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Ein Kandidat muss weichen: Krimi E-Book

Horst Bieber

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Beschreibung

Der Umfang dieses Ebook entspricht 287 Taschenbuchseiten. Alwin Schütte kommt schwer angetrunken mit einem Taxi nach Hause und findet seine Frau Marianne tot am Fuß der Treppe: Sie hat sich bei einem Sturz das Genick gebrochen. Ein wahrhaft hässlicher Unfall im häuslichen Umfeld, oder war es ein Verbrechen? Wie hängt der Diebstahl von elf wertvollen Ölgemälden, eine brutal eingeschlagene Verandatür mit dem Tod der Hausherrin zusammen? Friederike Hansen, ihres Zeichens Erste Kriminalhauptkommissarin tut sich Anfangs schwer mit den Ermittlungen, zumal Alwin Schütte in der Parteipolitik eine Rolle spielt. Landtagswahlen stehen bevor, und Alwin Schütte hofft auf eine Direktkandidatur. Schütte's Welt bricht förmlich auseinander zwischen Trauer und Parteiraison. Da kommt es zu einem zweiten Todesfall…

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Seitenzahl: 298

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Horst Bieber

Ein Kandidat muss weichen: Krimi

Cassiopeiapress Thriller/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Ein Kandidat muss weichen

Kriminalroman von Horst Bieber

 

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

[email protected]

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Ein Kandidat muss weichen © by Horst Bieber & Edition Bärenklau, 2015

Cover & Layout: Steve Mayer und Anna Yakimova-123RF, 2015

Korrektorat: Katrin Wagenrad

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 287 Taschenbuchseiten.

 

Alwin Schütte kommt schwer angetrunken mit einem Taxi nach Hause und findet seine Frau Marianne tot am Fuß der Treppe: Sie hat sich bei einem Sturz das Genick gebrochen. Ein wahrhaft hässlicher Unfall im häuslichen Umfeld, oder war es ein Verbrechen?

Wie hängt der Diebstahl von elf wertvollen Ölgemälden, eine brutal eingeschlagene Verandatür mit dem Tod der Hausherrin zusammen?

Friederike Hansen, ihres Zeichens Erste Kriminalhauptkommissarin tut sich Anfangs schwer mit den Ermittlungen, zumal Alwin Schütte in der Parteipolitik eine Rolle spielt. Landtagswahlen stehen bevor, und Alwin Schütte hofft auf eine Direktkandidatur.

Schütte’s Welt bricht förmlich auseinander zwischen Trauer und Parteiraison. Da kommt es zu einem zweiten Todesfall…

 

 

Personen:

Heinz Stolle (MdL) möchte aus gesundheitlichen Gründen seine politische Laufbahn beenden.

Alwin Schütte Unternehmer und Millionär, möchte gerne Stolles politisches Erbe antreten.

Marianne Schütte Alwins Ehefrau, stürzt eine Treppe hinunter und bricht sich das Genick.

Vera Schütte hat ihre Mutter Marianne nicht geliebt und hasst den Vater Alwin.

Karin Bergmann Veras Patentante, wohnt gleich nebenan.

Fride [Rike] Hansen Erste Kriminalhauptkommissarin

Thomas [Tom] Ellroth Kriminaloberkommissar

Anne[gret] Ritter Kriminalkommissarin

Otto Krüger Oberstaatsanwalt

Lukas Binder Staatsanwalt

Markus Wehrmann Vorsitzender im Kreisverband der Liberalen Aktion (LA)

Ulrich Bruskow Wehrmanns Stellvertreter

Henry Schickel Schriftführer im Kreisverband

Harald Cilius Kassenwart im Kreisverband

Sigrid Laufer Kauffrau, hat ihren politischen Ehrgeiz entdeckt

Alexander Terburg Persönlicher Referent des LA-Landesvorsitzenden, der allgemein nur "Wotan" genannt wird.

Charlotte Immbergen Marianne Schüttes Schwester

Sven Lüders Charlottes Freund und Partner

Maria Müller Haushälterin bei den Schüttes

Klaus Schulte Marias missratener Neffe

Franz Seiler Schultes Kumpel und Zellengenosse

Oliver (Olli) Treck Aushilfskraft auf dem Reiterhof Wildenmann

 

Alle Namen und Personen, Taten und Ereignisse, Organisationen, Firmen und Parteien sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig. Auch der NRW-Landtagswahlkreis 68 ist nur durch Zufall in diese Geschichte geraten, weil der Autor dort mal zur Schule gegangen ist.

 

 

1.

Eine Woche Sonne und Wärme hatte die Blumen regelrecht hochschießen lassen. Der Rosengarten in der Gruga war eine rote, rosa, gelbe und orangene Prachtallee. Stolle wollte sich gar nicht beruhigen. Vor fast jedem Strauch blieb er stehen, beugte sich hinunter, um an den Blüten zu riechen, schrieb die Namen der Sorten und die der Züchter auf und brach ein über das andere Mal in Begeisterung aus. Markus Wehrmann hatte seinem Begleiter erst belustigt, dann ungeduldig zugeschaut und meinte schließlich: "Sag mal, Heinz, willst du Rosenzüchter werden?"

"Warum nicht, das ist nicht die schlechteste Beschäftigung im Alter. Siehe Konrad Adenauer."

Wehrmann hielt den Atem an: "Soll das heißen ...?"

Heinz Stolle nickte und nahm Wehrmanns Arm. "Komm, Markus, wir wollen uns da vorne hinsetzen." Sie hatten die Bank für sich allein, und weit und breit gab es keine Zuhörer. Stolle schnaufte. "Markus, wir hatten vereinbart, dass ich dir rechtzeitig Bescheid gebe, wenn ich nicht mehr kandidieren will oder kann. Nun ist es so weit. Mein Kardiologe ist ein etwas trockener Typ und hat mir geraten: 'Wenn Sie überhaupt noch was von Ihrer luxuriösen Alters-Überversorgung haben wollen, wird es höchste Zeit, sie in Anspruch zu nehmen …' Die Pumpe will nicht mehr so richtig, die Ventile klappern, und für ein neues Herz, das vielleicht angebracht wäre, gibt er bei meinem Allgemeinzustand wenig Aussichten. Kurz und gut oder kurz und schlecht: Ich werde beim nächsten Mal nicht mehr antreten."

"Das tut mir aufrichtig leid", sagte Wehrmann ehrlich betrübt.

"Nun ja, einmal muss es sein. Lieber freiwillig aufhören, als mit den Füßen voran aus dem Plenarsaal getragen zu werden."

"Bist du dir ganz sicher, dass du nicht mehr weitermachen willst?"

"Ganz sicher."

"Du wirst uns fehlen, Heinz."

"Ach, es ist nett, dass du das sagst, aber ich habe zu viele gehen sehen, um nicht zu wissen, dass jeder ersetzbar ist. Und wir haben doch seit Jahren alles für einen reibungslosen Wechsel vorbereitet."

Wehrmann schluckte heftig und sah ihn von der Seite an. "Hm", brummte er nur. Stolle schaute verwundert hoch. "Ist was? Will Alwin plötzlich nicht mehr?"

Schon vor mehreren Jahren hatten sie im Kreisvorstand der Liberalen Aktion ausgekaspert, dass Alwin Schütte die Nachfolge von Heinz Stolle als Direktkandidat des Wahlkreises 68 für die Landtagswahl antreten solle. Und ihr Kandidat wurde traditionell auf der Landesliste abgesichert. Der Wahlkreis 68 war schließlich einer der stärksten im Landesverband der Aktion, er hatte die meisten Mitglieder und er trug beachtlich durch Spenden und Beiträge zur Finanzierung der Landespartei bei. Außerdem hatte hier die LA ihr einziges Direktmandat gewonnen. An den Kandidaten von Kreis 68 führte bei der Aufstellung der Landesliste kein Weg vorbei, das war schon seit langem so. In seiner dritten Legislaturperiode war Stolle jetzt Vorsitzender im Finanzausschuss, ein lebendes Lexikon aller Etats, Umlagen, Plänen, Möglichkeiten, Hebesätzen, Gebühren und Problemen, auch vertraut mit den Finanzen des Landes und seiner Kommunen, im Bund ein respektierter Vorkämpfer der Finanzhoheit der Länder und ein Mann, der es früh gewagt hatte, auch im Wahlkampf das Wort "Sparen" auszusprechen. Er hatte zum zweiten Mal als Sprecher seiner Fraktion die große Gegenrede zum Etatentwurf des Finanzministers und zum Etat des Ministerpräsidenten gehalten. Die Regierungsparteien liebten ihn nicht, hatten aber Respekt vor seinen Kenntnissen, vor seiner Integrität und auch vor seiner Fairness; er attackierte hart, aber er blieb sachlich und er verletzte nicht absichtlich, besaß auch Souveränität genug, sich im Plenum zu entschuldigen, wenn er einen Fehler begangen oder jemanden ungewollt verletzt oder beleidigt hatte. Die LA würde sich schwer tun, vollwertigen Ersatz für Heinz Stolle zu finden.

Alwin Schütte, sein ins Auge gefasster Nachfolger, war ein selfmade-Millionär und Unternehmer, er verstand was von Geld und Wirtschaft und er war im Wahlkreis 68 als Spendensammler für die Liberale Aktion bekannt und gefürchtet. "Schließt die Brieftaschen weg, Alwin ist im Anmarsch", hieß es allgemein, aber um Alwins Bitten abzuschlagen, brauchte es mehr als nur eine weggeschlossene Brieftasche. Die Partei wusste, was sie ihm zu verdanken hatte, und deswegen hatte sich kein Widerspruch geregt, als durchsickerte, was die Kreisverbandsfürsten für den Fall planten, dass Heinz Stolle als Kandidat ausfallen würde. Jetzt war es so weit, aber jetzt schien Wehrmann zu zögern.

Stolle betrachtete ihn nachdenklich. Sie waren keine Freunde, so weit war es nie gekommen, aber sie vertrauten einander und verließen sich in politischen Fragen auf ihre Vereinbarungen und Absprachen.

"Was ist los, Markus? Gilt die alte Regelung nicht mehr?"

"Von mir aus hat sich nichts geändert, Heinz. Aber bei den Parteifreunden und Mitgliedern im Kreis hat sich was getan."

"Und was?"

"Sie heißt Sigrid, Sigrid Laufer."

"Und wer ist Sigrid Laufer?"

"Ein Parteimitglied. Jetzt knapp dreieinhalb Jahre dabei. Gerade lang genug, um Ehrgeiz zu entwickeln. Sie hat natürlich erfahren, was wir mal für den Fall deines Rückzuges beschlossen haben, und sie opponiert hinter den Kulissen gegen die - wie sie es nennt - Machenschaften und Mauscheleien der alten Männer." Wehrmann verzog den Mund. "Damit sind auch wir beide gemeint, Heinz."

"Sag' bloß, sie will gegen Alwin antreten?"

"Das hat sie bereits lautstark angekündigt. Und das Schlimme ist, sie bekommt Beifall von den Frauen und den jüngeren Mitgliedern. Unsere Frischlinge" - so wurde in der Parteiführung die Jugendorganisation der LA verspottet - "stehen voll hinter ihr. Die meisten Frauen sowieso."

"Wer ist diese Laufer?"

"Mitte dreißig. Eine umtriebige Walküre. Gelernte Verkäuferin. Politisch ein völlig unbeschriebenes Blatt. Bis vor wenigen Monaten hat sie als Geschäftsführerin eine Art Boutique geleitet Mode am Turm an der Steeler Straße. Dann ist die Eigentümerin gestorben und Sigrid hat irgendwo und irgendwie das nötige Kleingeld aufgetrieben, um Mode am Turm zu kaufen."

"Du magst sie nicht?"

"Unter der Dusche wäre sie mir unter Umständen willkommen. Aber als Vertreterin der LA am Rednerpult des Landtags - nein, das möchte ich eigentlich nicht erleben."

Stolle grinste. Wehrmann und die Frauen war ein, wie er wusste, schwieriges Kapitel, was wohl auch zum Teil erklärte, warum die weiblichen Mitglieder des Kreisverbandes bereit schienen, von Wehrmanns Kandidaten Alwin Schütte zu Sigrid Laufer zu wechseln. Ein fast überall anstehender Generationenwechsel. Es gab hier in 68, wie Stolle genau wusste, noch einen Grund für die Rebellion der Frauen.

Schütte war, obwohl verheiratet, ein gewaltiger Schürzenjäger und womanizer, der seine Seitensprünge und Bett-Erfolge überhaupt nicht verheimlichte. Im Gegenteil, er prahlte damit, was ihm keine Sympathien bei den Parteifreundinnen eintrug. Und seit kolportiert wurde, dass Alwin auf die Bemerkung, nicht alle Frauen seien begeistert von ihm, geantwortet habe: "Du meine Güte, ich kann halt nicht alle Frustrierten beglücken; auch meine Potenz hat Grenzen", gab es offenen Widerstand gegen ihn.

Stolle knurrte: "Sag mal, Markus, hat diese Laufer überhaupt eine Chance auf dem Wahlparteitag?"

"Ich fürchte, ja, Heinz, sie hat. Die Stimmung ist umgeschlagen, ich weiß nicht, warum. Vielleicht wegen der hohen Verluste bei der Bundestagswahl. Die alten Knacker schaffen es nicht mehr, schneidet endlich alte Zöpfe ab; neue Gesichter für einen Neuanfang braucht die Partei - und das propagieren auch Mitglieder, die nie eine Stimme für eine Sigrid Laufer abgeben würden."

"Wie und warum ist bei ihr der politische Ehrgeiz erwacht?"

"Das musst du sie mal selber fragen."

Stolle nahm sich vor, genau das zu tun und sich die Überraschungskandidatin sehr genau anzusehen. Seit mehreren Jahren besaß Stolle eine Art privates Frühwarnsystem für das, was sich in seinem und in den benachbarten Wahlkreisen abspielte, und mehrere seiner Freunde hatten ihn schon gewarnt: Im ganzen Bezirk schlage die Stimmung um. Aus diesem Grund hatte sich Stolle entschlossen, so früh schon Stellung zu beziehen, damit Markus Wehrmann sich rechtzeitig ein- und umstellen konnte. Und er würde sich jetzt mal so rasch wie möglich mit dieser Laufer treffen. Alwin konnte warten. Und Markus sollte schnellstmöglich herausfinden, warum sich der Wind so gedreht hatte, dass er jetzt Schütte heftig ins Gesicht blies. Diese dumme Bemerkung von den frustrierten Frauen alleine konnte es doch nicht sein, da hatte sich Alwin schon ganz andere Klopse geleistet.

Nach der Scheidung hatte Stolle das Haus im Holunderweg verkauft und war in das Haus von Schwester und Schwager gezogen. Von der Von-Seeckt-Straße war es vormittags ein angenehmer Spaziergang zum Wasserturm an der Steeler Straße. Dabei konnte er sich auch mal ansehen, was aus dem Kirchturm von St. Hubertus geworden war.

2.

Die Leiche lag auf den untersten Stufen auf dem Rücken, die Beine voran gestreckt, der Kopf auf der vierten Stufenkante. Die Haare bedeckten Teile der Stirn und beide Augen. Die Treppe bestand aus Holztritten, die von zwei geschwungenen Stahlträgern gehalten wurden. Die einzelnen Stufen waren mit Teppichboden belegt und mit rutschfesten Gummikanten eingefasst, der Handlauf bestand aus einem rötlichen Holz. Der dünne Morgenrock hatte sich beim Sturz verschoben und enthüllte ein paar lange, schöne Beine. Der Slip saß stramm und schien, von hier unten betrachtet, unbeschädigt. So, wie sie dort ausgestreckt hingefallen war, sprach alles dafür, dass sie ziemlich weit oben auf der halbrund geschwungenen Treppe gestolpert war, das Gleichgewicht verloren hatte und dann ungebremst gefallen war. Oben lag vor der Treppe ein einzelner auf die Seite gekippter Schuh, ein Damen-Pantoffel mit mittelhohem Absatz, einige Stufen tiefer gab es auf der hellen Tapete der Wand dunkle Flecken; das konnte Blut sein. Anne deutete auf den linken, weiten Ärmel des Morgenrocks. "Eingerissen", sagte sie laut, "so, als ob da oben der Handlauf in den Ärmel geraten wäre."

"Das hat einen Ruck gegeben", stimmte Friderike Hansen zu. "Ob der plötzliche Widerstand ausgereicht hat, dass sie das Gleichgewicht verlor?"

Der Arzt kniete noch am Fuß der Treppe und schaute sich den Schädel unter den Haaren an. "Gut möglich", brummte er, "wenn sie es eilig hatte. Wenn sie in dem Moment schon den Pantoffel verlor oder auch schon verloren hatte, kann ich mir gut vorstellen, dass Schreck und plötzlicher Widerstand ausgereicht haben, sie von den Füßen zu holen."

"Und du bleibst bei deiner Todesursache Genickbruch?"

Der Arzt musterte die Hauptkommissarin amüsiert. "Wenn ich bei der Obduktion Blausäure oder Zyankali finde, ändere ich sofort meine Ansicht, Rike."

"Großartig. Du willst sie also in die Rechtsmedizin schicken?"

Der Arzt nickte und winkte mit dem Kopf auf die Gruppe von Männern, die noch neben der Haustür stand. "Wenn sie länger hier gewohnt hat, sollte sie die Treppe doch kennen. Sicher, stürzen kann man immer, aber ich möchte doch auf Nummer sicher gehen."

"Okay", nickte Rike Hansen und schaute sich zu den beiden Männern um, die noch wie festgewurzelt an der Haustür standen. Allerdings schwankte der ältere wie ein Rohr im Winde und hielt sich an dem anderen, jüngeren, einem Taxifahrer, fest. Sie stupste den Arzt an und fragte leise: "Aber an deiner Todeszeit hältst du fest?"

Der Arzt schaute noch einmal auf seine Armbanduhr, kontrollierte eines der Thermometer, rechnete ein paar Momente stumm und sagte dann entschieden "Ja. Ziemlich genau gegen 18 Uhr, Rike, plus minus eine Viertelstunde."

"Danke."

"Was ist nun, nehmen wir sie mit?"

"Moment noch." Die Kommissarin redete mit dem älteren, sichtlich schwer angetrunkenen Mann.

"Herr Schütte, Sie identifizieren also Ihre Frau?"

"Ja, das ist Marianne." Dem Mann fiel es schwer, deutlich zu sprechen.

"Und Sie? Wo haben Sie Herrn Schütte aufgenommen?"

"Im Frankeneck. Der Wirt hatte mich über die Zentrale gerufen."

"Und wann waren Sie im Frankeneck?"

"Ziemlich genau um 23 Uhr." Der Fahrer lachte leise. "Die Bedienung hatte ihm die Autoschlüssel gemopst. Er war so angeschlagen, er konnte beim besten Willen nicht mehr fahren, was er natürlich laut bestritten hat."

"Sagen Sie mir noch, wo die Kneipe liegt?"

"An der Ecke Frankenstraße/Bredeneyer Straße. Um diese Zeit etwa fünf Minuten Fahrzeit."

"Können Sie sich noch erinnern, als Sie die Haustür aufschlossen, hat da hier drinnen das Licht gebrannt?"

"Nein, im Haus war es dunkel", sagte der Fahrer ohne Zögern. "Das Licht hat er hier eingeschaltet." Er deutete auf eine kleine Leiste mit mehreren Schaltern neben der Tür. Rike zögerte, das sah doch alles nach einem Unfall aus. Ehefrau will im Dunkeln oder bei Dämmerung eine Treppe hinunterlaufen, die sie seit Jahren kennt, verliert in der Eile einen Pantoffel, greift mit der rechten Hand nach dem Handlauf, bleibt mit einem weiten Ärmel am Handlauf hängen und stürzt hinunter. Genickbruch. Die meisten Unfälle mit schlimmen Folgen ereignen sich im Haushalt. Die Statistik war da eindeutig. Unter diesen Umständen schien eine Obduktion überflüssig. Rike wollte das gerade dem Arzt erklären, der ja auch einen Unfall für wahrscheinlich hielt, als sechs, sieben Meter entfernt eine Zimmertür von innen geöffnet wurde. Der Kollege Tom Ellroth kam auf den langen und breiten Gang hinaus und winkte Richtung Treppe: "Rike, schau dir das mal an."

Sie ging zu ihrem Kollegen. Der Taxifahrer wandte sich an die zurückbleibende Anne Ritter. "Sagen Sie mal, kann ich jetzt nicht gehen? Das Warten kostet mich eine Menge Geld."

Die Kommissarin Anne Ritter zögerte nur einen Moment. Sie hatte sich Namen, Anschrift und Aussage des Fahrers notiert und nickte jetzt. "Okay, und gute Fahrt noch. Wir melden uns noch einmal bei Ihnen."

"Danke, tschüss."

Der Hausherr griff rasch nach dem Türrahmen, als sein bisheriger Halt nach draußen stürmte und sich in das Taxi warf. Wie betrunken er war, würde nur eine Blutprobe ermitteln, aber allein senkrecht zu stehen fiel ihm schwer. Er schaute immer noch auf die Leiche seiner Frau, als sei er noch gar nicht in seinem Haus angekommen, als dürfe er nicht glauben, was er sah. Anne fand, dass sie eine schöne, eine attraktive Frau gewesen war. Ihr Alter ließ sich, so wie sie am Fuß der Treppe mit erschlafften Gesichtszügen lag, schwer schätzen. Ende dreißig, vielleicht erste Hälfte vierzig. Jünger als ihr Mann.

Rike erschien auf dem Gang. "Anne, ruf Egon, sofort großes Programm. Und dann sieh dir das hier mal an."

Egon Kurz war Leiter der Kriminaltechnik. Und "Großes Programm" hieß: Die Spurensicherung sollte alles sichern und aufnehmen. Also doch ein Verbrechen?

"Dauert das noch lange?" Schütte rülpste diskret. "Ich kann bald nicht mehr, Frau Kommissarin."

"Etwas müssen Sie noch durchhalten", sagte Anne fest und ging auf die Tür zu, in der ihre Chefin wieder verschwunden war.

Die Tür öffnete sich in einen riesigen Wohnraum, der an die fünfzig Quadratmeter groß war. Die Schmalseite rechts bestand aus Glastüren, die auf eine geflieste Terrasse führten. Die Scheibe einer Tür war von außen eingeschlagen. An der Schmalseite links stand eine breite Couch, davor ein niedriger Holztisch mit drei weiteren Sesseln. Auf dem Tisch standen zwei gebrauchte Gläser, ein metallischer Eiswürfelbehälter und eine halb volle Flasche Cointreau. Daneben lagen ein Zitronensaft-Behälter in Form einer Zitrone mit Schraubverschluss, ein großer, prall gefüllter Briefumschlag mit dem Aufdruck Liberale Aktion, Kreisverband Essen, Geschäftsstelle Porschekanzel 11. Jemand hatte auf der Vorderseite mit schwarzem Filzstift schwungvoll vermerkt: "Lieber Alwin, kannst Du bitte mal wieder kurzfristig aushelfen? Danke. Markus".

Rike deutete stumm auf die Längswand der Zimmertür gegenüber. Dort zeichneten sich auf der nachgedunkelten Tapete elf kleine hellere Flecken ab. An den Bildern oben und seitlich hatte sich Staub festgesetzt und bildete auf der Tapete elf unvollständige Rahmen. Dort hatten elf kleine Bilder gehangen. Alle elf Bilder fehlten, kleinere Bilder nach den Umrissen auf der Wand zu urteilen - was wenig über ihren Wert besagte. Und draußen in der Diele lag die Hausherrin mit einem Genickbruch. Nachdem sie eine Treppe hinunterfallen war. Man konnte aber auch hinuntergestoßen werden. Nein, das konnte und wollte die Erste Hauptkommissarin Friderike Hansen nicht einfach unter häuslichem Unfall abbuchen.

"Ob Herr Schütte uns sagen kann, was da fehlt?", fragte Rike. Anne Ritter schüttelte den Kopf. "Er kippt gleich um, Rike."

"Trotzdem. Wir müssen es versuchen. Noch haben wir eine Chance, den Täter mit einer Ringfahndung zu kriegen."

Als sie auf den Gang hinaustraten, kamen ihnen zwei unbekannte Frauen entgegen. Schütte stand immer noch in der Diele und starrte auf die Leiche seiner Frau.

"Wer sind Sie?", fragte Rike scharf.

Die jüngere der beiden antwortet schnippisch: "Ich wohne hier, wenn Sie nichts dagegen haben, ich bin Vera Schütte."

"Es tut mir leid. Wir sind gerufen worden, weil Ihre Mutter ...."

"Hab' ich schon gesehen", unterbrach die vielleicht Siebzehnjährige sie ungerührt. Wenn sie wirklich die Tochter war, ließ sie auffällig wenig Trauer und Bestürzung über den Tod der Mutter erkennen.

"Und wer sind Sie?", wandte sich Rike an die andere Frau, die Anfang Vierzig sein mochte und so verstört aussah, wie es Rike eigentlich von der Tochter erwartet hätte.

"Ich heiße Karin Bergmann, wohne in dem Haus nebenan und bin - war - die beste Freundin von Marianne Schütte. Außerdem bin ich Veras Patentante."

Schütte, der sich ein paar Momente unbeachtet sah, holte aus der Jackentasche ein Handy und drückte eine Kurzwahltaste. Unwillkürlich hörten sie alle zu. Nach einer Weile sagte er laut und stotternd: "Alwin hier. Jutta, es ist was Schreckliches passiert, Marianne hat sich bei einem Sturz das Genick gebrochen. Die Polizei ist gerade hier. Ich habe mich nach dem Krach auf der Baustelle ziemlich betrunken ... Karin hat mal wieder alle Register gezogen, ich halte es heute Nacht hier im Haus nicht aus. Kannst du mir ein Hotelzimmer besorgen und mich dann bitte hinbringen? Die Leute vom Frankeneck haben mir die Wagenschlüssel weggenommen ... Vera? Ich nehme an, die geht zu Karin rüber ... Danke, bis gleich."

Er steckte das Handy weg und Rike rieb sich das Kinn. Was sie da gehört hatte, gefiel ihr nicht, aber was sollte sie machen? Dann kam ihr eine Idee. "Frau Bergmann, wenn Sie die beste Freundin waren, kennen Sie sich doch hier im Haus etwas aus?"

"Ja."

"Würden Sie dann mal bitte mitkommen? Hier ist eingebrochen worden, und aus dem Wohnraum ist etwas verschwunden, das wir gerne genauer kennen würden, um nach dem Täter zu fahnden."

"Das ist ja alles grauenhaft. Ausgerechnet heute."

"Wie meinen Sie das, ausgerechnet heute?"

"Marianne war heute Morgen bei ihrer Frauenärztin und hat erfahren, dass sie im dritten Monat mit einem Sohn schwanger ist, den sich Marianne und Alwin schon so lange gewünscht haben."

"Ja, das ist wirklich schrecklich. Woher wissen Sie das mit der Schwangerschaft?"

"Marianne hat Vera angerufen, um es ihr zu sagen. Und mein Patenkind hat es mir sofort am Telefon erzählt."

Gemeinsam betraten sie den Wohnraum, und Karin Bergmann platzte sofort zwar undamenhaft, aber deutlich heraus. "Oh, Scheiße."

"Was meinen Sie?"

Sie deutete auf die Wand: "Die Knights."

"Wer sind die Knights?"

"Sir William Fortescue Knight hieß der englische Maler, und von ihm stammen diese elf Bilder. Das Moor am Blayton Hill."

"Er hat elf Mal das Moor gemalt?"

"Ja, im Abstand von einem Monat, immer von derselben Stelle aus, so dass man auf den Bildern an der Vegetation die Jahreszeiten im Moor verfolgen kann. Jeden Monat ein Bild."

"Hat das Jahr nicht zwölf Monate?"

"Beim elften Bild hat er sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen, an der er gestorben ist."

"Und wann war das?"

"Wenn ich mich nicht irre, in den achtzehnhundertvierziger Jahren."

"Also elf wertvolle Bilder?"

"Die Serie würde bei einer Versteigerung bestimmt um die fünf Millionen Euro bringen, sagt Alwin immer."

"Sind Sie die Karin, mit der sich Herr Schütte heute auf einer Baustelle gestritten hat?"

"Ja, Alwins Firma baut in der Uhlenstraße in Heisingen ein Haus für mich. Wir haben uns heute auf der Baustelle getroffen, um einige kleine Änderungen zu bereden. Daraus wurde ein respektabler Krach." Dann sah sie, dass Rike sie daraufhin neugierig musterte, und lachte leise. "Alwin, Marianne und ich sind seit vielen Jahren eng befreundet. Als mein Mann noch lebte, waren wir ein tolles Quartett." Sie deutete auf die Scherben an der Verandatür, mit der eingeschlagenen Scheibe. "Haben Sie schon eine Ahnung, wer das gewesen ist?"

"Nein. Ich muss gleich los und eine Fahndung einleiten. Die Bilder zeigen also elf Mal denselben Ausschnitt, verschieden nur nach Jahreszeit?"

"Ja, der Maler steht hinter einem niedrigen Busch, der zuerst blattlos ist, dann Blätter und zum Schluss Blüten bekommen. Er schaut auf einen winzigen Teich, eine kleine Moorwasserfläche, und im Hintergrund wachsen Bäume und Sträucher."

"Vielen Dank, Frau Bergmann."

Damit ging Rike schnell in die Diele zurück. Schütte sah sie gespannt an. "Herr Schütte, Frau Bergmann hat mir eben erzählt, wie wertvoll die Knights sind, die bei Ihnen im Wohnzimmer hingen."

Schütte fuhr zusammen. "Was heißt hingen?"

"Sie sind verschwunden, und wie es aussieht, hat ein Einbrecher sie mitgenommen."

"Ein Einbrecher? Hat der - hat der auch - Marianne die Treppe hinuntergestoßen?"

"Möglich, mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Wir haben mit den Untersuchungen ja erst angefangen. Eine Frage zu den Bildern. Wenn die so wertvoll sind, wie Frau Bergmann behauptet, müssten sie doch irgendwie gesichert sein."

Schütte hörte trotz des Alkohols den leichten Vorwurf heraus.

"Das sind sie auch. Wenn Sie die Haustür abschließen, von innen oder von außen, machen Sie eine Alarmanlage scharf, die Verandatüren sind an das System angeschlossen."

"Hm. Herr Schütte, waren Sie oder der Taxifahrer oben, bevor wir eingetroffen sind?"

"Nein, warum fragen Sie?"

"Weil da oben in dem Flur Licht brennt."

"Ach so, das habe ich angeschaltet, die Lampen oben und hier unten sind gekoppelt, oben und unten bildet einen Stromkreis." Er sprach schwerfällig und musste alle Wörter sorgfältig artikulieren, aber drückte sich klar und verständlich aus.

"Das heißt, wenn Ihre Frau aus dem Schlafzimmer gekommen ist, weil sie - sagen wir mal - hier unten ein Geräusch gehört hat und oben auf dem Flur Licht machen will, gehen hier unten die Deckenleuchten an?"

"Ja." Dann konnte es sein, dass die Tote unfreiwillig den Einbrecher hier unten gewarnt hatte, als sie oben das Flurlicht einschaltete.

Ellroth kam aus dem Wohnzimmer und sagte im Vorübergehen zu Rike: "Ich kümmere mich um die Statistik. Anne kann auf Egon warten und den Rest erledigen, wenn du ins Präsidium fährst und die Fahndung auslöst."

"In Ordnung, du kommst dann ins Büro?"

3.

Vor der Haustür holte Ellroth tief Luft. Das würde wieder eine kurze Nacht werden. Zum Glück kannte er sich hier aus. Er wohnte nur zwei, drei Autominuten vom Brucker Holt entfernt in der Grasshofstraße und er kannte das Frankeneck. Ab und zu entdeckte Natalie ihre christliche Seele und wollte dann in die Messe nach St. Markus. Ellroth war erstens Protestant und zweitens ein ungläubiger Mensch, der Kirchen nur betrat, wenn es unumgänglich war, bei Hochzeiten alter Freundinnen, Taufen von Kindern befreundeter Paare oder bei Beerdigungen von Kollegen und Kolleginnen. Natalie setzte sich in die Kirche, er setzte sich dann ins Frankeneck. Die Kneipe war nicht schlecht, recht groß und trotzdem gemütlich, mit einem langen Tresen, hohen und gepolsterten Hockern mit kleiner Rückenlehne, mit einer höchst ansehenswerten und kurvenreichen Bedienung namens Lena und einem ordentlichen Bier. Der Wirt war ein dicker Glatzkopf, trotz seines Bauches nicht sein bester Kunde, umgänglich und um seine Gäste besorgt. Dass er oder wohl die pfiffige Lena dem angetrunkenen Schütte die Autoschlüssel entwendet hatte, zählte mit zu seiner Fürsorglichkeit. Als Ellroth die halbdunkle Kneipe betrat, kam Lena auf ihn zugeschossen. "Tut mir leid, wir wollen gerade schließen."

"Ich bleibe nicht lange." Er hielt ihr seinen Dienstausweis hin und sie sagte laut: "Kripo? Was haben wir ausgefressen? War das Haltbarkeitsdatum des Bieres abgelaufen?"

Am Tresen saß ein grauhaariger Mann in einem dunklen Anzug mit dunkler Krawatte neben einer attraktiven Frau, deren Blusen-Ausschnitt Lenas Pullover gewaltig Konkurrenz machte. Der Mann hob den Kopf, als er das Wort "Kripo" hörte.

"Nein", sagte Ellroth. "Ich brauche nur eine Auskunft von Ihnen."

"Und was?" Der Wirt warf einen scharfen Blick auf Ellroths Ausweis, der Mann im dunklen Anzug lauschte ungeniert und sorgfältig.

"Es geht um Ihren Gast Alwin Schütte. Den kennen Sie doch?"

"Aber ja", antwortete der Wirt laut.

Seine Bedienung stemmte beide Fäuste in die Seiten. "Das gibt's doch nicht", platzte Lena heraus, so erregt, dass ihr Busen wogte. "Statt uns dankbar zu sein, dass wir ihm Geldstrafen und Punkte in Flensburg ersparen, ruft der Arsch tatsächlich die Kripo, nur weil wir ihm den Autoschlüssel abgenommen haben?"

"Nein, nicht die Spur. Das mit dem Schlüssel haben Sie völlig richtig gemacht. Ich möchte nur gerne wissen, wann Schütte heute gekommen und wann er mit dem Taxi nach Hause weggefahren ist."

Der Wirt überlegte einen Moment. "Ich denke, es war kurz vor acht, richtig. Wenig später begann die Tagesschau. Also 19 Uhr 50 oder 55."

"Und in welchem Zustand?"

"Schwer angetrunken. Oder was denkst du, Lena?"

"Besoffen. Alwin stank nach Whisky, als habe er darin gebadet. Er hat mehrere Schutzengel auf der Fahrt hierhin nervlich überstrapaziert, dass er es überhaupt aus seinem Büro bis hierher ohne Unfall geschafft hat, ist ein Wunder."

"Er kam also aus seinem Büro?"

"Ja, hat er gesagt, und furchtbar auf eine Kundin geschimpft, für die seine Firma ein Haus baut. Kaum ist der Rohbau fast fertig, will sie alles wieder ändern. Deswegen hat er sich auch so besoffen."

Weil alle zuhörten, verschwieg Lena, dass der angetrunkene Alwin handgreiflich zärtlich wurde und ihr, als sie ihn zurückwies, mit großer Geste einen größeren Schein tief in den Ausschnitt geschoben hatte - was nicht zum ersten Mal geschah und was Lena, die Geld immer gebrauchen konnte, auch dieses Mal freudig hingenommen hatte.

"Und gegangen ist er so gegen 23 Uhr? Das hat uns der Taxifahrer erzählt." Der Wirt nickte.

"Ja, er wäre zum Schluss nicht mehr heil über die Straße gekommen. Also habe ich Lena gesagt, sie solle ihm die Schlüssel wegnehmen, und habe ein Taxi gerufen."

"Was ist denn passiert, Herr Ellroth?", fragte der Grauhaarige in dem seriösen Anzug.

Ellroth fuhr herum: "Entschuldigung, Herr Oberstaatsanwalt, ich hab' Sie nicht gesehen."

"Ich bitte Sie. Was ist denn passiert?"

"Bei Schüttes ist eingebrochen worden. Und als Schütte mit Hilfe des Taxifahrers ins Haus gewankt ist, haben sie in der Diele Frau Schütte tot aufgefunden. Genickbruch nach Sturz die Treppe hinunter."

"Um Gottes willen. Wie ist denn das gekommen?"

"Die Spusi ist noch dabei, Herr Oberstaatsanwalt. Im Wohnzimmer fehlen elf kleine Bilder. Eine Terrassentür ist von außen eingeschlagen."

"Sagen Sie bloß nicht, dass die Knights geklaut worden sind."

"Sie kennen die Bilder?"

"Natürlich, ich bin oft zu Gast bei den Schüttes."

"Rike organisiert gerade eine Ringfahndung."

Oberstaatsanwalt Otto Krüger wiegte bedenklich den Kopf: "Die Einzelstücke sind wohl nicht so viel wert. Die Serie bringt’s, aber die ist unter Kennern zu bekannt, die kann man nicht über Hehler verticken."

"Bestellter Bruch?"

"Möglich, oder der Täter wird sie der Versicherung zum Rückkauf anbieten."

"Na, vielen Dank. Dann will ich mal weiter." Ellroth winkte in Richtung Lena und Wirt, rief: "Noch mal vielen Dank. Auf Wiedersehen, Herr Oberstaatsanwalt."

"Gute Nacht, Herr Ellroth. Rike soll morgen mal bei mir hereinschauen."

"Sind Sie an der Reihe?", fragte Ellroth neugierig.

Krüger schüttelte den Kopf. "Nein, ich kenne das Opfer privatim zu gut und zu lange. Befangen, Herr Ellroth."

Ellroth ging. Wenn Schütte gegen 20 Uhr schon angetrunken im Frankeneck aufgekreuzt war, durften sie ihn wohl vergessen. Ellroth setzte sich ins Auto und steuerte Richtung Polizeipräsidium.

"Wer war denn das?", fragte die Brünette den Oberstaatsanwalt.

"Er heißt Tom Ellroth, ist Oberkommissar und im Team von Rike Hansen. Sie leitet das Referat 11, Taten gegen Leib und Leben, und die Bewegungsfreiheit." Weil Sigrid Laufer ihn groß ansah, setzte er grinsend hinzu: "In Krimis heißt der Laden kurz die Mordkommission."

"Und wieso befasst sich die Mordkommission mit einem Einbruch?"

"Weil dabei und möglicherweise dadurch eine Frau ums Leben gekommen ist."

"Schön, aber warum hat sich dieser Ellroth nach Alwin erkundigt?"

"Weil die Statistik sagt, dass Ehefrauen in erster Linie durch Ehemänner, gegenwärtige und verflossene Ehemänner ums Leben kommen. Wenn die Ermittler schon ganz zu Anfang den Ehemann ausschließen können, läuft die Recherche nicht in eine falsche Richtung oder in eine Sackgasse. Dass Ellroth hier nachgefragt hat, war reine Routine, die auch in der Dienstvorschrift enthalten ist."

"Das heißt also nicht, dass Ellroth und seine Chefin unseren Alwin verdächtigen?"

"Um Himmels willen, nein. Man fragt ihn, wie jeden anderen, der Marianne näher gekannt hat - wo waren Sie zur Tatzeit - wenn es ein mögliches Motiv gibt."

Die Auskunft gefiel ihr nicht, das war aus ihrem Gesicht abzulesen, aber Krüger schaute gerade in die anderen Richtung und winkte: "Lena, ich möchte gerne zahlen."

"Sofort, Herr Krüger."

Sigrid Laufer hatte ein Handy hervorgeholt und bestellte ein Taxi zum Frankeneck.

Lena strich das großzügige Trinkgeld ein und zwinkerte Krüger zu: "Danke." Dabei schüttelte sie unmerklich den Kopf, als beantworte sie ihm eine stumme Frage.

Rike verließ das Haus, sobald Egon Kurz, laut schimpfend, mit seiner Mannschaft eingetroffen war. Anne Ritter würde es schon schaffen, sie war zwar jung, mit noch wenig Berufserfahrung, aber eine tüchtige, umsichtige und intelligente Kollegin. Außerdem hatte Rike dem kurzen Egon angedroht, sie würde ihm die Freundschaft aufkündigen, wenn er die Kollegin Anne in ein Messer laufen lasse. Rike wusste, dass Egon Kurz sie heimlich verehrte, und deswegen zog diese Drohung mehr als jede dienstliche Anweisung. Mit Anne Ritter hatte das Elfte einen guten Griff getan.

Vor der Haustür schaute Rike sich um. Nach Bredeney kam sie selten, eigentlich nur, wenn sie den Kollegen Ellroth besuchte. Der hatte das große Los gezogen. Sein Onkel Werner besaß eine kleine Firma in Frillendorf, die mechanische Schablonen für alle möglichen Schneidemaschinen herstellte. Onkel Werners Ehe war kinderlos geblieben, und so versuchte er seit Jahren, den Neffen Tom zu überreden, die Firma zu übernehmen. Doch Neffe Tom liebte Frauen, Computer, Abenteuer, schnelle Autos und seinen Beruf; bis jetzt hatte er dem Onkel jedes Mal einen Korb gegeben. Worauf der eine für Tom sehr angenehme, höchst legale Bestechungsmethode entwickelte. Tom wohnte mietfrei in des Onkels Haus in einer abgeschlossenen Wohnung, bezog ein reichliches Taschengeld und übernahm jedes Jahr vom Onkel Werner dessen gerade zwölf Monate altes Auto, das gegen ein fabrikneues ausgewechselt wurde. Am meisten war er um die Wohnung zu beneiden. Das Haus in der Grasshofstraße lag auf der Talseite und schien von der Straße aus gesehen ein zweistöckiges, normales Haus zu sein. Doch zwei zusätzliche Untergeschosse, sogar drei, wenn man den Swimmingpool, Sauna und Bar ganz unten als eigenes Stockwerk zählen wollte, waren halb in den Hang hineingebaut. Der Swimmingpool hatte es Rike angetan und dazu geführt, dass sie in letzter Zeit Tom gerne häufiger besucht hätte. Aber Onkel Werner, gelegentlich von der Furcht umgetrieben, Neffe Tom könnte sich als unbelehrbar erweisen, hatte eine Ingenieurin eingestellt, Natalie Grimmow, die er nun mit Tom zu verkuppeln gedachte. Natalie war ein attraktiver schwarzhaariger Temperamentsbolzen, klug, energisch und durchaus ein Kaliber, das sich Onkel Werner als Erbe seiner Firma vorstellen konnte. Eines Tages kam nun Natalie dazu, als Rike in ihrem neuesten Bikini im Swimmingpool ihre Runden drehte. Chefin hin, Chefin her, eine solche Konkurrenz täglich in der Nähe ihres Toms überstieg Natalies Toleranz. Doch sie war zu klug, ihre Eifersucht direkt zu zeigen; seit sie Rike im Bikini gesehen hatte, flüsterte sie Tom Ellroth zu, sie - Natalie - könne sich gut eine Ehe mit Onkel Werner vorstellen, der, wie sie ihn einschätzte, durchaus auch noch in der Lage war, ein Kind und Erben zu zeugen. Wenn Tom nicht bald zugreife, würde sie auf Onkel Werners Werbung eingehen, und dann könne durchaus Schluss sein mit dem Luxusleben in der Villa.

Rike blieb dem Haus Ellroth jetzt vorsichtshalber fern, vor allem durfte Natalie nie erfahren, dass Rike mit dem zehn Jahre jüngeren Tom eine kurze Affäre gehabt hatte, die in gegenseitigem Einvernehmen ohne Verstimmung beendet worden war. Wie kam sie gerade jetzt wieder darauf?

"Friderike, hör' endlich auf zu träumen!", tadelte sie sich, als sie beinahe wieder vergessen hätte, sich auf der Alfredstraße rechtzeitig nach links einzuordnen, um zum Präsidium zu fahren.

Der Kommissar vom Dienst übernahm es, sofort alles in die Wege zu leiten. "Hast du ein Bild der geklauten Sachen? Nein? Dann hock' dich an den Computer und schick' mir eine möglichst genaue Beschreibung, die ich an die Streifen weiterleiten kann. Weiß Simon Bescheid?"

"Nein, das hat doch Zeit, das mache ich morgen als erstes."

Der KvD wusste, dass Rike ein Liebling des Kriminalrats war, und nickte zustimmend. Wenn Rike meinte, eine Ringfahndung sei nötig, würde Simon nicht widersprechen.

Ellroth war noch nicht zurück. Rike setzte sich an den Computer und formulierte eine Beschreibung der elf kleinen Bilder, wie sie sie von Karin Bergmann gehört hatte; eine kostbare Serie, die aus dem Hause Schütte verschwunden war. Große Hoffnungen machte sie sich nicht. Für ein Ringfahndung war es zu spät geworden, sie konnten nur die Streifen und die Kollegen an den Landesgrenzen alarmieren und bitten, bei Routinekontrollen auf elf sehr ähnlich aussehende kleine Ölbilder zu achten.

Tom Ellroth erschien eine halbe Stunde später und berichtete, was er im Frankeneck gehört und erlebt hatte. Dass Oberstaatsanwalt Krüger mit den Schüttes so gut bekannt war, erstaunte Rike nicht, sie wusste, dass Krüger seit Jahren auch Mitglied der Liberalen Aktion war. Dass Kollege Tom ihm vor aller Ohren Auskunft gegeben hatte, gefiel ihr weniger, aber sie sah ein, dass ein Oberkommissar einem Oberstaatsanwalt schlecht eine Auskunft verweigern oder ins Ohr flüstern konnte.

"Krüger hat mir aufgetragen, du solltest morgen mal bei ihm hereinschauen. Übernehmen wird er wohl nicht, Verdacht auf Befangenheit."

Sie nickte; Otto Krüger war ein umgänglicher und dabei sehr korrekter Mensch. Allerdings auch mit Schwächen.

"Sag mal, Rike, er lässt wohl wenig anbrennen?"

"Wie meinst du das?"

"In der Kneipe saß er auf Tuchfühlung neben einer auffälligen Walküre. Ganz hübsch und kurvenreich."

"Tom, er darf das, er ist seit Jahren Witwer."

Ellroth zwinkerte ihr zu. "Natalie wird im Kreuz springen, wenn ich beichte, dass ich die halbe Nacht mit dir zusammen war."

"Du musst es ja nicht so formulieren."

"Die Wahrheit glaubt sie mir doch nicht. Da kann ich sie auch etwas ärgern."

"Sei lieber vorsichtig, sonst kommt sie in ein paar Wochen auf dich zu, ob du nicht Trauzeuge und wenig später Pate werden willst."

Ellroth lachte laut: "Hör mal, ich trete sie gerne an Onkel Werner ab, gegen einen Vertrag, dass er mein Taschengeld weiter überweist und mir eine große Wohnung einrichtet und bezahlt."

Otto Krüger hatte es nicht weit vom Frankeneck nach Hause. Er besaß Am Ruhrstein ein kleines Haus und konnte gut zu Fuß gehen, was er oft tat, um den Kopf zu lüften. Der Eifer, mit dem Sigrid Laufer den Einbruch bei Alwin Schütte und den Tod Mariannes registriert hatte, gefiel ihm nicht. Hoffentlich hatte er keinen Fehler begangen, als er den Oberkommissar veranlasste, öffentlich zu sagen, was im Hause Schütte geschehen war. Sigrids Ehrgeiz hatte ihn anfangs amüsiert, jetzt stieß er Krüger ab, was sie wohl beim letzten Parteitag bemerkt hatte. Ihre Einladung heute war nicht nur ein Versuch, seine Vorbehalte zu erkunden, sondern auch ein recht plumpes Angebot. Die brünette, busen- und kurvenreiche Sigrid wurde von kritischen Parteifreunden schon Sigrid Läufig genannt. Krüger hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er weder für sie noch gegen sie war. Er leitete das Kreisschiedsgericht der Partei und half Alwin Schütte, beim Spendensammeln für die LA nicht mit dem Gesetz zu kollidieren.

Sigrid Laufer saß im Taxi zur Dammannstraße und ärgerte sich. Jedermann wusste doch, dass der Witwer Otto Krüger schönen und willigen Frauen nicht abgeneigt war; so ruppig hätte er sie nicht zurückweisen müssen. Außerdem hätte sie gerne einmal gesehen, wo und wie er wohnte.

Sie holte ihr Handy hervor und drückte eine Kurzwahltaste. Nach einer ganzen Weile stellte sich der Teilnehmer ein. "Ja."

"Hallo, Markus, hier ist Sigrid."

"Sag mal, weißt du nicht, wie spät es ist?"

"Doch, weiß ich genau. Aber ich war mit Otto Krüger im Frankeneck und habe eine tolle Neuigkeit."

"So?"

"Marianne Schütte hat sich bei einem Sturz im Haus das Genick gebrochen. Und die Kripo erkundigt sich nach Alwins Alibi."

"Woher willst du das wissen?"

"Ich war im Frankeneck, als der Kripomensch hereinkam und den Wirt und die Bedienung fragte, wann Alwin gekommen und gegangen sei."

"Ich denke, du bist mit Otto ..."

"Der saß neben mir. Der Kripobeamte hätte mir doch gar keine Auskunft gegeben."

"Ach so. Aber einem Oberstaatsanwalt ..."

"Ist das nicht eine gute Neuigkeit?"

"Liebe Sigrid, das muss sich erst noch herausstellen."

"Und was machen wir jetzt?"

"Du machst erst mal gar nichts."

"Soll ich nicht zu dir kommen?"

"Danke, nein. Ich schicke jetzt eine Rundmail an den Vorstand und lade zu einer Sondersitzung morgen ein."

"Denk an mich und an Otto."

"Geht in Ordnung."

Sie drückte die rote Taste und steckte ihr Handy wieder ein. Das Taxi bog gerade in die Saarbrücker Straße ein. Sigrid kam häufiger erst um diese Zeit nach Hause und staunte trotzdem jedes Mal wieder, wie menschenleer die Straßen waren.

Markus Wehrmann rieb sich ein paar Sekunden lang nachdenklich das Kinn mit der flachen Hand und überlegte. Ihm war schon klar, warum Sigrid ihn angerufen hatte. Er schaltete dann doch noch einmal den Computer an und rief das Mailprogramm auf.

Alle Adressen waren gespeichert. Die Mail ging an Ulrich Bruskow, stellvertretender Kreisvorsitzender, Harry Schickel, Schriftführer des Kreisverbandes, Harald Cilius, Kassenwart, Otto Krüger, Leiter des Schiedsgerichts, Sigrid Laufer und Heinz Stolle MdL

"Liebe Freundinnen und Freunde, in der Kandidatenfrage gibt es neue, nicht sehr angenehme Fakten. Die müssen wir morgen um 12 Uhr auf einer Sondersitzung in der Geschäftsstelle besprechen. Markus."

Er hatte gerade auf Senden gedrückt, als ihm siedend heiß einfiel, dass er ja bei Marianne Schütte den Umschlag mit den Rechnungskopien zurückgelassen hatte. Wenn die Kripo den finden sollte, standen sie morgen auch bei ihm auf der Matte und "erkundigten" sich. Er schlief nicht sehr gut und stand gegen drei Uhr auf, um eine halbe Schlaftablette zu schlucken.