Ein Hut voller Sterne - Terry Pratchett - E-Book

Ein Hut voller Sterne E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Ein Märchen für Groß und Klein voller Zauber und Poesie

Die aufgeweckte Tiffany Weh war erst neun Jahre alt, als sie nur mit einer Bratpfanne bewaffnet ein Monster bezwang, ihren kleinen Bruder aus der Hand der bösen Feenkönigin befreite und für ein paar Tage die Kelda – eine Art Königin – der wüsten kleinen freien Männer war. Doch nun locken Tiffanys Gaben einen bösen Geist an, der das junge

Mädchen beherrschen will ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 427



Sammlungen



Buch

Die aufgeweckte Tiffany Weh war erst neun Jahre alt, als sie beherzt und nur mit einer Bratpfanne bewaffnet ein Monster bezwang, ihren kleinen Bruder aus der Hand der bösen Feenkönigin befreite und für ein paar Tage die Kelda – eine Art Königin – der wüsten kleinen freien Männer war. Doch jetzt muss Tiffany dringend ihre magischen Kräfte in den Griff bekommen: Denn die in ihr schlummernden Gaben locken einen bösen, uralten Geist an, der sich in ihr einnistet und ihr ganzes Wesen zu übernehmen droht. Doch Tiffany gibt ihr Selbst nicht kampflos auf – und auch die rauflustigen kleinen freien Männer eilen zu Hilfe …

Autor

Terry Pratchett, geboren 1948, gilt als einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Von seinen mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Romanen wurden weltweit bisher über 80 Millionen Exemplare verkauft, seine Werke sind in 38 Sprachen übersetzt. Für seine Verdienste um die englische Literatur wurde ihm sogar die Ritterwürde verliehen. Terry Pratchett starb im März 2015.

Terry Pratchetts Fanclub in Deutschland: www.pratchett-fanclub.de

Mehr Informationen zum Autor und seinen Büchern sowie eine Gesamtübersicht über seine bei Goldmann und Manhattan lieferbaren Titel erhalten Sie unter www.pratchett-buecher.de

Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »A Hat Full of Sky« bei Doubleday, an imprint of Random House Children’s Books, London.

You Are My Sunshine (J. Davis / C. Mitchell)© 1940 Southern Music Pub. Co. Inc.; USAPeermusic (UK) Ltd., Londonverwendet mit freundlicher Genehmigunghier

3. Auflage Taschenbuchausgabe November 2007 Copyright © der Originalausgabe 2004 by Terry and Lyn Pratchett. Copyright © der Innenillustrationen 2004 by Paul Kidby Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Discworld® is a trademark registered by Terry Pratchett This edition is published by arrangement with Transworld Publishers, a division of The Random House Group Ltd. All rights reserved. Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur NG · Herstellung: Str.

Inhaltsverzeichnis

CopyrightEinleitung1 - Aufbruch 2 - Zweihemden und Zwei Nasen 3 - Eine Dame wie keine Zweite 4 - Der Pln 5 - Der Kreis 6 - Der Schwärmer 7 - Die Sache mit Brian 8 - Das geheime Land 9 - Seele und Zentrum 10 - Der Spätentwickler 11 - Arthur 12 - Der Egress 13 - Der Hexenwettbewerb 14 - Königin der Bienen 15 - Ein Hut voller Sterne Hinweis des Autors

EIN HUT VOLLER STERNE

Einleitung

Aus »Kobolde und wie man sie meidet« von Fräulein Perspicazia Tick:

Die Wir-sind-die-Größten

(auch genannt: Kobolde, die Kleinen Riesen, die Kleinen Männer und »unbekannte Person oder Personen, vermutlich bewaffnet«)

Die Wir-sind-die-Größten sind die gefährlichsten Kobolde überhaupt, vor allem im betrunkenen Zustand. Sie lieben es zu trinken, zu kämpfen und zu stehlen, und sie stehlen alles, das nicht festgenagelt ist. Wenn es festgenagelt ist, stehlen sie auch die Nägel.

Wer sie kennen gelernt und dies überlebt hat, beschreibt sie als erstaunlich loyal, stark, hartnäckig, tapfer und auf ihre eigene Art moralisch. (Zum Beispiel bestehlen sie keine Leute, die gar nichts haben.)

Der durchschnittliche Koboldmann der Wir-sind-die-Größten (Koboldfrauen sind selten, siehe unten) ist etwa fünfzehn Zentimeter groß und rothaarig. Viele Tätowierungen und Färberwaid geben seiner Haut eine blaue Farbe, und wenn du so nahe an ihm dran bist, dass du das erkennen kannst, wird er dich wahrscheinlich gleich schlagen.

>Er trägt einen Rock aus irgendeinem alten Stoff, denn bei den Kleinen Riesen weisen die Tätowierungen auf die jeweilige Clanzugehörigkeit hin. Vielleicht benutzt er einen Kaninchenschädel als Helm, und oft schmücken diese Kobolde ihre Bärte und ihr Haar mit Federn, Perlen und anderen Dingen, die sie schön finden. Mit ziemlicher Sicherheit hat er ein Schwert, das aber eigentlich nur zur Schau dient, denn die Kleinen Riesen kämpfen am liebsten unter Einsatz ihrer Stiefel und ihres Kopfes.

Geschichte und Religion

Der Ursprung der Wir-sind-die-Größten verliert sich im berühmten Nebel der Zeit. Manche Leute sagen, dass die Feenkönigin sie aus dem Märchenland verstieß, weil sie sich gegen ihre böse, tyrannische Herrschaft auflehnten. Andere sagen, dass sie hinausgeworfen wurden, weil sie betrunken waren.

Über ihre Religion ist nur wenig bekannt, abgesehen davon, dass sie sich für tot halten. Ihnen gefällt unsere Welt mit ihrem Sonnenschein, den Bergen, dem blauen Himmel und all den Dingen, gegen die sie kämpfen können. Eine so erstaunliche Welt kann nicht allen zur Verfügung stehen, meinen sie. Sie muss eine Art Himmel oder Walhall sein, ein Ort wo tapfere Krieger nach ihrem Tod belohnt werden. Daraus folgern sie, dass sie woanders gelebt haben, gestorben sind und hierher gekommen sind, weil sie so brav waren.

Das ist eine sehr falsche und schrullige Vorstellung, denn wir wissen, dass es sich genau anders herum verhält.

Es wird nicht viel getrauert, wenn ein Kleiner Riese stirbt, und seine Brüder sind nur deshalb traurig, weil er nicht mehr Zeit mit ihnen verbracht hat, bevor er ins Land der Lebenden zurückgekehrt ist, das sie auch »die letzte Welt« nennen.

Gewohnheiten und Lebensraum

Die Clans der Wir-sind-die-Größten leben am liebsten in den Grabhügeln alter Könige, wo sie sich inmitten des Goldes eine gemütliche Höhle schaffen. Meistens wachsen ein oder zwei Dornbüsche oder Holunderbäume darauf. Die Wir-sind-die-Größten schätzen alte, hohle Holunderbäume, die ihnen zu Kaminen werden, durch die der Rauch besonders ihrer Feuer abziehen kann. Und natürlich gibt es ein Kaninchenloch. Es sieht wie ein richtiges Kaninchenloch aus, und es liegt Kaninchenkot in der Nähe, und vielleicht auch ein bisschen Kaninchenfell, wenn sich die Kobolde besonders kreativ fühlen.

Unten in ihrer Höhle ähnelt die Welt der Größten einem Bienenstock, aber mit viel weniger Honig und viel mehr Stacheln.

Der Grund dafür ist: Weibliche Größte sind selten. Vielleicht bringen Koboldfrauen deshalb so viele Babys zur Welt, sehr oft und sehr schnell. Die Kleinen sind etwa erbsengroß und wachsen extrem schnell, wenn sie gut ernährt werden. (Die Größten leben gern in der Nähe von Menschen, damit sie den Kühen und Schafen Milch für ihre Kinder stehlen können.)

Die »Königin« eines Clans ist die so genannte Kelda, die nach und nach zur Mutter fast des ganzen Clans wird. Ihr Gemahl ist der Große Mann. Wenn ein Mädchen geboren wird – und das geschieht nicht oft –, bleibt es bei der Mutter und lernt von ihr die Geheimnisse des Keldaseins. Wenn das Mädchen zur jungen Frau wird, muss sie den Clan verlassen und nimmt einige ihrer Brüder als Leibwächter auf die lange Reise mit.

Oft reist sie zu einem Clan ohne Kelda. Ganz selten, wenn es keinen Clan ohne Kelda gibt, trifft sie sich mit Kobolden von verschiedenen Clans und bildet einen ganzen neuen Clan, mit einem neuen Namen und einem eigenen Erdhügel. Sie wählt auch ihren Mann. Von diesem Zeitpunkt an ist ihr Wort Gesetz beim Clan, und alle müssen ihr gehorchen, aber sie entfernt sich nur selten weit von der Höhle. Sie ist sowohl ihre Königin als auch ihre Gefangene.

Doch einmal, für ein paar Tage, gab es eine Kelda, die ein Mädchen aus dem Volk der Menschen war …

1

Aufbruch

Es knisterte über die Hügel wie unsichtbarer Nebel. Die Bewegung ohne einen Körper ermüdete es, und es trieb sehr langsam dahin. Es dachte jetzt nicht. Es war Monate her, dass es zum letzten Mal gedacht hatte, denn das dafür zuständige Gehirn war gestorben. Sie starben immer. Deshalb war es jetzt wieder nackt und voller Furcht.

Es konnte sich in einem der bauschigen weißen Geschöpfe verbergen, die nervös »Mäh« machten, während es dahinkroch. Aber mit ihren Gehirnen ließ sich nicht viel anfangen, denn sie dachten nur an Gras und daran, andere mähende Dinger zu machen. Nein. Sie waren zu nichts nutze. Es brauchte, brauchte unbedingt etwas Besseres, ein starkes Bewusstsein, einen Geist voller Kraft, der ihm Sicherheit bot.

Es suchte …

Die neuen Stiefel waren völlig falsch. Sie waren steif und glänzten. Glänzende Stiefel gehörten sich nicht. Saubere Stiefel waren etwas anderes. Es gab nichts dagegen einzuwenden, ein bisschen Wachs aufzutragen, zum Schutz vor Nässe. Aber Stiefel mussten für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Sie sollten nicht glänzen.

Tiffany Weh stand auf dem Bettvorleger in ihrem Zimmer und schüttelte den Kopf. Sie musste die Dinger so schnell wie möglich abwetzen.

Und dann der neue Strohhut mit dem roten Band. Auch hier hatte sie Zweifel.

Sie versuchte, sich im Spiegel zu betrachten, was ihr schwer fiel, denn der Spiegel war nicht viel größer als ihre Hand, außerdem zerkratzt und fleckig. Sie musste ihn hin und her bewegen, um so viel wie möglich von sich zu sehen, und dann setzte ihr Gedächtnis die einzelnen Teile zusammen.

Doch heute… Normalerweise tat sie so etwas nicht im Haus, aber an diesem Tag kam es darauf an, gut auszusehen, und außerdem war niemand da.

Tiffany legte den Spiegel auf den wackligen Tisch am Bett, trat in die Mitte des zerschlissenen Bettvorlegers, schloss die Augen und sagte:

»Sehe mich.«

Weit draußen im Hügelland schwebte ein Etwas ohne Körper und ohne Geist, aber mit einem schrecklichen Verlangen und bodenloser Furcht, und es spürte die Kraft.

Es hätte geschnuppert, wenn es mit einer Nase ausgestattet gewesen wäre.

Es suchte.

Es fand.

Welch ein seltsamer Geist, wie viele Geister in einem, die kleiner und immer kleiner wurden! So sonderbar! So nah!

Das Etwas änderte ein wenig die Richtung und wurde ein bisschen schneller. Seine Bewegung verursachte ein Geräusch wie ein Fliegenschwarm.

Die Schafe reagierten nervös auf etwas, das sie nicht sehen, hören oder riechen konnten. Sie machten »Mäh«…

… und kauten weiter Gras.

Tiffany öffnete die Augen. Dort stand sie, etwa einen Meter von sich selbst entfernt. Sie sah die Rückseite ihres eigenen Kopfs.

Sie bewegte sich vorsichtig und achtete darauf, nicht nach unten zu sehen, auf das »sie«, das sich bewegte, denn wenn sie das tat, so wusste sie, war der Trick vorbei.

Es war schwierig, sich auf diese Weise zu bewegen, aber schließlich stand sie vor ihrem Körper und musterte sich von Kopf bis Fuß.

Braunes Haar und braune Augen… das ließ sich nicht ändern. Wenigstens war ihr Haar sauber, und sie hatte sich das Gesicht gewaschen.

Sie trug ein neues Kleid, was die Dinge ein wenig verbesserte. In der Familie Weh war es so ungewöhnlich, neue Kleidung zu kaufen, dass ihre Eltern das Kleid ein wenig zu groß gewählt hatten, damit sie »hineinwachsen« konnte. Aber wenigstens war es hellgrün und berührte nicht direkt den Boden. Mit den glänzenden neuen Stiefeln und dem Strohhut sah sie aus wie… wie eine anständige Farmerstochter, die aufbrach, um auswärts zu arbeiten. Es musste genügen.

Sie sah auch den spitzen Hut auf ihrem Kopf, obwohl sie ganz genau hinsehen musste. Er war wie ein Schimmern in der Luft und sofort wieder verschwunden, kaum hatte sie ihn gesehen. Deshalb war Tiffany wegen des neuen Strohhuts ein wenig besorgt gewesen, aber die beiden Hüte durchdrangen sich einfach; der eine störte den anderen nicht.

Vielleicht lag es daran, dass der spitze Hut in gewisser Weise gar nicht da war. Er blieb unsichtbar, bis es regnete. Sonnenschein und Wind drangen hindurch, aber Regen und Schnee sahen ihn irgendwie und behandelten ihn so, als wäre er tatsächlich da.

Tiffany hatte ihn von der größten Hexe auf der Welt bekommen, einer wahren Hexe mit schwarzem Kleid, einem schwarzen Hut und Augen, deren Blick so durch einen hindurchging wie Terpentin durch ein krankes Schaf. Es war eine Art Belohnung gewesen. Tiffany hatte Magie vollbracht, richtige Magie. Bevor sie das getan hatte, hatte sie überhaupt nicht gewusst, dass sie dazu imstande war. Als sie es getan hatte, war ihr gar nicht klar gewesen, was sie tat. Und nachdem sie es getan hatte, wusste sie nicht, wie sie dazu fähig gewesen war. Jetzt musste sie das Wie lernen.

»Sehe mich nicht«, sagte sie. Die Vision von ihr – oder was auch immer es war, denn sie wusste nicht genau, was es mit diesem Trick auf sich hatte – verschwand.

Beim ersten Mal war dies eine große Überraschung für sie gewesen. Aber sie hatte es immer als leicht empfunden, sich selbst zu beobachten, zumindest in ihrem Kopf. Alle ihre Erinnerungen waren wie kleine Bilder von ihr selbst, wie sie Dinge tat oder beobachtete, anstatt das zu zeigen, was sich vor den beiden Löchern in ihrem Kopf befand. Ein Teil von ihr beobachtete sie immer.

Fräulein Tick – eine andere Hexe, mit der man leichter reden konnte als mit jener, von der Tiffany den Hut bekommen hatte – meinte, eine Hexe müsse »beiseite treten« können. Sie hatte ihr gesagt, sie würde mehr herausfinden, wenn ihr Talent wuchs, und Tiffany nahm an, dass »sehe mich« dazugehörte.

Manchmal glaubte Tiffany, dass sie mit Fräulein Tick über »sehe mich« sprechen sollte. Es fühlte sich an, als verließe sie ihren Körper mit einer Art Geisterkörper, der umhergehen konnte. Es funktionierte, solange sie nicht den Blick senkte und sah, dass sie nur ein Geisterkörper war. Wenn das geschah, geriet ein Teil von ihr in Panik, und dann fand sie sich sofort in ihrem richtigen Körper wieder. Schließlich hatte Tiffany entschieden, dies für sich zu behalten. Es war auf jeden Fall ein guter Trick, wenn man keinen Spiegel hatte.

Fräulein Tick war so etwas wie eine Hexensucherin. Auf diese Weise schien das mit der Hexerei zu funktionieren. Einige Hexen hielten magisch nach vielversprechenden Mädchen Ausschau und fanden eine ältere Hexe für sie, die sich um sie kümmerte. Die alten Hexen brachten den jungen nicht bei, wie man hexte. Sie zeigten ihnen, wie man wusste, was man tat.

Hexen waren ein wenig wie Katzen. Sie mochten sich gegenseitig nicht besonders, wussten aber gern, wo sich all die anderen Hexen aufhielten, nur für den Fall, dass sie sie brauchten. Und vielleicht brauchte man sie für den freundschaftlichen Hinweis, dass man zu gackern begann.

Hexen fürchteten kaum etwas, hatte Fräulein Tick gesagt, aber was die mächtigen unter ihnen fürchteten – auch wenn sie nicht darüber sprachen –, war, auf den falschen Weg zu geraten. Es war so leicht, achtlose kleine Grausamkeiten zu begehen, weil man Macht hatte und andere Leute nicht. Es war so leicht zu glauben, dass andere Leute nicht weiter wichtig waren und dass Konzepte wie Richtig und Falsch für die eigene Person keine Rolle spielten. Am Ende jenes Weges geiferte und gackelte man allein in einem Pfefferkuchenhäuschen und ließ sich Warzen auf der Nase wachsen.

Hexen mussten wissen, dass andere Hexen sie beobachteten.

Deshalb der Hut, dachte Tiffany. Sie konnte ihn jederzeit berühren, vorausgesetzt, sie schloss die Augen. Er war eine Art Erinnerung …

»Tiffany!«, rief ihre Mutter die Treppe hinauf. »Fräulein Tick ist hier!«

Am vergangenen Tag hatte sich Tiffany von Oma Weh verabschiedet …

Hoch oben im Hügelland steckten die eisernen Räder der alten Schäferhütte halb im Boden. Der Kanonenofen stand noch immer schief im Gras, und Rost hatte ihn rot werden lassen. Die Kalkhügel beanspruchten Räder und Ofen für sich, so wie sie Oma Wehs Knochen genommen hatten.

Der Rest der Hütte war am Tag der Beerdigung verbrannt worden. Kein Schäfer hätte es gewagt, sie zu nutzen, ganz zu schweigen davon, in ihr zu übernachten. In der Vorstellung der Leute war Oma Weh zu groß gewesen, zu schwer zu ersetzen. Tag und Nacht, in allen Jahreszeiten, war sie das Kreideland: seine beste Schäferin, seine klügste Frau und sein Gedächtnis. Das grüne Land schien mit ihr eine Seele zu haben, die in alten Stiefeln und einer Schürze aus Sackleinen umherwanderte, eine stinkende alte Pfeife rauchte und Schafe mit Terpentin behandelte.

Die Schäfer meinten, Oma Weh hätte den Himmel blau geflucht. Die flaumigen kleinen weißen Wolken im Sommer nannten sie »Oma Wehs kleine Lämmer«. Zwar lachten sie, wenn sie darüber sprachen, aber ein Teil von ihnen scherzte nicht.

Kein Schäfer hätte sich erdreistet, in jener Hütte zu wohnen, nicht einer von ihnen.

Also hatten sie den Grasboden geschnitten, Oma Weh in der Kreide beerdigt und dann Wasser auf die Soden gegossen, damit keine Spuren zurückblieben. Und anschließend hatten sie die Hütte verbrannt.

Schafwolle, Fröhlicher-Seemann-Tabak und Terpentin …

… danach hatte die Hütte gerochen, und es war auch Oma Wehs Geruch gewesen. Solche Dinge reichen bis ins Herz der Menschen. Tiffany brauchte es nur zu riechen, um zurückzukehren in die Wärme, Stille und Sicherheit der Hütte. Diesen Ort hatte Tiffany aufgesucht, wenn sie traurig oder auch glücklich gewesen war, und Oma Weh hatte immer gelächelt, Tee gekocht und geschwiegen. Nichts Schlimmes konnte in der Schäferhütte geschehen. Sie war eine Feste gegen die Welt. Selbst jetzt, nach Omas Tod, ging Tiffany gern dorthin.

Sie stand dort, während der Wind übers Gras wehte und in der Ferne Schafglocken boingten.

»Ich muss…« Tiffany räusperte sich. »Ich muss fort. Ich … muss richtige Hexerei lernen, und hier gibt es niemanden, der es mich lehren kann, weißt du. Ich muss… mich so wie du um diese Hügel kümmern. Ich… kann Dinge tun, aber ich weiß nicht darüber Bescheid, und Fräulein Tick meint, was man nicht weiß, kann einen umbringen. Ich möchte so gut werden, wie du es warst. Ich kehre zurück! Ich kehre bald zurück! Ich verspreche, dass ich zurückkehre, fähiger als vorher!«

Ein blauer Schmetterling, von einem Windstoß zur Kursänderung gezwungen, landete auf Tiffanys Schulter, klappte die Flügel zweimal auf und zu und flog dann fort.

Oma Weh war nie sehr redselig gewesen. Sie sammelte die Stille so wie andere Leute Schnüre. Aber mit ihrem Schweigen hatte sie oft alles gesagt.

Tiffany blieb eine Weile, bis ihre Tränen getrocknet waren, und dann machte sie sich auf den Heimweg, während sich der immer währende Wind um die Räder wand und durch den Rauchabzug des Kanonenofens pfiff. Das Leben ging weiter.

Es war nicht ungewöhnlich für Mädchen in Tiffanys Alter, »auswärts zu arbeiten«. Es bedeutete, irgendwo als Dienstmädchen oder Magd tätig zu werden. Traditionsgemäß begann man damit, einer allein lebenden Alten zu helfen. Diese konnte nicht viel bezahlen, aber da es sich um die erste Stelle handelte, war man vermutlich auch nicht mehr wert.

Die Arbeiten in der Molkerei der heimatlichen Farm erledigte Tiffany praktisch ganz allein, wenn ihr jemand mit den schweren Milchkannen half, und es hatte ihre Eltern überrascht, dass sie in fremde Dienste treten wollte. Aber das machten alle, meinte Tiffany. Man ging ein wenig in die Welt hinaus und lernte andere Menschen kennen. Man wusste nie, wozu das führen konnte.

Mit diesem schlauen Hinweis gewann Tiffany die Zustimmung ihrer Mutter. Deren reiche Tante war fortgegangen, um als Küchenmädchen zu arbeiten, hatte es dann zum Stubenmädchen gebracht und sich ganz nach oben gearbeitet, bis sie schließlich Haushälterin wurde, einen Butler heiratete und in einem prächtigen Haus wohnte. Es war nicht ihr prächtiges Haus, und sie wohnte nur in einem Teil davon, aber sie war praktisch eine feine Dame.

Tiffany wollte keine feine Dame werden. Die ganze Sache war ohnehin nur ein Trick. Und Fräulein Tick war ein Teil davon.

Man durfte kein Geld für Hexerei verlangen, deshalb verrichteten Hexen auch andere Arbeiten. Fräulein Tick war praktisch eine als Lehrerin getarnte Hexe. Sie begleitete die anderen reisenden Lehrer, die in Gruppen von Ort zu Ort zogen und Wissen für Lebensmittel und alte Kleidung feilboten.

Es war eine gute Möglichkeit herumzukommen, denn die Bewohner des Kreidelands begegneten Hexen mit Argwohn und glaubten, dass diese nachts ohne Schlüpfer im Mondschein tanzten. (Tiffany hatte sich erkundigt und nicht ohne Erleichterung herausgefunden, dass man dazu als Hexe nicht verpflichtet war. Man konnte auf diese Weise tanzen, wenn man wollte, aber vorher sollte man besser feststellen, wo all die Brennnesseln, Disteln und Igel steckten.)

Aber auch den reisenden Lehrern standen die Leute ein wenig misstrauisch gegenüber. Man sagte ihnen nach, Hühner zu stehlen und Kinder zu entführen (was in gewisser Weise stimmte). Mit ihren bunten Karren zogen sie von Dorf zu Dorf, trugen lange Gewänder mit Lederflicken an den Ärmeln und sonderbare flache Hüte, und beim Gespräch untereinander benutzten sie heidnische Ausdrücke, die niemand verstand, wie »Alea jacta est« und »Quid pro quo«. In ihrer Mitte fiel Fräulein Tick nicht auf. Ihr spitzer Hut war eine Tarnkappe und sah wie ein schwarzer Strohhut mit bunten Papierblumen aus, bis man die geheime Feder zog.

Im Verlauf des letzten Jahres hatte Tiffanys plötzlicher Wissensdurst ihre Mutter sowohl erstaunt als auch besorgt. Die Leute im Dorf hielten Bildung für eine gute Sache, wenn sie sich in Grenzen hielt; wenn man es damit übertrieb, konnte Ruhelosigkeit die Folge sein.

Vor einem Monat dann war die Mitteilung gekommen: Sei bereit.

Fräulein Tick mit ihrem Blumenhut hatte der Farm einen Besuch abgestattet und Frau und Herrn Weh erklärt, dass eine ältere Dame in den Bergen von Tiffanys hervorragender Qualifikation im Käse machen gehört hatte und ihr eine Dienstmädchenstelle anbot, vier Dollar im Monat, einen freien Tag in der Woche, ein eigenes Bett und eine Woche Silvesterurlaub.

Tiffany kannte ihre Eltern. Drei Dollar im Monat wären etwas zu wenig gewesen und fünf verdächtig viel, aber die Käsequalifikation war den zusätzlichen Dollar wert. Dazu kam das eigene Bett. Bevor die meisten von Tiffanys Schwestern das Elternhaus verlassen hatten, war es ganz normal gewesen, dass jeweils zwei Schwestern in einem Bett schliefen. Es war ein gutes Angebot.

Fräulein Tick hatte Tiffanys Eltern beeindruckt und auch verunsichert, aber sie waren in dem Glauben aufgewachsen, dass Leute, die mehr wussten und lange Wörter benutzten, ziemlich wichtig waren, und deshalb hatten sie sich einverstanden erklärt.

Nachdem Tiffany an jenem Abend zu Bett gegangen war, hörte sie zufällig, wie ihre Eltern darüber sprachen. Es ist ganz leicht, zufällig Gespräche in der unteren Etage zu hören, wenn man ein Glas umgekehrt auf den Boden stellt und das Ohr daran hält.

Sie hörte, wie ihr Vater sagte, dass Tiffany überhaupt nicht gehen musste.

Sie hörte, wie ihre Mutter sagte, dass sich alle Mädchen fragten, was die Welt dort draußen bereithielt, und deshalb sei es besser, dass sie es los werde. Außerdem sei sie ein sehr tüchtiges Mädchen mit einem guten Kopf auf den Schultern. Wenn sie hart genug arbeite, könne sie es eines Tages sogar zur Dienerin einer wichtigen Person bringen, wie Tante Hetty, und in einem Haus mit Innenklo wohnen.

Ihr Vater sagte, sie werde feststellen, dass Fußbodenschrubben überall gleich war.

Ihre Mutter sagte, in dem Fall werde sie sich schließlich langweilen und vor Ablauf eines Jahres heimkehren, und überhaupt: Was bedeutete »Qualifikation«?

»Erworbene Befähigung zu einer bestimmten Tätigkeit«, dachte Tiffany. Es gab ein altes Wörterbuch im Haus, aber ihre Mutter öffnete es nie, denn der Anblick so vieler Wörter beunruhigte sie. Tiffany hatte es von vorn bis hinten gelesen.

Und damit hatte es sich, und einen Monat später war sie hier und packte ihre alten Stiefel ein, die ihre Schwestern vor ihr getragen hatten. Sie wickelte sie in einen sauberen Lappen und legte sie in den gebrauchten Koffer, den ihre Mutter gekauft hatte und der aussah, als bestünde er aus schlechter Pappe oder mit Ohrenschmalz vermischten gepressten Obstkernen – er musste mit einem Bindfaden zusammengehalten werden.

Dann kam der Abschied. Tiffany weinte ein wenig, und ihre Mutter weinte viel, und ihr kleiner Bruder Willwoll weinte ebenfalls, vielleicht in der Hoffnung, dass er etwas Süßes dafür bekam. Tiffanys Vater weinte nicht, sondern gab ihr einen Silberdollar und sagte recht schroff, sie solle einmal in der Woche nach Hause schreiben – so weinten Männer. Tiffany verabschiedete sich vom Käse in der Molkerei, von den Schafen in der Koppel und sogar vom Kater Rattenbeutel.

Dann standen, abgesehen von Käse und Kater, alle am Tor und winkten ihr und Fräulein Tick nach – abgesehen auch von den Schafen –, bis sie fast den ganzen kreideweißen Weg hinter sich gebracht und das Dorf erreicht hatten.

Und dann gab es nur noch Stille, außer den Geräuschen ihrer Stiefel auf dem harten Boden, und den endlosen Gesängen der Feldlerchen am Himmel. Es war spät im August und sehr warm, und die neuen Stiefel drückten.

»An deiner Stelle würde ich sie ausziehen«, sagte Fräulein Tick nach einer Weile.

Tiffany nahm am Wegesrand Platz und holte die alten Stiefel aus dem Koffer. Sie fragte nicht, woher Fräulein Tick wusste, dass die neuen Stiefel zwickten. Hexen passten auf. In den alten Stiefeln musste sie zwar mehrere Paare Socken tragen, aber sie waren viel bequemer. Mit ihnen ließ es sich gut gehen. Sie waren schon lange vor Tiffanys Geburt gegangen und verstanden sich gut darauf.

»Und werden wir heute irgendwelche … kleinen Männer sehen?«, fragte Fräulein Tick, als sie den Weg fortsetzten.

»Ich weiß nicht, Fräulein Tick«, erwiderte Tiffany. »Ich habe ihnen vor einem Monat gesagt, dass ich gehe. Um diese Jahreszeit haben sie viel zu tun. Aber ein oder zwei von ihnen beobachten mich immer.«

Fräulein Tick blickte sich rasch um. »Ich sehe niemanden. Und ich höre auch nichts.«

»So weiß man, dass sie da sind«, sagte Tiffany. »Es ist immer ein bisschen still, wenn sie mich beobachten. Aber sie zeigen sich nicht, während du bei mir bist. Sie fürchten sich ein wenig vor Hexen. Das ist bestimmt nicht persönlich gemeint«, fügte sie schnell hinzu.

Fräulein Tick seufzte. »Als ich ein kleines Mädchen war, hätte ich die Kobolde gern gesehen«, sagte sie. »Ich habe Untertassen mit Milch vor die Tür gestellt. Später wurde mir natürlich klar, wie falsch das ist.«

»Du hättest ein stärkeres Getränk hinstellen sollen«, sagte Tiffany.

Sie sah zur Hecke und glaubte, für einen Sekundenbruchteil einen roten Haarschopf zu erkennen. Und sie lächelte etwas nervös.

Für einige Tage war Tiffany dem Rang einer Koboldkönigin so nahe gewesen, wie es für menschliche Wesen nur möglich war. Zugegeben, sie war Kelda und nicht Königin genannt worden, und man sollte die Wir-sind-die-Größten nur dann Kobolde nennen, wenn man sich mit ihnen anlegen will. Andererseits waren die Wir-sind-die-Größten immer auf einen Kampf aus. Wenn sie keinen Gegner hatten, kämpften sie gegeneinander, und wenn einer von ihnen ganz allein war, trat er sich selbst gegen die Nase, nur um in Übung zu bleiben.

Sie hatten einmal im Märchenland gelebt, waren jedoch hinausgeworfen worden, vermutlich wegen Trunkenheit. Und wenn man einmal ihre Kelda gewesen war, so vergaßen sie einen nie …

… und waren immer da.

Immer gab es einen irgendwo auf der Farm, oder einen anderen, der auf einem Bussard saß und hoch über dem Kreideland flog. Und sie beobachteten Tiffany, um ihr zu helfen und sie zu beschützen, ob sie das wollte oder nicht. Sie war in dieser Hinsicht so höflich wie möglich gewesen. Sie hatte ihr Tagebuch ganz hinten in der Schublade versteckt, dickes Papier in die Ritzen des Aborts gesteckt und auch die Spalten zwischen den Bodendielen sorgfältig verstopft. Immerhin waren es kleine Männer. Bestimmt versuchten sie, im Verborgenen zu bleiben, um sie nicht zu stören, aber inzwischen verstand sie sich gut darauf, sie zu entdecken.

Sie erfüllten Wünsche – nicht die magischen drei, die aus Märchen bekannt waren und zum Schluss immer schief gingen, sondern alltägliche. Die Wir-sind-die-Größten waren ungeheuer stark und furchtlos und unglaublich schnell, aber sie begriffen nicht, dass das, was die Leute sagten, oft nicht das war, was sie meinten. Einmal hatte Tiffany in der Molkerei gesagt: »Ich wünschte, ich hätte ein schärferes Messer, um diesen Käse zu schneiden.« Und das letzte Wort war ihr gerade über die Lippen gekommen, als das schärfste Messer ihrer Mutter neben ihr im Tisch zitterte.

Gegen »Ich wünschte, es würde endlich aufhören zu regnen«, gab es vermutlich nichts einzuwenden, denn die Größten waren nicht zu echter Magie imstande, aber Tiffany hatte gelernt, vorsichtig zu sein und sich nichts zu wünschen, das für einige kleine, entschlossene, starke, furchtlose und schnelle Männer erreichbar war, die sich auch nicht scheuten, jemanden ordentlich zu treten, wenn sich Gelegenheit dazu bot.

Wünsche brauchten Gedanken. Tiffany würde nie sagen: »Ich wünschte, ich könnte einen hübschen Prinzen heiraten.« Wenn sie das gesagt und anschließend die Tür geöffnet hätte, wäre ihr Blick vermutlich auf einen bewusstlosen Prinzen, einen gefesselten Priester und einen fröhlich grinsenden Größten gefallen, der sich als Trauzeuge anbot. Aber die Kobolde konnten hilfreich sein, auf planlose Weise, und Tiffany hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, Dinge für sie hinauszustellen, die ihre Familie nicht brauchte und die für kleine Leute nützlich waren, zum Beispiel kleine Löffel, Nadeln, eine Suppenschüssel, die ein Größter als Badewanne benutzen konnte, und auch Seife, für den Fall, dass sie die Botschaft nicht verstanden. Die Seife ließen sie liegen.

Den alten Grabhügel hoch oben im Kreideland, in dem die Kobolde wohnten, hatte Tiffany zum letzten Mal aus Anlass der Hochzeit von Rob Irgendwer besucht – der Große Mann des Clans hatte Jeannie vom Langen See geheiratet. Sie würde die neue Kelda sein und den größten Teil ihres Lebens in der Höhle verbringen und Kinder wie eine Bienenkönigin zur Welt bringen.

Größte aus allen Clans nahmen an der Feier teil, denn wenn es eine Sache gibt, die einem Größten noch mehr Spaß macht als eine Party, dann eine größere Party, und wenn es etwas Besseres gibt als eine größere Party, dann eine größere Party, bei der ein anderer die Getränke bezahlt. Offen gestanden hatte sich Tiffany ein wenig fehl am Platz gefühlt, denn immerhin war sie zehnmal so groß wie die nächstgrößte Person, aber sie war sehr gut behandelt worden, und Rob Irgendwer hatte eine lange Rede gehalten und sie »unsere feine kleine große junge Hexe« genannt, bevor er mit dem Gesicht voran in den Pudding gefallen war. Es war sehr heiß und sehr laut gewesen, aber Tiffany hatte zusammen mit den anderen gejubelt, als Jeannie Rob Irgendwer über einen auf dem Boden liegenden kleinen Besenstiel getragen hatte. Die Tradition verlangte, dass sowohl die Braut als auch der Bräutigam über den Besenstiel sprangen, aber die Tradition gebot auch, dass kein Größter, der etwas auf sich hielt, an seinem Hochzeitstag nüchtern blieb.

Man hatte Tiffany nahe gelegt, dass sie an dieser Stelle besser gehen sollte, wegen des traditionellen Kampfes zwischen dem Clan der Braut und dem des Bräutigams, der Tage dauern konnte.

Tiffany hatte sich vor Jeannie verneigt, denn so gehörte es sich für Hexen, und sie aufmerksam gemustert. Robs Frau war klein und süß und sehr hübsch. Darüber hinaus hatte sie ein Glitzern in den Augen und ein stolzes Kinn. Weibliche Wir-sind-die-Größten waren sehr selten und wuchsen mit dem Wissen auf, dass sie eines Tages Keldas sein würden. Tiffany gewann den Eindruck, dass noch die eine oder andere Überraschung auf Rob Irgendwer wartete; er würde feststellen, dass das Eheleben komplizierter war, als er gedacht hatte.

Es tat Tiffany Leid, die Kobolde zurückzulassen, aber es tat ihr nicht schrecklich Leid. Sie waren auf gewisse Weise nett, doch nach einer Weile konnten sie einem auf die Nerven gehen. Außerdem war sie jetzt elf und glaubte, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr durch Löcher im Boden kroch, um mit kleinen Männern zu reden.

Und dazu hatte Jeannie ihr einen ganz kurzen Blick zugeworfen, der reines Gift gewesen war. Seine Bedeutung verstand Tiffany sofort. Sie war die Kelda des Clans gewesen, wenn auch nur für kurze Zeit. Sie war auch mit Rob Irgendwer verlobt gewesen, obwohl nur ein politischer Trick dahinter steckte. Jeannie wusste das alles. Und ihr Blick hatte gesagt: Er gehört mir. Dies ist mein Ort. Ich will dich hier nicht! Bleib draußen!

Eine Zone der Stille folgte Tiffany und Fräulein Tick den Weg hinunter, denn was üblicherweise in Hecken raschelte, neigte dazu sehr leise zu sein, wenn die Wir-sind-die-Größten in der Nähe waren.

Sie erreichten den Dorfanger und setzten sich dort, um auf den Karren zu warten, der nur wenig schneller war als ein Fußgänger und fünf Stunden bis zum Dorf Zweihemden brauchte. Dort, so glaubten Tiffanys Eltern, würden sie die große Kutsche nehmen, die bis zu den fernen Bergen und noch weiterfuhr.

Tiffany sah den Karren die Straße heraufkommen, als sie auf der anderen Seite des Angers das Pochen von Hufen hörte. Sie drehte sich um und spürte eine sonderbare Mischung aus Freude und Verzagtheit.

Es war Roland, der Sohn des Barons, auf dem Rücken eines prächtigen schwarzen Pferds. Er sprang herunter, noch bevor das Ross anhielt, und stand dann recht verlegen da.

ENDE DER LESEPROBE