Ein Hoffnungsstern am Himmel - Elizabeth Haran - E-Book

Ein Hoffnungsstern am Himmel E-Book

Elizabeth Haran

4,7
7,99 €

Beschreibung

London 1954: Als Estella von ihrem Mann James wegen der reichen Witwe Davinia verlassen wird, kehrt sie England den Rücken. Sie beschließt, in Australien eine Stelle als Tierärztin anzunehmen. Doch das Leben im australischen Busch ist hart für eine junge Städterin, und Estella hat nach ihrem Studium nie als Tierärztin praktiziert. Um weitere Vorurteile zu umgehen, verschweigt sie, dass sie gerade geschieden wird. Aber als die Farmer und Dorfbewohner beginnen, sie zu akzeptieren, holt ihre Vergangenheit sie ein: James hat inzwischen erfahren, dass Estella sein Kind erwartet und Davinia keine Kinder bekommen kann, ihre Erbschaft jedoch an Nachkommen gebunden ist ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 803

Bewertungen
4,7 (34 Bewertungen)
25
9
0
0
0



Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

Über die Autorin

Elizabeth Haran wurde in Simbabwe geboren. Schließlich zog ihre Familie nach England und wanderte von dort nach Australien aus. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Südaustralien, nahe dem Barossa Valley. Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie mit Anfang dreißig; zuvor arbeitete sie als Model, besaß eine Gärtnerei und betreute lernbehinderte Kinder. Ihre fesselnden Australienromane erfreuen einen immer größer werdenden Kreis von Leserinnen und Lesern. Weitere Romane der Autorin in der Verlagsgruppe Lübbe sind in Vorbereitung.

ELIZABETH HARAN

EIN HOFFNUNGSSTERN AM HIMMEL

ROMAN

Aus dem Englischen von Monika Ohletz

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2003 by Elizabeth Haran

Titel der englischen Originalausgabe: »Stars in the Southern Sky«

The Autor has asserted her Moral Rights

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2004 by

Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Melanie Blank

Textredaktion: Wolfgang Neuhaus

Umschlaggestaltung: Bianca Sebastian

Titelbild: © Alamy/Strandperle

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-0352-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Ich widme dieses Buch den Frauen in meinem Leben, die mir stets zur Seite stehen und mich unterstützen.

Meiner Mutter, May Eeles, die mich durch all die Höhen und Tiefen meines Lebens hindurch begleitet.

Meiner Schwester, Kate Mezera, deren Freundschaft ich so hoch schätze.

Meiner Agentin Franka Schmid und meiner Lektorin Melanie Blank, die mich mit viel Feingefühl unterstützen und beraten. Mit ihnen ist das Schreiben eines Romans wirklich einfach.

1

London, 1954

Tut mir Leid, dass Sie warten mussten, Estella«, sagte Dr. Blake, als er wieder ins Sprechzimmer kam. »Die Untersuchung hat etwas länger gedauert als üblich. Meine neue Assistentin ist noch ein bisschen unsicher. Ein Glück, dass sie nicht bei jeder Spritze in Ohnmacht fällt …«

»Bitte, Dr. Blake, wie lautet das Ergebnis?«

Arthur Blake spürte Estellas Ungeduld, und so teilte er ihr die Neuigkeit sofort mit.

»Ihre Vermutung war richtig, Estella. Sie sind schwanger. Ich gratuliere!«

Zu Dr. Blakes Erstaunen schien Estella alles andere als glücklich zu sein. Über seinen unordentlichen Schreibtisch hinweg sah er, dass sie auf der vordersten Kante des Stuhles saß, die unruhigen Finger im Schoß ineinander verschlungen. Sie hielt den Kopf gesenkt. Als sie ihn wieder hob, sah er Tränen in ihren großen grünen Augen und auf ihren blassen Wangen glitzern.

»Ich weiß nicht, ob die Neuigkeit wirklich ein Grund für Glückwünsche ist, Dr. Blake.«

Der Arzt war ein älterer Herr und schon vor Estellas Geburt Hausarzt ihrer Familie gewesen. Er hatte sie auf die Welt geholt, und es brach ihm fast das Herz, sie nun so unglücklich zu sehen.

»Was ist denn, Estella? Möchten Sie das Kind nicht?«

Sie nickte, schüttelte dann jedoch den Kopf, um Dr. Blake gleich darauf durch ein erneutes Nicken zu verwirren.

»Es tut mir Leid, dass ich so sentimental reagiere, Dr. Blake. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich eine ruhige, sachliche Frau, aber zurzeit breche ich beim geringsten Anlass in Tränen aus und widerspreche dem armen James in fast allem, was er sagt.«

Der Arzt kam um den Tisch herum und nahm ihre Hand. »Das ist unter diesen Umständen ganz normal, Estella. Ihr Körper macht dramatische Veränderungen durch.«

»Wollen Sie damit sagen, dass diese Empfindlichkeit die ganze Schwangerschaft hindurch anhält?«

»Nein, Ihre Gefühlswelt beruhigt sich schon wieder. Und machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie ab und zu ein bisschen vergesslich sind – das ist völlig normal. Leiden Sie unter morgendlicher Übelkeit?«

»Manchmal fühle ich mich unwohl, ja, aber zu ganz unterschiedlichen Zeiten.«

»Diese Übelkeit muss nicht unbedingt nur am Morgen auftreten. Zu allen Tageszeiten kann Ihnen vorübergehend schlecht sein. Außerdem kann Ihr Geschmacksempfinden sich verändern. Es ist möglich, dass Sie den Geruch von Speisen, die Sie sonst gern gegessen haben, plötzlich nicht mehr ertragen, oder Sie entwickeln eine Vorliebe für Dinge, die Sie vorher nie mochten …«

»Du liebe Zeit, das hört sich ja schrecklich an!«

»Ob Sie’s mir glauben oder nicht, Estella, es wird im Gegenteil wunderschön!«

Die junge Frau schluchzte. »Ich habe Biologie, Anatomie und Physiologie studiert. Da sollte man doch meinen, ich wüsste über alle körperlichen und seelischen Veränderungen in der Schwangerschaft Bescheid …«

Dr. Blake ließ sich auf der Ecke seines Schreibtisches nieder und erwiderte lachend: »Sie haben Tiermedizin studiert, Estella, und alles über Hunde und Katzen, Pferde und Kühe gelernt – aber nicht über Menschen. Deren Gefühlswelt ist schon ein wenig komplizierter als die der Tiere.« Er runzelte die Stirn. »Oder macht Ihnen der Gedanke Sorgen, was James zu der Schwangerschaft sagen wird?«

Estella nickte, und ihre Augen schimmerten schon wieder verdächtig. »Er ist noch nicht bereit, die Rolle eines Vaters zu übernehmen.«

»Ob er bereit ist oder nicht, jetzt muss er sich damit abfinden. Und Sie dürfen sich nicht aufregen, das bekommt weder Ihnen noch dem Kind. Ich bin überzeugt, James wird begeistert sein, wenn er sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hat.« Dr. Blake reichte ihr ein sauberes Taschentuch.

»Da bin ich nicht so sicher«, sagte sie. »Wann immer ich dieses Thema angesprochen habe, wollte er gar nicht erst darüber reden.«

»Aber Ihre Ehe ist doch glücklich?«

»Ja. Nur … James ist im Grunde seines Herzens noch ein großer Junge.«

Arthur Blake lächelte und zwinkerte ihr beruhigend zu. »Ich fürchte, daran wird sich auch nichts ändern, bis er wirklich Verantwortung tragen muss. Ein ganzes Jahr lang waren Sie zu zweit und mussten an niemand anderen denken – also gab es für James keinen zwingenden Grund, erwachsen zu werden. Sicher ist seine Arbeit als Anwalt sehr anstrengend, aber Sie haben zusammen alles genießen können, was London an gesellschaftlichen Ereignissen zu bieten hat.«

»Ja, das stimmt. Und James schätzt das gesellschaftliche Leben sehr. Ich glaube nicht, dass er darauf verzichten will. Aber als Mutter werde ich nicht so viele Partys und Bälle besuchen können, wie wir es jetzt tun, nicht einmal, wenn wir jemanden einstellen.«

»Es ist ein sehr schöner Tag, Estella. Sie sollten einen Picknickkorb packen und James im Büro mit der Nachricht überraschen. Gehen Sie mit ihm in den Hyde Park, und erzählen Sie ihm die große Neuigkeit. Dann werden Sie sehen, dass Ihre Sorgen völlig unbegründet waren.«

Estella stand auf. »Ich nehme an, früher oder später werde ich es ihm sagen müssen.«

»Allerdings. Und was fühlen Sie selbst in dieser Sache? Freuen Sie sich auf Ihr erstes Kind?«

Estella legte eine Hand auf ihren Leib und versuchte sich das Leben vorzustellen, das in ihr heranwuchs. Ein zaghaftes Lächeln legte sich auf ihre schönen Züge, gepaart mit einem Ausdruck des Erstaunens. Dr. Blake liebte diesen Ausdruck auf den Gesichtern von Frauen, die ein Kind erwarteten. Es waren die Momente, in denen er seine Arbeit am liebsten tat.

In Gedanken verloren schlenderte Estella unter dem Glasdach der Burlington-Arkaden entlang. Irgendwann blieb sie stehen, um ein hübsches Tweedkostüm zu bewundern, das ihr ins Auge fiel. Der wadenlange graue Rock und die passende hüftlange Jacke hätten ihre schlanke Figur gut zur Geltung gebracht. Der Gedanke, dass ihre Körperformen sich bald verändern würden, zauberte ein nachdenkliches Lächeln um ihre Mundwinkel. Sie fragte sich, ob sie wirklich bereit war für alles, was mit ihr geschehen würde.

Als sie sich umwandte, sah sie ihr Spiegelbild in der Schaufensterscheibe. Sie trug ein cremefarbenes wadenlanges Kleid, dessen weit schwingender Rock mit roten Rosen bedruckt war; dazu rote Schuhe und einen passenden Hut mit breiter Krempe. Sie versuchte, sich ihren schwangeren Leib vorzustellen, die geschwollenen Füße … Würde James sie unattraktiv finden?

»So ein Unsinn!«, murmelte sie ärgerlich. »James liebt dich, und er wird auch unser Kind lieben.« Obwohl James dazu neigte, seinen Schwächen und Leidenschaften nachzugeben, war Estella sicher, dass er ein wunderbarer Vater sein würde. Sie hoffte, einen Sohn zu bekommen, mit dem James im Park Fußball spielen konnte. Er war immer sehr sportlich gewesen, besonders während seines Studiums; deshalb zweifelte sie nicht daran, dass auch er gern einen Sohn hätte.

Estella öffnete die Tür zu James’ Büro, das er in einem Gebäude am Grosvenor Square gemietet hatte – und blieb verwundert stehen: Statt wie erwartet Miss Frobisher zu sehen, die Sekretärin ihres Mannes, stand sie vor einer Frau mit breiten Schultern, kräftigen Armen und einschüchterndem Blick, die eher für den Posten der Leiterin des Obdachlosenasyls in Ealing geeignet schien. Nach einem Blick auf den Berg von Sandwiches und Kuchen auf dem Tisch, der Estella seltsam fremd vorkam, wurde ihr klar, dass sie die Frau beim Mittagessen störte. »Entschuldigen Sie, wo ist Miss … Frobisher?«

»Wer ist Miss Frobisher?«, fragte die Frau, die eben in ein dickes Sandwich hatte beißen wollen, unfreundlich zurück.

»Die Sekretärin meines Mannes. Ist sie krank?«

»Ich arbeite für Mr. Cook, und Sie sind ganz sicher nicht seine Frau.«

Estella wurde von einem eisblauen Augenpaar mit durchdringendem Blick gemustert. Normalerweise hätte sie sich jetzt kerzengerade aufgerichtet, doch so, wie sie sich im Moment fühlte, hätte sie sich am liebsten umgedreht und die Flucht ergriffen. »Ich bin Mrs. Lawford«, sagte sie leise. »Und ich kenne keinen Mr. Cook.«

»Und ich kenne keinen Mr. Lawford.« Die eisigen blauen Augen wurden schmal, als die Frau ihr Sandwich widerstrebend auf den Tisch legte. Sie erhob sich und kam auf Estella zu. Ihre ganze Haltung drückte aus, dass sie die Besucherin am liebsten auf nicht eben freundliche Art hinauskomplimentiert hätte. »Sind Sie sicher, dass Sie im richtigen Büro sind, Mrs. Lawford?«, fragte sie mit kaum verhohlener Ungeduld.

»Ich weiß doch, wo mein Mann arbeitet!«, entgegnete Estella mit einem Blick auf die Mattglasscheibe in der Tür. Alarmiert stellte sie fest, dass das Schild mit der Aufschrift JAMES LAWFORD RECHTSANWALT verschwunden war, und brach mit einem Mal in Tränen aus. Sie kam sich albern vor, konnte aber nichts dagegen tun. Wie war es möglich, dass sie das Büro ihres Mannes nicht fand?

Sofort entdeckte Edwina McDonald ihre mütterliche Ader. »O je, was ist mit Ihnen, meine Liebe?«

»Ich weiß es selbst nicht«, erwiderte Estella kläglich. »Ich wollte doch nur meinen Mann zu einem Picknick einladen und ihm sagen, dass ich … wir erwarten unser erstes Kind, und … und nun kann ich sein Büro nicht finden. Es tut mir Leid …«

»Schon gut. Mir ist es bei jedem meiner fünf Sprösslinge genauso gegangen. Zum Glück sind sie inzwischen erwachsen!«

Estella versuchte vergeblich, sich ihr Gegenüber als zärtliche Mutter vorzustellen.

In diesem Moment betrat ein Mann in mittleren Jahren das Büro und zog seine Jacke aus. »Ist schon ziemlich warm draußen«, meinte er und wandte sich dem Schreibtisch zu. Als er die schluchzende Estella sah, fragte er seine Sekretärin mit einem verwunderten Blick: »Ist etwas passiert, Edwina?«

»Nein, Mr. Cook. Mrs. Lawford geht es sicher gleich wieder besser. Sie sucht ihren Mann und hat sich in der Tür geirrt.«

»Aber ich war sicher, dass es hier ist«, beharrte Estella. »Ich bin hier doch im Edmund-Foley-Gebäude, nicht wahr?«

»Ja, allerdings.«

»Und an der Tür steht die Nummer sechs, also muss das hier das Büro meines Mannes sein.«

»Wir sind jetzt seit ungefähr einem Monat hier, Mrs. … Lawford, nicht wahr?«, fragte Mr. Cook.

Estella nickte.

»Ah, dann ist Ihr Mann sicher James Lawford, der Anwalt?«

»Genau.« Estellas Miene hellte sich auf. Also war sie doch nicht dabei, den Verstand zu verlieren!

»Das hier war früher sein Büro. Ich hatte meines direkt gegenüber, bevor ich hier eingezogen bin.«

»Oh. Und wo ist mein Mann jetzt, Mr. Cook? Haben Sie die Büros getauscht?«

Mr. Cook schien sich plötzlich nicht mehr wohl in seiner Haut zu fühlen. »Nein, Mrs. Lawford. Ihr Mann hat hier kein Büro mehr.«

Verwirrt fragte Estella: »Wollen Sie damit sagen, er hat sein Büro in ein anderes Gebäude verlegt?«

»Das nehme ich an.«

»Aber warum?«

Brian Cook fühlte sich immer unbehaglicher; außerdem tat Estella ihm Leid. »Ich glaube, es war eine … nun ja, geschäftliche Entscheidung.«

»Oh.« Estella nahm an, dass James ein größeres, besseres Büro gefunden hatte. Er hatte des Öfteren davon gesprochen, dass er gern in größeren und moderneren Räumen arbeiten würde. »Sie wissen nicht zufällig, wo sich sein neues Büro befindet, Mr. Cook?«

»Ich fürchte, er hat keine Adresse hinterlassen, Mrs. Lawford.« Nur unbezahlte Rechnungen, fügte er in Gedanken hinzu. Brian Cook sah Estella ihr Befremden deutlich an. Er warf einen Blick auf den Picknickkorb in ihrer Hand, und seine Haltung wurde freundlicher. »Vielleicht hat er es Ihnen ja erzählt, und Sie haben es bloß vergessen? Auch ich vergesse ständig irgendetwas.«

»Ich glaube kaum, dass ich etwas so Wichtiges vergessen würde, aber Sie haben Recht … mein Arzt hat mir eben erst gesagt, dass so etwas in meinem Zustand normal ist.«

Brian Cook warf Edwina einen fragenden Blick zu, und diese sagte leise: »Sie erwartet ein Kind!«

Estella blickte Mr. Cook an und begriff allmählich, dass er sich bemühte, ihr weitere Peinlichkeiten zu ersparen. Doch es war zu spät – sie hatte sich in ihrem Leben noch nie so gedemütigt gefühlt. »Ich komme mir schrecklich albern vor. Tut mir Leid, dass ich Sie gestört habe.«

»Sie haben uns nicht gestört, Mrs. Lawford«, sagte Mr. Cook und geleitete sie bis auf den Korridor.

»Wann haben Sie dieses Büro übernommen, sagten Sie?«, fragte Estella leise und versuchte fieberhaft, den Aussagen Mr. Cooks einen Sinn zu entnehmen.

Cook steckte den Kopf ins Büro, um seine Sekretärin zu fragen. »Es ist sogar schon mehr als einen Monat her, nicht wahr, Edwina?«

»Morgen sind es fünf Wochen«, erwiderte die Sekretärin ein wenig ungehalten, da sie sich gerade einen Bissen Cornedbeef-Sandwich in den Mund geschoben hatte.

Verwirrt und ratlos wandte Estella sich zum Gehen.

Draußen, im hellen Sonnenlicht, blieb sie stehen und las die in Stein gemeißelte Inschrift über dem Hauptportal des Gebäudes: EDMUND FOLEY1785. Sie hatte zwar nicht an den Worten Mr. Cooks gezweifelt, musste sich trotzdem aber noch einmal vergewissern, dass sie keinen Fehler gemacht hatte. James schien wirklich das Büro gewechselt zu haben, aber warum hatte er ihr nichts davon gesagt? Jeden Morgen machte er sich um die gleiche Zeit auf den Weg zur Arbeit, und jeden Abend kam er zwischen sechs und sieben Uhr zurück, je nachdem, wie viele Mandanten er gehabt hatte. Meist war er dann müde und ging nach dem Abendessen schlafen. Estella wusste nicht, was sie denken sollte. Sie konnte unmöglich vergessen haben, dass ihr Mann in ein anderes Büro umgezogen war! Andererseits war sie in letzter Zeit tatsächlich ungewöhnlich erschöpft und vergesslich gewesen und hatte erst an diesem Vormittag den Grund dafür erfahren. Der Gedanke an das Baby zauberte den Hauch eines Lächelns auf ihr Gesicht, das jedoch rasch wieder verblasste.

Estella seufzte tief, als sie daran dachte, dass sie James nun erst am Abend von ihrer Schwangerschaft erzählen konnte. Sie wusste, dass es albern war, doch sie fühlte sich deprimiert und sehr allein, und in ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Wieder begann Estella zu weinen.

»Verflixt!«, rief sie sich dann selbst zur Ordnung und wischte die Tränen mit einer ungeduldigen, zornigen Bewegung fort. »Es geht nicht an, dass du als heulendes Nervenbündel durch die Gegend läufst!« Nach einem Blick auf den Picknickkorb beschloss sie, allein im Park zu Mittag zu essen. Dort würden ihr wenigstens die Tauben Gesellschaft leisten.

Entschlossen ging Estella über die Straße. Sie hörte nicht, wie der Fahrer eines Austin bewundernd hinter ihr her pfiff, noch vernahm sie das Mittagsläuten des Big Ben. Als sie sich dem Grosvenor Hotel näherte, grübelte sie immer noch darüber nach, wie sie wohl vergessen konnte, dass James ein anderes Büro bezogen hatte. Konnte das wirklich sein? Estella musste sich eingestehen, dass sie sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war, seit sie vermutete, schwanger zu sein. James hatte sogar Bemerkungen über ihre Vergesslichkeit gemacht, doch sie hatte ihm nichts von ihrem Verdacht erzählt. Ihre Angst vor seiner Reaktion war zu groß gewesen.

Estella erschrak, als sie mit einer hochschwangeren Frau zusammenstieß. Sie entschuldigte sich, aber die Frau lächelte ihr freundlich zu, bevor sie weiterging. Plötzlich sah Estella ihren Mann aus dem Grosvenor Hotel kommen. Erstaunt beobachtete sie, wie er ein Taxi heranwinkte. Sie wunderte sich über sein Äußeres, das nicht so makellos war wie üblich, und fragte sich, wohin er wohl fahren wollte. In dem Moment entdeckte sie ihre Cousine Davinia.

»Na, so was«, murmelte Estella. »James muss ihr zufällig begegnet sein.«

Es musste sich tatsächlich um einen Zufall handeln, denn James hatte nicht erwähnt, dass er sich mit Davinia treffen wollte – oder doch? Wie dem auch war, Estella hatte Mitleid mit James, denn Davinia war ausgesprochen exaltiert. Seit dem Tod ihres dritten Ehemannes zogen sich selbst geduldige und verständnisvolle Menschen von Davinia zurück. Unter dem Vorwand, einen Rat oder Unterstützung zu suchen, nahm sie jeden sofort ganz in Beschlag. Wegen seiner Hilfsbereitschaft war James sicher eine leichte Beute. Er war galant, aufmerksam und sanft, und viele Frauen schwärmten von seinem Charme. Estella vertraute ihm vorbehaltlos; niemals würde James sie betrügen.

Sie ging auf die beiden zu, froh und dankbar, dass sie nie Anlass zur Eifersucht hatte, als James Davinia plötzlich in die Arme schloss.

Estella blieb stehen. Fassungslos beobachtete sie, wie ihr Mann ihre Cousine leidenschaftlich küsste – vor allen Leuten, die um diese Mittagsstunde auf dem Grosvenor Square unterwegs waren. Sie merkte, wie ihr die Knie zitterten. Mit dem Gefühl tiefster Demütigung sah sie die glühenden Blicke, die James und Davinia tauschten, während er sie zärtlich an sich zog und mit dem Handrücken sanft ihre Wange berührte. Offensichtlich waren sie sich der Blicke und des Getuschels der Vorübergehenden nicht bewusst, und keiner von beiden sah Estella, die nicht mehr als zehn Schritte von ihnen entfernt stehen geblieben war. James und Davinia befanden sich in ihrer eigenen Welt – einer Welt, von der Estella bisher geglaubt hatte, sie gehöre ihr ganz allein.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie Davinia ins Taxi steigen sah. Durch das hintere Fenster lächelte sie James liebevoll zu. Ihre blonden, kunstvoll frisierten Haare umrahmten ihr hübsches Gesicht. Tränen stiegen Estella in die Augen, als James dem davonfahrenden Wagen hinterherblickte, als könne er sich nicht von der Frau losreißen, die darin saß. Estella wäre am liebsten geflohen, doch ihre Beine fühlten sich so schwer an, als wären sie aus Blei. Sie wünschte sich sehnlichst, die letzten Minuten aus ihrem Gedächtnis löschen und zu jenen Tagen zurückkehren zu können, als sie noch nichts vom Betrug ihres Mannes geahnt hatte. Es brach ihr fast das Herz, als sie an das Baby dachte. »Wie kannst du mir so etwas antun, James«, flüsterte sie und legte unwillkürlich eine Hand auf ihren Leib. Tränen strömten ihr über die Wangen. »Warum?«, sagte sie leise. »Ich brauche dich doch … Ich brauche dich jetzt mehr als je zuvor.« In diesem Augenblick verwandelte ihre Verzweiflung sich in Wut.

Mit der selbstzufriedenen Miene eines von der Liebe gesättigten Mannes beobachtete James, wie Davinias Taxi sich hinter einem roten Doppeldeckerbus in den Verkehr einfädelte und in Richtung Park Lane fuhr.

Estella ging zu ihm hinüber, zitternd vor Zorn.

Als James spürte, dass jemand neben ihm stand, wandte er sich um. »Estella!« Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Estellas Blick sagte ihm deutlich, dass sie Zeuge des rührenden Abschieds von seiner Geliebten geworden war.

»Du erinnerst dich also noch an mich – Estella Lawford, die seit kaum einem Jahr deine Frau ist?« Sie starrte ihn finster an. »Und bis vor einer Minute habe ich nicht mal geahnt, dass mein geliebter Mann in aller Öffentlichkeit einer Affäre mit meiner lebenslustigen Cousine frönt, die nicht viel intelligenter ist als ein Regenwurm und deren Mann gerade erst unter der Erde liegt!«

James geriet in Panik, denn Estella hatte so laut gesprochen, dass sie die Aufmerksamkeit anderer, ebenfalls auf Taxis wartender Hotelgäste erregte. Er nahm ihren Arm und versuchte sie fortzuziehen, doch Estella rührte sich nicht von der Stelle.

»Können wir nicht irgendwohin gehen und wie zivilisierte Menschen über diese Sache sprechen, Estella?«

»Wieso? Gerade eben hat es dir nichts ausgemacht, deine Affäre öffentlich zur Schau zu stellen.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie konntest du mich so demütigen? Ich komme gerade von deinem Büro und habe mich dort schon schrecklich blamiert, als ich erfahren musste, dass du gar nicht mehr dort arbeitest – und das schon seit fast fünf Wochen!«

Verlegen und schuldbewusst senkte James den Kopf und starrte zu Boden. »Ich hätte es dir ja erzählt …«

»Ach, wirklich? Und ich habe mir schon Vorwürfe gemacht, weil ich glaubte, ich hätte es vergessen! Wolltest du mir vielleicht auch von der Affäre mit meiner Cousine erzählen?«

»Estella, bitte, sprich leiser!«, beschwor James sie.

»Warum sollte ich?«

»Lass uns nach Hause gehen und dort reden!«

»Jetzt sag bitte nicht, dass da noch mehr ist …« Estella bemühte sich verzweifelt, ein Schluchzen zu unterdrücken. Sie war wütend auf sich selbst, dass sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hatte, denn sie wollte James nicht zeigen, wie es in ihrem Innern aussah; das ließ ihr Stolz nicht zu. Plötzlich fiel ihr ein heller Fleck Lippenstift an James’ Mundwinkel auf, der die Affäre umso wirklicher erscheinen ließ. Estella wurde so zornig, dass sie ihm eine schallende Ohrfeige versetzte. »Hättest du deine leidenschaftlichen Küsse und Umarmungen nicht wenigstens auf das Hotelzimmer beschränken können, in dem du den Vormittag mit diesem Weib verbracht hast? Musstet ihr euch auch noch vor allen Leuten zeigen?« Fast blind vor Tränen wandte Estella sich ab – keinen Augenblick zu früh für James, denn der hatte auf der anderen Seite des Platzes einige ihrer Freunde entdeckt.

Er folgte Estella und ergriff ihren Arm. Sie aber schüttelte James’ Hand ab und starrte ihn feindselig an. »Rühr mich nicht an!«, rief sie und erregte dadurch noch mehr Aufmerksamkeit. »Wage es ja nicht, mich jemals wieder anzufassen!« Sie ging weiter, und James hielt es für das Beste, ein wenig Abstand zu halten. Zwar wusste er, dass es feige war, doch für einen Anwalt – selbst wenn er vorübergehend nicht arbeitete – waren ein guter Ruf und das Ansehen sehr wichtige Dinge.

James folgte Estella in den Hyde Park. Er war besorgt wegen ihres seelischen Zustands, doch Estella war eine kluge und vernünftige Frau. Bestimmt würde sie sich nicht gleich in den See stürzen – hoffte er zumindest. Er hatte kein Verlangen danach, in seinem besten Anzug ins Wasser zu springen, um sie herauszuholen. Aber er musste jetzt über alles mit ihr sprechen; so wie bisher konnte es nicht weitergehen, sonst hatte er weiße Haare, noch bevor er dreißig war.

Kurz nachdem Estella den Park betreten hatte, glaubte sie, sich übergeben zu müssen. Sie wusste nicht, ob es an der morgendlichen Übelkeit lag oder daran, dass James eine Affäre mit ihrer Cousine hatte, und für den Augenblick spielte es auch keine Rolle für sie: Ihr einziger Gedanke galt dem Baby, das sie schützen musste. Sie ging in südlicher Richtung, zur Statue des Achilles, und blieb kurz stehen, um einem Obdachlosen den Picknickkorb zu reichen, den sie mit so viel Liebe gepackt hatte.

Als der alte Mann in den Korb blickte und ein Strahlen auf seinem schmutzigen Gesicht erschien, empfand Estella das als bittere Ironie: Diesen glücklichen Ausdruck hatte sie eigentlich bei ihrem Mann zu sehen erwartet, während sie ihn mit dem Picknick und der Neuigkeit über ihr Baby überraschte. Stattdessen hatte sie nun selbst eine Überraschung erlebt – und die war alles andere als erfreulich.

Estella ließ sich erschöpft auf eine Bank direkt am Seeufer fallen. Um des Babys willen zwang sie sich, einige Male tief ein- und auszuatmen, um sich zu beruhigen. Immer wieder sagte sie sich, dass das Kind jetzt das Wichtigste in ihrem Leben war. Sie war schnell gegangen, und ihr Herz klopfte wie rasend. Doch ihr schlimmster Zorn hatte sich durch die körperliche Anstrengung ein wenig gelegt und war einem Gefühl der Betäubung gewichen. Estella hatte gar nicht bemerkt, wie sehr ihre Beine zitterten; jetzt fühlten sie sich wie Gummi an. Trotz der wärmenden Sonnenstrahlen fröstelte sie und legte die Arme um ihren Körper.

»Estella«, hörte sie James hinter sich sagen. »Ich weiß, dass du jetzt wütend und schockiert bist, aber wir müssen reden.« Er legte ihr sein Jackett um die schmalen Schultern.

Einen Augenblick starrte Estella ihn stumm an, und es brach ihm fast das Herz, als er den verletzten Ausdruck in ihren Augen sah. James mochte zwar selbstsüchtig sein, doch er war nicht herzlos.

»Reden? Ich sollte mich von dir scheiden lassen!«, meinte Estella, deren Herz erneut rasend schnell zu pochen begann. Wieder strömten ihr Tränen über die Wangen. James ließ sich am äußersten Ende der Bank nieder. Als er ihr sein Taschentuch reichte, nahm sie es. Wie jung er aussah für einen Mann von achtundzwanzig Jahren! Und genauso benahm er sich: Wie ein Junge, der bei einer Dummheit ertappt worden war. Da nützte es auch nichts, dass er der attraktivste Mann war, den Estella kannte.

»Ja, eine Scheidung wäre wahrscheinlich das Beste«, sagte er ruhig und fuhr sich mit den Fingern durch die dunklen Haare.

Seine Worte kamen für Estella völlig überraschend. Sie konnte nicht fassen, dass James nicht einmal um ihre Ehe kämpfen wollte! Kurz fragte sie sich, ob er vielleicht anders darüber denken würde, wenn er von dem Baby wüsste, doch sie wollte nicht, dass er nur aus Pflichtgefühl bei ihr blieb. Sie wollte sicher sein, dass er sie liebte.

»Ich gehe gleich morgen früh zu einem Anwalt«, sagte sie in der Hoffnung, ihn auf diese Weise zur Vernunft zu bringen oder zumindest seine Reue zu wecken.

Doch zu ihrer Verwirrung erwiderte er: »Ja, eine Scheidung ist eine reine Formsache.«

»Was geht hier eigentlich vor sich, James? Du willst doch nicht behaupten, dass du Davinia wirklich liebst! Sie gehört zur Familie, deshalb bin ich verpflichtet, mich um sie zu kümmern. Aber diese Frau macht einen schwindlig wie ein Karussell! Sie ist neurotisch – und davon abgesehen fast zehn Jahre älter als du!«

»Der Altersunterschied spielt für uns keine Rolle«, erwiderte James trotzig.

»Für uns?«, stieß Estella hervor. »Du sprichst von dir und Davinia als uns?« Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. Dass James überhaupt mit ihrer Cousine ein Verhältnis hatte, war schon schlimm genug, aber dass er anscheinend echte Gefühle für sie hegte, brach ihr fast das Herz. »Muss ich dich wirklich daran erinnern, dass Warwick schon ihr dritter Mann war? Ich bin sicher, dass er sich mittlerweile auch von ihr hätte scheiden lassen, wäre er nicht vorher an Herzversagen gestorben!« Die ersten beiden Ehemänner Davinias waren ältere Herren gewesen, sodass ihr Ableben nicht allzu unerwartet gekommen war, doch Warwick war erst in den späten Vierzigern gewesen. Anscheinend hatte Davinia eine Vorliebe für wohlhabende Männer mit schwachen Herzen. Wenn es stimmte, was James sagte, passte er nicht in dieses Schema.

»Warwick hat Davinia viel Geld hinterlassen«, sagte James.

»Das mag sein, aber …«

James blickte sie an, und zum ersten Mal bemerkte Estella den kühlen, fast berechnenden Ausdruck auf seinem Gesicht. Er war ihr vorher nicht aufgefallen. Ihre Augen weiteten sich, als ihr klar wurde, was seine Anspielung bedeuten musste.

»Ich bin ruiniert, Estella«, sagte James, als könne er ihre Gedanken lesen.

Sie starrte ihn offenen Mundes an. James war finanziell am Ende und warf sich deshalb Davinia an den Hals? Damit hätte Estella am allerwenigsten gerechnet. Das konnte nicht wahr sein! Verblüfft fragte sie sich, was James vorhaben mochte.

»Du glaubst mir nicht, aber es stimmt. Wir haben kein Geld mehr. Wenn du mit dem Gedanken spielst, dir einen teuren Anwalt zu nehmen – das würde uns nur noch tiefer in Schulden stürzen, und davon haben wir weiß Gott schon genug.«

»Du erwartest doch nicht, dass ich dir diesen Unsinn glaube! Du arbeitest lange und viel, und deine Kanzlei läuft sehr gut!«

»Warum bin ich dann aus dem Foley-Gebäude ausgezogen?«

»Weil du ein größeres und schöneres Büro haben wolltest …«

James’ Wangen überzogen sich mit dunklem Rot. »Ich bin ausgezogen, weil ich mir die hohe Miete fürs Büro nicht mehr leisten konnte. Und ich verdiene ganz sicher nicht genug, um ein Haus in Mayfair zu bezahlen und für das Leben aufzukommen, das wir führen. Es kostet viel Geld, reiche Freunde zu bewirten.«

»Warum hast du das nicht schon eher gesagt? Ich brauche nicht wie die Wexford-Smiths oder die Wynstan-Powers zu leben. Ich kann auf die bessere Gesellschaft verzichten. Ich wäre auch mit einem ruhigen Leben zufrieden.«

»Aber ich brauche diesen Luxus, Estella.« James senkte den Kopf. Er wirkte plötzlich wieder sehr verlegen. »Und ich könnte das Leben führen, von dem ich träume … an Davinias Seite.«

Estella starrte ihn sprachlos an. Wie hatte sie ein ganzes Jahr mit ihm verheiratet sein können, ohne ihn richtig zu kennen? »Willst du damit sagen, du möchtest dich scheiden lassen, um Davinia zu heiraten?« Sie war sicher, dass James’ Antwort Nein lauten würde; allein der Gedanke war absurd. Aber sie sollte sich gründlich irren.

»Ja. Das wird das Beste sein«, sagte er völlig emotionslos.

Estella zuckte zusammen. »Das Beste für wen? Ich liebe dich, James! Wir haben sogar darüber gesprochen, ein Kind zu bekommen!« Es lag ihr auf der Zunge, ihm zu sagen, dass sie bald ein Baby haben würden.

»Du hast darüber gesprochen, Estella. Ein Kind würde aber nicht in das Leben passen, das ich mir vorstelle. Deshalb bin ich immer vorsichtig gewesen.«

Für einen Moment verschlug es Estella die Sprache. James wollte das Kind nicht, das sie unter dem Herzen trug! Sie konnte es kaum glauben. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien: »Du warst nicht vorsichtig genug!« Ihr Beschützerinstinkt war geweckt, und sie legte eine Hand auf ihren Leib.

»Warum hast du mich dann geheiratet, James?«

»Weil ich dich geliebt habe.«

»Geliebt habe?«

»Ich liebe dich immer noch, aber nicht so sehr, dass ich dafür ein Leben ohne Glanz und Luxus in Kauf nehmen würde. Du weißt, wie sehr ich die gesellschaftlichen Empfänge mag. Dort knüpft man die wichtigsten beruflichen Kontakte. Es tut mir Leid, aber so bin ich nun mal, und Davinia kennt die richtigen Leute …«

Estella konnte ihm nicht folgen. Nichts von dem, was er sagte, ergab einen Sinn. James war immer noch ihr Ehemann und der Vater des Kindes, das sie erwartete, auch wenn ihm weder an ihr noch an dem Baby etwas zu liegen schien. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass wir in finanziellen Schwierigkeiten sind? Du hättest Davinia nicht deine Seele verkaufen müssen. Ich hätte arbeiten können. Hast du vergessen, dass ich Tierärztin bin?« Zwar hatte Estella diesen Beruf seit ihrem Examen an der Universität von Edinburgh keinen Tag ausgeübt, aber nur, weil James es so gewollt hatte.

»Das würde nicht viel helfen. Du würdest nicht genug verdienen. Und wenn du gearbeitet hättest, Estella, wären unsere Freunde zu der Ansicht gelangt, dass ich nicht erfolgreich bin.«

Plötzlich hatte Estella genug von seiner Eitelkeit. »Das wäre sicherlich besser gewesen, als sich zu ruinieren. Was werden deine so genannten Freunde denn jetzt von dir halten?«

James antwortete nicht. Er musste an sich selbst und seine Zukunft denken und konnte keine Rücksicht auf Estellas Meinung nehmen.

Estella war klar gewesen, warum er nicht gewollt hatte, dass sie arbeitete – es hätte so ausgesehen, als könne er nicht allein für eine Frau aufkommen. Geblendet durch seinen Charme hatte sie seinen Hunger nach Ansehen zu verstehen versucht und ihren eigenen Ehrgeiz begraben, in der stillen Hoffnung, bald ein Kind zu haben. Doch das meiste von dem, was James sagte, blieb ihr ein Rätsel. »Was ist mit deinem Erbe?«

»Es ist fort.«

Estella starrte ihn an. »Was? Das ganze Geld?«

»Ich habe die Aktien, die mein Vater mir hinterlassen hat, zu Bargeld gemacht und das Haus belastet. Jetzt kann ich mir die Rückzahlung nicht mehr leisten. Deshalb wird die Bank das Haus bekommen.«

Estella tupfte die Tränen mit seinem Taschentuch ab. Ihre ganze Welt fiel in Trümmer, und in ihrem verletzlichen Zustand konnte sie das alles kaum verkraften.

»Bitte, nicht weinen, Estella. Ich dachte, ich könnte genug verdienen, um das Haus und ein Leben in Luxus zu bezahlen, aber um meine Ansprüche erfüllen zu können, habe ich zu wenig Mandanten.«

»Deine Ansprüche! Ich höre immer nur, was du willst. Findest du das nicht selbstsüchtig?« Plötzlich konnte Estella sich James nicht mehr als Vater vorstellen. Er war zu unreif. »Ich nehme an, es würde auch nichts nützen, wenn wir in ein kleineres Haus in einem preiswerteren Viertel umzögen?«

»Ich fürchte, nein.«

Estella schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht fassen. »Und was soll ich nun tun? Oder interessiert dich auch das nicht mehr, jetzt, wo ich nicht in deine sorgfältig geplante Zukunft passe?«

»Natürlich interessiert es mich, Estella, und ich habe eingehend darüber nachgedacht. Du könntest zu deinen Eltern nach Südrhodesien gehen. Sie behaupten doch, das Leben dort sei wundervoll. Oder du könntest bei deiner Tante Flo in Chelsea wohnen. Ich bin sicher, als Tierärztin würdest du dein Auskommen haben.«

Aber ich müsste nicht nur für mich allein sorgen, James, sondern auch für unser Baby, ging es Estella durch den Kopf. Und ohne dich bin ich allein und mittellos.

»Und wo wirst du wohnen und arbeiten?« Sie fragte es nicht, weil es sie allzu sehr interessierte – dazu war es zu spät. Sie wollte nur wissen, wie weit seine Zukunftspläne für das Leben mit ihrer Cousine bereits gediehen waren.

»Warwick hat ihr einen modernen Bürokomplex am Belgrave Square hinterlassen, in sehr guter Lage und erst nach dem Krieg gebaut. Außerdem hat sie das große Haus am Eaton Square.«

Estellas Unterlippe zitterte vor unterdrückter Wut. »Ich hätte dich nie für einen solchen Mistkerl gehalten!«

»Jetzt weißt du’s. Ich bin oberflächlich und selbstsüchtig, und ich gebe es zu. Außerdem hat Davinia mir schon seit Wochen Geld geliehen. Sie will nichts davon zurückhaben – falls ich sie heirate, sobald ich frei bin. Deshalb, fürchte ich, müssen wir sofort die Scheidung einreichen. Ich hoffe, du siehst es ein und machst es mir leicht, Estella. Es gibt keinen Grund, die Sache auf die lange Bank zu schieben, nicht wahr?«

Estella blickte ihn an. Nur unser Baby, James. Aber du bist ohnehin nicht gut genug, sein Vater zu sein. Langsam schüttelte sie den Kopf.

Es gab nichts mehr zu sagen. Sie wandte sich von James ab und blickte über den See nach Rotten Row hinüber, wo Reiter den wunderschönen Tag nutzten und in vollem Galopp dahinritten. In England konnte man die Tage im Jahr, an denen der Himmel blau und wolkenlos war, an einer Hand abzählen. Und ausgerechnet dieser Tag, an dem Estellas Leben in Trümmer fiel, war wunderschön. Es hätte regenverhangen sein müssen, passend zu ihrer trüben Stimmung und ihrer verzweifelten Lage. Wieder musste sie an das Kind denken. Der heutige Tag hätte einer der glücklichsten ihrer Ehe sein sollen …

Durch einen Schleier aus Tränen sah sie den See im Sonnenlicht funkeln. Kindermädchen und junge Mütter schoben Babys in ihren Kinderwagen spazieren. Hundebesitzer oder deren Bedienstete führten die gepflegten Tiere an der Leine. Verliebte Paare schlenderten Hand in Hand über den Rasen; Enten und Schwäne glitten übers Wasser. Für einen so schönen Tag eine ganz normale Szene – doch Estella kam es vor, als wäre in ihrer scheinbar so hellen und behüteten Welt plötzlich die Nacht hereingebrochen. Wieder dachte sie an das Kind, das in ihrem Leib heranwuchs … vielleicht ein süßes kleines Mädchen.

Jetzt sind wir zwei allein, mein Kleines, ging es ihr durch den Kopf. Aber ich verspreche dir, alles wird gut!

Sie stand auf und reichte James sein Jackett, ohne ihn anzusehen. »Ich gehe nach Hause und packe zusammen. Wenn ich irgendwelche Papiere unterschreiben muss, schick sie an Tante Flos Adresse.« Tapfer schluckte sie den Kloß hinunter, der in ihrer Kehle saß, und bedachte ihren Mann mit einem kühlen Blick. »Lebwohl«, sagte sie, wandte sich um und ging davon.

James war bewusst, dass er sich kalt, gefühllos und berechnend verhalten hatte, meinte jedoch, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Womit er nicht gerechnet hatte, war sein schlechtes Gewissen. »Bitte, warte noch, Estella!«

Sie blieb stehen und wandte sich zu dem Fremden um, in den ihr Mann sich plötzlich verwandelt zu haben schien.

»Ich weiß, dass ich dich sehr verletzt habe«, sagte James. »Es tut mir ehrlich Leid.«

Seine Entschuldigung erschien Estella unpassend und klang obendrein unecht. »Mir tut es auch Leid, James. Es tut mir Leid, dass du so kurzsichtig bist und so wenig Charakter besitzt. Ich weiß nicht, wie ich je denken konnte, du hättest menschliche Qualitäten.« Sie hegte beinahe Mitgefühl für ihn, denn sein Egoismus würde ihn um etwas sehr viel Wertvolleres als Geld und gesellschaftliches Ansehen bringen.

Ohne einen Blick zurück ging Estella davon. Es kostete sie ihre ganze Willenskraft, nicht erneut in Tränen auszubrechen. Stattdessen richtete sie sich kerzengerade auf und hob stolz den Kopf. Sie war überzeugt, dass sie James Lawford nie wiedersehen würde – und dass es ihrem Kind ohne diesen Mann besser ging.

2

Als Estella bei ihrer Tante in Chelsea eintraf, war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei; sie brach in haltloses Schluchzen aus. Sie war zum letzten Mal in ihrem Haus gewesen, einer stilvollen Villa aus dem neunzehnten Jahrhundert in Belgravia, um ihre Sachen zu packen. Dabei hatten die Erinnerungen an das vergangene Jahr mit James sie überwältigt, und sie hatte um ihre enttäuschten Hoffnungen und Träume getrauert. Die anfängliche Benommenheit war gewichen, und nun erkannte sie voller Bitterkeit, dass ihre persönliche Lage nicht viel schlechter hätte sein können: Sie war heimatlos, mittellos – und erwartete ein Kind.

Als das Taxi vorfuhr, saß Tante Florence am Erkerfenster und war damit beschäftigt, ein Spitzendeckchen zu häkeln, während sie den Klängen aus ihrem alten Grammofon lauschte, das sie den modernen Plattenspielern vorzog. Sie genoss ihre nachmittägliche Ruhestunde, wenn sie ihr Korsett lockerte und die Beine hochlegte. Ihre Hausarbeit hatte sie erledigt, das Abendessen war vorbereitet. Früher hatte Flo diese Stunde meist mit ihrer Mutter verbracht und über vergangene Zeiten geplaudert, doch die alte Dame war im vergangenen Winter an einer schweren Lungenentzündung gestorben. Jetzt gab es nur noch drei Pensionsgäste, um die sie sich kümmern musste, zwei Studenten der Londoner Schauspielschule und einen pensionierten Schornsteinfeger.

Als sie Estella aus dem Taxi steigen sah, ging sie hinaus, um sie auf den Stufen vor der Haustür zu erwarten. Estella wischte sich die Tränen ab. Der verwirrte Taxifahrer folgte ihr mit ihrem Koffer und einer Reisetasche, die er im Vestibül abstellte, bevor er wieder davoneilte.

»Estella, um Himmels willen. Was ist geschehen?«, fragte Flo mit einem Blick auf das Gepäck und nahm ihre Nichte in den Arm.

»Meine Ehe ist in die Brüche gegangen«, stieß Estella hervor und versuchte vergeblich, sich gegen die Tränen zu wehren.

Flo traute ihren Ohren nicht. »Komm erst mal in die Küche«, sagte sie. »Ich mache uns einen Kakao.«

Nach zwei Tassen heißer Schokolade mit Marshmallows hatte Estella sich so weit beruhigt, dass sie ihrer Tante berichten konnte, was geschehen war. Sie erzählte, wie sie James und Davinia zusammen gesehen hatte, und wie James ihr anschließend eröffnet hatte, dass er die Scheidung wolle, um ihre reiche Cousine zu heiraten.

»Das ist nicht zu fassen!«, meinte Tante Flo. »Ich habe Davinia nie gemocht, aber das passt zu ihr! Ihre Mutter Anthea ist Marcus gar nicht ähnlich!«

Anthea und Marcus waren Geschwister, und Marcus war Estellas Stiefvater. Dass die Geschwister so verschieden waren, erklärte nach Florences Meinung auch, warum den Cousinen – Estella und Davinia – so völlig unterschiedliche Werte vermittelt worden waren.

Flo blickte ihre verzweifelte Nichte an. »Es tut mir Leid, dass gerade dir das passieren musste, Estella – aber besser jetzt als in zehn Jahren, wenn du dir vielleicht noch Sorgen um Kinder hättest machen müssen. James ist ein Trottel, der nicht mit dem bisschen Hirn denkt, das der Herrgott ihm gegeben hat, sondern mit seinen unteren Körperteilen. Aber du bist jung und schön und kannst einen neuen Anfang machen.«

»Ich erwarte ein Kind, Tante Flo.«

Florence erschrak. »Gütiger Himmel!« Sie beugte sich über den Tisch und blickte auf Estellas schmale Taille. »Bist du sicher?«

Estella nickte. »Ich war heute Morgen beim Arzt. Anschließend bin ich zu James’ Büro gegangen und habe dabei festgestellt, dass er gar nicht mehr dort ist. In meiner Verwirrung wollte ich zum Hyde Park, um dort mein Picknick zu essen, das ich für James und mich zur Feier des Tages vorbereitet hatte, als ich ihn plötzlich sah, wie er Davinia küsste …«

»Was?«, stieß Tante Flo empört hervor. »Und was hat er gesagt, als du ihm von dem Baby erzählt hast?«

»Ich habe es ihm nicht erzählt. Und das werde ich auch nicht – niemals!«

Eine Geschichte, die sich wiederholt, dachte Flo. Sechsundzwanzig Jahre zuvor hatte sie genau dasselbe Gespräch mit Estellas Mutter geführt, als diese aus Australien zurückgekehrt war – schwanger mit Estella. Sie hatte es Ross auch nicht erzählen wollen, erst recht nicht, nachdem sie Marcus Wordsworth begegnet war. Doch Ross war Flos Bruder, und damals hatte Flo darauf bestanden, dass er es erfuhr. Nicht dass sich dadurch viel geändert hätte: Marcus hatte Estella wie ein eigenes Kind aufgezogen, und Ross hatte seine schöne Tochter nie kennen gelernt.

Flo richtete sich auf. »Estella, du kannst dich nicht vor James verstecken. London ist zwar eine Großstadt, aber er wird es trotzdem früher oder später erfahren.«

»Nicht unbedingt.«

»Willst du nach Rhodesien gehen?«

»Nein. Mutter und Vater kommen ja schon bald her, um Barnaby an der Universität einzuschreiben.«

»Stimmt, das hatte ich ganz vergessen. Caroline schrieb mir, dass dein Bruder mit der Highschool fertig ist und Ingenieurwissenschaften studieren will. Er wird Marcus immer ähnlicher. Aber gerade jetzt, wo das Baugewerbe in Rhodesien boomt, wundert es mich, dass Marcus herkommen will.«

»Sie wollen nur so lange bleiben, bis Barnaby einen Studienplatz gefunden hat. Dann gehen sie zurück nach Rhodesien.«

»Du solltest in deinem Zustand bei deiner Mutter sein, Estella – warum gehst du nicht einfach mit ihnen?«

»Sie kommen erst in einigen Wochen und bleiben dann mindestens zwei Monate. So lange kann ich nicht warten. Bis dahin wird man mir die Schwangerschaft ansehen. Wenn James die Scheidung so schnell hinter sich bringen will, wie ich annehme, wird er bis dahin entweder mit Davinia verheiratet sein oder zumindest die Hochzeit planen. Und ich habe nicht vor, zum Gespött der Londoner Gesellschaft zu werden.«

»Ich glaube, eines Morgens wird James die Augen aufschlagen und sich beim Anblick dessen, was neben ihm liegt, selbst zur Hölle wünschen!«

»Tja, dann wird es zu spät sein. Ich habe seinen wahren Charakter kennen gelernt, und deshalb muss ich fort von hier, Tante Flo, und zwar schnell. James darf niemals etwas von unserem Kind erfahren!« Sie sah den Kummer im Blick ihrer Tante und fügte hinzu: »Schau mich nicht so an, Tante Flo. James hat mir gesagt, dass ein Kind nicht in sein Leben passen würde – also verdient er es auch nicht, von der Existenz des Babys zu erfahren.«

»Er ist selbstsüchtig!«, schimpfte Tante Flo und nahm sich noch eines von den Plätzchen mit Sahne und Marmelade, die Estella gar nicht erst probierte. Auch den köstlichen Duft gebratenen Fleisches, der die Küche erfüllte, nahm sie nicht wahr. »Wo soll ich hin, Tante Flo? Wie soll ich für mein Kind sorgen?« Wieder liefen ihr Tränen über die Wangen.

»Na, na, Liebes. Du hast gesagt, James sei nicht mehr in seinem Büro, also nehme ich an, dass er in ein größeres, standesgemäßeres Bürohaus umgezogen ist. Er muss also gut verdienen, Estella, und er ist verpflichtet, für deinen Unterhalt zu sorgen. Also brauchst du dir über Geld doch keine Sorgen zu machen.«

»Aber James sagt, er ist aus seinem alten Büro ausgezogen, weil er sich die Miete nicht mehr leisten kann, und wenn ich ihn recht verstanden habe, übernimmt die Bank unsere Villa. Wir sind finanziell am Ende, Tante Flo. James hat sogar behauptet, er habe sich schon große Summen bei Davinia geliehen.«

Flo starrte ihre Nichte entsetzt an. Dann sagte sie: »Du weißt doch, dass du hier bleiben kannst, solange du willst. Ich habe Mutters Zimmer nie vermietet …« Estellas Großmutter hatte bis zu ihrem Tod bei Flo gelebt. Danach hatte Flo mit dem Gedanken gespielt, ihr Haus zu verkaufen und in Devon oder anderswo eine kleine Pension zu eröffnen. Doch sie hatte diesen Plan erst einmal aufgeschoben für den Fall, dass Estella ihre Hilfe brauchte.

»Ich kann nicht bleiben, Tante Flo. James’ Großeltern wohnen gleich um die Ecke, in der Fulham Road, und seine jüngste Schwester lebt in der Oakley Street.«

»Vielleicht könntest du irgendwo auf dem Land eine Anstellung als Tierärztin finden.«

»Ich glaube nicht, dass es auf den Britischen Inseln irgendeinen Ort gibt, an dem ich sicher wäre. James’ Familie ist weit verzweigt. Er hat Vettern in Liverpool, Leeds, Newcastle … sogar in Schottland. Ich muss weiter fort, aber wohin? Wo könnte ich mit meinem Kind ein neues Leben beginnen?« Estella senkte den Kopf.

Flo stand auf und trug die schmutzigen Tassen zum Spülstein. Sie verfluchte die Schmerzen in ihren Ellbogen und Knien. Stets war sie von einem leichten Geruch nach Paraffin umgeben, mit dem sie ihre Gelenke gegen das Rheuma einrieb. Im Sommer war es nicht ganz so schlimm, doch wenn der Herbst kam, kam auch der Schmerz, und in diesem Jahr kündigte er sich früh an. Flo blickte zum Himmel, an dem im Westen Wolken aufzogen. Wenigstens wusste sie immer, wann es regnete: sobald die Schmerzen stärker wurden.

Während sie auf ihren Garten und das Gemüsebeet blickte, dachte Flo an Estellas Mutter Caroline. Sie waren seit ihrer Kindheit Freundinnen, und Flo hatte Caroline schrecklich vermisst, als sie mit Marcus nach Afrika gegangen war. Die beiden hatten England nach dem Krieg verlassen, als Estella an der Universität von Edinburgh studierte. Zu ihrer Examensfeier im Jahr zuvor waren sie für kurze Zeit nach England gekommen und eine Weile geblieben, um Estellas Hochzeit mitzuerleben. Flo dachte an das Versprechen, das sie Caroline nach Estellas Geburt gegeben hatte. All diese Jahre hatte sie Wort gehalten, doch jetzt …

»Estella«, begann sie behutsam und setzte sich der jungen Frau gegenüber an den Tisch, »hör mir jetzt bitte mal gut zu.«

Estella hob den Kopf. Ihre Wangen glänzten von Tränen, und ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Ihr Anblick erinnerte Flo an das kleine Mädchen, das sie einst gewesen war. Estella hatte Flo immer schon »Tante« genannt, noch bevor sie gewusst hatte, dass Flo ihre richtige Tante war. Keine andere Freundin ihrer Mutter hatte dieses Privileg genossen. Und Flo, die nie geheiratet hatte und kinderlos war, liebte Estella wie eine Tochter.

»Was ist?«, fragte Estella. Sie fand, dass ihre Tante bekümmert wirkte.

»Vor langer Zeit … du warst noch ein Baby … habe ich deiner Mutter ein feierliches Versprechen gegeben. Wie du weißt, sind wir von Kindheit an Freundinnen gewesen, und ich habe ihr damals versprochen, nie über deinen Vater mit dir zu sprechen.«

Estella blickte sie verwirrt an.

»Ich spreche von deinem richtigen Vater, von meinem Bruder Ross. Ich musste deiner Mutter schwören, darüber zu schweigen, wenn ich weiter an ihrem Leben – und damit auch an deinem – teilhaben wollte.«

Estella konnte kaum glauben, dass ihre Mutter so etwas verlangt haben sollte. Sie hatte mit ungefähr zehn Jahren erfahren, dass Marcus Woodsworth nicht ihr richtiger Vater war. Damals hatte sie die Heiratsurkunde ihrer Eltern entdeckt und gesehen, dass diese nur wenige Wochen vor ihrer Geburt getraut worden waren. Caroline hatte daraufhin zugegeben, schon einmal verheiratet gewesen zu sein, doch über Estellas richtigen Vater hatte sie nie sprechen wollen, und auch Flo hatte ihn selten erwähnt. Nun kannte Estella den Grund dafür.

»Ich begreife nicht, warum Mutter dir diesen Schwur abgenommen hat, Tante Flo.«

»Ich kann es dir erklären, Estella. Sie befürchtete, du könntest neugierig genug sein, deinen richtigen Vater kennen lernen zu wollen, und hatte Angst, Marcus würde sich dadurch verletzt fühlen. Sie war schwanger mit dir, als sie Marcus begegnete, und überwältigt von seinem Versprechen, dich wie sein eigenes Kind aufzuziehen. Und das hat er getan. Doch ich finde, es war ein großer Fehler von Marcus, dass er dir die Möglichkeit nahm, deinen richtigen Vater kennen zu lernen, und so wunderbar Marcus sein mag – auch Ross war ein Mann, der es wert gewesen wäre, ihn kennen zu lernen. Ich weiß, dass es ihm sehr wehgetan hat, dich nie gesehen zu haben.«

»Warum ist er nie gekommen, um mich zu sehen?«

Florences gutmütige Züge spiegelten tiefe Traurigkeit wider. »Das hätte er gern getan, aber er wollte dich nicht verunsichern oder deine Mutter verletzen. Um ehrlich zu sein – er hat nie verwunden, dass Caroline ihm fortgelaufen ist. Er glaubte, sie würde zu ihm zurückkehren. Als sie ihn stattdessen um die Scheidung bat, damit sie Marcus heiraten konnte, hat es ihm das Herz gebrochen. Ich mache deiner Mutter keinen Vorwurf, Estella. Sie konnte nicht in Australien leben. Die Einsamkeit und Abgeschiedenheit im Outback ist nicht jedermanns Sache. Aber ich werde jetzt den Schwur brechen, den ich bei deiner Geburt geleistet habe. Du bist eine erwachsene Frau, und es gibt Dinge, die du wissen solltest, weil sie dir in deiner Lage eine Hilfe sein könnten.«

»Was für Dinge, Tante Flo?«

»Am besten, ich fang ganz von vorne an und erzähle dir, wie deine Eltern sich begegnet sind. Wie schon gesagt, bin ich mein Leben lang mit deiner Mutter befreundet. Wir wohnten in benachbarten Häusern in der Whitehall Street, nicht weit von hier, und gingen in dieselbe Schule. Ross war ein paar Jahre älter als ich, aber als Kinder haben deine Mutter und er sich überhaupt nicht verstanden. Daran hat sich bis zum ersten Weltkrieg nichts geändert. Ross war gerade mit der Schule fertig, als der Krieg ausbrach. Er war ein intelligenter Bursche, und Vater wollte, dass er studierte, aber daraus wurde nichts. Zuerst hat er in einer Munitionsfabrik gearbeitet, dann meldete er sich zur Armee, wo er sein wahres Alter verschwieg, weil sie ihn sonst nicht genommen hätten. Er wurde nach Frankreich geschickt. Als Ross wiederkam, war er zu einem sehr gut aussehenden jungen Mann herangewachsen, und deine Mutter und er verliebten sich ineinander. Ross hatte bei der Armee viel mit Pferden zu tun gehabt; deshalb beschloss er, Tiermedizin zu studieren. Gleich nach seinem Examen 1924 haben er und Caroline dann geheiratet. Bald darauf bewarb er sich um eine Stelle in Australien. Wusstest du, dass er Tierarzt gewesen ist?«

»Ich wusste es erst, als Mutter eine Bemerkung darüber machte, nachdem ich selbst gerade meinen Abschluss in Tiermedizin gemacht hatte. Sie hat sonst nie über ihn gesprochen, deshalb ist es mir so aufgefallen.«

»Deine Mutter hat sich sehr gefreut, dass du Medizin studieren wolltest«, meinte Flo.

»Aber nur, bis sie herausfand, dass ich Tiermedizin belegt hatte«, erwiderte Estella.

»Das hätte sie nicht überraschen dürfen. Im Krieg hast du alle streunenden Tiere, die dir über den Weg liefen, mit in den Bunker genommen.«

Estella lächelte zum ersten Mal, seit sie gekommen war.

Stockend fuhr Flo fort: »Es tut mir Leid, dir sagen zu müssen, dass dein Vater … Ross … vor ein paar Monaten gestorben ist.«

Estella blickte ihre Tante verwirrt an. Sie wusste nicht, was sie denken und empfinden sollte. »Er … ist tot?«

»Ja. Ein Wildpferd hat ihn gegen einen Zaun gedrückt. Dabei hat er sich schwer an Armen und Schulter verletzt, aber gestorben ist er an einer Embolie, einem Blutgerinnsel im Herzen.«

Estella ergriff die Hand ihrer Tante. »Ich habe ihn ja nicht gekannt, Tante Flo, aber für dich tut es mir sehr Leid.«

»Danke, Liebes. Er hat nicht oft geschrieben, weißt du, und wir hatten uns schon seit Jahren nicht mehr gesehen, aber ich vermisse ihn trotzdem, seit ich weiß, dass er nicht mehr da ist. Er war ein kluger, netter Mensch, der gern lachte. Und er besaß einen besonderen Sinn für Humor, der ihn allerdings immer wieder in Schwierigkeiten brachte.«

»Weiß Mutter schon, dass er tot ist?«

»Nein. Ich wollte warten, bis sie zurückkommt, und den geeigneten Zeitpunkt abpassen, um es ihr unter vier Augen zu sagen.«

Estella war nie sonderlich neugierig auf ihren richtigen Vater gewesen, doch sie sah, dass es Flo gut tat, über ihren Verlust zu sprechen. »Du hast doch noch einen zweiten Bruder, nicht wahr, Tante Flo?«

»Ja, meinen jüngsten Bruder, deinen Onkel Charlie. Er ist so verrückt wie ein Känguru im Schnee.« Flo musste daran denken, dass Charlie als junger Mann dem Alkohol und den Frauen verfallen gewesen war. Jetzt war er fast fünfzig Jahre alt, anscheinend aber immer noch nicht gefestigt genug, um zu heiraten. Charlie hatte zwar von einer Frau in seinem Leben gesprochen, doch es musste sich um eine Eingeborene handeln, denn er hatte sie als »Abo« bezeichnet.

»Wo wohnt er?«

»Er lebt noch immer in Kangaroo Crossing, wo auch dein Vater zu Hause war.«

»Ja, Mutter hat mir erzählt, dass mein … dass Ross in Australien lebte. Sie sprach davon wie von einem schrecklichen Ort am Ende der Welt.«

Florence verstand sehr gut, dass es ihrer Nichte schwer fiel, Ross ihren Vater zu nennen. »Deine Mutter hat es dort nicht ausgehalten. Wahrscheinlich nannte sie es deshalb einen schrecklichen Ort. Der Sprung in die Einsamkeit des Outback war für sie als junge Braut, die sich in der Londoner Gesellschaft zu Hause fühlte, viel zu groß. Charlie ist dort glücklich, und ich weiß, dass auch Ross die Gegend sehr geliebt hat – also kann es nicht allzu schlimm sein.«

»Wie kommt es, dass Onkel Charlie auch dort lebt?«

»Er hat in England viel Pech mit seiner Arbeit gehabt und ist deshalb Ross und Caroline nach Australien gefolgt. Ich glaube, er hat dort zuerst eine Zeit lang in dem Hotel gearbeitet, das er später selbst übernommen hat. Nach dem, was Ross und Charlie mir erzählt haben, muss Kangaroo Crossing mitten in Australien liegen, zwölftausend Meilen von hier entfernt. Genau deshalb habe ich überhaupt davon angefangen.«

»Wie meinst du das?«, fragte Estella und blickte ihre Tante verständnislos an.

»Wie ich schon sagte, ist dein Vater vor ein paar Monaten gestorben. Nach seinem Tod hat dein Onkel Charlie mir geschrieben und gefragt, ob du dir vorstellen könntest, die Stelle deines Vaters als Tierarzt zu übernehmen.«

Estella riss verwundert die Augen auf.

»Ich hatte Charlie und Ross erzählt, dass du Tiermedizin studiert hast. Dein Vater war sehr stolz auf dich, genau wie Charlie. Ross besaß ein Haus, das jetzt leer steht, und Charlie hat bestimmt keine Verwendung dafür und für all die ärztlichen Instrumente, die auch noch da sein müssen. Unter diesen Umständen wäre das eine große Chance für dich.«

»Du sagtest, Ross sei schon einige Monate tot. Warum hast du mir nicht eher davon erzählt, Tante Flo?«

»Ich hab daran gedacht, aber ich hatte deiner Mutter ein Versprechen gegeben und es all die Jahre gehalten. Außerdem wusste ich, dass James seine Kanzlei niemals aufgegeben hätte. Vor allem dachte ich, du und James wärt glücklich miteinander.«

Estella brach wieder in Tränen aus. »Das dachte ich auch …«

Florence reichte ihr ein Taschentuch. »Was hältst du davon, nach Australien zu gehen?«

Estella schnäuzte sich und tupfte sich die Tränen von den Wangen. »Ich weiß nicht, Tante Flo. Du sagtest, der Brief sei schon vor Monaten gekommen. Vielleicht haben die Einwohner von Kangaroo Crossing jetzt längst einen anderen Tierarzt.«

»Die Möglichkeit besteht natürlich.« Flo hielt inne und schien nachzudenken; dann sagte sie: »Warum legst du dich nicht ein wenig hin? Du siehst müde aus.«

Estella nickte. »Ich bin so müde, dass ich kaum noch klar denken kann.«

»Dann geh nach oben. Wenn du in ein paar Stunden nicht von selbst wach wirst, rufe ich dich.«

Florence hatte den Entschluss gefasst, Charlie anzurufen, sobald Estella schlief. In Kangaroo Crossing war es jetzt früher Abend, und Charlie stand wahrscheinlich in der Bar hinter der Theke.

Als Estella zwei Stunden später die Treppe herunterkam, schnitt ihre Tante gerade den Braten auf.

»Da bist du ja wieder! Ich habe Charlie angerufen«, sagte sie und schob sich ein kleines Stück Fleisch in den Mund.

»Wirklich?«

»Ja, und er sagte, sie haben noch keinen Ersatz für deinen Vater gefunden. Er würde sich sehr freuen, wenn du die Stelle übernehmen würdest!«

Die Verbindung nach Australien war so schlecht gewesen, dass Flo ihren Bruder kaum verstanden hatte – und das Lachen und Grölen seiner Gäste hatte die Verständigung noch schwieriger gemacht. Doch Flo war sicher, das Wichtigste mitbekommen zu haben, und nahm sich die Freiheit, hier und da Fehlendes zu ergänzen.

»Hast du ihm auch erzählt, dass ich schwanger bin?«

»Ja. Er meinte, das sei wahrscheinlich kein Problem.« In Wirklichkeit hatte Charlie erklärt, er würde es bis zu Estellas Ankunft niemandem sagen. Flo wusste von Charlie, dass die Leute in der Stadt es Caroline sehr übel genommen hatten, als sie Ross damals verließ, und dass sie ihren Zorn vermutlich auf Estella übertragen würden.

»Du hättest ein vollständig eingerichtetes Haus mit einem Praxisraum«, fuhr Flo fort, verschwieg jedoch, dass Charlie erklärt hatte, das Haus müsse erst gründlich in Stand gesetzt werden, und dass er sich darum kümmern wollte. »Du brauchst nur dorthin zu fahren.«

Estella sah ihre Tante verzweifelt an. »Ich … ich habe kein Geld für die Reise …«

»Ich habe eine kleine Summe beiseite gelegt«, sagte Flo. »Genug, um deine Überfahrt zu bezahlen.«

»Ich könnte niemals Geld von dir annehmen, Tante Flo …«

»Mach dir deswegen keine Gedanken. Charlie sagte, er werde es mir zurückerstatten«, schwindelte Flo.

Benommen von all dem, was auf sie einstürmte, ließ Estella sich auf einen der Stühle am Küchentisch sinken.

»Und? Was meinst du?«, fragte ihre Tante. »Klingt doch ideal, nicht wahr?« Florence hatte immer gehofft, Estella werde ihren richtigen Vater eines Tages kennen lernen. Dazu war es nun zu spät, doch wenn Estella in dem Haus wohnte, das Ross so sehr geliebt hatte, und mit den Menschen arbeitete, die ihm so viel bedeutet hatten, würde sie zumindest erfahren, wie ihr Vater gewesen war. Flo hoffte nur, dass Caroline ihr verzieh.

»Das hört sich wirklich sehr verlockend an, Tante Flo, aber ich habe meinen Beruf seit meiner Prüfung nicht einen Tag ausgeübt. Ich müsste sehr viel lesen, um mein Wissen aufzufrischen.«

»Du warst eine hervorragende Studentin, Estella, und hast dein Examen mit Auszeichnung bestanden, wenn ich mich recht entsinne. Ich bin sicher, das alles wird dir keine Mühe machen!«

»Vielleicht hast du Recht. Und wenn Kangaroo Crossing keine so große Stadt ist, würde ich wahrscheinlich nicht von Anfang an hart gefordert.« Estella stellte sich vor, dass die Kinder des Ortes ihre Kuscheltiere zu ihr bringen würden, und dass man sie ab und zu vielleicht zu einem kranken Pferd oder Rind rief.

»Ja, so wird es sein.« Auch Flo hatte keine Vorstellung, wie Ross’ Arbeit ausgesehen hatte, denn er hatte selten darüber berichtet. In seinen wenigen Briefen hatte er eher von der Stadt, von ihren Menschen und von den Tieren im Busch erzählt und immer wieder geschrieben, wie sehr er die weite Landschaft Australiens liebte.

»Und wenn mein Baby kommt, hätte ich wahrscheinlich alles schon ganz gut im Griff und könnte das Kind später während der Arbeit bei mir behalten, weil die Praxis ja im Haus ist.« Estella blickte in die strahlenden Augen ihrer Tante. »Das alles hört sich beinahe perfekt an. Also gut, ich werde es versuchen!«

3

Michael Murphy blinzelte ins gleißend helle Sonnenlicht. Er stand neben seinem Flugzeug auf dem Rollfeld des Flughafens Parafield in Südaustralien und beobachtete, wie in ungefähr fünfzig Metern Entfernung Passagiere aus einer anderen Maschine ausstiegen. Es war Hochsommer, und die Temperaturen lagen schon seit mehr als einer Woche bei über vierzig Grad Celsius. Trotz der frühen Morgenstunde flimmerte die Luft über dem Asphalt bereits vor Hitze, und der Wind, der am Nachmittag die Gegend in einen Glutofen verwandeln würde, wehte in Böen über die trockenen Felder ringsum und wirbelte Staubfontänen auf.