Wir werden morgen darüber reden. In aller Ruhe.“

„Morgen wirst du deine Sachen packen!“, schleuderte Emma ihm entgegen, zog sich den Ehering vom Finger und warf ihn Brandon vor die Füße. Das billige Blech hatte ohnehin keinen Wert. Jetzt noch weniger als zuvor. „Aber nicht in aller Ruhe sondern in Windeseile. Ich will dich nicht mehr im Haus haben.“

„Das wird schwierig.“ Sein überheblicher Blick brachte sie endgültig zur Weißglut. „Oder hast du vergessen, auf wen der Kaufvertrag läuft? Du solltest packen und dir etwas Neues suchen.“

„Dad hat Geld in unser Haus investiert. Ich zahle von Anfang an die Raten. Dein Beitrag beläuft sich damit auf null. Kaufvertrag hin oder her, willst du dich tatsächlich mit uns anlegen?“

„Mit uns?“, stellte er sie bloß. „Wach endlich auf, Emma. Deinem Vater bist du scheißegal!“ Es war, als hätte ihr Brandon einen Fausthieb verpasst. „Und um es mit mir alleine aufzunehmen reicht dein Mut nicht. Das wissen wir beide. Ergo: Du wirst keinen müden Cent sehen, hast du das kapiert?“

„Allmählich regen Sie mich auf“, hörte Emma jemand hinter sich sagen und erinnerte sich wieder an den Unbekannten, der mit wütender Miene an ihre Seite trat. „Haben Sie es so nötig, ihre Frau fertig zu machen? Nach allem, was Sie ihr angetan haben? Davon abgesehen bin ich Zeuge Ihres Seitensprungs und kann das jederzeit beschwören. Vor Gericht stehen Ihre Karten somit schlecht, das prophezeie ich Ihnen.“

„Sagt wer?“ Brandon verengte die Augen. „Etwa Emmas Lover?“, unterstellte er ihnen mit dem nächsten Atemzug. „Demnach sind meine Frau und ich quitt.“

„Gar nichts sind wir“, fauchte Emma. „Ich weiß nicht einmal wie der Typ heißt. Aber er hat mehr Stil als du.“ Wie recht Linda hatte. Brandon war ein Aas!

„Schön.“ Ihr Mann schlug den Jackenkragen hoch. „Dasselbe gilt für Angie. Du reichst nicht im Entferntesten an ihre Klasse heran, Emma. Und jetzt leb wohl.“ Er wollte sich abwenden, doch als wäre ihm etwas eingefallen, wandte er sich zu ihr um. „Ich habe dich gemocht, das ist die Wahrheit“, sagte er und hatte alles Beißende in der Stimme verloren. „Aber Liebe war es nie, sondern nur dein Name. Hätte ich Chancen bei einer deiner Schwestern gehabt, wäre eine von ihnen meine erste Wahl gewesen. Wie Angie sind sie Vollblutweiber, deshalb gebe ich dir einen guten Rat: Blättere hin und wieder in einem Modekatalog. Auf Dauer genügt keinem Mann nur eine nette Frau, die du ohne Zweifel bist.“ Damit drehte er sich um, eilte zum Eingang und hinterließ Fußspuren im Schnee. Wie eine Metapher. Er würde ab jetzt seinen Weg alleine weitergehen. Ohne Emma, die sich haltlos fühlte und gedemütigt bis ins Mark.

„Soll ich Sie nach Hause bringen?“, erkundigte sich der Unbekannte mit sanfter Stimme.

„Ich habe kein Zuhause mehr.“ Emma setzte sich in Bewegung. Ahnungslos darüber, wohin sie gehen sollte. „Danke, dass Sie mich hergebracht haben.“ Auf einmal strauchelte sie und spürte seine kräftigen Arme, die ihre Schultern umfingen. Kurz blickten sie sich an, bevor er sie losließ.

„Mein Magen knurrt“, murmelte er. „Sollen wir etwas essen gehen?“

„Ist das Ihr Ernst?“ Sie betastete unter Tränen ihren Dutt. „Eigentlich müssten Sie froh sein, mich loszuwerden. Ich stehe kurz vor einem Heulkrampf und mitten in den Scherben meines Lebens. Wollen Sie sich das wirklich antun?“

„Wieso nicht? Sie sind momentan genauso einsam wie ich“, erwiderte er. „Deshalb wäre ich ziemlich dumm, wenn ich Sie gehen ließe, Sherlock. Also, sind Sie dabei?“

Kurz danach aßen sie einen Burger bei einem Imbiss-Stand. Einige dunkle Gestalten lungerten unweit davon herum. Alleine hätte sich Emma gefürchtet, doch die Gegenwart des Unbekannten nahm ihr jegliche Angst. Er hatte eine Aura, die beruhigend wie einschüchternd wirkte. Nebenbei verfügte dieser Mann über einen gesegneten Appetit. Nach zwei Minuten war sein Burger Geschichte. Im Gegensatz zu Emmas, die dem Fremden schließlich ihren angebissenen reichte, den er nur zu gerne aß. Nachdem Emma schluchzend ein großes Glas Cola getrunken hatte, fühlte sie sich allmählich ernüchtert - in jeglicher Hinsicht. Leider katapultierte sie das umgehend in eine noch rauere Wirklichkeit zurück, die sich anfühlte, als würde jemand mit kalten Nadeln über ihre Haut fahren. Nun war sie wieder Single und auf sich alleine gestellt. Das machte ihr eine Heidenangst. Von dem Vertrauensbruch ganz zu schweigen und Brandons Feststellung, wie wenig feminin sie wirkte. Sicher, es war nicht ganz aus der Luft gegriffen, trotzdem schmerzte es. Insbesondere die Tatsache, dass sie ständig als letzte Wahl abgestempelt wurde.

Abwesend blickte Emma auf eine Gruppe junger Frauen, die an ihnen vorbeiging. Als eine von ihnen dem Unbekannten verheißungsvolle Blicke zuwarf, konzentrierte sie sich jedoch auf ihr Gegenüber. „Sie erinnern mich an jemand“, stellte Emma bei genauerer Betrachtung fest und wurde sich bewusst, dass er sogar im flackernden Neonlicht ziemlich attraktiv war mit dem blonden Haar, den hellblauen Augen, dem markanten Gesicht und der energischen Nase. Der schätzungsweise Fünftagesbart machte ihn noch männlicher als ohnehin. Allerdings erinnerte er an einen Sonnyboy, an dem sich eine Frau bestimmt die Finger verbrennen würde. Er vernaschte bestimmt eine nach der anderen, wie in einem Selbstbedienungsladen. Aber Emma musste zugeben, dass er eine sehr nette Art hatte.

„Lassen Sie mich raten, an wen ich Sie erinnere“, meinte er mit sauertöpfischer Miene. „Brad Pitt?“ Er wischte sich mit der Serviette über den Mund, nachdem er den Pappteller von sich geschoben hatte, auf dem ausgequetschte Ketchup-Päckchen lagen.

„Normalerweise würde ich Sie spätestens jetzt für ziemlich arrogant halten“, beanstandete Emma, „allerdings ist der Vergleich nicht schlecht. Doch den meine ich nicht.“

„Gut. Bei mir zuhause wird das nämlich ständig behauptet. Ich kann es nicht mehr hören.“

„Fühlen Sie sich etwa nicht geschmeichelt?“

Er zerknüllte die Serviette und warf sie auf den Pappteller. „Sie haben ja keine Ahnung.“ Sein spöttisches Lächeln hatte was. „Also: Sie machen mich neugierig. An wen erinnere ich Sie?“

„Jetzt weiß ich es“, rief Emma aus, „an Rúrik Gíslason.“

„Wer soll das sein?“ Er wirkte nicht gerade glücklich. „Eine Comic-Figur?“

„Ein isländischer Fußballer.“

„Sie interessieren sich für Fußball?“ Wieder dieses spöttische Lächeln!

„So ähnlich“, räumte sie verlegen ein. „Manche Spieler fallen einem regelrecht ins Auge und entgegen Brandons Behauptung nehme ich dann und wann durchaus eine Modezeitschrift in die Hand.“ Nur die Erwähnung seines Namens stieß ihr das Cola sauer auf.

„Sie erinnern mich übrigens auch an jemand“, behauptete der Unbekannte.

„Lassen Sie mich raten“, tat es ihm Emma nach und versuchte ein ähnliches Gesicht zu machen wie er zuvor. Allerdings bedurfte es wenig Mühe, weil sie an Brandons Vorwürfe denken musste. War sie tatsächlich so unsexy? „An die Filmfigur Bridget Jones?“

Sein Lachen hatte etwas Ansteckendes. „Weit daneben. Ich würde sagen …“ Er studierte sie so intensiv, dass ihr heiß wurde. Das war bestimmt die nächste Nachwirkung vom Sekt! „Sandra Bullock. Dieselben rehbraunen Augen, eine ähnliche Haarfarbe und Sie haben dieses verschmitzte Etwas.“

„Damit kann ich gut leben“, stellte Emma erfreut fest. Ob dieser Mann ehrlich war oder nicht, sein Kompliment tat gut. Ebenso wie das anschließende Schlendern durch die Straßen. Sie sprachen kein Wort. Trotzdem war es kein angespanntes Schweigen. Die Stille tat gut wie die frische Luft. Noch dazu waren kaum Menschen unterwegs, obwohl London niemals schlief.

„Möchten Sie eigentlich gar nicht wissen, wie ich heiße?“, fragte er plötzlich, als sie in die Regent Street einbogen und Richtung Piccadilly Circus spazierten.

„Nein“, entschied Emma. „Es ist nett mit Ihnen und scheinbar waren Sie zur rechten Zeit am richtigen Ort. Ein Mann, der aus dem Nichts kam und bald dorthin zurück verschwindet. Ich schätze, wir werden uns nicht wiedersehen.“

„Stimmt. In einigen Stunden breche ich auf.“

Erneut schwiegen sie. Betrachteten die üppige Weihnachtsbeleuchtung, die den Schnee zum Glänzen brachte. Wie eine Sahnehaube lag er auf den Bäumen, Bänken und Zäunen, während der Wind über die Dächer fuhr. Emma hatte das Gefühl, als wären Tage vergangen und nicht wenige Stunden, in denen sich ihre Welt völlig verändert hatte. Als hätte jemand ein T-Shirt umgestülpt und nun musste sie zusehen, wie sie es am besten tragen konnte.

„Haben Sie jemals einer Frau wehgetan?“, erkundigte sich Emma und nagte an ihrer Unterlippe. „Sind Sie verheiratet?“