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Liebesroman Auf einer Mutter-Kind-Kur an der Ostsee will sich Lana von den Strapazen ihrer Scheidung erholen. Sie ist auf der Suche nach Entspannung. Ganz bestimmt nicht nach einem Mann! Doch dann kreuzen gleich zwei ihren Weg. Tim bringt ihr Herz zum Flattern, Lorenz und seine blauen Strahleaugen faszinieren sie. Und eigentlich ist gegen so einen Urlaubsflirt auch nichts einzuwenden. Oder könnte es mit einem von beiden sogar ernst werden? Seitenzahl der Printausgabe: 216
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Donnerstag, 5. Juli, 18 Uhr
Ankunft
»Woah!«, schrie Seline vom Ende des Parkplatzes. »Da ist das Meer. Mama, schau mal!«
»Gleich«, rief ich zurück und befreite Bastian aus seinem Sitz. Nach der elfstündigen Autofahrt war er müde und schaffte es nicht, seinen kleinen Daumen fest genug auf den Gurtverschluss zu drücken. Dann hob ich ihn auf den Arm und ging um das Auto herum zu Seline.
Der Blick war umwerfend. Es war früher Abend, und vor uns glitzerte die Ostsee. Vom Parkplatz aus versperrte das Kurhaus den Blick. Doch Seline war gleich aus dem Auto gesprungen und um die Ecke gerannt. Sie hatte sich besonders auf das Meer gefreut.
Ich drehte mich so, dass Bastian auch einen Blick auf das Wasser hatte.
»Schau mal, Basti!«, sagte ich. »So viel Wasser.«
Sofort wurde er munter und wollte von meinem Arm.
»Können wir da jetzt spielen?«, fragte er und sah mich von unten mit seinen großen blauen Augen an.
»Wir müssen uns erst anmelden. Aber wenn wir später noch Zeit haben, gehen wir zum Strand.«
Ich nahm seine Hand, legte meinen anderen Arm um Seline und führte sie zum Eingang, dann weiter die große Eingangstreppe hinauf. Das Gebäude sah aus, wie man sich ein altehrwürdiges Kurhaus in einem Ostseebad vorstellte. Eine weiße Villa, nur viel größer, mit vier Geschossen plus Dachgeschoss, vielen großen Fenstern und einer zweiflügeligen Eingangstür.
Innen erinnerte alles an ein schickes Hotel. Jedenfalls, wie ich mir so eins vorstellte. Nicht dass ich schon mal Gelegenheit gehabt hätte, in einem zu nächtigen.
Wir standen in einem kleinen Foyer. Auf dem Boden lagen rote, von Goldmustern durchzogene Teppiche. Die Wände waren teils mit dunklem Holz vertäfelt, teils mit beige-golden gestreiften Tapeten beklebt. Die Decke hatte Stuckverzierungen, ein riesiger Kronleuchter hing von ihr herab.
Einige Kinder wuselten unbeaufsichtigt umher. Hinter einem dunklen Holztresen saß eine Frau mittleren Alters, in weiße Bluse und weinrote Weste gekleidet, was den Hoteleindruck verstärkte.
Sie lächelte uns freundlich entgegen.
»Hallo!«, grüßte ich.
»Hallo!«, flötete sie zurück. »Hatten Sie eine gute Anreise?«
Ich nickte, weil ich keine Lust verspürte, von den ewigen Staus und falschen Umleitungen zu berichten, die das überalterte Navi angezeigt hatte.
Die Dame nahm eine Liste zur Hand.
»Wie ist denn Ihr Name?«, fragte sie.
»Behrend«, erwiderte ich.
»Mit Seline und Bastian«, sagte sie und lächelte nacheinander meine Kinder an. Dann drehte sie sich zu einem Schlüsselbrett um, an dem etliche Schlüssel bereits fehlten. Wir waren wohl spät dran. Es gab vierzig Zimmer. Ich hatte extra ein kleines Kurhaus ausgesucht. Mit vierzig Müttern und ihren Kindern würde es voll genug sein.
»Sie sind in Zimmer 37 untergebracht. Das ist im dritten Stock.« Sie legte den Schlüssel auf den Tresen. »Hier haben Sie Ihre Mappe, in der Sie einen Lageplan finden, Ihre Tischnummer und die Gruppennamen der Kinder. Und hier ist Ihr Termin für die Eingangsuntersuchung.« Auf dem grünen Zettel, den sie mir reichte, war Dr. Peitsch, Zimmer 103, 05.07., 18.30 Uhr vermerkt.
Ich blickte auf die Wanduhr hinter der Dame.
»Das ist ja schon in einer halben Stunde«, stellte ich fest.
»Bringen Sie in Ruhe Ihr Gepäck nach oben«, erwiderte sie gelassen. »Und dann gehen Sie zur Untersuchung.« Sie lächelte mir aufmunternd zu und zeigte hinter mich. »Dort sind die Aufzüge.« Sie sah meine Kinder an. »Kinder unter zehn Jahren dürfen sie nicht allein benutzen.«
»Ich bin schon zehn«, krähte Seline.
Die Dame nickte. »Dann darfst du dich auch nach neunzehn Uhr allein im Kurhaus bewegen. Kinder unter zehn Jahren sollten nach neunzehn Uhr in Begleitung eines Erwachsenen sein.« Sie sah mich an, ihr Blick war nun strenger.
Ich schaute auf die umherrennenden Kinder um uns herum.
»Die meisten sind beim Abendbrot«, erklärte die Empfangsdame, als habe sie erraten, was mir durch den Kopf ging. »Um diese Zeit ist das normal.« Sie seufzte.
Ich nickte schnell, drückte Seline Mappe, Zettel und Schlüssel in die Hand, bedankte mich bei der Empfangsdame und eilte zum Auto zurück. Dort schnappte ich mir den großen Rollkoffer und zwei Taschen, hievte alles zum Eingang, durchs Foyer und zu den Fahrstühlen. Seline hatte mitgedacht und schon einen Aufzug geholt, ihren kleinen Bruder an der Hand.
»Danke!«, sagte ich und stieg ein.
Bastian folgte mir, nur Seline blieb vor der Tür stehen.
Ich stöhnte in Erwartung dessen, was jetzt kam.
»Ich laufe lieber«, sagte sie.
»Na, das werden sportliche drei Wochen«, erwiderte ich.
Aber es half nicht. Seline zuckte mit den Schultern und zog ihre Ich-hab-Angst-vor-Fahrstühlen-Nummer durch. Die Tür schloss sich, und ich fuhr mit Bastian allein nach oben.
»Mädchen sind komisch«, sagte ich zu ihm, und er grinste mich an.
Der Aufzug hielt im dritten Stock. Seline erwartete uns schon.
Auch hier wirkte der Flur wie in einem Hotel. Er war sehr breit, sodass man problemlos zwei Kinderwagen aneinander vorbeischieben konnte. Auf dem Boden lagen die gleichen Teppiche wie im Foyer. Dunkelrote Türen säumten die Wände rechts und links, in so großen Abständen zueinander, dass die Zimmer wohl sehr groß sein mussten.
Seline nahm mir eine der Taschen ab und rannte los. Bastian stürmte hinterher.
»Hier ist es!« Sie blieb vor einer Tür stehen.
»Pscht!«, machte ich. »Nicht so laut!«
Seline schloss die Tür auf, und wir traten ein.
Das Zimmer sah genauso schön aus, wie der Flur es vermuten lassen hatte. Rote Teppiche, rote Vorhänge, ein Doppelbett und ein kleiner Tisch aus dunklem Holz mit vier dazu passenden Stühlen, die mit beigem Stoff bespannt waren, erwarteten uns. Eine Tür führte zu einem weiteren Zimmer mit zwei Betten, zwei Schränken und einer Wickelkommode. An der einen Wand war eine riesige Arielle aufgemalt. Ob die Kinder überhaupt noch wussten, wer das war?
»Das ist euer Zimmer«, sagte ich.
Seline und Bastian erstürmten es und warfen sich jeder auf ein Bett.
»Meins!«, rief Seline.
»Meins!«, ahmte Bastian sie nach.
»Gut, dass ihr euch einig seid!«, sagte ich. Dann stellte ich den Koffer ab, ging zum Fenster und schob die Gardine zur Seite. Dahinter war eine Terrassentür, die zu einem Balkon führte, auf dem ein Wäscheständer stand.
Schnell warf ich noch einen Blick ins Bad. Leider hatte es nur eine Dusche, dabei badete ich so gern. Aber wenigstens war alles sauber, wie man an den weißen Fliesen deutlich erkennen konnte.
Seline umarmte mich von hinten. »Hier gefällt es mir jetzt schon. Wir werden tolle Ferien haben.«
»Es sind keine Ferien«, erwiderte ich, »Sondern eine Kur. Wir müssen hier auch etwas tun.«
»Ist mir egal, wie die das nennen.« Sie grinste breit. »Für mich fühlt es sich wie Ferien an.«
Ich seufzte. Seline hatte recht. Allein die Vorstellung, die nächsten drei Wochen nicht kochen zu müssen und mich mal auch um mich selbst kümmern zu können, fühlte sich wie Urlaub an. Ich kramte mein Handy hervor und checkte die Uhrzeit. Ich trug nämlich keine Armbanduhr, seit ich vor Jahren meine Lieblingsuhr verloren hatte. Nicht dass ich keine hätte gebrauchen können, aber irgendwie gefiel mir keine.
Es war schon viertel sieben.
»Geht noch mal auf die Toilette!«, wies ich die Kinder an. »Trinkt was! Dann müssen wir runter zur Untersuchung.«
»Krieg ich da eine Spritze?«, jammerte Seline.
Ich stöhnte. »Bekommst du sonst bei jedem Arztbesuch eine Spritze?«
Sie schüttelte den Kopf und verzog leidend ihr Gesicht. In ihren blaugrauen Augen schimmerte es. Sie konnte so theatralisch sein.
»Laufen wir?«, fragte sie, als ich einige Minuten später das Zimmer hinter uns abschloss.
»Du auf jeden Fall«, antwortete ich und erntete einen genervten Blick. »Ja«, brummte ich dann. Ich hatte keine Lust auf weitere Diskussionen.
Aufnahme
Die Arztzimmer waren im ersten Stock. Es gab eine kleine Anmeldung, hinter der eine Frau saß, die wie eine Krankenschwester gekleidet war. Außer uns war niemand da.
»Behrend«, stellte ich uns vor. »Wir haben um halb sieben unsere Eingangsuntersuchung.«
Die Schwester lächelte uns freundlich an und nickte. »Ich bin Schwester Karin. Sie können schon rein. Frau Doktor Peitsch erwartet Sie bereits.« Die Frau zeigte auf die mittlere von drei Türen, die rechts hinter mir waren.
Schnell schielte ich auf die Uhr, die seitlich von mir an der Wand hing. Es war drei Minuten vor halb. Wir waren nicht zu spät. Ausnahmsweise einmal. Ich atmete auf, nahm die Kinder an die Hand und klopfte vorsichtig.
Statt einer Antwort öffnete sich die Tür plötzlich und eine ältere, dürre Dame mit langen, gelockten grauen Haaren und einer silberumrahmten Brille lächelte uns entgegen. Sie bot mir ihre rechte Hand, und wir stellten einander vor.
»Hatten Sie eine gute Fahrt?«, fragte sie dann, während sie hinter ihrem Schreibtisch verschwand.
»Na ja«, erwiderte ich, »Es gab einige Staus. Aber die Kinder haben gut durchgehalten.«
Sie öffnete eine Akte und lächelte Seline an. »Ich würde sagen, wir beginnen mit dir. Hier steht, du hast öfter Rücken- und Kopfschmerzen.«
Seline nickte.
»Stell dich mal hin!« Die Ärztin betastete ihre Schultern und Rücken und nickte dann. »Trägst du deinen Schulranzen oft nur auf der rechten Schulter?«
Seline nickte und sah mich schuldbewusst an. Ich hob die Augenbrauen und lächelte ihr zu. So oft hatte ich ihr schon gesagt, sie solle den Ranzen ordentlich tragen.
Die Ärztin lachte. »Das ist nichts Schlimmes. Du stehst ein bisschen schief. Das kriegen wir mit etwas Gymnastik und Sport wieder weg.«
Sie wandte sich Bastian zu. »Und du bist oft krank?«
Bastian antwortete nicht.
»Die Luft hier wird dir guttun«, fuhr sie fort. »Am besten, du gehst oft am Strand spazieren.«
Bastian grinste. Das gefiel ihm natürlich.
»Wenn ihr wollt, könnt ihr jetzt draußen warten. Schwester Karin zeigt euch die Kinderspielecke.«
Seline sah mich unsicher an. Aber ich wusste, dass die Ärztin ohne die Kinder mit mir reden wollte.
»Wartet bitte draußen!«, sagte ich. »Das dauert hier nicht mehr lange.«
Als die Kinder gegangen waren, saß Frau Dr. Peitsch wieder hinter ihrem Schreibtisch und studierte die Akten.
»Sie haben eine Trennung hinter sich?«, fragte sie.
»Ja, es ist jetzt ein Jahr her. Wir sind umgezogen, vom Haus in eine kleine Wohnung. Ich arbeite jetzt fast Vollzeit. Für die Kinder war das eine besonders große Umstellung.«
Die Ärztin blickte mich über ihre Brille hinweg an, was drollig aussah, da es keine Halbmondbrille war.
»Für Sie war die Umstellung doch mindestens genauso groß. Und hier geht es vor allem um Sie. Wünschen Sie Einzelsitzungen mit unserer Psychologin oder wollen Sie lieber zu den Gruppengesprächen?«
Ich zuckte unsicher mit den Schultern. Der Gedanke daran, jemandem mein gesamtes Gefühlsleben zu offenbaren, behagte mir nicht. Aber Gruppengespräche waren auch nicht so mein Ding.
»Sie beginnen am besten in der Gruppe und sehen dann weiter«, sagte sie schließlich. »Da wir derzeit Trennung als Schwerpunktkur haben, passt das ganz gut.«
»Und die Kinder? Bekommen die auch so was?«
»Ich habe sie für die Sportgruppen eingetragen und beide erhalten Termine bei der Heilpädagogin. Die genauen Einzeltermine werden den Betreuerinnen gemeldet, sie finden während der Betreuungszeit statt. Die Kinder werden von dort hingebracht, damit die Eltern sich auf sich selbst konzentrieren können.« Sie holte einen Zettel hervor und kreuzte etwas an. Es schien eine Liste zu sein. »Wollen Sie Aquafitness machen? Das ist hier im hauseigenen Schwimmbad.«
Ich nickte.
»Und die Kneippspaziergänge schreibe ich Ihnen auch auf.«
Ich hatte keine Ahnung, was sie damit meinte, sagte aber nichts dagegen.
»Dann haben wir Stressbewältigung, Piloga und Entspannung«, fuhr sie fort und setzte Kreuze. »Ich empfehle außerdem Nordic Walking und Dancefit. Da müssen Sie sich nicht anmelden. Das findet in zwei Gruppen statt. Die Termine stehen im Kurplan, den Sie Sonntagabend erhalten. Sie sind in Gruppe 2. Ich schreibe Ihnen außerdem noch Massagen auf.«
Ich nickte wieder. »Bekomme ich in den Gesprächsrunden auch Tipps, wie die Kinder die Trennung besser verarbeiten können?«
»Ja, die sind Elternteilen vorbehalten, die gerade eine Trennung hinter sich haben. Dort werden Sie sich außerdem mit Müttern und Vätern austauschen können, die in der gleichen Situation sind wie Sie.«
Väter? Ich hatte gedacht, dass das hier nur eine Mütterklinik sei. Väter mit ihren Kindern, die eine Trennung verarbeiteten?
Die Ärztin erhob sich. »Am Sonntag bekommen Sie Ihren persönlichen Kurplaner sowie einen Plan mit den Terminen für die Gruppen. Einzeltermine finden Sie in Ihrem Fach in der Rezeption. Morgen früh ist das erste Kennenlerntreffen. Ansonsten haben Sie zunächst einmal ein ruhiges und sonniges Wochenende vor sich.« Wieder streckte sie mir ihre Hand entgegen. »Wenn irgendetwas ist, falls Sie noch etwas brauchen, melden Sie sich einfach wieder hier.«
»Danke!«, sagte ich und hatte tausend Fragen, aber mir fiel jetzt konkret keine ein. Ich musste wohl alles auf mich zukommen lassen.
Draußen schickte mich Schwester Karin zwei Zimmer weiter in einen Wartebereich. In der Spielecke schichtete Seline mit Bastian Plastikklötze aufeinander.
Als sie mich sahen, rannten sie auf mich zu.
»Ich hab Hunger«, sagte Seline.
»Es gibt noch Abendbrot für die Spätankömmlinge«, rief Schwester Karin mir zu. »Unten im Erdgeschoss sind die Speisesäle.«
Auf der Treppe kamen uns jetzt Mütter und Kinder entgegen. Wir gingen gegen den Strom hinunter ins Erdgeschoss, wo Schilder den Weg zu zwei Speisesälen wiesen. Ich hatte keine Ahnung, zu welchem wir mussten, und hielt beim erstbesten an. Er war völlig leer. Zehn Tische standen vor einem Büfett, das gerade eine Dame in weißer Küchenkleidung abräumte.
»Hallo!«, rief ich ihr zu.
Sie drehte sich um und sah uns fragend an.
»Es hieß, als Spätankömmlinge bekämen wir noch Abendbrot.«
»Wie heißen Sie denn?« Sie zog eine Liste aus ihrer Brusttasche.
»Behrend«, erwiderte ich.
»Dann sind Sie hier genau richtig.« Sie führte uns zu einem großen Tisch, an dem acht Leute Platz hatten. Tatsächlich stand unser Name auf einem Schild in der Mitte des Tisches. Und darunter noch ein zweiter – Kröner. Eine Frau mit vier Kindern?
Wir gingen zum Büfett, um zu sehen, was noch übrig war. Zum Glück gab es laktosefreie Margarine. Bestimmt stand der Küchendame, die inzwischen verschwunden war, nicht mehr der Sinn nach Sonderwünschen. Der Tag war so aufreibend gewesen, dass ich kaum Hunger hatte. Also nahm ich mir zwei Scheiben Brot, eine kleine Margarinepackung und einige Scheiben Salatgurke.
Die Küchenfrau kam wieder.
»Wollen Sie Milchreis?«, fragte sie.
»Jaaa«, riefen Seline und Bastian einstimmig.
Die Dame lächelte und verschwand.
Während ich meine Brote mit Gurkenscheiben belegte, fragte Seline auf einmal: »Warum ist da Folie an den Wänden?«
Ich sah mich um. Der Speiseraum sah sehr schön aus, fast wie eine Art Salon. Die Wände waren wie das Foyer mit dunklem Holz vertäfelt. Zwischendrin waren aber hellgrün-dunkelgrün-beige gestreifte Tapeten angebracht. Und tatsächlich, diese glänzten, als sei eine Folie darüber gespannt worden. Man erkannte sogar Falten.
»Das sieht aus, als hätte jemand Frischhaltefolie über die schönen Tapeten geklebt«, stellte ich fest. »Das ist echt hässlich und wirkt gar nicht mehr vornehm.«
Seline kicherte. Bastian nippte an dem Pfefferminztee, den ich ihm hingestellt hatte und der garantiert noch viel zu heiß war.
Als ich mein erstes, mit Gurken belegtes Brot gegessen hatte, kam die Küchenfrau mit zwei Tellern Milchreis wieder. Die Kinder waren so hungrig, dass sie alles nach nur wenigen Minuten aufgegessen hatten.
Allein im Speiseraum war es sowieso öde, und wir konnten schnell wieder gehen. Dem Lärm nach zu urteilen, spielte sich inzwischen alles draußen im Foyer ab. Tatsächlich war es dort überfüllt von Kindern, die umherrannten, und Müttern, die beieinanderstanden und sich unterhielten. Neben dem Empfang stand eine große Terrassentür offen, die zu einem kleinen Spielplatz führte. Auch dort waren spielende Kinder und quatschende Mütter. Kannten die sich alle schon? Ich war bei so was eher zurückhaltend. Bei mir würde es ein Weilchen dauern, bis ich Kontakt zu anderen Müttern bekam.
»Können wir noch ein bisschen raus?«, fragte Seline.
»Ich muss eh noch die restlichen Sachen aus dem Auto holen«, erwiderte ich. »Du passt auf Bastian auf! Und ihr bleibt hier auf dem Spielplatz!«
Seline packte Bastian an der Hand und stürzte sich mit ihm ins Getümmel. Ich war nicht die Einzige, die noch das Auto ausladen und Gepäck hochschaffen musste. Es dauerte länger als erwartet, weil die Fahrstühle nicht besonders groß und somit schnell mit den ganzen Koffern und Taschen überfüllt waren.
Als ich das zweite Mal durch den Haupteingang wollte, die beiden Rollkoffer der Kinder hinter mir herziehend, hielt mir ein Mann die Tür auf. Offenbar hatte er seine Frau hergebracht und half ihr nun mit dem Gepäck. Ich seufzte.
»Einen Packesel hätte ich auch gut gebrauchen können«, murmelte ich.
»Wie bitte?«, fragte er verwirrt.
»Danke!«, erwiderte ich nur und schlüpfte schnell an ihm vorbei.
»Nur kein Neid!«, flüsterte ich vor mich hin, als ich mir sicher war, dass er mich nicht mehr hören konnte. Ich versuchte, nicht daran zu denken, wie sympathisch der Typ ausgesehen hatte. Ich stand nicht so auf braunhaarige Männer mit hellen Augen. Aber der hatte echt was. Wie wohl die Frau dazu aussah? Und das Kind erst? Gut, dass er wieder verschwinden würde.
Eine halbe Stunde später hatte ich das Gepäck nach oben geschafft und wollte nur noch meine Ruhe haben. Zum Glück war ab zwanzig Uhr ohnehin Nachtruhe auf dem Spielplatz, sodass es leicht war, Seline und Bastian mit der Aussicht auf Fernsehen ins Zimmer zu locken.
Basti weihte das Bett mit seinem Lieblingsspiel ein – Umschmeißen. Das mochte er zu Hause auch. Ich sollte mich auf das Bett – zu Hause auch die Couch – setzen und umfallen, wenn er in meine Arme sprang.
»Noch mal umschmeißen!«, rief er.
Nach dem dritten Mal hatte ich aber genug, und Seline spielte dann noch fünfmal mit.
Um halb neun lagen wir zu dritt kuschelnd im großen Bett und schauten eine Doku über Wale. Bastian schlief wenig später ein. Seline schien genauso aufgeregt zu sein wie ich. Sie wälzte sich hin und her, fand aber keine Ruhe. Um halb zehn stand sie auf.
»Ich gehe lieber in mein Bett«, sagte sie und gab mir einen Gute-Nacht-Kuss.
Mir fiel ein, dass ich meiner Freundin Isolde Bescheid geben wollte, wenn wir angekommen waren. Also nahm ich mein Handy und tippte ihr eine Nachricht.
Sind gut gelandet.
Denk an den Kurschatten!, kam sofort zurück.
Hier sind nur Frauen, erwiderte ich.
Auf ganz Rügen?
Ich schickte einen Smiley zurück und legte das Handy beiseite. Für die Kur hatte ich mir ohnehin vorgenommen, es nicht zu benutzen. Keine Anrufe, keine schnellen Nachrichten. Dann stellte ich den Fernseher aus, nahm Basti in den Arm und seufzte. Drei Wochen nicht kochen, keine Arbeit, sondern nur Erholung und an mich und die Kinder denken – das war genau das, was ich brauchte.
Freitag, 6. Juli
Vormittag:
Kennenlerngespräche Betreuung, Kennenlernrunde mit Hausführung
Der Morgen begann mit Kopfschmerzen. Das Kissen war furchtbar. Ich hätte mein Wasserkissen von zu Hause mitnehmen sollen. Ob es hier wenigstens Seitenschläferkissen gab?
Bastian spielte neben mir leise auf seinem Tablet. Seline kam aus ihrem Bett geflitzt und kuschelte sich zu mir. Es war um sieben – Frühstückszeit. Um acht begann die Kinderbetreuung oder im Falle meiner Kinder die Schule. In meiner Mappe waren weitere Terminzettel für Gespräche mit den Gruppenleitungen gewesen. Um viertel neun sollte der Termin in der Bärengruppe für Bastian sein und um halb neun für Seline in der Regenbogengruppe. Die Schule würde erst am Montag beginnen. Die Infoveranstaltung war für heute fünfzehn Uhr angesetzt worden. Dazwischen war um halb zehn die Kennenlernrunde im Roten Salon, danach Hausführung.
»Wir müssen aufstehen«, sagte ich. »Heute haben wir schon einiges vor.«
»Müssen wir heute zur Schule?«, fragte Seline.
»Nein, erst am Montag.«
»Juchhu! Schulfrei!« Seline drückte mich ganz fest.
Bastian spielte ungerührt weiter.
»Ihr lernt heute eure Betreuerinnen kennen.« Ich nahm Bastian das Tablet sanft aus der Hand. Er durfte morgens ein bisschen damit spielen, weil er oft schon um sechs aufwachte und ich einfach nicht jeden Morgen so früh geweckt werden wollte. Aber er wurde mit dem Ding zum Zombie und nahm nichts um sich herum mehr wahr. »Da geht ihr dann nach der Schule hin und unternehmt etwas. Und die bringen euch anschließend auch zu euren eigenen Kuranwendungen.«
»Was genau machen wir denn bei den Kuranwendungen?«, fragte Seline.
»Den genauen Plan bekommen wir erst am Sonntagabend. Heute schauen wir uns alles in Ruhe an. Und dann genießen wir das Wochenende.«
***
Im Speiseraum herrschte eine unfassbare Lautstärke.
