Ein Hund mit Flügeln - Paul Maar - E-Book

Ein Hund mit Flügeln E-Book

Paul Maar

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Beschreibung

Paul Maars »Ein Hund mit Flügeln« sammelt unveröffentlichte Texte aus einem langen Autorenleben: Philipp hat sich in seinem Leben festgefahren, da trifft er eines Tages eine junge Frau, die barfuß auf der Friedhofsmauer sitzt. Ein Ehepaar streitet sich beim Frühstück über Alltägliches, während ein ungeheurer Racheplan Gestalt annimmt. Herr Lampert besteht als genialer Schildbürger die Abenteuer des Alltags auf seine Weise. Und ein Königssohn geht durch die Tür, die man nicht öffnen darf. Paul Maars Erzählungen – ergänzt um unveröffentlichte Reiseerinnerungen, Gedichte und Zeichnungen – entdecken das Komische im Tragischen und das Ernste im Heiteren, das Kind im Erwachsenen. Sie kennen die Abgründe der Seele und fliegen darüber hinweg, leicht und mit der alles ermöglichenden Kraft der Phantasie. Es sind die bisher verborgenen Seiten eines langen Autorenlebens. Sie sind ein Geschenk.

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Seitenzahl: 154

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Paul Maar

Ein Hund mit Flügeln

Erfundenes und Erlebtes

 

 

 

 

Über dieses Buch

 

 

Paul Maars »Ein Hund mit Flügeln« sammelt unveröffentlichte Texte aus einem langen Autorenleben: Philipp hat sich in seinem Leben festgefahren, da trifft er eines Tages eine junge Frau, die barfuß auf der Friedhofsmauer sitzt. Ein Ehepaar streitet sich beim Frühstück über Alltägliches, während ein ungeheurer Racheplan Gestalt annimmt. Herr Lampert besteht als genialer Schildbürger die Abenteuer des Alltags auf seine Weise. Und ein Königssohn geht durch die Tür, die man nicht öffnen darf.

 

Paul Maars Erzählungen – ergänzt um unveröffentlichte Reiseerinnerungen, Gedichte und Zeichnungen – entdecken das Komische im Tragischen und das Ernste im Heiteren, das Kind im Erwachsenen. Sie kennen die Abgründe der Seele und fliegen darüber hinweg, leicht und mit der alles ermöglichenden Kraft der Phantasie. Es sind die bisher verborgenen Seiten eines langen Autorenlebens. Sie sind ein Geschenk.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Paul Maar ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautoren. Geboren 1937 in Schweinfurt, arbeitete er nach einem Studium der Malerei und Kunstgeschichte zunächst als Lehrer. Nach rund 40 Büchern und Theaterstücken für junge Leserinnen und Leser erschien bei S. Fischer 2020 »Wie alles kam. Roman meiner Kindheit«. Maars Werk wurde vielfach gewürdigt, unter anderem mit dem E.T.A.-Hoffmann-Preis und dem Friedrich-Rückert-Preis. Etliche Schulen tragen seinen Namen.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Um den heißen Brei

Hundertfünfundzwanzig Dohlen

fliegen heimlich und verstohlen

um den Topf mit heißem Brei.

Hundertvierundzwanzig Dohlen

fliegen heim, um was zu holen,

denn nur eine von den Dohlen

hat den Löffel mit dabei.

Spitznase

– Tee oder Kaffee?

– Hörst du überhaupt zu, Arno? Tee oder Kaffee?

– Haben wir denn beides?

– Wie jeden Morgen, das weißt du doch.

– Dann Tee.

– Du wirkst so abwesend. Du wolltest doch heute beim Frühstück diesen Brigitte-Test mit mir machen. Woran denkst du?

Gut, dass sie nicht weiß, woran ich denke. Sie würde mich für verrückt halten, zumindest für gestört. Ist auch nicht nachzuvollziehen, dass mich die spitze Nase dieses Mannes derart aufregt, mich so abstößt. Und dieses blasierte Gesicht! Es missfällt mir so sehr, dass ich an Strafe denken muss, an Rache. Dabei kenne ich ihn nur vom Sehen und aus Evas Andeutungen.

– Das Wetter ist doch ganz schön. Wir könnten schon am Vormittag wegfahren. Hörst du mir eigentlich zu?

– Natürlich höre ich zu. Am Vormittag wegfahren, ja.

Ich sehe ihn fast täglich im »Einhorn«. Er sitzt immer draußen am dritten Tisch, vom Bach her gesehen. Ich werde mich zu ihm setzen, fragen, ob der Platz noch frei sei. Nein, besser am Nebentisch. Er soll mich gar nicht bemerken. Dann müsste er aber einmal von seinem Platz aufstehen. Vielleicht muss er mal auf die Toilette? Darauf kann ich mich nicht verlassen. Ich muss mir eine Methode ausdenken, die ihn zum Aufstehen bringt. Wenn er dann aufsteht …

– Natürlich höre ich dir zu! Der Vormittag ist gut. Einverstanden.

Ich werde also am Nebentisch …

… in Norditalien ein Flugzeugabsturz ereignet. Ein Airbus vom Typ A320 …

– Aber nur, wenn das Wetter so bleibt.

… das Heck der Maschine. Mit mindestens dreißig Toten …

Am Nebentisch also, und ich muss erreichen, dass er aufsteht. Vielleicht lasse ich ihn hinausbestellen? Das geht nicht, dann gibt es Mitwisser, das ist schlecht, ich muss die Sache allein durchziehen.

– Holst du uns bitte das Salzfass?

Immer vergisst sie das Salzfass.

– Wenn man es umwirft, bedeutet das Pech. Sieben Jahre Pech, Eva.

– Nein, das ist, wenn der Spiegel kaputt geht.

– Und was geschieht, wenn das Salzfass umfällt?

– Natürlich fällt Salz heraus, das musst du mir nicht sagen, Arno. Ich meine, da gibt es doch einen Aberglauben dazu.

– Dann gibt es Ehestreit!

An den Nebentisch also. Ich muss veranlassen, dass er aufsteht. Irgendwie werde ich es schon schaffen. Wie, ist jetzt egal. Er steht also auf.

– Du denkst wieder an was ganz anderes. Warum Ehestreit?

– Das sagt man halt so.

Er steht auf, und ich schütte schnell einige Tropfen des Betäubungsmittels in seinen Kaffee. Oder in sein Bier. Ist egal. Ist wahrscheinlich nicht egal, denn ins Bier muss ich mehr Tropfen geben, ist ja mehr Flüssigkeit. Oder doch nicht? Die Anzahl der Tropfen bleibt ja gleich. Wenn er das Bier ausgetrunken hat, sind das genauso viele Tropfen, wie wenn er die Tasse leer trinkt. Oder verdünnt das Bier zu sehr?

– Streichst du morgen die Spielkiste?

– …

– Natürlich hast du Zeit!

– …

– Nein, lieber blau. Ich finde blau schöner als grün. Außerdem haben wir noch eine Dose mit blauem Lack im Heizungskeller stehen.

– …

– Doch, das passt zu den Vorhängen. Blau passt zu jeder anderen Farbe.

– Vielleicht kannst du wenigstens den Kistendeckel grün streichen?

– Dann kann ich gleich die ganze Kiste grün streichen.

… Zahl der Toten hat sich auf mehr als fünfzig erhöht. Maschine völlig ausgebrannt. Tausende von Schaulustigen …

An den Nebentisch. Ich werde mich also an den Nebentisch setzen. Es sollten aber natürlich nur wenige andere Gäste im Garten sein. Ich muss ihn ja unbemerkt wegbringen können. In einem Innenraum wäre das unmöglich. Vielleicht warte ich wirklich, bis er auf die Toilette geht. Wenn er zurückkommt, habe ich das Gift schon in den Kaffee geträufelt. Oder ins Bier. Er wird es austrinken. Nun muss ich auf der Hut sein. Entsetzlich, wenn gerade in diesem Augenblick neue Gäste kämen. Was würde ich tun? Am besten gleich bezahlen und schnell gehen. Man würde es für einen Schwächeanfall halten, für ein plötzliches Unwohlsein.

– Heißt es nicht immer, das Heck eines Flugzeugs sei am sichersten?

– Doch, man sagt es. Bruno sagt es auch. Er ist schon oft geflogen und reserviert sich immer einen Platz im Heck. Wenn die Maschine ins Meer stürzt, kann man vielleicht noch aussteigen.

– Der Airbus ist aber an Land zerschellt! Ich kann mir sowieso nicht vorstellen, dass man noch austeigen kann, wenn das Flugzeug ins Meer fällt.

– Gibt es da hinten im Heck überhaupt eine Tür? Das ist bestimmt so ein Aberglaube wie mit dem Salzfass.

– Pass auf, du bist mit dem Ellbogen im Honig!

Zäh. Klebrig. Die Finger kleben.

– Mit nassem Tuch entfernen, ja.

Nasser Fleck im Pullover, unangenehm.

– Kann ich einen neuen Tee haben, der ist schon kalt.

Er wird wahrscheinlich Kaffee bestellen. Bier ist zu vulgär. Passt nicht zu seiner arroganten Nase. Nachdem er den Kaffee ausgetrunken hat, werden noch zwei Minuten vergehen. Die entscheidenden zwei Minuten. Wenn in diesem Augenblick neue Gäste kommen, ist alles umsonst. Er wird das Bewusstsein verlieren, ohnmächtig werden. Ich werde ihn aufnehmen, festhalten, als wäre er betrunken. Falls jemand uns sieht. Die Kellnerin soll uns allerdings nicht sehen. Ich schleppe ihn zum Auto, setze ihn auf den Beifahrersitz und fahre los. Nein, ich muss ja noch zahlen.

– Hier schau mal, in der Brigitte …!

– Was für ein Test?

– Ein Ehemänner-Test. Hör zu: Wenn Sie eine kleine Summe im Lotto gewinnen, was würden Sie tun? A) Sie kaufen Ihrer Frau ein Geschenk. B) Sie verschweigen ihr den Gewinn. C) Sie legen das Geld auf einem Sparkonto an.

Idiotisch, diese Tests. Man weiß genau, was man antworten muss, um die Höchstpunktzahl zu erreichen.

– Antwort B: Ich verschweige den Gewinn.

– Ehrlich? Das würdest du tun?

Ich würde es natürlich nicht tun, ich würde es ihr sagen, und sie würde sich davon ein Paar Schuhe kaufen.

– Du sollst mich nicht beeinflussen, sondern die Punktzahl notieren! Na gut.

Ich muss ganz nah am Gartenlokal parken. Aber ich muss ja vorher noch zahlen. Nicht bei der Kellnerin, sie darf sich nicht an mich erinnern. Ich lege das Geld einfach auf den Tisch. Etwas mehr, als die Rechnung ausmachen würde. Mit Trinkgeld. Im Süden macht man das auch so. Ich werde seinen linken Arm um meine Schulter legen und ihn um die Hüfte fassen. Seine Füße werden am Boden schleifen. Egal.

– Würden Sie Ihrer Frau auch nach Geschäftsschluss …

– Ich wähle B. Ist völlig gleichgültig, was ich wähle.

– …

– Ja, B!

Ich setze ihn auf den Beifahrersitz und fahre aus der Stadt. Ganz schnell aus der Stadt. Draußen halte ich an und bugsiere ihn auf die Rückbank.

– Frage vier …

Ich darf dabei nicht gesehen werden. Auf die Rückbank also.

– Ach so: Antwort C.

– …

– Wie bitte? Dann B. Ich wollte B sagen! Doch, ich meinte B.

Er darf nicht aufwachen, sonst bin ich verloren. Sofort, wenn er auf dem Rücksitz liegt, werde ich mich zurückbeugen und ihn chloroformieren. Ich muss nur aufpassen, dass ich mich dabei nicht selbst betäube. Absurd, wenn ich ohnmächtig würde am Steuer. An einen Baum rasen würde. Rasen werde ich allerdings. Alles wird schnell gehen.

– Welche Figur mir von den dreien am besten gefällt? Ich nehme die runde.

Die bringt bestimmt die meisten Punkte. Ein Ehemann soll rund sein und ausgeglichen, keine spitzen Winkel, keine Ecken, an denen die Ehefrau sich reiben kann. Alles rund und behäbig.

– Vierzehn! Vierzehn Punkte, nicht fünfzehn. Acht und sechs sind vierzehn. Zähl’s an den Fingern ab!

Ich werde den ganzen Nachmittag und den ganzen Abend fahren. Er liegt auf dem Rücksitz. Ich kann ihn nicht im Rückspiegel sehen, er liegt zu tief. Wenn eine gerade Strecke kommt, keine Kurven, werde ich langsam fahren und den Kopf wenden. Ich will ihn beobachten, während er schläft, seine Spitznase nach oben gereckt. Er darf nicht aufwachen. Wenn ich merke, dass er unruhig wird, muss ich sofort anhalten, die Flasche mit dem Chloroform herausholen und den Wattebausch. Vielleicht sollte ich das schon tun, bevor er unruhig wird.

– Achtundvierzig Punkte!

Er darf einfach nicht aufwachen. Aber wie soll ich feststellen, dass er bald unruhig werden wird? Zu viel Chloroform kann gefährlich werden.

– Hier lies es selbst: 48 bis 50 Punkte: Ihrem Partner fehlt nur ein klein wenig Einfühlungsvermögen, um der ideale Ehemann zu sein. Aber er ist auf einem guten Weg. Gratulation!

Ich muss schnell fahren. In einem Minimum an Zeit ein Maximum an Kilometern. Dann komme ich endlich in der Gegend an, wo wir vor zwei Jahren auf unserem Urlaub durchgekommen sind. Eine wüste Gegend, abgelegen, man kann kaum glauben, dass es so einen Landstrich überhaupt noch gibt. Einspurige Fahrbahn! Wie weiche ich aus, wenn tatsächlich ein Wagen entgegenkäme? Auf den Wiesenrand. Man wundert sich geradezu, dass sie dort schon elektrisches Licht haben. Diese einsamen Weiler, mitten im Wald gelegen. All diese Ortschaften, die auf »–hausen« enden. Wildershausen, Rottershausen, Schweinshausen. Die nächste Bundesstraße ist Stunden entfernt. Wir werden mitten in der Nacht ankommen. Alle werden schlafen, sie gehen mit den Hühnern zu Bett. Ich werde den Motor abstellen, das Auto leise die abschüssige Dorfstraße hinunterrollen lassen, bis zu dem Gasthof, in dem Eva auf die Toilette ging, vor zwei Jahren, als wir uns verfahren hatten. Im Urlaub vor zwei Jahren. Das Gasthaus wird einen breiten Schatten über die Straße werfen, und das Aushängeschild, der goldene Adler, wird schwarz gegen den hellen Nachthimmel stehen wie auf einer Amateurfotografie. Nein, weshalb sollte der Mond scheinen? Es wird dunkel sein, tintenschwarz. Ich habe ja ein ausgezeichnetes Ortsgedächtnis, sogar Bruno lobt es. Die Dunkelheit wird mich nur noch besser verbergen. Neben dem Gasthaus, in den Hang eingelassen, gibt es einen Raum, eine Aushilfsküche, Waschküche oder so was Ähnliches. Man steigt drei Stufen nach unten und befindet sich in einer dunklen Kammer, in der leere Waschbottiche in zufälliger Anordnung auf dem Steinboden stehen. Die Tür wird nicht abgeschlossen sein. Ich werde auf die Bremse treten, ganz sanft. Niemand wird am nächsten Morgen ein Auto gehört haben. Ich werde aussteigen und die Tür weit öffnen. Dann zurück zum Wagen. Ich werde seinen Körper aufnehmen und durch die Tür tragen. Drinnen setze ich ihn in einen der Bottiche. Nein, ich setze ihn einfach auf den Boden, seinen Rücken an die gekalkte Wand gelehnt. Wenn ich dann die Tür leise hinter dem ohnmächtig Schlafenden anlehne, ins Auto steige, die Handbremse löse, den Wagen die Dorfstraße hinabrollen lasse, den zweiten Gang einlege, den Zündschlüssel drehe, den Motor kommen lasse, fahre, dann ist meine Aufgabe erledigt. Und dann erst beginnt die eigentliche Rache. Ich werde es nicht miterleben können. Aber ich stelle es mir genau vor.

– Gibst du mir bitte die Zeitung?

– Ich will erst noch die Nachrichten lesen …

– Natürlich steht nichts drinnen vom Flugzeugabsturz. Der hat sich doch erst heute ereignet, und die Zeitung ist schon gestern Abend gedruckt worden.

Das macht sie jetzt absichtlich, um mich zu ärgern. So lange liest sie sonst nie in der Zeitung.

– Bist du jetzt fertig? Kann ich bitte die Zeitung haben? Danke!

Hinter der aufgeschlagenen Zeitung verstecken. Keine Störung! Ich will meine Rache genießen können. Ich lege ihn also in diese Kammer und fahre zurück. Er wird lange schlafen. Die Wirkung des Chloroforms lässt nicht gleich nach. Wenn ihn nicht das Tageslicht weckt, das durch die halb geschlossene Tür in die Kammer scheint, dann vielleicht Schritte und Stimmen von Menschen.

Sie stehen sehr früh auf, die Menschen dort. Gehen mit den Hühnern zu Bett und wachen mit dem ersten Hahnenschrei auf. Ob er langsam erwachen wird, das Gefühl schmerzender Härte am ganzen Körper verspürend? Der Tastsinn erkennt das Außerordentliche der Situation, das Ungewöhnliche, ehe es Bewusstsein geworden ist. Oder es gibt ein jähes Erwachen, den Anblick eines kleinen Fensters. Außergewöhnlich nicht die Einzelheiten des Fensters, sondern die Feststellung, dass das Fenster sonst beim Erwachen immer woanders war. Vielleicht wird er versuchen, sich auf die andere Seite zu drehen. Oft, im Augenblick zwischen Schlaf und Erwachen, ist uns das Zimmer fremd, weil wir im Traum Kinder waren und beim Erwachen das Schlafzimmer unserer Kindheit vermissen, bis wir – nun ganz wach – das Zimmer erkennen, in dem wir schon seit Jahren schlafen. Der Moment wird von einem plötzlichen Schrecken begleitet sein. Nicht das kurze Schreckgefühl, wenn wir nachts aus dem Bett hochschrecken, in einem schwarzen Raum schweben, nicht wissend, wo oben und unten ist, ob wir ein Koloss sind oder klein wie ein Finger, bis das gleichmäßige stets aus derselben Richtung kommende Ticken des Weckers uns das Gefühl für Umgebung und Zeit wiederschenkt und ein neuerliches Einschlafen behaglich begleitet. Es wird ein Schreckgefühl sein, das bleibt und ihn zur völligen Reglosigkeit zwingt. So, als ob das Wesen des Schlafs die Reglosigkeit wäre und er, wenn er sich der Starrheit hingäbe, unverzüglich wieder in den Schlaf zurückfiele und alles als Traumgesicht eine Erklärung fände. Aber seine Starrheit wird keine Rettung bringen. Er wird einen unbekannten Raum um sich sehen, Waschbottiche, vielleicht einen Weidenkorb oder einen Karton mit Holzwolle oder Holz. Er beginnt sich zu fragen, wo er hier ist und wie er hierherkam. Er ist nicht gefesselt. Er findet die Tür offen. Er erhebt sich, atmet heftig und stoßweise wie nach schwerer körperlicher Arbeit, setzt sich wieder hin, lehnt sich an die Mauer. Die letzte Erinnerung ist, dass er in einem Gartenlokal, dem »Einhorn«, an einem Tisch saß, eine Tasse vor sich. Absonderliche Geschichten fallen ihm ein von Menschen, die das Gedächtnis verloren, es nach Jahren wiederfanden und sich an die Zeit dazwischen nicht mehr erinnern konnten. Er schaut an seinem Anzug herunter, es ist noch der gewohnte, den er in letzter Zeit immer trug. Endlich entschließt er sich, den unbekannten Raum zu verlassen. Er tritt auf die leicht abfallende Straße, vor ihm das Gasthaus zum Goldenen Adler. Er will es betreten, aber die Eingangstür ist abgeschlossen, der Besitzer und seine Frau haben schon im ersten Morgenlicht das Haus verlassen, die Sense und die Heugabel über der Schulter. Jetzt ruft er, aber niemand antwortet ihm. Ein Hund bellt. Ein alter Mann geht vorbei, sein Staunen über diesen Fremden im Dorf hinter einer gleichgültigen Miene verbergend. Der Fremde wird ihn ansprechen: »Wo bin ich?« »Na, hier!«, sagt der alte Mann und geht weiter. Der Nasenmann wird ihm folgen, wird versuchen, ihn aufzuhalten. »Wie heißt das Dorf hier?« Der Alte wird ihn für verrückt halten: Steht im Zentrum eines Ortes und weiß nicht, wo er ist! Er muss es anders anstellen. »Wo komme ich hin, wenn ich in dieser Richtung weitergehe?« Der Alte nennt ihm den Namen eines Dorfes oder Städtchens, den er noch nie gehört hat. Er muss ruhig bleiben, seine Verzweiflung bekämpfen. »Und was kommt danach?« Der Alte betrachtet ihn misstrauisch. Ein Fremder, der merkwürdige Fragen stellt und einen anderen Dialekt spricht. Vielleicht so: »Wie viele Kilometer sind es bis zum nächsten großen Ort?« Der Alte weiß es nicht, er ist nie aus seinem Dorf rausgekommen. Eine Polizeistation in der Gegend? Gibt es nicht. Als er nach der Abfahrtszeit des Busses fragt, zuckt der Alte die Schultern. Es gibt keinen Bus. Außerdem entdeckt mein Nasenmann, dass er sowieso kein Geld bei sich hat. Kein Geld und keinen Ausweis. Beides liegt bei mir im Handschuhfach. Ein Dritter, der vorbeikommt, spendiert dem armen Verrückten vielleicht ein Frühstücksbrot, bevor der sich aufmacht, zu Fuß zum nächsten Ort zu gehen. Kein Auto überholt ihn, nur ein mit Milchkannen beladener Wagen kommt ihm entgegen. Im Lauf des Vormittags wird es heiß. Er zieht die elegante Jacke aus, trägt sie über die Schulter gelegt. Schließlich wird sie ihm zu schwer, er hängt sie an den Ast eines Apfelbaums und geht mit hochgerollten Hemdsärmeln weiter. Als sich nach einer Stunde immer noch kein anderer Ort in der Ferne zeigt, wird er von einem Gefühl der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit übermannt, sitzt am Rand des Weges und bricht in Tränen …

– Sag mal, bist du hinter deiner Zeitung eingeschlafen? Soll ich allein den Tisch abdecken?

– Nein Schatz, ich helfe dir natürlich.

… da der Pilot unter den Toten ist, kann er nichts mehr zum Unglück aussagen. Genaueres wird man nach Auswertung der Blackbox erfahren …

– Was ist denn eine Blackbox?

– Die zeichnet alles auf, was im Flugzeug vor sich geht.

– Für dich sollte man auch so eine Blackbox haben.

– Damit du sie auswerten kannst?

– Und was wird mit der Spielkiste?

– Streiche ich grün, noch heute Nachmittag.

– Wir hatten blau ausgemacht. Blau! Du kannst einfach nicht zuhören, wenn man mit dir spricht!

Manchmal

Manchmal, an gewissen trüben Tagen,

wenn man morgens aus dem Fenster schaut,

wirken all die sonst gewohnten Dinge

plötzlich fremd und fahl und unvertraut.

Langsam schwebt die Feder auf den Boden,

lautlos hängt ein Fußball in dem Grau,

eine Fahne brennt mit bleicher Flamme,

rissig ist der Felsen, kalt und rau.

Eine Flasche glänzt im Strahl der Sonne,

Fallschirmseide flattert weiß und wild.

Du drückst auf die Fernsehtaste

und der Bildschirm zeigt dein eignes Bild.

Robinson

Es war das Jahr, in dem Slobodan Milošević zurücktreten musste, George W. Bush amerikanischer Präsident wurde, und Ludmilla Enderle mein Nokia-Handy klaute.

Es war Juni, und es war sehr, sehr heiß.

Die Uni Stuttgart-Hohenheim gab später mit 18,2 Grad den höchsten Juni-Durchschnittswert seit dem Jahr 1878 bekannt. Der Juni 1878 muss die Hölle gewesen sein.

Ich wachte um neun Uhr auf, fühlte mich aber immer noch müde. Es war stickig im Zimmer.