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Düsseldorf, 80er Jahre:
Als eine Leiche aufgefunden wird, ärgert sich Kommissar Benedict gewaltig, denn der Tatort gibt wegen der stümperhaften Arbeit der Kollegen keine brauchbaren Spuren mehr ab. Der Tote ist ein berühmter, japanischer Modeschöpfer, der auf der Modemesse IGEDO in Düsseldorf seine neuste Kollektion vorstellen wollte.
Von Benedict werden Ergebnisse erwartet. Doch die Ermittlungen sind schwierig, und so wird dem deutschen Polizisten ein japanischer Polizist als ›Berater‹ zur Seite gestellt. Dadurch wird der Fall nicht wirklich einfacher!<
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Peter Schrenk
Ein fremder Tod
Ein Fall für Vitus H. Benedict
Düsseldorf-Krimi
Neuausgabe
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© Copyright dieser Lizenzausgabe by XEBAN-Verlag.
Verlag: Xeban-Verlag: Kerstin Peschel, Am Wald 67, 14656 Brieselang; [email protected]
Lizenzgeber: Edition Bärenklau / Jörg Martin Munsonius
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Cover: © Copyright by Steve Mayer, 2022
Korrektorat: Sandra Vierbein
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Ein fremder Tod
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
Der Autor Peter Schrenk
Folgende Werke sind von Peter Schrenk erschienen oder befinden sich in Vorbereitung:
Düsseldorf, 80er Jahre:
Als eine Leiche aufgefunden wird, ärgert sich Kommissar Benedict gewaltig, denn der Tatort gibt wegen der stümperhaften Arbeit der Kollegen keine brauchbaren Spuren mehr ab. Der Tote ist ein berühmter, japanischer Modeschöpfer, der auf der Modemesse IGEDO in Düsseldorf seine neuste Kollektion vorstellen wollte.
Von Benedict werden Ergebnisse erwartet. Doch die Ermittlungen sind schwierig, und so wird dem deutschen Polizisten ein japanischer Polizist als ›Berater‹ zur Seite gestellt. Dadurch wird der Fall nicht wirklich einfacher!
***
Ein Fall für Vitus H. Benedict
Ein Düsseldorf-Krimi von Peter Schrenk
»Kampai!«
Die vier anderen Herren um den niedrigen Holztisch griffen nach den schweren Kristallgläsern mit der honigfarbenen Flüssigkeit und erwiderten den Trinkspruch des ältesten Spielers höflich.
Das leise, durch einen dünnen Spalt der nicht ganz geschlossenen, hölzernen Schiebetür hereindringende Klappern von Geschirr bildete für einen kurzen Augenblick die einzige Geräuschkulisse in dem kleinen Raum.
Schwaden grau-blauen Zigarettenrauches entwichen durch den schmalen Spalt, um nach einem arabesk wirbelnden Tanz im Wärmedunst einer entfernten Küche zu verschwinden.
Die Umrisse einer am Spielzimmer vorbeihuschenden Bedienung im Kimono zeichneten sich flüchtig auf dem festen, weißen Papier der Türbespannung ab.
»Kampai!«
Nochmals beantworteten die vier Männer den Trinkgruß des freundlichen Herrn mit dem Buddhagesicht respektvoll und erhoben die Gläser mit feinem Suntory-Whisky gegen ihn, um sich dann entspannt in die federnden Holzlehnen ihrer Bodensitze zurückzulegen und das milde Brennen des Alkohols in den Kehlen zu genießen.
Dann wurden die elfenbeinfarbenen Spielsteine mit den chinesischen Zeichen von den Herren auf dem Tisch zusammengeschoben. Diesen Moment hatten sie genussvoll hinausgezögert. Das sanfte Klicken war ein schönes Geräusch. Die Mahjong-Partie war damit beendet.
Mit Wohlbehagen rülpsend, erhob sich Herr Fukuda von seinem Sitz und legte den bequemen Männerkimono, den Yukata, ab. Der mit fünfundsechzig Jahren älteste Spieler der Runde beantwortete mit unsicheren, etwas steif wirkenden Bewegungen die Höflichkeitserweisungen der sich mühsam erhebenden Mitspieler und ging dann, leicht torkelnden Schrittes, zur Schiebetür des fensterlosen Raumes.
Beim Abschied wandte er sich nochmals den in leichter Verbeugung harrenden Männern zu und betrachtete sie prüfend im matten Licht der in die Wandtäfelung eingelassenen Lampen.
Nichts als entschlossene Aufmerksamkeit war auf den Gesichtern der in Ehrerbietung stehenden Männer zu erkennen. Mit einem leichten Beugen des Hauptes verließ der Älteste sodann das Nebenzimmer des Clubs und registrierte mit Wohlwollen die tiefen Verbeugungen der Zurückbleibenden. Diesen Respekt konnte Herr Fukuda erwarten.
Auf zu vielfältige Weise waren sie ihm verpflichtet – wie auch er ihnen.
Draußen, auf der nachtdunklen Marienstraße, erfrischte die feuchte Kälte eines Düsseldorfer Februars seine Haut angenehm. Mit Freude dachte er an die bevorstehende Heimreise und fühlte sich angenehm leicht und frei.
Alles war geregelt, alles besprochen.
Das Bushido hatte ewig Bedeutung und Bestand.
Seinen Lippen entfuhr unwillkürlich ein bekräftigendes »Hai«, und er spuckte auf den Gehsteig. Morgen würde er Düsseldorf endgültig verlassen.
»Sayonara, Düssel!«
Gegen ein Uhr nachts zieht sich das Leben der Düsseldorfer Innenstadt auf den Dunstkreis der Altstadt zurück. Hier, begrenzt vom trägen Rhein auf der einen und übergehend in die Baustelle Königsallee auf der anderen Seite, liegt das, was in den Medien als längste Theke der Welt gerühmt oder verlästert wird. Je nach Standpunkt des Betrachters.
Eine Mixtur aus echten Altstadtkneipen und kopierten Weltstadt-Discos, Pizzerias und Hamburger-Garagen, Nachtbars und Straßenmusikanten, garniert von ›Kommödchen‹ und Kunsthalle, lockt sie allabendlich ein erlebnishungriges Feierabendvölkchen in die noch historischen Gassen und Straßen. Hindurch drängen sich auf Tuchfühlung die Provinzonkels vom Niederrhein, Azubis der umliegenden Banken und Werbeagenturen, an Samstagen Fußballfans, an Messetagen Aussteller auf der Suche nach Entspannung vom Messestress, Discoqueens, Taschendiebe, Dealer und Punker. Auch Düsseldorfer Mittelstandsbürger. An manchen Wochenenden sogar noch bis gegen vier Uhr morgens. Sie alle wollen Teil dieses Amüsiergeruches von Altbier, Hähnchen, Glühwein, Salamipizza, Knoblauch, Parfüm, Urin und getanztem Frauenschweiß sein. Die aus den vielen Kneipen und Discos dröhnende Musik, der grölende Gesang angeschickerter Kegelbrüder und das herausfordernd abwehrende Kichern von Mädchenpaaren, die ihre Runden drehen…, das alles vermischt sich mit den scharfen Gerüchen und hängt wie eine Glocke trunkener, rheinischer Geselligkeit über der Düsseldorfer Altstadt.
Aber an der Königsallee, in deren sterilem Einzugsgebiet der Zerberus von Sams Nobel-Disco die Gäste sogar nach dem Geruch selektiert, findet diese Art rheinischen Frohsinns schon ihr Ende. Und noch weiter oben, in Richtung Hauptbahnhof, so auf der Höhe Immermannstraße, lässt sich die laute Anziehungskraft dieser Altstadt nicht einmal erahnen. Hier, zwischen in die Luft ragenden Geschäftsblöcken und düster wirkenden Baumkronen, die sich blattlos in die Nachtkälte strecken, ist schon gegen Mitternacht nichts mehr von der warmen, schwitzenden Fröhlichkeit des Vergnügungsviertels zu spüren.
Zu welchem Zweck treiben die Verkehrsampeln noch ihr lautloses Farbenspiel? Auf dem Asphalt der öden, breiten Straßen spiegeln sich die Lichtreflexe.
Grün. Orange. Rot. Grün …
Lichtorgeln auf einem glatten Parkett ohne Tänzer.
Nicht der geringste Lichtschein spiegelte sich im Gesicht.
Die Gestalt hatte sich in Höhe des ersten Stockwerkes flach an die Außenwand gedrückt und beobachtete aufmerksam die leere Straße.
Ab und zu hielt ein Wagen bei Rot an der Ampel. Selbst wenn die Wageninsassen nach oben gesehen hätten, wäre ihnen der an die Marmorwand gepresste Körper nicht aufgefallen. Auch ein wirklich geschulter Beobachter mit einem Nachtfernrohr hätte Schwierigkeiten gehabt, die schwarz gekleidete Figur an der Außenwand auszumachen.
Mit einem Infrarot-Nachtsichtgerät, vielleicht. Ja.
Aber wer lief um diese Zeit in der Innenstadt von D-Dorf schon mit so einem Ding herum?
Die lauernde Gestalt hatte ihre jetzige Position vor ungefähr einer halben Stunde auf dem Sims eingenommen. Die unauffällige Schnelligkeit, mit der dieses schattengleich geschah, hätte so manchen Fassadenkletterer oder Bergsteiger verblüfft. Nun wartete der Schatten, Teil der polierten Außenmauer, konzentriert und gelassen in seiner kühlen Höhe.
Aus einer Seitentür neben dem Restaurant trat ein Mann in die klamme Nachtkälte auf die Immermannstraße hinaus.
Er hatte einige Whiskys getrunken und ein paar Liedchen gesungen. Das von der Loreley war auch dabei gewesen.
Die Drinks waren gut gegen die Nervosität und aufgeregte Gespanntheit, die ihn stets vor einer neuen Premiere befiel, und der Gesang war die Folge der Wirkung ersterer auf die gereizten Nervenbahnen.
Jetzt aber war er heiter gestimmt.
Morgen würde sein Tag sein. Und auch für die andere Sache würde sich eine Lösung finden. Er war schließlich jemand. Die Zeiten hatten sich geändert.
Es ging ihm gut.
Der Schwarze auf dem Mauersims löste mit vorsichtigen Knüpfbewegungen die Verschnürung eines an seinem Gürtel hängenden Tuchbeutels. Mit vogelleichtem Griff entnahm er dem Beutel einen etwa handtellergroßen Gegenstand, den er vorsichtig und sorgfältig mit der Rechten ausbalancierte.
Konzentriert richtete der Schatten Atem, Geist und Kraft des Körpers auf die gleich notwendige Bewegung aus.
Dem frohgelaunten Mann da unten war danach zumute, sein Wasser im Freien abzuschlagen, obwohl sein Zimmer sich nur wenige Schritte entfernt befand. Mit großem Vergnügen pinkelte er, dabei leise vor sich hin singend, in einen Seiteneingang. Dann knöpfte er erleichtert die Hose wieder ordentlich zu und wandte sich …
… der Shuriken aus der Hand des Mauermenschen sirrte in schneller Drehung durch die feuchte Luft nach unten. Die scharfen, vergifteten Enden des metallischen Wurfsternes zischten mit einem wespischen Surren am Gesicht des fröhlichen Mannes vorbei. Sie verursachten einen leicht blutenden Riss an seiner rechten Wange. Kurz, sehr kurz dachte er über die Bedeutung des scheppernden Geräusches nach, welches der, auf dem Boden aufschlagende Shuriken machte.
Dann wirkte das schnelle Gift.
Der zierliche Körper verkrampfte in einer Art epileptischen Anfalls. Die schmalen, gepflegten Hände krallten sich in den gepeinigten Leib, den die Arme umschlangen,
Speichel troff zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor, und der schon fast Tote sank in Hockstellung zu Boden. Von der anderen Seite der breiten Straße näherten sich schnelle Schritte. Ein Mann bückte sich über die zusammengesunkene Gestalt, durchsuchte sie flinkfingrig und nahm einige Dinge an sich – nestelte an den Haaren des Toten, schickte prüfende Blicke.
Der Mann suchte aufmerksam in der Umgebung des Toten.
Fand den Shuriken und packte ihn vorsichtig in ein bereitgehaltenes Lederetui. Verschwand dann rasch in das Labyrinth der Gänge.
An der schwarzen Fensterfront, auf dem Sims des ersten Stocks wäre jetzt mit einem Infrarotgerät nur noch die Restwärme wahrzunehmen gewesen.
Die Ampeln blinken ihre lautlosen Farbsequenzen.
Auf der Königsallee regnet es.
Es gießt in ganz Düsseldorf in Strömen, als hätte jemand den Rhein in seiner ganzen Länge umgekippt und würde ihn nun wie ein nasses Wäschestück über Nordrhein-Westfalen auswringen. Vom westfälischen Münster bis zum niederrheinischen Viersen, von Aachen bis Wuppertal regnet es Bindfäden. Die von der üblen Sorte – diese nasskalten Strippen, die auch das Innenleben der Menschen in diesem Landstrich einbinden.
So gar nichts ist dann mehr von der sprichwörtlichen rheinischen Fröhlichkeit zu spüren, und Düsseldorf sieht an solchen Tagen aus wie Frankfurt oder New York. Oder Chicago, vielleicht.
In der Düsseldorfer City stapeln sich die Autos.
Der Verkehrsfunk auf WDR spielt verrückt. Die Sprecherin verhaspelt sich trotz heftigen Bemühens andauernd. Ist wohl nicht ihr Tag heute.
Auf den Zufahrtsstraßen zum Messegelände ›parken‹ sie sich in Dreierreihen zu den mit großen, blauen P markierten Besucherstellplätzen. Die Parkeinweiser in ihren gelben Öljacken kassieren mit nassklammen Fingern Münzen und Scheine, klemmen rosa Parkbilletts hinter die Scheibenwischer. Kein leicht verdientes Geld im Schatten des Rheinstadions.
Die Wagenkolonne wälzt sich mühsam vorwärts. Stopp. Go. Stopp Go.
Viele Holländer und Franzosen.
Eine ganze Menge Autos mit den weiß-roten Nummernschildern aus Belgien, ein paar Engländer und Deutsche – natürlich.
Der Fahrer eines DHL-Kurierfahrzeuges hupt ungeduldig mit seiner eiligen Fracht. Die graue, schwammige Nässe draußen saugt den hysterischen Ton ganz einfach auf.
Keiner reagiert. Montagslethargie.
Die Top-Hotels in der Nähe des Messegeländes sind ausgebucht. Das Geschäft mit der Mode läuft in Düsseldorf auf vollen Touren. Es hat sich nach dem Krieg von Berlin auf die Schiene München-Düsseldorf verlagert.
Die Nachtschicht im Glitzerhotel mit dem Michelin-Stern-Restaurant übergibt grau-müde an die noch bettwarmen Angestellten der ablösenden Frühschicht.
»Denk daran, die Air Canada braucht noch zwei Tagesräume für die späte Crew von der Toronto-Maschine. Müsst ihr aber noch mal am Airport anrufen, wann die genau einchecken. Ansonsten sind wir bis oben hin voll!«
Mit einem saloppen »Tschüss« beendet der Nachtschicht-Supervisor seine Übergabeprozedur und freut sich aufs Bett. Routine.
IGEDO-Messe?
Na und. Die läuft hier in Düsseldorf schließlich viermal im Jahr!
Am Haupteingang des Nowea-Messegeländes hängen die bunten Flaggen der beteiligten Nationen wie vollgesogene Waschlappen an den glitschigen Fahnenmasten herunter.
Kein Wind. Der Regen fällt fast senkrecht.
Vom Rhein her übertönt das gedämpfte Geräusch eines schweren Dieselmotors blubbernd den momentan stockenden Autoverkehr. Auch die Polizei ist ausgebucht: Regelung des Messeverkehrs, Schutz von VIPs, Beobachtung der Drogenszene, ein Fußballspiel am Wochenende.
Routine.
Die IGEDO ist nicht die einzige Veranstaltung am Messeplatz Düsseldorf. Heute, am 1. März 1985, hat sie aber große Chancen, zu einer ziemlich einzigartigen Veranstaltung zu werden.
Der Strom der deutschen und japanischen Angestellten hastet im Regen die Gehsteige der breiten Straße entlang. Die Büroarbeiter tragen fast ausnahmslos graue und verregnete Wochenanfangsgesichter.
Die Montagsuniform.
Die Straße verläuft vom Hauptbahnhof mit seinem eckigen Uhrenturm bis zur Berliner Allee und Schadowstraße, wo sie sich auf Stahlträgern in luftige Höhen schwingt.
Immermannstraße. Die Ginza von Düsseldorf. Fast alle japanischen Banken residieren hier.
Die großen internationalen Handelshäuser, Repräsentanzen der verschiedenen Exportbranchen, japanische Restaurants, sogar ein japanischer Buchladen, das große Kaufhaus Mitsukoshi, das First-class-Hotel »nikko« und … das Deutsch-Japanische Center! – ein Geschenk an die Stadt Düsseldorf, Kolossalbau mit bräunlich polierten Marmorfronten und schwarzen Fensterspiegeln. Ein Labyrinth von Ein- und Ausgängen sorgt dafür, dass die Besucher zum Generalkonsulat, zur Japanischen Handelskammer, zu den diversen Wirtschaftsverbänden finden – und zur Bank of Tokyo.
In einem Seiteneingang der noch nicht geöffneten Bank hockt ein Japaner. Dieser Eingang ist nur für Angestellte der Bank bestimmt.
Der Japaner, er mag so um die Dreißig herum sein, ist kein Angestellter. Seine legere Kleidung hebt ihn von den in dunkle Anzüge gekleideten Bankangestellten ab. Sein halblanges, gepflegtes schwarzes Haar ist am Hinterkopf mit einem Strohband zusammengeflochten. Er wirkt dadurch fast ein wenig weiblich.
Modisch gemusterte Jeans feiner Qualität, ein cremefarbenes Seidenhemd und ein buntes Halstuch in den Farben der Saison. Für die Düsseldorfer Kälte dieses Märztages ist das entschieden zu wenig. Helle Mokassins an sehr kleinen Füßen.
Der junge Mann hockt in zusammengekrümmter Stellung im Eingang und sieht aus, als warte er schon lange auf jemanden.
Aber dieser Mann wartet nicht mehr. Dieser Mann ist tot.
»Mist!«
Kriminalhauptmeister Gernot Ganser wischt mit der Hand an der beschlagenen Windschutzscheibe entlang, starrt anschließend verärgert auf das Resultat seiner Bemühungen: eine verschmierte Scheibe und ein schwarzer Schmutzfilm auf der Hand.
Aus der Seitentasche seines dunkelbraunen Lederblousons nimmt er ein Papiertaschentuch und wischt sich, einem Chefarzt vor der Operation nicht unähnlich, sorgfältig die Hand ab.
Über den breiten Bürgersteig hinweg sieht er zum Messehaupteingang mit der schwarzen, nass glänzenden Aluminiumfassade hinüber. Der flache, rote Sportwagen, Marke japanischer Porscheverschnitt für Möchtegern-Laudas, bildet einen reizvollen Kontrast zu dem dunklen Hintergrund.
Ganser lehnt sich im schwarzen Schalensitz des Wagens zurück und holt sich eine Zigarette aus der angebrochenen Packung in der Jackentasche. Klickend springt der Zigarettenanzünder aus der Fassung. Nach drei tiefen Zügen hat Ganser überhaupt keine Sicht mehr nach draußen.
»Mist!«
Mit dem gerade benutzten Taschentuch wischt er freie Sichtstreifen in den Fensterbeschlag und fummelt am Autoradio rum. Mit der gleichen Handbewegung schaltet er das Radio ein und das Funkgerät auf volle Lautstärke.
Schließlich ist er nicht zum Spaß hier.
Ab und zu kann man die Kollegen vom Schutzbereich II ja mal entlasten. Und Personenschutz auf der Modemesse ist das Schlechteste ja auch wieder nicht. Andererseits könnte man bei diesem Wetter auch gut in der Dienststelle sitzen und mit den Kollegen die Sportergebnisse des Wochenendes bequatschen.
Ganser dreht das Radio etwas lauter.
»You are big in Japan« dröhnt es in der engen Kabine aus der Stereoanlage. Das Stück wird in letzter Zeit oft gespielt. Passt ja wie die Faust aufs Auge, denkt der Polizist gerade, als ihm die Sicht plötzlich von einer schwarzen Lederjacke verdeckt wird.
»Na, Meister! Die Parkplätze sind aber dahinten!«
Der Beamte in der Motorradkluft der Polizei klopft mit der behandschuhten Rechten auffordernd an die Seitenscheibe des niedrigen Wagens und beugt sich tief herunter, um durch die beschlagenen Seitenfenster in das Innere sehen zu können.
Ganser kurbelt lässig die Scheibe zur Hälfte runter und sagt freundlich in das Gesicht des nassen Polizisten hinein: »Nix Meister, Bulle. Einsatz! Ich hab’ dir schon mal gesagt, wenn du zur Kripo willst, musst du dir einen anderen Ton zulegen, Hermann!«
Verdutzt und leicht verlegen starrt der motorisierte Riese auf seinen Lehrgangskameraden hinunter.
»Eehhh! Schicki Ganser! Was hast du denn mit deiner Honda gemacht?«
»Passte nicht mehr zu meiner Dienststellung …« Lässig grinsend fügt der Kriminalhauptmeister hinzu: »… und zu meinem Outfit!« Mit seinen ledernen Pranken rüttelt der fast zwei Meter große und ziemlich stabile Hermann an dem Sportflitzer.
»Soll ich dich mal aus deiner Pillenschachtel raus kippen, du Angeber, du?«
Das Fahrzeug beginnt in der Tat gefährlich zu wackeln. Der Mann in der nassen Lederkleidung nimmt aber dann doch die Hände vom Wagen und sagt mit abschätzigem Blick auf den unter ihm sitzenden Ganser: »Einsatz, mmhh! Auf ’ner Modenschau, hää! Neues Outfit anschaffen, was?«
Der Mann von der Kripo reagiert ungnädig und wird förmlich. »Mot-Bulle Hermann! Sie laufen gleich mit der Bahnpolizei Streife im Hauptbahnhof. BVB-Fans anmachen! Nee, ehrlich«, schiebt er dann versöhnlich nach, »ich muss hier den japanischen Botschafter betüteln und …«
Das Funkgerät am Motorrad des Ledernen gibt quäkende Töne von sich. Der Riese stakst zu seiner drei Meter entfernt aufgebockten Maschine, bestätigt mit knappen Worten den Empfang einer Meldung und schwingt sich dann mit verblüffender Eleganz auf den Sitz der BMW. Quietschend geben die Federn unter der Last nach, und mit leisem Blubbern springt die schwere, grün-weiß lackierte Maschine an.
Kurz stoppt der Fahrer dann am noch immer geöffneten Seitenfenster des roten Wagens und nickt Ganser zu.
»Dauert nicht mehr lange, Schicki. Die Eskorte mit deinem Botschafter ist jetzt auf der Klever Straße!«
Schon im Anfahren dreht er den Kopf nochmals zurück und ruft seinem Kollegen zu: »Pass auf, dass er dich nicht für diesen Dior hält!« Fährt dann, die Maschine schnell hochschaltend, mit gellender Sirene und gekonntem Schwung den Bürgersteig hinunter auf die Messestraße.
Gansers gekonnt gespielter, blasierter Gesichtsausdruck ist für die Katz. – Hermann ist schon auf und davon.
Durch die geöffnete Scheibe hat es auf die Armaturen geregnet. Der Kilometerzähler auf dem Tacho zeigt die Zahl 223. Das Auto ist sehr neu.
Mit einem tristen Blick nach draußen schaltet Ganser das Radio ab und kurbelt das Seitenfenster hoch. Leise rauscht das Funkgerät. Der langsam anschwellende Ton von Polizeisirenen kündet von der sich nähernden Begleiteskorte des japanischen Botschafters. Es ist acht Uhr dreißig.
Dienstbeginn.
Luftlinie circa drei Kilometer vom Deutsch-Japanischen Center entfernt. Im Flur des Polizeipräsidiums am Jürgensplatz sitzen zwei Männer mittleren Alters auf den braunen Wartestühlen. Zwei Stühle zwischen sich haben sie frei gelassen. Sie kennen sich nicht. Sie warten.
Es ist still auf dem Gang des großen Gebäudes.
Einer der Wartenden blättert langsam, dabei mit den Lippen leise mitlesend, in einer bunten Zeitung mit dem Titel Tercüman. Sein Mitwarter dagegen schaut nervös von seiner wippenden Schuhspitze auf die Tür vor sich und wieder auf die Schuhspitze und wieder auf die Tür.
An der ist nichts Interessantes. Sie ist hellbraun lackiert. Langweilig. Ein kleines, weißes Pappschild in einem metallischen Rähmchen. Auf dem Schild ein Name:
Vitus H. Benedict.
Kriminalhauptkommissar.
1. Kommissariat.
Der Schuhspitzenwipper auf dem Stuhl lächelt belustigt in sich hinein. Stellt er irgendwelche Wortspielereien mit dem Namen auf dem Pappschild an der Tür an?
Hinter dieser Tür beginnt ein Telefon zu klingeln. Einmal. Zweimal. Dreimal…
Drinnen nimmt keiner ab.
Der Mann mit den anatolischen Gesichtszügen liest weiterhin gleichmütig in seiner grellbunten Zeitung. Sein korpulenter Sitznachbar lässt braune Schweinsäuglein hurtig den Gang hin und her fliegen. Kurze, dicke Finger nesteln an einem vielfarbigen Schlips, drehen nervös an einem dicken, rot-goldenen Ehering. Im Nebenzimmer wird von innen eine Tür aufgerissen.
Eine Männerstimme schreit laut in den Gang: »Bennieee! Telefoon!« Die Tür fliegt wieder krachend zu.
Stille.
Das Telefon klingelt immer noch.
Ein Herr kommt aus Richtung des runden Lichtschachtes in den Gang gebogen. Ein Zeuge? Ein Anwalt?
Wohl doch nicht.
Der ungefähr fünfundvierzigjährige Mann balanciert in der rechten Hand vorsichtig, um nichts von dem dampfenden Inhalt zu verschütten, eine Tasse aus Porzellan mit chinesischem Dekor vor sich her. Nein. Dieser Herr ist nicht zu Besuch im Präsidium.
Mit der linken Hand, die eine graue Blechdose mit der Aufschrift Twinings Formosa Oolong trägt, deutet er auf den Mann mit den Schweineaugen.
»Herr Limberger?«
Eilfertig nickt der alerte Mann mit dem grellen Schlips und steht geschwind von dem Stuhl auf. Schweißperlen von der Stirn wischend, geht er in Richtung Tür.
»Setzen Sie sich doch bitte schon mal hier rein!«
Mit dem Kopf deutet der Teeträger zur Tür mit der Aufschrift Vitus H. Benedict.
»Das Protokoll muss gleich vom Schreibbüro rüberkommen.«
Der Blick seiner blauen Augen trifft im Vorübergehen auf die bunt gewimmelte Seidenkrawatte. Ein kurzer Anflug von Missbilligung überzieht das leicht gebräunte Gesicht. Gefolgt von einem mokanten Lächeln. Unvermittelt wird es dann wieder von einer Maske distanzierter Höflichkeit verdrängt.
Mit der blechernen Teedose klopft er dann mehrere Male an die Tür des Nebenzimmers. »Herr Benedict, wenn ich bitten darf! Oder wenigstens Kollege. Wir wollen doch immer schön die Form wahren!«
Eine Antwort bleibt aus.
Er geht in sein Dienstzimmer.
Hauptkommissar Vitus H. Benedict schiebt mit dem Ellenbogen die Tür auf und stellt bei seinem Eintritt fest, dass Herr Limberger sich auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch gesetzt hat. Die Beine übereinandergeschlagen und laute, grell farbige Slipper italienischer Machart vorzeigend.
Auf der ihm abgewandten Seite der Schreibtischplatte liegt nur ein einzelnes Schriftstück mit wenigen Schreibmaschinenzeilen – der Grund für die Anwesenheit des untersetzten Herrn Limberger in dieser Dienststelle. Das Protokoll.
Immer noch klingelt das Telefon.
Der Kommissar geht mit seiner dampfenden Last an einem der Fenster vorsichtig vorbei und zwängt sich durch den knapp bemessenen Zwischenraum hindurch. Stellt die Teedose auf ein Sideboard und setzt sich dann, die Tasse vor sich abstellend, an seinen Platz.
Mit der rechten Hand führt er die Tasse zum Mund.
Trinkt einen ersten Schluck, mit sichtbarem Genuss. Nimmt das Telefon ab.
»Ja, hier Benedict«, sagt er ruhig in die Sprechmuschel des Dienstapparates hinein. »Aber ja doch. Natürlich will ich ihn sprechen. Geben Sie ihn mir gleich durch!«
Mit einem um Entschuldigung heischenden Blick nickt er seinem wartenden Gegenüber zu, der während des folgenden Telefonates Gelegenheit hat, den Beamten eingehender zu betrachten.
Sieht eher aus wie ein Banker oder einer von unserer Werbeagentur … in diesem grauen Nadelstreifer … könnte direkt von Cerruti sein … ist von Cerruti… ein Bulle in so einem teuren Zwirn? … trotzdem … sicher ein Tausend-Mark-Anzug … bin schließlich vom Fach … ob das wohl ein dienstliches Gespräch ist? … und dafür lässt der mich hier so lange warten …
»Benedict! Guten Tag, Thomas. Schön, dass Sie anrufen. Haben Sie die Änderungen schon fertig? Nein, nein! Sie brauchen praktisch doch nur den untersten Knopf zu versetzen, dann klafft das unten nicht immer so auseinander. Ja, genau so! Der Mantel war ja auch teuer genug. Und bei Kaschmir sieht das sonst doch ziemlich popelig aus. Ach ja, fragen Sie bei der Schneiderei noch mal nach, was die Hosen machen!«
Hauptkommissar Benedict, den Hörer immer noch am Ohr, bittet mit einer kleinen Handbewegung nochmals um Geduld.
Herr Limberger, der leise vor sich hin schwitzt, gerät etwas aus der Fassung, … eine komische Type ist das … Weste… Hemd mit Button-down-Kragen… Mensch, der trägt ja noch richtige Manschettenknöpfe… ob das echtes Gold ist?
Der Mann mit den goldenen Manschettenknöpfen streicht sich jetzt über die modisch sehr kurz geschnittenen, graublonden Haare und rückt mit nervöser Energie an seiner goldmetallischen Brillenfassung. Die wachen, neugierigen Augen in dem großflächigen Gesicht heften sich während der Gesprächspause auf das vor ihm liegende Schriftstück. Er liest.
Die Sprechmuschel mit der langfingerigen, gepflegten Hand abdeckend, wendet er sich nun direkt an seinen Besucher.
»Bitte entschuldigen Sie. Wir sind sofort fertig und … ah, Thomas? Ist ja hervorragend. Fein. Dann hole ich die Sachen so gegen eins bei Ihnen im Geschäft ab. Danke für Ihre Mühe!« Benedict legt den Hörer auf die Gabel zurück und dreht mit der rechten Hand das vor ihm liegende Schriftstück so, dass der Besucher den Inhalt jetzt lesen kann.
»Herr Limberger! Wir haben Sie noch mal herbestellt, damit Sie Ihre Aussage gründlich durchsehen und eventuelle Fehler korrigieren. Ist alles in Ordnung, dann unterschreiben Sie bitte unten, und die ganze Sache dürfte dann für Sie erledigt sein …« Eine kleine Pause entsteht, während der Besucher liest. Der Kommissar räuspert sich leicht. »Sollte sich die Sachlage allerdings ändern, dann werden wir wohl nicht umhinkommen, auch Ihre Frau zu vernehmen. Ich sage Ihnen das aber nur vorsichtshalber. Sie wissen ja, bei uns muss alles seinen geordneten Gang gehen!« Wäre der Oberbekleidungsvertreter Klaus Limberger nicht so erschrocken vor der angedeuteten Perspektive gewesen, hätte er eventuell die Ironie in dem letzten Satz des Vitus H. Benedict wahrnehmen können. So aber denkt er hauptsächlich darüber nach, wie er seiner Frau die Anwesenheit in dem Sauna-Club in der Oststraße im Ernstfall erklären können würde. Außerdem konzentriert sich Herr Limberger ernsthaft auf das Studium der Niederschrift in seinen schweißnassen Händen.
Der Polizeibeamte mustert ihn dabei fast mitleidig.
Armes Schwein. Musst du auch ausgerechnet in einem Puff landen, wo im Nebenzimmer ein Freier an Herzversagen stirbt! Auf jeden Fall immer noch besser als Aids. Die mitleidigen Gedanken, sowieso nur oberflächlich, verschwinden nach einem erneuten Blick auf die Krawatte seines Klienten. Bemüht, die beißenden Farben zu übersehen, beschäftigt Benedict seine Augen mit dem rotgerandeten Fahndungsplakat an der Innenseite der braun gestrichenen Tür. GESUCHT WEGEN MORDES, steht da in fetten Druckbuchstaben zu lesen. Darunter ein Foto.
Ein Bauerngesicht, findet Benedict. Gedrungen, fremdartig. Gefährlich? Nein, eher einfältig. Es erinnert ihn an diese naive Brutalität der Bauerndesperados in den Filmen über die mexikanische Revolution.
Lauter Pancho Villas. Unbändige Lust am Lieben … und am Töten!
Nein, es braucht nicht den fast unaussprechlichen Namen unter dem Bild, um die Fremdartigkeit des Mordverdächtigen herauszustellen. Die Staatsanwaltschaft hat fünfzehnhundert Deutsche Mark Belohnung ausgelobt. Nicht gerade viel, wenn man da so an andere Sachen denkt, überlegt der Kommissar.
Ein billiger Mord.
Achmed schlitzt Mustafa. Eine Ausländersache.
»Kann ich jetzt gehen, Herr Kommissar?«
Die Stimme zwingt Benedicts Aufmerksamkeit nun wieder in Richtung Krawattenmann.
Mit einem kurzen Nicken des Kopfes, Bestätigung und Verabschiedung zugleich, entlässt er das offensichtliche Objekt persönlichen Missfallens aus dem Zimmer.
Sein lustloser Blick streift die Schnellhefter auf dem Aktenschrank an der linken Seite des Schreibtisches. Leicht fröstelnd reibt er sich die Hände, steht auf, trinkt im Stehen noch einen Schluck von dem inzwischen nur noch lauwarmen Tee und geht zum zweiten Fenster des erleuchteten Raumes.
Auf das dunkle, regenverschmierte Szenario vor dem Präsidium blickend, denkt er an feinsandige Strände, Palmen, Hibiskusblüten und den rumigen Duft eines gekühlten Planters Punch. Dabei fingert er aus der Tasche seiner feinen Tuchweste eine goldene Uhr. Spielerisch lässt er den farbigen Porzellandeckel aufschnappen. Während die Tonfolge von: »Üb immer Treu und Redlichkeit«, als Glockenspiel durch die Amtsstube klingt, starrt er mit zusammen gepressten Lippen auf die Gravur in der Innenseite des Deckels. »Meinem kleinen Polizisten. In Liebe von Kitty.«
Es ist zwanzig Minuten nach neun.
Montag.
In der Halle vier des Messegeländes an der Beckbuschstraße hat sich auf fast tausend Quadratmetern der japanische Modedesigner Akido Yoshiwara, in der Glamourwelt der Mode unter dem Künstlernamen AKI teuer gehandelt, zur Präsentation seiner neuen Kollektion natürlich etwas Besonderes einfallen lassen.
Er weiß schließlich, was er seinem Ruf als kühner Extravaganter schuldig ist.
Einkäufer, Medien und Publikum erwarten von ihm eben stets etwas Außergewöhnliches. Und nur aus diesem Grunde drängen sich ja alle um die Einladungen zu seinen »Performance Shows mit Modellen«, wie er sie selbst nennt.
Und wer was gilt oder zu gelten meint in dieser Welt von Seide und Satin, Tand und Talmi, giert förmlich nach dem Papier d'Invitation mit dem lila Monogramm von AKI. Diese Auserwählten haben ihre Einladung mit der Nonchalance der ›in people‹ mehr oder weniger beiläufig präsentiert und sitzen nun in gespannter Erwartung bei Champagner oder Kaffee im abgetrennten Showroom der Doppelhalle vier und fünf. Wie das aber hier so üblich ist, verbirgt man seine Spannung entweder hinter einer Maske von Blasiertheit oder einer kiloschweren Schicht Make-up. Die dann aber auch in den Farben der Saison.
Der ganze, vom profaneren Restgeschehen der Halle abgetrennte Raum ist mit hochklassiger, weißer Teppichware ausgelegt. Der ein Meter hohe Laufsteg ist mit strapazierfähigem, bordeauxrotem Teppich bezogen. Er teilt den großen Raum in zwei unsymmetrische Teile.
Ableger dieser Diagonale reichen mit kleinen Seitenverzweigungen in die beiden Saalhälften hinein und ermöglichen so fast jedem Eingeladenen einen guten Betrachtungswinkel auf die sicherlich sehenswerten Mannequins, die die AKI-Kreationen vorführen werden. Zwei der berühmtesten und somit auch für deutsche Verhältnisse teuersten Ikebana-Meister ließ der Designer mitsamt ihren besten Schülern extra aus den Städten Osaka und Tokushima nach Düsseldorf einfliegen. Sie haben in dem weiß-roten Raum die perfekte Kopie eines japanischen Gartens geschaffen. Oder vielleicht auch nur eine totale Illusion davon?
Jedenfalls sitzen die Gäste, allen voran der japanische Botschafter als Ehrengast, in einem luftigen Arrangement von Steinen, Pflanzen und kleinen Wasserkaskaden und harren der Dinge, die da kommen sollen.
Aus den großen Lautsprecherboxen werden nachher die dröhnenden und klirrenden Rock- und Popklänge sicherlich einen ungewöhnlichen, aber reizvollen Kontrast zu der Innengestaltung des Raumes ergeben. Zurzeit allerdings vermischen sich die leisen, erwartungsvollen Gespräche unter den Geladenen noch mit den untermalenden Klängen der hölzernen Koto-Zither, die von einer älteren japanischen Dame mit traditioneller Tracht und Frisur auf einem der Seitenzweige des Laufstegs gespielt wird. Ähnlich wie sich Gitarrenspieler dazu häufig eines Plektrons bedienen, hat sich die Koto-Spielerin über ihre Finger kleine Eisenkrallen gestülpt, mit denen sie die harten Saiten des Instrumentes besser anschlagen kann.
Die Musik ist für Ungeübte anstrengend.
Zwei Stuhlreihen hinter seiner Exzellenz, dem japanischen Botschafter nebst Gattin, sitzt Gernot Ganser ohne Gattin und nimmt die vielfältigen Eindrücke der Veranstaltung in sich auf. Er ist überwältigt.
Beeindruckt von der Vielzahl der Prominenten, die er für gewöhnlich nur aus den Klatschspalten seiner morgendlichen EXPRESS-Lektüre kennt. Kö-Geflüster auf tausend Quadratmetern Grundfläche. Selbstverständlich sind auch einige Japaner dabei.
Neben ihm sitzt so ein freundlicher älterer Herr, der ihm gerade höflich zunickt. Ernst und, wie er annimmt, ebenso höflich gibt Ganser den Gruß zurück und schaut sich dann weiter um. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt.
Am Eingang allerdings, wo einige der von AKI in prächtige Kimonos gewandeten Mannequins auch die Aufgaben der Einlasskontrolle und Platzzuweisung übernommen haben, bemerkt Ganser leichte Unruhe und Nervosität. Eines der Mädchen blickt mit einer Einladungskarte in der Hand suchend über die vollständig besetzten Platzreihen. Besorgt konsultiert sie dann eine andere der Damen in den lila Kimonos.
Es scheint, als hätten auch die japanischen Preußen manchmal Schwierigkeiten mit der Organisation. Wohl zu viele Einladungskarten ausgegeben, denkt Ganser amüsiert und wartet ab, wie man das Problem lösen wird.
Ein rothaariger Nichtjapaner taucht auf und begrüßt den an der Falttür wartenden Gast. Auch er wirft, dabei leicht die Stirn runzelnd, einen suchenden Blick über die Reihen. Veranlasst dann mit einem Wink, dass ein weiterer Sessel aus einem Raum hinter dem Laufsteganfang geholt wird, und führt den zuletzt Gekommenen persönlich zu seinem Extraplatz.
Das Kimonomädchen serviert sofort Erfrischungen.
Der Vorfall ist bereinigt.
Suchend sieht sich Ganser nach einem Aschenbecher um und tastet nach der angebrochenen Zigarettenpackung in der Seitentasche. Aufsteigender Rauch von den anderen Plätzen signalisiert ihm Raucherlaubnis. Der freundliche Japaner auf dem Nebensitz reicht ihm mit höflicher Gebärde einen Behälter für die Asche.
Gansers Versuch, die Geste des Japaners mit gleicher Höflichkeit zu erwidern, missrät völlig. Der schon halbvolle Aschenbecher fällt dem Kriminalhauptmeister bei der angedeuteten Verbeugung auf den feinen Teppich.
Das heißt … er hätte fallen müssen … normalerweise.
Verwundert starrt Ganser auf den Aschenbecher in der Hand des älteren Herrn neben sich. Gerade in dem Moment, als sich der Ascher, der Erdanziehung folgend, auf dem Wege nach unten befand, musste die Hand des Japaners, mit für Ganser nicht erkennbarer Schnelligkeit hervorgeschossen sein, das sich im Sturzflug befindliche Gefäß ergriffen, und ihn damit vor einem peinlichen Malheur bewahrt haben.
Jetzt hält ihm die gleiche Hand den Behälter, ohne zu zittern, erneut hin. Und das sogar mit Handicap, denkt Ganser mit kurzem Blick auf das fehlende Fingerglied an der ausgestreckten Rechten des japanischen Herrn. Nochmals bedankt er sich bei seinem Nachbarn zur Linken, packt die Aschenurne fester und achtet gleichzeitig darauf, dass ihm das auf den Knien liegende Päckchen nicht runterrutscht.
Auf den Inhalt ist er äußerst gespannt, muss er für sich zugeben.
