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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Eine schmutziggraue Wolkendecke hing seit Tagen über München. Es goss mit einer schier unermüdlichen Ausdauer. Aus den Wasserlachen, die sich auf den Straßen bildeten, sprangen kleine Blasen hoch. Trübsinnig blickte die sechsjährige Ursula Philipp hinaus in das triste Wetter. Sie kniete auf einem Hocker und stützte sich mit den Ellbogen auf das Fensterbrett. Immer wieder verdunkelten Tränen ihren Blick. Die Stimmen hinter ihr hörten sich wie das Summen von unzähligen Bienen an. An diesem Samstagvormittag hielten sich die meisten Kinder des Waisenhauses in dem hellen freundlichen Aufenthaltsraum auf. Viele von ihnen kannte Ursula, die von allen Uschi genannt wurde, solange sie zurückdenken konnte. Aber viele andere Kinder hatten inzwischen das Waisenhaus verlassen dürfen. Sie waren adoptiert worden und lebten nun wohlgeborgen in einer Familie. Sie hatten ein Zuhause gefunden und waren glücklich. Tränen lösten sich von den langen dunklen Wimpern der Kleinen. Auch an diesem Morgen hatten zwei Ehepaare zwei Kinder abgeholt. Eines davon war ihre beste Freundin Eva. Sie war ein Jahr älter als sie und würde ab jetzt in einer wunderschönen Villa leben. Das andere Kind, ein vierjähriger Junge, saß im Augenblick in einem chromblitzenden Straßenkreuzer, um mit seinen Pflegeeltern nach Heidelberg zu fahren. Die neue Heimat des Jungen würde ein Schloss sein und dann, sobald die Adoption perfekt war, würde er den Namen eines alten Adelsgeschlechtes tragen. »Stellt euch nur vor, Eva hat nun ein eigenes Zimmer zum Schlafen und außerdem noch ein Spielzimmer. Ihre neuen Eltern sind so reich, dass sie ihr jeden Wunsch erfüllen können.
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Eine schmutziggraue Wolkendecke hing seit Tagen über München. Es goss mit einer schier unermüdlichen Ausdauer. Aus den Wasserlachen, die sich auf den Straßen bildeten, sprangen kleine Blasen hoch.
Trübsinnig blickte die sechsjährige Ursula Philipp hinaus in das triste Wetter. Sie kniete auf einem Hocker und stützte sich mit den Ellbogen auf das Fensterbrett. Immer wieder verdunkelten Tränen ihren Blick. Die Stimmen hinter ihr hörten sich wie das Summen von unzähligen Bienen an.
An diesem Samstagvormittag hielten sich die meisten Kinder des Waisenhauses in dem hellen freundlichen Aufenthaltsraum auf. Viele von ihnen kannte Ursula, die von allen Uschi genannt wurde, solange sie zurückdenken konnte. Aber viele andere Kinder hatten inzwischen das Waisenhaus verlassen dürfen. Sie waren adoptiert worden und lebten nun wohlgeborgen in einer Familie. Sie hatten ein Zuhause gefunden und waren glücklich.
Tränen lösten sich von den langen dunklen Wimpern der Kleinen. Auch an diesem Morgen hatten zwei Ehepaare zwei Kinder abgeholt. Eines davon war ihre beste Freundin Eva. Sie war ein Jahr älter als sie und würde ab jetzt in einer wunderschönen Villa leben. Das andere Kind, ein vierjähriger Junge, saß im Augenblick in einem chromblitzenden Straßenkreuzer, um mit seinen Pflegeeltern nach Heidelberg zu fahren. Die neue Heimat des Jungen würde ein Schloss sein und dann, sobald die Adoption perfekt war, würde er den Namen eines alten Adelsgeschlechtes tragen.
»Stellt euch nur vor, Eva hat nun ein eigenes Zimmer zum Schlafen und außerdem noch ein Spielzimmer. Ihre neuen Eltern sind so reich, dass sie ihr jeden Wunsch erfüllen können. Geld spielt bei ihnen keine Rolle«, hörte Uschi eine Jungenstimme sagen.
»Ja, und sie bekommt schon heute ein Fahrrad!«, rief ein Mädchen.
»Und Puppen! Und Stofftiere«, seufzte ein anderes Mädchen neidisch auf. »Manche treffen es gut!«
»Schwester Albine hat uns doch gesagt, dass Evas neue Mutter ein Mädchen adoptieren wollte, das ihrer verstorbenen Tochter ähnlich sieht. Eva soll dasselbe dunkle Haar und dieselben veilchenblauen Augen haben wie sie.«
»Na ja, dunkle Haare haben viele Mädchen bei uns. Aber veilchenblaue Augen kein anderes mehr. Eva hat halt Glück gehabt«, stellt ein ungefähr zwölfjähriger Junge fest. »Ich werde bestimmt niemals adoptiert werden. Aber das macht auch nichts. Bald komme ich in die Lehre. Wenn ich ausgelernt habe, werde ich auch sehr reich sein.«
»Ich auch!«, riefen mehrere Kinder durcheinander.
»Ich möchte lieber adoptiert werden«, erklärte die achtjährige Monika. »Und du?«, fragte sie die schweigsame Uschi.
Uschi fuhr sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen. »Ja, ich auch«, erwiderte sie mit tränenschwerer Stimme.
»Aber wir sind nun mal vom Pech verfolgt«, bekam sie von Monika zur Antwort.
Uschi schwieg darauf. Ja, Monika hatte recht. Niemand schien sich für sie und Monika zu interessieren. Dabei wollte gerade sie, Uschi, so gern aus dem Waisenhaus heraus und in einer Familie leben. Das war ihr Traum. Doch es war ein Wunsch, der nicht in Erfüllung gehen wollte. Uschi kannte nur das Leben in diesem Waisenhaus. Noch niemals hatte sie in einer Familie oder bei einem ihr nahestehenden Menschen leben dürfen.
Hastig drehte sich Uschi um und blickte wieder zum Fenster hinaus. Sie horchte auf das monotone Plätschern des Regens, doch dabei liefen ihr die Tränen über das Gesicht. Am liebsten wäre sie fortgelaufen, um selbst irgendwo liebe Menschen zu suchen, die sie zu sich nahmen.
Tag für Tag glich sich in dem Waisenhaus. Jeden Morgen wurden sie um die gleiche Zeit geweckt, wuschen sich, frühstückten. Dann begann der Unterricht. Ihm folgte das Mittagessen. Danach kamen die Hausaufgaben. An schönen Feiertagen und an Sonntagen unternahmen sie Spaziergänge. Doch selbst in dem Garten, der zu dem Waisenhaus gehörte, kam Uschi sich wie eine Gefangene vor, denn von draußen hörte sie oft fröhliche Kinderstimmen, Hundegebell, Lachen und Lärmen. Draußen floss das wirkliche Leben vorbei. Draußen …
»Warum weinst du denn, Uschi?«, fragte die weichherzige Monika. »Ich weiß, dass du traurig bist, weil Eva nicht mehr bei uns ist. Aber ganz gewiss wirst auch du eines Tages von einem lieben Ehepaar abgeholt werden. Ich vielleicht auch.«
»Ganz bestimmt nicht. Irgendetwas ist an mir, was die Menschen nicht mögen. Vorige Woche hat sich eine liebe Dame in einem wunderschönen Kleid lange mit mir unterhalten und so getan, als ob sie mich haben wollte. Dann hat sie mit der Frau Oberin gesprochen. Danach hat sie sich für Rosemarie entschieden. Dabei hatte ich doch …« Die nächsten Worte ertranken in einem Tränenstrom.
Den ganzen Tag über war Uschi auffallend schweigsam. Ihre großen grauen Augen zeigten einen sehnsüchtigen Glanz, sodass der Blick von Schwester Albine hin und wieder prüfend auf dem hübschen kleinen Mädchen ruhte. Die Schwester hatte in den achtundfünfzig Jahren ihres Lebens schon viel Leid gesehen. Das Böse, das sie erlebt hatte, hatte sie jedoch nicht verbittert. Im Gegenteil. Sie war gütiger und verständnisvoller geworden. Ihr mütterliches Herz verschenkte seine Liebe an die armen Waisenkinder, die Gleiches mit Gleichem vergalten.
Kurz vor dem Abendessen nahm Schwester Albine Uschi Philipp beiseite. »Was hast du denn, mein Kleines?«, fragte sie weich und strich der Sechsjährigen zärtlich über das leuchtende blonde Haar.
»Ich bin so traurig«, klagte die Kleine und schmiegte sich wie Hilfe suchend an den schwarzen Rock der Nonne.
»Ich verstehe dich, Uschi. Der Abschied von Eva war schwer für dich. Doch eines Tages wirst auch du wieder glücklich sein. Eines Tages wird …«
Der Gong, der die Kinder zum Abendessen rief, unterbrach sie. Noch einmal fuhr sie dem Kind übers Haar. »Nun lauf aber schnell in den Speisesaal!«, rief sie aufmunternd.
Im Speisesaal ging es, wie meist bei den Mahlzeiten, lebhaft zu. Nach dem Abendessen durften die größeren Kinder noch aufbleiben, die kleineren mussten jedoch bald zu Bett gehen.
Uschi teilte den Schlafraum mit noch sieben Mädchen, die fast im gleichen Alter waren wie sie. Auch Monika schlief dort. Das Bett, in dem bisher Eva geschlafen hatte, war bereits wieder belegt.
Uschi schlüpfte in ihren Schlafanzug und kuschelte sich dann unter die Decke. Ganz fest kniff sie die Augen zu und überließ sich ihren Träumereien. Sie malte sich aus, dass sie in einem weißlackierten Bett liege. Die Wände ihres Zimmers zeigten Märchenszenen. Puppen in allen Größen saßen auf einem Regal, und überall lagen Stofftiere herum, die alle ihr gehörten. Leise wurde jetzt die Tür geöffnet. Eine wunderschöne Dame trat an ihr Bett. Sie trug ein lichtes Gewand und hatte hellblonde Haare, die ihr schmales Gesicht wie einen Glorienschein umgaben. Ihre Hand legte sich auf Uschis Kopf. »Uschi, mein kleiner Liebling, schlaf gut. Du brauchst nie wieder traurig zu sein, denn ich bin deine Mutti und habe dich sehr lieb«, sagte die wunderschöne Dame und hauchte dann einen Kuss auf Uschis Stirn.
Uschi öffnete die Augen in der stillen Hoffnung, dass ihr Traum Wirklichkeit geworden sei. Doch in dem Raum mit den kahlen Wänden, der jetzt nur spärlich erhellt war, gab es keine wunderschöne Dame, die an ihrem Bett stand. Verzweifelt versuchte Uschi ihr Schluchzen zu unterdrücken, aber der Tränenstrom wollte nicht versiegen.
Noch immer regnete es. Die Regentropfen klatschten gegen die Fenster, und heftige Windböen rüttelten an den Läden. Uschi dachte an Schwester Albine, die immer so lieb zu ihr war, und hob den Kopf. Gleichmäßige Atemzüge verrieten ihr, dass die anderen Mädchen schon schliefen.
Uschi schob die Bettdecke zurück, schlüpfte in ihre Hausschuhe und zog ihren Bademantel an. Als eines der Mädchen sich in seinem Bett bewegte, hielt sie den Atem an. Doch nichts geschah.
Auf Zehenspitzen schlich Uschi zur Tür, öffnete sie lautlos und schloss sie wieder ebenso leise. Mit klopfendem Herzen stand sie dann auf dem kalten Korridor. Endlich fasste sie Mut und huschte die Treppe hinauf. Kurz danach klopfte sie zaghaft an eine Tür.
Wenige Sekunden später wurde die Tür von innen geöffnet. »Du?«, fragte Schwester Albine erstaunt. »Du solltest doch schon längst schlafen, Uschi.«
»Bitte, bitte, nicht böse sein.« Das Kind hob flehend die Hände. »Ich konnte nicht schlafen, weil mir das Herz so weh tut.«
»Komm herein, mein Kleines.« Die Nonne empfand tiefes Mitleid mit dem Kind. Sie hüllte Uschi in eine warme Decke und setzte sie in einen Sessel. »Was bedrückt dich denn, mein Kind?«, fragte sie danach gütig.
»Ich möchte doch auch so gern in einer Familie leben«, erwiderte Uschi schluchzend. »Immer wieder kommen Leute und holen Kinder ab. Aber mich mag keiner. Dabei würde ich doch ganz brav sein.«
Sehr nachdenklich ruhte der Blick von Schwester Albine auf dem gesenkten blonden Haarschopf des Kindes. Sollte sie Uschi die Wahrheit erzählen? Vielleicht würde ihr das helfen? Aber durfte sie das auch, fragte sie sich sogleich. Doch warum eigentlich nicht? Wichtig war doch nur, dass die Seele dieses überaus sensiblen Kindes keinen Schaden nahm.
»Warum, Schwester Albine?«, fragte Uschi. »Warum mag mich kein Mensch haben?«
»Alle mögen dich, Uschi. Und viele wollten dich schon adoptieren. Du warst erst ein Jahr alt, als sich das erste Mal ein Ehepaar für dich interessierte. Und später kamen immer wieder Ehepaare, die dich mitnehmen wollten. Aber wir durften dich nicht hergeben. Deine Mutter erlaubt es nicht.«
»Meine Mutter?« Uschis Augen wurden ganz rund vor Staunen.
»Ja, mein Kleines, deine Mutter lebt noch. Sie hat die Einwilligung zur Adoption nicht gegeben.«
»Meine Mutter? Ist sie eine wunderschöne Dame mit hellblonden Haaren?«
»Das weiß ich nicht.« Schwester Albine versuchte sich an einen Wintertag vor ungefähr sechs Jahren zu erinnern. Sie sah ein sehr schmales, blutjunges Mädchen vor sich, fast noch ein Kind, das sein Baby brachte. Sie hörte wieder die Stimme der jungen Mutter: »Eines Tages werde ich sie wieder abholen. Ich darf sie jetzt nicht behalten. Aber bald …« Beim Abschied hatte sie unglücklich erklärt: »Aber Sie dürfen meine kleine Uschi niemandem geben. Sie gehört mir, nur mir …« Auch in dem Formular, das die junge Mutter ausgefüllt hatte, war vermerkt worden, dass Ursula Philipp niemals adoptiert werden dürfe.
In den ersten beiden Jahren war die Mutter noch gekommen, um nach ihrem Kind zu schauen. Doch seit über drei Jahren wusste niemand im Waisenhaus mehr, wo sie lebte.
»Aber wenn ich eine Mutti habe, dann werde ich doch auch einen Vati haben, nicht wahr?«, fragte Uschi mit leuchtenden Augen.
»Ja, Uschi«, erwiderte die Nonne leise. »Nun verstehst du sicher auch, weshalb du nicht adoptiert werden kannst?«
»Ja, liebe Schwester Albine.« Uschi zog die Beine an und schlang ihre dünnen Ärmchen um die Knie. Treuherzig sah sie die Nonne an. »Jetzt will ich auch nicht mehr weinen. Wenn meine Mutti noch lebt, wird sie bald zu mir kommen, um mich mitzunehmen«, erklärte sie hoffnungsfroh. »Meine Mutti ist bestimmt wunderschön. So schön wie eine Märchenfee. Sie hat mich sehr lieb, nicht wahr? Und mein Vati ist bestimmt genauso nett wie der vornehme Herr, der nun Evas Vater ist. Nicht wahr, meine Eltern holen mich schon bald ab? Wo wohnen sie denn?«
»Mein Kleines, du musst jetzt schleunigst ins Bett! Es ist schon sehr spät.« Schwester Albine wechselte rasch das heikle Thema, um Uschi abzulenken.
»Ja, Schwester Albine.« Uschis Wangen glühten wie im Fieber, während ihre großen grauen Augen unnatürlich glänzten, sodass die Nonne es bereits bereute, dem Kind die Wahrheit gesagt zu haben. Sie fasste Uschi bei der Hand und verließ mit ihr das Zimmer.
Uschi trippelte mit verklärtem Lächeln neben Schwester Albine her. Sie konnte nur noch eines denken: Sie hatte noch eine Mutti und auch einen Vati. Bald würden die beiden sie von hier fortholen.
»Uschi, ich möchte dich noch bitten, das Geheimnis, das ich dir anvertraut habe, für dich zu behalten«, bat die Nonne, als sie den langen Korridor entlanggingen.
»Ja, Schwester Albine.« Uschi nickte eifrig. Dann bekannte sie spontan: »Ich habe dich sehr lieb!« Sie hob sich auf die Zehenspitzen und schlang ihre Arme impulsiv um den Nacken der Schwester. »Es ist schön, dass wir beide zusammen ein Geheimnis haben.«
»Ja, Uschi, so ist es.« Die Nonne zog das Kind innig an sich.
Dann lag Uschi wieder in ihrem Bett. Schwester Albine hatte das Nachtlicht ausgemacht, sodass das Kind sich wieder seinen Träumen überlassen konnte. Von neuem verwandelte sich der Schlafraum in ein hübsches Kinderzimmer, und wieder spürte Uschi die Nähe ihrer lieben Mutti, die sich über sie neigte und ihr einen Gutenachtkuss gab. Doch dann nahm das Sandmännchen sie in die Arme und trug sie in das Land anderer Träume.
*
In den nächsten Tagen war Uschi auffallend still. Ihre Sehnsucht nach den Eltern nahm ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch. Wenn es am Portal läutete, machte ihr Herz jedes Mal einen freudigen Sprung. Doch immer wieder wurde sie in ihren Erwartungen enttäuscht.
Monika versuchte alles, um Uschi aufzumuntern. Aber auf ihre vielen Fragen erhielt sie nur sehr wortkarge Antworten. Uschi bemerkte es kaum, dass man sie bald links liegenließ. Sie war so eingesponnen in ihre Traumwelt, dass sie von der Gegenwart nur wenig wahrnahm. Ein Gedanke wurde schließlich in ihr geboren und nistete sich tief in ihrem Herzen ein. Und ganz allmählich nahm ihr Plan, ihre Eltern zu suchen, immer festere Formen an.
Voller Sehnsucht blickte Uschi hinaus in das heftige Schneetreiben. Über Nacht hatte der Winter seinen Einzug gehalten. Die Welt schien wie verzaubert. Die Schneeräumer aber waren von morgens bis abends im Einsatz. Kaum konnten sie die gewaltigen Schneemassen bewältigen.
Wie schön musste es jetzt draußen in der freien Natur sein, überlegte Uschi. Doch so eindrucksvoll der Winter auch war, er hatte auch seine Nachteile. Sie musste sich nun warme Sachen beschaffen, wollte sie draußen nicht erfrieren, wenn sie nach ihren Eltern suchte. Denn so bald wie möglich wollte sie sich heimlich aus dem Waisenhaus davonstehlen.
Uschi wusste nun bereits, wohin sie fahren musste. Sie hatte mittlerweile herausbekommen, dass ihre Mutti in Rosenheim wohnte, in der Meisengasse. Dort war sie selbst auch zur Welt gekommen. Einer der größeren Jungen hatte behauptet, Rosenheim sei nicht weit entfernt von München. Man könne mit dem Zug hinfahren oder auch mit dem Auto.
»Und wenn man kein Geld besitzt«, hatte ein anderer Junge hinzugefügt, »stellt man sich einfach auf die Autobahn und hält ein Auto an.«
»Ja, per Anhalter kann man überall kostenlos hinfahren«, hatte ein Mädchen bemerkt. »Aber Schwester Maria meint, es sei riskant, mit einem Fremden mitzufahren.«
»Für ein junges Mädchen schon«, hatte der Junge gemeint. »Aber Jungens und kleinen Mädchen geschieht nichts.«
»So sicher würde ich da nicht sein«, hatte ein anderer gesagt.
»Na ja, das ist ein anderes Thema, das nicht für Kinderohren geeignet ist«, hatte ein Fünfzehnjähriger mit einem seltsamen Lächeln eingeworfen.
Uschi hatte der Debatte still zugehört und gedacht, dass demnach ihrer Suche nach den Eltern nichts mehr im Wege stehen würde. Nur warme Kleidungsstücke und Proviant musste sie noch haben. Mit dem bisschen Geld aus ihrem Sparschwein würde sie auch keine großen Sprünge machen können.
Schweren Herzens entschloss sich Uschi, ihren Bären herzugeben. Monika hatte schon des öfteren durchblicken lassen, dass sie ihn gern gehabt hätte. Später, wenn sie, Uschi, bei ihren Eltern lebte, würde sie gewiss einen noch viel schöneren Teddybären geschenkt bekommen. Ob Monika ihr dafür die rote Wollmütze mit dem angestrickten Schal geben würde?
»Warum willst du die Mütze durchaus haben?«, fragte Monika, als Uschi ihr das Tauschangebot unterbreitete.
»Sie passt in der Farbe genau zu meiner roten Strickjacke«, erklärte Uschi rasch.
»Das ist wahr. Und ich mag das Rot sowieso nicht. Außerdem habe ich ja eine grüne Mütze und einen dazu passenden karierten Schal. Gut, tauschen wir.«
»Sei aber lieb zu meinem Teddy.« Uschi fühlte es heiß in ihre Augen aufsteigen, als sie ihrer Freundin den Bären gab.
»Natürlich werde ich lieb zu Teddy sein. Wenn du willst, darfst du ihn auch jeden Tag streicheln«, versprach Monika ernst und presste das Stofftier zärtlich an ihre Brust.
Uschi nickte geistesabwesend. Denn sie überlegte gerade, mit wem sie ihre dünne Strumpfhose tauschen könnte. Sie hatte sie zu ihrem letzten Geburtstag von Schwester Albine geschenkt bekommen und bisher noch nicht ein einziges Mal getragen, um sie nicht zu zerreißen. Doch Marianne Müller wünschte sich so eine Strumpfhose, erinnerte sich Uschi. Marianne besaß dicke Wollstrümpfe. Vielleicht tauschte sie mit ihr.
Marianne war sofort Feuer und Flamme für Uschis Vorschlag. »Aber getauscht ist getauscht«, bemerkte sie erfreut. »Nicht, dass du den Tausch nachher bereust und die Strumpfhose wiederhaben willst.«
»Bestimmt nicht, Marianne.«
»Aber die Strümpfe sind schon gestopft.«
»Das ist mir gleichgültig, Marianne. Du kannst mir ja in den nächsten beiden Tagen noch deinen Nachmittagskuchen dazugeben«, schlug Uschi vor.
»Aber ja, Uschi. Ich mag sowieso nicht so viel Kuchen essen. Ein Wurstbrot ist mir lieber. Also, der Tausch gilt!« Sie streckte Uschi die Hand entgegen.
»Das Geschäft ist perfekt!« Uschi schlug ein.
Nun versuchte das Mädchen ihr Glück bei der Küchenschwester Hermine. Diese hatte Uschi besonders tief in ihr Herz geschlossen. »Was willst du denn mit dem Knäckebrot machen?«, fragte sie erstaunt. »Die Vögel füttern?«
»Ich esse es sehr gern.« Verräterische Röte stieg dem Kind ins Gesicht.
»Meinetwegen kannst du das angebrauchte Päckchen haben«, erklärte sich Schwester Hermine einverstanden. »Versteck es aber gut, sonst bekomme ich Scherereien.«
»Gut, Schwester Hermine«, versprach Uschi feierlich und blickte sich suchend um. »Ist denn der Wurstzipfel übrig?«, fragte sie schüchtern.
»Nimm ihn dir. Bekommst du denn nicht genug zu essen?«, wunderte sich die Nonne.
»O ja, das schon. Aber ich habe immer so viel Hunger«, schwindelte die Kleine.
»Du bist in letzter Zeit viel gewachsen. Das wird es sein. Nun lauf schnell, damit du deine Schätze verstecken kannst.«
Uschi ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie versteckte die Sachen hinter ihren Schuhen, die unten in ihrem Schrank standen. In ein paar Tagen würde sie genügend Proviant haben, um sich sorglos auf den Weg machen zu können.
Ihr Blick fiel nun auf den Füllfederhalter, ein Geschenk der Frau Oberin zu Weihnachten. Sie steckte ihn in eine der Taschen ihrer Bluejeans. Vielleicht gab Georg Heilmann ihr dafür ein paar Euro, hoffte sie.
Georg war sofort einverstanden. Er glaubte, ein Bombengeschäft gemacht zu haben. Denn ihm war bekannt, dass ein derartiger Füllfederhalter bedeutend mehr kostete. Uschi aber warf etwas später das Geld glücklich durch den Schlitz ihres Sparschweins.
Nun musste sie sich noch eine Tasche oder einen kleinen Koffer beschaffen, in dem sie den Proviant und die Kleidungsstücke verstauen konnte. Nachdenklich zog sie die Brauen zusammen. Plötzlich fiel ihr Monikas Kunstlederbeutel ein, ein Weihnachtsgeschenk ihrer Tante.
Doch Uschi war sich nicht schlüssig, was sie ihr dafür bieten sollte. Von ihrer wasserdichten Armbanduhr mochte sie sich nicht trennen. Außerdem brauchte sie die Uhr nötig bei der Suche nach ihren Eltern. Aber was sollte sie Monika für den Beutel geben?
Am Nachmittag durchsuchte Uschi ihr Hab und Gut. Sie fand einen alten Wecker, den ihr ein Kind, das vor ein paar Wochen das Waisenhaus verlassen hatte, geschenkt hatte. Uschi wusste, dass Monika sich schon lange einen Wecker gewünscht hatte.
Nach dem Abendessen saß Uschi auf dem Rand ihres Bettes und beschäftigte sich angelegentlich mit dem Wecker. Dabei schielte sie immer wieder zu Monika hin, die mit dem Teddybären spielte.
Um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ließ Uschi den Wecker läuten. Zu ihrer Freude bemerkte sie, dass Monika sich umdrehte, aufstand und auf sie zukam.
»Nicht wahr, der Wecker ist eine Wucht?«, stellte Uschi so gleichmütig wie nur möglich fest.
»Das ist er.« Monikas Augen funkelten begehrlich. »Eigentlich könntest du ihn mir geben.«
»Dir? Na ja, warum nicht? Aber schenken kann ich ihn dir nicht. Ich würde ihn gegen irgendetwas eintauschen. Gegen …«
Sie legte den Zeigefinger an die Nasenspitze und tat so, als denke sie angestrengt nach. »Ja, gegen den Kunstlederbeutel.«
