Ein Holländer zum Frühstück - Tina Tannwald - E-Book

Ein Holländer zum Frühstück E-Book

Tina Tannwald

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Beschreibung

Einfach mal ausreißen? Gute Idee - am besten bis ans Meer! Lucy hat die Nase voll. Kurzerhand packt sie einen Koffer, schreibt ihrem Lebensgefährten einen Zettel und fährt ans Meer. Sie strandet in einem holländischen Küstenörtchen, das nicht unbedingt touristentauglich oder reizvoll ist, aber das perfekte Versteck. Zwischen weiten Sandstränden und der lässigen Betriebsamkeit Amsterdams stolpert sie über den Holländer Kees, dessen Charme nicht weniger rau ist als die Nordsee. Er scheint trotzdem genau der Richtige zu sein, um ihr die Augen zu öffnen für die schönen und vor allem sinnlichen Seiten des Lebens. Doch was er verheimlicht, verwandelt ihr Leben in eine unberechenbare Achterbahnfahrt. Und schwindelfrei war sie bisher nie … . 2. Auflage 2019 244 Taschenbuchseiten im Format 12,5 cm X 19 cm

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Tina Tannwald

Ein Holländer zum Frühstück

Liebesroman

Elaria80331 München

Kapitel 1 Nichts wie weg

Eine blecherne Stimme ließ Lucy aufschrecken.

Leicht benommen stellte sie fest, dass sie im Zug saß und die Stimme zu einer Lautsprecherdurchsage gehörte, die die Ankunft im Bahnhof Zevenaar verkündete.

Leise seufzend fuhr sie sich über den schmerzenden Nacken und die kalte Wange; ihr Kopf war ein wenig unglücklich gegen das Fenster gesunken, als sie eingeschlafen war.

Der Schnellzug setzte sich wieder in Bewegung, eine junge Frau in dunkler Uniform tauchte auf und grüßte freundlich, bevor sie sich zum ersten Fahrgast hinunterbeugte.

Lucy hangelte nach ihrer Tasche, um wie alle anderen die Fahrkarte herauszuholen. Viele Reisende waren es nicht, die zu dieser frühen Stunde schon Richtung Amsterdam fuhren, doch das war ihr sehr Recht.

Sie rang sich ein Lächeln ab, als die Schaffnerin sie erreichte und antwortete auf das freundliche ‚Guten Morgen‘ mit einem Nicken.

Dann verstaute sie das Ticket und richtete ihren Blick hinaus. Draußen schob sich gerade die Sonne über den platten Horizont und sie musste blinzeln. Den regenschweren grauen Frühsommerhimmel des Ruhrgebiets hatte sie nun offenbar hinter sich gelassen. Und einige andere Dinge hoffentlich auch, obwohl das miese Wetter eigentlich besser zu ihrer Stimmung gepasst hatte.

Ein kurzer Blick auf das Handy, das sie zu ihrer Schande einladend auf dem kleinen Tisch hatte liegenlassen, zeigte, dass es erst kurz nach sieben war. Die Zeit schien sich zu dehnen wie ein altes Gummiband, seit sie vor ungefähr zwei Stunden in den Zug gesprungen war als sei sie auf der Flucht.

Irgendwie war sie das wohl auch, obwohl Bernd sie dafür vermutlich schlicht auslachen würde; wie so oft.

Nichts von all dem, was sie ihm seit Monaten vorwarf, schien er auch nur ansatzweise ernst zu nehmen. Er tat alles mit einem leicht amüsierten Kopfschütteln ab und erinnerte sie daran, dass er sie ja vor dem Leben mit ihm gewarnt hatte, damals. Und dass sie doch genau deshalb so gut zusammenpassten; er hatte den Kopf in den Wolken und sie beide Beine fest auf dem Boden.

Mit leisem Schnauben wandte sie den Blick von den holländischen Kühen ab und musterte mit gerunzelter Stirn den schlichten Goldring an ihrer linken Hand, den sie vor zwei Jahren ganz vergeblich für einen sehr verspäteten Verlobungsring gehalten hatte.

Den Kopf in den Wolken, das passte. Die Trends, mit denen sich Geld verdienen ließ, witterte er stets früher als alle anderen. Deshalb tourte er sehr erfolgreich durch ganz Deutschland, um Seminare und Coachingevents für die wachsende Zahl ruhmgeiler Möchtegernstars und – models anzubieten, während sie ihm daheim die Sekretärin gab und das Mädchen für alles, was so anfiel.

Allerdings nur beruflich, denn im Privaten war sie das schon lange nicht mehr. Was nämlich kaum noch anfiel, waren Zärtlichkeiten oder gemeinsame freie Zeit, von den wilden Nächten ihrer ersten Jahre ganz zu schweigen.

Er beharrte jedoch darauf, dass sie sich da etwas einbildete und er es weder genoss, sich mit hübschen jungen Frauen zu umgeben, noch jemals etwas mit einer von ihnen anfangen würde. Es ginge nur ums Geschäft, meinte er jedes Mal, wovon sie ja nun auch ausgiebig profitierte.

Ein erstklassiges Totschlagargument, denn natürlich liebte sie den alten Bauernhof, den sie sich vor knapp vier Jahren hatten leisten können. Und dass sie es bei der Renovierung genossen hatte, nicht auf jeden Cent achten zu müssen, entsprach ja durchaus auch der Wahrheit.

Trotzdem hatte sie mehr und mehr das Gefühl befallen, dass sie langsam aber sicher auf ein Abstellgleis geriet, von dem es keinen Weg zurück gab. Jedenfalls nicht zurück zu dem Mann, in den sie sich vor über fünfzehn Jahren unsterblich verliebt hatte.

Unschlüssig drehte sie den Ring an ihrem Finger. Liebte sie ihn denn eigentlich immer noch?

Ja, irgendwie schon …. oder nicht?

Zorn schoss in ihr hoch, spontan zog sie an dem schmalen Ding, zerrte es mühsam über den Fingerknöchel und schloss die  Faust darum.

Deshalb war sie ja abgehauen heute Morgen, direkt nach seinem Aufbruch zum nächsten Wochenendseminar. Sie  musste nun einfach herausfinden, was aus ihnen werden sollte; oder auch nur aus ihr selbst.

Irgendwo am Meer, in einer verschwiegenen Gegend, wo niemand sie kannte und nicht so viele Touristen rumliefen. Nur für ein paar Tage …

 

Kaum eine Stunde später stand sie auf einem der belebten Bahnsteige des Amsterdamer Hauptbahnhofes und ließ die Fahrgäste des ICs und all die eiligen Pendler an sich vorüberziehen. Es war lange her, dass sie hier mit Bernd und seiner bunten Truppe ausgestiegen war, um ein Fotohappening mit anschließender Party am Strand von Zandvoort zu veranstalten.

Es hatte sich alles sehr verändert.

Damals hatte man kaum einen Schritt tun können, ohne von seltsamen Typen angesprochen zu werden, die einem Haschisch oder andere Drogen verkaufen wollten. Und die Bahnsteige hatten an eine Mischung aus Müllhalde und Obdachlosenasyl erinnert. Nun war alles schick renoviert, sehr sauber und eine ganze Reihe von schwarzen Scheriffs sorgte offenbar dafür, dass man nur tadellos gekleidet hereinkommen durfte.

Lucy fand das sehr beruhigend und atmete auf. Ein Spießrutenlauf durch eine Horde zwielichtiger Männer blieb ihr damit erspart. Endlich setzte sie sich in Bewegung und hievte ihren Koffer die Treppe hinab in die große Halle.

Dort blieb sie erneut stehen, denn nun musste sie entscheiden, wohin es gehen sollte.

Ein einzeln stehender Schalter mit der Aufschrift Informatie zog ihren Blick an, den die Dame hinter dem Tresen mit einem freundlichen Lächeln erwiderte. Lucy gab sich einen Ruck und ging zu ihr hinüber.

„Ähm, guten Morgen. Können Sie mir sagen, wie ich von hier aus am schnellsten ans Meer komme?“

Die Frau musterte sie einen Moment, dann nickte sie.

„Ja sicher, die schnellste Verbindung wäre der Zug nach Zandvoort“, gab sie in beinahe akzentfreiem Deutsch Auskunft.

Lucy verzog das Gesicht, dann schmunzelte sie entschuldigend. „Das ist leider genau der Ort, den ich nicht besuchen möchte.“

Die Bahnangestellte runzelte die Stirn, sodass sie eilig fortfuhr.

„Ich weiß, es ist wunderschön dort, ich kenne Zandvoort von früher. Aber genau deshalb …. ich meine, zu viele alte Erinnerungen. Und zu viele Menschen.“

Herrgott, was erzählte sie denn da für wirres Zeug? Vermutlich würde sie gleich die Schwestern von der Bahnhofsmission holen.

„Entschuldigung“, schob sie leise hinterher und griff nach ihrem Koffer.

„Warten Sie“, bat die Frau und zu Lucys Überraschung schaute sie sie nun sehr verständnisvoll an. „Im Moment steht hinten am Hafen ein Wassertaxi bereit, für einen Tagesausflug nach Ijmuiden. Dort ist es um diese Zeit noch ziemlich ruhig. Sie können mitfahren, dann sind sie in knapp einer Stunde am Meer. Heute Abend können Sie damit zurückfahren und wenn sie in Ijmuiden bleiben wollen, sagen sie Kapitän Henk Bescheid. Geben Sie ihm einfach das Zettelchen von mir.“

Eilig schrieb sie ein paar Zeilen und reichte ihr das kleine Blatt Papier.

„Vielen Dank …“ Lucy schenkte ihr ein ehrliches Lächeln. „Damit haben sie mich gerade gerettet.“

 

Mit der erstaunlich preiswerten Tageskarte in der Hand hastete sie zum Hinterausgang des Bahnhofs und war froh, dass die Wegweiser zum Wassertaxistand wirklich nicht zu übersehen waren.

Der Kapitän namens Henk, der ganz dem Klischee eines alt gewordenen, knorrigen Seemanns entsprach, nahm Ticket und Zettelchen entgegen und las die Nachricht mit weit ausgestrecktem Arm.

„Ah!“, machte er dann, begann zu grinsen und ein Schwall holländischer Worte folgte.

Lucy sah ihn fragend an, auch wenn ihr das Wort Mannetje, das er mehrfach benutzt hatte, durchaus bekannt vorkam.

„Tut mir leid, ich verstehe leider kein Niederländisch.“

Der Alte nickte und streckte ihr die Hand hin, um ihr über den hölzernen Ausleger hinweg ins Boot zu helfen, dann griff er nach dem Koffer.

„Kein Problem, Mädchen. Aber sag mir am Abend Bescheid, wenn du bleiben willst, hé? Sonst muss ich dich suchen lassen!“

Er zwinkerte ihr zu, ging voraus und deutete mit der Hand in die rundum verglaste Passagierkabine, während er im Fahrstand gegenüber verschwand.

Lediglich ein junges Paar saß auf den Plastikschalensitzen, neben sich zwei große Rucksäcke. Mehr als verlegen ging Lucy an ihnen vorüber und setzte sich ans Ende der gegenüberliegenden Sitzreihe.

Die Dame an der Infotheke hatte wohl gleich die richtigen Schlüsse gezogen und den Kapitän angewiesen, auf sie achtzugeben. Das war schon mehr als peinlich, aber wenn sie sich wie ein kleines Mädchen verhielt, das sich verirrt hatte, durfte sie sich wohl kaum darüber wundern.

Unvermittelt straffte sie sich; das musste jetzt aber aufhören, sonst würde sie schon bei Bernds erstem Anruf einknicken und sich damit vollends der Lächerlichkeit preisgeben.

 

Während das Boot ablegte, ließ sie ihren Blick in die Runde schweifen. Der Hafen auf der Rückseite des Bahnhofes verdiente diesen Namen kaum. Es schien nicht mehr zu sein als eine Ausbuchtung des breiten Kanals mit einigen Schiffsanlegern für Rundfahrten und eine kleine Fähre, denn auf der anderen Seite breitete sich ebenfalls die Hauptstadt aus.

Tatsächlich erinnerte er sie mehr an einen kunterbunten Hinterhof. Eine Reihe von Segelbooten und heruntergekommenen alten Holzschiffen lagen längsseits an der Kaimauer, eines eng mit dem anderen vertäut. Wäsche hing an improvisierten Leinen und eine Mutter mit Kind stieg kurzerhand über alle Decks hinweg, um schließlich den angrenzenden Gehweg zu erreichen. Ihre wilden Rasta-Locken und die bunten Ringelstrümpfe des kleinen Mädchens ließen Lucy lächeln.

So alternativ hatten Bernd und sie auch einmal leben wollen, in einer großen, kreativen Wohngemeinschaft auf dem Land. Nun jedoch bewohnten sie den Bauernhof ganz allein, ohne Freunde und natürlich auch ohne kleine Menschen in bunten Klamotten. Unwillkürlich musste sie schlucken und verscheuchte den völlig unsinnigen Gedanken. Bernd hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er keine Kinder wollte.

Herrgott noch mal, egal, wo sie hinsah, ständig war sie in Gedanken bei Bernd! Der würde ohnehin erst am Montagmittag merken, dass sie fort war, wenn er heimkam und ihre Nachricht fand.

Nein, das war Blödsinn, schalt sie sich; da tat sie ihm nun doch Unrecht. Sie rief ihn spät abends immer an, wenn er fort war, um zu fragen, wie es lief und ihm eine gute Nacht zu wünschen. Dass ihr Anruf heute ausblieb, würde ihm auffallen und dann würde er sich auf jeden Fall bei ihr melden. Aber sie würde standhaft bleiben und nicht rangehen!

 

Während grüne Wiesen an ihnen vorüberglitten und sie mehr Segel- und Motorboote überholten, als sie auf dem Kanal vermutet hätte, versuchte sie, an gar nichts zu denken. Watteweiße Wolken jagten über den Himmel und die Sonne begann das Innere des Wassertaxis aufzuwärmen; es versprach ein ungewöhnlich schöner und warmer Tag zu werden.

Schließlich tauchten Häuserzeilen an den Kanalufern auf und eine stark befahrene Straße. Der Motor wurde gedrosselt und das Boot verlor an Fahrt. Lucy blickte nach vorn zum Fahrstand und bemerkte eine Anlegestelle und ein kleines Backsteinhäuschen. Mit einer eleganten Kurve legte sich das Wassertaxi längsseits und das Pärchen erhob sich, um die beiden Rucksäcke zu Schultern.

Unsicher stand auch Lucy auf.

Wenn das der Endpunkt ihrer kleinen Reise war, mussten sie wohl noch ein gutes Stück zu Fuß gehen, denn vom Meer war nichts zu sehen.

„Ähm, Entschuldigung“, sprach sie die jungen Leute an, „fährt das Boot nicht bis zum Strand?“

Sie schüttelten die Köpfe.

„Ney, wir müssen die Bus nehmen“, klärte die junge Frau sie mit breitem Akzent auf. „Die fährt bis zur Marina.“

„Oh, ach so… Und welchen Bus muss ich da nehmen?“

Die beiden musterten sie nun interessiert, was ihr die verlegene Röte in die Wangen trieb.

„Da nehmen wir dich am besten mit“, stellte die junge Frau munter fest. „Wir fahren auch zum Strand, een beetje zeilen. Äh, segeln sagt man auf Deutsch, glaube ich.“

„Ja … danke, gern“, erwiderte Lucy und fühlte sich ein wenig überfahren, auch wenn das Angebot mehr als hilfreich war.

Sie hätte darauf kommen können, dass die beiden öfter am Meer waren, die hellen Strähnen in ihrem Haar und diese ganz besondere wettergegerbte braune Haut verrieten es eigentlich sofort.

Der Kapitän hatte derweil die Tür geöffnet und sie beeilte sich, den beiden Seglern hinauszufolgen. Diese verabschiedeten sich mit Handschlag von ihm als würden sie ihn schon ewig kennen. Lucy nickte ihm freundlich zu und hielt inne, als er ihr einen Zettel zustecken wollte.

„Ruf an, Meisje, wenn du nicht mit zurück willst, ja? Um 18.00 Uhr lege ich ab.“

„Ja, mache ich“, versprach sie und steckte das Papierchen eilig in die Jackentasche.

Das Pärchen hatte auf sie gewartet und sie musste sich einen Ruck geben, um sie anzuschauen. Doch es war nichts Spöttisches in ihren Gesichtern zu sehen, was sie ungemein erleichterte. Also war es wohl gar nicht so ungewöhnlich, Touristen hier ein wenig an die Hand zu nehmen.

 

Der Bus hatte quasi auf sie gewartet und Lucy zog es vor, sich ein Stück entfernt von den beiden jungen Leuten hinzusetzen. Sie wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass sie ihnen nun an den Hacken klebte. Und wenn der Bus tatsächlich bis zum Strand fuhr, brauchte sie ja nun auch keine Hilfe mehr. Sie richtete den Blick zum Fenster hinaus und stutzte.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals breiteten sich graue Hallen aus, überragt von drei hohen Schornsteinen, die eine Menge weißlichen Qualm und Dunst ausspien. Das sah kaum anders aus als die Industriegebiete im Ruhrgebiet mit ihren Stahlwerken und Kokereien und wirkte seltsam vertraut. Nichtsdestotrotz war es potthässlich und so weiträumig, dass es sich im blauen Horizont verlor. Zog sich die Industrie etwa bis zum Meer hin? Dann hätte sie eigentlich auch einen Campingplatz am Rhein-Herne-Kanal ansteuern können.

Der Bus bog in die Stadt ab und Lucy atmete auf, offenbar lag der Strand in einer anderen Richtung.

Wirklich reizvoll war die Gegend, durch die sie nun fuhren, allerdings auch nicht. Heruntergekommene Wohnhäuser wechselten sich ab mit kleinen Werkstätten und leerstehenden Läden. Hinter ihnen waren Schiffsmasten zu erkennen und die typischen hochgeklappten Netze von Krabbenfischerbooten. Offenbar ein Fischereihafen, was ein durchaus zu entzifferndes Straßenschild bestätigte, das an einer kopfsteingepflasterten Zufahrt stand.

Plötzlich jedoch hörte die Bebauung auf und ihr Blick fiel auf eine Dünenlandschaft. Eine Promenade war zu sehen, gesäumt von Gebäuden, deren Erdgeschosse allesamt Restaurants, Cafés und Bistros zu beherbergen schienen. Tische und Stühle standen draußen und bunte Schilder priesen diverse Angebote an. Die Lokale waren zwar nicht allzu gut besucht, doch es gab eine Menge Menschen, die an ihnen vorüberzogen, Badetaschen und Sonnenschirme im Gepäck.

Sie waren zweifellos Richtung Meer unterwegs, denn sein blaues Glitzern war hinter einer Düne zu erkennen, die offensichtlich so hoch war, dass sie den Strand, den es hinter ihr geben musste, verbarg.

„Wir sind da“, sprach sie jemand an und als Lucy aufsah, blickte sie in das Gesicht der jungen Frau.

„Ja, danke“, erwiderte sie automatisch, erhob sich und verließ als Letzte den Bus.

Dann stand sie da und atmete tief ein.

Salzige Luft füllte ihre Lungen und ein Windhauch strich ihr das schulterlange Haar aus dem Gesicht als wolle er sie willkommen heißen. Ein heller Vogelruf ließ sie den Kopf heben; er gehörte zu einer Möwe, die eine Schleife zog und sich einem kleinen Jachthafen zuwandte, der ein ganzes Stück tiefer lag als die Straße.

Endlich wurde ihr leichter ums Herz, sie zog den Griff ihres Koffers heraus, um ihn bequem hinter sich herziehen zu können und setzte sich in Bewegung.

 

Bei näherem Hinsehen war deutlich mehr los als sie nach der Auskunft der Bahnangestellten erwartet hatte, aber den Gesprächsfetzten nach, die sie aufschnappte, waren es wohl eher Holländer, die das Wochenende am Strand verbringen wollten. Und sie schienen alle jede Menge gute  Laune mitzubringen.

Lucy wusste kaum, wo sie zuerst hinschauen sollte.

Im Jachthafen liefen Segel- und Motorboote aus und mussten an der Ausfahrt warten, bis sie an der Reihe waren. Aus einem der Lokale klang Reggae Musik heraus und eine junge Frau mit einem grellbunten Tuch im Haar wischte im Takt wippend die Tische ab. Im Bistro nebenan saß ein altes Ehepaar bei Kaffee und Kuchen, mit dunklen Sonnenbrillen und herausgeputzt wie Dandy und Dame in einem dieser uralten Stummfilme.

Unvermittelt blieb ihr Blick an einem dezenten Schild hängen, das an einer dunklen Glastür prangte. Apollo Beach Resort stand darauf, es gab also auch ein Hotel; perfekt!

Für einen Moment überlegte sie, sofort ein Zimmer zu buchen, dann besann sie sich jedoch anders.

Auch wenn es sicher mehr als seltsam aussah, wenn sie ihren Koffer mitschleifte, sie musste einfach zuerst an den Strand!

 

Die asphaltierte Promenade zog sich die Düne hinauf und Lucy beschleunigte ihren Schritt. Oben angekommen hielt sie ein wenig außer Atem inne.

Eine Windböe erfasste sie, blähte ihren offenen Trenchcoat wie ein Segel auf, sodass sie unwillkürlich einen Schritt nach hinten tat, um sich abzufangen.

„Wow“, entfuhr ihr.

Nicht nur, weil der Seewind um einiges heftiger und kühler war als erwartet, sondern auch, weil sich vor ihr ein erstaunlich weitläufiger Sandstrand öffnete.

Linkerhand schien er gar kein Ende zu nehmen und ging in eine mit Strandhafer bewachsene unbebaute Dünenlandschaft über. Der Ausblick zu ihrer Rechten war nicht ganz so schön, denn tatsächlich sah man auch von hier aus die qualmenden Schornsteine und das dazugehörige Industriegebiet. Doch es gab auch eine Art schmale Kaimauer, befestigt mit großen Gesteinsbrocken, die weit ins Meer hineinragte und durchaus etwas Romantisches hatte. An ihrem Ende erhob sich ein Gebäude, das einem Leuchtturm ähnelte, auch wenn es dafür eigentlich zu kurz geraten war.

Die Düne entlang gab es mehrere Strandpavillons, deren Tische und Bänke im Außenbereich von hohen Glaswänden vor dem Wind geschützt wurden und Strandkörbe und Liegestühle, die gerade ordentlich platziert und gesäubert wurden. Allerdings nur auf der linken, schöneren Seite des Strandes.

Entschlossen ging Lucy weiter; so ein geschütztes Plätzchen war genau das Richtige, um einen Kaffee zu schlürfen und ordentlich zu frühstücken. Heute Morgen hatte sie rein gar nichts runtergebracht und ihr Magen meldete sich inzwischen mit einem wütenden Knurren.

Es gab einen Holzsteg, der am Fuß der Düne entlangführte, um die Pavillons bequem erreichen zu können, doch sie ignorierte ihn. Zumindest für einen kurzen Moment wollte sie sich in den Sand setzen, ihn durch ihre Finger rieseln lassen und das Gefühl genießen, dass sie es tatsächlich geschafft hatte, ihre verrückte Idee in die Tat umzusetzen.

Ihre Wildlederstiefel mit den Keilabsätzen stellten sich allerdings als nicht unbedingt strandtauglich heraus. Und die kleinen Räder ihres Koffers erst Recht nicht. Mit grimmiger Entschlossenheit zog sie an dem Griff, der Koffer machte einen Satz und traf zielsicher ihren linken Knöchel. Mit einem schmerzhaften Keuchen knickte sie ein und landete auf den Knien.

„Scheiße!“, entfuhr ihr leise und der zuckende Schmerz trieb ihr das Wasser in die Augen.

Der Gedanke, den Strandgästen gerade eine groteske Vorstellung darzubieten, machte die Sache nicht besser. Und zu allem Überfluss drang kalte Nässe durch ihre Jeans; es hatte offenbar auch hier noch vor Kurzem geregnet.

Und jetzt?

Ganz und gar unmöglich, nach diesem Auftritt lässig im nächsten Strandcafé einzukehren! Warum bloß hatte sie sich nicht zuerst das Zimmer genommen, den Koffer ausgepackt und war in die Sneakers geschlüpft?

Seufzend stemmte sie die Hände in den feuchten Sand, um sich aufzurappeln, als ein Schatten über sie fiel und eine kräftige Hand auftauchte.

„Alles Okay met je?“

Sie gehörte zu einem ziemlich großen, breitschultrigen Mann, der ihr offensichtlich aufhelfen wollte.

„Ja, alles In Ordnung“, brachte sie heraus und grinste verlegen. „Ich stolpere öfter über meine eigenen Füße.“

Lebhafte grüne Augen in einem braungebrannten Gesicht musterten sie überrascht, dann griff der Mann schlicht nach ihrem Oberarm und zog sie hoch.

Meine Güte, schoss Lucy durch den Kopf, wenn er fester zupackte, würde ihr Arm wahrscheinlich brechen wie ein Streichholz.

„Moffe“, murmelte er kopfschüttelnd, ohne ihr Lächeln zu erwidern. „Ga ob de Koffer zitten, ik wil naar je voet kijken!”

“Äh, wie bitte?”

Sie runzelte die Stirn, warum sprach er denn Holländisch mit ihr, es war doch offensichtlich, dass sie ihn so gut wie gar nicht verstand. Er kniff die Augen zusammen, dann seufzte er.

“Setz dich auf den Koffer, ich will mir deinen Fuß ansehen.”

“Das ist wirklich nicht nötig”, wehrte sie ab. “Es geht schon wieder.”

Ihr Knöchel war da zwar anderer Meinung, aber dieser Mann war ihr ein wenig unheimlich.

“Setz dich oder ich hole die ... wie heißt das auf Deutsch, Arzt? Nein, Sanitäter!”

Die Aussicht, in einem Krankenhaus zu landen, sorgte dafür, dass sie sich stumm auf dem Koffer niederließ und ihm dabei zusah, wie er vorsichtig den Schlupfstiefel auszog. Was tatsächlich schmerzhafter war als erwartet. Der Socken folgte, dann hielt er ihren nackten Fuß in seiner erstaunlich warmen Hand und drehte ihn vorsichtig, sodass er einen Blick auf ihre Ferse werfen konnte.

Lucy beugte nun auch den Kopf hinunter und stellte fest, dass ihr der Aluminiumkoffer tatsächlich die Haut aufgerissen hatte. Einem Gedanken folgend griff sie nach dem Stiefel und tatsächlich, er war hin; das weiche Leder war zerrissen.

Inzwischen kam ein weiterer Mann angelaufen, der ihren Helfer offenbar kannte. Er kniete sich neben ihn und öffnete einen kleinen Erste-Hilfe-Koffer, während sie sich in schnellem Holländisch über die Verletzung austauschten. Dann sah er auf und schenkte ihr ein fröhliches Lächeln.

“Hey, ich bin Marten und der brummelige Kopf hier ist Kees.”

Er deutete auf den Mann mit den grünen Augen, der jedoch nicht aufsah und stumm blieb.

“Es ist nicht so schlimm”, fuhr dieser Marten fort, “wir nehmen einen, äh...” Er kniff die Augen zusammen und schien zu überlegen. “Na, einen  Kleefpleister und ein bisschen Eis, davon haben wir genug im Pavillon.”

Er griff nach dem Heftpflaster und Lucy musste schmunzeln, obwohl ihr eigentlich gar nicht danach war.  “Kleefpleister heißt das auf Holländisch? Das ist ja witzig!”

“Sorry”, erwiderte Marten. “Mein Deutsch ist nicht so ganz gut.”

“Oh, aber nein, das macht doch nichts”, beruhigte sie ihn, während er sie mit einem viel zu großen Pflaster verarztete.  “Ich muss mich entschuldigen, ich kann leider gar kein Holländisch.”

Der Grünäugige warf ihr einen Blick zu, dann griff er nach dem Socken und zog ihn ihr vorsichtig wieder an. Die Feinfühligkeit passte gar nicht so recht zu seinen kräftigen, rauen Fingern, die ansonsten wohl eher mit harter Arbeit beschäftigt waren.

“So”, sagte er, erhob sich und griff erneut nach ihrem Arm. “Und jetzt das Füsschen heben und eben bis zum Pavillon hoppelen!”

“Hoppelen? Ich bin doch kein Hase!”

Die Situation war so peinlich und zugleich so absurd, dass Lucy sich nicht entscheiden konnte, ob sie nun laut herauslachen oder auf der Stelle sterben wollte. Zumal es sich äußerst schwierig gestaltete, so untergehakt von beiden Männern einbeinig voranzukommen. Dieser Kees war um einiges größer als der Mann mit dem Pflaster und so hing sie wie ein Fragezeichen zwischen ihnen.

“Godverdomme!”, meldete sich Kees. “Nimm den Koffer Marten, geh voraus und hol das Eis, sonst verunfallen wir gleich nochmal!”

Offenbar war das erste Wort verwandt mit dem verdammt nochmal, das Lucy kannte, denn der junge Mann gab sie augenblicklich frei, klemmte sich ihren Koffer unter den Arm und rannte los. Sein hochgewachsener Freund schlang ihr derweil schlicht den Arm um die Taille und hob sie ein wenig in die Höhe, sodass er sie eigentlich auch wie ein Gepäckstück beförderte.

 

Noch bevor sie sich dazu durchgerungen hatte, ernsthaft zu protestieren, erreichten sie den Außenbereich des Strandpavillons. Der Mann namens Kees rückte mit der freien Hand einen Korbsessel zurecht und setzte sie behutsam hinein. Während er einen zweiten heranzog, kam auch schon Marten zurück, ein blaues Kühlpad und ein Frotteetuch in den Händen.  

Diesmal zog sich Lucy den Socken selbst aus und zuckte zusammen, als Marten das kalte Pad auflegte und ihren Fuß in das Handtuch wickelte. Ihr war insgesamt ziemlich kalt, offenbar hatte sie auch den Wind gründlich unterschätzt.

“Danke”, sagte sie leise und meinte es auch so. “Es war total bescheuert, mitsamt dem Koffer sofort zum Strand zu laufen. Ich hätte mir erst ein Zimmer nehmen und ihn dalassen sollen. Wäre meinem Stiefel auch besser bekommen.”

Sie grinste schief, doch die beiden Männer sahen sie überrascht an.

“Du hast noch gar kein Zimmer?”, vergewisserte sich Kees.

“Nein”, erwiderte Lucy leicht verunsichert. “Aber weiter oben gibt es doch dieses Appollo Beach ...?”

Er hob die Augenbrauen. “Dann hast du ein Problem, es ist Freitag, da gibt es hier keine freien Zimmer; noch nicht mal ein Caravanje!”

Irritiert suchte sie Martens Blick, der dazu nickte.

“Das ist so, an diesem Wochenende ist bestes Surf- und Segelwetter vorhergesagt, da kommen sie alle wie die Fliegen aus Amsterdam. Aber vielleicht ist in der Stadt noch etwas zu kriegen.”

Fragend sah er Kees an, der die Schultern zuckte.

“Helaas Pindakaas! Ik weet het niet.”[1]

Marten sah ihn jedoch weiterhin eindringlich an und Lucy kam der Verdacht, dass dieser Kees wohl helfen könnte, jedoch nicht wollte. Und deshalb lieber ins Holländische wechselte.

“Schon gut”, schaltete sie sich ein. “Dann fahre ich eben mit dem Wassertaxi heute Abend zurück nach Amsterdam, dort wird es ja wohl irgendwo ein freies Zimmer geben. Und wenn nicht, übernachte ich halt unter der nächstbesten Brücke.”

Martin wandte sich ihr zu und sah einigermaßen bestürzt aus, den Spaß schien er nicht verstanden zu haben.

“Das geht doch aber nicht! Wir an der Küste lassen doch keinen Gast unter einer Brücke schlafen! Ich mache dir jetzt erst mal ein Frühstück, dein Magen knurrt so laut wie ein Seelöwe! Und dann finden wir später eine Lösung für das Problemje!”

Mit einem weiteren vielsagenden Blick auf Kees erhob er sich und ging hinein.

Kaum war er fort, begann Lucy sich unwohl zu fühlen, mit dem brummeligen Kopf, wie sein Freund ihn genannt hatte. Der musterte sie eingehend und schien es einfacher zu finden, ihr in den Kopf zu gucken als ein Gespräch mit ihr zu führen.

“Kann ich Sie ....”, begann Lucy, dann fiel ihr ein, dass das vertrauliche Du hier wohl allgemein üblich war. “Darf ich dich und deinen Freund als Dankeschön vielleicht zu irgendetwas einladen? Frühstück vielleicht? Natürlich nur, wenn du magst. Du kannst mich aber auch unbesorgt hier sitzen lassen, wenn du was anderes zu tun hast.”

Gott im Himmel, hatte sie eben sitzenlassen gesagt?

Heute schien sie wirklich jeden Fettnapf zu treffen, der sich finden ließ. Ihr Gegenüber begann denn auch zu schmunzeln, was ihm um Längen besser stand, als dieser skeptische Gesichtsausdruck.

“Man darf doch ein Frauchen, das Hilfe braucht, nicht sitzenlassen. Die Einladung nehme ich gern an!” Er wandte sich dem Inneren des Pavillons zu.

“Lis!”, rief er so laut, das Lucy zusammenzuckte. “Bierche en Borreltje voor Marten en mij, alsjeblieft!”

“Hoi”, meldete sich eine weibliche Stimme von drinnen.

Lucy warf einen möglichst unauffälligen Blick auf ihre Armbanduhr; es war gerade mal halb zehn. Allerdings  gab es ja auch im Ruhrgebiet immer noch ein paar Kumpel, für die das genau die richtige Frühschoppenzeit in der Kneipe um die Ecke war.  

“So”, sagte Kees unvermittelt. “Wie kommt ein hübsches deutsches Frauchen auf die Idee, nach Nordholland zu fahren, ohne vorher ein Zimmer zu buchen?”

Sprachlos sah sie ihn an. Er hatte ihr ein Kompliment gemacht? Es schien so, denn sein Blick war weder spöttisch noch amüsiert. Aber die Frage war ziemlich indiskret, oder nicht?

“Ich .... musste einfach mal raus aus allem”, antwortete sie ausweichend und konnte nicht verhindern, dass ihre Wangen warm wurden.

“Und da bist du einfach ins Auto gesprungen und losgefahren?”

“Ja”, erwiderte sie. “Aber ich bin in den Zug gesprungen, heute Morgen um fünf.”

Die Kellnerin kam heraus und entpuppte sich als blonde Mittdreißigerin, deren Lächeln genauso warmherzig war wie Martens. Sie stellte die Getränke auf den Tisch, wobei dieser Borreltje auf jeden Fall ein klarer Schnaps zu sein schien; die beiden Pinnchen waren randvoll.

“En voor jou?”, fragte sie und Lucy sah auf.

“Ich nehme einen Milchkaffee, bitte”, antwortete sie und die Frau verschwand mit einem freundlichen Kopfnicken.

“Koffie verkeerd nennen wir das“, sagte Kees. „Ein guter Plan, einfach loszufahren. Das gefällt mir.“

 „Wirklich?“ Sie runzelte skeptisch die Stirn.

Er nickte und zeigte ein verblüffend offenes Lächeln.

„Ja, klar. Es ist nicht gut, zu viel zu denken, das Herz ist immer klüger als der Kopf.“

Lucy starrte ihn an, suchte jedoch erneut vergeblich nach einem Anzeichen dafür, dass er sie gerade auf den Arm nahm. In diesem Moment trat Marten mit einem geräumigen Tablett an den Tisch und was er da alles mitbrachte, ließ ihre Augen tellergroß werden.

Neben dem typisch holländischen Weißbrot waren Rühreier dabei, zwei Pfannkuchen mit Sirup, Rosinenbrot, Wurst, Käse und Butter, Schokostreusel, Honig und Erdnussbutter.

„Himmel, wer soll denn das alles essen?“ entfuhr ihr und Marten lachte auf.

„Das ist ein typisch holländisches zweites Frühstück! Ein erstes haben wir auch, aber das ist viel … wie sagt man das, sparsamer! Eet smakelijk! Oh“, machte er dann und griff nach dem Schnapsglas. „Vielen Dank. Op de kuisheid!”

Kees tat es ihm nach und Lucy hob ihre Kaffetasse. “Ich vermute mal, das heißt soviel wie Prost, oder?”

Anders als erwartet nahmen sie beide nur einen Schluck von dem Schnaps und kippten ihn nicht komplett herunter.

“Ja, schon”, antwortete Kees. “Ganz genau übersetzt heißt es auf die Keuschheit, aber Prost kannst du auch sagen.”

Er grinste vergnügt und Lucy verzog das Gesicht.

“Na dann, hau wech’ dat Zeug, so sagen wir das im Ruhrgebiet!”

Beide sahen sie irritiert an und sie zuckte schmunzelnd die Schultern.

“Ist halt Ruhrgebietsslang, den kennt ihr wohl nicht?”

Sie schüttelten die Köpfe, also legte sie die Gabel beiseite und räusperte sich.

“Hömma, holma Oppa seine Beisser und komma bei mich bei!”

Einen Moment starrten sie sie entgeistert an, dann brachen sie in schallendes Gelächter aus. Lucy lachte mit und stellte fest, dass es unglaublich gut tat.

“Das ist doch keine Sprache!” Marten wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. “Klingt wie total betrunken!”

“Oh nein”, erwiderte Lucy. “Besoffen wird daraus ein einziges langes Wort!”

Er lachte erneut auf und wandte sich mit einem holländischen Wortschwall an Kees, der ziemlich begeistert klang. Das Lachen seines Freundes versiegte allerdings, dann nickte er knapp.  

“Du bist wirklich sehr nett”, wandte sich Marten an sie. “Aber ein Geheimnis musst du uns noch verraten!”

Lucy verschluckte sich beinahe an dem Happen Rührei und sah ihn groß an.

“Deinen Namen!”, sagte er strahlend. “Oder darf den niemand wissen?”

“Herrje, entschuldigt!”, erwiderte sie betroffen. “Das habe ich ja ganz vergessen! Ich heiße Lucy, genau genommen Luzinda. Aber das ist so abgedreht, so nennt mich niemand.”

“”Das ist doch ein sehr schöner Name”, stellte Kees fest. “Er passt gut zu dir.”

“Da hat er Recht”, stimmte Marten zu. “Ich muss jetzt leider arbeiten, lass es dir schmecken, Lucy. Und weil Kees tief in seinem Herzen ein Gentleman ist, wird er das Problemje mit deinem Zimmer lösen, während du isst. Denn eigentlich ist es ja gar kein Problem, oder?”

Er bohrte seinen Blick in Kees grüne Augen, dem die gute Laune schlagartig aus dem Gesicht fiel.

“Alleen over mijn lijk!“[2], gab er mit schmalen Augen zurück, was Marten dazu brachte, beide Hände auf den Tisch zu stützen.

Von dem Wortgefecht, das nun losbrach, verstand Lucy rein gar nichts, aber es war offensichtlich, dass dieser Kees nicht die geringste Lust hatte, ihr bei der Zimmersuche zu helfen. Das reichte dann jetzt auch mit diesem Hin und Her.

„Schon gut!“, schaltete sie sich ein. „Es ist nicht nötig, das Kees mir ein Zimmer sucht, das schaffe ich wohl auch allein!“

Die beiden hielten mitten im Satz inne und sahen sie an, dann hob Kees die Hände.

„Nein, nein, das ist ein Missverständnis!“, wehrte er ab. „Ich rufe gleich ein paar Freunde an.“

Marten schüttelte den Kopf. „Das geht aber auch anders, Lul!“[3]

Kees fuhr vom Stuhl auf und für einen Moment sah es so aus als wolle er Marten packen, doch der griff nach dem Tablett, duckte sich weg und flüchtete lachend in den Pavillon.

“Sorry”, wandte sich Kees an Lucy. “Das war nur Spaß, iss in Ruhe, ich bin gleich wieder da.”

Damit ging er Richtung Ausgang, zog ein Handy aus der Hosentasche und umrundete den gläsernen Windschutz.

Lucy tat ihm den Gefallen, griff nach einer Scheibe Rosinenbrot und beobachtete, wie er telefonierend auf und ab ging.

Der Wind zauste ihm das volle braune Haar und nun erst bemerkte sie, dass er lediglich ein T-Shirt trug, eine ziemlich sommerliche Kargohose, die er bis zu den Knöcheln aufgekrempelt hatte und tatsächlich Flip Flops an den nackten Füßen. Da sie genauso braun gebrannt waren wie der Rest von ihm, lief er wohl das ganze Jahr über so rum, ohne zu frieren.

Und nun, wo sie ihn in Ruhe betrachten konnte, musste sie zugeben, dass er keineswegs hässlich war. Ihr fielen jedenfalls eine ganze Reihe von Männern ein, die bei seinem Anblick neidisch mit den Zähnen knirschen würden; Bernd eingeschlossen.

Überrascht stellte sie fest, dass sie Bernd ganz vergessen hatte, seit sie mehr oder weniger lang hingeschlagen war. Ebenso, wie den Grund für ihre Reise.

Doch jetzt war er wieder da und drohte ihr augenblicklich den Magen zuzuschnüren.

Wenn Bernd sich auch nur ein einziges Mal in den letzten zwei oder drei Jahren wenigstens ansatzweise so um sie gekümmert hätte wie diese wildfremden Holländer, wäre sie gar nicht hier. Der Gedanke war so bitter, dass ihr die Tränen in die Augen zu treten drohten. Sie wischte sie verstohlen fort und nahm einen Schluck von dem unbestreitbar leckeren Milchkaffee.

Total blöd, sich überhaupt solche Gedanken zu machen. Bernd hatte ja nun seine Chance, wenn er feststellte, dass sie sich gar nicht meldete.

Sie blickte wieder zu Kees hin, der eine Hand in der Hosentasche versenkt hatte und aufs Meer hinausblickte, während er auf sein Handy einsprach. Er besaß eine ziemlich kompakte, aber schlanke Gestalt,  vermutlich gut durchtrainiert. Mit seiner ausgeprägten Muskulatur schätzte sie ihn auf an die neunzig Kilo und seine Kleidergröße auf zweiundfünfzig. Für so etwas hatte sie einen Blick, immerhin hatte sie früher für die angehenden männlichen Models Klamotten besorgt, um ordentliche Fotos von ihnen machen zu können. Vermutlich wäre er gut geeignet, um körpernahe Herrenunterwäsche zu präsentieren, auch wenn heutzutage eine wachsende Zahl der Laufstegjungs genauso magersüchtig aussahen wie die Mädchen.

Bernd riet den jungen Leuten immer dringend davon ab, diesen selbstzerstörerischen Hype um die kleinste Kleidergröße mitzumachen, was ganz ihrer Meinung entsprach.

Die Kargohose bewegte sich, es klopfte an die Scheibe und Lucy fiel schockartig auf, dass sie ihm auf den Hintern gestarrt hatte. Und seinem Grinsen nach hatte er das auch bemerkt. Er wandte sich um und wackelte tatsächlich mit den Hüften, als  er losging.

Lucy senkte den Blick und schüttelte den Kopf. Hätte es gleich neben dem Tisch ein tiefes Loch gegeben, wäre sie jetzt endgültig hineingesprungen. Sie hörte, dass er sich ihr gegenüber hinsetzte, nahm innerlich Anlauf und sah ihn fest an.

“Ich habe dir nicht auf den Hintern geguckt, falls du das denkst! Ich war in Gedanken und hab dich gar nicht gesehen!”

“Oh, schade”, gab er zurück, ohne eine Miene zu verziehen. “Ich dachte, er gefällt dir vielleicht. Aber hör mal an, ich habe ein Zimmerje für dich gefunden, aber nur eines. Und ab Montag einen Caravan, wenn du länger bleiben willst. Oben am Kennemermeer, auf dem Campingplatz.”

Es dauerte einen Augenblick, bis Lucy klar wurde, dass er ihr damit die Chance gab, das Thema Hintern nicht weiter zu vertiefen.

“Das ist ja super! Und wo ist das Zimmer?”

Eine Hand legte sich auf die Lehne ihres Korbstuhls, es war Marten, der Kees erwartungsvoll ansah.

“De oude Seinpostelling”, antwortete der an seinen Freund gewandt.

“Was? Auf keinen Fall!”, empörte sich Marten.

“Könntet ihr mich aufklären, worum es geht?”, meldete sich Lucy.

“Das ist .... wie heißt das auf Deutsch, Kees?”

“Das alte Häuschen des Hafenmeisters”, half er aus. “Früher hat er von dort aus die Signale für die Schiffe gegeben. Jetzt ist es ein Ferienappartment. Drinnen ist es ganz gemütlich, aber es steht eben direkt am Hafen.”

“Es ist teuer, hässlich und man ist ganz allein da am Nordpier”, hielt Marten dagegen. “Und man braucht mindestens fünfzehn Minuten bis hierher, mit gesunden Füßen!”

Kees zuckte die Schultern. “Bis Montag ist es die einzige Möglichkeit, in Ijmuiden ist ja auch noch Frühlingsfest.”

“Und warum nimmst du sie nicht auf, bis Montag?”, fragte Marten und Lucy verstand schlagartig, dass er schon die ganze Zeit über genau darauf hinausgewollt hatte.

“Ich nehme das Häuschen”, stellte sie hastig fest. “Ist mir egal, ob die Aussicht hässlich ist, für zwei Nächte wird es schon gehen. Wo finde ich den Vermieter?”

Sie sah Kees an, der zu verstehen schien, dass sie es sowieso abgelehnt hätte, sich bei ihm einzulogieren.

“Die Vermietung ist am Hafen, gleich neben dem Häuschen”, antwortete er. “Mit dem Eigner habe ich schon gesprochen.”

“Aber dein Fuß ...”, versuchte Marten es erneut, doch Lucy winkte ab.

“Dem geht es schon wieder gut.”

Um den Beweis anzutreten, nahm sie das Handtuch fort, trocknete ihn ab und griff nach ihrem Socken.

“Ich habe Sneaker dabei, die ziehe ich jetzt an, dann können wir gleich losgehen.”

Sie erhob sich, um ihren Koffer heranzuziehen und ließ sich nicht anmerken, dass ihr Fuß lieber noch ein Weilchen liegen geblieben wäre.

“Na dann ...”, sagte Marten. “Aber du kommst heute Abend noch einmal und sagst, ob alles gut geht, ja?”

“Das ist wirklich total lieb”, erwiderte Lucy, während sie in die Schuhe stieg.

Sie band eine lockere Schleife und richtete sich auf. “Ich komme zum Abendessen, okay?”