Ein ganzes Leben - Robert Seethaler - E-Book + Hörbuch

Ein ganzes Leben E-Book

Robert Seethaler

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9,99 €

Beschreibung

Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und tief bewegende Geschichte.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 156




Hanser Berlin E-Book

Robert Seethaler

Ein ganzes Leben

Roman

Hanser Berlin

ISBN 978-3-446-24696-6

© Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2014

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Greiner & Reichel, Köln

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An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhun dertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka, der von den Talbewohnern nur der Hörnerhannes gerufen wurde, von seinem stark durchfeuchteten und etwas säuerlich riechenden Strohsack, um ihn über den drei Kilometer langen und unter einer dicken Schneeschicht begrabenen Bergpfad ins Dorf hinunterzutragen.

Er hatte den Hörnerhannes aus einer seltsamen Ahnung heraus in seiner Hütte aufgesucht und zusammengekrümmt unter einem Berg von alten Ziegenfellen hinter dem längst erloschenen Ofen gefunden. Abgemagert bis auf die Knochen und gespensterbleich starrte er ihm aus der Dunkelheit entgegen und Egger wusste, dass ihm der Tod bereits hinter der Stirn hockte. Er nahm ihn wie ein Kind auf beide Arme und setzte ihn behutsam auf die mit trockenem Moos ausgelegte Holzkraxe, mit der der Hörnerhannes sein Leben lang das Brennholz und die verletzten Ziegen über die Hänge gebuckelt hatte. Er wickelte einen Viehstrick um seinen Körper, band ihn an das Gestell und zog die Knoten so fest, dass es knackte im Holz. Als er ihn fragte, ob er Schmerzen habe, schüttelte der Hörnerhannes den Kopf und verzog seinen Mund zu einem Grinsen, doch Egger wusste, dass er log.

Die ersten Wochen des Jahres waren ungewöhnlich warm gewesen. In den Tälern war der Schnee geschmolzen und im Dorf war das beständige Tropfen und Plätschern des Tauwassers zu hören. Seit einigen Tagen aber war es wieder eiskalt und der Schnee fiel so unaufhörlich und dicht vom Himmel, dass er die Landschaft mit seiner weichen Allgegenwärtigkeit zu schlucken und alles Leben und jedes Geräusch zu ersticken schien. Auf den ersten paar hundert Metern redete Egger nicht mit dem zittrigen Mann auf seinem Rücken. Er hatte genug damit zu tun, auf den Weg zu achten, der sich vor ihm in steilen Serpentinen den Berg hinunterwand und den er im Schneetreiben nicht viel mehr als erahnen konnte. Hin und wieder spürte er, wie sich der Hörnerhannes regte. »Stirb mir jetzt bloß nicht weg«, sagte er laut vor sich hin, ohne eine Antwort zu erwarten. Doch nachdem er fast eine halbe Stunde hinter sich gebracht hatte, immer nur das eigene Keuchen in den Ohren, kam die Antwort von hinten: »Sterben wär nicht das Schlechteste.«

»Aber nicht auf meinem Buckel!«, sagte Egger und hielt an, um die Lederriemen auf den Schultern zurechtzurücken. Für einen Augenblick horchte er in den lautlos fallenden Schnee hinaus. Die Stille war vollkommen. Es war das Schweigen der Berge, das er so gut kannte und das doch immer noch imstande war, sein Herz mit Angst zu füllen. »Auf meinem Buckel nicht«, wiederholte er und ging weiter. Nach jeder Wegkehre schien der Schnee noch dichter zu fallen, unablässig, weich und ohne jedes Geräusch. Hinten bewegte sich der Hörnerhannes immer seltener, bis er sich schließlich gar nicht mehr rührte und Egger schon mit dem Schlimmsten rechnete.

»Bist du jetzt tot?«, fragte er.

»Nein, du hinkender Teufel!«, kam es mit überraschender Deutlichkeit zurück.

»Ich mein ja nur. Bis ins Dorf musst du es noch aushalten. Dann kannst du machen, was du willst.«

»Und wenn ich es nicht bis ins Dorf aushalten will?«

»Du musst!«, sagte Egger. Er fand jetzt, dass sie genug geredet hatten, und die nächste halbe Stunde kamen sie schweigend voran. Knapp dreihundert Meter Luftlinie über dem Dorf, in Höhe der Geierkante, wo sich die ersten Latschen wie bucklige Zwerge unterm Schnee duckten, kam Egger vom Weg ab, stolperte, setzte sich auf den Hosenboden und rutschte an die zwanzig Meter den Hang hinunter, ehe er von einem mannshohen Findling aufgehalten wurde. Im Schatten des Felsens war es windstill und der Schnee schien hier noch langsamer, noch leiser zu sinken. Egger saß auf dem Hintern, den Rücken leicht gegen die Kraxe gelehnt. Im linken Knie spürte er einen stechenden Schmerz, aber es war auszuhalten und das Bein war ganz geblieben. Der Hörnerhannes rührte sich eine Weile nicht, dann begann er plötzlich zu husten und schließlich zu reden, mit heiserer Stimme und so leise, dass er kaum zu verstehen war: »Wo willst du liegen, Andreas Egger?«

»Was?«

»In welcher Erde willst du begraben sein?«

»Weiß ich nicht«, sagte Egger. Über diese Frage hatte er noch nie nachgedacht, und eigentlich lohnte es sich seiner Meinung nach auch nicht, auf derartige Dinge Zeit und Gedanken zu verschwenden. »Die Erde ist die Erde, und wo man liegt, bleibt sich gleich.«

»Vielleicht bleibt es sich gleich, so wie sich am Ende alles gleich bleibt«, hörte er den Hörnerhannes flüstern. »Aber es wird eine Kälte sein. Eine Kälte, die einem die Knochen zerfrisst. Und die Seele.«

»Auch die Seele?«, fragte Egger, dem plötzlich ein Schauder über das Rückgrat fuhr.

»Vor allem die Seele!«, antwortete der Hörnerhannes. Er hatte jetzt seinen Kopf, so weit es ging, über den Kraxenrand hinausgereckt und starrte gegen die Wand aus Nebel und fallendem Schnee. »Die Seele und die Knochen und den Geist und alles, woran man sein Leben lang gehangen und geglaubt hat. Alles zerfrisst einem die ewige Kälte. So steht es geschrieben, denn so habe ich es gehört. Der Tod gebiert neues Leben, sagen die Leute. Aber die Leute sind blöder als die blödeste Geiß. Ich sage: Der Tod gebiert gar nichts! Der Tod ist die Kalte Frau.«

»Die … was?«

»Die Kalte Frau«, wiederholte der Hörnerhannes. »Sie geht über den Berg und schleicht durchs Tal. Sie kommt, wann sie will, und holt sich, was sie braucht. Sie hat kein Gesicht und keine Stimme. Die Kalte Frau kommt und nimmt und geht. Das ist alles. Im Vorbeigehen packt sie dich und nimmt dich mit und steckt dich in irgendein Loch. Und im letzten Stück Himmel, das du siehst, bevor sie dich endgültig zuschaufeln, taucht sie noch einmal auf und haucht dich an. Und alles, was dir dann noch bleibt, ist die Dunkelheit. Und die Kälte.«

Egger sah in den Schneehimmel hinauf und hatte für einen Moment Angst, etwas könnte darin auftauchen und ihm ins Gesicht hauchen. »Jesus«, presste er zwischen den Zähnen hervor. »Das ist schlimm.«

»Ja, das ist schlimm«, sagte der Hörnerhannes, seine Stimme klang rau vor Angst. Die beiden Männer rührten sich nicht mehr. Über der Stille lag jetzt das leise Singen des Windes, der über den Felsgrat strich und dünne Schneefähnchen vor sich her stäubte. Plötzlich spürte Egger eine Bewegung, und in der nächsten Sekunde kippte er nach hinten und lag mit dem Rücken im Schnee. Irgendwie hatte es der Hörnerhannes geschafft, die Knoten zu lösen und blitzschnell aus der Kraxe zu klettern. Nun stand er da, dürr unter seinen Kleiderfetzen und leicht wankend im Wind. Egger schauderte es erneut. »Du steigst jetzt sofort wieder ein«, sagte er. »Du wirst dir sonst noch was holen.«

Der Hörnerhannes verharrte mit nach vorne gerecktem Kopf. Einen Augenblick lang schien er Eggers vom Schnee verschluckten Worten nachzuhorchen. Dann drehte er sich um und begann mit großen Sätzen den Berg hinanzulaufen. Egger rappelte sich auf, rutschte aus, fiel fluchend auf den Rücken zurück, stemmte sich mit beiden Händen vom Boden hoch und kam wieder auf die Beine. »Komm zurück!«, rief er dem mit erstaunlicher Geschwindigkeit davonspringenden Ziegenhirten nach. Doch der Hörnerhannes hörte nicht mehr. Egger streifte die Riemen von seinen Schultern, ließ die Kraxe fallen und rannte ihm nach. Aber schon nach wenigen Metern musste er keuchend anhalten, der Hang an dieser Stelle war zu steil und mit jedem Schritt versank er bis zur Hüfte im Schnee. Vor ihm wurde die dürre Gestalt schnell kleiner, bis sie sich schließlich endgültig aufgelöst hatte im undurchdringlichen Weiß des Schneegestöbers. Egger legte die Hände wie einen Trichter vor den Mund und schrie aus voller Kehle: »Bleib stehen, du blöder Hund! Dem Tod ist noch keiner davongerannt!« Doch vergebens, der Hörnerhannes war verschwunden.

Andreas Egger ging die letzten paar hundert Meter ins Dorf hinunter, um seine tief erschrockene Seele im Wirtshaus Zum goldenen Gamser an einer Schüssel Schmalzkrapfen und einem selbstgebrannten Krauterer zu wärmen. Er suchte sich einen Platz gleich neben dem alten Kachelofen, legte seine Hände auf den Tisch und spürte, wie das warme Blut langsam in die Finger zurückfloss. Das Ofentürchen stand offen, drinnen prasselte das Feuer. Für einen kurzen Moment glaubte er in den Flammen das Gesicht des Ziegenhirten zu erkennen, das reglos zu ihm herausstarrte. Schnell schloss er das Ofenloch und kippte mit zugekniffenen Augen seinen Schnaps hinunter. Als er die Augen wieder öffnete, stand eine junge Frau vor ihm. Sie stand einfach da, die Hände in die Hüften gestützt, und sah ihn an. Ihr Haar war kurz und flachsblond, ihre Haut glänzte rosig in der Ofenwärme. Egger musste an die frischgeborenen Ferkel denken, die er als Bub manchmal aus dem Stroh gehoben und in deren weiche, nach Erde, Milch und Schweinemist duftenden Bäuche er sein Gesicht gedrückt hatte. Er blickte auf seine Hände hinab. Plötzlich kamen sie ihm komisch vor, wie sie da so lagen; schwer, nutzlos und dumm.

»Noch einen?«, fragte die junge Frau und Egger nickte. Sie brachte ein neues Glas, und als sie sich nach vorne beugte, um es auf den Tisch zu stellen, berührte sie mit einer Falte ihrer Bluse seinen Oberarm. Die Berührung war kaum zu spüren, doch hinterließ sie einen feinen Schmerz, der mit jeder Sekunde tiefer in sein Fleisch zu sinken schien. Er sah sie an, und sie lächelte.

Sein Leben lang dachte Andreas Egger immer wieder an diesen Augenblick zurück, an dieses kurze Lächeln an jenem Nachmittag vor dem leise prasselnden Wirtshausofen.

Als er später wieder ins Freie trat, hatte es bereits aufgehört zu schneien. Es war kalt und die Luft war klar. Nebelfetzen krochen die Berge hinauf, deren Spitzen schon im Sonnenlicht leuchteten. Egger ließ das Dorf hinter sich und stapfte durch den tiefen Schnee nach Hause. Am Wildbach tummelten sich wenige Meter unterhalb des alten Holzstegs ein paar Kinder. Sie hatten ihre Schultaschen in den Schnee geworfen und kletterten im Bachbett herum. Einige von ihnen rutschten auf ihren Hintern den gefrorenen Wasserlauf hinunter, während andere auf allen vieren über das Eis krochen und dem leisen Gluckern darunter lauschten. Als sie Egger entdeckten, rotteten sie sich zusammen und begannen zu schreien: »Hinker! Hinker!« Ihre Stimmen klangen hell und klar in der gläsernen Luft, wie die Rufe der jungen Steinadler, die in großer Höhe über dem Tal kreisten und sich die abgestürzten Gämsen aus den Schluchten und die Zicken von der Weide holten. »Hinker! Hinkebein!« Egger stellte die Kraxe ab, brach ein faustgroßes Stück Eis aus dem überhängenden Bachufer, holte weit aus und schleuderte es in ihre Richtung. Er zielte viel zu hoch und der Eisbrocken flog weit über die Köpfe der Kinder hinweg. Am höchsten Punkt seiner Flugbahn sah es für einen Moment so aus, als würde er einfach dort oben hängen bleiben, ein kleiner, im Sonnenlicht aufblitzender Himmelskörper. Dann stürzte er ab und verschwand lautlos im Schatten der schneeversunkenen Tannen.

***

Drei Monate später saß Egger genau an dieser Stelle auf einem Baumstumpf und beobachtete, wie eine gelbliche Staubwolke den Taleingang verdunkelte, aus der sich gleich darauf der aus zweihundertsechzig Arbeitern, zwölf Maschinisten, vier Ingenieuren, sieben italienischen Köchinnen sowie einer kleineren Anzahl nicht näher zu benennender Hilfskräfte bestehende Bautrupp der Firma Bittermann & Söhne löste und sich dem Dorf näherte. Von weitem sah der Pulk wie eine riesige Viehherde aus, nur mit zusammengekniffenen Augen war hie und da ein hochgereckter Arm oder eine über die Schulter gelegte Spitzhacke zu erkennen. Der Trupp bildete nur die Vorhut einer Kolonne von schweren, mit Maschinen, Werkzeug, Stahlträgern, Zement und anderen Baumaterialien beladenen Pferdefuhrwerken und Lastwagen, die sich im Schritttempo über die unbefestigte Straße bewegte. Es war das erste Mal, dass im Tal das dumpfe Knattern von Dieselmotoren widerhallte. Die Einheimischen standen schweigend am Straßenrand, bis der alte Stallknecht Joseph Malitzer sich plötzlich seinen Filzhut vom Kopf riss und ihn mit einem Juchzer hoch in die Luft warf. Jetzt begannen auch die anderen zu juchzen, zu johlen und zu schreien. Seit Wochen hatte man den Frühlingsbeginn und mit ihm das Eintreffen des Bautrupps erwartet. Eine Seilbahn würde errichtet werden. Eine mit elektrischem Gleichstrom betriebene Luftseilbahn, in deren lichtblauen Holzwaggons die Menschen den Berg hinaufschweben und den Panoramablick über das ganze Tal genießen würden. Es war ein gewaltiges Vorhaben. Über eine Länge von fast zweitausend Metern würden Drahtseile den Himmel durchschneiden, fünfundzwanzig Millimeter dick und ineinander verschlungen wie Kreuzottern bei der Paarung. Ein Höhenunterschied von tausenddreihundert Metern musste überwunden, Schluchten mussten überbrückt und Felsüberhänge gesprengt werden. Mit der Bahn würde auch die Elektrizität ins Tal kommen. Über sirrende Kabel würde der elektrische Strom heranfließen und die Straßen und Stuben und Ställe würden auch nachts in warmem Licht erstrahlen. An all das und an noch viel mehr dachten die Leute, während sie ihre Hüte warfen und ihre Juchzer in die klare Luft hinausstießen. Egger hätte gerne mitgejubelt, doch aus irgendeinem Grunde blieb er auf seinem Baumstumpf sitzen. Er fühlte sich bedrückt, ohne zu wissen, warum. Vielleicht hatte es mit dem Knattern der Motoren zu tun, mit dem Lärm, der plötzlich das Tal füllte und von dem man nicht wusste, wann er wieder verschwinden würde. Oder ob er überhaupt je wieder verschwinden würde. Eine Weile blieb Egger so sitzen, doch dann hielt er es nicht mehr aus. Er sprang auf, rannte hinunter, stellte sich zu den anderen an den Straßenrand und schrie und jubelte, so laut er konnte.

Als Kind hatte Andreas Egger nie geschrien oder gejubelt. Bis zu seinem ersten Schuljahr hatte er nicht einmal richtig gesprochen. Mit Mühe hatte er sich eine Handvoll Wörter zusammengesammelt, die er in seltenen Momenten in beliebiger Reihenfolge aufsagte. Reden hieß Aufmerksamkeit bekommen, und das wiederum verhieß nichts Gutes. Nachdem er im Sommer neunzehnhundertzwei als kleiner Bub von dem Pferdewagen gehoben wurde, der ihn aus einer Stadt weit jenseits der Berge hergebracht hatte, stand er einfach nur stumm da und staunte mit großen Augen zu den weiß schimmernden Berggipfeln hinauf. Er mochte damals vier Jahre alt gewesen sein, vielleicht auch etwas jünger oder älter. Niemand wusste das so genau und niemand interessierte sich dafür. Am allerwenigsten kümmerte es den Großbauern Hubert Kranzstocker, der den kleinen Egger widerwillig in Empfang nahm und dem Pferdekutscher das lausige Trinkgeld von zwei Groschen und einem harten Brotkanten zusteckte. Der Bub war das einzige Kind einer seiner Schwägerinnen, die ein flatteriges Leben geführt hatte und dafür unlängst vom lieben Gott mit der Schwindsucht gestraft und heimgeholt worden war. Immerhin hing ihm ein lederner Beutel mit einigen Geldscheinen um den Hals. Das war für Kranzstocker Argument genug, ihn nicht gleich zum Teufel zu schicken oder dem Pfarrer vor die Kirchentür zu setzen, was seiner Meinung nach ungefähr auf dasselbe hinauskam. Egger stand nun jedenfalls da und staunte die Berge an. Dieses Bild blieb ihm als einziges von seiner frühen Kindheit, er trug es ein Leben lang mit sich herum. Erinnerungen an die Zeit davor gab es nicht, und auch die Jahre danach, seine ersten Jahre auf dem Kranzstocker-Hof, lösten sich irgendwann im Nebel der Vergangenheit auf.

In seiner nächsten Erinnerung sah er sich als etwa Achtjährigen nackt und dünn über der Ochsenstange hängen. Seine Beine und sein Kopf pendelten knapp über dem nach Pferdeseiche stinkenden Boden, während sein kleiner, weißer Hintern in die Winterluft ragte und Kranzstockers Hiebe mit der Haselnussgerte empfing. Wie immer hatte der Bauer die Gerte im Wasser gebadet, um sie geschmeidig zu machen. Jetzt zischte sie kurz und hell durch die Luft, bevor sie mit einem seufzenden Geräusch auf Eggers Hinterteil landete. Egger schrie niemals, was den Bauern nur zu härteren Hieben anspornte. Der Mann wurde geformt und gehärtet von Gottes Hand, um sich die Erde und alles, was sich darauf tummelt, untertan zu machen. Der Mann vollzieht Gottes Willen und er spricht Gottes Wort. Der Mann erschafft Leben durch die Kraft seiner Lenden, und er nimmt Leben durch die Kraft seiner Arme. Der Mann ist das Fleisch und er ist der Boden und er ist ein Bauer und heißt Hubert Kranzstocker. Wenn es ihm gefällt, gräbt er seinen Acker um, packt sich eine ausgewachsene Sau auf die Schultern, setzt ein Kind in die Welt oder hängt ein anderes über die Ochsenstange, denn er ist der Mann, das Wort und die Tat. »Herrgottverzeih«, sagte Kranzstocker und ließ die Gerte sausen. »Herrgottverzeih.«

Gründe für diese Züchtigungen gab es genug: verschüttete Milch, verschimmeltes Brot, ein verlorenes Rind oder ein verstottertes Abendgebet. Einmal geriet dem Bauern die Gerte schon beim Schnitzen zu dick oder er hatte vergessen, sie einzuweichen, oder er hatte wütender als sonst zugeschlagen, so genau konnte man das nicht sagen, jedenfalls schlug er zu und irgendwo in dem kleinen Körper knackte es laut und der Bub rührte sich nicht mehr. »Herrgottverzeih«, sagte Kranzstocker und ließ erstaunt seinen Arm sinken. Der kleine Egger wurde ins Haus gebracht, aufs Stroh gelegt und von der Bäuerin mit einem Kübel Wasser und einem Becher warmer Milch wieder ins Leben zurückgeholt. Im rechten Bein war irgendetwas in Unordnung geraten, aber da die Untersuchung in einem Spital zu teuer gewesen wäre, wurde aus dem Nachbarort der Knochenrichter Alois Klammerer geholt. Alois Klammerer war ein freundlicher Mann mit ungewöhnlich kleinen, zartrosa Händen, deren Kraft und Geschicklichkeit jedoch selbst unter den Holzfällern und den Schmiedegesellen legendär war. Vor Jahren war er einmal an den Hof des Großbauern Hirz geholt worden, wo der zu einem bärenstarken Ungetüm ausgewachsene Sohn des Bauern sturzbesoffen durch das Stalldach gebrochen war, sich seit Stunden vor Schmerzen im Hühnerdreck wälzte, unartikulierte Laute ausstieß und sich mit einer Heugabel gegen jeden Zugriff erfolgreich zur Wehr setzte. Alois Klammerer näherte sich ihm mit einem unbekümmerten Lächeln, wich geschickt den Gabelstichen aus, stieß dem Burschen zielgenau zwei Finger in die Nasenlöcher und zwang ihn mit einer einfachen Bewegung in die Knie, um ihm erst seinen Sturschädel und gleich darauf seine ausgerenkten Knochen wieder gerade zu rücken.