Ein glücklicher Mensch - Otto Brusatti - E-Book
Beschreibung

Volksmärchen aus Litauen weisen noch viele Elemente des Heidentums auf, war es doch das zuletzt christianisierte Land in Europa. Es geht um Auseinandersetzungen mit dem Bösen und Unbekannten, um Verarbeitung von Trauer, Ängsten und Tod. Und stets vollbringen Liebe, Geduld, Zuversicht, Mut und der gesunde Menschenverstand große Wunder. Es heißt auch hier: »So ging er in die weite Welt hinaus, um sein Glück zu finden …« Die Sammlung nimmt den Leser mit in diese Welt – auf die Suche nach dem Glück.

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Seitenzahl:279

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Die Übersetzung des Buches wurde von „Books from Lithuania“ mit Mitteln des Kulturministeriums der Republik Litauen gefördert.

Ein

glücklicher

Mensch

MÄRCHEN AUS LITAUEN 

Ausgewählt und ins Deutsche übertragen von Irena Ülkekul

Mit Illustrationen von Lara Ülkekul

mitteldeutscher verlag

Litauische Märchen

für Klein und vor allem für Groß

… so wie ich sie weitererzählt habe.

WIE EIN ARMER ZU WOHLSTAND KAM

Es lebte einmal ein Mann, der war so arm, dass er überhaupt nichts besaß. Einmal zog er die letzten Kleider an, die er noch finden konnte, und ging in die Welt hinaus. Sobald er jemandem begegnete, fragte er:

„Warum habe ich nichts?“

„Hast du Arbeit?“

„Nein, ich habe keine.“

„Wenn du keine Arbeit hast“, sagte ein Mann zu ihm, „woher sollst du dann etwas haben?!“

Der Arme ging weiter und erkundigte sich bei jedem Menschen, dem er begegnete, warum er nichts habe. So kam er in eine Stadt und sah einen Garten. Dort gingen der König und die Königin spazieren. Der arme Mann ging zum König und fragte ihn, warum er nichts habe.

„Kannst du lesen und schreiben oder beherrschst du ein Handwerk?“, fragte der König.

„Nein, ich kann weder lesen noch schreiben und ich beherrsche kein Handwerk.“

„Woher solltest du dann etwas haben, wenn du nichts kannst?!“ Der Arme ging weiter und sah an der Tür des Schlosses die Königstochter sitzen. Er ging zu ihr und fragte sie, warum er nichts habe.

„Bist du schon verheiratet?“

„Nein, noch nicht.“

„Hol dir eine Frau, dann wirst du etwas bekommen“, antwortete die Königstochter. Der Arme lächelte nur und ging weiter. Der König sah, wie der Arme lachte, und war sehr gespannt, was ihm seine Tochter gesagt hatte.

„Was hat dich dieser Mann gefragt?“, wollte er wissen. „Er fragte mich, warum er nichts habe.“

„Und was hast du ihm geantwortet?“

„Das sage ich nicht.“

„Sag es auf der Stelle!“

„Ich sage es nicht.“

Der König drang in sie mit allen möglichen Mitteln, aber es gelang ihm nicht, seine Tochter zu einer Antwort zu bewegen. Dann ließ er den Mann ausfindig machen. Der Arme wurde gesucht, gefunden und zum König gebracht. Der König fragte ihn:

„Was hast du die Prinzessin gefragt?“

„Ich habe sie gefragt, warum ich nichts habe.“

„Und was hat sie dir geantwortet?“

„Hol dir eine Frau, dann wirst du etwas haben.“

Der König wurde sehr zornig über seine Tochter.

„Was heißt denn, hol dir eine Frau“, rief er. „Er ist noch nicht verheiratet und lebt so arm, und was ist, wenn er heiratet und Kinder bekommt? Wie kannst du ihm so einen Ratschlag geben?! Wie kannst du nur? Habe ich dich nicht gut genug erzogen? Hast du keine gute Ausbildung gehabt? Wenn du ihm so einen Ratschlag gegeben hast, dann geh und lebe mit ihm!“

So jagte der König seine Tochter zusammen mit diesem armen Mann aus der Stadt. Die beiden gingen in eine andere Stadt.

Die Königstochter sagte eines Tages zu dem Armen:

„Ich ziehe mich um, und du bringst meine königlichen Kleider dem Kaufmann, bei dem mein Vater Waren holt, und verkaufst sie für so und so viel Taler. Und wenn der Kaufmann fragt, wessen Kleider das sind, sagst du, dass sie deiner Frau gehören.“

Der Arme brachte die Kleider zum Kaufmann, nannte ihm den Preis, und der Kaufmann fragte ihn, woher er diese Kleider habe.

„Sie sind von meiner Frau“, entgegnete der Mann.

„Du hast sie gestohlen!“, beschuldigte ihn der Kaufmann.

„Sie gehören meiner Frau“, wiederholte der Arme.

Der Kaufmann wurde zornig, holte die Wächter und ließ den Mann festnehmen.

„Woher hast du diese Kleider bekommen?“, fragten ihn die Wächter.

„Sie gehören meiner Frau.“

„Wenn sie deiner Frau gehören“, sagte der Kaufmann, „dann werde ich dir mein ganzes Hab und Gut geben.“

Der Arme wurde festgenommen, und der Kaufmann unterschrieb die Zusicherung, dass er sein ganzes Hab und Gut abgeben würde, wenn diese Kleider wirklich dessen Frau gehören sollten.

„Und wo ist deine Frau?“, fragten die Wächter.

„Sie wartet draußen vor der Stadt, bis ich zurückkomme.“

Er führte die Wächter zur Königstochter. Als sie sie sahen, erkannten sie alle sofort. Da sagte die Königstochter:

„Warum quälen sie diesen Menschen nur so? Das ist mein Mann.“

Da ließ der Kaufmann den Kopf hängen und musste dem Armen sein ganzes Hab und Gut abgeben.

So zog der Arme mit der Königstochter in das Haus des Kaufmanns ein. Es mangelte ihnen hier an nichts. Nur die Kleidung passte dem Armen nicht, weil er viel zu dünn war. Und sie brauchten noch etwas Geld.

Die Königstochter webte eine Schärpe, bestickte sie mit Edelsteinen und schickte den Armen in die Stadt, um sie zu verkaufen. Der Arme band die Schärpe an eine Stange und ging so durch die Stadt. Und in dieser Stadt hatte nur ein Kaufmann ähnliche Schärpen. Er sah den Mann an und fragte, woher er diese Schärpe habe.

„Sie ist von meiner Frau.“

„Gib zu, dass du sie gestohlen hast.“

„Sie gehört meiner Frau“, wiederholte der Arme.

Inzwischen gesellten sich noch weitere Kaufleute zu ihnen. Und da ein Kaufmann den anderen immer in Schutz nimmt, behaupteten alle einvernehmlich, dass die Schärpe gestohlen wäre. Und der Arme konnte nur noch wiederholen, dass sie seiner Frau gehöre.

Dann brachte jeder Kaufmann zweitausend Taler und die Kaufleute sagten:

„Wenn diese Schärpe deiner Frau gehört, dann gehört dieses Geld dir!“

Und als der Arme die Kaufleute zu der Königstochter brachte, tadelte diese die Kaufleute, warum sie ihren Mann belästigen.

Die Kaufleute gaben dem Armen ehrerbietig das gesammelte Geld und zogen mit hängenden Köpfen nach Hause.

Jetzt hatten der Arme und die Königstochter von allem genug: sowohl vom Geld als auch von anderen Gütern – und beide lebten glücklich zusammen.

Einige Zeit später schickte der König seine Diener in das Haus seines Stammkaufmanns, damit dieser ihm bestimmte Waren verkaufe.

„Der König selbst soll kommen“, sagte die Königstochter. „Sonst können wir keine Ware ausgeben.“ Die Diener kehrten zurück und sagten, dass es so und so wäre, dass der Kaufmann sich weigere, die Ware herauszugeben, und der König persönlich kommen solle.

„Wie bitte? Der König soll persönlich kommen?“, wiederholte der König die Worte seiner Diener.

„Gut, spannt die Pferde an!“

Die Diener spannten die Pferde an, und der König fuhr los. Die Königstochter wusste, dass der König sehr wütend sein würde, und zog sich eiserne Kleider unter die ihrigen. Der König kam, sprang aus dem Wagen und stürzte mit dem Schwert auf seine Tochter zu. Aber das Schwert prallte zurück. Erst dann besann sich der König und erkannte seine Tochter. Er konnte es nicht fassen.

„Wie kommst du denn hierher?“, fragte er.

Die Tochter erzählte ihrem Vater, wie alles war, und der König war stolz über die Weisheit, das Selbstbewusstsein und die Selbstständigkeit seiner Tochter. Er vererbte den beiden sein halbes Königreich und noch am gleichen Abend sollte die Hochzeit stattfinden. Auf dieser Hochzeit bin ich auch gewesen, habe am Ohr des Brautwerbers gesessen und auf das Brautpaar geschaut. Und was ich hörte, schrieb ich hier Wort für Wort auf.

GERECHT GETEILT

In einem Dorf lebten einmal zwei Brüder, von denen der eine wohlhabend, der andere fast mittellos war. Der Speicher des wohlhabenden Bruders war mit allerlei Gütern gefüllt und der Arme hatte ein Dutzend hungrige Kinder und einen Hahn im Hof. Eines Tages hatte der Arme gar nichts mehr, was er seinen Kindern zum Essen geben konnte. So saß er da auf seiner Lieblingsbank, überlegte sich lange, wie er seine Familie ernähren könnte, bis ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss:

„Liebes“, sagte er zu seiner Frau, „brate unseren Hahn.“

Seine Frau machte sich gleich an die Arbeit. Sie stellte den gebratenen Hahn auf den Tisch, aber das Brot und die Beilagen fehlten. Dann sagte der Arme:

„Ich bringe diesen Hahn dem reichen Nachbarn. Vielleicht kriege ich dafür einen Sack Mehl, und wir können uns Brot zum Sattessen backen.“

Gesagt, getan. Der Mann ging zum Herrn und sagte:

„Ich habe dir einen gebratenen Hahn mitgebracht. Fühle dich geehrt, nimm meine bescheidene Gabe entgegen und benachteilige den Armen nicht. Gib mir etwas Mehl ab. Ich habe nichts für meine Kinder zum Essen.“

„Gut“, sagte der Herr. „Wenn du imstande bist, mir einen Hahn zu schenken, dann zeig mir, wie du ihn aufteilen kannst. Wenn du ihn gerecht aufteilst, kriegst du von mir einen Wagen voller Güter, wenn nicht, musst du für mich drei volle Tage arbeiten.“

Die Familie des Herrn bestand aus sechs Personen: er und seine Frau, zwei Töchter und zwei Söhne. Der Mann bat um ein Messer und nahm sich des Hahnes an. Zuerst schnitt er den Kopf des Hahnes ab und sagte zu dem Herrn:

„Du bist der Kopf der Familie, dir gehört der Kopf des Hahnes.“

Dann schnitt er den Sterz ab, gab ihn der Ehefrau und sagte: „Du sitzt zu Hause, deine Aufgabe ist es, das Haus zu hegen, nimm den Sterz des Hahnes.“

Dann schnitt er die Beine ab und gab sie den Söhnen des Herrn:

„Ihr lauft auf den Wegen eures Vaters, deshalb sollt ihr jeweils ein Beinchen bekommen.“

Und den Töchtern gab er je einen Flügel mit den Worten:

„Ihr werdet bald groß sein, und als hübsche Bräute werdet Ihr das Nest eurer Eltern verlassen und ein eigenes Zuhause finden.“

So aufgeteilt, steckte er den Rest des Hahnes in seinen Korb zurück.

„Und für mich Armen bleibt das, was der Herr übrig lässt.“

Der reiche Herr lächelte zufrieden und sagte:

„Du gefällst mir. Du hast den Hahn für alle gerecht aufgeteilt und vor allem dich selbst nicht benachteiligt.“

Der reiche Mann ließ einen Wagen voll mit allen möglichen Gütern packen und verabschiedete den armen Mann bis hinter das Tor.

Der wohlhabende Bruder erfuhr davon und wurde neidisch.

„Schau dir nur mal an, was mein Bruder alles für einen abgezupften Hahn bekommen hat. Und wenn ich fünf meiner allerfettesten Hähne brate, bekomme ich fünf Wagen voller Güter.“

Gedacht, getan. Er briet die fünf allerfettesten Hähne, brachte sie dem reichen Herrn und sagte:

„Eure Durchlaucht, nehmt als Gabe Eures Dieners diese fünf Hähne!“

„Danke, danke, lieber Nachbar. Wenn du imstande bist, mir diese Hähne zu schenken, dann zeig mir, wie du sie uns allen gerecht aufteilen kannst. Wenn du sie gerecht aufteilst, lasse ich dich reichlich beschenken, wenn nicht, musst du für mich drei volle Tage hart arbeiten.“

Der wohlhabende Bruder stand da, überlegte hin und her, aber wie man fünf Hähne auf sechs Leute aufteilt, wusste er nicht.

Dann rief der reiche Mann den Armen zu sich und fragte ihn, ob er diese fünf Hähne gerecht aufteilen könne.

„Warum denn nicht?“, antwortete der arme Mann.

Er gab den einen Hahn dem Hausherrn und der Hausfrau:

„Ihr habt immer eure Freude und euren Schmerz geteilt, jetzt könnt ihr euch auch den Hahn teilen.“

Den zweiten Hahn gab er den Söhnen:

„Ihr habt immer eure Aufgaben und euer Lob geteilt, jetzt könnt ihr euch auch den Hahn teilen.“

Den dritten Hahn gab er den Töchtern:

„Ihr habt immer euren Schmuck und eure Geheimnisse geteilt, jetzt könnt ihr euch auch den Hahn teilen.“

Die restlichen zwei Hähne nahm er an sich und sagte:

„Und für mich Armen bleibt das, was der Herr übrig lässt.

Und keiner fühlt sich benachteiligt.“

Der Hausherr lächelte über diese Aufteilung und sagte:

„Du hast vorzüglich geteilt. Das gefällt mir. Du hast weder dich selbst noch die anderen benachteiligt, weder alles gegeben noch alles behalten. Du hast die goldene Mitte getroffen. Ich möchte, dass du mein Berater wirst.“

Der reiche Herr ließ fünf Wagen voller Güter packen und verabschiedete den armen Mann würdevoll bis hinter das Tor. Und den wohlhabenden Bruder ließ er drei Tage hart arbeiten und ihn dann davongehen.

Seitdem musste der arme Mann mit seiner Frau und seinen Kindern nie mehr Hunger leiden und lebte glücklich und zufrieden.

EIN ALTER SOLDAT

Es war einmal ein alter Soldat, der wurde aus der Armee entlassen. Da er sich noch rüstig fühlte und auch keine Familie und kein Zuhause hatte, suchte er nach einer neuen Arbeit. Er suchte sehr lange, konnte aber nichts finden. Einmal begegnete er einer alten Frau und erzählte ihr von seinen Sorgen. Die Alte sagte zu ihm:

„Weit im Osten, in den öden Wüsten gibt es ein Glasschloss. In diesem Schloss lebt ein schwarzer Herr. Geh zu diesem Herrn und du bekommst eine Arbeit.“

Der Soldat befolgte den Rat der Alten und ging in den Osten, um nach dem schwarzen Herrn im Glasschloss zu suchen.

Am Abend legte er sich unter einen Apfelbaum. Der Apfelbaum raschelte mit seinen Blättern und fragte:

„Wohin gehst du durch diese öde Landschaft, guter Mensch?“

„Ich gehe zu dem schwarzen Herrn, der im Glasschloss lebt“, antwortete der Soldat.

„Ich habe gehört, dass dieser Herr sehr viel weiß. Kannst du ihn fragen, wann ich Früchte tragen werde. Gestern waren hier Männer und sagten, wenn ich nächstes Jahr immer noch keine Früchte trage, dann werden sie mich fällen.“

„Gut, ich frage ihn“, versprach der Soldat.

Am nächsten Morgen ging er weiter, bis der Weg an zwei riesigen Bergen endete. Er konnte sie weder passieren noch umgehen, so steil und riesig waren sie. Ratlos stand er davor und bat die Berge:

„Liebe Berge, seid doch so lieb und lasst mich durch.“

„Und wohin gehst du?“, fragten die Berge.

„Ich gehe zu dem schwarzen Herrn, der im Glasschloss lebt.“

„Wir haben gehört, dass dieser Herr sehr viel weiß. Kannst du ihn fragen, wie lange wir hier noch Wache halten müssen. Wir vermissen das Leben.“

„Gut, ich frage ihn“, versprach der Soldat.

Die Berge teilten sich und ließen einen schmalen Weg frei.

Der Soldat konnte ohne Weiteres durchgehen.

So ging er weiter und kam an einen Fluss.

Er schaute sich um: Es gab weder eine Brücke noch ein Boot, um den Fluss zu passieren. Er lief hin und her, fand aber keine Möglichkeit. So wandte er sich dem Fluss zu und bat ihn:

„Lieber Fluss, sei doch so lieb und bring mich ans andere Ufer.“

„Und wohin gehst du?“, fragte der Fluss.

„Ich gehe zu dem schwarzen Herrn, der im Glasschloss lebt.“

„Ich habe gehört, dass dieser Herr sehr viel weiß. Versprich mir aber, dass du diesen Herrn fragst, warum weder Fische noch andere Tiere in meinem Wasser leben.“

„Gut, ich frage ihn“, versprach der Soldat.

„Dann stell dich auf meine Wellen und ich bringe dich rüber.“

Der Soldat stellte sich auf die Wellen, und der Fluss brachte ihn ans andere Ufer, so dass er sogar trocken blieb.

Der Soldat sah schon von Weitem ein funkelndes Glasschloss. Er erreichte es noch vor Sonnenuntergang. Es war außergewöhnlich schön und von der untergehenden Sonne beleuchtet, funkelte es in allen erdenklichen Farben. Der Diener ließ den Soldaten in das Schloss herein. Kaum war er bei dem schwarzen Herrn, da sagte dieser zu ihm:

„Ich weiß, du suchst eine Stelle. Die kannst du für ein Jahr haben, wenn du gute Dienste leistest.“

„Darauf könnt ihr euch verlassen“, antwortete der Soldat. „Ich habe in der Armee gedient und während der ganzen Dienstzeit habe ich keine Rüge bekommen. Und ich habe dort lange gedient, bis ich alt wurde. Ihr könnt sicher sein, dass ich den Wünschen des Herrn gerecht werde.“

Dann sagte der Herr zu seinem Diener:

„Gib diesem Mann genug zu essen, bring ihn in sein Zimmer und gib ihm weiches Bettzeug. Ab morgen früh soll er Schafe weiden.“

Am nächsten Morgen gab der Diener dem Soldaten eine Peitsche und eine Hirtenflöte und sagte:

„Wenn du mit der Peitsche klitschst, werden sich die Schafe auf der Wiese verteilen, und wenn du mit der Hirtenflöte bläst, kommen sie alle wieder zusammen. Du musst nur aufpassen, dass die Wölfe keinen Schaden anrichten.“

So begann der Soldat, die Schafe zu weiden. Er weidete sie gut. Es war ein Jahr vergangen: Alle Schafe waren heil und gesund, und der Soldat ließ keinen Wolf an die Herde heran.

Am letzten Tag des Dienstjahres ließ der Herr den Soldaten zu sich kommen und sagte zu ihm:

„Du hast gut gedient, jetzt darfst du um alles bitten, was du möchtest.“

„Mein bester Verdienst ist, dass ich diese Arbeit hatte. Es war mir eine Freude. Ich möchte nur drei Fragen stellen, damit ich meine Versprechen halten kann, die ich dem Fluss, den zwei Bergen und dem Apfelbaum für ihre Hilfe gegeben habe.“

„Das ist gut, dass du fragst, was du nicht weißt. Wer fragt, irrt sich nicht. Außerdem soll man seine Versprechen halten. Sie sind wie Schulden, man muss sie einlösen“, antwortete der Herr.

Dann stellte der Soldat die Fragen:

„Der Fluss hat mich auf seinen Wellen trocken ans andere Ufer gebracht, die Berge haben sich geöffnet und mich durchgelassen und der Apfelbaum hat mir eine sichere Übernachtung gewährt. Dafür haben sie mich gebeten zu erfahren, warum keine Lebewesen im Fluss leben, wie lange noch die Berge Wache halten müssen und warum der Apfelbaum keine Früchte trägt.“

Der Herr antwortete:

„Im Fluss werden sich Fische und andere Wassertiere vermehren, wenn der Fluss das erste lebende Opfer bekommt. Die Berge beenden ihre Wache, wenn sie wenigstens einen Menschen verschlucken, und der Apfelbaum wird Früchte tragen, wenn jemand das Gold unter seinen Wurzeln ausgräbt. Das sind die Antworten, die du weitergeben kannst. Ich möchte dir nur noch einen Ratschlag als Belohnung für deinen Dienst geben: Sei klug, wenn du ihnen dies erzählst, geh umsichtig damit um.“

Der Soldat bedankte sich und ging denselben Weg zurück. Zuerst kam er zum Fluss. Der Fluss rief schon von Weitem: „Hast du den schwarzen Herrn gefragt, warum sich keine Lebewesen in meinem Wasser vermehren?“

„Ja, ich habe gefragt“, antwortete der Soldat.

„Und was hat er dir geantwortet?“, fragte weiter der Fluss.

„Bring mich ans andere Ufer, dann sage ich es dir.“

Der Fluss brachte ihn ans andere Ufer. Der Soldat kletterte auf die höchste Böschung und sagte:

„In deinem Wasser werden sich Lebewesen vermehren, wenn du einen Menschen mit deinen Wellen verschlingst.“

Mit diesen Worten setzten sich die Wellen in Bewegung, das Wasser stieg mit breiten furchterregenden Wirbeln hoch, wogte und schäumte und trat über die Ufer, aber es konnte den Soldaten nicht mehr erreichen und ihm nichts antun. Dann kam der Soldat zu den Bergen, und diese riefen schon von Weitem:

„Hast du den schwarzen Herrn gefragt, wie lange wir hier noch Wache halten müssen?“

„Ja, das habe ich getan“, antwortete der Soldat. „Und was hat er dir gesagt?“

„Lasst mich durch, dann sage ich es euch.“

Die Berge trennten sich und ließen den Soldaten durch.

Er ging ein gutes Stück weiter, dann sagte er zu den Bergen:

„Eure Wache wird zu Ende gehen, wenn ihr einen Menschen verschluckt.“

Die Berge polterten und rumpelten, dass die Erde um sie herum erbebte, aber sie konnten den Soldaten nicht mehr erreichen und ihm nichts Böses antun.

Dann kam der Soldat zu dem Apfelbaum und dieser rauschte schon von Weitem:

„Hast du den schwarzen Herrn gefragt, wann ich Früchte tragen werde?“

„Ja, das habe ich“, antwortete der Soldat.

„Und was hat er dir gesagt?“

„Unter dir liegt viel Gold begraben. Wenn jemand dieses Gold ausgräbt, wirst du Früchte tragen.“

„Lieber Mann, sei doch so lieb und grabe das Gold aus“, bat der Apfelbaum den Soldaten. „Du wirst reich sein und brauchst nicht mehr durch die Welt zu streifen und Not zu leiden.“

„Ich ziehe gerne durch die Welt, was soll ich mir noch diese Last aufbürden?“

„Lässt du dann zu, dass ich umkomme?“, fragte der Apfelbaum weinend.

„Das ist etwas anderes. Diesen Dienst kann ich dir gerne erweisen.“

Der Soldat fing an zu graben. Kaum hatte er zwei Fußbreit Erde ausgegraben, als aus dem Gebüsch drei Räuber heraussprangen. Sie stachen dem Soldaten die Augen aus, gruben das Gold aus und füllten es in Säcke, die so schwer waren, dass die Räuber sie kaum noch tragen konnten.

Der Soldat stöhnte unter dem Apfelbaum und wusste nicht, was er nun tun und wie er mit diesem Unglück umgehen sollte. Der Apfelbaum war traurig und sagte zu dem Soldaten:

„Du hast wegen mir so ein bitteres Leid erfahren. Ich kann dir leider gar nicht helfen, ich kann dir höchstens mit meinen Ästen Schatten spenden und dich vor der prallenden Sonne schützen, damit du den Schmerz und Hunger leichter ertragen kannst, bis du Erleichterung findest. Hör zu! Morgen in der Nacht kommen drei Vögel hierher. Sie kommen hier zusammen, um sich auszutauschen. Das tun sie einmal im Jahr und immer in derselben Nacht.

In der nächsten Nacht kamen in der Tat drei Vögel zu dem Apfelbaum geflogen und unterhielten sich. Der eine Vogel sagte:

„Ich war in einer Stadt im Osten, die in drei Tagen zu erreichen ist. Dort sind alle Quellen ausgetrocknet. Die Menschen leiden ohne Wasser große Not. Aber wenn jemand den Stein in der Mitte der Stadt wegschieben würde, wären die Wasserquellen wieder voll.“

Der andere Vogel erzählte:

„Weit weg von hier im Westen lebt ein Fürst. Seine Tochter ist sehr krank. Schon seit einem Jahr quält sie sich und kein Arzt konnte ihr bis jetzt helfen. Dabei ist es ganz einfach, sie zu heilen. Die Tochter des Fürsten hat sich einmal ihre Haare gekämmt und der Wind hat einige aufgegriffen und im Hof verteilt. Eine verzauberte Kröte hat sie gefunden und für ihr Nest am Tor genommen. Deshalb ist das Mädchen erkrankt. Wenn jemand dieser Kröte die Ehre erweist und sie streichelt, ohne sich zu fürchten, wird sie sich wieder in einen Menschen zurückverwandeln und ihr Nest wird verschwinden. Die Tochter des Fürsten wäre dann wieder gesund.“

Und der dritte Vogel sagte:

„Ich habe nicht so viel erfahren. Drei Räuber haben sich gestern unter diesem Apfelbaum viel Gold ausgegraben. Der eine Räuber hatte den Sack zu voll gefüllt. Beim Tragen zog er sich einen Bruch zu und starb unterwegs. Der zweite wurde von den Bergen verschluckt, und den dritten hat der Fluss verschlungen. Diese Übeltäter haben einem unschuldigen Menschen, der diesem Apfelbaum helfen wollte, Unrecht getan. Sie haben ihm die Augen ausgestochen und blind zurückgelassen. Wenn er hören würde, was wir reden, könnte er sein Augenlicht wiederfinden. Unter diesem Apfelbaum wächst ein Kraut. Wenn er mit diesem Kraut seine Augen einreiben würde, könnte er wieder alles sehen. So könnte er der Stadt, welche ohne Wasser geblieben ist, und dem Fürsten, dessen Tochter schwer krank ist, Hilfe leisten.“

Als die Vögel ihre Neuigkeiten ausgetauscht hatten, flogen sie weg. Der Apfelbaum rauschte sofort zu dem Soldaten: „Hast du gehört?“

„Ja, habe ich“, antwortete der Soldat und fing an, die Erde nach dem Heilkraut abzutasten.

Nach langem Suchen gelang es ihm, das richtige Heilkraut zu finden. Er rieb damit seine Augen ein und fand sein Augenlicht sofort wieder. Glücklich, dass er wieder sehen konnte, begab er sich sogleich in die Stadt ohne Wasser. Er ging zum Stadtverwalter und sagte:

„Ich habe gehört, dass die Stadt kein Wasser hat. Lass den Stein auf dem Marktplatz wegrollen, dann gibt es wieder Wasser.“ Der Stein wurde weggerollt und das Wasser füllte alle Quellen und Brunnen der Stadt voll.

Der Stadtverwalter sagte zu dem Soldaten:

„Du hast uns eine sehr gute Tat erwiesen. Du darfst dir eine Belohnung aussuchen. Du kannst dir dafür Geld, einen Gutshof oder noch etwas anderes wünschen.“

Der Soldat antwortete:

„Ich freue mich sehr, dass ich in der glücklichen Lage war, der Stadt und ihren Menschen zu helfen. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Das Einzige, was ich wirklich gebrauchen kann, ist ein gutes Pferd.“

So bekam der Soldat ein Pferd und ritt weiter. Nach zwei Tagen erreichte er das Schloss des Fürsten, dessen Tochter krank war. Er heilte sie so, wie es der Vogel gesagt hatte. So befreite er nicht nur die junge Frau von der Krankheit, sondern auch die Kröte vom bösen Zauber.

Der Fürst war so erfreut, dass er dem Soldaten gleich anbot, seine Tochter zu heiraten. Der Soldat sagte allerdings:

„Danke, lieber Fürst. Mein Haar ist schon grau und deine Tochter ist noch sehr jung. Sie soll einen passenden Bräutigam finden. Nur aus Dankbarkeit soll man keine Ehe schließen.“

„Wie kann ich dich denn sonst für diesen teuren Dienst belohnen? Bleib wenigstens in meinem Schloss und lebe hier“, bot der Fürst an.

„Vielen Dank für dein gutes Herz. Ich möchte mich aber noch nicht zur Ruhe setzen. Ich bin noch voller Neugier, andere Länder, andere Menschen und Sitten kennenzulernen, und bin gespannt, was mich erwartet.“

So ging der Soldat weg. Wohin er ging und was mit ihm passierte, verschweigt dieses Märchen. Möglicherweise begegnen wir ihm in einem anderen.

EIN GLÜCKLICHER MENSCH

Es war einmal ein König. Er war dauernd krank und wurde mit der Zeit immer trauriger. Kein Medikament konnte ihm helfen, und kein Kraut war gegen seine Krankheit gewachsen. Da rief er einmal alle Ärzte und alle Weisen aus seinem Königreich zu sich und versprach demjenigen, der ihn heilen könnte, sein halbes Königreich. Die versammelten Ärzte und Weisen dachten lange nach; sie konnten aber noch nicht einmal feststellen, an welcher Krankheit ihr König litt und deshalb auch kein passendes Medikament finden. So grübelten sie weiter, bis einer von ihnen sagte:

„Man muss einen wirklich glücklichen Menschen finden und sein Hemd dem kranken König anziehen. Ihr werdet sehen, wie schnell er wieder gesund wird und wie viele glückliche Jahre er noch erleben wird.“

Der König freute sich, als er diese Worte hörte, und schickte ohne zu zögern seine Gesandten in die weite Welt hinaus, damit sie einen glücklichen Menschen für ihn ausfindig machten.

Die Gesandten wanderten von einem Königreich zum anderen, konnten jedoch keinen glücklichen Menschen finden.

Sie sprachen mit vielen Leuten und begegneten Menschen mit unterschiedlichen Schicksalen. Einer war so reich, dass er seinen Reichtum nicht einmal zählen konnte. Als sie ihn sahen, dachten sie, es gäbe keinen glücklicheren Menschen auf dieser Welt. Aber als sie ihn nach seinem Glück fragten, entgegnete er, wie unglücklich er sei. Er habe keine Kraft und sei völlig erschöpft. Als sie einen kräftigen Menschen trafen und ihn fragten, so antwortete der, er sei arm und würde in vielen Schwierigkeiten stecken. Der Vater einer großen Familie stöhnte, er habe zu wenig Brot für seine Kinder. Die kinderlosen Eltern äußerten ihre Sehnsucht nach wenigstens einem Kind. Alles war nicht so, wie es aussah. So kehrten die Gesandten zurück, ohne einen glücklichen Menschen und ohne ein Hemd ausfindig gemacht zu haben.

Als der König den Bericht seiner Gesandten hörte, wurde er noch trauriger und kränker. Keiner konnte ihm mehr helfen.

An einem späten Abend ging sein Sohn spazieren. Er war so traurig über den Bericht der Gesandten und die Krankheit seines Vaters, dass er nicht merkte, wie weit er gelaufen war. Ein einziger Gedanke beschäftigte ihn: Wie könnte er nur seinem Vater helfen! Als er an einer zerfallenen Hütte vorbeiging, hörte er plötzlich, wie ein Mann mit freudiger Stimme sagte:

„Ach, wie schön war mein heutiger Tag! Ich bin so glücklich. Ich habe alles geschafft. Mehr konnte ich nicht machen. Ich habe gegessen, getrunken und gehe jetzt getrost schlafen.“

Der Königssohn freute sich sehr, endlich einem glücklichen Menschen zu begegnen. Er ging hinein und bat den Mann um sein Hemd. Der Mann hörte aufmerksam zu und sagte dann nur: „Das ist doch mein einziges Hemd … Wie könnte ich es weggeben?“

Aber der Königssohn gab ihm so viel Gold, dass er sich ein neues Haus bauen konnte. Für das restliche Gold kaufte er sich eine gute Nähmaschine und feines Leinen, aus dem er dann mit Liebe für alle Bedürftigen bis jetzt Hemden näht, wenn er noch nicht gestorben ist.

ICH SELBST 

In einem Fichtenwald kochte einmal ein Mann Teer, als plötzlich ein junger, einfältiger Teufel auftauchte.

„Hei, Menschenkind, wer hat dir erlaubt, Feuer in meinem Wald zu machen und diesen schwarzen Brei zu kochen? Der ganze Wald stinkt danach“, rief er aufgebracht.

„Nun, bist du ja ein Schlaukopf. Seit wann gehört denn dieser Wald dir? In diesen Wald gingen bereits mein Vater und mein Großvater ein und aus. Wald und Moor gehörte ihnen, und jetzt gehören sie mir. Verschwinde sofort, sonst stecke ich dich selbst in diesen Topf hinein.“

Der Mann betrachtete aufmerksam den wütenden Teufel, beschloss, diesem eine solche Lektion zu erteilen, dass er sich nie wieder hierher trauen würde, und sagte:

„Schon gut, schon gut! Ich gehe schon. Ich bereite nur meine Heilsalbe zu, dann bin ich weg. Denkst du, ich brauche deinen Wald und deinen Sumpf hier?“

„Heilsalbe? Und was ist das für eine?“, fragte der Teufel, neugierig geworden.

Es ist ja bekannt, dass Teufel allgemein sehr neugierig sind und in alles – ob das nun nötig ist oder nicht – ihre Nase stecken.

„Das ist keine einfache Salbe. Die gibt es nicht noch einmal auf der ganzen Welt. Wenn man sie in die Augen reibt, klärt sich der Blick und es gehen einem die Augen so weit auf, dass man sofort alles sehen und durchschauen kann.“

„Was? Meinst du, ich könnte sogar sehen, wie es meinen Vorfahren geht?“

„Gewiss! Alles um dich herum würde erleuchtet.“

„Nun, Menschenkind, so einfach kommst du mir nicht weg. Ich muss etwas von deiner Salbe haben. Schließlich kochst du sie in meinem Wald.“

„Kein Problem, ich kann dir etwas abgeben, aber nicht umsonst.“

„Und was willst du dafür haben?“, fragte der Teufel auf den Kochtopf starrend.

„Was kann ich schon von dir erwarten?! … Bring mir einen Sack Goldtaler und die Sache ist erledigt.“

„Gleich“, sagte der Teufel voller Vorfreude. „Sag mir nur, wie du heißt, damit ich erklären kann, für wen das Gold ist.“

Der Mann sagte, dass sein Name ‚Ich selbst‘ sei.

Im Nu drehte sich der Teufel um und verschwand im Moor.

Nach einer Weile tauchte er wieder mit einem Sack voller Goldtaler auf.

„Nimm“, sagte er. „Jetzt schmiere mir deine Heilsalbe in die Augen.“

„Soll ich auch das noch machen? Warte mal, langsam. Du kriegst deine Salbe“, sagte der Mann. „Ich muss dich nur dann an dieser Eiche festbinden.“

„Wozu das denn?“

„Damit du dich nicht bewegst und kein einziger Tropfen dieser kostbaren Salbe auf den Boden fällt.“

„Dann los“, zeigte sich der Teufel einverstanden, so sehr wollte er in den Genuss dieses Zaubermittels kommen.

Der Mann band den Teufel an der Eiche fest, schöpfte mit einer Kelle den kochend heißen Teer aus dem Topf und schüttete ihn über die Augen des Teufels, so dass sich im Nu der Geruch nach Verbranntem verbreitete. Der Teufel schrie vor Schmerz auf, sprang von der Stelle auf, zog die Eiche mit heraus und tauchte in den Sumpf ein. Nur Wasser- und Schlammspritzen stiegen in die Wolken hinauf. Er rannte stöhnend in die Höhle.

Die anderen Teufel versammelten sich voller Sorge um ihn herum, um zu erfahren, was ihm zugestoßen sei.

„Wer hat dir das nur angetan?“, fragten sie einstimmig.

„Ich selbst! Ich selbst!“, heulte der Teufel und lief vor Schmerz hin und her.

Die Teufel zuckten mit ihren Schultern und verdrehten vor Verwunderung die Augen.

„Nun, wenn du es dir selbst angetan hast, dann können wir dir nicht helfen“, dachten sie, gingen weiter ihrer Beschäftigung nach und ließen ihren Kameraden mit seinen Schmerzen allein.

DIE GESCHENKE DES KOBOLDS

Es war einmal ein reicher Gutsherr, der schritt eines Tages seine Wiesen am See ab und bemerkte eine ausgedörrte Stelle am Waldrand. Ob es ihm jemand erzählt oder ob er es von seinen Eltern gehört hatte, er wusste, dass Wiesen an den Stellen ausdörren, wo sich ein Kobold abends zum Ausruhen niederlässt.

Deshalb beschloss er, den Kobold zu finden, um ihn um Gold zu bitten.

An einem schönen, friedlichen Abend ging er zu der Stelle und sah am Waldrand einen Zigeuner sitzen.

„Ist das ein Zigeuner oder ein Kobold?“, dachte der Gutsherr und konnte sich nicht entscheiden, ob er weitergehen oder ihn ansprechen sollte.

Er überlegte und überlegte und entschied sich dann:

„Wenn das ein Zigeuner ist, was kann er mir schon antun? Ich habe doch nichts dabei. Und wenn das ein Kobold ist, dann ist er der Richtige, den ich finden wollte.“

Gedacht, getan. Er kam zu dem Zigeuner und fragte:

„Warum sitzt du hier alleine am Waldrand?“

„Setz dich dazu. Dann sind wir zu zweit“, antwortete der Zigeuner.

„Das ist kein Kobold!“, dachte der Gutsherr, ging aber trotzdem zum Zigeuner und setzte sich zu ihm.

„Wo kommst du ganz alleine her?“, fragte der Gutsherr. „Es gab hier keine Zigeuner, soviel ich weiß. Du trittst mir nur die Wiese kaputt.“

„Ich bin kein Zigeuner, sondern ein Kobold.“

Der Gutsherr erschrak, sprang von der Stelle auf und wusste nicht, ob er nun weglaufen oder bleiben sollte.

Der Kobold lächelte nur und sagte:

„Du wolltest mich doch sehen, warum erschrickst du denn plötzlich? Ich tue Menschen nichts Böses. Setz dich!“

Der Gutsherr setzte sich wieder hin, schwieg eine Weile, bis er sich beruhigt hatte. Dann fasste er Mut und fing an zu erzählen, dass er Not leide, dass er keinen roten Heller habe und Mühsal ertragen müsse. Wie viele Worte er auch gesagt hatte, alle waren gelogen.

„Was willst du denn von mir? Ich gehe doch nicht als Knecht zu dir, der für dich ackert, eggt und Wiesen mäht!“, erwiderte der Kobold.

„Ja“, sagte der Gutsherr, „aber ich habe gehört, dass du einen Menschen, der dir gefällt, mit Reichtümern überhäufst und ihm die Taschen mit Geld füllst. Ich würde dich großzügig mit Honig, Eiern und Milch belohnen. Die Menschen erzählen, dass du all das sehr magst.“

„Du hast mir erzählt, dass du ganz arm bist und alle möglichen Lasten dich bedrücken. Iss all das lieber selbst oder gib es deiner unglücklichen Familie. Ich komme auch ohne all das aus.“

„Willst du mir denn nicht helfen?“, fragte der Gutsherr. „Haben meine Vorfahren etwas Unwahres über dich erzählt? Würdest du mir nicht wenigstens eine Handvoll Gold geben?“