Ein Killer geht in Rente: Krimi - Horst Bieber - E-Book

Ein Killer geht in Rente: Krimi E-Book

Horst Bieber

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Beschreibung

Der Umfang dieses Ebook entspricht 237 Taschenbuchseiten. Uno oder Primo, wie er in seinen Kreisen genannt wird, ist ein erfolgreicher Killer und soll einen neuen Auftrag zu einem geradezu sensationellen Honorar übernehmen: Bis Ende Mai nächsten Jahres muss eine bestimmte Person "X" ihr Amt verloren oder verlassen haben, entweder tot oder – was den Auftraggebern lieber wäre – ohne Skandal und Sensationen von der öffentlichen Bühne verschwinden. Uno hat Bauchschmerzen, aber die Botin, die den Auftrag und die Anzahlung überbringt, interessiert ihn, mehr als das Geld, zumal er glaubt, ihr ginge es ebenso. Wenige Monate später sterben aus der Umgebung von "X" zwei Männer, einer zweifelsfrei durch Selbstmord, der andere möglicherweise durch Mord. "X" wird auf dem Friedhof am Grabe seiner Frau mit Pfeil und Bogen ermordet. Die Polizei tappt trotz unermüdlichen Fleißes lange im Dunkeln, erst eine Sonderkommission unter Leitung des Mannes für verkorkste Fälle, Hauptkommissar Leo Steiger, kann Licht in das Dunkel bringen. Er ist Uno schließlich ganz dicht auf den Fersen. Ein Katz- und Mausspiel beginnt – mit ungewissen Ausgang.

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Seitenzahl: 242

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Horst Bieber

Ein Killer geht in Rente: Krimi

Cassiopeiapress Thriller/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Ein Killer geht in Rente

Kriminalroman von Horst Bieber

 

© dieser Digitalausgabe 2015 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

[email protected]

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Ein Killer geht in Rente © by Horst Bieber und Edition Bärenklau 2015

© Cover: Layout - Steve Mayer/Scott Griesell/123RF

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 237 Taschenbuchseiten.

 

Uno oder Primo, wie er in seinen Kreisen genannt wird, ist ein erfolgreicher Killer und soll einen neuen Auftrag zu einem geradezu sensationellen Honorar übernehmen: Bis Ende Mai nächsten Jahres muss eine bestimmte Person „X“ ihr Amt verloren oder verlassen haben, entweder tot oder – was den Auftraggebern lieber wäre – ohne Skandal und Sensationen von der öffentlichen Bühne verschwinden.

Uno hat Bauchschmerzen, aber die Botin, die den Auftrag und die Anzahlung überbringt, interessiert ihn, mehr als das Geld, zumal er glaubt, ihr ginge es ebenso. Wenige Monate später sterben aus der Umgebung von „X“ zwei Männer, einer zweifelsfrei durch Selbstmord, der andere möglicherweise durch Mord. „X“ wird auf dem Friedhof

am Grabe seiner Frau mit Pfeil und Bogen ermordet. Die Polizei tappt trotz unermüdlichen Fleißes lange im Dunkeln, erst eine Sonderkommission unter Leitung des Mannes für verkorkste Fälle, Hauptkommissar Leo Steiger, kann Licht in das Dunkel bringen. Er ist Uno schließlich ganz dicht auf den Fersen. Ein Katz- und Mausspiel beginnt – mit ungewissen Ausgang.

 

 

Personen:

Isabella Borgward - einer der Tarnnamen der Rechtsanwältin Norma Seydel.

Franz Lambeck - Rechtsanwalt und Norma Seydels Partner

Henry Ford - einer der vielen Tarnnamen eines erfolgreichen Killers, der in seinen Kreisen Primo oder Uno genannt wird.

Ludwig Milde - liberaldemokratischer Landes-Innenminister, wird Jahre später ermordet.

Hajo Milde - Hans-Joachim Milde, älterer Bruder des Innenministers; Teilhaber an der Speditionsfirma Phoebus continental.

Jessica Milde - Tochter des Ministers, 15 Jahre alt. Schülerin auf dem Internat Scheffelsberg.

Petra Beyer - Studienrätin für Französisch und Geschichte, Freundin des liberaldemokratischen MdL.

Dr. Thomas Schlich - der begeht aus ungeklärten Gründen Selbstmord. Wenig später stirbt sein Kollege, der liberaldemokratische MdL.

Matthias Vanderbeek - Ob Mord oder Selbstmord, bleibt lange ungeklärt.

Leo Steiger - Kriminalhauptkommissar im Landeskriminalamt.

Udo Tschakowiak - Leiter der Polizeiabteilung im Landesinnenministerium.

Andreas Küster - Besitzer der Orchidee, Nachtbar und Bordell am Widukindplatz.

Nele Küster - Andreas' jüngere umtriebige Ehefrau, eine blonde Sexbombe und Vorsitzende des Vereins Die Stadtfrauen.

Ole Küster - Betreiber der Kunstscheune und Bruder von Andreas Küster.

 

Alle Namen, Personen und Taten, alle Parteien, Vereine, Firmen, Ereignisse und Orte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

01

Wenn die Sonne schien und das frische Mailaub noch hellgrün schimmerte, sahen der Hofgarten und das vor kurzem gestrichene Schloss sehr passabel aus, trotz der vielen überall abgestellten Fahrräder. Der Rasen hatte sich allerdings von den großen Anti-Nachrüstungs-Demonstrationen nie mehr vollständig erholt. Uno schlenderte quer über die Wiese auf den Alten Zoll zu. In Bonn hatte er sich immer wohl gefühlt - von wenigen schwül-heißen und grellhellen Sommertagen einmal abgesehen - und die Klagen über die Kleinstadt unter der Käseglocke oder den Vergleich mit dem Chicagoer Zentralfriedhof nie verstanden.

Jetzt, zur Mittagszeit, waren die meisten Bänke besetzt, viele Studenten kauten ihr Fast-Food. Die mittags immer überfüllte Mensa hatte auch Uno in schlechtester Erinnerung; etwas, aber nicht wirklich viel besser war ihm die Mediziner-Mensa auf dem Venusberg vorgekommen, aber für Hamburger und Salate aus der Plastikschachtel mit Ketchup erwärmte er sich immer noch nicht. Wie ein Tourist bummelte er die Steigung hoch, lief bis zu der Brüstung und schaute auf den Rhein hinunter. Drachenfels und Siebengebirge verschwammen im Dunst. Eine lautstark angeheiterte Gruppe bestieg unter ihm ein weißes Ausflugsschiff. Ein Schubverband tuckerte schwerfällig bergwärts. Der Achter eines akademischen Ruderclubs kreuzte leichtsinnig seinen Kurs, drehte in der Strommitte und glitt in Höchstfahrt bei höchster Schlagzahl talwärts.

Auf der Bank ganz rechts unmittelbar vor dem Mäuerchen saß eine junge Frau und rauchte gelassen. Neben sich hatte sie einen Leinenbeutel mit einem aufgedruckten Bild eines Oldtimers abgestellt. Zufällig kreuzten sich ihre Blicke, er schlenderte hinüber, stellte sich neben sie und murmelte: "Sie sammeln alte Autos?"

"Ja, Sie auch?"

"Sicher, ich heiße Heinrich, genannt Henry Ford. Das verpflichtet sozusagen."

"Völlig richtig. Angenehm, Isabella Borgward."

Die Fähre nach Beuel hatte abgelegt und war hinter dem Heck eines bergwärts knatternden Tankers herumgegangen, hielt sich jetzt gegen die Strömung auf der Höhe, um einen mit hoher Geschwindigkeit talwärts heranschäumenden leeren Frachter vorbeizulassen.

"Wollen Sie sich nicht setzen?"

"Gerne."

"Sie sind pünktlich."

"Das lernt man in meinem Job."

Zweite Hälfte oder Mitte dreißig, würde er schätzen. Groß für eine Frau und schlank. Hellbraune, glatte und schulterlange Haare mit einer Innenrolle, ein schmales Gesicht mit großen, grauen Augen und einem breiten Mund, der gern zu lachen schien. Keine Schönheit im üblichen Sinne, aber sehr ansehnlich dank der hochstehenden Wangenknochen. Das Kinn verriet Energie und Eigensinn. Jeans, Shirt und eine dünne blauweißkarierte Stoffjacke.

"Zufrieden mit der Inspektion?"

Nach einer Weile lächelte er dünn. Sie gefiel ihm, und er hatte den Eindruck, dass es ihr umgekehrt auch so ging. Ihre Beschreibung, die sie am Telefon von sich gegeben hatte, traf zu, und "Isabella Borgward" zeugte für einen leicht verqueren Humor, den er schätzte.

"Wie ich Ihnen schon sagte, wir hätten einen Auftrag für Sie."

"Wer ist wir?"

"Eine Gruppe von Interessenten, in deren Namen ich verhandele."

"Mehr wollen Sie nicht preisgeben?"

"Nein. Jeder Versuch, meine Auftraggeber festzustellen und auszuforschen, würden wir als Vertragsbruch betrachten. Und entsprechend ahnden."

Obwohl sie es sehr nachdrücklich, fast drohend vorgebracht hatte, nickte er unbeeindruckt. Solche Warnungen gehörten zum Eröffnungs-Ritual. "Sie sind also meine einzige Kontaktperson?"

"Ja. Wir möchten eine bestimmte Person ausschalten oder aus ihrem jetzigen Amt vertreiben."

"Eilt es?"

"Nein, aber Sie sollten irgendwann im nächsten Frühling so weit sein, auf jeden Fall aber vor Ende Mai nächsten Jahres."

"Das müsste sich machen lassen."

"Damit es keine Missverständnisse gibt: Uns liegt in erster Linie daran, die Zielperson aus ihrem jetzigen Amt zu entfernen. Und nur, wenn es gar nicht anders geht, sollten Sie sie sozusagen final ausschalten."

"Ich verstehe."

"Ihr Honorar beträgt eine halbe Million. Zweihundertfünfzig bar voraus bei - hm - Vertragsabschluss, der Rest als Erfolgshonorar."

Damit verblüffte sie ihn nun doch. Mit einer solchen Summe hatte er nicht gerechnet. Was natürlich hieß: Der Auftrag würde nicht einfach sein. Normalerweise zahlte man ihm ein Zehntel, wenn es hochkam, ein Fünftel dieser Summe.

"Sie sagen ja gar nichts", spottete sie.

"Bei der Summe überlege ich natürlich, wen Sie sich als Ziel ausgesucht haben."

"Vorsicht!" warnte sie unversehens scharf. "Sobald ich Ihnen den Namen genannt habe, sind wir im Geschäft. Wir können es uns nämlich nicht leisten, dass Sie hinterher ablehnen und die Zielperson warnen."

Bei jedem Geschäft zeigte sich früher oder später ein Haken. "Ein prominenter Mann?"

"Na ja. In Grenzen. Häufig im - wie sagt man so schön? - im Licht der Öffentlichkeit. Aber nicht so oft, dass man ihn überall auf der Straße erkennt."

"Hat ein Normalsterblicher überhaupt eine Chance, sich ihm zu nähern?"

Jetzt kicherte sie, und es klang irgendwie nicht sehr herzlich: "Für einen Normalsterblichen halten wir Sie eigentlich nicht, Mister Ford."

"Danke für den Kaktus, Frau Borgward. Was ich meinte - gibt es einen Bereich, in dem er besonders verwundbar ist?"

"Wie meinen Sie das?"

"Nun, rein theoretisch - ein Banker etwa muss besonders den Vorwurf der Untreue oder Unterschlagung scheuen. Oder der Insidergeschäfte. Der katholische Geistliche sollte nicht mit einer muslimischen Sekte in Verbindung gebracht werden oder mit unschicklichen Handlungen in der Sakristei. Eine Parlamentspräsidentin nicht mit einem Bordell."

"Ah so, ja. Nein, eine so spezielle Empfindlichkeit gibt es nicht, so weit wir wissen. Unterschlagung, Meineid, Betrug, Fahrerflucht, Bestechung und Bestechlichkeit, Bigamie oder Sodomie - Sie können frei wählen, Hauptsache, X legt daraufhin sein Amt nieder."

Ihr freundliches Grinsen beruhigte ihn ganz und gar nicht. Trotz ihres heiteren Tons unterschätzte er sie nicht und nahm vor allem ihre Drohung ernst, dass er nicht mehr aussteigen konnte, sobald sie den Namen des Objektes ausgesprochen hatte.

"Es kann sein, dass ich Hilfe benötige."

"Lieber wäre es uns, Sie kämen alleine klar", erwiderte sie schnell. "Falls etwas schiefgeht, möchten wir gerne ehrlich bestreiten können, dass wir Sie kennen oder mit Ihnen in Verbindung stehen. Woraus sich eine weitere Bedingung ableitet. Es könnte ja sein, dass Sie doch Gewalt anwenden müssen, und dann sollte es so aussehen, als gebe es dafür einen sehr privaten, persönlichen Grund, nicht eine anonyme Organisation im Hintergrund."

"Okay. Aber wenn nicht - wie erreiche ich Sie?"

Ihr Seufzer war tief und ehrlich: "Ich habe Ihnen eine Telefonnummer aufgeschrieben. Dort meldet sich ein Anrufbeantworter mit dem Namen Isabella Borgward, den ich regelmäßig abhöre. Ich rufe zurück, wenn Sie eine Nummer hinterlassen. Sie kennen die Gesetzeslage über die Vorratsspeicherung von Verbindungsdaten?"

"Mit anderen Worten - Sie wollen mich unter Kontrolle behalten."

"So ist es."

Nachdenklich nickte er und lehnte sich zurück. Noch konnten sie sich trennen, dann hatte er nur einen Tag und das Fahrgeld investiert. Das Honorar lockte ihn weniger, als sie wohl vermutete. Seit einiger Zeit war er auf solche Einnahmen nicht mehr angewiesen. Er hatte gut verdient, das Geld sicher in der Schweiz, in Luxemburg und in Liechtenstein deponiert und in Deutschland immer sehr bescheiden gelebt, brav Steuern und Sozialabgaben bezahlt und nie Anlass gegeben, bei ihm mehr Geld zu vermuten als ein kaufmännischer Angestellter in einem bescheidenen Unternehmen verdiente. Weil das zu seiner Tarnung gehörte: Immer nur einen unauffälligen Mittelklassewagen zu fahren, immer eine unauffällige Mietwohnung, keine teuren Hobbys und keine auffälligen Freunde oder Freundinnen zu haben. Für diese perfekte Mimikry zahlte er nur den Preis, dass er sich immer häufiger fürchterlich langweilte, und wenn er das offenkundige Risiko ihres Auftrags abwog gegen die Vorstellung, noch Monate den kleinen, jetzt arbeitslosen Angestellten zu mimen...

Sie drängte ihn nicht, und einen Moment sinnierte er, wie sie sich wohl tarnen mochte. Die Botin interessierte ihn sehr viel mehr als ihre Botschaft. Ob es ihr ähnlich ergehen mochte? Ihre Blicken trafen sich und sie lächelte verschwörerisch.

"Wenn Sie mir die Art der - hm - Erpressung freistellen - besteht dann nicht die Gefahr, dass ich ungewollt die Kreise Ihrer Auftraggeber störe?"

Seine geschraubte Ausdrucksweise erheiterte sie. "Doch, die Gefahr besteht. Eben deswegen möchten wir ja nicht, dass Sie für uns total im Untergrund verschwinden. Wir möchten Sie rechtzeitig warnen können, auf dem eingeschlagenen Weg" - jetzt imitierte sie ihn voller Spott - "nicht weiter voranzuschreiten."

"Verständlich." Sein Kontaktmann hatte ihn am Telefon gewarnt: "Sie ist gefährlicher, als sie aussieht. Und sehr viel mehr als nur eine Botin." Er träumte eine Minute vor sich hin, bevor er sich einen Ruck gab: "Okay, einverstanden, wir sind im Geschäft."

"Das Objekt heißt Milde, Ludwig Milde."

"Tut mir leid, der Name sagt mir gar nichts.“

"Milde ist zur Zeit Innenminister in..."

"Ach, der."

"Sie kennen ihn also doch?"

"Ich lese Zeitungen, den Spiegel und höre oft Nachrichten im Deutschlandfunk. Und bin, wie Ihr Objekt, von der EU und von Schengen auch nicht so begeistert."

"Dann wissen Sie ja, wo und wie Sie Ludwig Milde treffen können."

"Himmel hilf, ein Auftrag in der Provinz."

"Ja. Milde muss bis zum 25. Mai nächsten Jahres, besser noch bis zum 1. Mai zurückgetreten oder vom Ministerpräsidenten entlassen worden sein."

"Oder die Blumen von unten bewundern."

"Was uns nicht so angenehm wäre. Wie gesagt, wir würden es vorziehen, wenn er ohne Gewalt und großes Aufsehen von der politischen Bühne abginge. Vor allem ohne spektakuläre Aktionen. Aber wenn schon drastische Methoden, dann bitte so, dass die als Täter verdächtigte Person ein einleuchtendes, überzeugendes und vor allem rein persönliches Motiv hat."

"Warum bis zum 25. Mai nächsten Jahres?"

"Keine Antwort, Mister Ford."

Sie kramte in ihrem Stoffbeutel und hielt ihm einen Schließfachschlüssel hin. "In der Tasche finden sie die Anzahlung und die Telefonnummer der Isabella Borgward. Außerdem haben wir alles zusammengetragen, was in der letzten Zeit über Ludwig Milde veröffentlicht oder gesendet worden ist. Dazu Bilder und Videoaufzeichnungen. Den Rest müssen sie selbst erledigen."

Sie warf ihre Zigarette zu Boden, trat sie energisch aus und stand auf. "Viel Glück, Henry Ford."

"Heißen Danke, Isabella Borgward."

Er ignorierte das unbehagliche Zwicken hinter seinem Gürtel und sah ihr nach. Ein begehrenswertes Weib, und er hatte lange wie ein Mönch gelebt. In der Branche wurde er, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, "der Maulwurf" genannt, und so arbeitete er auch am liebsten. Ab und zu hinterließ er Haufen seiner Tätigkeit und Existenz und vor bedrohlichen Geräuschen rückte er aus. Unterirdisch tätig. Und immer längst an anderer Stelle, wenn jemand über seinen Haufen stolperte. Unauffällig drehte er sich noch einmal nach ihr um. Eine sehr gute Figur. Lange Beine, lange Schritte. Die Botschaft hatte er verstanden, die Botin hätte er gerne näher kennengelernt.

Eine Zigarettenlänge später folgte er ihr. Ob sie einen festen Freund hatte oder verheiratet war?

Die Fähre kam gerade vom Beueler Ufer zurück und legte mit routiniertem Schwung an. Währen des Studiums hatte er ein Sommersemester lang in Beuel ein Zimmer gehabt und war jeden Tag mit dem Bötchen hin- und zurückgefahren.

Auf dem Markt vor dem Bonner Rathaus kaufte er zwei große Apfelsinen. Der Hunger war ihm vergangen. Am Rhein stieg es trotz der Sonne noch recht kühl aus dem Wasser hoch, er spazierte bis zum Ersatz-Bundestag im alten Wasserwerk, kehrte um, aß auf einer Bank seine Apfelsinen und warf die Schalen ordentlich in einen Abfallkorb. Er wusste, dass er nicht auffiel. Weder groß noch klein, weder dünn noch dick, weder hässlich noch attraktiv, er war Durchschnitt in jeder Beziehung, weder teuer noch billig gekleidet, ein Mann, den man bei einer zufälligen Begegnung flüchtig ansah und sofort wieder vergaß. Wer ihn besser und für länger kennenlernte, mochte sich über seinen scharfen Blick, seine Schweigsamkeit und sein gelegentliches mokantes Lächeln wundern, aber er vermied längere Kontakte und hatte sich daran gewöhnt, vor den Mitmenschen perfekt die Rolle eines armen Teufels zu spielen, der jetzt ohne eigenes Verschulden seinen Job verloren hatte.

Die Nachbarn wiederum glaubten, er sei etwas schüchtern oder gehemmt, und behandelten ihn auch so, was ihn nicht störte, weil er deshalb nie in die Lage kam, Härte und Selbstbewusstsein demonstrieren zu müssen, also unter Umständen Aufmerksamkeit zu erregen.

Aus dem Schließfach am DB-Bahnhof holte er eine Ledertasche, die er nicht öffnete, auch nicht auf der Fahrt rheinaufwärts. In Zügen und Flugzeugen konnte er problemlos schlafen. Kurz hinter Koblenz weckte ihn der Schaffner und kontrollierte seine Fahrkarte, danach schaute er stumm aus dem Fenster und träumte etwas von Isabelita. Von Schwärmerei für Burgen, Ruinen und Weinberge war er weit entfernt, er fühlte sich überall und nirgendwo zuhause, aber das Rheintal gefiel ihm immer wieder. Besonders im Sonnenschein.

In Mainz stieg er in die S-Bahn Richtung Frankfurt um. Sachsenhausen. Der dünne Zwirnfaden an seiner Wohnungstür in einem gesichtslosen Sachsenhausener Mietshaus war nicht zerrissen, er verschloss die Tasche in dem kleinen Safe, der in einem Kleiderschrank verborgen war, und verließ die Wohnung sofort wieder.

Isabella Borgward hatte sich in der Nähe des Hauptbahnhofs in ein Café gesetzt und gewartet, bis Kaspar über Handy anrief: "Er läuft am Rhein Richtung Langer Eugen und lässt sich viel Zeit."

"Okay, mein Zug geht in zwanzig Minuten."

"Ich bleibe dran."

Erleichtert winkte sie der Bedienung.

Wegen des Bargelds und der Videobänder war sie nicht geflogen; sie fürchtete eine Zufallsentdeckung bei einer Handgepäckkontrolle am Flughafen und traute der angeblich für Ton- und Bildträger unschädlichen Durchleuchtungstechnik nicht. Es war eine Heidenarbeit gewesen, die vielen kleinen Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften einzuscannen und die Videos zusammenzukopieren, das Ergebnis einer harten Arbeitswoche wollte sie nicht aufs Spiel setzen.

Bei dem Kreischen der Zugbremsen hätte sie fast das Handy überhört. "Er sitzt auf einer Bank und isst Apfelsinen."

"Und ich steige gerade in meinen Zug ein. Tschüss."

Bei Uno empfahl sich Vorsicht. Ihm war zuzutrauen, dass er - so wie sie - zwei Schatten mitgebracht hatte, um festzustellen, wer sie war und wohin sie ging, in diesem Gewerbe traute verständlicherweise keiner keinem. Uno galt als einer der Vorsichtigsten in der Branche, der Mann mit dem größten Misstrauen. Er war noch nie geschnappt oder verdächtigt worden und verwendete viel Zeit und einiges Geld darauf, zwischen seinen Aufträgen irgendwo harmlos und anonym unterzukriechen. Weil er noch nie aufgefallen war, nie irgendwo Fingerabdrücke oder DNA-Spuren hinterlassen hatte, konnte er bei diesen Ausflügen in die Anonymität seine echten Papiere und Urkunden verwenden, wie sein Kontaktmann betonte.

Wenn Isabella ehrlich war, beunruhigte sie sein Ja sogar etwas. Gut, eine halbe Million Euro war ein fürstliches Honorar, doch in den paar Minuten auf dem Alten Zoll hatte sie nicht den Eindruck gehabt, dass Uno sich von Geld ködern ließ. Es musste mindestens noch einen weiteren Grund geben, warum er schließlich zugestimmt hatte, und dieser Grund beschäftigte sie. Immerhin hatte Carlo, der sie abschirmte, versichert, dass sie auf dem Weg vom Alten Zoll durch die Innenstadt in das Café keinen Beobachter an den Hacken gehabt hatte, und Kaspar würde Uno beobachten, bis der die Tasche aus dem Schließfach genommen hatte.

Sie hasste diese persönlichen Kontakte.

In Köln konnte sie in einen IC umsteigen. Die Fahrt bis Hamburg wurde lang, sie löste ein halbes Kreuzworträtsel-Heft und schwitzte vor Müdigkeit und Ungeduld, als sie am Hauptbahnhof in ein Taxi stieg. Absichtlich hatte sie einen Zug gewählt, der in Zürich abgefahren war. Sie konnte aus der Schweiz gekommen sein. Als sie die Tür ihrer Penthaus-Wohnung öffnete, erschlug sie der warme Mief. Sie riss alle Fenster auf. An den Blick über die Außenalster, um den sie viele Bekannte beneideten, hatte sie sich gewöhnt, sie warf die Jacke zu Boden und griff zum Handy.

"Ja?"

"Hallo, Franz. Der Fisch hat angebissen."

"Wundervoll. Bis dann mal."

Unter der Dusche entspannte sie sich, und während sie sich abtrocknete, gestand sie sich ein, dass der unauffällige Uno sie beeindruckt hatte. Beim Gedanken an ihn fühlte sie etwas, was sie für sich das erotische Kribbeln nannte. Beim Gedanken an Franz Lambeck war es auch mal aufgetreten, inzwischen aber total abgeklungen. Und jetzt ausgerechnet trat es wieder bei dem absoluten "Durchschnittsmann" Henry Ford auf. Für gefährliche Männer hatte sie schon immer ein Faible besessen, und aus dem Alter war sie heraus, dass sie nur gebräunte Muskelprotze und Großmäuler auf lärmigen Motorrädern für waghalsig - und für gute Liebhaber - hielt.

Uno beobachtete fast zwei Stunden den Eingang seines Mietshauses. Den harmlosen Spaziergänger, der ihm auf der Rheinuferpromenade in Bonn gefolgt war, hatte er rasch entdeckt, aber der Mann hielt Abstand und verkrümelte sich, sobald Uno am Hauptbahnhof die Ledertasche aus dem Schließfach genommen hatte. Für alle Fälle drehte er den Spieß um und folgte ihm; doch der Knabe stieg vor dem Bahnhof in einen Bus Richtung Lengsdorf und tauchte auch nicht mehr auf, als Unos Zug einlief. Dass Isabella Borgward sich absicherte, verargte er ihr nicht; man konnte die Vorsicht eigentlich nie übertreiben. Besser, einen Hauseingang mehrere Stunden lang ergebnislos zu betrachten als dem Auftraggeber oder der Polizei aufzufallen.

Das Geld schien okay zu sein, zweihundertfünfzig in gebrauchten Scheinen. Für den Inhalt der beiden CDs richtete er auf der Festplatte seines Laptops eine eigene Partition ein, die er zusätzlich mit "Isabella" und "Alter Zoll" sicherte. Die Sicherung war noch einmal gesichert: Wenn beim dritten Versuch, die Partition zu öffnen, nicht die richtigen Passworte eingegeben wurden, schaltete das Gerät ab, und meldete beim nächsten Hochfahren des Betriebssystems, was frühestens nach 24 Stunden möglich war, dass ein Unbefugter versucht hatte, sich auf der Festplatte umzusehen. Uno hatte so gut wie nie Besuch in seiner Wohnung, aber er musste damit rechnen, dass einmal der Hausmeister einem Handwerker die Wohnungstür öffnete oder im Haus ein Feuer ausbrach.

Es traf sich gut, dass er noch am Abend seiner Nachbarin Hella im Treppenhaus begegnete. "Na, wie war's, Herr Stein? Erfolg gehabt?"

"Sieht so aus, Frau Desche. Ein Job in Duisburg, im Hafen, bei einer Spedition."

"Das freut mich für Sie. Wann geht's los?"

"In vier Wochen. Ich muss ja noch eine Wohnung finden und umziehen."

Sie musterte ihn aus verhangenen Augen und strich sich über die Hüften. Uno hatte mehr als einmal bemerkt, dass sie sich für ihn interessierte; sie trug auch jetzt wieder einen Pulli mit einem so gewaltigen wie gewagten Ausschnitt und hatte eindeutig nichts dagegen, dass er auf ihren prachtvollen Busen schielte. Aber weil er nicht der einzige Mann im Hause war, dem sie offen Avancen machte, hielt er sich zurück. Ihr Mann war ein grobschlächtiger Säufer und Sturkopf, mit dem er nicht zusammenrasseln wollte. Hellas Angebote waren für den, der zu sehen verstand, eindeutig und ausgesprochen erotisch, so, als bestehe in diesem Punkt bei ihr ein gewisser Notstand. Aber es gehörte zu Unos Tarnung, sich nicht auf solche Verhältnisse in der Nähe seines Verstecks einzulassen. Deswegen verabschiedete er sich auch jetzt rasch von ihr. Sie würde die Neuigkeit schon zuverlässig im Hause verbreiten. Einfach zu verschwinden, konnte er sich nicht leisten. Es hätte zuviel Aufmerksamkeit erzeugt.

02

Lambeck schaltete sein Handy ab und steckte es ein: "Er hat angebissen."

Der weißhaarige Bonvivant rieb sich das Kinn. "Glaubst du, dass er Erfolg haben wird?"

"Darauf kann man sich bei ihm verlassen."

"Und du bist ganz sicher, dass damit dieses alberne Strüwa gestorben ist."

"Das sagen alle, die damit zu tun haben."

Ein anderer Mann, ein grauhaariger Brillenträger, der zugehört hatte, mischte sich ein: "Hast du mal was davon gehört, dass die zum Schluss Strüwa, TollCollect und Flensburg zusammenschalten wollen?"

"Bis jetzt habe ich davon noch nicht gehört, aber es wäre logisch. Leider."

"Es wäre teuflisch. Und ruinös."

Der Bonvivant lachte leise. "Das ist seine größte Sorge."

"Es wäre ein gewaltiger Verlust für mich, ja sicher, für euch nicht?"

"Doch, doch", besänftigte Lambeck, "wir würden alle darunter leiden. Deswegen tun wir ja auch alles, damit es nicht dazu kommt."

"Es lohn nicht, über ungelegte Eier zu gackern. Oder wie der Lateiner murmelt: 'Cura posterior'. Das Büffet ist eröffnet. Trübe Gedanken können wir uns immer noch machen, wenn es wirklich so weit ist."

Das weitläufige Haus lag auf der "nassen Seite" der Elbchaussee. Alleine den riesigen Garten in Schuss zu halten, erforderte eine regelrechte Mannschaft. Pöschke hatte es ja, allerdings wurden die ersten Gerüchte kolportiert, auch bei ihm laufe es nicht mehr so glatt und erfolgreich wie in den Boomjahren zuvor. Wahrscheinlich war sein Jahresgewinn nach Steuern dramatisch von 33 auf 32 Millionen Euro abgestürzt. Pöschke war so, das Wort "Die Klage ist der Gruß des Kaufmannes" traf ohne jeden Vorbehalt auf ihn zu.

Deswegen war Lambeck in der vorigen Opernsaison auch nicht übermäßig verwundert, als er in der Pause, nach einem Orangensaft anstehend, neben sich seinen früheren Mandanten Konrad Pöschke bemerkte und an seinem Revers die goldene Anstecknadel mit dem Schlüsselsymbol sah. Pöschke war seinem Blick gefolgt: "Wenn man erst auf dem Trockenen zappelt, ist es zu spät, den Abfluss zu schließen." Lambeck fand die Bemerkung aus dem Munde eines Mannes, der immer noch in Geld schwamm wie Onkel Dagobert Duck in seinem Talerspeicher, einigermaßen unpassend, aber er hatte gelernt, den Mund zu halten.

Während sie ihre Teller auffüllten, trat eine sehr attraktive Brünette an sie heran: "Alles zu Ihrer Zufriedenheit, Herr Pöschke?"

"Danke, ja, wieder großartig gemacht, Miranda."

Lambeck fühlte einen sanften Druck an seiner Jacke, und als er bei erster Gelegenheit in seine Jackentasche fasste, ertastete er eine Visitenkarte. Miranda Baumeister, Party- und Begleitservice & Catering. Geschäfts- und Privatadresse. Auf die Rückseite hatte sie geschrieben, "Rufst Du mich an? - Jederzeit!"

03

Nach dem Duschen verspürte Isabella Hunger. Auf der Papenhuder Straße kannte sie ein spanisches Restaurant, zu dem sie zu Fuß laufen konnte. Mit viel Überredung hatte sie den Wirt dazu gebracht, ein von ihr komponiertes vegetarisches Gericht auf die Speisekarte zu setzen: Geschnittene schwarze Oliven und zerbröselte Walnüsse mit gehacktem Perejil, in etwas Öl angebraten. Isabella war keine große Fleischesserin, und in der Gerichtskantine, in der sie notgedrungen öfter essen musste, war frisches Gemüse eine Seltenheit. Der Kellner brachte ohne Aufforderung das Töpfchen mit Ajillo und den Korb mit Brotstücken, verschwand im Keller und zeigte ihr die Flasche Rotwein.

"Muy bien."

"Y el plato Isabelita?"

"Si, como siempre."

Als sie nach Hause bummele, hörte sie hinter sich die Schritte eines Mannes, der ihr beharrlich folgte. Sie war nicht ängstlich, aber dieser hartnäckige Typ beunruhigte sie. Das Aufsehen, das eine Schlägerei oder ein Überfall auslösen würde, konnten Franz und sie nicht gebrauchen. An einer roten Fußgänger-Ampel stellte sie sich zu einer kleinen Gruppe Wartender und fragte den jungen Mann, der neben ihr stand: "Würden Sie mir bitte helfen, einen unerwünschten und lästigen Verehrer loszuwerden?"

Er schaute verwundert auf sie herunter: "Und wie sollen wir das machen?"

"Wir" war schon gut. "Sie könnten mich bitte bis zu meinem Haus begleiten. Es sind nur drei, vier Minuten."

"'So viel Zeit muss sein', sagte der Ritter zu seinem ungeduldigen Knappen."

04

Ilja Peczkoff hatte zwei Stunden vor dem Donauübergang auf den hellgrauen Laster mit dem seitlich aufgemalten P und der Lyra unter dem Halbbogen des P gewartet. Er war mit einem anderen Laster bis zur Ortsmitte Giurgiu gefahren, dort ausgestiegen und hatte sich zu Fuß auf den Marsch zum Donauufer aufgemacht. Dort sollte er im Schatten zweier Bäume, die auf einem kleinen Parkplatz vor der Auffahrt der Freundschaftsbrücke standen, auf den nächsten P-Transporter warten, der sich nun schon zwei Stunden verspätet hatte. Die rumänisch-bulgarische Grenze war ein echtes Hindernis geworden und gefährlich dazu, seit Verrückte hier aus völlig unverständlichen Gründen eine wilde Schießerei angezettelt hatten und nun von den Polizeien beider Länder gejagt wurden.

Iljas Papiere waren gut, aber nicht hervorragend gefälscht.

Dann rollte endlich der hellgraue, fast weiße Laster auf den Parkstreifen.

Auf der Beifahrerseite sprang ein junger Mann aus der Fahrerkabine und kam auf Ilja zu, er trug eine große, protzige Sonnenbrille und schien sich sehr wichtig zu nehmen.

"Ging nicht früher", meinte er kurz angebunden. "Überall Kontrollen, MPs und Hunde. Ich gehe in die Koje. Du musst in den Schlafstall." Er sprach akzentfrei Bulgarisch.

Der Schlafstall war ein Hohlraum zwischen der Fahrerkabine und dem eigentlichen Laderaum, über einen versteckten Zugang aus der Fahrerkabine zu erreichen, in dem Illegale über die Grenzen geschleust wurden, in den meisten Fällen in das Schengengebiet, das gelobte Europa hinein, manchmal auch für die umgekehrte Richtung. Ilja hatte in Frankreich einen Verräter liquidiert und musste aus Westeuropa verschwinden, eine Schwester war mit einem syrischen Kurden verheiratet und sollte ihn aufnehmen. Der Schlafstall besaß kein Fenster, kein Licht, die Luft war in kürzester Zeit verbraucht. Außerdem war er schallisoliert und gepolstert, damit keine Geräusche nach draußen drangen. Man durfte nicht unter Klaustrophobie leiden. Damit der abgetrennte Raum nicht durch vergleichende Messungen der Innen- und Außenabmessungen sofort entdeckt wurde, war der Schlafstall so eng gehalten, dass dicke Menschen Mühe hatten sich zwischen die Wände zu quetschen. An Liegen war nicht zu denken, wenn, dann musste man im Stehen schlafen. Zu Anfang gab es Entlüftungsrohre, die oberhalb des Daches mündeten. Seit einiger Zeit wurden an viel frequentierten Grenzübergängen Holzgerüste errichtet, auf denen Hunde liefen, die an den Mündungen der Entlüftungsrohre schnüffelten und sofort Laut gaben. Die Rohre wurden daraufhin beseitigt oder zugeschweißt. Der Gestank im Schlafstall wurde ungeheuerlich. Frischluft gab es nur noch an den Haltepunkten, wenn die Verbindungsklappe zur Fahrerkabine geöffnet werden konnte, und die blinden Passagiere sich mühsam durch das Loch zwängten.

Da sich die Fahrer selten durch Mitleid und Humanität auszeichneten, hatte es sogar schon Fälle gegeben, dass im Schlafstall Menschen verdurstet waren; es gab während der Fahrt keine Möglichkeit, Kontakt mit Fahrer oder Beifahrer aufzunehmen. Die Verhältnisse waren bekannt, trotzdem gab es immer mehr Bewerber für solche Marterfahrten als Plätze in den Lkws. Ilja, der sich auf dem Balkan auskannte und mehrere Sprachen sprach, hatte sich deswegen für eine andere Art entschieden. Große Streckenteile legte er mit Bahn, Bus oder per Anhalter zurück und ließ sich nur an vorher vereinbarten Punkten aufnehmen, um im Schlafstall über die Grenzen gebracht zu werden oder bekannte Kontrollstellen zu umgehen. Danach zog er auf eigene Faust weiter.

Als sich die Klappe zwischen Fahrerkabine und Schlafstall schloss, verspürte er einen eisernen Ring um seine Brust.

Zehn Minuten später erkannte er die typischen Rollgeräusche und -bewegungen des Lasters auf der Brücke. Zehn Minuten später hielt der Laster auf einem Parkplatz vor der Stadtgrenze von Ruse.

Peshco wartete schon auf ihn: "Alles gut gegangen?"

"Ja. Und bei dir?"

"Auch alles glatt gegangen." Peshco war gelernter Graveur und Kupferstecher; in Bulgarien, ehemals die Druckerei des Ostblocks, konnte man auch heute noch alle Fälschungen bestellen, die man so brauchte. Ilja hatte ein ganzes Heft mit Bestellungen mitgebracht und würde die fertig gedruckten Dokumente mit zurücknehmen, wenn er sich auf den Rückweg nach Marseille machte - vorausgesetzt natürlich, der Mordfall Alberti war zu den Akten gelegt. Daran arbeitete die Familie Peczkoff schon, mit echten Euros und phantastisch gefälschten Dollars.

05

Eine bedrückend lange Minute war nur das schwere, keuchende Atmen der grauhaarigen Frau zu vernehmen, die neben der Stahltür an der Kellerwand lehnte und den Blick nicht von dem Körper des Mannes wenden konnte, der da an einem Strick hing. Seine Schuhe pendelten zwanzig oder dreißig Zentimeter über dem Boden, auf dem umgekippte Kartons und Kisten lagen. Auch die drei Kriminalbeamten standen regungslos und schauten auf den Erhängten, doch in der Zeit memorierten sie lautlos die Liste der Einzelheiten, die sie jetzt beachten und sich merken mussten. Der Mann hatte augenscheinlich mehrere stabile Kartons und Kisten übereinandergestellt und war dann auf den obersten gestiegen, hatte einen festen Strick um ein Rohr unter der Decke gelegt und verknotet. Das andere Ende hatte er sich mit einer Schlinge, die aus der Entfernung sehr an einen Henkersknoten erinnerte, um den Hals gelegt und musste zum Schluss den Kartonstapel umgestoßen haben. Wenn wirklich alle übereinander gestanden hatten, war er gut zweieinhalb Meter gefallen, bis ihm die Schlinge das Genick brach. Ellen König drehte sich zu den Leuten von der Spurensicherung um: "Was schätzen Sie, wie hoch ist der Keller?"

"Pi mal Daumen, drei Meter fünfzig, Frau Hauptkommissarin?" antwortete Körner ohne Zögern.

"Solche Paläste werden heute nicht mehr gebaut."

"Nein, der Bau stammt aus dem Jahr 1911."

"Woher wissen Sie?"

"Über der Haustür ist eine Art Wappen mit der Jahreszahl eingemauert."

"Okay, bitte genau ausmessen. Vor allem die Fallhöhe."

"Geht in Ordnung."

"Dann mal los."

Der Fotograf begann mit seiner Arbeit. Der Zeichner spannte einen Bogen auf sein Klemmbrett und rollte das Messband aus. Die Spusi suchte Millimeter für Millimeter den Boden rund um die durcheinanderliegenden Kartons und Kisten ab. Ellen König winkte Arno Brock zu und sie gingen mit der Hausbewohnerin vor die Eisentür in den Korridor.

"Sie kennen den Mann, der sich da erhängt hat?"

"Ja, natürlich. Das ist der Dr. Thomas Schlich. Er wohnte im ersten Stock nach vorne raus."

"Und Sie haben ihn heute Morgen gefunden?"

"Ja, ich wollte in meinen Keller gehen und den großen Koffer holen. Mein Gott, war das ein Schreck. Ich kriege immer noch nicht richtig Luft."

Kriminalkommissar Arno Brock war der jüngste im Team des Referats 11. "Sie haben sich sehr tapfer verhalten und alles richtig gemacht", lobte er und es klang, als tröste er seine Großmutter. Ellen König war schon mehrfach aufgefallen, dass ihr Jüngster ausgesprochen gut mit älteren Menschen umgehen konnte und den richtigen Ton traf. "Frau Born, wann haben Sie denn den Herrn Schlich zum letzten Mal gesehen?"

"Wann? Am Montag. Am Montagabend, da ist er mit seiner Freundin nach Hause gekommen."

"Es wäre ganz toll, wenn Sie nun auch noch wüssten, wer diese Freundin ist?"

Die Grauhaarige lachte lautlos auf. "Und ob ich das weiß. Schließlich unterrichtet sie meine Enkelin in Französisch, am Gertrud-Bäumer-Gymnasium."

"Die Welt ist doch manchmal sehr klein", staunte Brock und Mathilde Born lächelte geschmeichelt, als sei das ihr Verdienst.

"Dann wissen Sie doch bestimmt auch, was Dr. Schlich arbeitet?"

"Ja, er arbeitet beim Verlag Köhler und Moll. Wenn er nicht im Landtag ist."

"Entschuldigung, das verstehe ich nicht; wenn er nicht im Landtag ist - was heißt das?"

"Er ist doch Abgeordneter im Landtag, habe ich das noch nicht gesagt?"

"Nein, liebe Frau Born, das wollten Sie uns bestimmt verschweigen." Brock lächelte sie an und sie zwinkerte ihm zu.