Verlag: Drachenmond Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Ein Käfig aus Rache und Blut E-Book

Laura Labas  

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E-Book-Beschreibung Ein Käfig aus Rache und Blut - Laura Labas

"Mein Körper sehnte sich nach Tod und Verwüstung. Ich ließ ihn gewähren." Nach dem grausamen Mord an ihrer Familie wird Alison Talbot von ihrer Tante zur Jägerin ausgebildet. Von nun an streift sie durch die Rayons und tötet Dämonen, die die Erde erobert und zerstört haben. Allein der Wunsch nach Vergeltung treibt sie an. Eines nachts wird sie von Dämonen entführt und zu Dorian Ascia gebracht, König einer der 21 Dämonenstädte, der ihr ein einzigartiges Training anbietet. Obwohl Alison ihm misstraut, nimmt sie das Angebot an. Fortan wird sie von dem Dämon Gareth trainiert, der sie nicht nur in den Wahnsinn treibt, sondern sie auch an ihrem Weltbild zweifeln lässt. Je mehr Zeit sie mit ihm verbringt, desto schwerer fällt es ihr, sich zwischen Rache und längst verloren geglaubten Gefühlen zu entscheiden.

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E-Book-Leseprobe Ein Käfig aus Rache und Blut - Laura Labas

Laura Labas

Ein Käfig aus Rache und Blut

Astrid Behrendt Rheinstraße 60, 51371 Leverkusenwww.drachenmond.de, info@drachenmond.de

LektoratSaskia Weyel

KorrektoratMichaela Retetzki

Satz, Layout Martin Behrendt

UmschlaggestaltungSanja Gobar

ISBN: 978-3-95991-292-1 ISBN der Druckausgabe: 978-3-95991-291-4

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

Danksagung

Für uns Teamgeister

1. Kapitel

21.02.2003 – Ein Dorf ohne Namen in den Rayons

Ich wusste, dass ich zu spät kommen würde, sogar schon, als ich es noch hätte verhindern können. Schuld allein war das Buch, das mich derart gefesselt hatte. Zwischendurch war ich aus den Seiten aufgetaucht, nur um zu sehen, dass die Zeiger meiner rosafarbenen Kinderarmbanduhr entgegen all meiner Hoffnungen nicht stehen geblieben waren.

Schließlich blätterte ich die letzte, leicht vergilbte Seite um, ließ meinen Blick über die Buchstaben rasen, die Millisekunden später Wörter und Sätze bildeten und in meinen Verstand sanken. Dann war die Geschichte vorbei und ich musste von den lieb gewonnenen Figuren Abschied nehmen. Wie sollte ich jetzt mit dem normalen Leben weitermachen? Wie sollte ich jetzt nach Hause gehen und einschlafen, wenn ich die Abenteuer der Charaktere nicht mehr weiterverfolgen konnte?

»Unvorstellbar«, murmelte ich, bevor ich das Buch zuklappte und mich in der halbdunklen Bibliothek umschaute. Die Bibliothek war eines der wenigen Gebäude in unserer Stadt in den Rayons, die während des Dämonenkrieges nicht zerstört worden waren. Sie war mein Lieblingsort, denn hier konnte ich mich vor der Realität verstecken. Hier musste ich mich nicht einer unsicheren Zukunft stellen.

Ich erhob mich von dem hölzernen Stuhl, um das Buch zurück ins Regal zu räumen, als ich mich plötzlich dem Bibliothekar gegenübersah. Er war ein sehr lustiger, alter Mann, der seltsam roch, aber er erlaubte mir immer, so lange hierzubleiben, wie ich wollte. Deshalb mochte ich ihn.

»Holla, Alison!« Er legte sich eine Hand aufs Herz, als hätte er sich erschrocken.

»Hallo, Mr. Bishop«, lächelte ich breit, um wenigstens so zu tun, als würde ich über sein gespieltes Erschrecken lachen. Er war so albern.

»Du weißt, dass es spät ist, nicht wahr? Draußen ist es schon dunkel.« Er deutete vage in die Richtung, in der einst Fenster gewesen waren. Nun waren sie von außen mit Holzbrettern vernagelt.

»Das Buch war einfach so spannend!«, erklärte ich aufgeregt und gestikulierte wild mit den Händen. »Ich verstehe zwar nicht ganz, wieso Mr. Ripley mit sich selbst so unzufrieden war und die anderen getötet hat, aber na ja … vielleicht erfahre ich mehr in den Fortsetzungen.«

Mr. Bishop sah mich tadelnd an.

»Alison. Du weißt, dass deine Eltern mir einen Strick drehen würden, wenn sie erfahren, was du hier liest, oder?« Natürlich hatte er recht damit, dass meine Eltern über die Wahl meiner Lektüre nicht gerade begeistert wären, aber sie würden ihre Enttäuschung nie an Mr. Bishop auslassen. Ich würde dann schon eher mit Hausarrest darunter zu leiden haben.

»Ich verstehe das nicht. Als ob hier alles besser wäre …«, entgegnete ich leise mit einem Blick auf die Gaslampe, die an einem Haken an der Wand hing. Seit Jahren gab es keine Elektrizität mehr, da die Dämonen die Atomkraftwerke heruntergefahren und über die Nutzung von elektronischen Geräten die Todesstrafe verhängt hatten. Das hatte mir Mom erklärt. Einen richtigen Grund für die Androhung dieser Strafe hatte sie mir aber nicht nennen können.

»In den Büchern sind wenigstens nur Menschen die Bösen und keine Dämonen.«

»Ist das wirklich so beruhigend?« Der Bibliothekar schmunzelte, bevor er ein tiefes Seufzen verlauten ließ und mich dann bis vor die Tür geleitete. »Soll ich dich nach Hause begleiten?«

Ich schüttelte meinen Kopf so heftig, dass die geflochtenen Zöpfe hin und her wackelten.

»Ne, ist ja direkt um die Ecke.«

»Sei vorsichtig.«

»Immer.« Ich versuchte zu zwinkern, aber statt eines Auges drückte ich beide zu. Als ich sie wieder öffnete, war Mr. Bishop verschwunden und die Tür hinter mir geschlossen.

Draußen war es kühl, aber nicht kalt. Was die Temperaturen anging, war der Norden Kaliforniens im Winter ziemlich beständig – einer der Vorteile, wenn man hier lebte.

Ich konnte mich kaum noch an die Zeit erinnern, als wir in Los Angeles gewohnt hatten. Der Krieg hatte begonnen, da war ich gerade einmal fünf Jahre alt gewesen. Kurz darauf waren wir aus der Stadt geflohen und durch Kalifornien gezogen, immer auf der Suche nach einem Ort, der für kurze Zeit Sicherheit bot, bis der Krieg letztlich vor einem Jahr beendet und sowohl Nordamerika als auch Europa von Dämonen beschlagnahmt worden waren. Oder so.

Mom hatte mir erzählt, dass ein paar Dämonen seitdem Städte gründeten, in denen Menschen gemeinsam mit ihnen leben sollten, aber dann musste man sich auch den … den Gesetzen beugen. Genau. So hatte sie es gesagt. Ich wusste nicht genau, was das bedeutete, nur dass wir außerhalb der Städte wohnten und deshalb so leben durften, wie wir es taten. Der einzige Nachteil war, dass wir hier in den Rayons von Dämonen angegriffen werden konnten. Niemand außer den Erwachsenen verteidigte uns.

Ich versenkte die Hände in den Taschen meiner ausgebeulten Jeans, die am Bund viel zu eng war. Mein Bauch wölbte sich leicht darüber. Ich versuchte, ihn einzuziehen, aber das war mir nach ein paar Sekunden zu anstrengend.

Wenn mir langweilig war, stahl ich mich in die Küche und aß etwas. Meistens Brot, da alle anderen Lebensmittel knapp waren. Mittlerweile konnte ich aber nicht einmal mehr das tun, da wir schon seit einer Weile keine Nahrung mehr bekommen hatten. Dad und ein paar andere Erwachsene taten sich alle paar Wochen zusammen, verließen das Dorf und suchten nach Lebensmitteln für uns. Er würde übermorgen wieder aufbrechen und ich vermisste ihn schon jetzt.

Mit Mom kam ich eigentlich gut zurecht, aber meine große Schwester Sarah war eine komplette Nervensäge. Nur weil sie jetzt achtzehn Jahre alt war, dachte sie, sie wäre total erwachsen und mir überlegen. Jedes Mal, wenn ich bei einem Gespräch mitreden wollte, schaute sie mich nur mit diesem mitleidigen Blick von oben herab an und sagte: »Aly, warum gehst du nicht mit deinen Puppen spielen?«

Ich hatte schon seit einem halben Jahr nicht mehr mit ihnen gespielt! Aber nein, das interessierte sie nicht. Sie und alle anderen, außer vielleicht Mr. Bishop, sahen ein dickes und dummes zwölfjähriges Mädchen. Niemand bemerkte, dass ich so viel mehr verstand. So viel mehr sah.

Seufzend kickte ich einen Stein von dem Bordstein und blickte in den vom Mond erhellten Himmel. Es war noch nicht ganz Vollmond. Oder nahm er bereits wieder ab? Ich hatte vergessen, welche fehlende Seite was ausdrückte.

Eine kühle Brise fuhr mir in den Kragen und ließ mich kurzzeitig erzittern. Dann hatte ich meine Straße erreicht. Hier standen rund fünf Häuser jeweils links und rechts, aber nur drei von ihnen waren bewohnt. Wir lebten in dem großen mit dem hellblauen Anstrich.

Mom würde mich umbringen, wenn ich reinkam. So spät wie heute war ich schon lange nicht mehr gewesen. Andererseits … normalerweise schickte sie Sarah vor, um mich abzuholen, wenn ich nach Anbruch der Dunkelheit nicht zu Hause war. Seltsam.

Oder sie waren einmal froh darüber, dass ich sie nicht mit meinen Fragen löcherte.

»Pff … Mir doch egal«, grummelte ich, als die Straße in Dunkelheit getaucht wurde. Mit einem mulmigen Gefühl sah ich hinauf und erkannte, dass sich einige dunkle Wolken vor den Mond geschoben hatten. Gut, dass ich nur noch ein paar Meter vor mir hatte.

Ich sprang die Stufen zur Veranda hoch, bevor ich die Tür erreichte, die lediglich angelehnt war. Das war komisch. Eigentlich waren Mom und Dad ziemlich penibel, was das Schließen der Türen und Fenster anging. Ich schürzte verunsichert die Lippen.

Unentschlossen blickte ich nach links und rechts, aber in der Dunkelheit konnte ich kaum noch etwas erkennen. Also stieß ich die Tür mit der flachen Hand auf und blinzelte in den Flur hinein, der durch das schwache Licht einer Kerze beleuchtet wurde.

»Mom?«, rief ich mit gedämpfter Stimme. »Dad? Sarah?«

Niemand antwortete mir, als ich endlich eintrat und die Tür hinter mir schloss.

»Ich bin da!«

Die Küche und das Wohnzimmer lagen in Dunkelheit, was mich noch mehr bestürzte als die angelehnte Tür. Ich war kurz davor, wieder rauszulaufen, als ich das Wimmern hörte. Es klang nach meiner Schwester und ich hatte es seit langer Zeit nicht mehr gehört. Obwohl mein Herz vor Angst fast aus meiner Brust sprang, kämpfte ich mich die Treppen hoch, bis ich etwas Nasses auf dem Geländer fühlte.

Ich hatte beinahe die letzte Stufe erreicht, da hielt ich inne und rieb die Flüssigkeit zwischen Daumen und Zeigefinger. Dunkel und samtig.

Blut.

Das Wimmern verstummte und die plötzliche Stille riss mich aus meiner Starre. Vorsichtig ging ich die letzten drei Stufen hoch und sah in Sarahs Zimmer, das leer war. Dann vernahm ich ein grausames Lachen, das mir einen eiskalten Schauer den Rücken hinabrinnen ließ und ich wusste, wo sie sich befanden.

In meinem Zimmer.

Meine Knie fühlten sich an wie der Wackelpudding, den ich zu meinem fünften Geburtstag bekommen hatte. Ich konnte mich nur deshalb noch daran erinnern, weil der Berg von diesem grünen Zeug einfach riesig und wackelig gewesen war.

»Mom?«, wisperte ich und trat in den Raum ein, der mich von nun an in meinen Albträumen verfolgen sollte.

In der ersten Sekunde nahm ich meinen Vater und Sarah, die auf dem Boden lagen, wahr, in der nächsten erkannte ich, dass Mom, über Sarah gebeugt, eines unserer scharfen Küchenmesser in der Hand hielt, die ich nicht anfassen durfte, weil es zu gefährlich war. Hinter Mom standen zwei in Schatten gehüllte Männer, unberührt von dem Licht der einsamen Kerze auf meinem Nachtschränkchen.

»Wen haben wir denn da?«, sprach einer der Fremden mit einem leichten Akzent, den ich nicht einordnen konnte. Ich wusste jedoch sofort, was er und sein Freund waren.

Dämonen.

»Dad?« Ich stürzte an seine Seite, rutschte über den blutbesudelten Boden und berührte sein Gesicht. Seine Augen starrten ins Nichts, was nur eines bedeuten konnte.

»Dad!«

Tränen sammelten sich in meinen Augen, aber ich konnte sie nicht weinen. Die Angst saß mir zu tief in den Knochen und mit jeder Bewegung, die ich tat, befürchtete ich, ebenfalls von den Dämonen niedergestochen zu werden.

Doch dann fiel mir auf, dass sie es überhaupt nicht waren, die Waffen trugen. Mom hielt das Messer in der Hand, halbhoch, als würde sie auf Anweisungen warten. Sarahs Brust hob und senkte sich unregelmäßig. Ihre Augen waren geschlossen, während das Blut ihre hellblaue Bluse dunkel färbte.

»Was hast du getan?«, hauchte ich und sah von Mom zu den beiden Fremden und wieder zu Mom.

»Die Schlauste ist sie nicht gerade«, lachte der andere Mann und stieß den größeren mit dem Ellbogen in die Seite. »Vielleicht hätten wir sie zuerst töten sollen.«

»Na los, Marianne«, sagte der Dämon mit der melodiösen Stimme, seinen Gefährten ignorierend, und sah meine Mutter an. Ihr Körper zuckte zusammen, als sie ihren Namen aus seinem Mund hörte. »Du wolltest deiner Tochter doch eine Lektion erteilen.« Er bewegte kurz seine klauenartige Hand, als würde er Mom dazu auffordern, sich zu bewegen. Und sie tat es.

Zu meinem Entsetzen holte sie weiter aus und stieß noch einmal zu. Sarah stöhnte. Ich starrte. Die Welt drehte sich weiter.

»MOM! STOPP! HÖR AUF!«, kreischte ich und streckte meine Hand aus, um ihre Hand aufzuhalten, doch ich verfehlte sie. Das Messer streifte mein Handgelenk, bevor es mit einem unbeschreiblichen Geräusch in Sarahs Bauch gestoßen wurde. »Bitte«, wimmerte ich hilflos.

»Es reicht«, sagte der Größere, als sich Sarah nicht mehr bewegte. Mom hielt sofort inne, dann blickte sie mich mit ihren großen braunen Augen an. Sie waren leer. Ich konnte nichts mehr in ihnen erkennen. Vielleicht war es auch einfach nur zu dunkel.

»Beende es, Marianne. Du weißt, dass du es möchtest.« Wieder bewegte er seine Hand. Im nächsten Moment stach Mom das Messer gnadenlos und ohne zu zögern in ihre eigene Brust. Ein leises Geräusch, als wäre sie überrascht, entfloh ihren Lippen, dann fiel sie vornüber auf die leblosen Körper ihrer Tochter und ihres Mannes.

Ich konnte nichts anderes tun, als hinzusehen und es zu ertragen. Es würde nicht lange dauern. Sie würden mich auch manipulieren, wie sie es bei meiner Mutter getan hatten. Nun erinnerte ich mich an die unzähligen Gespräche, die ich nur in Fetzen mitbekommen hatte, weil ich noch zu klein, zu jung und zu dumm gewesen war, um an ihnen teilzunehmen. Das hier waren Königsdämonen. Sie konnten Menschen manipulieren und sie alles tun lassen, was sie wollten.

»Was machen wir jetzt mit ihr?«, fragte der Unscheinbarere und Kleinere. Ich sah ihn und doch schien ich ihn nicht wahrnehmen zu können.

Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper und versuchte verzweifelt, mich selbst zusammenzuhalten. Nur noch ein paar Minuten. Ein paar Momente, dann würde ich wieder bei meiner Familie sein. Es würde bestimmt nicht so sehr wehtun. Bestimmt nicht. Nein. Vielleicht nur ein kleines bisschen. Das würde ich schon irgendwie ertragen. Du bist tapfer, Alison. Sarah war auch tapfer. Und Mom. Und Dad.

Der größere Dämon bewegte sich plötzlich auf mich zu. Seine Schritte waren langsam, wirkten gesetzt und raubtierhaft. Ich blickte nur bis zu seinen Händen, die an den Seiten herabhingen. Sie waren klauenartig und machten mir Angst. Würde er mir damit die Kehle aufschlitzen?

Er legte die schwarze Kralle seines Fingers unter mein Kinn und übte leichten Druck aus, sodass ich verstand, dass ich ihn ansehen sollte. In dem schwachen Schein der Kerze konnte ich nun die pupillenlosen Augen, die nur aus der Farbe der Iriden zu bestehen schienen, und die verlängerten Zähne sehen.

»Wir lassen sie hier. Lebend«, antwortete er mit seiner akzentträchtigen, sanften Stimme. »Denn das wird ihre größte Strafe sein. Unter den Erinnerungen zu leiden. Für den Rest ihres erbärmlichen Menschenlebens.« Er legte den Kopf schief, beugte sich weiter hinab und versiegelte sein Versprechen mit einem Kuss auf meine Lippen. »Nicht wahr, Alison?«

2. Kapitel

August 2010 – Die Rayons

Sieben Jahre. Sieben lange Jahre waren vergangen, seit ich meine Familie auf so grausame Art und Weise verloren hatte. Es verging kein Tag, an dem ich mich nicht an diesen Abend zurückerinnerte, was dem Königsdämon recht gab. Das war meine Strafe.

Ich hob meine schwarze Lederjacke vom Boden auf und schüttelte sie gründlich aus. Hier war es alles andere als sauber, aber das Haus war nur für den Übergang gedacht. Eigentlich hatte ich nicht mehr als die eine Nacht hierbleiben wollen, aber dann hatte ich eine Gruppe Schattendämonen gefunden. Die vergangene Nacht hatte ich also damit zugebracht, die Bar, die sie offensichtlich frequentierten, zu beobachten.

Es war nicht schwer gewesen, mir einen Plan zurechtzulegen, wie ich vorzugehen hatte, um möglichst viele von diesen Monstern zu erledigen.

Den Tag hatte ich dazu genutzt, etwas Schlaf nachzuholen. Es war nicht gerade einfach, wenn man ständig von Albträumen heimgesucht wurde. Damit meine ich nicht die Art, die dich heftig atmend in der Realität zurücklässt, obwohl das auch schon mal vorkam; nein, ich meine die Art, die bis in dein Innerstes vordringt, sich dort ausbreitet und dich an deiner gesamten Existenz zweifeln lässt. Wenn ich dann endlich erwachte, fühlte ich mich stets schwach und ausgelaugt. Es kam nicht selten vor, dass ich mich von meinem Essen verabschieden musste.

Ich entschied mich für eine dehnbare, dunkle und eng anliegende Jeans, in der ich schon oft genug gekämpft hatte. Ein paar Risse befanden sich bereits in ihr und Blutflecken, die sich nicht mehr rauswaschen ließen, verrieten meine Profession. Bevor ich zurück in die Stadt ging, würde ich sie entsorgen müssen, um mich nicht zu verraten. Mühsam zog ich die Hose über meine muskulösen Beine, die ich dem jahrelangen Training zu verdanken hatte. Vorbei waren meine Tage der Fettleibigkeit. Selbst wenn ich nicht mit dem Kampftraining begonnen hätte, war es für Menschen in diesen Zeiten schwer, übergewichtig zu bleiben oder überhaupt zu werden.

Nachdem ich meine abgetragene Lederjacke über mein einfaches Polyestershirt aus alten Tagen gezogen hatte, begab ich mich zu dem Bett, auf dem meine schwarze Sporttasche lag, in der ich ein paar Wechselklamotten und noch mehr Waffen aufbewahrte. Ich steckte mehrere Dolche an diverse Stellen an meinem Körper, die ich im Kampf leicht erreichten konnte. Zwei Federmesser, deren kurze, skalpellartige Klingen einmal aus Silber und einmal aus Gold bestanden, hakte ich in die üblichen Positionen an meinem Gürtel ein, da ich diese auf keinen Fall verlieren durfte. Es war schwer, diese Art von Waffen heutzutage aufzutreiben, was insbesondere auch für Schusswaffen jeglicher Art galt, da diese sogar gesetzlich verboten waren. Natürlich besaß ich trotzdem eine Halbautomatische, die ich jedoch nur für den Notfall aufbewahrte, da ich nicht in Schwierigkeiten kommen wollte. Nicht, dass das Töten von Dämonen mich nicht in Schwierigkeiten bringen würde, sollte ich nicht aufpassen.

Ich packte noch diverse Wurfmesser mit ein und befestigte mein Waidblatt – ein großes, relativ schweres Jagdmesser, das genau fünfundzwanzig Zentimeter maß und eine leicht abgeschrägte Klinge besaß – an meinem Gürtel. Das Waidblatt hatte mir meine Tante Lucy geschenkt.

Damals, als ich ganz allein gewesen war, hatte mich Mr. Bishop eigenhändig nach Billings gebracht, wo meine Tante lebte. Er fand sie und übergab mich ihr, was das Beste war, was er hätte tun können.

Lucy hatte mir einen Grund zum Weiterleben gegeben. Sie hatte mich wieder zum Reden gebracht, indem sie mir das Kämpfen zeigte. Ich hatte meine Aufgabe gefunden und später auch meine Bestimmung.

Ich überprüfte noch einmal alle Halterungen, besonders die Gurte um meinen linken Oberschenkel, an dem die meisten Messer hingen, bevor ich meine dunkelbraunen Haare zu einem neuen Pferdeschwanz zusammenband und dann meine Armbrust zur Hand nahm. Zwei Pfeile würden genügen. Im Nahkampf wäre die Waffe ohnehin nur hinderlich, weshalb ich vorhatte, sie bloß am Anfang zu benutzen. Einen von den Schattendämonen würde ich ausschalten können. Sicherheitshalber steckte ich noch zwei weitere Pfeile ein. Es konnte nie schaden, mehr Waffen einzustecken.

Die Lippen zusammenkneifend verließ ich das heruntergekommene Haus in irgendeiner Stadt, deren Namen niemand mehr kannte. Es wohnten zwar noch ein paar Menschen hier, aber so wie es aussah, hatten wie fast überall in den Rayons Schattendämonen das Sagen.

Draußen lag die Dunkelheit wie ein Leichentuch über Straßen und Gebäuden, was nicht weiter verwunderlich war. Dort, wo sich viele Dämonen aufhielten, sammelte sich zwangsläufig der Schatten. Königsdämonen konnten diese jedoch weniger stark beeinflussen als Schattendämonen, die ihnen ansonsten kräftemäßig weit unterlegen waren.

Ich hielt die Armbrust im Anschlag, während ich den Weg einschlug, den ich mir am vorigen Tag überlegt hatte. Er würde mich zur Hintertür des Etablissements bringen, in dem sich hoffentlich eine ganze Meute von Monstern aufhalten würde.

Es war nicht komisch oder gar ein Grund für Angst, dass ich niemandem begegnete. Selbst in den einundzwanzig Städten in Nordamerika waren in der Nacht meist nur Dämonen unterwegs, da sie das Sonnenlicht mieden. Menschen lebten hingegen größtenteils nach dem normalen Zeitplan.

Ich selbst befand mich irgendwo dazwischen und passte mich meist dem an, was gerade notwendig war.

Mittlerweile hatte ich die Gasse erreicht, in die die Hintertür mündete und wo ich mein erstes Opfer erledigen sollte. Die Armbrust hob ich noch ein Stück weiter an, bevor ich mit gleichmäßigen Schritten in die Finsternis eintauchte. Gut, dass ich im Dunkeln nicht so schlecht sah wie die meisten Menschen.

Letzte Nacht hatte ich die Bar beobachtet und die Gegend ausgekundschaftet, während ich mich von Dach zu Dach fortbewegt hatte, immer darauf bedacht, in Deckung zu bleiben. Heute konnte ich mich nicht mehr aus dem Geschehen heraushalten. Heute würde ich die Welt von ein paar weiteren Dämonen befreien, die von einer anderen Dimension aus unsere Länder überrannt hatten.

Ich klopfte ein paar Mal fest an die Tür, bevor ich drei Schritte zurückging und mit der Armbrust auf die Stelle zielte, an dem derjenige stehen würde, der die Tür öffnete.

Mein Zeigefinger schob sich über den Abzug.

Es dauerte nicht lange, da wurde die Tür nach außen geöffnet und ein großer, breitschultriger Mann trat heraus.

»Schönen Abend«, begrüßte ich ihn, den Kopf schief legend. »Ist die Happy Hour schon vorbei?«

Sobald er meine Armbrust erkannte, wandelte sich seine Form. Seine Zähne wurden länger und spitz, die Pupillen verfärbten sich weiß und seine Hände verformten sich zu Klauen. Er stieß ein tiefes Knurren aus, doch da hatte ich den Pfeil schon losgelassen. Zischend traf er sein Ziel.

Die Armbrust fiel klappernd zu Boden, als ich dem Schattendämon einen Tritt in die Magengrube versetzte und mit dem Ellbogen seine Schulter traf. Fassungslos blickte er von mir zu dem Pfeil, der aus seiner Brust herausragte, dann fiel er auf die Knie und kippte schließlich zur Seite weg. Seine Augen starrten ins Nichts.

Schnell schloss ich die Tür wieder hinter ihm, sodass ich in Ruhe mein silbernes Federmesser herausholen konnte. Ich zog den Pfeil aus seiner Brust und riss das Leinenhemd vorne auseinander, sodass ich die dunkel behaarte Haut sehen konnte.

Schattendämonen waren an sich lächerlich einfach zu töten. Das Problem war nur, dass sie nicht immer tot blieben. Lucy und ich hatten ein paar Jahre gebraucht, ehe wir herausgefunden hatten, was die Heilung oder das Wiederauferstehen auf jeden Fall verhinderte.

Ich ritzte mit dem Federmesser das Saturnzeichen über seinem Herzen in die Haut. Das Symbol sah aus wie ein Hybrid aus einem Kreuz und einem kleinen h. Es war wichtig, dass die Klinge aus Silber oder Gold bestand. Alles andere würde keine hundertprozentige Wirkung zeigen.

Das Blut wischte ich an seinem zerrissenen Hemd ab, bevor ich wieder nach der Armbrust griff und meinen zweiten Pfeil einlegte.

»Das ging ja schnell«, murmelte ich, bevor ich nach dem Türknauf griff, der sich nicht drehen ließ. Abgeschlossen. »Verdammter Scheiß.«

Jeden anderen Menschen hätte das aufgehalten, doch ich war seit fast zwei Jahren mehr als nur ein gewöhnlicher Mensch. Lucy hatte mir vor ihrem Tod etwas Einzigartiges geschenkt, das mich stärker, schneller und effektiver hatte werden lassen.

Ohne große Mühe riss ich den Türknauf samt Schloss aus der Tür heraus und warf ihn mit einem lauten Klacken auf den Asphalt hinter mir. Natürlich hätte ich eher leise sein sollen, um nicht sofort alle Dämonen auf mich aufmerksam zu machen, aber wenn mich das Adrenalin überkam, war ich einfach zu ungeduldig.

Als ich das Hinterzimmer betrat, wurde ich sofort von zwei Männern begrüßt. Ich ließ den Pfeil los, der sich in die Schulter des Blonden bohrte, ihn aber nicht sonderlich beeinträchtigte, da er sich danach noch problemlos wandeln konnte.

Die einzigen zwei Dinge, auf die ich mich nun verlassen konnte, waren das Sicheltattoo hinter meinem Ohr, das verhinderte, dass die Dämonen meinen Schatten fressen konnten, und natürlich meine Kampffähigkeiten. Sie knabberten nicht wirklich Schatten an, es war eher so, dass sie menschliche Auren aufnahmen und uns dadurch kurzzeitig schwächten. Es fühlte sich für uns an, als würden wir ganz plötzlich müde werden. Auf kurz oder lang erholte man sich, wurde man nicht vorher von dem Dämon getötet.

»Dann zeigt mal, was ihr könnt«, forderte ich sie auf, nachdem ich mein Waidblatt gezogen hatte.

Die scharfen Zähne dieser Raubtiere schimmerten im schwachen Licht der Gaslampen, die auf den Regalen standen. Das Knurren ging mir wie immer durch Mark und Bein, aber es hatte schon lange die Fähigkeit verloren, mich vor Angst zu lähmen.

Lucy hatte mir von Anfang an ausgetrieben, mich von meiner Furcht beherrschen zu lassen.

»Jägerin«, sagte der Braunhaarige in diesem merkwürdigen Akzent, der beinahe jeden Dämon verriet. Englisch war eben nicht ihre Muttersprache. »Das wird deine letzte Nacht auf Erden sein.«

»So dramatisch! Ich glaube allerdings, du verwechselst mich mit euch.« Und damit war das Geplänkel vorbei. Ich stieß einen Kampfschrei aus, der eine nervige Angewohnheit war, und sprang mit erhobenem Dolch auf den blonden Dämon zu, der mir am nächsten stand.

Er wich natürlich sofort aus, aber damit hatte ich gerechnet. In einer fließenden Bewegung drehte ich mich um, packte ihn an den Schultern und rammte ihm das Knie in die Seite, bevor ich das Messer in seinen unteren Rücken stieß. Er jaulte auf und schlug so heftig um sich, dass er mich mit seinem Handrücken unwillkürlich am Kiefer traf.

Ich taumelte ein paar Schritte zurück, musste mich aber augenblicklich ducken und zur Seite über den Boden abrollen, da der Braunhaarige nach mir gegriffen hatte.

Ich sprang wieder auf, das Messer noch immer in der Hand, und wehrte die Schläge meines Kontrahenten ab. Zwischendurch gelangen mir Tritte gegen seine Beine und einmal auch in seinen Bauch, aber er war zu stark und überraschenderweise sehr beweglich, dafür, dass er so riesig war.

Irgendwann traf er mein Handgelenk so ungünstig, dass ich den Halt um den Griff des Waidblatts verlor und dieses klirrend zu Boden fiel. Wütend drehte ich mich zwischen den Regalen um meine eigene Achse, hob mein Bein und traf mit dem Fuß das Kinn des Dämons. Er taumelte einen Moment, was ich für einen weiteren gezielten Tritt in seine Magengrube ausnutzte, sodass er vor Schmerzen gekrümmt nach Luft schnappte. Das Regal neben ihm schwankte, als er sich daran abstützen wollte, und eine der Gaslampen zerschellte auf dem Boden.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie sich mir der zweite Dämon näherte, und innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte ich eines meiner Wurfmesser in der Hand. Ich wog das glatte, gut ausbalancierte Stahlmesser in der Hand, atmete tief ein und wieder aus.

Die Klinge fuhr direkt in den Hals des Blonden.

Ich wartete nicht darauf zu sehen, ob er tatsächlich ausgeknockt war, da ich zuerst den Braunhaarigen erledigen wollte. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und malträtierte sein Gesicht, das vor der Wandlung eigentlich ganz hübsch gewesen war, bevor ich mir erlaubte, ein weiteres Messer zu ziehen und ihm die Kehle aufzuschlitzen.

Wie viele andere vor ihm auch, hob er seine Hände und presste sie auf die Wunde, als könnte er dadurch das Blut aufhalten, das in Wellen aus seinem Körper floss. Als ich an ihm vorbeiging, stieß ich ihn in den Rücken, sodass er vornüber auf den Holzboden fiel.

Ich hob mein Waidblatt auf und schritt dann zu dem Blonden, der sich nicht mehr regte. Eilig steckte ich die Klinge weg und holte das Federmesser hervor, um das Saturnzeichen in die Brust der beiden Dämonen zu ritzen.

Es hatte mich schon ein wenig gewundert, dass uns niemand während des Kampfes gestört hatte, doch dann sah ich, dass die Tür zur eigentlichen Bar geschlossen war. Musik drang nun an meine Ohren, die vorher im Rauschen meines Pulses untergegangen war. Bevor ich mich jedoch dem Rest der Monster widmen konnte, nahm ich den Geruch von Feuer wahr.

»Verflucht.« Eine der zerschellten Gaslampen hatte anscheinend einen Stapel Bücher in Brand gesetzt. Ich musste mich entscheiden, ob ich das Feuer löschen oder den Moment nutzen wollte.

Ich presste die Lippen zusammen, wandte mich der Tür zu und stieß sie mit dem Fuß auf. Der Rahmen zerbarst und die Splitter stoben in alle Richtungen, ohne mich zu verletzen.

Es befanden sich rund ein Dutzend Männer und Frauen in der Bar und sie alle sahen mich erstaunt an, als könnten sie nicht wirklich begreifen, was sich gerade vor ihren Augen abspielte. Die Musiker hörten abrupt auf zu spielen.

Der letzte Ton hing wie eine Warnung in der Luft.

»Was? Noch nie eine Jägerin gesehen?«, fragte ich seelenruhig, wog das Stahlmesser in der Hand und warf es gerade und gezielt in die Brust des Dämons, der dem Ausgang am nächsten gestanden hatte. Danach löste sich die Starre auf und Gebrüll mischte sich mit Knurren.

Rechts neben mir befand sich eine mittelgroße Frau mit langen blonden Locken. Sie hatte ihre Wandlung so schnell vollzogen, wie ich es noch nie erlebt hatte. Sie musste also schon recht erfahren sein, vor allem, da sie keine Sekunde verschwendete und versuchte, mir ihre Krallen tief in die Schulter zu bohren.

»Miststück«, knurrte ich, wand mich aus ihrem Griff und stieß ihr meinen Handballen gegen die Stirn. Bevor ich mich aber weiter um sie kümmern konnte, stürzte ein älterer Mann von rechts auf mich zu, den ich mir mit einem Kinnhaken vom Leibe hielt. Danach verschwamm alles zu Kampf und Verteidigung. Ich dachte nicht mehr nach, ich funktionierte nur noch und es war ein gutes Gefühl. Schmerz existierte nicht mehr.

Mein Körper sehnte sich nach Tod und Verwüstung. Ich ließ ihn gewähren.

Ich drehte mich, schlug und trat zu, nahm eines meiner Messer zur Hand und bohrte es in Schultern, Bäuche und Hälse, bis nur noch ich, schwer atmend und blutüberströmt, im Raum stand.

Nicht alle Dämonen waren geblieben, um sich mit mir zu messen. Rund die Hälfte lag nun teilweise bewegungslos, teilweise stöhnend auf dem Boden. Ich machte mich an die fast schon automatische Arbeit, Kehlen durchzuschneiden und die Saturnzeichen in die Haut zu ritzen.

Währenddessen wanderten meine Gedanken an einen anderen Ort, weit weg von hier. Ich war gerade erst seit zwei Monaten bei meiner Tante Lucy gewesen, als sie mich auf meine erste Jagd mitgenommen hatte. Sie hatte außerhalb von Billings einen Schattendämon ausfindig gemacht, der ein Einsiedler gewesen war. Es war nicht schwer für die trainierte Kampfkünstlerin gewesen, ihn auszuschalten. Damals hatten wir noch nicht gewusst, dass sich Dämonen wieder von fast allen Verletzungen erholen konnten und so hatte sie ihm lediglich ein Messer durchs Herz gebohrt und mich angewiesen, dasselbe zu tun, obwohl er bereits tot war.

Lucy hatte zu mir gesagt, dass es wichtig wäre, mich mit dem Gefühl bekannt zu machen, wenn sich Stahl durch Fleisch bohrte. Ich war erst zwölf gewesen. Zwölf. Naiv. Klein. Dick. Unschuldig. Lucy hatte mich von da an gezwungen, sie auf jede ihrer Missionen zu begleiten, bis ich mit vierzehn das erste Mal selbst töten sollte.

Der Qualm breitete sich immer weiter aus und verpestete die Luft, was mich schließlich aus meinen Gedanken riss. Ich beendete das letzte Symbol auf der Brust der verwandelten blonden Schönheit, bevor ich mich durch hungrige Flammen zurück in das Hinterzimmer kämpfte. Ich war nicht bereit, meine wertvolle Armbrust zurückzulassen. Die Messer hatte ich bereits alle eingesammelt.

Ich hustete, als sich der Rauch in meinen Lungen festsetzte. Nahezu blind wäre ich beinahe über eine der Leichen gefallen, doch ich konnte mich im letzten Moment noch ausbalancieren, bevor ich meine Armbrust auf dem Boden direkt neben dem Eingang fand. Ich hob sie auf, drückte die Tür auf und stolperte hustend in die Gasse.

Ein lautes Krachen ließ mich das Tempo anziehen. Anscheinend waren ein paar der Regale zusammengebrochen. Schon bald würde von dem Etablissement kaum mehr als Asche übrig bleiben. Ich betrachtete für einen Moment die Leiche vor der Hintertür. Sollte ich sie noch in den Raum schleifen, damit sie samt der anderen verbrannte?

Schließlich entschied ich mich dagegen. Es war die Mühe nicht wert. Ich klopfte meine Kleidung ab und entfernte mich dann zügig von dem Ort des Todes. Das Adrenalin verließ meinen Körper allmählich und auch wenn ich es nach wie vor mit jedem Schattendämon aufnehmen konnte, hatte ich für die Nacht doch genug. Außerdem sagte mir etwas, dass die Geflohenen nicht allein zurückkommen würden.

Mich durch Schatten hangelnd erreichte ich mein sicheres Versteck, in dem ich meine Kleidung zusammenpackte und im Badezimmer Arme und Gesicht von Asche und Blut befreite.

Zwar gab es nach wie vor keinen Strom, aber immerhin funktionierten noch die Wasserleitungen, da auch Dämonen überraschenderweise Wert auf Hygiene legten. Leider blieb das Wasser kalt.

Ich stellte mich ans Fenster, schob die Vorhänge ein Stück beiseite und betrachtete die verlassene Straße. Niemand war zu sehen. Schon bald würde die Sonne aufgehen und ich könnte mich auf den Weg zurück nach Ascia machen.

Der Ort, der nach dem Tod meiner Tante zu meinem neuen Zuhause geworden war. Der Ort, in dem sich das Hauptquartier der Gilde der Jäger befand. Der Ort, der genauso schlimm war wie alle anderen in dieser neuen Welt.

3. Kapitel

Die Sonne stand hoch und strahlend am Himmel, als ich den klappernden Ford Fiesta rund zwei Stunden Fußweg von Ascia entfernt am Highway parkte. Auch wenn ich am liebsten den Rest des Wegs gefahren wäre, musste ich von dem Gefährt Abschied nehmen, da auch diese Nutzung mit einer Strafe versehen war. So kurz vor einer Stadt gab es viel mehr Patrouillen als im Herzen der Rayons und ich hatte keine Lust, mich mit Taio Billings’ Miliz auseinanderzusetzen. Es war zwar helllichter Tag, was die anwesenden Königsdämonen schwächte und langsamer werden ließ, allerdings würde ich gegen sie immer noch alt aussehen. Es war keine Schande, mir das einzugestehen. Lediglich sehr ärgerlich.

Ich schulterte meinen Rucksack, nahm die Sporttasche zur Hand, in der sich der Großteil meiner Waffen befand, und machte mich zu Fuß auf den Weg.

Ich würde zwei Tage später ankommen, als eigentlich vom Anführer der Gilde erwartet, was er mich mit Sicherheit nicht vergessen lassen würde. Eigentlich war mein Auftrag nur gewesen, zwei Schattendämonen zu erledigen, denen ich von Ascia aus gefolgt war, doch dem Nest gestern Nacht hatte ich einfach nicht widerstehen können. Jeder getötete Dämon verbesserte unsere Welt, die doch schon längst nicht mehr die unsere war.

Am liebsten hätte ich noch eine Weile hier in den Rayons verbracht, in denen ich mich frei von jedweden Gesetzen bewegen konnte, aber es würde mich meinem Ziel nicht näherbringen. Schließlich tötete ich Schattendämonen nur, um mein Training zu verbessern, damit ich eines Tages stark genug sein würde, auch Königsdämonen zu erledigen. Irgendwann würde ich diejenigen finden, die meine Familie getötet hatten, und dann musste ich bereit sein. Arias Wester, der Gildenführer, hatte mir für meine Kooperation versprochen, Informationen zu beschaffen und Nahrung sowie einen Schlafplatz zur Verfügung zu stellen.

Nach Lucys Tod war ich ihrem Rat gefolgt, hatte die Gilde aufgesucht und um Hilfe gebeten. Bisher war es eine gute Entscheidung gewesen, auch wenn ich bezweifelte, dass die Gilde einen großen Unterschied in der Welt ausmachte.

Wir Menschen waren einfach in der Minderheit, nachdem während des Dämonenkrieges mehrere Millionen getötet worden waren. Zu spät hatte man bemerkt, dass die Repräsentanten Nordamerikas und Europas von übernatürlichen Wesen manipuliert worden waren. Danach war es für die Dämonen ein Kinderspiel gewesen, uns zu dezimieren, Mächte wie Russland und Asien auf Distanz zu halten und sich schließlich jene Gebiete einzuverleiben. Am 12.12.2001 wurden die zwei anführenden Dämonen Benymn und Nion in Nordamerika und Europa zur gleichen Zeit von ihren dämonischen Verwandten Taio Billings und Louisa Tanner getötet, was leider in unsere menschliche Geschichte als Nacht der Assassinen einging. Von da an regierten Billings in Nordamerika und Tanner in Europa mit dem Pakt, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen.

Unsere Grenzen hatte Billings mit Mauern aus Schatten abgesteckt und niemand traute sich zu fliehen, aus Angst vor der Finsternis, die dahinter lauerte. Russland, Asien und Australien erklärten sich damit einverstanden, uns in Ruhe zu lassen, obwohl sie uns damit den Raubtieren zum Fraß vorwarfen. Sie hätten genauso gut unser Todesurteil unterschreiben können. Russland hatte vermutlich mehr Macht in der restlichen Welt gewittert, Asien und Australien waren mit der gesamten Situation überfordert gewesen und hatten versucht, ihre eigenen Kontinente vor dieser unbekannten Macht zu schützen. Afrika und Südamerika bildeten ein Bündnis, um sich gegen die Führer der anderen Weltmächte zu verteidigen, da nun vor allem Russland kaum noch Konkurrenz in der Welt hatte.

Diese Informationen waren natürlich alle nur gefiltert zu uns vorgedrungen. Es gab keine Radio- oder Fernsehsender. Ohne Strom war das schwer zu bewerkstelligen. Nein. Die Dämonen waren so freundlich, uns mit zensierten Tageszeitungen auf dem Laufenden zu halten.

Ich blinzelte seufzend gegen die Sonne an, die über der ummauerten Stadt Ascia stand und alles in gleißendes Licht tauchte. Es hätte ein schöner Sommertag sein können, hätten wir nicht in einer Welt voller Dämonen gelebt.

Auf der asphaltierten Straße begegnete ich bereits mehreren Händlern und Farmarbeitern, die ihren Geschäften nachgingen und die Zeit genossen, in der die Dämonen in ihren Häusern blieben, um dem Sonnenlicht zu entgehen. Es war viel los, was mich nicht sonderlich wunderte. So viele Menschen, gezwängt in eine so kleine Stadt, riefen diese Hektik nun mal hervor.

Ich nahm an, dass das Leben in einer der einundzwanzig Städte nicht dramatisch schlecht war, insbesondere nicht in Ascia, wo noch die wenigsten Gesetze herrschten, die das Leben eingrenzten. Aber es reichte mir aus zu wissen, dass Dämonen das Sagen hatten. Dies verhinderte, dass ich auch nur einen Tag unter ihrer Herrschaft genießen konnte.

Als ich das offen stehende, aus robustem Holz gefertigte Tor erreichte, wurde ich von Wächtern aufgehalten, die mein Tattoo sehen wollten. Ich streckte ihnen meinen linken Unterarm entgegen, an dem sich das umkreiste A für Ascia befand. Jeder Bürger wurde bereits im Kindesalter zwangstätowiert und es war fast unmöglich, von einer Stadt in eine andere zu ziehen. Ich hatte es gekonnt, weil ich den Tätowierern in der Stadt Billings ständig durch die Lappen gegangen und dementsprechend vorher nicht registriert worden war.

Der Wächter musterte mich nur kurz, da er seinen Job wahrscheinlich überaus verabscheute und die Sache schnell hinter sich bringen wollte. Soweit ich wusste, wurden nur Schattendämonen als Torwächter abbestellt und unter ihnen galt diese Aufgabe als wenig ansehnlich. Niemand wollte so viel mit Menschen zu tun haben und dann auch noch tagsüber arbeiten, wenn sie ohnehin nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte waren, obwohl es ihnen da angeblich noch besser erging als Königsdämonen, aber das waren lediglich Gerüchte. Ich wusste nichts Konkretes, das von einer vertraulichen Quelle autorisiert worden war.

Ich rollte meinen Ärmel wieder herunter und setzte meinen Weg durch die Menge fort. Die meisten Leute schoben sich in Richtung Stadtmitte, wo sich der Marktplatz befand. Tagsüber war dieser meist nur auf die notwendigen Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet und eher keine Herberge des Vergnügens. Nachts sah das Ganze dann schon wieder anders aus.

Unterm Strich waren wir Menschen in dieser neuen Welt einfach nichts wert. Wir schliefen, wir atmeten und wir gingen unserer Arbeit nach, um nicht nur uns, sondern auch die neue Aristokratie zu versorgen. So verhielt es sich hier. So wollten uns die Dämonen haben, als sie diese neue Welt nach ihren Vorstellungen kreiert hatten.

Der Markt war voller Leben und doch wirkte er seltsam still, als wäre jegliche Freude aus allen Anwesenden herausgesaugt worden. Es hätte mich gewundert, wäre dies nicht das alltägliche Bild gewesen.

Ich kramte ein paar Münzen aus meiner Hosentasche, die als Währung in allen einundzwanzig Städten eingeführt worden waren, und kaufte mir einen mehlig aussehenden Apfel. Sie waren mir die liebsten, auch wenn ich lieber etwas Schokolade gehabt hätte, aber die war heutzutage quasi unbezahlbar. Hier und dort fand ich in den Rayons noch ein paar Vorräte, was das Leben für einen Moment wieder erträglich erscheinen ließ.

Eigentlich wollte ich mich direkt auf den Weg in meine kleine Wohnung machen, aber ich wurde von einer ungewöhnlichen Menschentraube aufgehalten. Vorwiegend Kinder hatten einen kleinen Kreis um eine rund anderthalb Meter große Box gebildet, in die ein Loch gesägt worden war, vor dem dunkelrote Vorhänge hingen. Ein Puppenspiel?

Neugierig geworden lehnte ich mich an einen Stand, biss in meinen Apfel und beobachtete das Schauspiel über die Köpfe der Kinder hinweg. Ein paar andere Erwachsene gesellten sich ebenfalls zu uns, bevor es endlich losging.

Die Geräusche des Marktes versanken ganz von allein im Hintergrund, als sich die Vorhänge öffneten und eine etwas seltsam anmutende Puppe zum Vorschein kam. Sie bestand lediglich aus einem schwarzen Holzschnitt und wirkte, als würde sie einen Arm belehrend ausstrecken.

»Diese Geschichte, meine Kinder, ist die Wahrheit und nur die Wahrheit, wie sie erlebt wurde von Gestalten vor unserer Zeit. Tragik und Komik verwoben in dem Einen, dem wir nicht entkommen können. Das Schicksal ist uns stets auf den Fersen und lauert in unseren eigenen Schatten.« Die Puppe wanderte von links nach rechts, während die Stimme tief in unsere Seelen tauchte. »Lasset mich also beginnen mit der Geschichte, die doch eigentlich gar keine ist.« Eine weitere Puppe erschien, bevor die andere verschwand, und ich war gefangen von dem dramatischen Schauspiel.

»Einst lebten Dämonen in ihrem ganz eigentümlichen Frieden in einer namenlosen Welt, Dimensionen von der unseren entfernt, die der Erde in den wichtigsten Dingen ähnelte. Sie war aufgeteilt in zwei gleich große Königreiche, genannt Duster und Triste.

In Duster regierte der Erzdämon Aeshma, der nicht nur für sein Temperament bekannt war, sondern auch berüchtigt für seine endlos erscheinende Begierde. Begierde nach was, wollt ihr wissen? Nun, nach allem, das er noch nicht sein Eigen nennen konnte.«

Die Puppe war in einem wütenden Rot angemalt und wirkte mit ihrer dramatisch eingesetzten Silhouette pompös und beeindruckend, als sie von der einen Seite zur anderen zu schreiten begann und dabei jedem Kind in die Augen zu sehen schien.

»Seine Ländereien und seine Untertanen führte er jedoch stets mit strenger, aber gerechter Hand, sodass sein Reich schon bald nach seiner Thronbesteigung wuchs und gedieh. Je besser es seinem Volk aber erging, desto unruhiger und gelangweilter fühlte er sich selbst. Sein rastloser Blick wanderte schließlich über die Grenzen seines eigenen Reiches hinweg, bis er die Königin von Triste erreichte.

Morrigan war das finstere Gegenstück von Aeshma.

Wo er temperamentvoll war, war sie eiskalt.

Wo er in hellen Farben strahlte, hüllte sie sich in Dunkelheit.

Wo er begehrte, zerstörte sie.«

Eine weitere Puppe erschien. Sie sollte eindeutig eine schlanke Frau mit langen schwarzen Locken darstellen. Ein Umhang wehte hinter ihr her.

»Ihre Ländereien waren kahl, düster und dem Tode nahe, als Aeshma beschloss, Morrigan zu der Seinen zu machen. Die Todesgöttin aber war keineswegs erpicht auf seine Nähe und lehnte seine Versuche, ihr den Hof zu machen, vehement ab.

Aeshma war von ihrer Abneigung sehr getroffen, da er sie nicht verstand. Wieso wollte sie ihn nicht, wo er doch ein großer Krieger, Magier und der mächtigste Dämon seiner Lande war?

Seine letzte Chance, Morrigans Herz doch noch zu gewinnen, sah er in Avnas. Ein Dämon, der die Gestalt von Feuer annahm und nicht nur Aeshmas Legionen befehligte, sondern auch Meister des Wissens war. Er riet seinem Herrscher, Morrigan ein Geschenk zu machen. Aeshma erwiderte jedoch, dass es seiner Morrigan nach nichts verlangte. Hier bot Avnas schließlich sein unschätzbares Wissen dar und Aeshma machte sich kurze Zeit später auf den Weg zur Königin von Triste. Er bestritt diese Reise zu Fuß und allein, denn das Geschenk, das er seiner Liebsten brachte, war so wertvoll, dass er niemandem mit dem Wissen darum traute. Weder Dämon noch Tier.

Nach Monaten erreichte er schließlich Morrigans Festung, die sich dunkel und majestätisch von den sagenhaften Dreiflügelklippen erhob.« Wie durch Magie veränderte sich Aeshmas rote Puppengestalt in ein dunkelbraunes Häufchen Elend, das nur noch sehr langsam gehen konnte. Ich war unfähig, meinen Blick abzuwenden.

»Niemand erkannte den König, als er zerlumpt, mit langem Bart und filzigem Haar vor die Königin trat. Er kniete wie ein gemeiner Mann vor ihr nieder und streckte ihr mit den folgenden Worten seine Hände entgegen, die wabernde Finsternis zu umfassen schienen: ›O Morrigan, ich bin gekommen, um dir das Einzige zu geben, das du je begehrt hast, um das zu bekommen, was ich so sehr begehre.‹

Morrigan beugte sich in ihrem Thron aus Knochen vor, während Aeshmas Stimme durch den Saal schwebte. ›Und was könnte dies sein?‹« Die Morrigan-Puppe saß nun tatsächlich auf einem kleinen Thron, aber hoffentlich nur aus Holz gefertigt. Es wirkte alles so echt, so beweglich.

»Der Erzdämon hob seine Lider und richtete seine pupillenlosen Augen auf seine Liebste. ›Sieh selbst.‹

Sie nahm die Finsternis aus seinen Händen und goss sie wie Wasser und Nebel über sich. Die Schwärze fraß das Licht und an Morrigans Stelle erschien ein königlicher Rabe, der sich mit einem triumphierenden Kreischen in die Lüfte erhob. Morrigan war so glücklich über dieses Geschenk, dass sie schließlich nachgab und Aeshma zu ihrem Gefährten nahm.

Viele Generationen lang regierten sie vereint über Duster und Triste. Ihre Kinder erbten die pupillenlosen Augen des Vaters und das kalte Herz der Mutter. Von nun an Königsdämonen genannt, führten sie den Willen ihres Vaters aus und wurden zu seinen Soldaten.« Mehrere Puppen reihten sich aneinander und schienen wie eine einheitliche Armee durch die Felder zu stampfen. Von irgendwoher erklang düstere, beklemmende Musik.

»Leider, leider war es Morrigan nicht möglich, den Erzdämon für immer an sich zu binden und nach Jahrhunderten des geteilten Lebens, während sich Morrigans eiskaltes Herz erwärmte, suchte sich Aeshma etwas Neues, das er noch nicht besaß.« Man vernahm das wehe Klagen von Morrigan, bevor sie verschwand und durch eine andere Frau ersetzt wurde.

»Eine Menschenfrau, die durch die Dimensionen gefallen und in Duster gelandet war, trat vor den König und bat um Hilfe. Sie war jedoch nicht allein und befand sich in Begleitung ihres Bruders, der sie vor Aeshmas Begierde beschützen wollte. Für den Dämon aber war er kein Hindernis und so wurde er in die tiefsten Spiegelsümpfe Tristes verbannt. Seine Schwester heiratete Aeshma und Morrigan kehrte erniedrigt und voller Pein in ihre verlassene Festung zurück.

Wut und der Wunsch nach Vergeltung setzten sich in ihrem wieder erkaltenden Herz fest, doch niemand war da, der sich mit ihr verbünden konnte. Der Hof hatte sich in den vergangenen Jahrhunderten immer weiter in Richtung Duster bewegt, sodass sie allein in ihrer Verzweiflung ertrank. Noch nie zuvor war sie derart gedemütigt worden. Sie hätte Aeshmas Antrag niemals annehmen, sich niemals in ihn verlieben dürfen.« Die Luft schien zu knistern, als Morrigan wieder allein auf ihrem Thron saß und in die Leere ihres Königreiches blickte.

»Nun, bis des Schwesters Bruder aus den Sümpfen zu seiner neuen Herrin irrte. Blind geworden durch die heimtückischen Dornenbüsche hatte er es kaum bis zu ihr geschafft, doch wie durch ein Wunder erreichte er das massive Tor und klopfte dreimal an, bevor er zusammenbrach. Morrigan wollte ihre Wut zunächst an diesem Menschen auslassen, bis ihr bewusst wurde, dass er genauso litt wie sie, also pflegte sie ihn stattdessen gesund und nahm ihn zu ihrem Gemahl. Nur sein Augenlicht konnte sie ihm nicht wiedergeben. Seine Pupillen waren von nun an weiß wie Ziegenmilch, sodass sich Morrigans Schatten in ihnen spiegelte.

Seine und Morrigans Nachkommen wurden von dem Zorn ihrer Eltern genährt und von ihrem Wunsch nach Vergeltung in den Schlaf gewogen. Nach und nach erhob sich Triste aus seiner Todesstarre und die Armee der Nachkommen überrollte die Grenzen von Duster – genannt Kinder der Schatten oder Schattendämonen.«

Eine Welle aus Schatten schien über uns hinwegzufegen und ich war mir keinesfalls mehr sicher, ob ich mir das wirklich nur einbildete. Trotzdem konnte ich mich nicht aus meiner Starre lösen. Es war, als wäre ich im festen Griff der Legende und allen anderen ging es ganz genauso, denn niemand bewegte sich fort.

»Der Krieg sollte den Tod von Aeshma und Morrigan überdauern. Es gab auf beiden Seiten viele Verluste und viele Siege.

Nach einem Jahrhundert schien man jedoch den Grund, warum man kämpfte, längst vergessen zu haben. Hier und dort vermischten sich Schattendämonen und Königsdämonen, wechselten die Seiten und kämpften für Herrscher, die schon bald wieder durch andere ersetzt wurden.

Dann öffneten sich erneut die Tore zu unserer Dimension.

Dieses Mal stolperten die ersten Dämonen in unsere Welt und erkundeten das Leben unter der Sonne. Schon bald merkten sie aber die Schwäche am Tage. Man berichtete dem Herrscher Nion, der nun über Duster regierte, von dieser neuartigen Welt, die nicht von Krieg zerstört war. Duster und Triste waren durch den jahrelangen Kampf ausgezehrt und brachliegend. Unglücklicherweise fanden auch die Dämonen unter Benymn, dem König von Triste, der die Erde ebenso für sich beanspruchte, den Übergang.

Der Krieg wurde also zu uns geführt. Nordamerika gegen Europa. Anfangs versteckte man sich hinter den Menschen, denn Königsdämonen besitzen die Fähigkeit, Menschen in den Wahnsinn zu treiben, doch je mehr Unheil angerichtet wurde, desto offensichtlicher wurde das Eingreifen der Dämonen. Nion und Benymn zerstörten sich beinahe selbst, töteten Menschen über Menschen.

In den Schatten der Nacht aber, als Frieden nur noch ein Begriff ohne Wert war, trafen sich zwei mächtige Königsdämonen. Einer aus jedem Lager, namens Taio Billings und Louisa Tanner, deren wahre Namen den Menschen bis heute nicht bekannt sind. Sie schmiedeten einen Plan, der seinen Höhepunkt in dem Tode der beiden dämonischen Herrscher fand, sodass sie ihre Plätze einnehmen konnten. Von diesem Zeitpunkt an regierte Louisa über Europa und Billings steckte seine Grenzen um Nordamerika ab.

Billings übergab seinen zwanzig mächtigsten Königsdämonen Ländereien, auf denen sie neue Städte errichteten, die von hohen Mauern umgeben werden sollten. Von New York bis nach Los Angeles war das Land vom Krieg verwüstet, doch in ebenjenen Dämonenstädten sollte es Menschen erlaubt sein, unter den Gesetzen der Dämonen zu leben. Außerhalb dieser Städte unterstand man niemandes Schutz …« Die Puppen tauchten hinab und ließen uns mit dem schwarzen Holzschnitt zurück.

»Was ist mit den Toren?«, rief eines der Kinder, das sich schneller gefasst hatte als alle anderen.

Für einen Moment dachte ich, der Puppenspieler würde nicht antworten, doch da berührte mich seine körperlose Stimme erneut.

»Oh, die Tore zur anderen, namenlosen Welt …« Die Puppe nickte. »Man sagt, dass sie sich kurz vor dem Mord an Nion und Benymn schlossen. Viele Dämonen haben dadurch ihre Familien verloren, die noch nicht den Weg zu uns gefunden hatten. Und so leben wir nun schon seit vielen, vielen Jahren unter der Herrschaft von Billings, ohne Elektrizität, ohne Freiheit, ohne Hoffnung.«

4. Kapitel

Was für eine romantisierte Scheiße«, knurrte ich, sobald die Faszination über das Schauspiel verebbt war und mir klar wurde, was da gerade präsentiert worden war.

Ich wollte mich wegdrehen, als jemand neben mir auftauchte, den ich nur allzu gut kannte.

»Sei nicht so streng mit ihnen«, sagte er schulterzuckend. »Sie versuchen doch nur, ihren Kindern die Situation verständlich zu machen.«

»Mit Märchen?«, stieß ich missbilligend aus, bevor ich mich Evan Wester ganz zuwandte. »Was machst du hier?«

Er ließ seinen Blick über meinen Körper wandern, bevor er ihn auf die Kinder hinter mir richtete. Ich würde es nie zugeben, aber er sah sehr gut aus. Immer noch. Selbst nachdem er mich einfach hatte sitzen lassen wie einen einstmaligen Lieblingsgegenstand, der ausgedient hatte.

»Ich bin gerade zurückgekehrt.« Er strich sich über seinen dunklen Bart, was er immer tat, wenn er verunsichert war. Warum er aber einen Grund hatte, verunsichert zu sein, war mir schleierhaft. »Du offensichtlich auch.« Er deutete mit einer Hand auf meine Sporttasche, in der meine Waffen klimperten, als ich sie hochhob.

»Schön, dass du noch lebst«, murmelte ich, sah ihm kurz in seine blauen Augen, dann drehte ich mich weg und versuchte mir einen Weg durch die Menge zu erkämpfen. Ich spürte, dass Evan mir folgte, was meiner Laune nicht gerade zuträglich war.

»Ich bin mir nicht sicher, ob du das ehrlich meinst.«

»Vermutlich nicht«, stimmte ich ihm zu, als wir den Marktplatz endlich hinter uns gelassen hatten und er wieder neben mir gehen konnte. »Was willst du, Evan? Das Haus deines Vaters befindet sich in der anderen Richtung.«

»Geht es dir gut?«, fragte er, anstatt mir eine Antwort zu geben.

Ich hielt abrupt inne und wartete, bis auch er stehen geblieben war.

»Du hast kein Recht mehr, mich das zu fragen, Wester.« Meine Stimme war scharf wie ein Schwert. »Ich toleriere es, neben dir zu arbeiten, wenn Arias das von uns beiden verlangt und wir dadurch die Anzahl der Schattendämonen dezimieren können, aber mehr nicht. Du hast mich verlassen, erinnerst du dich?«

»Aly«, begann er flehend, doch ich schnaubte bloß und rannte fast vor ihm davon. Dieses Mal folgte er mir nicht.

Müde schleppte ich mich durch die schmalen, gepflasterten Gassen und hielt mich meist im Schatten, um der brennenden Sonne zu entgehen. Die Konfrontation mit Evan hatte meine letzten Kraftreserven erschöpft, sodass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Es war nicht fair, dass seine Anwesenheit nach wie vor die Macht hatte, mich so aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dabei hatte er mich bereits vor einem halben Jahr verlassen. Das sollte doch mehr als genug Zeit sein, um ihn zu vergessen.

Leider war es das nicht.

Seufzend schloss ich die Tür neben der Bäckerei auf, die wie immer einen süßen Teiggeruch verströmte. Kaum hatte ich den Fuß auf die erste Holzstufe gesetzt, wurde ich auch schon von meinem Vermieter aufgehalten.

Mr. Pierce war nicht nur mein neugieriger Vermieter, sondern auch der Bäcker von nebenan und hatte mich vermutlich durch das Schaufenster gesehen.

»Alison, du bist ja wieder zurück von deiner Reise! War es schön?«, begrüßte er mich mit einem breiten Lächeln, das seine wulstigen Lippen teilte. Seine Wangen und die Stirn waren knallrot, als hätte er sein Gesicht direkt ins Feuer gehalten.

»Alles gut«, lächelte ich gezwungen. Mr. Pierce war der Auffassung, dass ich für das Postamt tätig und deshalb ständig unterwegs war. »Kann ich was für Sie tun?«

Er knetete seine Hände, als würde er sie zu seinen meisterlichen Brötchen formen. »Es ist wieder dieser Tag im Monat, meine Liebste. Aufgrund deiner Reise bist du ein paar Tage überfällig.«

Ich blinzelte ihn verständnislos an, was er nach ein paar Sekunden des peinlichen Schweigens bemerkte. »Die Miete! Ich rede von der Miete!«, stieß er atemlos hervor.

»Oh, aber natürlich.« Wo war ich nur mit meinen Gedanken? Klar, noch immer bei Evan. Dieser Mistkerl. Ich holte ein paar Münzen aus der Innenseite meiner Tasche hervor. »Hier, bitte sehr. Direkt auch für den Monat danach, damit wir nicht wieder in die … Bredouille kommen.«

Er nahm die Münzen gierig an und steckte sie sich nach einer kurzen Untersuchung in den Lederbeutel, den er an seinem Gürtel trug. Faszinierend, wie der Gürtel es schaffte, seinen massiven Bauch nach oben gedrückt zu halten.

»Danke, danke.«

Ich nickte noch einmal, bevor ich meine Tasche wieder zur Hand nahm und nach oben in meine Einzimmerwohnung flüchtete. Es war nicht viel, was ich besaß, aber es ähnelte zum ersten Mal einem Zuhause, seit meine Familie ermordet worden war. Auch bei Lucy hatte ich mich nie heimisch gefühlt.

Arias Wester, Evans Vater, hatte mir diesen kleinen Flecken Glückseligkeit besorgt, als ich ihm meine Dienste versprochen hatte, und obwohl ich ihn nicht leiden konnte, verging kein Tag, an dem ich nicht dankbar für diesen kleinen Ort des Friedens war.