Ein feiner dunkler Riss - Joe R. Lansdale - E-Book

Ein feiner dunkler Riss E-Book

Joe R. Lansdale

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Beschreibung

East Texas, 1958. Bis vor Kurzem glaubte der dreizehnjährige Stanley noch an den Weihnachtsmann. Im Laufe eines einzigen heißen Sommers erfährt er jedoch mehr über die wirkliche Welt jenseits seiner Superheldencomics und des elterlichen Autokinos, als ihm lieb ist. Stans Spielkamerad Richard wird zu Hause verprügelt; die schwarze Küchenhilfe Rosy lebt bei einem gewalttätigen Mann; und selbst Stans Vater wird gern handgreiflich, wenn es die Familie zu verteidigen gilt beispielsweise gegen übereifrige Verehrer von Stans kecker siebzehnjähriger Schwester Callie. Und dann gibt es da noch die faszinierenden alten Geschichten um ein Spukhaus auf dem Hügel, einen kopflosen Geist am Bahndamm und zwei in ein und derselben Nacht ermordete Mädchen. Stan beginnt Detektiv zu spielen, stets begleitet von seinem treuen Hund Nub, und außerdem mit Rat und Tat unterstützt von dem mürrischen schwarzen Filmvorführer und Ex-Polizisten Buster. Eine spannende Abenteuergeschichte übers Erwachsenwerden, ein bewegender Kriminalroman in der Tradition von Lansdales Meisterwerk "Die Wälder am Fluss".

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Seitenzahl: 433

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Joe R. Lansdale

EIN FEINER DUNKLER RISS

Deutsch von

Impressum

A Fine Dark Line

Die Originalausgabe ist 2003 bei Mysterious Press erschienen.

© 2003 by Joe R. Lansdale • Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2012 by Golkonda Verlag GmbH • Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Robert Schekulin

Redaktion: Hannes RiffelKorrektur: Dietmar Artmann

Autorenporträt: © 2012 by molosovsky

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

Satz: Hardy Kettlitz

Druck: Schaltungsdienst Lange

EPUB: Karlheinz Schlögl

GOLKONDA VERLAG

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

Kontakt: [email protected]

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-19-6 (Print)

ISBN: 978-3-942396-39-4 (eBook)

Im Gedenken an Cooter.

Tapferer, treuer und edelmütiger Beschützer.

Freund.

Familienhund.

Manche Filme, Musikstücke und bestimmte Ereignisse in diesem Buch gehören tatsächlich ins Jahr 1958. Einiges habe ich allerdings zeitlich so verschoben, dass es in meine Geschichte passt. Man möge mir das verzeihen. Die Stadt Dewmont und das Dew Drop Drive-in habe ich erfunden, und soviel ich weiß, existieren sie nicht, und wenn doch, so haben sie rein gar nichts mit meiner Geschichte zu tun. Teile dieses Romans sind außerdem inspiriert durch selbst Erlebtes, was mir jedoch nur als gedankliches Sprungbrett diente; nichts davon meint wahre Geschehnisse oder wirkliche Personen.

– J. R. L.

TEIL I

DAS DEW DROP DRIVE-IN, 1958

1

Mein Name ist Stanley Mitchel junior, und ich schreibe hier auf, woran ich mich erinnere.

Die ganze Geschichte hat sich in einer Stadt namens Dewmont zugetragen. Es ist eine wahre Geschichte, die sich innerhalb einer kurzen Zeitspanne abspielte, und ich habe sie selbst erlebt.

Dewmont wurde nach einem der ersten Siedler benannt, der Hamm Dewmont hieß. Viel mehr weiß man nicht von ihm. Er ist hier aufgetaucht, hat dem Ort seinen Namen gegeben und ist dann spurlos verschwunden.

In den ersten Jahren war Dewmont eine trostlose Ansammlung von Holzhütten, die sich am Ufer des Sabine River im tiefsten Herzen von Texas festgesetzt hatten – eine Gegend voll weißem Sand und rotem Lehm, gewaltigen Kiefern und schlangenverseuchten Sümpfen.

In der Bibliothek von Dewmont finden sich verblichene Fotografien von ein paar einsamen Pionierhütten am Flussufer, durch die Linse einer primitiven Kamera betrachtet. Kaum zu glauben, dass so ein Anfang zu irgendetwas führen würde, außer vielleicht einem heftigen Regenfall und einer Rutschpartie in den Fluss. Doch im Laufe der Jahre bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein wurde aus diesen Bretterbuden nach und nach eine bescheidene Ortschaft, während die großen Bäume gefällt und zu Bauholz verarbeitet wurden.

Später entwickelte sich der Ort zu einer kleinen Stadt von ungefähr einhunderttausend Einwohnern, doch die Ereignisse, um die es hier geht, trugen sich früher zu, und zwar gegen Ende der 1950er, als meine Familie, die Mitchels, dorthin zog.

Bevor wir nach Dewmont kamen, war mein Daddy Mechaniker in einem Kaff mit dreihundert Seelen gewesen, das den passenden Namen »No Enterprise« trug. Eines Tages kam er nach Hause und hatte genug davon, unter Autos zu kriechen und auf kaltem Beton und quietschenden Rollbrettern zu liegen. Was er dann sagte, überraschte uns alle. Einschließlich Mom.

Daddy liebte Filme, und irgendwo hatte er mitbekommen, dass das Autokino von Dewmont zum Verkauf stand. Der ursprüngliche Besitzer war kurz nach Eröffnung des Kinos an einem Schlaganfall gestorben. Seine Familie wollte jetzt unbedingt in den Westen ziehen, da ihnen die Schulden an den Hacken klebten wie Federn an Teer.

Also hob Daddy unsere gesamten Ersparnisse ab, leistete damit eine Anzahlung und beförderte meine Mutter, die er immer Gal nannte, mich, meine ältere Schwester Caldonia und meinen Hund Nub hinüber nach Dewmont.

Dewmont bestand hauptsächlich aus einer langen Reihe von Backsteinhäusern beiderseits der Main Street, darunter auch unsere Konkurrenz in Gestalt des Palace Theater, einem Kinosaal.

Ich weiß noch, dass der Umzug an einem hellen, heißen Tag stattfand. Der blaue Himmel über uns war mit kleinen Wölkchen übersät, und man konnte die Main Street entlangschauen, sah Autos am Bordstein parken, Menschen umherlaufen, und weiter hinten hohe Bäume.

Das Dew Drop Drive-in, unser Autokino mit Imbiss, lag am Rande der Stadt, nicht weit von einer stinkvornehmen Wohngegend.

Mit Sicherheit rümpften die Erwachsenen dort die Nase über das Autokino, denn das Publikum bestand aus einfachen Leuten – und aus ihren eigenen Kindern, die für einen Dollar pro Wagenladung zu uns kamen.

Das Dew Drop gehörte zu den Autokinos, bei denen die Projektionsfläche aus einem Wohnhaus bestand. Solche Gebäude gab es nicht oft, denn meistens diente lediglich eine Platte aus Holz oder Metall, die in einem großen Rahmen befestigt war, als Leinwand. Doch die Erbauer des Dew Drop waren fortschrittlich gewesen und hatten ihr Bestes getan.

Daher war die Leinwand des Dew Drop tatsächlich ein massives Gebäude, das von außen wie ein Fort aus einem Western aussehen sollte. Quer darübergemalt war ein Wandbild mit üppig gefiederten Indianern zu Pferde, die von einer Kavallerie in knallblauer Uniform und leuchtend weißen Hüten verfolgt wurden. Schneeweiße Rauchwölkchen machten deutlich, dass die Soldaten mit ihren Pistolen und Gewehren schossen, und ein Indianer war offensichtlich getroffen – er fiel gerade vom Pferd und würde nie wieder einen Weißen skalpieren.

Über allem hing unerklärlicherweise, an einem Metallrahmen befestigt, ein riesiger, ozeanblauer Tautropfen, der aussah, als würde er jeden Moment herabfallen, auf dem Dach zerplatzen und die ganze Welt überfluten.

Auf der anderen Seite, den Autos zugewandt, war die Mauer weiß und diente als Leinwand. Darüber war die Rückseite des Tautropfens grün gestrichen, und zwar nicht in einem hübschen Grün, sondern in einer Farbe, die mich an eine eitergefüllte Pustel erinnerte. Ich fragte mich, warum der Tropfen hier überhaupt übermalt worden war. Nachts, wenn die Filme gezeigt wurden, verlor er sich sowieso in der Dunkelheit über dem Licht, das von der Leinwand zurückgeworfen wurde.

Im Inneren der Kinoleinwand, unserem Zuhause, sah alles recht normal aus. Im Erdgeschoss befanden sich Küche, Wohnzimmer, das Bad und Callies Zimmer. Daran schloss sich eine Imbissbude an, wo Hotdogs, Popcorn, Süßigkeiten und Erfrischungsgetränke verkauft wurden. Kurz nachdem wir den Laden übernahmen, setzten wir noch Brathähnchen und Würstchen am Spieß auf die Speisekarte.

Im ersten Stock befanden sich zwei Zimmer, eins für mich und eins für Mom und Dad. Ich war begeistert. Unser altes Haus in No Enterprise hatte ein einziges richtiges Schlafzimmer gehabt, und ich und Callie hatten nachts auf Matratzen im Wohnzimmer geschlafen. Hier im Dew Drop hatten wir unsere eigenen Betten, unsere eigenen Zimmer, und das war großartig, schließlich hatte ich erst kürzlich die Freuden der Selbstbefriedigung entdeckt. Auch wenn ich noch nicht herausgefunden hatte, was es eigentlich genau damit auf sich hatte, machte es mehr Spaß, als gegen mich selbst Dame zu spielen.

Über alldem lag noch eine weitere Etage, eine Art Bodenkammer mit einer Treppe, die zum Dach des Autokinos hinaufführte, wo der große Tautropfen thronte.

Von dort oben konnte man zuschauen, wie die Autos eintrafen, und wenn man zur anderen Seite des Daches hinüberging, sah man unseren »Hinterhof«: Lautsprecher auf ordentlich aufgereihten Pfosten, und nachts eben Autos und einen Haufen Leute.

An der kurzen Seite des Gebäudes stand ein Geräteschuppen mit einem Vorhängeschloss an der Tür, und neben dem gab es einen Spielplatz mit einer Wippe, Schaukeln und einer Rutsche für die Kinder, denen der Film zu langweilig wurde. Um all das herum zog sich ein Zaun, größtenteils aus Wellblech und, in der Nähe des Spielplatzes, aus Maschendraht.

Jenen Sommer über arbeitete ich mit Caldonia in unserem Autokino. Ein Schwarzer namens Buster Abbot Lighthorse Smith, der schon für den vorherigen Besitzer gearbeitet hatte, bediente den Filmprojektor. Er war alt, mürrisch, wirkte kräftig und sprach kaum ein Wort. Kümmerte sich um seinen eigenen Kram. Er war so still, dass man vergaß, dass er überhaupt da war. Eine Stunde vor der Vorführung kam er angeschlendert, tat seine Arbeit, verräumte den Film, wenn die Vorstellung zu Ende war, und ging wieder.

Meine Mutter und mein Vater hielten das Autokino von Montag bis Samstag geöffnet, außer bei starkem Regen und im tiefsten Winter. Selbst in East Texas war es manchmal zu kalt, um im Freien zu parken.

Darum schlossen wir eine Woche vor Weihnachten und machten erst Anfang März wieder auf. In der Zwischenzeit werkelte Daddy an den Lautsprechern herum, schaffte frischen Kies heran, malerte und tischlerte.

Wenn er das nicht tat und Geld brauchte, reparierte er auf dem Rasen des Kinos Autos. Das war ihm zuwider, und er sehnte sich nach dem Tag, an dem er keinen Schraubenschlüssel mehr drehen und auf Löcher in undichten Verteilern horchen musste, durch die die Luft pfiff.

So sehr Daddy derartige Arbeiten verabscheute, so sehr liebte er das Autokino. An Sonntagen, wenn es geschlossen war, saß er oft vor dem Haus auf einem Gartenstuhl, und ich setzte mich neben ihm auf den Boden und quälte mit einem Grashalm Ameisen. Dann starrte er auf die Cowboys und Indianer auf der Vorderseite des Leinwandgebäudes, als würde er wirklich einen Film schauen.

Ich glaube, vor seinem geistigen Auge bewegten sich die Bilder tatsächlich. Vielleicht war es auch nur der Gedanke, dass er sein eigenes Geschäft besaß, der ihn faszinierte. Daddy kam nicht gerade aus reichem Elternhaus, und seine Schulbildung war eher dürftig. Alles, was er besaß, hatte er sich hart erarbeitet, und er war stolz darauf. Für ihn konnte sich der Besitzer eines Autokinos ohne Weiteres mit einem Arzt oder Anwalt messen. Und für die damalige Zeit, mit seinem Hintergrund, fand er, dass er ziemlich gutes Geld verdiente.

Mit meinen dreizehn Jahren war ich der Jüngste der Mitchels und obendrein für mein Alter auch nicht gerade frühreif. Ich hatte so viel Ahnung von Gott und der Welt wie ein Schwein von Essbesteck und Tischmanieren. Für mich war Sex noch das, was zwischen Fünf und Sieben kommt.

Tragischerweise hatte ich erst vor Kurzem meinen Glauben an den Weihnachtsmann verloren und war sehr wütend darüber. Meine Kumpels an der Schule hatten mir, sechs Monate, bevor wir nach Dewmont zogen, die Wahrheit gesagt, und ich hatte mir deswegen einen erbitterten Kampf mit Ricky Vanderdeer geliefert. Ich kam mit einer zerschundenen Wange und einem blauen Auge nach Hause, hinkend und alles in allem windelweich geprügelt.

Meine Mutter, die wegen der Schlägerei sauer war und einigermaßen peinlich berührt, weil ein Kind in meinem Alter immer noch an den Weihnachtsmann glaubte, setzte sich mit mir hin und hielt mir einen Vortrag darüber, dass es den Weihnachtsmann vielleicht nicht wirklich gäbe, aber dass er in den Herzen derjenigen wohnte, die an ihn glaubten. Ich war wie gelähmt. Man hätte mich mit einem nassen Hundehaar vom Stuhl fegen können. Ich wollte keinen Weihnachtsmann, der in meinem Herzen wohnte. Ich wollte einen dicken, bärtigen Mann ganz in Rot, der zu Weihnachten die Geschenke brachte und sich durch Schornsteine und Schlüssellöcher quetschen konnte – denn so, hatte meine Mutter mir erklärt, kam der Weihnachtsmann in unser Haus. Kein wesenloses Nichts in meinem Herz.

Diese Erkenntnis führte mich zu der unmittelbaren Schlussfolgerung, dass es, wenn es keinen dicken, fröhlichen Elf im roten Anzug gab, der in einem magischen Schlitten fuhr, auch keinen Osterhasen gab, der mit bunten Eiern umherhoppelte. Ganz zu schweigen von der Zahnfee – eines der wenigen übernatürlichen Wesen, an denen ich ernsthaft zweifelte, nachdem ich einen Zahn, den sie für einen Vierteldollar hätte an sich nehmen sollen, unter meinem Bett gefunden hatte, wo ihn wahrscheinlich meine Mutter, die eigentliche Zahnfee, hatte fallen lassen.

Ich war aufgeklärt worden, und das gefiel mir nicht. Ich kam mir vor wie der letzte Volltrottel.

Meine Unwissenheit beschränkte sich nicht auf den Weihnachtsmann und andere Fabelwesen. In der Schule war ich auch keine große Leuchte. Obwohl ich klüger und belesener war als die meisten Kinder, war ich in Mathe so schlecht, dass man mich eigentlich hätte erschießen müssen.

Für jemanden aus No Enterprise, einer Stadt mit drei Straßen, zwei Geschäften, zwei Gässchen, einer Tankstelle, einem gemütlichen Café und einem Säufer, den wir mit Namen kannten und dem aufgrund der Hingabe, mit der er sich seiner Berufung widmete, ein gewisser Respekt entgegengebracht wurde – für jemanden aus so einem Kaff wirkte Dewmont wie eine Weltstadt.

Wenn man eine Weile dort wohnte, machte Dewmont allerdings einen eher verschlafenen Eindruck. Zumindest an der Oberfläche. Besonders während des langen heißen Sommers.

Die Turbulenzen der 1960er standen noch aus, und Dewmont hinkte sowieso allem hinterher. Die Menschen kleideten und benahmen sich, als wären noch die 30er Jahre, allerhöchstens die 40er. Sonntags trugen die Männer schmale schwarze Schlipse, schwere schwarze Anzüge und warme wollene Hüte. Wenn sie ein Haus betraten, nahmen sie den Hut ab, und wenn sie einer Dame begegneten, tippten sie sich kurz an die Krempe.

Weil Klimaanlagen selten waren, auch in Geschäften, war es damals immer schwül und heiß, drinnen wie draußen, als steckte man in einem dünnen Überzug aus warmem klebrigen Sirup. Im Sommer lasteten diese Anzüge schwer auf den armen Männern, die sie tragen mussten. Die dünnen Schlipse klebten matt auf schweißfleckigen Hemden; die Baumwolle in den Schultern der Jacketts verrutschte ständig und klumpte, das Material hielt den Schweiß wie ein Schwamm das Wasser, und die Krempen der Wollhüte hingen schlaff herab.

Am späten Nachmittag saßen die Leute hemdsärmelig oder sogar im Unterhemd auf Veranden oder Gartenstühlen und unterhielten sich noch lange, während die Glühwürmchen ausschwärmten. Drinnen hockte man vor den Ventilatoren.

Im Sommer wurde es erst spät dunkel, und die Sonne, die nicht von hohen Häusern oder Wohnsiedlungen verstellt wurde, tauchte wie ein Feuerball in die Wälder von East Texas ein. Wenn sie tiefer sank, sah es aus, als würde sie die Bäume in Brand setzen.

Bestimmte Wörter, die heute mit größter Selbstverständlichkeit ausgesprochen werden, fielen damals in anständiger Gesellschaft äußerst selten. Selbst die Worte »verdammt« und »Scheiße« konnten, wenn Frauen anwesend waren, eine Unterhaltung so gewiss zum Verstummen bringen wie ein Schlachthammer eine Kuh.

Die Weltwirtschaftskrise war lange vorbei, teilweise auch schon vergessen von all jenen, die sie selbst durchlitten hatten. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende, und wir hatten die Welt vor den Bösen gerettet. Aber der Aufschwung, der den Rest des Landes erfasste, hatte es nicht ganz bis nach East Texas geschafft. Und wenn doch, dann war er nicht lange geblieben. Gemeinsam mit den Ölsuchern hatte er kurz auf eine schnelle Nummer vorbeigeschaut und sich dann so rasch wieder verzogen, dass man sich an diese guten Zeiten schon fast nicht mehr erinnerte.

Im Radio lief Rockabilly, später bekannt als »Rock ’n’ Roll«, doch da, wo wir wohnten, lag nicht übermäßig viel Rock ’n’ Roll in der Luft. Es gab bloß einen Haufen Jugendliche, die nachmittags und abends vorm Dairy Queen herumhingen – vor allem freitags und samstags zu später Stunde.

Einige der Jungs, wie zum Beispiel Chester White, hatten sich Ducktails und Hotrods zugelegt. Die meisten hatten ziemlich kurze Haare mit einer Tolle über der Stirn und reichlich Pomade drin. Sie trugen Hosen mit Bügelfalten, gestärkte weiße Hemden und auf Hochglanz polierte braune Schuhe, und wann immer sie durften, fuhren sie Daddys Wagen.

Die Mädchen trugen Tellerröcke und Pferdeschwänze, aber das Radikalste an ihrem Benehmen war, dass sie an der Jukebox immer und immer wieder denselben Song spielten, hauptsächlich Elvis, und dass einige der Baptistentöchter tanzten, obwohl ihnen Hölle und Verdammnis drohten.

Die Farbigen wussten, wo sie hingehörten. Frauen wussten, wo sie hingehörten. Das amerikanische Wörtchen »gay« bedeutete noch schlicht und einfach »fröhlich«. Viele Leute waren immer noch der Ansicht, dass man Kinder sehen, aber nicht hören sollte. Sonntags waren die Geschäfte geschlossen. Unsere Bombe war größer als die Bombe der anderen, und niemand konnte unsere United States Army besiegen, nicht einmal die Marsmenschen. Der Präsident der Vereinigten Staaten war ein freundlicher, großväterlicher, dicker, glatzköpfiger Mann, der gerne Golf spielte und im Krieg zu Ruhm und Ehre gelangt war.

In meiner seligen Unwissenheit glaubte ich, mit der Welt sei alles in Ordnung.

2

Nachdem wir nach Dewmont gezogen waren, lernte ich einen Jungen kennen, mit dem ich mich anfreundete. Er hieß Richard Chapman. Er war ein wenig älter als ich, ging aber in dieselbe Klasse, weil er einmal sitzen geblieben war.

Genau wie Huckleberry Finn würde Richard wohl nie einen vorbildlichen Erwachsenen abgeben, aber er war ein prima Lausebengel. Er konnte schneller radeln als der Wind, konnte sich ein Taschenmesser zwischen die Zehen werfen, ohne sich wehzutun, kannte sich bestens in den Wäldern aus, kletterte wie ein Affe in den Bäumen herum und konnte mit vier Gummibällen gleichzeitig jonglieren.

Er hatte einen fettigen braunen Haarschopf, den der Schweiß und eine großzügige Portion Vitalis noch fettiger machten. Richard kämmte seine Haarpracht streng nach hinten wie Johnny Weissmuller, dem er ähnlich sah.

Ständig fielen ihm Strähnen in die Stirn, und er verbrachte ein Gutteil seiner Zeit damit, den Kopf ruckartig in den Nacken zu werfen. Da ich wusste, dass sein Schädel von Läusen bevölkert war, machten mich diese Bewegungen ziemlich nervös. Dennoch beneidete ich, der ich einen Wirbel und einen Fleck helles Haar über der Stirn hatte, Richard genauso um diesen fettigen Schopf wie um seine Muskeln.

Falls Richard mit einem Flugzeug im Dschungel abgestürzt wäre, hätte er überlebt und wäre ein zweiter Tarzan geworden. Er hätte gelernt zu jagen, sich eine Hütte zu bauen und gegen Eingeborene zu kämpfen.

Ich dagegen wäre in Sekundenschnelle von Löwen gefressen oder von Affen totgeprügelt worden.

Eines schönen Samstagmorgens kam Richard zu uns, um fernzusehen; wir schauten uns alle Filme in der Sendung Jungle Theater an. Dabei nahm er oft meine Roy-Rogers-Cowboystiefel in die Hand, um die er mich heftigst beneidete. Diese Stiefel hatten es ihm angetan; sie waren aus rotem Leder, und auf den Zugschlaufen stand in silberner Schrift »Roy Rogers«.

Richards Familie besaß keinen Fernseher. Sie hatten einen gehabt, aber nachdem ein Sturm ihre Antenne abgerissen und in eine Brezel verwandelt hatte, gelangte sein Vater zu der Auffassung, dass das ein Zeichen Gottes war, und verkaufte das Gerät an jemanden, der weiter sündigen wollte.

Noch bevor die Sendung zu Ende war, hielt Richard sich einen meiner Cowboystiefel an den Fuß, um zu sehen, ob er ihm passen würde. Dann teilte er mir mit, dass er nach Hause gehen und bei der Arbeit helfen müsse, außerdem stehe ihm eine Tracht Prügel bevor, weil er schon spät dran sei und weggegangen sei, ohne um Erlaubnis zu fragen.

»Warum hast du nicht gefragt?«

»Weil Daddy Nein gesagt hätte.«

»Warum bist du dann hergekommen?«

»Weil ich wollte.«

»Und die Prügel?«

Er zuckte mit den Schultern.

Richard war Schläge gewohnt, daher machte ihm die Vorstellung keine übermäßige Angst. Er erklärte mir, dass er sich immer vorstellte, er wäre Tarzan und würde gerade von Eingeborenen gefoltert, so könne er alles aushalten.

Richard spielte oft Tarzan.

Wenn Richard von Hausarbeit sprach, dann meinte er richtige Männerarbeit auf Mr Chapmans heruntergekommener Farm. Ich räumte meine Kleider weg und solche Kleinigkeiten, aber Richard musste die Hühner füttern, den Schweinen die Küchenabfälle bringen, Heu im Kuhstall verteilen, Getreide säen und ernten. Er besserte Zäune aus und spitzte Zaunpfähle zu, und einmal hat er noch vor dem Frühstück einen zwei Meter langen, dreieinhalb Meter tiefen Graben für das Plumpsklo ausgehoben.

Sein Vater nahm ihn ebenso hart ran wie die Leute, die er für die Arbeit auf den Feldern anheuerte. Für gewöhnlich war dies ein niemals abreißender Strom von jeweils ein oder zwei Farbigen, manchmal Mexikanern, die, egal ob sie aus Texas stammten oder über die Grenze gekommen waren, von ihm als »Schlammscheißer« bezeichnet wurden.

Diese Wanderarbeiter – keiner, der in Dewmont lebte, war so dumm, für Chapman zu arbeiten –, blieben nicht lange auf der Farm und waren bald wieder verschwunden, entweder wegen Faulheit gefeuert oder weil sie es an Gottesfürchtigkeit vermissen ließen.

Mr Chapman war der Meinung, er sei von Gott berufen, und hatte in seiner Scheune eine Art Kapelle eingerichtet. Richard erzählte, er und die Arbeiter müssten ganze Abschnitte aus der Bibel auswendig lernen und sich Predigten von Chapman anhören. Er vermutete, dass das der Grund war, warum sich viele Arbeiter heimlich aus dem Staub machten – oder weil sie es einfach satthatten, für so wenig Geld so hart zu schuften.

Ein derartiges Leben war mir fremd. Mein Vater war manchmal wütend auf mich, und ab und an bekam ich den Hintern versohlt, aber nie so schlimm wie die Prügel, die Richard bezog, und auch nicht regelmäßig oder so sehr, dass ich ständig Angst davor gehabt hätte. Tatsächlich hatte ich seit meinem elften Lebensjahr keine Tracht Prügel mehr bekommen.

Ehrlich gesagt, machte ich mir an jenem Tag keine Gedanken um Richards Hausarbeit oder die Schläge, die ihm bevorstanden. Ich war vielmehr enttäuscht, dass ein ganzer Sommertag, ein Samstag, ohne einen Spielkameraden vor mir lag.

Nachdem Richard gegangen und die Sendung vorbei war, verließ ich das Zimmer, dessen Raumtemperatur von unserem wassergekühlten Fensterventilator auf einigermaßen erträglichem Niveau gehalten wurde, und trat hinaus in die grelle Sonne.

Ich und Nub spielten ein wenig am Waldrand hinterm Garten, abseits des Grundstücks, aber nicht weit vom Zaun des Autokinos entfernt. Der Zaun war ungefähr zweieinhalb Meter hoch und aus Wellblech, verstärkt mit zwei kräftigen Querbalken. Er sollte verhindern, dass sich jemand unerlaubt ins Kino stahl.

Auf der Außenseite hatte das Blech ursprünglich hübsch bemalt werden sollen. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, vier lange Abschnitte mit farbenfrohen Bildern von einer fliegenden Untertasse und kleinen grünen Männchen zu verzieren, bis dieser Jemand die Nase voll gehabt und die übrige Zaunfläche daneben und nach hinten raus in demselben Grün gestrichen hatte, das den Tautropfen schmückte und den Außerirdischen ihren Teint verlieh.

Ich spielte ein Spiel, das ich »Nub jagt« nannte. Es war ein einfaches Spiel. Ich rannte los, und Nub versuchte mich zu schnappen, was ihm natürlich jedes Mal gelang. Wenn er mich einholte, hieb er seine Zähne in meine Bluejeans, und ich versuchte weiterzulaufen, während er an meinem Hosenbein hing und knurrte wie ein Grizzlybär. Ich schleifte ihn meistens noch eine Weile hinter mir her, befreite mich dann von ihm und rannte wieder los.

Pflichtgetreu raste er mir nach, und wir wiederholten das Ganze, liefen immer wieder die Strecke von hundert Metern zwischen Zaun und Waldrand hin und her. Damit hatten wir einen Großteil des Sommers verbracht. Außerdem waren wir im Wald umhergestreift und hatten Steine in einen Weiher geworfen, von dem ich mich eigentlich fernhalten sollte. Der Weiher war ziemlich groß und das Wasser so grün wie unser Zaun. Moos und Seerosenblätter trieben auf der Oberfläche.

Oft sah ich dicke Frösche in Grüppchen auf den Blättern und Baumstümpfen und am Ufer hocken. Dort lag ein ganz bestimmter Geruch in der Luft, der mich an etwas Urtümliches erinnerte, wie ein prähistorisches Moor, in dem tote Dinosaurier lagen. Ich stellte mir gerne vor, dort gäbe es Dinosaurier, die allerdings nur scheintot wären, und jeden Moment würde einer von ihnen durch einen Donnerschlag oder einen gleißenden Blitz auf der Oberfläche des algenbedeckten grünen Weihers zum Leben erweckt werden, triefnass daraus auftauchen und durch Dewmonts Innenstadt toben, wobei ihm hoffentlich zuallererst die Schule zum Opfer fiele.

Ich liebte es, hierherzukommen und den Fröschen zuzuschauen und den blaugrünen Libellen. Einmal sah ich sogar eine dicke Wassermokassinotter, die sich am Ufer sonnte, während das Bein eines Frosches aus ihrem Maul hervorlugte.

An diesem Tag jedenfalls, als ich zwischen Zaun und Wald spielte und vor Nub davonrannte, stolperte ich plötzlich und fiel hin. Es war ein heftiger Sturz, und mein Knöchel, mit dem ich knapp über meinem Tennisschuh irgendwo hängen geblieben war, fühlte sich an, als wäre ein Amboss draufgefallen. Ich setzte mich heulend auf, rieb mir den Fuß und zog vorsichtig den Schuh aus, um nachzusehen, wie schlimm es wirklich war. Doch ich entdeckte lediglich eine rote Schramme, die langsam violett wurde und sich vom Spann bis über den Knöchel zog.

Ich strich mir über den Fuß, und Nub leckte mir die Zehen. Als ich in die Richtung schaute, wo ich gestolpert war, sah ich etwas Dunkelbraunes, Scharfkantiges aus dem Boden ragen.

Ich zog Socke und Tennisschuh wieder über, ohne die Schnürsenkel zu binden, und humpelte zu der Stelle, um es mir genauer anzusehen. Es war die Ecke eines Stahlkästchens, das in der Erde steckte. Sofort war ich ganz aufgeregt und dachte, ich hätte vielleicht eine Piratenschatztruhe entdeckt, ein Stück von einem Flugobjekt vom Mars oder – wie in einem der Bücher, die ich in jenem Sommer las, Am Mittelpunkt der Erde von Edgar Rice Burroughs – womöglich die Spitze einer metallenen Maulwurfsmaschine, die sich gerade zur Erdoberfläche durchwühlte.

Die letzte Überlegung verwarf ich gleich wieder. Das Ding wühlte nicht im Geringsten. Es ragte einfach nur aus der Erde. Vielleicht, so dachte ich, war es ja doch die Spitze der Maschine, und sie steckte fest, und Abner Perry und David Innes aus dem Buch saßen da unten fest und brauchten meine Hilfe.

Na ja, das glaubte ich nicht wirklich, genauso wenig wie ich daran glaubte, dass ein Dinosaurier aus diesem alten Weiher steigen und Dewmont verwüsten würde – obwohl ich an dieser Stelle hinzufügen sollte, dass ich irgendwo tief im Innern doch ein kleines bisschen daran glaubte und meinte, irgendwie, in irgendeinem anderen Universum, in irgendeinem verborgenen Winkel meines Gehirns könnte es wohl doch so sein. Aber im Grunde wusste ich, dass ich die Ecke eines Metallkästchens vor mir hatte.

Ich versuchte, es mit den Händen auszugraben, aber die Erde und das Gras waren zu fest miteinander verwachsen.

Also lief ich zum Autokino, nahm den Schlüssel für das Vorhängeschloss aus seinem Versteck unter einem Ziegelstein neben der Hütte, holte eine Schaufel aus dem Schuppen und lief zurück.

Als ich an der Stelle ankam, wo Nub und ich unseren Schatz gefunden hatten, hatte Nub bereits angefangen, das unbekannte Erdobjekt auszubuddeln. Mit seinen Pfoten und Zähnen war er ein gutes Stück vorangekommen.

Vorsichtig schob ich Nub beiseite, und ohne auf meinen schmerzenden Fuß zu achten, schaufelte ich los.

Zwischendurch musste ich immer wieder mal absetzen und verschnaufen. Es war so heiß, dass es sich bei jedem Atemzug anfühlte, als würde ich ein Haarknäuel einatmen. Wenn ich doch nur die Feldflasche aufgefüllt und mitgenommen hätte, die Onkel Ben mir geschenkt hatte! Ich überlegte sogar, sie noch zu holen, aber ließ es dann bleiben.

Ich machte weiter, und schon bald lag der kleine Behälter frei. Er war ungefähr doppelt so groß wie eine Zigarrenkiste und wurde von einem kleinen, verrosteten Vorhängeschloss zusammengehalten. Ich rüttelte an dem Schloss, doch verrostet hin oder her, es gab nicht nach; wahrscheinlich hatte der Rost es nur noch fester verriegelt. Obendrein waren Erde und Wurzeln in das Schlüsselloch gedrungen.

Ein Sommerregen setzte ein. Eben noch war der Himmel strahlend blau gewesen, und im nächsten Moment türmten sich Wolken auf, und es fing an zu regnen, sanft und gleichmäßig. Die Erde verströmte diesen süßlichen Duft, bei dem man sofort Lust bekam, einen Baum zu pflanzen oder eine Sünde zu begehen.

Ich wusste, dass ich mit dem, was ich da trieb, rasch fertig werden musste, weil Mom bestimmt nicht wollte, dass ich im Regen draußen blieb, und außerdem war bald Mittagszeit.

Ich erwägte kurz, das Schloss mit der Schaufel abzuschlagen, zögerte jedoch. Ich befürchtete, dass ich damit nur die Schaufel kaputtmachen würde.

Also beschloss ich, ein besser geeignetes Werkzeug aus dem Schuppen zu holen. Aber als ich mit dem Kästchen vor dem Schuppen stand, hörte ich, wie Mom mich zum Essen rief.

Ich stellte die Kiste in ein Regal, schob einen ölverschmierten Pappkarton voller Sicherungen und Schalter davor und ging mir die Hände waschen.

Auch wenn es mir in diesem Augenblick unvorstellbar schien, ließ mich das, was dann beim Mittagessen geschah, die Kiste tatsächlich für eine ganze Weile vergessen.

Wahrscheinlich hätte Daddy einen günstigeren Zeitpunkt wählen können, um Callie zur Rede zu stellen, und ich vermute, dass er das auch getan hätte, wenn er nicht eine derart schockierende Entdeckung gemacht hätte. Mein Vater war nicht so wie die Väter, die man in den 50ern im Fernsehen sah, ruhig und überlegt und voller Lebensweisheit.

Wir saßen gerade am Tisch und warteten auf ihn, vor uns die Schüsseln mit Brathähnchen, Kartoffelpüree und Soße, als er hereinkam und etwas mit einer Pinzette hochhielt.

Ich dachte, es wäre ein Luftballon. Es baumelte schlaff von der Pinzette herunter, war oben mit einem Knoten zusammengebunden und mit irgendetwas gefüllt. Daddys Hand zitterte.

Er schaute Caldonia an und sagte: »Das habe ich in deinem Zimmer gefunden.«

Caldonia wurde so rot wie der Mantel des Weihnachtsmannes und rutschte tiefer in ihren Stuhl. Sogar ihr Pferdeschwanz schien dahinzuwelken. »Das kann doch gar nicht ...«, setzte sie an.

Aber es konnte.

Später erfuhren wir, dass Dad in Callies Zimmer gegangen war, um wegen des Regens das Fenster zu schließen, und da hatte er entdeckt, was er nun mit der Pinzette hochhielt. Aber zu dem Zeitpunkt wusste ich lediglich, dass ein sehr aufgebrachter Mann am Tisch stand und einen seltsamen Ballon von der Pinzette baumeln ließ.

»Du bist erst sechzehn«, sagte er. »Noch nicht verheiratet.«

»O Daddy«, rief Callie, und so schnell wie der Rote Blitz sprang sie vom Stuhl und rannte in ihr Zimmer.

Dad, der immer noch die Pinzette mit dem Ding in Händen hielt, schaute Mom an, die sehr langsam aufstand, ihren Stuhl an den Tisch schob und mit einem Schluchzer das Zimmer verließ. Aus dem Flur hörte ich sie weinen, von Callies lautem Heulen übertönt.

Daddy sah mich an und sagte: »Ich bring das mal weg.«

Ohne zu wissen, was er da entsorgen wollte oder was eigentlich vorgefallen war, nickte ich bloß, und als er hinausging, blieb ich verdutzt sitzen. Irgendwann kam er zurück. Er setzte sich ans Kopfende des Tisches und starrte ins Leere. Schließlich fiel ihm auf, dass ich auch noch da war. »Iss nur, Stanley«, sagte er.

Ich füllte meinen Teller und haute rein. Ich war neugierig, was los war, aber Hunger hatte ich trotzdem. Gerade hatte ich mein zweites Stück Hähnchen verzehrt, als Mom wieder hereinkam, Platz nahm und sich umständlich die Serviette auf den Schoß legte.

»Hast du mit ihr geredet, Gal?«, fragte Daddy.

Moms Stimme hatte sich noch nicht erholt. »Nur kurz. Ich werd noch mit ihr reden.«

»Gut. Gut.«

3

Es war Sonntag, und das Autokino war geschlossen. Damals nahmen Christen den Feiertag ernst, und kein seriöses Geschäft hatte sonntags auf. Einige Christen meinten, der Samstag sei der wahre Tag des Herrn, aber nach dem Gesetz war es der Sonntag.

Jahrelang galt in Texas das sogenannte Blue Law, das besagte, dass am Sonntag bestimmte Dinge nicht gekauft werden konnten. Alkoholische Getränke fielen beispielsweise darunter. Oder man durfte einen Hammer kaufen, aber keine Nägel; einen Bohrer, aber keine Bohraufsätze. Nichts, was dazu führen konnte, dass man eine Arbeit erfolgreich abschloss. Wenn man bei einer schweißtreibenden Beschäftigung gesehen wurde, schauten die Leute einen an, als hätte man gerade das Gemeindehaus in Brand gesetzt, während lauter Pfadfinderinnen mit rosigen Wangen und selbstgebackenen Keksen drinsaßen.

Soweit ich mich erinnere, waren sogar bestimmte Toilettenartikel tabu. Damals war der Sonntag also ein Tag, an dem das Autokino geschlossen blieb. Meine Eltern waren keine Kirchgänger, und wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, wurde Religion bei uns nie ernsthaft zur Sprache gebracht, jedenfalls nicht von einem theologischen Standpunkt aus.

Doch wie auch immer es um den Familienglauben bestellt war, es stand außer Frage, dass Callies Verfehlung einen moralischen Kern hatte. Immerhin hörte ich, wie meine Mutter zu Gott rief. Zweimal. Ich glaube, sie drohte ihm.

Daddy merkte, dass mir die Sache mit dem zugeknoteten Luftballon ein Rätsel war, und versuchte an jenem Nachmittag, mir alles zu erklären. Wir saßen hinterm Haus auf Stühlen unterm Vordach der Imbissbude, schauten zum grünen Zaun in der Ferne und beobachteten, wie der letzte Regen heruntertröpfelte.

Ohne mich anzusehen, fragte Daddy: »Mein Sohn, hast du verstanden, warum wir böse auf Callie sind?«

»Du hast was in ihrem Zimmer gefunden, was da nicht hätte sein sollen.«

Einen Augenblick lang saß Daddy schweigend da. Aus den Augenwinkeln warf ich ihm einen Blick zu, denn irgendwie ahnte ich, dass dies kein Gespräch war, bei dem man einander ins Gesicht sah.

»In gewisser Hinsicht stimmt das«, gab Daddy zurück. »Sohn, weißt du Bescheid über die Bienen und die Blumen?«

Natürlich. Fragte er mich gerade, was der Unterschied zwischen ihnen war? Sollte das eine Lehrstunde über Flora und Fauna werden? »Ich glaube schon«, antwortete ich.

»Also, auch die Bienen und die Blumen haben ihre Zeit. Davon hast du ja sicher schon gehört.«

»Ja, Sir.«

»Tja, Callie hat es zu früh herausgefunden. Oder vielleicht wusste sie es bereits, aber sie hat sich zu früh darauf eingelassen.«

»Auf die Bienen und die Blumen?«

»Sozusagen, ja.«

»Deswegen bist du böse?«

»Ja. Es hat mich verletzt. Und ich hab ein bisschen Angst.«

Jetzt schaute ich ihn an. Ich konnte einfach nicht anders. Daddy und Angst? Mein Daddy schien für mich unbesiegbar zu sein. Einer von denen, die mit einem Stock auf Bärenjagd gingen und den Bären dazu brachten, ihnen den Stock nach Hause zu tragen. Und jetzt war er sauer über irgendwelche Insekten und Pflanzen und einen zugeknoteten Luftballon.

»Warum denn, Daddy?«

»Weil Callie mein kleines Mädchen ist und ich nur das Beste für sie will, und weil sie zu jung ist für solche Sachen.«

»Hat sie damit in ihrem Zimmer herumgeworfen?«

»Womit?«

»Mit Wasserbomben?«

Daddy schaute mich einen langen Augenblick an, blinzelte und sagte: »Äh ... hm, also ... ja, mein Sohn. Genau. Das kann ich einfach nicht hinnehmen ... weißt du was, wir reden später noch mal darüber.«

Daddy stand auf und ging hinein.

Ich saß noch eine Weile da, dann trottete ich völlig verwirrt hinterher. Worum auch immer es bei unserem Gespräch gegangen war, eins war mir klar: Es war ein Thema, über das Daddy eigentlich nicht unbedingt sprechen wollte.

In den nächsten paar Tagen ereigneten sich mehrere, wie ich fand, zusammenhanglose Vorfälle. Natürlich wusste ich, dass Callie Ärger hatte wegen der Wasserbomben, aber es erstaunte mich doch, dass Mom und Daddy ihr für das nächste halbe Jahr Hausarrest gaben, oder »vielleicht sogar für immer«, wie Daddy sich ausdrückte, außer wenn sie mit uns aus dem Haus ginge.

Außerdem war Callie die ganze Zeit über weinerlich, und das wunderte mich. Normalerweise ertrug sie ihre Strafen mit stoischer Gelassenheit, zumal ich den Eindruck hatte, dass sie sowieso besser davonkam als ich. Für gewöhnlich wickelte sie Daddy schnell um den Finger, aber diesmal war es anders. Er war strenger zu ihr als Mom, und Mom machte es ihr schon nicht leicht. Sie trug Callie ständig neue unangenehme Hausarbeiten auf, und manchmal brach sie bei ihrem Anblick in Tränen aus.

Callies Freund Chester, den sie an unserem zweiten Tag in Dewmont kennengelernt hatte und der neunzehn Jahre alt war, stellte bald darauf seine Besuche bei uns ein – er und Daddy hatten eine Meinungsverschiedenheit, wie Mom es später nannte.

Genauer gesagt forderte Daddy ihn auf, sich nicht mehr bei uns blicken zu lassen. Ein paar Tage später missachtete Chester diese Anweisung jedoch. An einem Sonntagnachmittag kreuzte er bei uns auf und wollte mit Daddy sprechen, »von Mann zu Mann«.

Er fuhr in seinem schwarzen getunten Ford vor, auf dessen Seiten gemalte Flammen züngelten, und stieg aus, das Haar so modelliert, dass es aussah wie eine umgekippte schwarze Soßenschüssel. Er trug ein pink-schwarzes Hemd, Jeans mit umgeschlagenem Saum und ein Paar – wie sollte es auch anders sein – blauer Wildlederschuhe.

Langsam kam Chester hinter der Autotür hervor, wie ein Abgesandter vom Planet Rockabilly, der uns die Ehre eines Besuches erwies.

Daddy wusste bereits von seiner Ankunft, da ich mit Nub draußen im Vorgarten herumgetobt hatte und, sobald Chester auftauchte, ins Haus gestürzt war, um ihn zu verpetzen.

Ich folgte Daddy nach draußen. Chester stellte ein Bein vor und versuchte wie Elvis auszusehen. Dann sagte er: »Sir, ich will Ihnen mal was erklären, was mich und Callie angeht.«

Das war der falsche Tonfall. Statt einer Antwort ging Daddy schnurstracks auf Chester los. Seine Faust landete auf Chesters Kinn, und nach diesem Hieb gab Chester ein Geräusch von sich, das sich anhörte, als würde man eine Katze quälen. Dann setzte sich Daddy rittlings auf ihn und trommelte mit den Fäusten wie ein Zirkusaffe auf Chester ein.

Nun ja, wenn es Daddy wirklich ernst gewesen wäre, dann wäre Chester nie mehr aufgestanden. Daddy verpasste ihm eine Ohrfeige nach der anderen und sagte: »Hast du’s jetzt endlich kapiert, du Schmierlappen? Hast du’s kapiert?«

Chesters Verständnis schien nicht gerade zu wachsen, aber seine Stimme kletterte definitiv um einige Oktaven nach oben. Nach ungefähr fünf Minuten Ohrfeigenhagel machte er den Tenören der Wiener Sängerknaben Konkurrenz, nur nicht ganz so melodiös.

Und so, während Daddy im Schatten der Autokino-Mauer auf Chester hockte und verzweifelt versuchte, ihm mit ständigen Schlägen ein bisschen Verstand einzubläuen, verging der Vormittag. Oder wenigstens kam es mir so vor. Ich glaube tatsächlich, dass Daddy Chester eine Viertelstunde lang durchwalkte.

Wehklagend flehte Chester zu Gott, er möge vom Himmel herabsteigen und ihn retten, doch Gott zeigte sich nicht, aber immerhin kamen Mom und Callie aus dem Haus.

Als wir befürchten mussten, dass Daddy wirklich ausrasten und ihn ernsthaft verletzen würde, zogen Mom, ich und Callie ihn von Chester herunter. Daddy nannte ihn einen Hurensohn, während Chester zu seinem Auto humpelte. Sein Gesicht glühte rot von den Schlägen, das ölige Haar hing ihm in die Stirn, sein Ducktail war im Nacken plattgedrückt, und vom Hosenboden seiner Jeans rieselte Gras. Seine blauen Wildlederschuhe sahen allerdings noch ganz gut aus.

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst hier nie wieder aufkreuzen«, rief Daddy. »Wenn ich dich noch ein Mal bei uns sehe, tret ich dir so fest in den Arsch, dass du eine verdammte Seilwinde brauchst, damit du ihn zum Scheißen wieder runterkriegst!«

Während ihm das Blut in Strömen aus der Nase lief, stieg Chester in seinen alten Ford und raste davon, dass der Kies nur so spritzte.

»Was um alles in der Welt ist in dich gefahren?«, wollte Mom von Daddy wissen.

Daddy warf Callie einen vernichtenden Blick zu und antwortete: »Viel wichtiger ist die Frage, wer oder was in Callie gefahren ist.«

»Stanley!«, sagte Mom.

Später kamen Polizisten zu uns. Daddy nahm sie beiseite und sprach mit ihnen. Ich hörte einen von ihnen lachen, ein anderer klopfte Daddy auf die Schulter. Das war’s.

Chester konnte ohnehin niemand so recht leiden, daher musste er am Ende einfach seine Tracht Prügel wegstecken und sich daran erfreuen wie an einem lang ersehnten Weihnachtsgeschenk.

Solche Sachen passierten, und ich hatte keine Ahnung, worum es überhaupt ging.

Bevor ich in jener Nacht zu Bett ging, fing ich an, ein Buch mit dem Titel Die Schatzinsel zu lesen. Ich hatte schon früher Piratenbücher gelesen, aber noch nie etwas Vergleichbares. Ich las es bis zur Hälfte durch, bevor ich einschlief.

Nachdem ich von dem Schatz gelesen hatte, fiel mir dann am nächsten Morgen wieder ein, dass ich diese rostige alte Kiste hinterm Autokino gefunden hatte. Also lief ich nach dem Frühstück zur Hütte, um das Ding zu öffnen.

Ich fand eine Brechstange. Indem ich mich auf das Kästchen stellte und das Stemmeisen im Bügel des Vorhängeschlosses einhakte, gelang es mir mit viel Schnaufen und Keuchen, das Schloss aufzubrechen.

Ein Lederbeutel lag darin. In dem Beutel, eingewickelt in etwas, das sich wie ein Stück von einem Regenmantel anfühlte, steckte ein Bündel brauner Briefumschläge, die mit einem ausgeblichenen blauen Faden zusammenschnürt waren.

Das war nicht gerade das, worauf ich gehofft hatte.

Enttäuscht legte ich das Bündel zurück in die Kiste, nahm sie mit in mein Zimmer, schloss die Tür und setzte mich mit meinem Fund aufs Bett.

Nervosität machte sich in mir breit. Eine einzige Wasserbombe hatte Callie in Schwierigkeiten gebracht. Ich fragte mich, welches Schicksal mir wohl blühte.

Ich öffnete die Kiste, zog das Bündel aus dem Beutel, zupfte den Faden auf und nahm den obersten Umschlag in die Hand. Er war nicht verschlossen. Ich griff hinein und holte ein gefaltetes Stück Papier heraus. Es war ein Brief.

Nach den ersten paar Zeilen schwand auch meine letzte Hoffnung. Den Brief hatte irgendein Mädchen geschrieben – nur rührseliger Mist. Ich öffnete die anderen Briefe, überflog die Seiten, steckte sie alle wieder in die Umschläge, schloss die Kiste und schob sie unters Bett.

Ungefähr eine Woche später stellte Daddy eine dicke farbige Frau namens Rosy Mae Bell ein. Sie war groß, stämmig und sehr schwarz, trug Kleider, die aussahen, als wären sie aus den Vorhängen meiner Mutter genäht, und band sich bunte Tücher um den Kopf, die sie über der Stirn mit einer kleinen Schleife verknotete. Sie sah ein bisschen aus wie Aunt Jemima auf dem gleichnamigen Sirup. Oder, wie wir sagten, Sürup.

Rosy Mae wurde die Verantwortung fürs Putzen, Staubwischen und Kochen in unserem Haus übertragen. Und zwar wegen der vielen Arbeit, die das Autokino mit sich brachte. Mom war der Ansicht, wenn sie die halbe Nacht in der Kino-Imbissbude stehen und sich tagsüber mit mir und Callie herumschlagen musste, dann sollte sie ein wenig Hilfe im Haushalt bekommen.

Das Putzen erledigte Rosy Mae so lala, aber am Herd besaß sie ein göttliches Talent. Selbst im Hause des Herrn war der Tisch bestimmt nicht so köstlich gedeckt wie bei uns. Ich merkte, dass meine Mom nach einer Weile tatsächlich ein bisschen eifersüchtig auf Rosy Mae wurde, und wenn wir uns am frühen Abend zum Essen hinsetzten – das Autokino öffnete an Sommerabenden um acht Uhr, was bedeutete, dass wir gegen sieben mit den Vorbereitungen beginnen mussten –, dann fand sie immer eine Kleinigkeit am Gebäck oder an der Soße auszusetzen. Aber es war nur halbherzige Kritik, denn Mom wusste, genau wie wir alle und auch Rosy (obwohl sie immer so tat, als gäbe sie Mom völlig recht), dass dieser Genuss nicht mehr zu steigern war.

Ich und Rosy wurden schon bald ein Herz und eine Seele. Tagsüber, wenn Rosy putzen sollte, saß sie häufig mit mir zusammen, erzählte mir Geschichten oder hörte mir zu, wenn ich von Sachen sprach, die ich nicht einmal meinen Eltern gegenüber erwähnt hätte. Oft machte sie es sich auf dem Wohnzimmersofa bequem und las Groschenromane. Damit kam sie ungestraft davon, wenn Mom irgendetwas zu erledigen hatte und Daddy draußen vor dem Haus den Rasen mähte oder auf dem Kinoparkplatz Pappbecher, Popcorntüten und ähnliche Abfälle aufsammelte, die die Besucher aus dem Fenster geworfen hatten.

Zwischen diesem Müll begannen mit einiger Regelmäßigkeit irgendwann noch andere Dinge aufzutauchen – eigenartige durchsichtige Luftballons wie der, der sich in Callies Zimmer gefunden hatte.

Meine Aufgabe war es, die Imbissbude und die kleine Veranda davor zu wischen, und meistens schaute ich Daddy dabei zu, wie er den Müll mit einem Stock aufsammelte, an dessen Spitze ein Nagel befestigt war. Er stach die Abfälle auf und ließ sie in einen Sack fallen; diese Ballons allerdings schien er immer besonders vehement aufzupieken. Langsam dämmerte es mir, dass diesen speziellen Ballons etwas Geheimnisvolles, vielleicht sogar Bedrohliches zu eigen war, von dem ich bis dahin nichts geahnt hatte.

Rosy Mae und ich hatten so etwas wie eine Abmachung. Wenn ich die Veranda wischte oder in der Imbissbude war und Daddy durchs Fenster beobachten konnte, stand ich für sie Schmiere. Außerdem waren meine Ohren so gut, dass Rosy Mae mich »Nubs großen Bruder« nannte. Wenn ich hörte, wie Mom nach Hause kam, oder sah, dass Daddy seine Arbeit beendete, streckte ich den Kopf ins Wohnzimmer und rief ihren Namen in einem Tonfall, der ihr verriet, dass sie aufstehen, ihr Heft verstecken, sich einen Staubwedel schnappen und sich in Bewegung setzen sollte.

Und auf einmal war sie ganz schön flink. Die Zeitschrift verschwand im Nullkommanichts in der riesigen Tasche mit dem Paisleymuster, die sie jeden Tag dabeihatte, und dann wirbelte sie mit dem Staubwedel herum. Das war ein ziemlicher Anblick, diese dicke Frau beim Herumwirbeln zu beobachten. Sie sah aus wie eine Bärin, die ihre Höhle putzte.

An einem Samstagvormittag, als Rosy Mae ihren freien Tag hatte, saß ich draußen auf der Veranda neben meinem Daddy auf einem der metallenen Gartenstühle, während er an einem Stock herumschnitzte und über den neuen Film mit Jimmy Stewart redete, Vertigo, der am Abend laufen würde. Er meinte, er käme gar nicht dazu, ihn anzuschauen, weil er so viel Arbeit habe, und das gefalle ihm gar nicht, denn er sei doch ein großer Fan von Jimmy Stewart, und er überlege, ob er den Film nicht am Sonntag einfach nur für die Familie abspielen und ein paar Freunde dazu einladen solle, aber keine Freunde von Callie. Sie dürfe mitgucken, aber sie solle nicht allzu viel Spaß dabei haben.

Was er so sagte, gefiel mir, besonders dass Callie keine Freunde einladen durfte. Ich genoss ihre Bestrafung in vollen Zügen. Außerdem war ich eifersüchtig, weil sie so schnell neue Freundschaften schloss. In der kurzen Zeit, seit wir in Dewmont wohnten, hatte sie schon viele Freunde gewonnen. Sie war so hübsch und so amüsant, dass sie nur irgendwo auftauchen musste, schon fielen die Jungs über sie her, und auch die Mädels, die anfangs vielleicht neidisch waren, schlossen sie rasch ins Herz.

Na ja, die meisten jedenfalls.

»Darf ich jemanden einladen?«, fragte ich.

»Klar. Wen denn?«

»Rosy Mae.«

Daddy drehte sich zu mir um und sagte: »Mein Sohn, Rosy Mae ist eine Farbige.«

»Ja, Sir«, sagte ich.

Er lächelte mich an. »Also, sie ist schon in Ordnung. Ich mag sie. Aber weiße Leute verbringen ihre Freizeit nicht mit Farbigen. Das tut man einfach nicht. Weißt du, ich habe nicht das Geringste gegen sie. Sie macht ihre Arbeit gut, aber wenn ich ein paar Freunde zu uns einlade, dann glaube ich nicht, dass sie neben einer Farbigen sitzen und mit ihr zusammen einen Film schauen wollen.«

»Warum nicht?«

»Also, Farbige sind anders, mein Sohn. Sie sind nicht wie du und ich. Gute anständige Weiße halten sich einfach nicht in Gesellschaft von Niggern auf.«

All das hätte ich vermutlich wissen sollen, aber in No Enterprise hatte ich ein behütetes Leben geführt. Die einzigen Farbigen, die ich dort je gesehen hatte, waren auf diesen klapprigen Wagen durch den Ort gefahren, mit einem Pflug hinten dran und einem Maultier davorgespannt.

Und dann war da noch Onkel Tommy, der Messer schleifte und Haushaltsgeräte reparierte. Er lebte unten am Fluss in einer Hütte mit einem einzigen Zimmer und einem Plumpsklo dahinter. Ich wusste, dass die farbigen Menschen, die ich gesehen hatte, arm waren, aber erst in diesem Augenblick begriff ich, dass sie anders waren, dass sie von den Weißen als minderwertig angesehen wurden. Und obwohl ich das Wort »Nigger« bereits gehört hatte, merkte ich jetzt, dass man es so aussprechen konnte, dass es sich wie ein Schlag ins Gesicht anfühlte, sogar wenn man ein Weißer war.

Außerdem wurde mir bewusst, dass Daddy und Mom keine richtigen Freunde in Dewmont hatten, und höchstwahrscheinlich verbrachten sie mehr Zeit mit Rosy Mae als mit irgendjemandem, den sie sonst hätten einladen können.

Daddy, der meine Enttäuschung spürte, sagte: »Wenn du willst, kannst du einen deiner Kumpels einladen. Wie wäre es mit diesem Richard? Er scheint mir zwar ein ziemlicher Rabauke zu sein, aber wahrscheinlich ist er ganz in Ordnung.«

»Ja. Okay. Vielleicht.«

»Glaubst du, dass er Läuse hat?«

»Er kratzt sich ganz schön oft.«

»Ich finde, seine Haare sehen ziemlich verdächtig aus.«

Richard war tatsächlich in Ordnung. Ich mochte ihn. Aber in dem Moment ging mir auf, dass ich ein engeres Verhältnis zu Rosy Mae hatte als zu ihm, und ich hatte sie sogar später kennengelernt als Richard.

Rosy Mae und ich verbrachten sehr wohl unsere freie Zeit miteinander. Wenn ich mit ihr redete, musste ich nicht groß darüber nachdenken, was ich gleich sagen würde. Nie und nimmer hätte ich Richard erzählt, dass ich gerne Gedichte las, aber Rosy Mae hatte ich es anvertraut. Und auch wenn sie ein Gedicht nicht von einem Kuhfladen unterscheiden konnte, begriff sie, dass ich Gedichte mochte, und würdigte mein Interesse, und sie ließ sich sogar eines von Robert Frost von mir vorlesen – zweimal. Außerdem hatte sie alle Tarzan-Filme vom hintersten Rang im Palace Theater aus gesehen, von wo Farbige die Filme schauten, und im Schwarzen-Kino drüben in der benachbarten Stadt Talmont hatte sie Filme gesehen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Schwarze Cowboys. Schwarze Gangster. Schwarze Musicals. Ich hatte keinen Schimmer gehabt, dass es solche Filme überhaupt gab. Sie nannte das »Farbiges Kino«.

Daddy merkte, wie ich ins Grübeln geriet, und fügte hinzu: »Aber wie gesagt, ich habe nicht das Geringste gegen Rosy Mae.«

Abgesehen davon, dass sie ein Nigger war, dachte ich. Ich ging ins Haus, stieg die Treppe hoch, legte mich aufs Bett und fühlte mich ... seltsam. Anders kann ich es nicht beschreiben. Die Erklärungen, die ich an diesem Tag gehört hatte, trafen mich wie eine Faust in den Magen – nur dass es sich irgendwie anfühlte, als wäre der Hieb eigentlich für Rosy bestimmt gewesen und ich hätte ihn abbekommen.

Meine Tür hatte ich offen gelassen, und nach einer Weile trottete Nub herein, sprang hoch aufs Bett und ließ sich zu meinen Füßen nieder. Kurz darauf erschien Callie in der Tür. Nach dem Vorfall mit dem Luftballon hatten Daddy und Mom das Zimmer mit ihr getauscht, sodass sie jetzt oben wohnte, neben mir.

Callie war barfuß, hatte das Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und sie trug eine rosa Caprihose und ein weißes Männerhemd, das ihr viel zu groß war. Wie die meisten Mädchen in dem Alter benutzte sie zu viel Parfüm. Der Fairness halber sei erwähnt, dass ich drei Jahr später zu viel Rasierwasser benutzen würde.

Sie lehnte sich an den Türrahmen und sagte: »Wenn Mom dich mit Schuhen auf dem Bett erwischt, gibt’s Stunk.«

»Mit Stunk kennst du dich ja aus«, gab ich zurück. »Und Nub darf mit rauf. Sie lässt ihn sogar in ihr eigenes Bett.«

»Kann ja sein, aber du hast keine Ahnung von mir und meinen Problemen, Stanley Mitchel junior. Nicht die leiseste Ahnung. Ich hab nichts verbrochen, und trotzdem hab ich jetzt Hausarrest, und das in der besten Zeit meines Lebens. Eigentlich sollte ich rausgehn und Spaß haben.«

»Eigentlich solltest du keinen von diesen Ballons in deinem Zimmer haben.«

Ich drehte den Kopf zu Callie und stellte fest, dass sie rot angelaufen war.

»Ich sag dir, du liegst mit deinen Vermutungen völlig falsch.«

Ich wusste nicht so recht, was für Vermutungen sie meinte, ließ mir meine Unwissenheit aber nicht anmerken. Also antwortete ich: »Na, wie du meinst.«

»Jane Jersey hat mir das durchs Fenster reingeworfen ... na ja, wenigstens glaub ich, dass sie es war. Muss irgendeine blöde Kuh gewesen sein, die Chester gernhat und nicht will, dass wir zusammen sind – und die meinen Ruf ruinieren will. Jane Jersey hat schon einen schlechten Ruf. Ganz zu schweigen von der hässlichen Frisur. In ihren Haaren könnte man eine Wassermelone verstecken. Genau genommen sieht ihre Frisur aus wie eine von diesen Fischfallen aus Draht.«

»Wer sollte Chester schon gernhaben? Der Kerl ist gruselig. Sieht aus wie ein Raumfahrer. Ich glaub, ich hab ihn in Die Invasion der fliegenden Untertassen gesehn. Er war das kleine Monster ganz links.«

»Du bist gemein, Stanley.«

»Und du willst mir erzählen, dass Jane Jersey hier war und diesen Ballon mit einem Stock durch dein Fenster geschoben hat? Das soll ich dir abnehmen?«

»Mit den meisten Mädels komm ich gut aus, aber einige sind eifersüchtig auf mich, und Jane am allermeisten. Sie ist früher mit Chester gegangen. Ich hab die beiden nicht auseinandergebracht, sie hatten schon Schluss gemacht. Ich hab ihn vorm Dairy Queen kennengelernt, und wir haben uns gleich gut verstanden. Das ist nichts Ernstes mit ihm. Er ist einfach irgendwie witzig. Anders als die andern. Seitdem hat Jane mich auf dem Kieker. Glotzt mich immer böse an und sagt, dass ich ihren Freund in Ruhe lassen soll. Jetzt hat sie das Gummi in mein ...«

»Gummi?«

»So nennt man diese Ballons, Stanley. Es heißt nicht Ballon. Eigentlich sagt man Präservativ. Aber sie hat es mir ins Zimmer geworfen, oder sie hat eine ihrer Freundinnen dazu überredet, und das ist einfach fies. Ich glaube nicht mal, dass es mit zu ihrem Plan gehört hat, dass Mom oder Daddy es finden, aber wahrscheinlich wollte sie mir zeigen, dass sie es tut, weil sie dachte, dass ich es tue. Aber das stimmt nicht. Und wenn, dann wär ich so schlau, das Teil aufzuheben und wegzuschmeißen. Und wenn Chester es tut, so wie sie behauptet, dann will ich nichts mehr mit ihm zu tun haben.«

Schließlich gab ich auf. »Und, tut sie das, was du nicht tust?«

»Was denn?«

»Jane Jersey. Du hast gesagt, sie wollte dir zeigen, dass sie was tut, von dem sie denkt, dass du es tust. Was tut ihr denn alle?«