Ein Leben am seidenen Faden - Horst Weymar Hübner - E-Book
Beschreibung

Dr. Florian Winter Band 10 von Horst Weymar Hübner   Der Umfang dieses Buchs entspricht 166 Taschenbuchseiten.   Dr. Bettina Graf, Ärztin an der Paul-Ehrlich-Klinik und Mitarbeiterin von Dr. Florian Winter, hat im Urlaub ihre Verlobung gelöst, weil sie festgestellt hat, dass ihr Freund Peter sie mit einer anderen Frau betrügt. Bei einem zufälligen Zusammentreffen mit ihrer Nachfolgerin, fällt Bettina auf, dass Peters neue Flamme auffällig viele schwarze Hautflecken hat, die eine schlimme Diagnose befürchten lassen. Wird sie ihrer moralischen Pflicht als Ärztin nachkommen oder dem Schicksal seinen Lauf lassen?  

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Horst Weymar Hübner

Ein Leben am seidenen Faden

Dr. Florian Winter # 10 / Cassiopeiapress Arztroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Ein Leben am seidenen Faden

Dr. Florian Winter Band 10

von Horst Weymar Hübner

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 166 Taschenbuchseiten.

 

Dr. Bettina Graf, Ärztin an der Paul-Ehrlich-Klinik und Mitarbeiterin von Dr. Florian Winter, hat im Urlaub ihre Verlobung gelöst, weil sie festgestellt hat, dass ihr Freund Peter sie mit einer anderen Frau betrügt. Bei einem zufälligen Zusammentreffen mit ihrer Nachfolgerin, fällt Bettina auf, dass Peters neue Flamme auffällig viele schwarze Hautflecken hat, die eine schlimme Diagnose befürchten lassen. Wird sie ihrer moralischen Pflicht als Ärztin nachkommen oder dem Schicksal seinen Lauf lassen?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing

sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover by pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement

mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

1

Im Umkleideraum zu den OPs herrschte Schmunzeln und verhaltene Schadenfreude. Doktor Bettina Graf, auf der Gynäkologie inoffiziell die Gräfin genannt, war braungebrannt aus dem Urlaub an südlichen Gestaden zurück. Nur schaute sie weder glücklich drein, noch trug sie den erwarteten Verlobungsring. Dabei war jedermann über den Zweck der Reise im Bilde. Die Gräfin hatte die zweijährige Bekanntschaft mit einem gut aussehenden Mann aus der Firmenberaterbranche in eine feste Verbindung umwandeln wollen. Wie es aussah, hatte sich der Firmenberater nicht einfangen lassen.

Dr. Finkenschläger, Assistenzarzt zwar erst, nach eigener Selbsteinschätzung aber bereits unersetzlich - vor allem bei der Damenwelt der Paul-Ehrlich-Klinik, betrachtete die Kollegin mit unverhohlener Dreistigkeit. Es war kein Geheimnis, dass er seit einem halben Jahr heftig bemüht war, den Firmenberater bei der Gräfin auszustechen. Sie hatte ihm nur keine Gelegenheit dazu gegeben. Nichts als Körbe hatte er sich eingehandelt.

„Tja, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen!“, spottete er gehässig.

Bettina Graf wandte sich langsam nach ihm um und setzte die Kopfhaube zurecht. Der Blick aus ihren blauen traurigen Augen traf ihn kühl und verweisend.

„Und wenn heute jemand nicht seine Pflicht tut, dann werde ich ihm was erzählen!“, ließ sich eine sonore Stimme nebenan im Waschraum vernehmen. Finkenschläger wurde blass, das Feixen ringsum erlosch, die Schadenfreude verflog.

Der Chef!

Niemand hatte ihn kommen gesehen oder gehört, niemand schon im Waschraum gewähnt. Das war eine äußerst peinliche Situation. Denn wenn Professor Dr. Winter, Chefarzt der Gynäkologie und der geburtshilflichen Abteilung, etwas nicht ausstehen konnte, dann waren es Spannungen unter den Mitarbeitern und bösartige Sticheleien, die weit über das Maß kollegialer Flachserei hinausgingen.

Finkenschläger wurde grün vor Ärger und passte sich dem grünen OP-Kittel auffallend an. Dass ausgerechnet er dem Chef auffallen musste, wurmte ihn über alle Maßen. Er hatte erst drei Operationen durchgeführt, und die auch nur, weil ihm die Gräfin, diese dumme Gans, die Blümchen-rühr-mich-nicht-an spielte, dabei schon fast über das erlaubte Maß hinaus geholfen hatte.

Andere Assistenzärzte konnten in derselben Zeit, die er schon an der Klinik war, fünfzehn und zwanzig Operationen vorweisen. Er wusste auch nicht, woran es lag. Zumindest redete er sich das ein. Wenn der Operationsplan aufgestellt wurde, kam er sich schon benachteiligt vor. Er begründete es mit Kollegenneid, und vielleicht konnte ihn der Chef auch nicht besonders leiden. Zwei Anpfiffe unter vier Augen hatte es jedenfalls schon gegeben. Dabei hätte jede kleine Laufschwester Finkenschläger sagen können, woran es lag, dass sein Name so selten auf dem Operationsplan erwähnt wurde.

Sobald er das Skalpell in der Hand hielt und den ersten Schnitt gelegt hatte, bekam er die große Flatter. Dann werkelte er verbissen und ohne Übersicht. Zum Beispiel hatte er für das Nähen eines Zervixrisses sage und schreibe zwei Stunden benötigt. Andere Ärzte nähten einen eingerissenen Gebärmutterhals in maximal zwanzig Minuten.

Eine meisterliche Leistung von Finkenschläger war das fürwahr nicht gewesen, und danach hatte er sich auch den ersten Anpfiff abholen können.

Die Wahrheit war zwar, dass Dr. Graf die Sache herunterzuspielen versucht hatte, aber als Professor Winter den OP-Bericht auf dem Tisch hatte, war Finkenschläger zum Chef zitiert worden und ziemlich lange drinnen geblieben. Mehr als ein paar dumme Ausreden waren ihm zur Rechtfertigung nicht eingefallen. In der Folge hatte er mehrmals gekniffen. Winter hatte es stirnrunzelnd hingenommen, aber sich einer öffentlichen Meinungsbekundung enthalten.

Dann hatten sich Fälle eingeschlichen, wo Finkenschläger sich mitten in der Operation arbeitsunfähig meldete. Mal mit der Begründung, er hätte schon dreißig Stunden Dienst an einem Streifen gemacht, mal damit, die Patientin sei inoperabel und sowieso ein aussichtsloser Fall, und am besten wär’s, man nähte sie zu und schickte sie nach Hause, damit sie die letzten Tage im Kreise der Familie verbringen könne.

Da hatte es den zweiten Anpfiff gesetzt. Wenn man dem Kliniktratsch glauben durfte, war diese Aussprache ziemlich einseitig verlaufen. Der Chef hatte den Assistenzarzt zusammengefaltet, und Finkenschläger hatte kaum ein Wort der Rechtfertigung vorzubringen gewusst.

Und an allem war bloß die Gräfin schuld. Jedenfalls redete sich Finkenschläger das ein. Was brauchte die dumme Gans auch in Urlaub zu fahren und ihn hängenzulassen, wo aus der Verlobung nun doch nichts geworden war!

Er gehörte zu den Menschen, die stets und immer alle Schuld bei den anderen suchten und nie bei sich. Und ausgerechnet er musste durch eine vorlaute Bemerkung wieder die Aufmerksamkeit des Chefs auf sich ziehen. Zum Davonlaufen war das!

Noch immer sah er den Blick der traurigen blauen Auen auf sich gerichtet.

„Man wird ja noch einen kollegialen Scherz machen dürfen!“, sagte er leise, aber patzig.

„Dann halten wohl nur Sie Ihre geschmacklose Bemerkung für einen Scherz“, erwiderte Bettina Graf und klebte die Kopfhaube fest.

Finkenschläger fuhr wütend in die OP-Holzschuhe und schloss sich einer Gruppe an, die in den Waschraum hinüberwechselte. Allein dem Chef unter die Augen zu treten, dazu fehlte ihm der Mut. Die spitze Bemerkung von Winter bezüglich eines gewissen Jemand, der heute vielleicht nicht seine Pflicht im OP tat, hatte er sehr richtig auf sich bezogen. Und irgendwie schwante ihm Unheil.

Ein Medizinalassistent, ein schlaksiger Kerl mit Bart wie Rübezahl, blickte auf die zuklappende Tür vom Waschraum. Er wandte sich an die Ärztin. „Das war nicht gerade die feine Art von ihm. Letzte Woche hat es wieder was gegeben. Der Chef hat ihn ganz schön zusammengestaucht. Wenn Sie nicht im Urlaub gewesen wären ...“ Den Rest schenkte er sich.

Aber sie wusste Bescheid. Sie hatte Finkenschläger immer geholfen oder zu helfen versucht, hatte ihn mitgezogen, trotz seiner Nachstellungen, die mitunter schon peinlich waren. Nun war er also wieder mal ins Schwimmen geraten, und da war sie nicht zur Stelle gewesen, um ihn aus der Klemme zu ziehen.

Aha, darum seine verletzende Bemerkung!

Und gleich am ersten Tag, wo ihr sowieso zum Heulen war.

Sie bemerkte den neugierigen Blick des Medizinalassistenten, der auf ihre linke Hand gerichtet war. Sie kam seiner Frage zuvor. „Nein, ich habe mich nicht verlobt, wie Sie sehen.“

„So neugierig wollte ich gar nicht sein“, murmelte er und latschte auf klappernden Schuhen hinüber.

Der Umkleideraum leerte sich, dafür brauste das Geräusch lebhafter Unterhaltungen im Waschraum auf. Bettina konnte nicht länger warten. Sie ging hinüber.

Ihr erster Blick fiel auf Professor Winter. Er stand am Waschbecken, bürstete sich noch immer die Hände und schaute ihr freundlich und mit einem schmalen Lächeln entgegen. Mit dem rechten Ellenbogen deutete er auf das Waschbecken nebenan.

Sie wollte umkehren und davonlaufen. Sie fühlte sich nicht in der Verfassung, sich mit ihm zu unterhalten. Aber er wünschte es offensichtlich.

Fast gegen ihren Willen schlugen ihre Füße den Weg zu dem freigehaltenen Waschbecken ein. Ihr war, als seien ihr Wille und ihr Körper völlig voneinander getrennt.

„Guten Morgen, Herr Chefarzt“, sagte sie und spürte ein Würgen in der Kehle.

„Ich begrüße die zurückgekehrte Kollegin“, sagte er munter und bürstete weiter.

Ob er fragt?, überlegte sie.

Ängstlich wartete sie darauf, dass er sich nach der Verlobung erkundigte, oder dass er ihr gar in Verkennung der Situation gratulierte.

Er schwieg, und da begriff sie, dass ihm wohl schon mehr zu Ohren gekommen war als Finkenschlägers hässliche Bemerkung. Sie war ihm dankbar für die Zurückhaltung.

Hastig griff sie nach der Bürste, drehte die Hähne auf, regulierte die Temperatur des Wassers und pumpte Waschlösung aus dem Behälter.

„Jeden Morgen geht die Sonne auf, Kollegin“, sagte er unvermittelt. „Nur sehen wir sie meist nicht, weil der Himmel wolkenverhangen ist.“

Sie schluckte krampfhaft und nickte. „Ja, es muss wohl so sein.“

Er betrachtete sie von der Seite. Sie litt. Sie war seelisch auf dem Hund, dazu brauchte er kein großer Psychologe zu sein, um es zu erkennen.

Die Verlobung, von der die ganze Klinik geredet hatte, war also geplatzt. Sie tat ihm leid. Es drängte ihn, ihr etwas Tröstliches zu sagen. Er schätzte sie als befähigte Kollegin außerordentlich. Oberarzt Dr. Schimanski bezeichnete sie sogar als Naturtalent; er als Anästhesist, der die meiste Muße hatte, die Ärzte bei der Arbeit zu beobachten, musste es schließlich wissen.

Aber vielleicht wünschte sie gar nicht, dass er Anteilnahme bezeugte. Am besten war wohl, er steckte sie bis zu den Ohren in die Arbeit hinein und ließ sie kaum zur Besinnung kommen. Von dem weisen Spruch, dass die Zeit alle Wunden heilt, hielt er nicht viel. Arbeit heilt!

„Sie machen die Ovarialzyste, wie besprochen“, sagte er und ging zum Tank, um die Hände steril zu baden. Unterwegs blieb er stehen und wandte sich um. Dann kam er sogar zurück. „Oder möchten Sie, dass heute ein Kollege die Arbeit übernimmt?“

„Nein, nein“, erwiderte sie hastig und blickte starr geradeaus.

Dennoch sah er, dass ihre Augen feucht schimmerten. Muss ja wohl alles schief gegangen sein, dachte er besorgt. Ihr Freund scheint sie sitzengelassen zu haben!

Er ging zurück und badete die Hände in der Sterillösung.

Ich hätte vielleicht doch fragen sollen, dachte er. Manchmal hilft’s Wunder, wenn sich jemand den Kummer von der Seele reden kann!

Sein Blick fiel auf Finkenschläger, der sich eben von einer Schwester die Handschuhe überstreifen ließ. „Herr Kollege, Sie werden mir heute an meinem Tisch assistieren“, sagte er.

Finkenschläger zuckte zusammen und zog dann den Kopf ein. Die Unterhaltungen verstummten. Etwas braute sich zusammen!

2

Wenige Minuten vor sieben Uhr hatte das Team von Professor Winter die erste Patientin auf der Tabula liegen. Der Chef hatte diese Operation für sich reserviert. Am Vorabend war die Frau mit der Verdachtsdiagnose auf akuten Bauch vom Hausarzt eingewiesen worden.

Röntgen und Palpationsdiagnose hatten den Verdacht weder erhärten noch entkräften können. Wie sich das Krankheitsbild aber darstellte, lag wohl eine akute diffuse Entzündung eines großen Abschnittes der freien Bauchhöhle vor.

Schimanski stand hinter der Abdeckung und nickte. Von ihm aus konnte angefangen werden. Die eitrige Geschichte und der schwache Zustand der Patientin erforderten ein ganz besonderes Maß an Aufmerksamkeit und Überwachung.

Aber auch so hatte er es sich schon zur lieben Gewohnheit gemacht, dass er anästhesierte, wenn der Chef operierte.

Der Leib der Patientin war gelb eingepinselt. Manka, die treue Seele, instrumentierte. Dr. Simon-Stoll nahm ihren Platz ein, die übrigen Ärzte und Assistenten, die eingeteilt waren, gruppierten sich.

Ein Famulus schleppte eifrig eine Fußbank herbei und erklomm sie außerhalb des Sterilitätsbereiches, der besseren Übersicht wegen. Wenn der Chef operierte, war’s meist eine Lehrdemonstration. Und da Professor Dr. Winter nicht dozierte und wenig erklärte, musste man schon verteufelt genau hinsehen, um etwas mitzubekommen.

Am nächsten Tisch hatte die Arbeit schon begonnen. Dr. Graf nahm die Ovarialzyste in Angriff, eine Sache, die mit Nähen im Höchstfall eine Stunde dauerte.

Dr. Winter wandte den Blick wieder dem eigenen Team zu. Wortlos dirigierte er Finkenschläger neben Dr. Simon-Stoll. Dabei stieß der unbeholfene Mensch gegen den Eimer unter der Tabula, in dem die benutzten Bauchtücher zwecks Nachzählkontrolle gesammelt wurden. Finkenschlägers Augen baten um Entschuldigung. Da und dort gewahrte Winter ein Grinsen hinter den Mundschutztüchern.

Eine Schwester hatte die Untersuchungswerte, die das Labor über die Patientin geliefert hatte, auf eine Tafel geschrieben. Nebenan hing vor dem Leuchtkasten der letzte Satz Röntgenbilder. Eine Aufnahme mit Kontrastmittel und eine Leeraufnahme.

Manka trat aus dem Blickfeld, als sie bemerkte, dass der Chef einen letzten Eindruck von den Aufnahmen gewinnen wollte.

Zu diffus, überlegte Winter. Zu wenig scharf umrissen! Wenn wir bloß keine unangenehme Überraschung erleben! Vielleicht finden wir außer der Peritonitis noch etwas ganz anderes.

Er seufzte vernehmlich und wandte sich wieder der Patientin zu. Zwei OP-Schwestern hielten sterile Tücher bereit, um den Leib abzudecken, sobald das Operationsfeld festgelegt war.

„Fangen wir an!“, sagte Winter.

Jemand schaltete die Operationslampe ein. Helligkeit flutete von oben herab, die unvermeidliche Wärme, die von der Lampe mit den vielen Lichtquellen ausging, machte sich sofort bemerkbar.

Wenn man Stunde um Stunde unter der Lampe arbeitete, dann hatte man hinterher das schmerzhafte Gefühl, in einer sehr trockenen Gegend unter einer schweren Last gebeugt einen ganzen Tag lang der vom Himmel brennenden Sonne ausgesetzt gewesen zu sein.

„Herr Finkenschläger“, sagte Winter, „markieren Sie uns doch bitte, wo Sie den Schnitt legen würden.“

Der Assistenzarzt zögerte, dann schoben sich seine Hände vor. Manka reichte ihm den Markierstift. Er verlor ihn um ein Haar.

„Bitte, wir haben heute volles Programm!“, mahnte Winter höflich, doch bestimmt.

Finkenschläger bekam ein rotes Gesicht. Er fasste sich ein Herz und markierte auf dem Leib der Patientin schwungvoll den Bogen, der dem Schnitt entsprach, wie er ihn ziehen würde.

Professor Winter zog erstaunt die Brauen in die Höhe. „Was ist die Haut, Herr Kollege?“, examinierte er Finkenschläger.

Dermatologie hatte zwar nicht zu den Lieblingsfächern des Assistenzarztes gehört, aber mit einer derartig lächerlichen Frage konnte ihm nicht einmal der Chef imponieren. Er spreizte sich.

„Fettspeicher, Herr Professor. Dient weiter der Sekretion, der Resorption, der Reizübermittlung, der Wärmeregulation und der Umwandlung von Vitamin A.“ Er haspelte die Worte herunter wie aufgezogen.

Winter nickte. „Alles zutreffend, Herr Kollege. In erster Linie ist die Haut aber Schutzorgan, und darum würde ich an Ihrer Stelle nicht den Schnitt anlegen, als hätte ich es mit einem Stück Leder zu tun, dem es gleichgültig ist, in wie viele Teile ich es zerlege. Ein Weniger ist in diesem Falle dringend angezeigt. Reduzieren Sie den Bogen auf ein Viertel, bitte schön.“

Nun war es jedem klar, dass Finkenschläger seine längst fällige Lektion bekam. Personal und Mitarbeiter sagten dem Chef eine endlose Geduld mit Spätzündern nach. Wenn sich aber herausstellte, dass bei jemand wegen erwiesener Widerborstigkeit der Groschen nicht fallen wollte, dann konnte er sehr nachdrücklich werden. Mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen für den Betreffenden!

Finkenschläger blickte hilfesuchend in die Runde. Eine stämmige OP-Schwester, ein altbewährtes Semester, das ungezählten OP-Stürmen standgehalten hatte, nickte ihm aufmunternd zu. Er war dem späten Mädchen in diesem Augenblick dankbar für die Hilfestellung und nahm sich zusammen.

„Feuchtes Tuch, bitte!“, sagte er und streckte die linke Hand nach hinten. Jemand drückte ihm das Tuch in die plastikbehandschuhte Linke. So schwungvoll, wie er die Markierung angelegt hatte, entfernte er sie wieder und setzte eine neue. Kurz, knapp und haargenau auf den Punkt.

„Na also!“, meinte Winter, und so, wie er es sagte, klang es verdächtig nach einem Lob.

Es gab Medizinalassistenten und Assistenzärzte und manchmal auch ausgereifte Ärzte, die trauten der eigenen Courage und dem eigenen Können nicht und blieben ein Leben lang Mitläufer ohne eigenes Team. Sie waren gar nicht mal so selten zu finden.

„Skalpell!“, bat Winter.

Manka klatschte ihm das Instrument in die Hand. Winter zog den Schnitt. Der zermürbende, aufreibende Kliniktag hatte begonnen.

3

Zehn Minuten nach der Eröffnung warf Winter einen wilden Blick auf die Röntgenbilder. Es hatte sich was mit einer akuten diffusen Peritonitis! Er hatte es fast geahnt, dass mehr dahintersteckte.

„Absaugen!“, verlangte er. „Sie, Herr Finkenschläger.“

Der junge Arzt ließ sich die Absaugsonde reichen und senkte sie behutsam ins Operationsgebiet.

Ein scharfes Schnorcheln ließ das Team den Kopf heben und Dr. Winter unwillig die Brauen hochziehen. Finkenschläger beugte sich weit über die Eröffnung und fummelte mit der Sonde irgendwo in der Tiefe herum.

„Möchten Sie freundlicherweise die Sonde umplatzieren!“, sagte Winter energisch. „Was haben Sie hinter dem Bauchfell zu suchen? Dort arbeiten wir nicht. Ich möchte Ihnen das ins Gedächtnis rufen, falls Sie es vergessen haben.“

Finkenschläger wurde puterrot und korrigierte seinen Irrtum.

Winter beugte sich vor und begutachtete den Zustand der freigelegten Organe. Seine behandschuhte Rechte hob sich, der Zeigefinger krümmte sich und bedeutete Finkenschläger, ebenfalls einen Blick in die Tiefe des Leibes zu werfen.

Wie hypnotisiert starrte Finkenschläger auf den blutigen Handschuh. Dann folgte er dem Zwang des winkenden Fingers und schaute in die Eröffnung. Er wusste schon, was kam.

„Nun, Herr Kollege, was haben wir da?“, fragte Winter. „Ich fürchte, unsere Diagnose und das Röntgenbild können wir vergessen.“

„Einen einen Konglomerattumor?“, sagte der junge Arzt halb fragend und halb feststellend.

„Das ist mir zu ungenau“, meinte Winter. „Es sind zwar schon erkennbare Metastasen gesetzt, auch ist das gesamte Umfeld verdorben, aber ich hätte es doch gern etwas präziser. Also bitte!“

Finkenschläger wagte noch einmal einen gründlichen Blick. „Sieht nach malignen Peritonealgeschwülsten aus. Vielleicht ein Liposarkom“, schlug er vor.

„Nehmen wir eine Probe für die Pathologie“, entschied Winter. „Es könnte sich nach meiner Einschätzung auch um ein gutartiges Lipom handeln. Aber bitte, warten wir das Ergebnis ab.“

Er nahm eine Teilresektion vor, legte das herausgetrennte Gewebe in eine Glasschale und verlangte nach feuchten Tüchern, um die Eröffnung zu verschließen und vor dem Austrocknen zu bewahren.

„Können Sie sie halten?“, fragte er Dr. Schimanski, der bekümmert über die Abdeckung blickte.

„Ich denke doch“, meinte der Anästhesist. „Der Kreislauf ist zwar keine reine Freude, aber das Herz ist gut.“ Er wandte sich den Kontrollanzeigen zu und beobachtete eine Assistentin, die den Pulmonalispuls fühlte. Vertrauen in die Technik war gut, ein Rest menschliche Kontrolle war besser.

Im Hintergrund notierte eine Schwester gewissenhaft Uhrzeit und Grund der Operationsunterbrechung. Eine Laufschwester war mit der entfernten Gewebeprobe bereits unterwegs, um das Präparat in die Pathologie zur exakten Untersuchung expedieren zu lassen.

Der neugierige Famulus auf dem hohen Schemel machte Gleichgewichtsübungen und fiel um ein Haar von hinten in die Ärzte und Helfergruppe an der Tabula.

Na ja, dachte Winter, so habe ich auch herumgeturnt, und einmal ist es mir gelungen, mitsamt dem Schemel mitten in den OP zu fallen. Wie lange war das schon her?

Aber plötzlich war die Erinnerung lebendig, und er empfand noch einmal die Scham und die Verlegenheit, als er der Länge nach dalag und sein Primarius ihm mit gallenbitteren Worten empfahl, seine turnerischen Übungen gefälligst im Gymnastikraum seiner studentischen Verbindung zu absolvieren oder bei überschießenden Kräften einen Gang auf dem Paukboden zu machen.

Der Primarius hatte einer schlagenden Verbindung angehört, und mindestens einmal am Tag hatte er sich über den gesellschaftlichen Nutzen der korporierten Studentenschaft und den erzieherischen Wert der Pflichtmensuren auf dem Paukboden verbreitet. Und bei der Annahme, dass überschießende Kräfte für den bösen Sturz vom Schemel verantwortlich waren, war es dann auch geblieben. Winter hatte vom Professor Gelegenheit erhalten, die überschüssige Kraft sinnvoller anzuwenden. Eine ganze Woche lang hatte er zusätzlich zum Tagesdienst auch noch Nachtdienst schieben müssen.

Die Schwarte hatte ihm geknackt, und die beiden letzten Tage war er nur noch wie in Trance herumgelaufen, aber er hatte die Zähne zusammengebissen und keine Anzeichen von Schwäche erkennen lassen. Diesen Kniefall vor dem Alten hatte er sich erspart.

Und wie hatte der Primarius reagiert?

Er hatte ihn zu sich zitiert, hatte ihm wohlwollend auf die Schulter geklopft und gesagt: ,Aus Ihnen wird mal ein ausgezeichneter Arzt, Winter. Sie haben Ehrgeiz, Sie geben nicht auf. Gefällt mir, gefällt mir außerordentlich!' Damit war er entlassen gewesen.

Immer noch blickte er auf den balancierenden Famulus, die Gegenwart hatte ihn wieder. Er lächelte etwas wehmütig.

Wenn er runterfällt, kann ich ihn nicht zu einer Woche Nachtdienst verdonnern, dachte er. Die Zeiten sind heute anders. Und vielleicht ist das ganz gut. Zwangsarbeit macht letztlich nicht bessere Ärzte!

Eine Schwester drängte ihn etwas zur Seite. „Erlauben Sie, Herr Professor!“ Sie bückte sich unter den Tisch und notierte die Anzahl der Bauchtücher, die bereits im Eimer lagen. Sie schien ihre Liste gewissenhaft geführt zu haben, denn sie nickte zufrieden und wuselte emsig davon.

Richtig, dachte Winter und nickte versonnen, nun war er selber Primarius. Wie doch die Jahre dahinflogen und die Zeit verging! Bloß im OP schien sie stehenzubleiben.

Ungeduldig schaute er auf die Uhr.

Die Pathologie konnte das Ergebnis einer feingeweblichen Untersuchung nachreichen. Es kam häufig vor, dass eine zweite Operation angesetzt werden musste. Aber zumindest das grobe Ergebnis konnte doch nicht so lange auf sich warten lassen!

Finkenschläger sortierte die Wundhaken und reichte sie Manka. Wenn es nachher weiterging, wurden frische Haken verwendet.

Mit Blicken dirigierte Manka den Assistenzarzt. Die Absaugsonde lag noch auf der Abdeckung der Patientin.

Hastig reichte Finkenschläger sie zurück. Eine Assistenzschwester sterilisierte die Sonde und schob sie in die Haltevorrichtung.

Zehn Minuten!

Am zweiten Tisch arbeitete Dr. Graf und dirigierte mit leisen Anweisungen ihr Team. Sie war ein sanfter Charakter, bestimmt, fröhlich, freundlich. Vor allem aber war sie zuverlässig.

Professor Winter ließ die zielstrebige Betriebsamkeit auf sich wirken. Die Art der Kollegin war reines Nervenbalsam. Er konnte sich gut vorstellen, wie sie immer die schützende Hand über Finkenschläger gehalten hatte und wohl auch in Zukunft hielt.

Schade, dass es mit ihren Plänen nicht nach Wunsch gegangen ist, dachte er. Sie ist ein lieber Kerl und eigentlich viel zu hübsch für den Mann, an den sie sich seit zwei Jahren gehängt hat.

Ein Gefühl sagte ihm, dass es sich nicht nur um eine momentane Verstimmung handelte. Etwas musste während des Urlaubes passiert sein. Etwas so Schwerwiegendes, dass die Verlobung nicht zustande gekommen war.

Ob’s an ihr gelegen hat?

Das konnte er sich nicht vorstellen, aber wer war schon in der Lage, seinem Nachbarn hinter die Stirn zu schauen?

Er ertappte sich dabei, dass er für Dr. Graf Partei nahm und gegen ihren Freund Stellung bezog.

Dabei kannte er den Mann kaum. Vom Sehen, ja. Zehn oder zwölfmal hatte er die Gräfin an der Klinik abgeholt, mehr ungeduldig als ein verständnisvoller Liebhaber.

Die Gräfin brauchte keinen Liebhaber, sondern einen Freund, einen Kumpel, der mit ihr durch dick und dünn ging und auch ihren Nachtdienst in Kauf nahm. So sah er die Sache.

Aber reinreden wollte er ihr nicht. Das Privatleben seiner Mitarbeiter ging ihn nichts an. Womöglich wurde es ihm als unerwünschte Einmischung ausgelegt. Oder jemand vermutete dahinter mehr als nur kollegiale Hilfestellung.

Das Telefon ging.

Winter hob interessiert den Kopf. Eine Laufschwester nahm den Hörer ab.

„Ein Notfall, Herr Professor!“, meldete sie.

Auch das noch! Der Montag begann wenig verheißungsvoll.

„Verständigen Sie Doktor Pusch!“, sagte er. „Was ist es?“

Die Laufschwester erkundigte sich. „Eine Sturzgeburt, Herr Professor!“

„Nach OP zwei. Vielleicht tritt uns die Chirurgie oder die Innere einen Tisch ab.“ Er zögerte, dann fügte er hinzu: „Ich komme gleich mal selber rüber.“

Sein Blick ging zur Uhr.

Zwölf Minuten!

Die Pathologie schien noch nicht voll auf Touren zu sein.

Er wandte sich der Tabula zu. Dr. Simon-Stoll blickte ihn fragend an.

„Übernehmen Sie vorläufig, Kollegin!“, sagte er. „Sobald der Befund da ist, verständigen Sie mich.“

Er wechselte nach OP zwei über.

Finkenschläger war heilfroh, dass er nicht mitzugehen brauchte. Er grinste in die Runde, aber es sah nicht überzeugend aus. Und die vergnügte Stimmung, die er vortäuschte, kaufte ihm niemand ab.

Die Patientin wurde nach wenigen Minuten in den Raum gerollt. Das Frischgeborene hatte man ihr mit Folie umhüllt auf den Leib gelegt.

Ein unbekanntes, etwas grobes Gesicht. Harte Augen schauten Winter an.

Eine robuste Frau, urteilte er. Leider auch robust dem jungen Leben gegenüber, das sie ausgetragen hatte.

Dr. Pusch eilte herein und brachte mit einem letzten Zupfen die Handschuhe an den richtigen Platz. Hinter ihr erschien Oberarzt Dr. Mittler.