Ein Kreuz im Leben - Frederik Röhrs - E-Book

Ein Kreuz im Leben E-Book

Frederik Röhrs

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Beschreibung

Hier war er aufgewachsen und hier wird er wohl immer bleiben. Selbst an den muffigen Clubraum hatte er sich inzwischen gewöhnt. Doch an die Niederlagen gegen Timo wird das nie der Fall sein. Vielleicht war er einfach zu vertieft in seine Gedanken und hat nicht gesehen, was all die Zeit direkt vor ihm lag. Es war mehr als der ewige Beton. Ja, alles im Leben ist eine Schatzsuche. Zwangsläufig wird jeder von uns sein rotes Kreuz auf der Karte finden. Dann müssen wir bereit sein, zu der Schaufel zu greifen und anfangen zu graben. Und ich werde bereit sein. Ein Abenteuer, das zeigt, dass man seine Wurzeln zurücklassen kann. Ohne Plan, aber mit einer Karte in der Hand, liegt einem die Welt zu Füßen.

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Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Frederik Röhrs

Ein Kreuz im Leben

© 2021 Frederik Röhrs

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-347-22795-8

Hardcover: 978-3-347-22796-5

e-Book: 978-3-347-22797-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Kapitel 1: Wer die Wahrheit sagt

„Es ist echt schön hier.“ Die meisten Menschen, die diesen Satz von mir an diesem Ort zu hören bekommen, runzeln nur mit der Stirn. Ich gebe es zu. Für die meisten Menschen ist das hier nicht der Inbegriff von Schönheit, aber in meinen Augen ist es das Beste, was es gibt. Mein wunderschöner Plattenbau.

Solange ich denken kann, wohne ich hier. Ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen, da war ich nur wenige Tage alt und schon durfte ich die uneingeschränkte Autarkie in diesem monströsen Betonblock genießen. Es war die Freiheit in einem sehr beschränkten Raum. Ich kannte nur noch zwei weitere Mieter in diesem Gebäude: unsere Nachbarn und Timo.

Timo war schon immer mein Freund. Naja, zuerst waren wir Feinde, bis wir Freunde wurden. Ich hatte zu meinem dritten Geburtstag ein Dreirad geschenkt bekommen. Sehr zum Leidwesen meiner Eltern. Immerzu bettelte ich, dass jemand mit mir nach draußen kam, damit ich auf dem Betonplatz vor dem Eingang einige Runden drehen konnte, bevor ich mit roten Backen und verrotzter Nase, aber freudestrahlend von meinen Eltern wieder ins Gebäude getrieben wurde. Wir waren immer solange draußen, wie meine Eltern für eine Zigarette an Zeit brauchten. Das war ein wahrer Pluspunkt meiner Geburt, meine Eltern hörten auf, in der Wohnung zu rauchen. Jetzt hatte ich das Erbe von ihnen übernommen und rauchte in der Wohnung. Meine Eltern waren nicht tot, um Gottes willen. Sie waren noch quicklebendig.

Jetzt aber zurück zum Kern der Geschichte. Timo ist ein Jahr älter als ich. Er wurde halt ein Jahr früher geboren als ich und das sogar auf ein paar Tage ziemlich genau. Sein Vater war irgendwann, als er noch in die Windeln geschissen hat, abgehauen und seine Mutter komplett überfordert mit seinen anderen drei Geschwistern.

Ich glaube, es hatte an jenem Tag geregnet. Ich habe draußen wieder meine Runden auf dem Platz gedreht und Timo saß auf einer Bank, aß irgendwelche Gummibären und sah zu mir herüber. Ich war schon fast fünf und recht groß für mein Alter, trotzdem machte mir das Dreirad noch Riesenspaß. Als ich wieder an Timo vorbeifuhr, streckte er seinen Finger aus und rief: „Guckt mal das Riesenbaby.“ Wir waren die Einzigen, bis auf meinen Vater, der etwas abseits mit jemanden telefonierte. Seine Worte hallten von den kahlen Betonwänden unseres Blocks wider. Und dazu seine Lache, von da an wusste ich, dass das Leben schrecklich war. Ganz besonders Kinder konnten schrecklich sein. Wie sagt man so schön: Kinder und Betrunkene sagen immer die Wahrheit?

Vielleicht gab es einen wahren Kern in der Aussage. Ich war schon ein echtes Riesenbaby. Mit den Knien stieß ich in regelmäßigen Abständen gegen den Lenker und schon nach wenigen Minuten brauchte ich eine Pause, weil meine Knie von den Zusammenstößen schmerzten.

Ich hielt an und sah zu Timo. Er blickte in die Ferne, als würde er mich nicht wahrnehmen, als wäre ich nur heiße Luft für ihn. Er nahm sich noch eine Gummischlange aus der Tüte und sog sie wie eine Spaghetti ein. Tränen schossen mir in die Augen. Ich glaube, Baby war für einen Fünfjährigen schon eine schlimme Beleidigung. Wütend stampfte ich zu ihm herüber und schlug ihm die Tüte aus der Hand. Dann lief ich heulend zu meinem Vater. Ende der Geschichte. Keine Schlägerei unter Kleinwüchsigen. Nichts Nervenaufreibendes. Doch ich fühlte mich mutig. Für wenige Sekunden fühlte ich mich unbesiegbar. Ich hatte es ihm so richtig gezeigt.

Ein paar Tage später klingelte er bei mir und hielt mir seine Tüte mit Gummibärchen hin. Aus Feinden wurden Freunde. Freunde fürs Leben. Ab dann ließ ich das Dreirad auch in der Ecke stehen. Timo hatte etwas Wahres gesagt und es hatte mich schockiert. Ich war vieles, aber bei weitem kein Riesenbaby.

Ich will aber keinen mit öden Kindergeschichten langweilen, so nett sie auch sein mögen. Ich war auch kein Kind mehr. Das Dreirad existiert nicht mehr und ich war auch nicht mehr fünf.

Ich war jetzt siebzehn und stand noch in demselben Zimmer. Und die größte Geschichte meines Lebens sollte dort begingen, wo ich meine Lebenszeit verbracht hatte. In meinem Block.

Im Wohnzimmer oder im Schlafzimmer meiner Schwester, je nachdem, wie man es sehen wollte, dudelte wie jeden Tag der Fernseher. Mein Vater war zuhause und sah fern, während meine Mutter sich am Discounter um die Ecke etwas dazuverdiente. Wir lebten ohne viel Geld. Wir besaßen keine großen Reichtümer, doch das wollten wir auch nicht. Meine Schwester war erst sieben, eine ungewollte Schwangerschaft, wie ich anmerken darf, und sie dürfte es ebenfalls nicht stören. Nach ihrer Geburt wurde es etwas enger in der Wohnung, doch meine Eltern und ich hatten beschlossen, nicht umzuziehen. Ob es an dem Geld lag, hinterfragte ich nie.

Ich stand in meinem Zimmer und blickte auf die Wäscheberge, die mich umgaben. Lüften müsste ich vielleicht auch mal. Meine Gedanken rasten. Wie konnte ich mich nur wieder in diese Situation manövrieren? Das heißeste Mädchen aus unserer Klasse, auf die ich zugegebener Weise noch total abfuhr, wollte heute zu mir kommen. Mir blieben nur noch wenige Stunden etwas Klarschiff zu machen. Es war Schwachsinn. Unser Erdkundelehrer wollte von uns ein Referat. Natürlich hatte er uns zugeteilt. Als ich erfuhr, mit wem ich zusammenarbeiten musste, hätte ich mich am liebsten auf der Toilette eingeschlossen und wäre nie wieder herausgekommen. Timo hatte mir seinen Ellbogen in die Seite gestoßen und anzügliche Bemerkungen gemacht. Ja, Svenja war verdammt heiß. Ja, ich hatte noch nicht viel mit ihr gesprochen. Ja, ich machte mich in ihrer Nähe immer zu einem Deppen. Mein Leben war in dieser Beziehung wie ein schlechter amerikanischer Teenie-Film.

Mein Zimmer war nicht sonderlich groß, aber in diesem Moment bereute ich es leider, es mit der Ordnung nicht allzu genau zu nehmen. Ich wollte gerade die ersten Klamotten mit den Füßen zusammenschieben, als mein Handy auf dem Schreibtisch anfing zu vibrieren und zeitgleich die Türglocke läutete. Kalter Schweiß brach an meinem ganzen Körper aus. Aus dem Wohnzimmer rief mein Vater: „Mach mal die verdammte Tür auf.“

Mein Kopf spielte verrückt. Warum war sie jetzt bereits da? Warum habe ich nicht schon früher aufgeräumt? Ich nahm den Anruf entgegen und ging zur Tür. Timos Stimme dröhnte an meinem Ohr.

„Sorry, ich habe echt keine Zeit, jetzt mit dir zu telefonieren, du weißt ja…“ Weiter kam ich nicht, er würgte mich ab.

„Mach die Tür auf, ich stehe davor, mach dir kein Stress. Ich kenn den Saustall, den du Zimmer nennst.“ Klack. Er hatte das Gespräch beendet.

Mir fiel ein Stein vom Herzen, es war nur Timo, der vor der Tür stand. Mit einem tiefen Seufzer drückte ich die Klinke herunter und öffnete die Tür. Als ich die Augen hob, stand Timo vor mir. Timo und Svenja.

Mir fiel wortwörtlich die Kinnlade herunter. Nicht nur, dass ich mein Zimmer noch nicht aufgeräumt hatte, Timo war jetzt auch noch da. Ich zog die Tür ganz auf. Ich konnte es nicht fassen. Svenja stand vor mir, sie sah mich direkt an. Ihre braunen lockigen Haare fielen über ihre Schultern. Sie sah wie immer umwerfend aus. Meine Hände wurden sofort wieder schweißnass. Die ganze Situation war etwas peinlich. Hilflos beschloss ich erst mal nichts zu sagen.

„Sie stand etwas hilfesuchend unten vor dem Aufzug, als ich gerade reingekommen bin“, erklärte Timo. „Da habe ich sie mit hochgenommen, ich weiß ja, wo du wohnst.“

„Hey“, sagte ich. Mehr fiel mir im Moment nicht ein. Die Hitze stieg mir ins Gesicht. So ein Scheiß. Was sollte ich tun?

Svenja trat ein Schritt auf mich zu. „Hey.“ Der Geruch ihres süßlichen Parfüms umhüllte mich, als sie mich umarmte. Irgendetwas Fruchtiges. Vielleicht Pfirsich, aber eigentlich hatte ich keine Ahnung. Wie gerne ich jetzt die Zeit anhalten würde. Noch nie waren wir uns so nah.

Als sie sich von mir löste, sah Timo mich an und zwinkerte.

„Sorry, dass ich etwas früher gekommen bin. Ich dachte, es wäre nicht schlimm.“ Sie stand etwas unschlüssig vor mir. Aus dem Wohnzimmer konnte ich wieder den Fernseher hören. Ich hoffte, dass mein Vater nicht gerade durch die Tür kam, um sich in der Küche eine neue Dose Bier zu holen.

„Kein Problem.“ Ich kratzte mir etwas unschlüssig am Hinterkopf. „Ich habe ja gesagt, du kannst jederzeit kommen.“ Mein Versuch zu lächeln misslang mir kläglich. Ich möchte nicht wissen, was ich für eine Grimasse gezogen habe.

„So, ich muss dann auch wieder“, meldete sich Timo von hinten. „Ihr wisst schon: Geschäfte und so.“ Er hob die Hand und wandte sich von uns ab. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie ein Lächeln über sein Gesicht huschte, als er uns den Rücken zuwandte.

„Möchtest du nicht reinkommen?“ Ich trat ein Stück zur Seite und gab den Türrahmen frei, damit Svenja in die Wohnung konnte.

Sie schob sich an mir vorbei. Ihre Hand streifte scheinbar ungewollt meinen Bauch. Ich zuckte leicht zurück vor der plötzlichen Berührung. Ihr Blick streifte meinen. Sie zog noch im Gehen ihre Winterjacke aus und reichte sie mir, hielt aber in der Bewegung inne.

„Ne“, sagte sie fast zu sich selbst. „Ich hab da ne bessere Idee.“

Sie zog ihren Arm wieder zurück. Svenja schritt gezielt auf die Tür meines Zimmers zu. Ich stand wie angewurzelt im Flur und sah ihr nach. Sie schob sich durch die Tür. Die Tür fiel ins Schloss. Ich konnte noch hören, wie sie ihren Rucksack abstellte und kurz darauf öffnete sich die Tür wieder. Ihr Blick fiel auf meine Jogginghose.

„Hier, zieh die an.“ Sie warf mir meine Jeans zu und ich fing sie unbeholfen. „Lass uns erst was essen gehen, ich hab irgendwie Hunger.“

Wie gelähmt stand ich vor ihr. In meiner Hand eine Jeans, um meine Beine eine leicht dreckige Jogginghose. Scheinbar hatte der Anblick meines Zimmers ihr nichts ausgemacht. Scheinbar machte ihr die ganze Situation nichts aus. Sie wirkte so cool und schön wie immer. Vielleicht war ich verschossen in sie und sah nur das, was ich sehen wollte.

„Was ist jetzt? Wirds heute noch was?“ Sie hatte ein Lächeln aufgesetzt und trat einen Schritt auf mich zu. „Ich guck dir schon nichts weg.“ Sie schob mir ihren Zeigefinger in den Bauch und ging an mir vorbei in den Flur. Ich zuckte erschrocken zurück. Sie lachte nur. „Ich warte draußen. Denk dran, Frauen lässt man nicht zu lange warten, man weiß nie, was sonst passiert.“

Damit hatte sie recht. In meinem eher kurzen bisherigen Leben habe ich viele Chancen vergeben, weil ich einfach zu lange gewartet hatte. Also zog ich meine Hose aus, schleuderte sie gegen meine Zimmertür, schlüpfte in die Jeans und schnappte mir meine Jacke.

Ich schloss noch meinen Gürtel, als ich die Wohnungstür hinter mir zuzog. Svenja kicherte, dabei hielt sie sich eine Hand vor den Mund. „Ok, das war wirklich schnell, damit hab ich nicht gerechnet. Wo gehts hin?“

„Äh.“ Verdammt, was war ich nur so unschlüssig. „Hast du ne Idee?“

„Wow, du kannst doch einfach den Ball nicht zurückspielen, ich hab zuerst gefragt. Außerdem, wer von uns wohnt hier?“ Sie hob ihren Zeigefinger und richtete ihn auf mich. „Ein kleiner Tipp, ich nicht.“

Wir strebten auf den Aufzug zu. Im Flur wehten die verschiedensten kulinarischen Gerüche durcheinander. Eine der Neonröhren über unseren Köpfen flackerte. Ich drückte auf den Aufzugknopf. Svenja nickte.

„Wer schneller ist“, rief sie und rannte zur Treppe. Sie drückte die Tür auf. Mit einem lauten Knall fiel sie hinter ihr zu, dann war es still auf dem Flur. Kurz fragte ich mich, ob ich alles nur geträumt hatte. Es war irgendwie unwirklich. Svenja hatte wirklich mit mir gesprochen, sie war wirklich hier. Das Rauschen des Fahrstuhls drang leise durch die geschlossenen Eisentüren.

Mit einem Klicken gingen die Aufzugtüren auf. Im Treppenhaus konnte ich das Zuschlagen von einer der Brandschutztüren hören. Ich stieg ein und drückte auf den Knopf für das Erdgeschoss. Die Wände waren ausnahmslos beschmiert. Es roch nach Erbrochenen. Leicht säuerlich. Aber all das gehörte mit dazu. Ohne die Schmierereien, ohne den Geruch, es würde etwas fehlen, da war ich mir ziemlich sicher.

Es spielte keine Musik im Aufzug, während er runterfuhr. Warum auch. Das hier war kein Film und auch kein Aufzug, in dem man Musik erwartete. Ein Ruck erschütterte die gesamte Kabine und der Fahrstuhl blieb stehen. Der Knopf für das Erdgeschoss blinkte. Nach einem kurzen Piepton schoben sich die Türen geräuschvoll auf. Svenja stand vor der Tür, eine Haarsträhne war ihr ins Gesicht gerutscht, die sie mit einer flüssigen Bewegung wieder hinter ihr Ohr schob.

Wie oft hatte ich mir vorgestellt, dass am Ende des Fahrstuhls einer auf mich wartete. Ok, noch nie. Aber dass Svenja vor mir stand, hatte schon etwas Magisches. Es war unwirklich, nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich damit gerechnet. Ihre Wangen waren leicht gerötet, aber ansonsten deutete nichts darauf hin, dass sie soeben mehrere Stockwerke die Treppe heruntergerannt war.

„Erster“, rief sie begeistert aus. Sie griff nach meiner Hand und zog mich aus der kleinen muffigen Kabine. Ihre Berührung hatte etwas Elektrisches. Kleine Stromstöße schossen durch meinen Körper und verwirbelten meine Gedanken. Schließlich war auch unheimlich in sie verschossen.

Wir waren seit fast zwei Jahren in einer Klasse. Keine Ahnung, wie viele Stunden ich sie unbemerkt im Unterricht beobachtet hatte. Sie war immer unerreichbar für mich. Sie war schön, schrieb nur gute Noten und die Lehrer sagten nichts, wenn sie sich querstellte. Sie war komplett ab der Norm und doch normaler als ich. Außerdem wohnte sie nicht in einem der Blöcke vor der Stadt. Ihre Eltern hatten, soweit ich wusste, ein eigenes Haus. Eins mit einem richtigen Garten.

Obwohl sie wegen eines Referats bei mir war, dachte ich nicht einen Moment an unser Schulprojekt, während sich ihre Finger langsam um meine schlossen. Wer konnte in diesem Augenblick an etwas anderes Denken als an dieses Mädchen? Kein Kerl, den ich kannte.

„Du hast ganz klar das Wettrennen gegen mich verloren, da helfen auch keine Widerworte.“ Sie drückte die Tür nach draußen auf. Sofort wehte ein kalter Wind uns entgegen. „Deshalb, als Strafe so zu sagen, musst du mich jetzt auf ein Getränk einladen. Du zahlst. Das ist nur gerecht.“

Ich stammelte ein paar unverständliche Worte. Was sollte ich jetzt sagen? Hinter mir knallte die Tür zu meinem Wohnblock zu. Wie ein Gewehrschuss hallte der Knall von den kahlen Wänden des Betonmonstrums wider.

Sie stieß mich mit ihrem Ellbogen an. Ich lief beinahe in sie hinein, als sie plötzlich vor mir stehen blieb. „Keine Angst, ich beiße nicht, du kannst ruhig mit mir reden.“ Wieder lächelte ihr zuckersüßes Lächeln und was passierte mit mir? Mir schoss die Schamesröte ins Gesicht. Sie lachte. „Oh Mann, du bist irgendwie süß. Komm wir gehen was trinken, nach dem Treppenlauf hab ich Durst bekommen und du zahlst, da schmecken die Getränke noch mal besser.“

Sie ging wieder los. Als ich mich nicht von der Stelle bewegt und beschämt zu Boden blickte, drehte sich Svenja zu mir um. „Hey, das braucht dir nicht peinlich sein. Ich hab schon ganz andere Typen gesehen, die sprachlos waren, als sie mir plötzlich gegenüberstanden. Ich bin nicht von mir selbst überzeugt, aber diese Typen sind es. Und wenn ich sie dann anschaue, ziehen sie ihren Schwanz ein und werden ganz kleinlaut. Ich sage nur die Wahrheit. Lügen find ich doof.“

Kapitel 2: Von Träumen und Zielen

Wir saßen uns schweigend gegenüber. Svenja hatte ein Café gefunden, wo sie hinwollte. Jetzt trank sie ihren Milchshake durch den Strohhalm. Ich sah auf die Blasen, die in meiner Cola aufstiegen. Über was sollte ich mit ihr reden? Ihr neugieriger Blick lag auf mir.

Sie löste ihre Lippen von dem Strohhalm und befeuchtete sie mit der Zunge. Ich wollte sie nicht anstarren, aber weggucken konnte ich auch nicht. „Nicht so schüchtern. Erzähl mal was von dir.“ Interesse lag in ihrem Blick, als sie mich musterte. Ein Funkeln lag in ihren Augen. War es Neugier oder bildete ich mir das Ganze nur ein?

Ich trank einen Schluck von der Cola, um den Moment, in dem ich was sagen musste, noch etwas hinaus zu zögern. Sie schmeckte außergewöhnlich sauer. Mein Hals schnürte sich zu. Ich fühlte mich total fehl am Platze. Worüber sollte ich bloß reden? Mein Hirn schaltete sich ab und mein Mund fing an zu reden.

„Also für das Schulprojekt.“ Innerlich gab ich mir unzählige Backpfeifen.

Svenja unterbrach mich schnell. Sie lachte lauthals. „Nein, das ist mir ziemlich scheißegal und wie ich den Eindruck habe, dir auch.“ Sie schüttelte lächelnd den Kopf. Scheinbar gab sie mir noch eine zweite Chance.

„Erzähl was über dich“, forderte sie mich ein weiteres Mal auf. „Schließlich kenn ich dich nicht. Du bist in der Schule immer so still. Ab und zu wirfst du mir nur einen Blick zu, wenn du gerade denkst, ich würde nicht darauf achten. Wir sind jetzt schon bald zwei Jahre in einer Klasse und haben noch nie so viele Worte gewechselt wie heute.“

Ich kratzte mir verlegen am Hinterkopf. „Naja, ich dachte immer… Wir hatten ja nie sonderlich viel miteinander zu tun.“

„Jetzt sitzen wir aber hier.“ Sie machte eine Pause und schwenkte ihren Strohhalm vor meinem Gesicht herum. „Was ist dein Ziel im Leben? Stell dir vor, du bist später ein alter Sack und du blickst zurück auf dein Leben, was möchtest du gerne geschafft haben? Sag es jetzt einfach frei heraus.“

„Weiß ich nicht, da hab ich mir noch nie Gedanken drüber gemacht. Also ich würde gerne einen Schulabschlu…“

„Falsche Antwort. Das ist langweilig. Jetzt aber wirklich allerletzte Chance, Cap.“

„Wer ist Cap?“

„Na du. Ist doch offensichtlich. Brauchst dich auch nicht versuchen herauszureden. Ich habe ein gutes Gedächtnis. Woran denkst du gerade?“

„Ich möchte verreisen. An die möglichst seltsamsten Orte der Welt.“

Svenjas Miene hellte sich deutlich auf. Sie applaudierte. Die wenigen Kunden im Café drehten sich zu uns um. Ich hob entschuldigend die Hand. „Ja, das ist ein schönes Ziel. Man sollte seine Ziele erreichen, solange man noch jung ist. Später kommt einem zu viel dazwischen, da heißt es nur noch hätte ich mal. Also warum nicht heute starten deine Träume zu verwirklichen?“

Sie kramte einen zerknitterten Geldschein aus ihrer Jackentasche, knallte ihn auf den Tisch, schnappte sich ihre Jacke und rannte an der verdutzten Kellnerin vorbei aus dem Laden.

„Rest ist für Sie“, rief Svenja ihr noch zu. Erst als die Tür zufiel, hatte ich auch mein Geld herumgekramt und legte es auf den Tisch. Mit einem Schulterzucken verließ auch ich das Café. Svenja wartete schon draußen auf mich. Sie sah mich mit leuchtenden Augen an. Scheinbar hatte sie vergessen, dass ich sie einladen sollte.

„Ich hab mir, als ich kleiner war, also vor zwei Jahren, eine Liste mit den Dingen geschrieben, die ich erreichen will, und heute ist der richtige Zeitpunkt damit anzufangen.“

„Warum?“, fragte ich. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke zu.

Sie machte einen Schritt auf mich zu. Ihr Atem roch leicht nach Schokolade. Ihre kalten Hände legten sich um mein Gesicht. Sie zog meinen Kopf zu ihr. Ihre Lippen legten sich auf meine. Sie küsste mich. Ein richtiger Kuss. Mein Herz begann zu rasen. So schnell es begonnen hatte, war es aber auch schon wieder vorbei. Sie sah mich an und kicherte.

„Einfach so.“ Sie wandte sich ab und ging los.

Ich stand ein weiteres Mal an diesem Tag verdutzt da. War das gerade wirklich passiert? Svenja hatte mich geküsst! Kein Kuss auf die Wange. Nein, ein richtiger Kuss auf die Lippen. Ich rappelte mich auf und folgte ihr.

„Ich habe aber ein paar Regeln aufgestellt.“ Ich hatte sie gerade eingeholt, als sie anfing zu sprechen. „Wir sind Partner, Reisepartner. Mehr nicht.“

„Aber, was war mit dem Kuss“, erwiderte ich.

„War nur neugierig.“

Ich wollte nicht behaupten, dass etwas in meinem Inneren zerbrach, aber plötzlich fühlte ich mich leer. Das Hochgefühl, das in mir aufgekommen war, verwelkte wie eine trockene Blume.

„Also“, fuhr sie ungerührt fort. „Wir scheißen auf die Schule und erleben diesen Sommer mal so richtig was. Wie viel Geld hast du dabei?“

„Nur ein paar Münzen.“ Ich wusste gar nicht, warum ich mir Hoffnung gemacht hatte. Sie war unerreichbar. Ich befahl meinem Kopf nicht mehr daran zu denken.

Ich hatte echt nicht mehr viel Geld. Ich bekam nur etwas Taschengeld. Das meiste versuchte ich, soweit es ging zu sparen. Ich wollte mir irgendwann mein eigenes Auto kaufen. Das war mein Ziel. Und im Moment hatte ich wirklich nicht viel Geld dabei. Ich saß ziemlich auf dem Trockenen. Meine Schwester hatte letzten Monat Geburtstag gehabt, deswegen fiel das Taschengeld bei der letzten Übergabe etwas magerer aus als sonst. Ich beschloss für zwei warme Mahlzeiten und ein Zugticket sollte es reichen.

„Ich hab auch noch etwas, wir gucken mal, wie weit wir kommen. Erst mal müssen wir aus dieser verfluchten Stadt raus. Sie schränkt mich ein. Hier ist alles trist und öde. Pass auf.“ Sie drehte sich um und schlug mir freundschaftlich auf die Schulter. „Wir sammeln alles Geld zusammen, dass wir bei uns zuhause finden können, packen einen kleinen Rucksack mit Proviant und dann treffen wir uns heute Nacht Punkt 12 Uhr vor dem Freibad, ok? Ich möchte, dass du mit mir kommst. Scheiß auf die Schule, scheiß auf unsere Eltern, wir erfüllen unsere Träume. Und wehe, du lässt mich heute hängen, ich weiß, wo du wohnst.“

Sie wandte sich von mir ab, drehte sich im Weggehen noch mal um, bring auch meinen Rucksack mit, den ich bei dir gelassen hab. Wehe du kneifst.“

Sie verschwand langsam und ich sah ihr hinterher. Es war real, aber viel zu unwirklich. Ich schüttelte den Kopf. Innerlich lächelte ich, auch wenn ich von außen einen schockierten Eindruck machte. Was war hier gerade passiert?

Ich rannte zu unserem Block. Gehen war für mich zu langsam. Die Zeit tickte. Mir wurde bewusst, wie unaufhaltsam die Zeit lief. Sie rann wie Wasser durch meine Finger. Komplett ungreifbar. Ich rannte die Treppe hoch und hämmerte bei Timo an die Tür. Wie ein kleines Kind, das dringend aufs Klo musste, hüpfte ich vor der Tür auf und ab, bis Timo endlich die Tür für mich öffnete. Ich sprang mit einem großen Satz in die Wohnung.

„Ich muss dir was erzählen“, rief ich aus. „Du glaubst nicht, was mir passiert ist.“ Ich schüttelte den Kopf. Mein Herz pochte. Es drohte aus meiner Brust zu springen. Vor meinem inneren Auge sah ich es. Mein Brustkorb riss auf und mein Herz wurde sichtbar, wie es sich dehnte und wieder zusammenzog. Ich lehnte mich an den Türrahmen und versuchte zu Atem zu kommen. Trotz vieler Bemühungen war ich nie sportlich gewesen. Ich habe viele Jahre mehr schlecht als recht Fußball gespielt, gehe regelmäßig joggen und trotzdem ist meine Kondition unterirdisch. Als würde mein Körper Antikörper entwickeln, die mich davon abhalten Kondition aufzubauen.

„Du hast dich eben mit Svenja getroffen und sie hat dich geküsst. Jetzt bist du komplett von den Socken und heute Abend wollt ihr gemeinsam auf große Reise gehen. Ihr wollt diesen Sommer mal was richtig Abgefahrenes erleben, habe ich recht?“

Es war nicht Timos Stimme. Sie war viel zu hoch. Es war die Stimme einer Frau. Ich kannte diese Stimme. Meine Augen bewegten sich langsam vom Teppich nach oben. Timo stand nicht vor mir. Er hatte auch nicht mit mir gesprochen. Es war Svenja. Sie lächelte mich an. Nein, sie lächelte nicht, sie lachte. Sie lachte und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Mein Gesicht brannte, ich konnte mir denken, wie rot ich geworden bin. Für immer zu verschwinden wäre erneut eine gute Wahl gewesen. Doch leider war es nicht so leicht. Ich schämte mich.

„Du hättest dein Gesicht sehen müssen.“ Svenja machte einen Schritt auf mich zu. Wie war sie so schnell hierhergekommen? Sie war in die völlig falsche Richtung gelaufen. Stand ich doch länger dumm in der Gegend herum als ich vermutetet hatte? „Ich hatte schon vor unserem Gespräch alles Nötige vorbereitet, ich hatte mir schon gedacht, dass du nicht ablehnen würdest. Wie schon gesagt, ich habe mitbekommen, welche Blicke du mir in der Schule zu wirst. Und innerlich wusste ich, du bist ein kleiner Rebell.“ Sie tippte mir mit dem Zeigefinger auf die Brust. Instinktiv wich ich einen kleinen Schritt zurück. Eine Gänsehaut breitete sich auf meiner Haut aus. Meine Wangen glühten noch immer. „Und ganz tief in dir drinnen, weißt du es auch.“

Timo kam aus seinem Zimmer und stellte sich zu uns in den Flur. Auch er hatte gelacht, das konnte ich an seinem Grinsen sehen. Er grinste mich nur an und stand da. Svenja beachtete ihn nicht weiter. Sie hatte mich fixiert und wartete erneut darauf, dass ich etwas sagte.

„Also.“ Ich trat unentschlossen auf einer Stelle herum. Meine Gedanken rasten. Warum hatte ich nicht mit dem Reden gewartet? Sonst hielt ich mich doch auch eher zurück. „Da hast du wohl den Nagel auf den Kopf getroffen. Besser hätte ich es auch nicht zusammenfassen können.“ Ich machte eine kurze Pause und sah hilfesuchend zu Timo. Von ihm konnte ich leider keine Hilfe erwarten, er versuchte gerade nicht erneut einer Lachattacke zum Opfer zu fallen.

„Also, was hast du jetzt vor?“, fragte Svenja mich.

„Naja, ich wollte eben mit Timo sprechen und dann schnell meine Sachen packen. Vielleicht meinen Eltern noch einen Brief schreiben, dass sie sich keine Sorgen machen sollen und ihnen sagen, dass ich mich regelmäßig melden werde.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich hab so was noch nie gemacht.“

„Dann komm mit.“

Sie zog mich an der Hand aus Timos Wohnung. Er rief uns noch etwas hinterher, doch seine Worte verloren sich im Echo unserer Schritte. Wir folgten dem Gewirr aus Korridoren und Treppen, in dem ich mich heimisch fühlte. Jede Ecke kannte ich wie meine Westentasche. Ich war mit jeder flackerten Lampe vertraut und wusste, welche Fliesen am Boden gesplittert waren. Doch alles hier wirkte verändert. Nein, hier war alles beim Alten. Ich war verändert. Schon die kurze Begegnung mit Svenja hatte mich verändert. Svenja, die mit ihren Eltern in einem eigenen Haus lebte. Die für mich immer so unerreichbar schien. Sie hatte mit mir gesprochen und jetzt zog sie mich durch meine eigene Heimat. Ich wartete auf den Moment, in dem ich in meinem Bett aufwachen würde und alles nur ein Traum war. Ich fürchtete mich vor dem Zeitpunkt der Erkenntnis, an dem die Freude der Ernüchterung wich.

Doch er kam nicht.

Svenja bremste abrupt vor meiner Wohnungstür ab. Ich schlitterte noch in sie hinein, so versunken in meine Gedanken war ich. Sie konnte die Wucht des Aufpralls nicht abfangen und wir beide gingen zu Boden.

Verknotet lagen wir dort, ich war ihr nahe. Nur wenige Zentimeter trennten unsere Gesichter. Ich konnte die feinen Sommersprossen sehen, die auf ihrem Gesicht verteilt waren. Ich konnte jede Einzelne ihrer Wimpern sehen. Egal wie schnell die Zeit vorhin gerannt war, jetzt stand sie still. Aus einem Augenblick wurde eine Ewigkeit. Eine Erinnerung, die ich für immer bewahren würde. Svenja lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Ihr Gesicht bewegte sich langsam in meine Richtung. Ihre Augen schlossen sich. Jetzt würde ich bereit sein. Für diesen Kuss war ich gewappnet. Ich würde mich nicht noch mal überraschen lassen. Ich schloss meine Augen, machte mich bereit.

Doch unsere Lippen berührten sich nie. Stattdessen flüsterte sie mir etwas ins Ohr.

„Langsam wirst du leider etwas schwer und es gibt auch deutlich bequemere Ort, um einfach nur herumzuliegen.“

Noch nie hatte ich mich so schnell aufgerappelt und war vom Boden aufgesprungen. Ich stotterte eine Entschuldigung und half Svenja beim Aufstehen. Sie ließ meine Hand nicht sofort los, sondern zog mich zu ihr. Sie umarmte mich und wieder spürte ich ihren warmen Atem an meinem Ohr.

„Damit will ich aber nicht sagen, dass es mir nicht gefallen hat.“ Sie grinste und ließ mich los. Dabei streifte ihr Arm erneut meinen Bauch. Ich seufzte. „Jetzt schließe uns aber bitte die Tür auf, bevor die Nachbarn noch Fragen stellen.“

Mit zitternden Händen suchte ich den Schlüssel in meiner Hose. Beinahe fiel er mir zu Boden, doch zum Glück bekam ich ihn noch zu greifen, bevor er mit einem lauten Klimpern auf die Fliesen traf. Lautlos wie immer schwang die Tür vor uns auf. Aus dem Wohnzimmer hörte ich den Fernseher. Hier hatte sich nichts getan. Ich hielt einen Finger an meine Lippen und deutete Svenja leise zu sein. Sie nickte knapp.

Wir zogen unsere Schuhe aus und verschwanden ohne ein weiteres Geräusch in mein Zimmer. Erst jetzt fiel mir ihr Rucksack auf, den sie vorhin in mein Zimmer gestellt hatte. Sie hatte schon alles vorbereitet. Jetzt nahm sie sich die Zeit sich noch mal genauer in meinem Zimmer umsehen. Mit einer mir unbekannten Selbstverständlichkeit musterte sie jeden Winkel meines kleinen Zimmers. Betrachtete jeden Kleiderhaufen, jeden Buchrücken und grinste, als sie die Poster an meiner Wand erblickte.

„Hätte nicht erwartet, bei dir irgendwelche Poster an der Wand zu sehen.“

Ich zuckte nur mit den Schultern. Es war mir peinlich, dass mein Zimmer nicht aufgeräumt war. War es eigentlich nie, und bis jetzt hatte es mich auch noch nicht sonderlich gestört. Bis jetzt.

„Und dann noch von so ner geilen Band.“ Timo hatte mir vor ein paar Jahren ein Bandposter von unserer absoluten Lieblingsrockband zum Geburtstag geschenkt. Sofort habe ich es mit Klebestreifen über mein Bett gehängt. Es war unser großer Traum diese Band irgendwann mal Live zu sehen. „Die feiere ich, du hast einen sehr guten Geschmack“, fuhr Svenja ungerührt fort. Sofort entspannte ich mich etwas. Die Unordnung schien ihr nicht so viel wie befürchtet auszumachen.

Aus einem meiner Stapel zog sie eines meiner T-Shirts hervor. Sie roch dran und nickte knapp. „Das ist jetzt meins.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, zog sie ihr Eigenes aus und warf es mir zu. Sie stand mir im BH gegenüber und lachte. „Hier, ein Tauschgeschäft, du kannst auch meins behalten. Aber nicht einsauen.“ Mit diesen Worten zog sie sich mein Shirt über den Kopf. Es war ihr etwas zu groß, aber was sollte ich sagen, es stand ihr. Ich sagte sowieso nicht so viel. Ich stand nur da und beobachtete sie. Mit jeder verstreichenden Minute wurde sie für mich zu einem immer größer werdenden Rätsel. Über die Jahre hatte ich sie komplett falsch eingeschätzt. Vielleicht spielte sie auch nur mit mir. Aber eins war sicher, ich war stolz, dass sie mit mir redete. Wie viele Stunden habe ich von dem Tag geträumt, an dem sie etwas zu mir sagt. Die Vorstellung eines kleinen Kindes. Doch jetzt waren sie war geworden. Svenja stand vor mir, redete mit mir und war in meinem Zimmer.

„Willst du da noch länger rumstehen oder auch bald mit dem Packen anfangen? Wie das hier aussieht, brauchst du auch etwas länger. Ich sag dir eins, lass dich bloß nicht von mir stören. Ich bin nur da, um Kommentare abzugeben, während du einen Rucksack packst.“ Sie lächelte mich zuckersüß an und ließ sich auf mein Bett fallen. „Also Cap, los geht’s.“

Da war es wieder das Cap. Es gefiel mir, dass sie einen Spitznamen für mich hatte, doch es wirkte im Ganzen sehr sarkastisch. Ich bin noch nie gut gewesen in diesem zwischenmenschlichen Ding. Das war vielleicht auch der Grund, warum Timo mein einziger echter Freund war. Ich sprach zwar auch mit den anderen in der Schule, aber ich wurde nie so richtig warm mit denen. Vielleicht hielten die mich auch alle für einen Freak, weil ich so wenig sagte. Auf alle Fälle gab es vorher nicht viele Leute, die sich einen Spitznamen für mich ausgedacht hatten. Und je länger ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir Cap auch.

Svenja bückte sich und hob meinen Rucksack vom Boden auf. Mit einer schwungvollen Bewegung warf sie ihn mir zu. Er vollführte in der Luft einige Drehungen, dabei rutschte eine einsame Socke aus dem großen Fach, die irgendwie den Weg dorthin gefunden hatte und segelte gemächlich zu Boden. Ein kunstvoller Griff genügte und ich griff den Rucksack aus der Luft. Das war zumindest in meiner Vorstellung so. Aber in Wirklichkeit griff ich panisch um mich und versuchte den Rucksack aus der Luft zu fangen. Es muss ausgesehen haben, als würde ich versuchen, einen Schwarm Fliegen zu verscheuchen.

Ich drehte ihn um, bis auf die einsame Socke, die schon herausgefallen war, war der Rucksack leer gewesen. Ich suchte ein paar Klamotten vom Boden zusammen und stopfte sie in den Rucksack. Als Svenja gerade wegsah, fanden noch ein Buch, ein Stift und ein Radiergummi den Weg zu meinen anderen Sachen. Ich wollte jeden Tag unserer Reise, egal wohin sie uns verschlagen sollte, aufzeichnen. Schriftlich festhalten, sodass ich sie in Erinnerung halten konnte. Ich schnappte mir noch eine Packung Streichhölzer vom Schreibtisch und kratzte mein letztes Geld zusammen, dass ich in meinem Zimmer finden konnte.

Nach etwa einer halben Stunde hatte ich alles zusammen, von dem ich ausging, dass ich es gebrauchen könnte. Svenja war die Zeit über recht ruhig gewesen. Ab und zu hatte sie mich gefragt, ob ich das wirklich brauchen würde. Meine Antwort war immer nur „Ich weiß ja nicht, was kommt“ gewesen. Schulterzuckend hatte sie sich wieder aufs Bett gelegt. Am Ende hatte ich Mühe, den Rucksack überhaupt zu verschließen, also packte noch ein paar Kleinigkeiten aus.

„Meinetwegen können wir.“ Ich stellte den Rucksack zu Svenjas und sah sie erwartungsvoll an. Sie regte sich nicht. Sie machte keine Anstalten aufzuspringen und loszugehen.

Kapitel 3: Rückblickend lässt sich einiges sagen…

Wir saßen wieder in dem heruntergerocktem Jugendclub. Clubhaus, welch ironischer Begriff für diesen Raum. Es war ein kleiner Kellerraum mit dämmrigem Licht, der andauernd feucht roch. Aus den Sofapolstern quoll der gelbe Schaumstoff hervor. Die Sofas standen bereits an ihren Plätzen, bevor wir diesen Raum für uns beansprucht hatten. Ein blaues und ein rotes. Beide waren durchgesessen und ausgeblichen, doch das war uns egal. Hauptsache, wir hatten einen Rückzugsort. Der Keller lag direkt unter unserem Block. Wie das ganze Gebäude aus Beton gegossen. Die Wände waren notdürftig mit weißer Farbe übermalt. Feuchtigkeit und die Zeit hatten ihr allerdings stark zugesetzt. In großen Teilen blätterte sie von den Wänden ab und blieb ungeachtet am Boden liegen.

Timo saß mir gegenüber auf dem blauen Sofa. Gerade hatten wir eine Runde Billard beendet. Eine kurze Runde. Schon bei meinem dritten Schlag habe ich die schwarze Kugel in einem Loch versenkt. Es war überhaupt nicht mein Tag. Wir hatten uns gleich nach der Schule hier ins Klubhaus zurückgezogen und waren wie sonst auch üblich allein. Nur manchmal kam es dazu, dass einige junge Grundschüler hier unten rumhingen und sich gegenseitig prügelten. Meistens verschwanden sie aber, wenn wir den Raum betraten. Wir sind halt älter.

Ich hatte den Queue in die Ecke geworfen und mich frustriert aufs Sofa geworfen.

„Das ist doch alles Kacke“, stöhnte ich. „Wie bin ich bloß wieder in eine solche Situation gerutscht? Immer muss mir so was passieren. Warum muss ich mit ihr zusammenarbeiten? Du weißt doch genau, dass ich das nicht kann.“

„Stimmt, du starrst dann die ganze Zeit auf ihre Titten und sabberst rum.“ Timo warf mir die weiße Kugel zu und lachte. „Mann, jetzt klär sie dir doch endlich, versuch es zumindest, dann hat dieses Rumgejammer auch endlich ein Ende und ich habe wieder einen würdigen Gegner beim Billard. Das geht schon viel zu lange.“

In der Schule wurden gerade die Gruppeneinteilungen für die Referate bekannt gegeben. Ich durfte mit Svenja zusammenarbeiten. Die Svenja, die ich schon viel zu lange anhimmelte. Das Thema wusste ich nicht mehr, ich hatte nur mit einem Ohr zugehört. Erst als sie am Ende der Stunde an meinen Tisch getreten war, habe ich meine Aufmerksamkeit draußen von den Bäumen zu ihr gelenkt. Vorher hatte sie noch nie mit mir gesprochen.

„Hey, scheinbar sind wir jetzt Partner.“

Ich glotzte sie nur an. Ich konnte kein Wort sagen. Sie war es wirklich. Tränen traten mir in die Augen. Ich hatte sie weit aufgerissen und langsam wurden sie trocken. Kaum merklich schüttelte ich den Kopf. Es musste ein Traum gewesen sein, dessen war ich mir sicher.

„Also was hältst du davon, wenn wir uns mal treffen und alles durchsprechen, wie wir das machen wollen? Was hältst du so von Mittwoch nach der Schule?“

Immer noch brachte ich kein Wort heraus. Mein Kiefer wollte sich kein Stück bewegen. Meine Zähne waren wie zusammengeklebt. Endlich konnte ich meinen Kopf dazu bringen zu nicken.

Svenja lächelte. Das Lächeln haute mich fast vom Stuhl. „Super, dann komme ich zu dir.“ Und sie verschwand. Zurück blieb nur die weiche Note ihres Parfüms und ich, der mit knallrotem Kopf langsam vom Stuhl rutschte. Erst jetzt merkte ich, dass ich die ganze Zeit keine luftgeholt hatte. Wie ein Fisch öffnete ich meinen Mund und sog begierig den Sauerstoff ein.

Ich warf die Billardkugel hoch und fing sie wieder. Es war ja nur ein Schulprojekt. Es war kein Date oder so was. Außerdem würde ich nie auch nur den Hauch einer Chance bei ihr haben. Ihre Eltern waren reich oder hatten Geld und meine Eltern nicht so viel. Deswegen wohnten wir hier und sie etwas außerhalb der Stadt in einem ganzen eigenen Haus. Und jetzt wollte sie hierher zu mir kommen. Ich bezweifelte nicht, dass es ihr erstes Mal in dieser Gegend war. Was sollte sie sonst hier auch suchen?

„Wirst schon sehen, das wird ein Selbstgänger. Die erste Stunde versucht ihr noch krampfhaft die Aufgaben zu machen, um dann übereinander herzufallen.“ Mit seinen Händen und andren Körperteilen machte Timo eine Reihe von obszönen Gesten. „Oh ja Svenja.“ Timo lachte.

Ich warf ihn mit der Billardkugel ab. Er wich aus und mit einem Knall schlug sie gegen die Bodenwand und ein großes Stück splitterte aus der Kugel. Die Wand hatte keinen Schaden genommen.

„Die nächste Kugel geht auf dich“, grinste Timo. Da hatte er auch verdammt recht. Wir hatten schon mehrere Kugeln zerstört und weil sich die Hausverwaltung schon seit Jahrzehnten nicht mehr um diesen Raum kümmerte oder um das gesamte Gebäude, lag es immer an uns, neue Billardkugeln aufzutreiben. Viel zu oft hatten wir schon welche in der Schule oder in einem Laden mitgehen lassen. Diese Kugeln waren auch verdammt teuer. Eigentlich hätten wir auch besser mit ihnen umgehen können, doch das war uns scheißegal. Ich hatte andere Probleme als eine zerbrochene Billardkugel.

Stöhnend ließ ich mich nach hinten ins Sofa sinken. Ich spürte, wie der weiche Schaumstoff langsam meinen Körper aufsog. Wie ein gigantisches klaffendes Maul nahm es mich auf und ich gab mich dessen ohne Gegenwehr hin. Es roch muffig, eine Staubwolke stob aus den Polstern auf.

„Du hast echt Probleme. Wenn du nicht so feige wärst, wäre jetzt alles in Ordnung.“

„Und ich hätte eine Abfuhr bekommen“, ergänzte ich Timos Aussage.

„Da hast du aber verdammt recht. Sei doch mal realistisch. Vergiss sie einfach. Sie ist reich und schön.“ Mit dem Finger zeigte er auf mich. „Und jetzt schau dich an. Du rauchst. Du kommst hier aus dem Block und mit den Typen, mit denen sie sonst so rumhängt, kannst du auch in tausend Jahren nicht mithalten.“ Ich sah an mir herunter.

Das saß, aber Timo hatte verdammt recht. Bei ihr würde ich nie den Hauch einer Chance haben. Außerdem war ich viel zu schüchtern. Ich versank wieder in meinen lästigen Träumereien. Kleine Staubflocken tanzten in dem trüben Licht der nackten Glühbirne, die von der Decke hing. Ich sprang vom Sofa auf. Quietschend entspannten sich die wenigen Federn im Schaumstoff. Timo sah mich ohne eine Gefühlsregung an.

Mein ganzer Körper verkrampfte sich. Ich wollte etwas tun. Nicht mehr hier unten träge herumsitzen und über die großen Vielleichts nachdenken.

„Ich werde reisen. Das ist mein Ziel. Neue Leute kennenlernen, mich kennenlernen. Und wenn ich wiederkomme, bin ich bereit, mit ihr zu reden. Ich werde ein neuer Mensch sein.“ Das erträumte ich mir zumindest. Von wie vielen Leuten hatte ich im Internet gelesen, dass das Reisen einen als Person verändert und ich hoffte, dass das auch bei mir der Fall sein würde.

Mit einer großen Portion Skepsis sah Timo mich an. „Du hast noch nie wirklich die Stadt verlassen. Klassenfahrten und das eine Mal, als du mit deinen Eltern für ein paar Tagen an der Küste warst, zählen nicht. Du weißt gar nicht, wie es da draußen abläuft. Und ich bin dafür auch die falsche Adresse. Wir sind beide hier aufgewachsen und haben das da draußen nie wirklich kennengelernt. Es wird für uns immer nur unseren Stadtteil mit unserem Block geben. Wir sind nicht dafür gemacht, auf große Abenteuer zu gehen. Wir sind die nächsten Bewohner. Extra dafür gezüchtet, hier unser Leben zu verbringen. Und jetzt setz dich wieder und schlag dir diese komischen Ideen aus dem Kopf.“

„Ist ja gut.“ Ich gab mich geschlagen. Doch was noch wichtiger war, ich schob meine negativen Gedanken beiseite. Viel zu lange hatte ich mich von ihnen leiten lassen. Ich ging rüber zu Timo und winkte ihm zu. „Komm wir gehen hoch. Ich glaube, ich könnte jetzt eine Portion frische Luft gebrauchen.“

„Eine Portion Luft vermischt mit Unmengen an Abgasen und menschlichen Ausdünstungen“, bemerkte er ironisch.

Timos Beschreibung der Luft stimmte sehr gut mit dem überein, was uns erwartete, als ich die schwere Stahltür des Kellers aufdrückte. Einige Sonnenstrahlen fielen durch die Wolken. Und hinter uns fiel die Tür laut wieder zurück ins Schloss. Wir standen auf dem Vorhof zu unserem Block. Es war ein Wohnhaus mit insgesamt 16 Stockwerken und wer weiß mit wie vielen Wohnungen. Als Kind hatte ich mir mal die Mühe gemacht und die Klingelschilder im Erdgeschoss gezählt, doch schnell kam ich an die Grenzen der mir bekannten Zahlen.

Im Hintergrund erstrecken sich noch vier weitere solche Gebäude in den Himmel. Zwischen ihnen schoben sich Autos über eine mehrspurige Straße. Beton, soweit das Auge reichte. Ab und an von kleinen verwelkten Büschen oder schmalen Grasstreifen durchbrochen. Die Häuser verband ein Labyrinth aus flachen Bauten, in denen sich dubiöse Läden, der Supermarkt und eine Apotheke angesiedelt hatten. Das war unsere Siedlung. Eine kleine Gemeinschaft mit vielen unbekannten Gesichtern. Man war hier anonym, aber dennoch kannte man sich irgendwie untereinander.

Hier fühlte ich mich frei. Wir waren zwar noch umschlossen von Gebäuden. Man konnte aber den wolkenverhangenen Himmel sehen und wir waren der Enge des Kellers entkommen. Meine Gedanken ordneten sich wie von Zauberhand neu. Ein Schwarm Tauben flog über unsere Köpfe hinweg. Ich sah ihnen nach. Seltsame Geschöpfe. Ich konnte noch nie irgendwelchen Tieren was abgewinnen. In der Grundschule war ich immer der komische Typ ohne Lieblingstier und trotzdem mochte ich Tauben am wenigsten. Ich ekelte mich vor ihnen. Trotzdem konnten sie fliegen und frei in jede Himmelsrichtung reisen. Vielleicht war ich auch eine Spur eifersüchtig, was meinen Ekel noch weiter anheizte, ohne dass ich es merkte.

„Was soll ich sagen? Irgendwie hab ich mich jetzt wieder ein bisschen beruhigt. Ich mach mit ihr das Schulprojekt fertig und dann schlage ich sie mir aus dem Kopf.“

„Das ist das erste Richtige, das du heute von dir gegeben hast.“ Timo klopfte mir leicht auf die Schulter. Wie ein Kind, das man lobt.

Kapitel 4: Den Sternen so nah!

Ich schlug die Augen auf. Ich sah die Sterne über mir und keine Wolken. Wo zur Hölle war ich? Ich hatte nur noch meine Boxershorts an, so viel wusste ich. Und ich war in etwas eingewickelt. Und ich lag definitiv draußen. Etwas bewegte sich neben mir. Jemand war neben mir! Ich bewegte mich etwas. Ganz vorsichtig. Vielleicht hatte ich noch das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Jetzt wusste ich es, ich lag in einem Schlafsack. Das war es. Ich richtete meine Augen in die Richtung, von der ich das Geräusch vermutete.

„Tu nicht so, als würdest du noch schlafen, ich hab gesehen, dass du noch wach bist.“

Eine Stimme zerriss die Stille. Ich blieb sofort liegen, ohne mich weiter zu rühren. Wo war ich? Und wer war da?

„Cap, sag doch was. Verarsch mich jetzt nicht.“ Einige Funken flogen durch mein Sichtfeld, es roch nach Rauch. Feuer?! Es brannte. Ich strampelte mich aus meinem Schlafsack in die kalte Nachtluft. Aber es brannte nicht, zumindest nicht so, wie ich es erwartet hatte, es war ein kleines Lagerfeuer, dass fröhlich vor sich hin brannte. Jemand stocherte mit einem Stock in der Glut. Funken flogen wieder in den Nachthimmel. Langsam kam ich zu Bewusstsein. Ich wurde wach. Dieser Jemand war Svenja. Natürlich wir waren zusammen losgezogen. Mit der flachen Hand schlug ich mir vor die Stirn.

Ich bedeckte meine bloße Brust mit dem Schlafsack. Ich fühlte mich seltsam nackt in ihrer Nähe. Sie saß in eine Wolldecke gewickelt vor dem Feuer. Ihr Blick war in die Ferne gerichtet.

„Ich konnte nicht schlafen und du schläfst echt wie ein Stein. Du hast nicht mal mitbekommen, dass ich gegen dich gestoßen bin. Aus Versehen natürlich.“ Sie lächelte mich an. „Ich habe nur etwas nachgedacht, war aber irgendwie etwas ruhig und langweilig hier so alleine, während du neben mir geschnarcht hast. Jetzt, glaube ich, kann ich wieder schlafen.“ Es war mehr ein Monolog, als dass sie mit mir geredet hatte.

Sie stand auf und dabei verrutschte die Wolldecke etwas. Sie gab ein Stück von ihrer Schulter frei. Svenja hatte auch nicht vielmehr als ich an. Sie bemerkte meinen Blick. „Mir ist warm geworden im Schlafsack, deswegen habe ich das T-Shirt ausgezogen, so wie du.“ Sie kam auf mich zu und gab mir einen leichten Stupser mit dem Fuß. „So und jetzt mach Platz oder willst du eine Dame frieren lassen.“ In der Zwischenzeit

Wie befohlen rückte ich ein Stück zur Seite. Svenja schlug eine Ecke des Schlafsacks um. Ich bekam eine Gänsehaut, obwohl mir plötzlich heiß wurde, als ihre Haut meine berührte. Mit einer fließenden Bewegung war sie neben mir in den Schlafsack gerutscht und sah mich erwartungsvoll an. Unsere Gesichter waren nur einige Zentimeter voneinander entfernt. Unsere Körper lagen dicht zusammen in einem Schlafsack. Sie sah mir in die Augen und lächelte.

„Gute Nacht Cap.“ Sie drehte sich zur Seite und war beinahe sofort eingeschlafen. Ich lag noch stundenlang wach. Erst als die Morgendämmerung sich am Horizont abfärbte, fielen meine Augen vor Erschöpfung zu. Svenja lag direkt neben mir!

Wir waren noch am selben Tag aufgebrochen, wie Svenja es befohlen hatte. Sie war vom Bett aufgesprungen und hatte ihre Sachen geschnappt.

„Ich treffe dich in etwa einer Stunde auf dem Platz. Sei da!“

Verdattert stand ich daraufhin in meinem Zimmer, ich hatte erwartet, dass es sofort losgehen würde. Die Wohnungstür fiel hallend ins Schloss, noch bevor ich wirklich begriff, was eigentlich los war. Plötzlich war Svenja verschwunden und ich stand mit dem gepackten Rucksack in der Hand da. Ein letztes Mal sah ich mich in meinem unordentlichen Zimmer um und zuckte mit den Schultern. Hier hielt mich definitiv nichts mehr. Schnell schrieb ich in meiner krakeligen Handschrift eine kurze Botschaft für meine Eltern, falls sie sich Sorgen machen sollten, was ich nicht erwartete:

Ihr müsst euch keine Sorgen machen!

Ich bin kurzfristig verreist, ist für ein Schulprojekt.

Mir geht es gut.

Ich meld mich mal per Telefon.

Euer Sohn

Vielleicht war der Text auch zu dramatisch, aber etwas Besseres wollte mir nicht einfallen, also beließ ich es dabei. Den Zettel befestigte ich mit einem Streifen Klebeband an meiner Zimmertür. Jemand würde ihn schon früher oder später sehen. Sie werden ihn spätestens lesen, wenn die Polizei vor der Tür steht, um mich abzuholen und zur Schule zu bringen. Ich war zwar 17, aber die Schulpflicht bestand immer noch. Ich war bei weitem nicht so frei, wie ich es mir in meinem kleinen Kopf ausmalte.

Also ließ ich mein Zimmer hinter mir. Ging durch den kahlen, nach Putzmittel riechenden Flur. Ging die Treppe herunter (kein großes Abenteuer begann mit einer Fahrt im Fahrstuhl). Trat vor die Tür ins Freie. Hier war der Platz, an dem ich Dreirad gefahren war. Hier hatte ich Timo zum ersten Mal kennengelernt. Hier sollte jetzt der nächste Abschnitt meines Lebens beginnen. Ich ruckelte am Träger meines Rucksacks und zündete mir eine Zigarette an. Der Durst nach Nikotin überwältigte mich. Ich ließ mich auf einer der flachen Betonmauern nieder, die die sogenannten Beete vom Rest abgrenzen sollten. Es waren nur Stücke voller Unkraut, Sperrmüll und anderen Abfällen. Ich ekelte mich vor den Menschen. Sie wohnten doch hier. Warum sollte man seinen Müll direkt vor der eigenen Haustür abladen? Ganz einfach, weil es einfach war. Und Menschen sind nun mal bequem. Ich schnippte die noch rauchende Zigarette in das Beet hinter mir. Mit einem Rascheln verschwand sie zwischen den Brennnesseln. Ich sah mich um, hier gab es nichts zu sehen. Mein Leben lang sah ich täglich die Fassaden hoch. Jedes der Wohnhäuser war stellenweise in einer anderen Akzentfarbe gestrichen. Wahrscheinlich, damit man sich nicht im Betondickicht unserer Siedlung verirrte, dass man abends wohlbehalten in seine kleine Wohnung zurückkehren konnte. Ich wohnte im blauen Haus. Seit meiner Geburt. Im 7. Stock und Timo wohnte zwei Stockwerke unter mir. Ob er jetzt wohl aus dem Fenster sah? Theoretisch sollte er mich von dort oben sehen können, wie ich hier auf der Mauer hockte und die Augen mit meiner Hand vor der schwachen Sonne abschirmte.

Svenja bog um die Ecke. Ihren Rucksack trug sie auf dem Rücken. In der Hand hielt sie etwas aus weißem Plastik. Es war eine Plastiktüte des hiesigen Supermarkts. Immer wieder wunderte ich mich, dass er von keiner größeren Kette aufgekauft wurde. Seit jeher war er in Familienhand.

Ich ging ihr ein Stück entgegen und versuchte nach der Tüte zu greifen. „Lass mich dir die Tüte abnehmen.“

Svenja schüttelte nur mit dem Kopf. „Nein, das kann ich schon alleine. Ich bin ein starkes Mädchen, auch wenn ich nicht so aussehe.“ Um ihre Worte zu unterstreichen, hob sie ihren freien Arm und spannte die Muskeln an. Natürlich konnte man unter ihrer dicken Jacke keine Veränderung ausmachen, doch ich nickte anerkennend.

„Wow wirklich. Dann brauche ich keine Angst haben, dass uns jemand überfällt.“

„Siehst mal“, sagte sie lächelnd.

Es entstand eine kurze Pause, in der sie mich neugierig musterte. Ich spürte ihren Blick auf mir und ich wurde das Gefühl nicht los, dass auch Timo uns von oben aus seinem Zimmer beobachtete. Sein Blick bohrte sich förmlich in meinen Nacken.

„Was ist in der Tüte? Sieht schwer nach Lebensmitteln aus?“ Meine Stimme fuhr wie ein Schwert durch die Stille. Ich erzitterte bei ihrem Klang. Auch Svenja zuckte kaum wahrnehmbar zusammen.

„Nichts Besonderes. Ich sage mal so eine kleine Überraschung. Ich möchte schließlich nicht, dass mein Reisepartner auf etwaigen Luxus während unserer Reise verzichten muss. Ich habe ein paar spezielle Sachen gesammelt. Du wirst schon früh genug sehen, was ich alles in der Tüte habe.“ Sie hob sie kurz an. Das Plastik raschelte.

Und so begann unsere Reise. Es dauert nicht lange und schon hatten wir meine Siedlung hinter uns gelassen. Wir gingen zu Fuß. Ich hatte kein Fahrrad und mit dem Auto durften wir beide auch zurzeit nicht fahren. Schnell kamen wir in Gegenden, die ich noch nie gesehen hatte. Wir ließen alles mir Vertraute hinter mir. Die Häuser. Die Stadt. Meine Heimat. Svenja führte uns ohne Probleme durch ein Gewirr von Trampelpfaden immer weiter in die Pampa. Die meiste Zeit redeten wir kaum miteinander. Doch eine Frage drängte sich mir immer wieder auf. Sie brannte mir auf der Zunge.

„Woher kennst du dich hier so gut aus?“ Ich weiß, nicht so die Frage die man, aufgrund meiner Vorgeschichte, erwartet hätte. Aber mich interessierte es trotzdem.

„Ich bin hier früher oft mit dem Rad langgefahren. Hier hat man seine Ruhe. Hier kommt sonst keiner her. Und außerdem wollte ich dir was zeigen. Warte ab.“

Die Gegend war sehr flach, doch bis auf Wiesen und vereinzelte Bäume konnte man weit und breit nichts sehen. Wir folgten dem Weg, der jetzt an einem kleinen Bachlauf entlangführte. Unter meine Jacke fing ich an zu schwitzen. Kleine Mückenschwärme tänzelten über dem Wasser. Es dauerte nicht lang, wie Svenja versprochen hatte, da kam etwas anderes in Sicht. Es passte nicht in die sonst so flache Landschaft. Mitten auf der Wiese thronte ein riesiger Stein. Svenja beschleunigte ihre Schritte, sprang über dem Fluss und lief den letzten Rest zu dem Stein. Völlig außer Atem kam ich kurz nach ihr bei dem monströsen Findling an. Er musste von der letzten Eiszeit stammen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Menschen einen so großen Stein überhaupt bewegen konnten. Doch noch etwas anderes fiel mir auf. Die Luft war sauber. Sauber von jedem Geräusch und allen Abgasen. Es war ganz still und es roch rein. Nur selten zirpte irgendwo im Gras eine einsame Grille. Svenja setzte ihren Rucksack ab und ließ sich mit einem Seufzer in den Schatten des Steines fallen. Sie klopfte neben sich auf den Boden. Das Gras richtete sich sofort wieder auf.

„Komm setz dich.“

Ohne zu zögern kam ich ihrer Einladung nach. Meinen Rucksack lehnte ich gegen den Stein. Ich kam auch wieder zu Atem. Würde ich bloß mit dem Rauchen aufhören, dann wäre meine Kondition auch deutlich besser. Aber mein Körper schrie immer zu nach einer Zigarette.

„Früher bin ich hier oft hergefahren. Meine Eltern fanden das meistens nicht so toll“, fing sie an zu erzählen. „Ich habe mich dann auf mein Rad gesetzt, meine Hausaufgaben vorne in den Korb gepackt und bin hierhergefahren. Ich saß dann stundenlang im Schatten des Steins und schrieb. Manchmal sah ich auch nur den Vögeln zu, wie sie über mich hinwegflogen. Das ging so lange, bis der Schatten gewandert war und ich in der Sonne saß. Dann wusste ich, dass es spät geworden war und wieder nach Hause zu meinen Eltern musste. Ich konnte es immer kaum abwarten, dass Sommer wurde und ich wieder zu diesem Stein konnte.“ Freundschaftlich tätschelte sie die kalte glatte Oberfläche. „Dann wurde ich älter und ich bin immer seltener hierhergefahren. Naja, man hat auch andere Sachen im Kopf als einen blöden riesigen Findling. Jetzt ist es schon weit über ein Jahr her, dass ich mich das letzte Mal in seinem Schatten niedergelassen habe. Als ich von dem Erdkundereferat gehört habe, musste ich gleich wieder an ihn denken. Er hat zwar nichts mit dem Wüstenklima zu tun, worüber wir eigentlich sprechen müssten, aber ich wusste plötzlich wer die erste Person sein wird, dem ich diesen Stein zeigen würde.“ Sie ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. Ich saß stumm neben ihr und zupfte etwas Gras aus dem Boden. Keine Ahnung, was man in einer solchen Situation sagen sollte.

„Das Referat war der perfekte Vorwand, ein Abenteuer zu erleben. Ich kann dir aber versichern, dass wir nichts Schulisches auf der Reise unternehmen, ich musste bloß meinen Eltern verklickern, warum ich für einige Tage verschwinden musste.“

Komisch,