Ein Hummer macht noch keinen Sommer - Tanja Wekwerth - E-Book

Ein Hummer macht noch keinen Sommer E-Book

Tanja Wekwerth

4,9
7,99 €

Beschreibung

Einsame Herzen, heimliche Hauptstadthelden und ein Hummer namens „Howard“

Natalie Schilling ist knapp über vierzig, Moderatorin einer Büchersendung, Kochkolumnistin, Single – und in der Sinnkrise. Jetzt kann nur noch der Psychiater helfen. Doch wie es das Schicksal will, verliebt sich die Unglückliche prompt in ihren schwulen Therapeuten Theodor. Und der gehört eigentlich selbst auf die Couch: Seine Patienten nerven ihn, und sein Lebensgefährte – ein Maler in der „Hummerphase“ – will die Trennung. Verständlich, dass es ihm schwerfällt, sich auf die Sorgen anderer zu konzentrieren. Macht nichts, denn schließlich hat Natalie die Erkenntnis: Jeder ist seines Glückes Schmied. Und das Glück wiederum kommt in den seltsamsten Formen. Manchmal auch in der eines Apothekers oder eines kleinen Mopses.

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Seitenzahl: 330

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Buch

Natalie Schilling hat die gefürchtete Vierzig überschritten, ist frustrierte TV-Buchmoderatorin, Kochkolumnistin und Single und muss sich nun auch noch der großen Sinnfrage des Lebens stellen. Und weil die Antwort darauf so leicht nicht zu finden ist, sucht sie sich Hilfe bei dem Psychotherapeuten Theodor Silberstadt. Leider verliebt sie sich dabei in ihn, nicht wissend, dass er schwul ist und seinerseits gerade mit einer Krise zu kämpfen hat: Seine Patienten strengen ihn nur noch an, und er ist nicht mehr in der Lage, Beruf und Privatleben zu trennen, worunter sein langjähriger Partner David zunehmend leidet. David, Kunstmaler und derzeit in der »Hummerphase«, trennt sich kurzerhand von Theodor – und es gibt nur eine einzige Person, die den traurigen Therapeuten wieder aufbauen kann: Hertha Silberstadt, seine achtzigjährige Mutter, ein Berliner Original mit großem Herzen und schräger Lebensweisheit. Dann kommen noch ein kunstliebender Apotheker, seine kleine Tochter Rosie und der Mops Feivel ins Spiel. In dem Moment, da sich diese Alltagshelden kennenlernen, platzen die Knoten. Ein zwischenmenschliches Netzwerk entwickelt sich, Lösungen drängen sich geradezu auf, und einem Happy End steht nichts mehr im Weg. All das in nur einem einzigen Berliner Sommer!

Autorin

Tanja Wekwerth wollte eigentlich schon immer schreiben. Ihr Lebensweg führte sie aber zunächst nach Paris, wo sie mehrere Jahre lebte und als Model und Übersetzerin arbeitete. Zurück in Berlin flog sie als Stewardess für Lufthansa – ein Beruf, der sie zu ihrem ersten Roman inspirierte. 12 Jahre lang schrieb Tanja Wekwerth ihre wöchentliche Kolumne »Tanjas Welt« für die Zeitschrift Laura.

Mehr zum Buch und zur Autorin unter www.tanjawekwerth.de

Tanja Wekwerth

Ein Hummer

macht noch keinen Sommer

Roman

1. Auflage

Originalausgabe Juli 2013

Copyright © 2013 by Tanja Wekwerth

Copyright © dieser Ausgabe 2013

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagbild: FinePic®, München,

und mauritius images/Hagen Willsch

LT · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-09965-7

www.goldmann-verlag.de

Für Ian, Bennet, Victor, Zoé

Mich erstaunen Leute,

die das Universum begreifen wollen,

wo es schwierig genug ist,

in Chinatown zurechtzukommen.

Woody Allen

Ich bin ein Sechsundsechziger-Jahrgang. Nach der chinesischen Astrologie ein Feuerpferd. Das ist etwas ganz Besonderes. Ich bitte Sie, wer will schon ein Affe sein oder ein Hahn? Oder eine Ziege? Allerdings sollen Frauen, die in einem Feuerpferd-Jahr geboren werden, Unheil über die eigene Familie und die ihres Ehemannes bringen. Angeblich wurde deswegen 1966 in Japan vermehrt abgetrieben. Auch die Sterblichkeitsrate weiblicher Babys stieg in dieser Zeit stark an. Nun, meine Eltern sind keine Japaner. Und auch keine Chinesen. Und einen Ehemann habe ich auch nicht. Wie komme ich darauf? Manchmal rede ich einfach zu viel. Sie fragten nach meiner ersten Kindheitserinnerung. Ich erinnere mich an die Mondlandung.«

»An was genau erinnern Sie sich?«

»Daran, dass mein Vater ganz aufgeregt war und mir etwas im Fernsehen zeigte. Ich sah eine groteske, weiße Schaummaus, die herumhüpfte und komische Geräusche machte, und blieb unbeeindruckt. Dass es die Bilder der Mondlandung waren, habe ich erst viele Jahre später begriffen. 1969 war ich noch nicht mal drei Jahre alt, und das Verhalten meines Vaters gefiel mir gar nicht: Er riss die Gardinen aus den Schienen und deutete mit fuchtelnden Armen hinaus. Dort sah ich … den erleuchteten Funkturm. Wir wohnten gleich gegenüber vom Zentralen Busbahnhof, in der Nähe des Messegeländes. Das ICC war damals noch nicht gebaut. Das kam erst später dazu und vervollständigte die glitzernde Berliner Skyline, die ich jahrelang vor Augen haben würde.«

»Sie drücken sich ja geradezu poetisch aus.«

»Ich mag wohlformulierte Worte. So bekommt das Gesagte mehr Tiefgang.«

»Erzählen Sie weiter.«

»Was soll die Aufregung, fragte ich mich, der Funkturm war doch schon immer da. Er gehörte zum ersten Wortschatz, den ich überhaupt besaß: Papa, Mama, Funkturm.

›Auf dem Mond!‹, schrie mich mein Vater an. Na und, dachte ich. Den Mond sah ich sowieso jeden Abend, egal, ob er am Himmel stand oder nicht. Es gab nämlich im Fernsehen diesen Bären, kennen Sie den noch? Diese Zeichentrickfigur, die kurz vor zwanzig Uhr auftrat? Oh! Mein! Gott! Was für einen Blödsinn Sie sich anhören müssen.«

»Reden Sie weiter.«

»Der Bär schaukelte um die Spitze des Funkturms herum, die sich dabei hin und her bog wie eine Gummischlange, und plötzlich ließ der Bär los, segelte durch die Luft und landete butterweich in der Mondsichel, die wie eine Wiege hin- und herschaukelte. Das Bärchen deckte sich mit einer Wolke zu und schloss die Augen, und eine abschließende Melodie ertönte. Abend für Abend. Und ich fühlte so etwas wie Verachtung für meinen Vater, dass er sich dermaßen aufregen musste, bloß weil er vielleicht gerade das Bärchen gesehen hatte. War doch klar, dass es immer wieder dort oben herumturnte.«

»Was fällt Ihnen dazu noch ein?«

»Wissen Sie, es hallt mir immer noch in den Ohren, dieses ›Auf dem Mond‹. Als hätte ich Wesentliches in meinem Leben bis heute nicht begriffen.«

»Die Zeit ist um.«

Natalie Schilling stand auf, strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie fühlte sich ein wenig benommen. Es ermüdete sie, sich selbst reden zu hören. Sie hatte den Eindruck, im Laufe ihres Lebens Erfahrungen angesammelt zu haben wie alte Handtaschen in der Tiefe ihres Kleiderschranks, aber ohne einen Hauch von Bewusstwerdung einfach immer weiterzuleben.

Ihre gelegentlichen, völlig unvorhersehbaren Weinkrämpfe (letzte Woche zum Beispiel, beim Kauf einer Schachtel belgischer Meeresfrüchte-Pralinen) führte sie auf diese Tatsache zurück, und ihre Angstanfälle auch. Neulich, als sie eine nie benutzte Nudelmaschine in den Keller bringen wollte, hatte sich die Überzeugung, dass hinter dem Heizrohr ein mordlustiger, Gollum-artiger Zwerg hockte, der vor lauter Vorfreude, ihr gleich einige Gliedmaßen abzusägen, bereits leise knurrte, wie ein klebriger Pelzkragen um ihren Hals gelegt. Ja, genau so war die Empfindung gewesen: ein klebriger Pelzkragen um ihren Hals, das musste man sich mal vorstellen. Laut schreiend und um sich schlagend war sie die Treppe wieder nach oben gerannt. Die Nudelmaschine war ihr dabei aus den Händen geglitten und mit einem hohlen Geräusch kaputtgegangen. Wieder in ihrer Wohnung angelangt, hatte sich Natalie geschämt. Wie eine Fünfjährige, die zu viele Herr-der-Ringe-DVDs hintereinander gesehen hatte, führte sie sich auf. Aber zurück in den Keller würden sie trotzdem keine zehn Pferde bekommen. Irgendetwas hatte hinter dem Heizrohr geknurrt. Vielleicht eine Ratte?

Natalie fragte sich, was schlimmer gewesen wäre: ein knurrender Zwerg, ausgestattet mit einer Kettensäge, oder eine mutierte Riesenratte mit leuchtenden Augen und vermutlich spitzen Zähnen. Dann fiel ihr ein, dass die Kettensäge des Zwergs ja eine Zwergenkettensäge hätte sein müssen oder zumindest eine Spezialanfertigung aus dem Nebelgebirge im Norden Mittelerdes, und sie lachte kurz auf. Aber dann machte sie sich ernsthafte Sorgen um ihren Geisteszustand. Sie war ja total verrückt.

Natalie beschloss, etwas zu unternehmen. Nach einigen teuer bezahlten Sitzungen »Seelenvolle Rückführung in verdrängte Vorleben« bei einem immerzu tumb lächelnden Heilpraktiker, der beim Ausstreichen ihrer löchrigen Aura ab und zu ihre Brüste berührte, hatte sie die Entscheidung getroffen, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Das kam ihr irgendwie weltlicher vor. Und so war sie hier gelandet.

Ein attraktiver, hochgewachsener Mann war er, dieser Theodor Silberstadt. Mitte fünfzig, schätzte Natalie, aber sie war sich nicht sicher. Gepflegt, sympathisch, elegant, mit dunkelbraunen Augen und fein geschwungenen Lippen. Er hatte sein erstaunlich dichtes, dunkles Haar mit glänzendem Gel nach hinten gekämmt, was an die Frisuren der Dreißigerjahre-Filmstars erinnerte. Seine Hände gefielen Natalie besonders gut: schmal und blass und blau geädert, irgendwie aristokratisch. Am linken Mittelfinger trug er einen Silberring mit einer antiken Münze. Manchmal setzte er sich eine Hornbrille auf seine lange, leicht gekrümmte Nase, was ihm das Aussehen eines konzentrierten Vogels gab, vor allem wenn er seinen Kopf beim Zuhören nach links neigte.

Natalie war erst dreimal hier gewesen. Bis jetzt schien Theodor Silberstadt seinen hohen Stundensatz ausschließlich dafür zu nehmen, dass er ihr aus dem Mantel half, mit seiner langen Hand auf ein rotes Sofa deutete und eine Schachtel Kleenex zurechtrückte. Ab und zu machte er »Hm« oder stellte eine kurze Zwischenfrage. Mehr nicht.

Dass das Sofa ausgerechnet rot sein musste, war ein so himmelschreiendes Klischee, dass es Natalie körperlich wehtat. Sie verspürte jedes Mal ein dumpfes Ziehen im Unterleib, wenn sie sich dem burgunderfarbenen Samt näherte. Die rote Couch. Du liebe Güte. Das konnte nicht wahr sein. Aber vielleicht war es ein Zeichen? Natalie suchte immer nach Zeichen, die ihren Lebenskurs korrigieren und in die richtige Richtung weisen sollten. Die rote Couch von Irvin Yalom! Ein toller Roman war das gewesen, den sie in ihrer Büchershow zu gern vorgestellt hätte. Ja – Natalie straffte die Schultern –, sie hatte eine eigene TV-Show, die sie einmal in der Woche moderierte. Kein bedeutender Sender und auch nicht um 20 Uhr 15, aber immerhin.

Genau genommen war es eigentlich nicht ihre Show. Sie hatte lediglich den Bücherblock von zehn Minuten Länge zu bestreiten. In dieser Zeit musste sie fünf Neuerscheinungen vorstellen und positiv bewerten. »Darf ich auch mal etwas Negatives sagen?«, hatte sie neulich gefragt, denn sie war es leid, Vampirromane und kiloschwere Historienschmöker anzupreisen, in denen es immer wieder um verworrene Huren- oder Hebammenschicksale im Mittelalter ging. Nein, nein, war ihr von der Programmleitung geantwortet worden, die Büchershow verstünde sich als eine Sendung, die den Zuschauern Lektüre ans Herz legen wollte. Man hielte sich da ganz an Heidenreichs Standpunkt und werde den Zuschauern nicht die Zeit mit Verrissen stehlen.

So hätte sie es ja gar nicht gemeint, hatte Natalie widersprochen, sie würde Bücher grundsätzlich lieben, fände aber, dass es glaubwürdiger wäre …

Mittelfristig sei geplant, die ganz großen Verlagshäuser als Sponsoren zu gewinnen, war sie unterbrochen worden, und das könne nur gelingen, wenn Bücher beworben und nicht negativ beurteilt würden. Basta. Natalie hatte genickt und sich gedacht, dass Frau Heidenreich bei dieser Bücherauswahl sowieso die dünnen Haare zu Berge stehen würden.

Aber was konnte sie schon ausrichten? Sie durfte sich die Bücher, die sie vorzustellen hatte, ja nicht mal aussuchen. Meistens hatte sie sie gar nicht gelesen. Wer konnte schon fünf Bücher in einer Woche bewältigen und nebenher noch Kolumnen für Zeitschriften schreiben? Oft googelte sie einfach die Titel und druckte sich ein paar Rezensionen aus, die sie kurz vor ihrem Auftritt noch mal durchlas. »Ein gaaanz außergewöhnlicher Roman …«, rief sie dann mit breitem Lächeln in die Kamera und hasste sich selbst. Doch sie wurde ganz gut bezahlt, und manchmal sprach sie jemand auf der Straße an, was sie enorm genoss, was sie aber auch dazu zwang, immer gut aussehen zu müssen. Eine weitere Macke: Sie legte sogar Lippenstift auf, wenn sie um Mitternacht den Mülleimer runterbrachte. Es könnte ja sein, dass sie auf der Treppe ins Stolpern geraten, sich mehrmals überschlagen und tödliche Verletzungen zuziehen würde. Dann wollte sie wenigstens eine halbwegs attraktive Leiche abgeben, wenn sie schon neben einer zerrissenen Mülltüte ihr Ende finden sollte.

Natalie ließ die Haustür hinter sich zufallen. Sie stand nun auf der sonnigen Leonhardtstraße und schüttelte den Kopf über ihren letzten Gedankengang. Das war auch lästig: dass sie immer so viele Bilder vor Augen hatte. Andauernd kamen ihr merkwürdige Assoziationen und Ideen. In aller Deutlichkeit sah sie sich mit gebrochenen Gliedmaßen am Fuße einer Treppe liegen (genau so wie Meryl Streep in Der Tod steht ihr gut), ihr schimmerndes Haar wie einen Fächer um ihren um 180 Grad verdrehten Kopf gebreitet, neben sich bedauerlicherweise diese geplatzte Mülltüte, aus der feuchter Kaffeesatz quoll, ein ungelesener heiterer Frauenroman, gefolgt von bräunlich angelaufenen Bananenschalen. Moment mal – Natalie blinzelte angestrengt in die Sonne –, sie mochte überhaupt keine Bananen. Aber heitere Frauenromane, wenn sie wirklich witzig geschrieben waren, wie die von Sophie Kinsella und Kerstin Gier, eigentlich ganz gerne. Natalie durchforstete ihre Handtasche nach einer Sonnenbrille. Ein Pochen über der rechten Augenbraue kündigte Migräne an. Seufzend gab sie die Suche auf und lief langsam in Richtung Stuttgarter Platz davon. Sie musste bis morgen noch zwei Kolumnen schreiben (eine übers Kochen für La Cuisine, eine übers Leben für Divina), aber sie würde sich jetzt trotzdem die Zeit für einen Milchkaffee auf der Straßenterrasse vom Café Dollinger nehmen, Leute beobachten, ein paar Notizen machen und eine Formigran schlucken.

▶◀

Theodor gähnte. Ein Blick auf den Terminplaner sagte ihm, dass ihm jetzt gleich Heinz Schleyberger bevorstand, ein übergewichtiger Mittsechziger, der sich Frauen überlegen fühlte, aber unbedingt eine Beziehung eingehen wollte. Bedauerlicherweise wollte niemand eine Beziehung mit ihm eingehen, was er überhaupt nicht verstehen konnte. Zahlreiche Kontaktanzeigen hatten ihm kein Glück gebracht. Dass dies eigentlich kein Grund war, einen Therapeuten aufzusuchen, schien ihm nicht einzuleuchten.

Theodor fühlte sich seit längerer Zeit unterfordert. Hinz und Kunz gingen heutzutage zum Therapeuten. Und Schleyberger eben auch. Theodor gähnte noch einmal. Dabei knackte sein Kiefer.

Die Frau eben, die schien wirklich ein Problemchen zu haben. Sie sprach nun schon zum dritten Mal ziemlich genau fünfundfünfzig Minuten lang sprunghaft und hektisch über Banalitäten, als umkreise sie verbal einen wunden Punkt. Neulich hatte sie sogar Bemerkungen über das Wetter gemacht. Erst in den letzten fünf Minuten ließ sie sich etwas Tiefgründigeres aus der Nase ziehen. Bisher war es immer um ihren Vater gegangen. Sie war ein Einzelkind, so viel hatte Theodor herausbekommen.

Er stand auf, um die Fenster zu öffnen. Durch die Äste der Linden hindurch hätte er Natalie an einem kleinen runden Tisch auf dem Trottoir in der Sonne sitzen sehen können. Sie träufelte gerade Bachblüten-Notfalltropfen in ihren Milchkaffee. Aber in diesem Augenblick ertönte die Klingel, und Theodor ging zur Tür. Es war Heinz Schleyberger, atemlos vom Treppensteigen.

»Tach, Herr Doktor.«

»Guten Morgen.« Theodor ließ ihn eintreten und an der Garderobe ablegen. Nur Frauen nahm er die Mäntel ab, Männer konnten das allein erledigen. Dann deutete er auf die rote Couch und setzte sich wieder an seinen gläsernen Schreibtisch.

»Habe mich mit einer Dame namens Matilde getroffen«, erstattete Heinz Schleyberger Bericht. »Sie kam mit fünfzehnminütiger Verspätung, entschuldigte sich aber dafür, was ich als ein gutes Zeichen wertete, denn es war doch immerhin höflich. Verspäten kann sich ja jeder mal, sagte ich zu ihr, aber eigentlich glaube ich, dass man nur früh genug losgehen muss, und dann kommt man auch nicht zu spät. Und wer zu spät kommt, der hat seinen Termin von vorneherein nicht so ernst genommen. Und das sagte ich auch der Matilde, aber als sie sich so nett entschuldigte, da dachte ich …«

Theodor hatte Mühe, sich zu konzentrieren. Warum sagt der immer Matülde?, fragte er sich. Dann riss er sich zusammen und gab seinem Gesicht einen konzentrierten Ausdruck.

»Ist ja auch glaubwürdig«, sagte Schleyberger gerade, »ich meine, jedem kann mal ein Aquarium explodieren, dafür kann man ja nichts. Und dass man dann nicht alles am Boden rumzappeln lässt, sondern erst mal aufräumt, ist ja vollkommen in Ordnung. Aber, ich sag mal so, ich denke, dass …«

Cogito, ergo sum, dachte Theodor, und so etwas wie Verzweiflung überkam ihn. »Herr Schleyberger« unterbrach er seinen Klienten, »Herr Schleyberger« eine kurze Zwischenfrage: Wenn Ihr Leben eine Brücke darstellte, wo auf ihr würden Sie gerade stehen?« Mit beiden Händen knetete Theodor seine Ohrmuscheln.

»Auf der Brücke?«

»Ja. Auf der Brücke.«

»Na ja. Ich weiß nicht. Führt sie über Wasser, diese Brücke? Oder ist es eine Autobahnbrücke?«

»Das ist gleichgültig.« Theodors Ohren glühten.

»Mir ist es nicht gleichgültig.«

»Herr Schleyberger, es geht doch um das Bild, verstehen Sie? Es geht um den symbolischen Wert der Brücke.«

»Die Brücke soll also mein Leben darstellen?«

»Ja. Genau.«

»Ist es eine Hängebrücke oder eine Bogenbrücke?«

»Wo stehen Sie auf der Brücke?«

»Um darauf zu antworten, muss ich wissen, um was für eine Brückenart es sich handelt«, erwiderte Heinz Schleyberger, und ein belustigtes Lächeln umspielte seine Lippen. Er fand sich originell, das konnte man ihm ansehen. Die feisten Hände auf dem Bauch gefaltet, die Daumen in rasantem Tempo umeinander kreisend, wartete er gespannt darauf, was Theodor erwidern würde.

»Es geht Ihnen gar nicht darum, meine Frage zu beantworten, nicht wahr, Herr Schlauberger?« Theodor hatte seinen Platz am Schreibtisch verlassen, stand nun am Fenster und zerrte am Griff. Luft, er brauchte Luft. Gleich würde er ersticken. »Es geht Ihnen ausschließlich darum, Ihre Mitmenschen davon zu überzeugen, dass sie Sie genauso großartig finden wie Sie sich selbst. Und da wundern Sie sich, dass es niemand mit Ihnen aushält? Ich sag Ihnen was: Aquarien explodieren nicht einfach so, und auch mit Matülde wird es nichts werden, weil Sie ein selbstsüchtiger, adipöser Langweiler sind. Wollen Sie einen Rat? Nein, den wollen Sie gewiss nicht, aber ich gebe Ihnen trotzdem einen: Gehen Sie zu den Weight Watchers, melden Sie sich in einem Fitnessclub an, und halten Sie einfach öfter mal den Mund. Sie sind lange nicht so toll, wie Sie glauben. Sie sind …«

Mit einem knirschenden Ruck sprang das Fenster auf, Vögel sangen, als stünden sie unter Drogen. Theodor verstummte und lehnte sich weit hinaus. Das konnte nicht wahr sein, dass er all das eben tatsächlich gesagt hatte.

Hinter sich, auf dem roten Sofa, hörte er Schleyberger keuchen. »Na, hören Sie mal …«

»Ich … äh …«, stammelte Theodor. Er war ja vollkommen wortinkontinent, er brauchte dringend Urlaub. Zu seinem Entsetzen fühlte er ein hysterisches Kichern, das sich durch seine Luftröhre nach oben zu schieben schien und gleich seinen Mund ausfüllen würde. »Hiimpf«, machte Theodor erstickt und krümmte sich.

»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, Herr Silberstadt«, sagte Schleyberger irritiert. »Sie benehmen sich heute so sonderbar. Ist das vielleicht Teil einer Therapie oder so was?«

Theodor prustete laut heraus, dann riss er sich zusammen. »Ja«, antwortete er mit bebender Stimme und ballte die Hände zu Fäusten. »So ist es. Ein ganz neuer Therapieansatz aus den Vereinigten Staaten. Einem spontanen Negativ-Wortschwall folgt eine positive Reaktion, oft in Form eines kleinen Heiterkeitsausbruchs.« Theodor brachte ein schiefes Grinsen zustande, nicht mehr als ein wackliger Damm, gegen den sich eine mächtige Lachanfall-Flut drückte. »So wird die Si-hi-hi-tuation überwunden und relativi-hi-hiert. Eine neue Ebene entsteht, über die dann eine Hängebrücke führen kann, verstehen Sie?«

»Klar.« Heinz Schleyberger begann dröhnend zu lachen. »Und ich dachte zuerst, Sie meinen es ernst!«

»Lassen Sie uns …«, Theodor rieb sich über sein linkes, zuckendes Auge, »für heute aufhören. Man muss mit neuen Therapien vorsichtig sein. Das war ein bisschen viel auf einmal.«

»In Ordnung. Dann zahl ich aber auch nur die Hälfte.«

»Sie brauchen heute überhaupt nicht zu bezahlen.«

»Ist ja toll.«

»Auf Wiedersehen.«

An der Tür drehte sich Schleyberger noch einmal um. »Und meinten Sie wirklich, dass Aquarien nicht einfach so explodieren, oder gehörte das schon zur neuen Therapie?«

»Jeden Tag explodieren in Deutschland Tausende von Aquarien, Herr Schleyberger. Und Tausende von Frauen kommen deswegen zu spät zu ihren Verabredungen.«

Mit weit aufgerissenen Augen nickte Schleyberger, dann verschwand er ohne ein weiteres Wort.

Theodor war das Lachen vergangen. Wenn er etwas hasste, dann war es Unbeherrschtheit, Unkontrolliertheit, Unprofessionalität. Merkwürdigerweise waren das genau die Eigenschaften, die er sich in letzter Zeit immer häufiger selbst zuschreiben musste. Wie neulich im Kino, als er plötzlich nicht mehr in der Lage gewesen war, sich auf den Film zu konzentrieren. Auf einmal nahm er nur noch schmatzende Kussgeräusche, Husten, Flüstern, Schniefen und das knurpsende Kauen unzähliger Popcornfresser wahr. Er hatte versucht, ruhig zu atmen, tief ins Tandien hinein, wie es ihm seine Qigong-Lehrerin beigebracht hatte, doch davon wurde ihm plötzlich übel, und völlig entnervt war er aufgestanden und hatte »Ruhe, verdammt noch mal!« in den dunklen Kinosaal gebrüllt. David hatte ihn hinausführen müssen. Was war nur los mit ihm?

Theodor griff zum Telefonhörer.

▶◀

Der Pinsel jagte wie ein gehetztes Tierchen über die Leinwand, übersprang in weitem Bogen ein Gebilde, das aussah wie eine burgunderrote Bodden-Seenlandschaft, und landete inmitten von schwarzen Sprenkeln, einen grünen Fleck hinterlassend, der weniger Effekt hatte, als beabsichtigt gewesen war.

David kniff die Augen zusammen und trat einen Schritt zurück.

Das Telefon klingelte.

Erschrocken zuckte er zusammen.

Er könnte das schrille Klingeln einfach ignorieren, weitermalen und diesen lächerlichen laubfroschgrünen Fleck in etwas Smaragdhaftes verwandeln. Doch er war zu neugierig und nahm ab.

»Hallo?«

»Ich bin’s.«

»Was gibt’s?«

»Ich habe eben einem Klienten gesagt, dass er ein selbstsüchtiger Langweiler ist, und dann habe ich es nicht geschafft, einen Lachkrampf zu unterdrücken.«

David gab einen gackernden Laut von sich.

»Das ist nicht lustig«, sagte Theodor.

»Doch, ist es. Es klingt nach einer Szene aus einem Woody-Allen-Film.«

»Na ja.«

»Was möchtest du von mir hören?«

»Ich weiß nicht.«

David fixierte den grünen Fleck. Er hat das ganze Bild versaut, dachte er. Ich werde ihn übermalen.

»Bist du noch dran?«

»Ja«, antwortete David. »Lass uns heute Abend in Ruhe darüber reden. Vielleicht hast du eine Midlife-Crisis oder so was.«

»Ich bin viel zu alt für eine Midlife-Crisis!«, begehrte Theodor auf.

»Dann ist es eben eine Altersdepression.«

»Du bist gemein.«

»Heute Abend, Theodor, ja? Ich komme zu dir. Um halb acht bin ich da.«

»So spät erst?«

»Ich muss hier fertig werden.«

»David?«

»Hm?«

»Ach, nichts.«

»Was?«

»Nichts.«

»Na dann.«

»Bis heute Abend.«

David legte den Hörer zurück auf die Ladestation und starrte einen Augenblick auf seine farbverschmierten Handrücken. Was war nur los mit Theodor? Er klang überarbeitet und müde. Er sollte ein bisschen kürzertreten, schließlich war er nicht mehr der Jüngste, immerhin fünfzehn Jahre älter als er. David seufzte. Dann richtete er seine Konzentration wieder auf den grünen Fleck. Vielleicht war er doch nicht so übel? Er würde ihn erst einmal trocknen lassen und dann entscheiden.

▶◀

Um einundzwanzig Uhr traf David in Theodors Wohnhaus am Lietzenseepark ein, das nur einen kleinen Spaziergang von seiner Praxis entfernt lag. Er klingelte. Dreimal kurz, dreimal lang, ihr Erkennungszeichen. Der Türöffner ertönte sofort, der Fahrstuhl im Jugendstil stand auch schon bereit. Rumpelnd beförderte er David in den vierten Stock. Es roch nach Berliner Hausflur, ein wenig staubig und alt. David wäre lieber im Freien geblieben. Der Sommerabend war so herrlich. Vielleicht könnte man noch einmal ausgehen?

Als der Fahrstuhl mit einem Ächzen hielt, öffnete Theodor gerade die Wohnungstür. Er trug eine Küchenschürze mit provenzalischem Muster und hatte bereits eine halbe Flasche Rioja getrunken. Sein emotionaler Zustand schwankte zwischen Niedergeschlagenheit und Aggressivität. Mit einem Grissini-Stängchen deutete er anklagend auf sein Gegenüber. »Warum bist du so spät?«

»Ich habe mich über einem grünen Fleck verloren«, antwortete David, der das Fahrstuhlgitter etwas zu kraftvoll hinter sich zufallen ließ. »Ich kann mich einfach nicht entschließen, ihn auszumerzen, irgendwie scheint er eine Daseinsberechtigung zu haben.«

»Deine Sorgen und Rockefellers Geld möchte ich haben.« Wie ein Dirigent fuchtelte Theodor mit dem Grissino herum.

»Was ist denn das für eine blöde Formulierung?«, rief David, der sich ungerecht behandelt fühlte. »Und Geld hast du wohl genug.«

»Ach!« Das Grissino brach entzwei. »Darum geht es dir nur noch?«

»Hör schon auf! Warum machst du so einen Aufstand?«

»Du bist zu spät.«

»Dürfte ich trotzdem reinkommen? Ich mag nicht schon im Hausflur mit dir herumstreiten.« David lächelte versöhnlich und küsste Theodor flüchtig auf den Mund. Dann ging er an ihm vorbei, über den Flur ins Wohnzimmer, warf sich aufs Sofa und starrte durch die gegenüberliegenden Fenster. Der Himmel war voller Abendglanz. Im Wasser des Sees spiegelten sich die ersten Lichter der umstehenden Häuser, und auch der Funkturm begann zu glitzern.

»Schön«, murmelte David.

»Wenn es dir doch so gut gefällt, warum ziehst du dann nicht endlich zu mir?«, erwiderte Theodor, der die Wohnungstür geräuschvoll geschlossen hatte und David gefolgt war. »Dein Atelier in Mitte kannst du ja zum Arbeiten behalten, aber wohnen tust du hier.« Ihm fiel selbst auf, wie nörgelig seine Stimme klang.

»Bitte nicht schon wieder dieses Thema.«

»Wir sind jetzt seit fünfundzwanzig Jahren zusammen«, sagte Theodor, der im Türrahmen lehnte. »Findest du nicht, wir haben die Probezeit bestanden?«

David antwortete nicht. Er schien gar nicht zuzuhören und zeigte Theodor sein kantiges Profil.

Theodor seufzte. Dann hob er die Nase und schnupperte. Mit einem Aufschrei eilte er in die Küche, wo einige Zweiglein Rosmarin auf einer verschmorten Lammschulter Feuer gefangen hatten. Während Theodor fluchend die Ofentür aufriss und sich an dem Schwall austretender heißer Luft die Nasenspitze versengte, war David aufgestanden. Er entzündete die Kerzen, die in zwei antiken silbernen Haltern auf dem bereits gedeckten Esstisch standen.

»Kann ich helfen?«, rief er. Doch wüstes Topfgeklapper hielt ihn davon ab, seine Frage zu wiederholen. Stattdessen legte er eine CD ein. »Chanson, juste pour toi, chanson un peu triste, je crois …«, sang eine melancholische Frauenstimme. David stellte sich ans Fenster und schaute wieder hinaus.

Mit beleidigter Miene trug Theodor das Abendessen herein. Sein Gesicht war rötlich verfärbt.

»C’est une chanson d’amour fané, comme celle que tu fredonnais.«

»Ah, diese dumme Kuh«, sagte Theodor.

»Ich dachte, du magst Carla.«

»Seitdem sie mit diesem französischen Zwerg verheiratet ist und tantige Kostüme trägt, finde ich sie albern.«

»Soll ich ausmachen?«

»Ist jetzt sowieso egal.« Theodor rieb sich die schmerzende Nasenspitze. »Wenn du willst, bedien dich an staubtrockenem Lammfleisch, pampigen Zucchini und steinhartem Baguette. Die Crevetten habe ich schon weggeschmissen.«

David sah ihn an. »Du machst diesen ganzen Aufstand für eine kleine Verspätung?«

»Ich will, dass wir zusammenleben.«

»Soll das eine Drohung sein?«

»Ja.«

David lachte. Dann bohrte er die Fleischgabel in den Lammbraten und bekam sie nicht wieder heraus.

»Und wenn ich nicht will?«

Theodor entkorkte eine weitere Flasche Rotwein, goss ein, reichte David ein Glas quer über den Tisch und trank selbst einen großen Schluck. »Wenn es nicht klappt, dann ziehst du eben wieder aus«, sagte er mit etwas schwerer Zunge. »Was haben wir schon zu verlieren?«

David zögerte. Einiges, dachte er. Er und Theodor hatten sich am 2. Mai 1985 kennengelernt. Dieser Moment war so lange her, dass er aus einem Vorleben zu stammen schien, so etwas wie eine karmische Erinnerung sein musste.

1985 war David achtzehn Jahre alt und Flugbegleiter bei der PanAm gewesen. Die Berliner Mauer hatte noch gestanden. Beides war heutzutage unvorstellbar.

1985 war das Wrack der Titanic entdeckt worden.

1985 hatte David noch ziemlich viele blonde Locken auf dem Kopf gehabt und ausgesehen wie die fleischgewordene David-Statue von Michelangelo.

Vieles hatte sich seitdem verändert, nur er und Theodor waren noch immer zusammen. Ein Grund für so viel Dauerhaftigkeit war in Davids Augen gerade die Tatsache, dass sie sich nie eine Wohnung geteilt hatten.

Nach dem Fall der Mauer hatte Lufthansa die Flugrechte von PanAm übernommen, David war auf Langstrecke gegangen, und dann, Mitte der Neunzigerjahre, hatte er Krampfadern und chronisch entzündete Stirnhöhlen bekommen. Er kündigte, um sich ganz der Malerei widmen zu können. Diese Entscheidung war eine der wichtigsten in seinem Leben, die zwar mit einem finanziellen Desaster einherging (nun ja, so schlimm nun auch wieder nicht, denn Theodor war ja da), doch David fühlte sich seitdem so herrlich selbstverwirklicht. Er war damals noch nicht einmal dreißig Jahre alt gewesen, und das Leben wurde immer verheißungsvoller. Inzwischen pulsierte Berlins Mitte wieder. Studenten, Künstler, junge, hippe Leute lebten dort. Die Boheme. Und deswegen musste David auch dorthin. Theodor hatte Verständnis gehabt und ihn moralisch und finanziell unterstützt. Seitdem war David selig, er hatte das Gefühl, in einer selbst erschaffenen, virtuellen Welt zu leben. Er liebte die Nächte im Atelier, eingehüllt in Stadtgeräusche und den Geruch von Farbe. Er liebte »seine süße, kleine Auguststraße«: den Tapas-Teller im ruz, hausgemachten Apfel-Möhre-Ingwer-Saft aus der Fresh Eatery, die Dachterrasse der Amano-Bar.

Und mich, würde Theodor an dieser Stelle sagen, mich liebst du nicht, oder was? Sie hatten schon so oft deswegen gestritten. In letzter Zeit immer häufiger. Theodor schien wie besessen von der Idee, mit David zusammenzuleben, und brachte die Sprache immer wieder darauf. David war es leid. Vielleicht sollte er Theodor seinen Willen lassen? Das Atelier würde er ja nicht aufgeben, er würde weiterhin jeden Tag dort malen und abends mit dem Fahrrad nach Charlottenburg fahren, um mit Theodor den Abend und die Nacht zu verbringen. Sehr bürgerlich kam ihm dieser Lebensplan vor. Und er gefiel ihm überhaupt nicht. Er würde seine Freiheit aufgeben, sich nicht mehr spontan mit seinen Aktmodellen auf ein Bier verabreden können, um mit ihnen über die Touristenscharen, die Kunstszene und die Halsabschneider von Galeristen zu lästern, und dann weiterziehen, in die nächste Bar. Mit einem seiner Modelle landete er für gewöhnlich wieder im Atelier. Man küsste sich, manchmal auch mehr. Man trank Espresso und beobachtete, wie der Himmel hinter den Atelierfenstern seine Farbe veränderte.

Seit einigen Wochen war David vernarrt in Tim, ein schwarzes Unterwäsche-Model aus San Francisco. Er hatte ihn schon mehrfach gemalt, ohne Unterwäsche, dafür mit einer Osram-Glühbirne in der Hand. Er hatte so energetisch ausgesehen: der schwarze Muskelmann, ein modernes Lichtsymbol haltend. Wie Luzifer, der gefallene Engel. Ein Triptychon wollte David zu diesem Thema malen, ein Tim-Triptychon mit der Bay Bridge im Hintergrund.

Das und viel mehr kann ich mir dann wohl vorerst von der Backe putzen, dachte David. Adieu, Berlin-Mitte. Adieu, künstlerische Freiheit, Adieu, Tim …

»Je suis excessivement triste«, sang Carla Bruni nicht besonders traurig.

David räusperte sich. Vielleicht ging Theodor ja auf einen Kompromiss ein? »Was hältst du von folgender Idee? Du verkaufst die Wohnung hier, und mit dem Geld suchen wir uns etwas Passendes am Prenzlauer Berg, vielleicht zwei Wohnungen in einer netten Hausgemeinschaft.«

Theodors Augen verengten sich. »Bin ich eine zwanzigjährige Studentin aus Wuppertal, oder was? Der Prenzlberg! Das kann nicht dein Ernst sein. Da wohnen die, die es nicht besser wissen.«

Ein lautes Seufzen entfuhr Davids Brust.

Theodor beobachtete ihn scharf. Davids träumerischen Blick aus dem Fenster hatte er als ein Versinken in Erinnerungen gedeutet, das kaum merkliche Hochziehen seiner Schultern als ein Fügen ins Unvermeidliche. Und jetzt kam er ihm mit dem Prenzlauer Berg. Theodor wurde immer wütender. Was war so grässlich daran, nach Charlottenburg zu ziehen, mietfrei in einer Sieben-Zimmer-Altbau-Wohnung zu leben, deren einziger Nachteil darin bestand, dass sie keinen Balkon hatte? Dafür lag ihr der Lietzenseepark zu Füßen. Theodor hatte diese Traumwohnung Mitte der Siebzigerjahre von einer alten Tante geerbt, an die er sich kaum erinnern konnte. Deswegen hatte er damals, ein junger Student der Psychologie, auf dem Luisenfriedhof auch nicht besonders unglücklich ausgesehen, als die Tante beerdigt wurde. Aber er fühlte sich ihr auf eine tiefe, unaussprechliche Weise verbunden und bekundete dies durch das Niederlegen eines imposanten Blumenkranzes.

Meiner Tante. In Liebe und Dankbarkeit. Theodor.

Nach der Trauerfeier war Theodor in Hochstimmung gewesen. In einem Taxi hatte er sich in seine Wohnung chauffieren lassen, unterwegs wies er den Fahrer an, kurz vor einem Spirituosengeschäft zu halten, um eine Flasche Pommery zu kaufen. Dann ging die rasante Fahrt weiter. Draußen regnete es. Das würde Theodor, die eisgekühlte Flasche Champagner an sein wild schlagendes Herz gepresst, niemals vergessen.

Die Wohnung war leer, nur im Wohnzimmer war ein enormer Wandspiegel im Napoleon-Stil hängen geblieben. Theodors aufgekratzter Überschwang verflog, was nichts mit dem Spiegel zu tun hatte, der ihm gut gefiel. Aber er war sich des großen Moments bewusst, und andächtig, wie bei einer Kirchenbesichtigung, schritt er durch alle sieben Zimmer. Das Parkett knarrte unter seinen Schritten, was er als einen Willkommensgruß interpretierte. Und dann – Theodor (der seinen Rundgang gerade beendet hatte und wieder im Wohnzimmer angelangt war) wusste das wirklich zu schätzen, denn er liebte dramatische Szenen – brach urplötzlich eine winterliche Nachmittagssonne aus den Wolken hervor und fing sich im goldenen Rahmen des Spiegels. Theodor nahm die Champagnerflasche vom marmornen Kaminsims und ließ den Korken knallen. Nun konnte das Leben losgehen.

»Ich überleg es mir in Ruhe.« David spießte ein Brokkoli-röschen auf seine Gabel, das so weich gekocht war, dass es auf den Teller zurückfiel.

»An was hast du eben gedacht?«, fragte Theodor. »Als du aus dem Fenster geschaut hast.«

»Warum willst du das wissen?«

»Nur so.«

David stöhnte. »Man kann sich keinen Augenblick mit dir unterhalten, ohne dass du einen bis auf die Knochen analysierst. Neulich hast du sogar eine Telefonmitarbeiterin vom Otto-Versand ganz mürbe gequatscht.«

»Woran hast du gedacht?«

David lächelte boshaft. »An die Titanic.«

»Oh«, machte Theodor betroffen. »Dafür muss man nicht studiert haben, um zu begreifen …«

»Es ist eine Frage des Blickwinkels«, erwiderte David gelassen.

»Ich bin der Eisberg, du die Titanic?« Fragend hob Theodor die Augenbrauen.

»Falsch.«

»Ich bin Kapitän Smith, und du bist die White Star Line?«

»Auch nicht.«

»Ich bin Rose, und du bist Jack?«

David schlug die Beine übereinander. »Ist dir aufgefallen, dass du dir immer die Hauptrollen gibst?«, fragte er.

Theodor verschluckte sich am Rioja. »Ich finde nicht, dass Rose die Hauptrolle hat, Jack nimmt schließlich ein höchst dramatisches Ende, und …«

»Und ist dir außerdem aufgefallen, dass du jeden Satz mit dem Wörtchen Ich begonnen hast?«, fuhr David fort.

Theodor stand schnell auf. Davon wurde ihm schwindelig, und er musste sich an der Tischkante festhalten. »Warum willst du nicht bei mir wohnen?«

»Ich brauche gewisse Freiheiten.«

»Aber die hast du doch!«, rief Theodor. »Du bekommst zwei Zimmer, eins mit Seeblick und eins, das in den Hof hinausgeht. Und ich bringe dir jeden Morgen eine Tasse Kaffee ans Bett. Und dann gehe ich in die Praxis, und du gehst malen, und am Abend treffen wir uns wieder hier, und ich koch uns was Feines. Das wird fabelhaft.«

»Genau das meine ich«, erwiderte David mit schmalen Lippen. »Wie Vati und Mutti.«

Theodor sah ihn betroffen an. Dann begann er schweigend den Tisch abzuräumen.

Sofort schämte sich David. »Ich wollte dich nicht kränken!«, rief er, denn Theodor war der wunderbarste, großzügigste Mensch, den es auf der ganzen Welt gab. Er spendete Geld für Haiti und Pakistan und für SOS-Kinderdörfer. Er kaufte das Obdachlosenblatt Motz immer gleich stapelweise. Er war es außerdem, der immer noch die Miete für Davids Atelier bezahlte, satte tausend Euro monatlich.

»Theodor!«, rief David. Doch was hatte er zu sagen? Er war ja glücklich mit der Situation. Er wollte weiterhin mit Theodor zusammen sein, mit ihm durch die Antiquitätengeschäfte der Suarezstraße bummeln oder stundenlang an der Austernbar vom KaDeWe rumhängen. Und natürlich am Sonntagabend den Tatort bei ihm sehen. Und den Rest der Zeit wollte er ein Künstler sein, frei und ungebunden und ein wenig zügellos. Zwei Seelen rumorten in ihm. Teilpersönlichkeiten, hatte Theodor ihm einmal in einem anderen Zusammenhang erklärt. David mochte seine Teilpersönlichkeiten, den Spießer und den Bohemien, gleichermaßen gern.

»Ich will ja gern mit dir hier wohnen!«, rief er.

»Wirklich?« Theodors Augen leuchteten auf.

»Aber nicht sofort.«

»Worauf wartest du?«

»Auf eine Eingebung.«

»Das ist albern. Du willst mich nur hinhalten.«

»Bedräng mich nicht«, sagte David und schloss kurz seine blauen Augen. »Respektiere meine Entscheidung.«

»Selbstverständlich.« Theodor nickte. Dann räusperte er sich. »Ich habe Eclairs im Kühlschrank. Von Délices Normands. Magst du?«

»Jetzt hast du es wieder geschafft!«

»Was?«

»Dass ich ein schlechtes Gewissen habe«, klagte David.

»Soll ich mich entschuldigen?« Theodor ging in die Küche. »Möchtest du Kaffee oder Tee?«, rief er von dort.

»Nein.«

»Ich mach mir einen Hagebuttentee, möchtest du wirklich nicht?«

»Nee.«

David ließ sich auf das Sofa fallen, schaltete den Fernseher ein und atmete tief durch. Diesmal schien der Kelch an ihm vorübergegangen zu sein. Trotzdem fühlte er sich miserabel. Theodor war so liebenswert, so weltoffen, so charmant. Wenn er durch den Park spazierte, kam er an keinem Kinderwagen vorbei, ohne verzückt hineingespäht und mit den Müttern geplaudert zu haben, er sprach auch mit den Senioren, die im nahe liegenden Altersheim wohnten und ihren täglichen Gang am See entlang machten. Die Kinder auf dem Spielplatz winkten ihm zu, und er winkte zurück. Theodor interessierte sich wirklich für die Menschen, egal, woher sie kamen, egal, wie alt sie waren, und deshalb liebten ihn alle. Theodor, Theodor, Theodor, dachte David plötzlich genervt. Theodor fehlte nur noch ein Heiligenschein. Selbst die Enten im Park schnatterten ihm freundlich entgegen.

In Windeseile zappte sich David durch das spätabendliche Programm.

Mit einer Tasse setzte sich Theodor aufs Sofa und reichte David einen Dessertteller mit zwei schokoladeüberzogenen Eclairs. »Was gefunden?«

»Nö.« David starrte auf den Teller. »Wollen wir noch mal rausgehen?«

»Ich bin müde. Lass uns lieber eine DVD sehen. Wie wäre es mit Doris Day? Ein Hauch von Nerz?«

»Gleich.« David zappte weiter und verschlang dabei die beiden Eclairs. Er hatte immer noch Hunger.

»Halt!«, rief Theodor plötzlich. »Was war denn das eben? Schalt mal zurück.«

»Astro-TV? Soll Sarina einen Blick in deine Zukunft werfen?« David kicherte mit vollem Mund.

»Nein, nein, noch weiter zurück.« Theodor war ganz aufgeregt. »Genau. Halt. Stopp! Die Büchershow. Das ist Natalie Schilling.«

»Wer ist Natalie Schilling?«

Theodor starrte, ohne Antwort zu geben, auf den Bildschirm.

»Kennst du die?«, fragte David weiter.

»Ja, doch.«

»Woher denn?«

»Pssst.«

»Gut sieht sie aus.« David nickte anerkennend und leckte sich Schokolade vom Daumen. »Ein bisschen wie Andrea Sawatzki. Ich mag ja diesen rothaarigen Sommersprossen-Typ. Obwohl ihr das helle Blau nicht steht. Sag ihr das mal bei nächster Gelegenheit.«

»Ich bin ihr Therapeut, nicht ihr Stylingberater«, entgegnete Theodor gereizt.

»Ha! Jetzt hast du dich verplappert!«, feixte David.

»Halt mal den Mund, David, ich will zuhören.«

»… verstörend und ungemein faszinierend geschrieben«, sagte Natalie gerade und hielt ein Buch in die Höhe. »Sie werden sich dem mysteriösen Zauber dieses Vampirromans einfach nicht entziehen können …«

»Meinst du, sie hat Botox um die Augen?«, fragte David.

»Pssssst.«

»Eine verdrehte Welt wird hier sehr überzeugend geschildert, in der das Böse anziehend und erstrebenswert scheint, während das, was wir bisher als gut und richtig erachtet haben, ins Blutleere absinkt. Dieser Roman verdreht einem geradezu den Kopf. Seien Sie wachsam beim Lesen, denn das Gift wirkt nachhaltig.« Natalie lächelte maliziös in die Kamera. Dann wurde abgeblendet, und ein Mann in einem schwarzen Rollkragenpullover kam ins Bild.

»›Der ontologische Unterschied‹«, sagte er mit gekränkter Miene, »heißt mein neues Buch, das gesellschaftliche Krusten aufbrechen wird.«

»Was für ein Schwätzer«, sagte David. »Ist erVogelkundler?«

Theodor machte eine Grimasse. »Nicht ornithologisch.«

»Vielleicht onkologisch?«

»Was auch immer ihn plagt, er sollte Bungee springen oder mit Haien tauchen, dann würde er die Menschheit nicht mit seinen Sottisen quälen.«

David lachte und senkte die Lautstärke des Fernsehers.

»Aber meine kleine Natalie hat sich doch gut geschlagen«, sagte Theodor eifrig.

»Deine kleine Natalie? Wie besitzergreifend du sein kannst.«

»Ich finde sie nett.«

»Was erzählt sie denn so?«

Theodor spielte an seinem Ring. »Das darf ich doch nicht sagen.«

»Seit wann denn das?«, fragte David und streckte sich auf dem Sofa aus. »Du erzählst mir doch sonst immer alles. Und du musst zugeben, dass ich dir schon sehr häufig gute Ratschläge geben konnte.«

»Ich erzähle dir lediglich hin und wieder etwas aus der Praxis, weil du zu hundert Prozent verschwiegen bist und weil …«

»Gib es zu.«

»Was denn?«

»Dass ich dir im Laufe der Jahre viele wertvolle Tipps geben konnte und zahlreiche deiner Klienten …«

»Ja, doch.«

»Also, erzähl endlich. Ich schweige wie ein Grab.«

Theodor fuhr sich durchs Haar. »Als kleines Mädchen beobachtete sie zusammen mit ihrem Vater die Mondlandung im Fernsehen. Aber sie verstand nicht, um was es ging.«

»Hä? Ich kann nicht folgen.«

»Ach, David, es ist eine erste Kindheitserinnerung, nicht mehr und nicht weniger. Man sollte das nicht aus dem Kontext herausreißen.«

»Warum machst du es so kompliziert?«, unterbrach ihn David. »Erzähl weiter.«

Theodor seufzte. »Als ihr Vater aus dem Fenster deutete, um ihr den Mond zu zeigen, sah sie nur den Funkturm dort stehen und fand ihren Vater albern in seiner Aufregung.«

David nickte. »Penisneid.«

»Unsinn. Ich wusste, dass du das sagen würdest.« Verärgert pustete Theodor in seinen Hagebuttentee.

»Also, ich bitte dich.« David richtete sich ein wenig auf. »Das ist so durch und durch phallisch, dass es schon wehtut. Ihr Vater zeigt ihr den Mond, und alles, was sie sieht, ist der Lange Lulatsch.«

Theodor schüttelte den Kopf. Er wollte jetzt gern eine Dusche nehmen, in seinem Schlafzimmer ein wenig meditieren und dann schlafen.

»Der Mond ist weiblich«, sagte er und stand auf.

»Der Mond? Haha.«

»Du weißt schon, wie ich es meine.«

»Umso mehr unterstreicht es meine Theorie«, unterbrach David, »der Vater will sie auf den Mond aufmerksam machen, und sie kapiert überhaupt nicht, um was es ihm geht.«

»Sie war nicht mal drei Jahre alt«, sagte Theodor und stellte die Tasse auf den Couchtisch.

»Das ist durch und durch freudianisch!«, rief David und schlug mit der flachen Hand aufs Sofa. Er schien richtig munter zu werden.