Beschreibung

Jede Geschichte hat zwei Seiten. Und jede Liebe ihr Geheimnis.
Als Orla am Valentinstag einen Brief von ihrem Freund erhält, rechnet sie fest mit dem lang ersehnten Heiratsantrag. Doch bevor sie den Umschlag öffnen kann, kommt der schreckliche Anruf: Sim ist in London auf der Straße zusammengebrochen. Er ist tot.
Orla steht unter Schock. Wie soll sie weiterleben ohne Sim? Und warum rät ihr sein bester Freund so eindringlich, die Valentinskarte nicht zu öffnen? Orla war doch Sims große Liebe. Und er ihre.
Als Orla krank vor Kummer nach London reist, um mehr über Sims letzte Tage zu erfahren, wird ihr klar, wie wenig sie ihren Freund kannte. Und noch bevor sie Sims Valentinskarte öffnet und seine letzten Worte liest, ist sie selbst ein anderer Mensch geworden …
«Witzig, weise und originell.» (Katie Fforde)
«Sie werden sich durch dieses Buch lachen und weinen: hochoriginell und bewegend.» (Closer)
«Eine temporeiche Geschichte mit vielen unerwarteten Wendungen.» (Image Magazine)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 552


Juliet Ashton

Ein letzter Brief von dir

Roman

Aus dem Englischen von Silke Jellinghaus und Katharina Naumann

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Jede Geschichte hat zwei Seiten. Und jede Liebe ihr Geheimnis.

 

Als Orla am Valentinstag einen Brief von ihrem Freund erhält, rechnet sie fest mit dem lang ersehnten Heiratsantrag. Doch bevor sie den Umschlag öffnen kann, kommt der schreckliche Anruf: Sim ist in London auf der Straße zusammengebrochen. Er ist tot.

Orla steht unter Schock. Wie soll sie weiterleben ohne Sim? Und warum rät ihr sein bester Freund so eindringlich, die Valentinskarte nicht zu öffnen? Orla war doch Sims große Liebe. Und er ihre.

Als Orla krank vor Kummer nach London reist, um mehr über Sims letzte Tage zu erfahren, wird ihr klar, wie wenig sie ihren Freund kannte. Und noch bevor sie Sims Valentinskarte öffnet und seine letzten Worte liest, ist sie selbst ein anderer Mensch geworden …

 

«Witzig, weise und originell.» (Katie Fforde)

 

«Sie werden sich durch dieses Buch lachen und weinen: hochoriginell und bewegend.» (Closer)

 

Über Juliet Ashton

Inhaltsübersicht

WidmungSims TagebuchGrafschaft Dublin 14. Februar 2012 07:18 UhrLondon 14. Februar 2012 06:05 UhrKapitel einsKapitel zwei21. Oktober 2011 ...Kapitel drei14. Oktober 2011 ...Kapitel vier10. Mai 2011 ...Kapitel fünf14. Februar 2009 ...Kapitel sechsKapitel siebenKapitel acht14. Februar 2010 ...Kapitel neun13. November 2011 ...Kapitel zehnKapitel elfKapitel zwölf11. Februar 2012 ...Kapitel dreizehnKapitel vierzehnKapitel fünfzehn14. Oktober 2011 ...Kapitel sechzehnKapitel siebzehnKapitel achtzehnKapitel neunzehn28. Oktober 2011 ...Kapitel zwanzig1. November 2011 ...Kapitel einundzwanzigKapitel zweiundzwanzigKapitel dreiundzwanzigKapitel vierundzwanzigKapitel fünfundzwanzigKapitel sechsundzwanzigKapitel siebenundzwanzigKapitel achtundzwanzigKapitel neunundzwanzigKapitel dreißigKapitel einunddreißig31. Dezember 2011 ...Kapitel zweiunddreißigKapitel dreiunddreißig1. Januar 2012 ...Kapitel vierunddreißigKapitel fünfunddreißig14. Januar 2012, fünf ...Kapitel sechsunddreißigDanksagungLeseprobe: Juliet Ashton – Immer wieder du und ichPrologDas ist wirklich ...Beccas Partys waren ...Kate lehnte sich ...

Uncle Sam, dieses Buch ist für dich!

Sims Tagebuch

13. Februar 2012

 

Ich brauche ein Ja von dir, Schatz. Sag laut und aus vollem Herzen JA!

Grafschaft Dublin 14. Februar 2012 07:18 Uhr

Orla hatte die geradezu unheimliche Fähigkeit, immer genau zu wissen, wie viel Uhr es war. Und so wusste sie schon in der Sekunde, in der sie erwachte, dass es nur noch ein paar Minuten dauern würde, bis der Wecker losrasselte. Sie kniff die Augen fest zusammen und klammerte sich trotzig an die Nacht. Im Schlafzimmer war es dunkel, die Welt draußen noch still. Man hörte nur das Zwitschern der Schwalben im großen, kahlen Baum vor dem Fenster.

Heute war … welcher Wochentag? Dienstag? Orla stöhnte. Dienstag bedeutete Sportunterricht. Achtundzwanzig Siebenjährige, die mit roten Nasen und Knien auf eiskaltem Asphalt von einem Fuß auf den anderen hopsten und jammerten: «Können wir jetzt endlich wieder rein, Miss Cassidy?» Orla wickelte sich fester in ihre Bettdecke. Auf dem Acker hinter dem Haus rülpste der Auspuff eines Traktors. Sie lächelte in sich hinein. Irische Verkehrsrowdys. Das würde sie später Sim erzählen, wenn sie skypten. Er würde das bestimmt lustig finden.

Sim war leicht zum Lachen zu bringen, aber Orla war trotzdem immer ein bisschen stolz, wenn sie ihm ein Kichern entlockte. Sie erkannte sein echtes Lachen sofort, es war irgendwie satter als sein höfliches, diplomatisches Lachen. Orla liebte Sims Kichern. Und sie vermisste es.

Jahrelang hatte sich ihr Freund mit gelegentlichen Auftritten in Dubliner Theatern über Wasser gehalten, bis er endlich die Hauptrolle im neuesten Kostümfilm der BBC ergatterte. Das war sein großer Durchbruch. Die Rolle passte perfekt zu Sim – er musste Satinkniehosen tragen, reiten und kraft seines Lächelns Herzen brechen, und seine Kollegen platzten fast vor Neid. Mit der Marketingwucht der BBC im Hintergrund bedeutete die Rolle einen echten Karriereschub. Orla war überglücklich gewesen, als er ihr die Neuigkeit eröffnete. Sie war auf und ab gehüpft, hatte in die Hände geklatscht und ihn von oben bis unten abgeküsst – bis sie hörte, dass er für fünf Monate nach London ziehen würde.

«Komm doch mit!», hatte Sim mit funkelnden Augen vorgeschlagen. Er las niemals das Kleingedruckte des Lebens.

«Aber mein Job», hatte Orla gesagt. «Mein Zuhause. Meine Familie. Und, nicht zu vergessen, meine geistige Gesundheit.»

Sie hatte keine Lust, ein Ersatzteil in seinem Leben zu sein, und trotz seines Bittens und Bettelns blieb sie bei ihrer Entscheidung. Auch eine verliebte Frau musste schließlich vernünftig sein, und seine Abwesenheit hatte ja auch gewisse Vorteile. Die Fahrerei nach Dublin zwei- oder dreimal in der Woche würde sie nicht vermissen, und ganz sicher konnte sie auch auf Sims Murren über die ewig verstopfte Autobahn verzichten, wenn er herausfuhr, um sie in Tobercree zu besuchen. Wenn Sim in London war, konnte Orla die Abende ganz nach ihrem Geschmack verbringen: Reality-TV gucken, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, die unförmigen Schlafanzüge tragen, die er Liebestöter nannte, und Toast zum Abendbrot essen.

Das waren allerdings recht kümmerliche Vorteile, verglichen mit all dem, was sie vermisste. Das Kratzen seiner Bartstoppeln. Den wunderschönen Schwung seines schlanken Rückens in ihren zerwühlten Laken. Den Klaps auf ihren Hintern, den er ihr jedes Mal gab, wenn sie an ihm vorbeiging. Sie tat dann immer empört, aber heimlich freute sie sich darüber, und die neckische Rangelei, die darauf folgte, genoss sie noch viel mehr.

Der Wecker tanzte auf dem Bücherturm, der neben ihrem Bett stand. Orla streckte eine Hand aus und brachte ihn zum Schweigen, die Augen immer noch stur zusammengekniffen. Eingehüllt in ihren geblümten Flanellpyjama, konzentrierte sie sich darauf, den Tag noch von sich fernzuhalten und ihn daran zu hindern, in ihr gemütliches Nest zu dringen. Sie würde heute Morgen einfach auf die Dusche verzichten und dadurch zehn Minuten einsparen. Wenn sie Coco Pops statt eines gekochten Eis aß, würde sie weitere fünf Minuten gewinnen. Das machte fünfzehn gestohlene Minuten, in denen sie von ihrer bevorstehenden Reise träumen konnte.

Drei ganze Tage zusammen mit Sim in London. Sie würden in den großen roten Doppeldeckerbussen fahren, den Buckingham Palace besuchen und jede Menge Sex haben. Es würde wunderbar werden, und das wurde auch Zeit. Orla hatte die Auswirkungen der räumlichen Trennung auf ihre Beziehung unterschätzt. Sie hatten sich seit Neujahr nicht mehr gesehen … Orla schob die Erinnerung daran hastig beiseite und drehte sich auf die andere Seite, nur um dort kalte Laken zu ertasten, genau an der Stelle, wo eigentlich Sim hingehörte.

Sie drehte sich wieder zurück.

Es klingelte an der Tür. Das unverwechselbar eindringliche Klingeln des Postboten.

Dann schrillte das Telefon.

Offenbar hatte sich die ganze Welt verabredet, Orla aus dem Bett zu jagen.

Ein Gedanke, nebulös und unscharf, nahm zögernd Gestalt an. Irgendetwas stand heute doch an, oder? Sie lag ganz still, die Lider fest geschlossen, und ließ ihr erwachendes Hirn die Antwort finden.

Es war Valentinstag. Das machte die Sportstunde natürlich wett.

Orla öffnete die Augen.

London 14. Februar 2012 06:05 Uhr

Sim war einfach kein Morgenmensch. Er hatte es immer schon gehasst, sich aus seinem großen, warmen Bett quälen zu müssen. Die harten Konturen der frühmorgendlichen Straße beleidigten geradezu seine Sinne, und er sehnte sich danach, zurück nach Hause zu gehen und sich wieder unter die Bettdecke zu kuscheln.

Es versprach ein arbeitsreicher Tag zu werden, aber nicht von der Art Arbeit, die er genoss – Proben oder Filmen oder von den hübschen jungen Mädchen vermessen zu werden, die ihm tuntige Kostüme anpassten –, sondern von der Sorte, die er hasste: ein Treffen mit seinem Steuerberater, ein Briefing mit dem Typen von der PR und dann ein langes, wichtiges Mittagessen mit … ach, mit irgendjemandem, Sim konnte sich nicht erinnern, mit wem.

War es eigentlich normal, dass ihm seine Gedanken ständig entglitten?

Eins allerdings hatte er sehr präsent: Es war Valentinstag. Deshalb war er auch so früh aufgestanden. Die Post von heute würde sein Schicksal besiegeln, auf die eine oder andere Weise.

«Oh.» Sim stolperte. Ihm war übel, er fühlte sich matt und gerädert.

Hatte er gestern doch mehr getrunken, als er sich erinnern konnte? Nein. Es war ein beherrschter, zivilisierter Abend gewesen. Er hatte hinterher sogar noch in sein Tagebuch geschrieben. Orla verdrehte immer die Augen, wenn er das tat. Sie behauptete, das sei eine angeberische Angewohnheit (ein «selbstherrliches, affektiertes Klischee» hatte sie es genannt, soweit er sich erinnerte), aber eigentlich war sie nur sauer, weil er es sie nicht lesen ließ, und sie würde ihre Worte sicher sofort zurücknehmen, wenn Hollywood das Tagebuch für seine Memoiren kaufte. Wie auch immer, Reece hätte es niemals zugelassen, dass er sich unmittelbar vor einem wichtigen Tag zügellos betrank. Aufpassen gehörte schließlich zur Aufgabe eines Agenten. Sie hatten ein Dinner in Reeces Club gehabt, nach dem Essen nur einen Brandy, und dann war er allein nach Hause gegangen. Eigentlich hätte er sich gar nicht so merkwürdig, so … schwummerig fühlen dürfen. Der lustige Ausdruck passte an dieser Stelle perfekt. Sim dagegen passte irgendwie nicht in seine eigene Haut.

Seine Glieder zitterten, und er musste plötzlich an die endlose professionelle Dürre seines Dubliner Lebens denken, daran, wie lange er davon geträumt hatte, irgendwann einmal eine herausragende Fernsehrolle an Land zu ziehen. Jetzt, da der Traum wahr geworden war (so abgedroschen es klang), durfte er sich nicht beklagen. Aber sich selbst gut zuzureden war nicht dasselbe, wie wenn Orla da gewesen wäre, um es für ihn zu tun, mit ihrem speziellen sexy Tonfall, der irgendwo zwischen Enttäuschung und Veräppeln lag.

Er durfte jetzt nicht an Orla denken. Heute würde sich sein Leben in die eine oder in die andere Richtung entwickeln, das lag jetzt nicht mehr in seiner Hand.

Die Übelkeit ließ nach und machte einer leichten Benommenheit Platz. Er blieb stehen, um sich kurz gegen einen Laternenpfahl zu lehnen, blinzelte heftig, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und wartete, bis der Schwindel verging.

Tee. Orla verordnete ihm immer Tee, und sie hatte recht. Tee hatte eine geradezu magische Wirkung, den nur die Iren zu schätzen wussten. Er würde sofort um eine Tasse bitten, wenn er ankäme.

Aber als er weiterzugehen versuchte, versagten ihm die Knie. Die Knochen in seinem Körper waren irgendwie zu Gelee geworden. Er umarmte den Laternenpfahl. Seine Haare waren schweißnass, und dennoch war ihm eiskalt. Ein besonders aufdringlicher Müllwagen rollte vorbei und verschwand in der Ferne. Sein einsames Rumpeln hallte in Sims Ohren wider. Mit geradezu übermenschlicher Anstrengung tat er einen Schritt und bereute es sofort wieder, denn sein Körper rebellierte und sackte in sich zusammen.

Er streckte die Hände aus, griff aber ins Leere, und es gab nichts, was seinen Fall hätte aufhalten können. Das letzte, sonderbare Geräusch, das er hörte, war ein eigentümliches Gurgeln, das aus ihm herausbrach, weil der Schmerz in seiner Brust so heftig war.

Der Bürgersteig drückte gegen seine Wange.

Sim schloss die Augen.

Kapitel eins

Orlas Morgen hatte sich in einen Horrorfilm verwandelt. In Zeitlupe öffnete sie die Haustür, das Telefon ans Ohr gepresst. Orla starrte den Briefträger an, als wäre sie ein viktorianischer Forscher und er ein Nashorn. Seit sie ein Kind gewesen war, brachte er ihr die Post an die Tür, aber heute erkannte sie ihn kaum. Ihre Welt war geschrumpft und hatte alles ausgelöscht bis auf die Stimme in ihrem Ohr.

Der Briefträger hielt ihr einen großen, sehr rosafarbenen Umschlag hin. «Dreimal darfst du raten, von wem er ist!» Mein Gott, was war er heute wieder fröhlich. Sie hatte ihn oft genug um seine Lebensfreude beneidet, und das trotz der frühen Stunde und des keltischen Wetters.

Orla nahm den Brief und starrte auf ihren Namen und die Adresse, als ob es Sanskrit wäre. «Reece», sagte sie in den Hörer. «Könntest du das bitte wiederholen?»

«Ich sagte», flötete der Postmann, der glaubte, dass er gemeint sei, «kein Zweifel, das ist ein Valentinsgruß von deinem Sim!»

«Sim», sagte die vornehme Stimme aus London, «ist vor fünfundfünfzig Minuten verstorben. Man konnte nichts tun. Es tut mir so leid.»

«Öffne sie doch!», sagte der Briefträger augenzwinkernd. «Öffne sie und zähle die Küsse! Ach! Junge Liebe!»

Orla knallte die Tür zu und durchquerte den Flur, um sich auf das Küchenlinoleum zu übergeben. Vom Fensterbrett schaute die Nachbarkatze mürrisch auf sie herunter und trollte sich dann. Von Orla war heute offenbar kein zweites Frühstück zu erwarten.

Der rosafarbene Umschlag trudelte auf den Boden.

 

Du kannst nicht ewig auf dem Fußboden sitzen bleiben. Der Gedanke ließ Orla endlich aufstehen.

Sie schaute sich um. Die Welt war in ein anderes Licht getaucht. Die Becher auf dem Abtropfgitter, ihre To-do-Liste am Kühlschrank, das karierte Hügelchen des Geschirrtuchs, das sie auf dem Küchentisch hatte liegen lassen – alles sah irgendwie trüb aus. Als hätte ein Himmelswesen einen Schalter umgelegt und Orla in eine neue, graue Wirklichkeit geworfen.

Sie war vollkommen durcheinander. Sim. Sie sprach seinen Namen laut aus, immer und immer wieder, wie eine Beschwörung. Sie griff nach dem Telefon, um ihn anzurufen, und schleuderte es dann auf den Boden. Sie ging von Zimmer zu Zimmer und rieb sich die Arme, als ob sie sich wie einen Fleck wegreiben könnte. Orla lief, änderte die Richtung, setzte sich hin, stand wieder auf. Sie schüttelte den Kopf, als ob sie es sich damit begreifbarer machen könnte. Ihr Sim konnte nicht fort sein. Das konnte einfach nicht sein.

Sie wollte sich die Kleider vom Leib reißen, sich Löcher in die Brust bohren. Das hier musste ein Traum sein.

Erleichtert bemerkte sie, dass sie noch ihr Bett machen musste. Das Badezimmer musste in Ordnung gebracht werden. Sie hob die Bettdecke vom Boden auf, hantierte damit herum, faltete sie zusammen. Sie wischte die Fliesen im Bad gründlich ab und bemühte sich, auch wirklich jeden Wassertropfen zu erwischen.

Ihr ganzer Körper dachte an Sim. Ihr Kopf konnte keinen Gedanken lange genug festhalten, als dass sie ihn hätte zu Ende denken können, aber ihr Körper, vielleicht ihr ganzes Sein, war von Sim durchdrungen. Er war in den Staubkörnchen, die in den Sonnenstrahlen schwebten und durch das Schlafzimmerfenster fielen. Er war das weiche, knubbelige Gefühl der Badematte unter ihren Füßen. Er war Farbe, er war Klang.

Er konnte doch nicht fort sein.

Orla machte sich gerade eine Tasse Tee, als sie wie unter Wasser das Türklingeln hörte.

«Hey, wie geht’s!» Juno trat mit der Selbstverständlichkeit einer alten Freundin über ihre Schwelle. «Ich war grad auf dem Weg zum Fitnessstudio, faule Nuss, die ich bin, und da hab ich dein Auto in der Einfahrt gesehen. Was ist los? Grippe? Liebeskummer?» Sie presste den Handrücken gegen die Stirn und tat so, als fiele sie in Ohnmacht, richtete sich aber sofort wieder auf, als sie Orlas Gesicht sah. «Oh, nein! Es ist tatsächlich was passiert.»

«Tee?», fragte Orla mechanisch und ging an Juno vorbei in die Küche. Sie öffnete den Kühlschrank. Das Essen darin sah aus wie die Lebensmittel im Puppenhaus ihrer Kindheit – bemalte Klumpen. Sie konnte sich überhaupt nicht mehr vorstellen, Essen zu schmecken.

«Ist es dieser Infekt, der gerade umgeht?», fragte Juno.

«Ich hatte Schokokekse, aber die sind alle weg.»

Das hier, dieses Vorschützen von Normalität für Juno, war allemal besser als die hässliche Verwirrung von eben, und Orla hielt sich daran fest. Sie versuchte, den Moment, in dem sie die Worte laut aussprechen musste, so weit von sich fortzuschieben, wie es ging.

«Ich hab keinen Hunger», sagte Juno und schwang sich auf die Arbeitsplatte.

«Deine Frisur sieht super aus», sagte Orla zu ihrer Freundin.

Haare. Als ob Haare auch nur irgendwas bedeuteten. Sie erhaschte einen Blick auf sie beide in der Chromabdeckung der Dunstabzugshaube. Junos Haare waren von einem feurigen Rot, ihr Gesicht strahlte. Orlas Gesicht dagegen war ein pergamentartiger Fleck unter schwarzem Haar. Sie kämmte mit den Fingern durch die Strähnen. Es fühlte sich so fremd an.

Juno plapperte, erzählte, nahm das Salzfässchen und streute sich etwas daraus auf die Hand. Sie war so lebendig, dass es fast wehtat, sie anzusehen. Orla wandte sich ihrem eigenen Spiegelbild zu, einem bleichen Geist, der durch die Küche spukte. Sie fragte sich, wie Sim jetzt wohl aussah. Nicht sein Körper, sondern sein Wesen. Bisher war er sein Körper gewesen, jetzt war er … Orla wusste nicht, wie sie diesen Gedanken zu Ende denken sollte, also kehrte sie schnell zu der wunderbaren Banalität von Junos Plaudern zurück, versuchte, ihre Sätze zu erfassen.

«Verstreu hier kein Salz, Ju, das bringt Unglück.» Ihre Lippen klebten an den Vorderzähnen. Sie drückte einen Teebeutel aus und trug ihn feierlich zum Mülleimer. Sie trat auf den Fußhebel, der Eimer öffnete sich, und der Teebeutel fiel daran vorbei auf den Boden.

Orla ließ den Löffel fallen. Ein schreckliches Geräusch drang tief aus ihr heraus, wie ein Tier, das aus einem engen Käfig gelassen wurde, wie etwas, das schreckliche Angst davor hatte, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden.

 

«Das kann nicht sein.» Juno wiederholte es immer wieder. «Das kann einfach nicht sein.»

Juno und Sim hatten sich immer gegenseitig misstraut, jeder hatte an dem anderen herumkritisiert, beide verübelten dem jeweils anderen seine Bedeutung für Orla, ihr geliebtes Schweinchen in der Mitte.

Orla beneidete Juno um ihre Reaktion. Sie war so schlüssig. Sie weinte zwar heftig, aber Orla spürte, dass das bald aufhören würde. Irgendwann würde sich Juno die Tränen abwischen, sich einmal schütteln und sich anderen Dingen zuwenden, während Orla ein Webfehler im Gewebe der Zeit war: Vor ihr lag kein Weg, sondern nur dieses endlose Jetzt. «Sein Agent hat mich angerufen. Es ist …» Es fiel ihr schwer, das auszusprechen. In einem Meer der Verzweiflung hasste sie diese Einzelheit mehr als alles andere. «… auf der Straße passiert.»

«Aber was ist eigentlich eine Lungenembolie?» Junos fünftes Taschentuch war vollkommen durchweicht, und sie nahm das neue, das Orla ihr hinhielt. Sie hockte in ihrer engen Sportkleidung da wie eine Spinne. «Er war doch gar nicht krank. Oder? Sim ist doch nie krank.»

«Keine Ahnung, was eine Lungenembolie ist.» Es war ihr auch gleichgültig. Es hatte ihn umgebracht. Es hätte auch eine Pistolenkugel oder ein Schlaganfall sein können: Wissen half hier nicht weiter. Selbst wenn Orla Irlands führende Autorität auf dem Gebiet der Lungenembolie wäre, würde Sim dennoch tot bleiben.

«Hast du mit deiner Ma gesprochen?» Da war er, dieser entschiedene Schnaufer: Juno sammelte sich wieder.

«Noch nicht.»

«Ich rufe sie für dich an.» Juno stand auf. «Und dann deine Schule.» Sie war wieder ganz bei sich, wenn auch ein wenig erschöpft. «Du kommst darüber hinweg», sagte sie, und es klang fast wie eine Drohung. «Du hast mich, du hast deine Ma und deine Familie und deine Schüler und alle. Wir kriegen dich da durch.»

Aber wie?, war alles, was Orla denken konnte. Juno meinte es gut, aber wie um alles in der Welt sollte sie «darüber hinwegkommen», dass sie Sim verloren hatte, ohne, nun ja, Sim?

«Was ist das denn?» Juno bückte sich und hob ein rosafarbenes Rechteck auf. «Oh, das ist ja …» Sie biss sich auf die Lippe und warf Orla einen entschuldigenden Blick zu.

«Die hatte ich ganz vergessen.» Orla nahm die Valentinskarte und hielt sie ehrfürchtig in den Händen. «Oh», machte sie, einen süßen Laut, das erste nichthässliche Geräusch, das sie seit dem Anruf gemacht hatte. «Die ist von Sim.»

 

Hausarbeit war ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, etwas, was sie früher getan hatte. Das Cottage schlummerte unter einer sechs Tage alten Staubschicht. Miss Orla Cassidy hing, in eine Decke gehüllt, auf dem Sofa und starrte ausdruckslos auf den Fernseher, der ungehört vor sich hin jodelte. Sie sah nur Sim, als ob ihr Gehirn ein Filmprojektor wäre, der nur alte Filme zeigen konnte.

Die Hilfstruppen hatten sich formiert. Die Schule verhielt sich «super», wie Orla es ausdrückte, und ließ ihr so viel Freiraum, wie sie brauchte. Die Cassidys zogen alle am gleichen Strang und brachten ihr Aufläufe und Biskuitkuchen und boten ihr so viel familiäre Hilfe an, wie sie sich nur wünschen konnte. Das Essen wanderte direkt in den Mülleimer, die Angebote vergaß sie.

Der rosafarbene Umschlag stand zwischen den Ryanair-Tickets mitten auf dem Kaminsims, noch immer ungeöffnet. Er war ständig in Bewegung und begleitete Orla vom Nachttisch zum Badezimmerschränkchen und zum Küchenregal. Er war ein Symbol, aber wofür es stand, wusste sie noch nicht. Sie geriet in Panik, wenn sie ihn einmal nicht mehr sehen konnte, aber es kam gar nicht in Frage, ihn zu öffnen. Sie wusste, was sie da lesen würde. Und es würde sie umbringen.

Wenn mich nur, dachte sie mit genau dem erbärmlichen Selbstmitleid, das sie so hasste, wenn mich nur wirklich etwas umbringen würde.

Sim war gut im Kartenschreiben. Er ließ es niemals bei einem hastig hingekritzelten «Hab dich lieb» oder einer eiligen Unterschrift bewenden. All seine geschriebenen Botschaften an Orla waren sorgfältig durchkomponiert. Sie las sie immer wieder und hatte erst neulich eine flache Schachtel gekauft, in der sie sie aufbewahrte. Groß, türkis-cremefarben gestreift, war sie so auffällig wie eine Hutschachtel aus der Zeit Edwards des VII. Jetzt stand sie Tag und Nacht offen auf dem Couchtisch.

Immer wieder angelte Orla darin herum. Sein erstes «Ich liebe dich» auf einer Hello-Kitty-Karte (er kannte all ihre heimlichen Laster). Es fiel ihr schwer, sie jetzt anzusehen, aber dennoch las sie sie zigmal am Tag, ebenso wie die Karte mit Al Pacino darauf, in der er nach einem längst vergessenen Streit leidenschaftlich um Vergebung bat, und seine Ode an die dunklen Tiefen ihrer Haare, die so verführerisch über ihre nackten, sommersprossigen Schultern flossen. Er hatte sie auf einer Snoopy-Karte verewigt.

Irgendwo in der Schachtel lag auch die Karte, die er ihr an seinem zweiten Tag in London geschickt hatte. Darauf waren winzig kleine Fotos roter Telefonzellen, des London Eye, Soldaten mit Bärenfellmützen und eine Taube abgebildet.

Warum die Taube? (Er hatte einen Pfeil gemalt, der auf den Vogel zeigte.) Die Wohnung ist GROSSARTIG. Du würdest sie lieben. Ja, runzel ruhig die Stirn, das würdest du verdammt noch mal tun. Die Gegend ist sehr, sehr LONDON. Kosmopolitisch, vibrierend, voller Leben. Sehr Sim! Und sie könnte auch sehr Orla sein, wenn du nicht so eine sture alte Schrulle wärst. Was für ein Glück, dass ich sture alte Schrullen sehr, sehr sexy finde. X

Die Angelaktion des heutigen Morgens hatte eine glänzende Reproduktion eines alten Fotos vom St. Stephen’s Green ergeben, dem berühmten Parkstreifen direkt im Zentrum von Dublin. Er hatte sie ihr 2010 geschickt.

Zieh mit mir zusammen. Na los! Zieh mit mir zusammen und sei meine große Liebe. Es ist billiger, gemütlicher, viel, viel kuscheliger (du weißt doch, was ich mit kuschelig meine, oder?). Ich halte es nicht aus, eine Minute länger als unbedingt nötig von dir getrennt zu sein. Ich mache einen Kleiderschrank und eine Schublade für dich frei und sogar ein ganzes Regalbrett im Badezimmer. Du kannst für mich kochen. Wir werden ohne Ende Spaß haben!

Mit großen Augen hatte Orla diese Einladung ausgeschlagen. «Bist du verrückt geworden? Ich soll mit dir im Keller deiner Eltern wohnen? Stell dir mal vor, was deine Mutter sagen würde. Also, das sehe ich nicht, Simeon Quinn.» Darauf hatte Sim auf einem Notizzettel mit dem Aufdruck einer Wohltätigkeitsorganisation geantwortet. Er hatte erklärt, dass er ohne die finanzielle Unterstützung «der Alten» (wie er sie nannte) nun mal nicht klarkäme, aber sobald der große Durchbruch da sei, der Ruhm und das Geld, würden er und Orla ein großes Haus kaufen, er würde ihr einen Heiratsantrag machen, und sie würden gemeinsam zum Altar tanzen, die Babygeschichte erledigen und überhaupt so glücklich sein, wie es zwei normale Menschen nur sein konnten.

Der große Durchbruch war tatsächlich gekommen – Orlas Zweifel waren widerlegt, Sims Selbstvertrauen bestätigt –, und jetzt lag hier die Valentinskarte, in der eine ungehörte Frage pochte. Jede andere Nachricht von Sim hatte sie ungeduldig aufgerissen und verschlungen, aber Orla wusste immer noch nicht, ob sie diese hier lesen sollte. Seine letzte.

Würde sie sie vielleicht trösten? Wäre es nicht wundervoll, ihn ein letztes Mal zu hören, wenn auch nur in ihrem Kopf?

Nein, entgegnete sie, das wäre es verdammt noch mal nicht. Warum sollte sie sich diese Qual zumuten? Warum sollte sie einem toten Mann dabei zuhören, wie er sie bat, den Rest ihres Lebens mit ihm zu verbringen? Nur noch einen Tag, und wir wären verlobt gewesen. Sie schauderte und beschloss, die Karte niemals zu lesen, aber stets bei sich zu behalten. Wenn das Haus in Flammen aufginge, wäre sie das Erste und Einzige, was sie mit sich nehmen würde.

Von übertriebenem Hochzeitsrummel hielt Orla nichts. Der üppige Traum in Weiß, den Brautstrauß über die Schulter in eine schick herausgeputzte Menge werfen – nein, danke. Orla war romantisch, aber keine Angeberin. Genau wie viele andere Frauen hatte sie ihren «großen Tag» geplant, seit sie mit Wachsmalkreiden Baiserkleider malen konnte, aber wenn sie sich ihre Hochzeit wirklich vorzustellen versuchte, hatte sie immer nur die Bedeutung dieser Vereinigung und das damit verbundene Gefühl vor Augen. Ihre Hochzeit sollte schlicht und einfach sein – kein Motto, nur wenig Schnickschnack. Sie hatte sich und Sim in schicken neuen Kleidern gesehen, wie sie sich oben auf dem Hügel über Tobercree küssten, nachdem sie von demselben Father Gerry ihren Segen empfangen hatten, der auch ihre Eltern getraut und alle fünf Cassidy-Kinder getauft hatte. Sie würden draußen an Tapeziertischen zu Mittag essen. Wenn es hochkäme, würde sie ein paar Laternen in die Bäume hängen. Ihre Freunde würden bis spät in die Nacht trinken und Fleischpasteten essen. Martha Stewart würde womöglich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber Orla und Sim wären Mann und Frau, Frau und Mann (Orla konnte manchmal ein bisschen pedantisch sein, wenn es um Frauenrechte ging). Sie würden verheiratet sein.

Wenn nicht eine Lungenembolie dazwischengekommen wäre.

Orla klemmte die Valentinskarte hinter den Spiegel und steckte sich den strohigen Haufen ungewaschenen Haars hoch. Sie bemerkte eine feine Linie unter einem ihrer grünblauen Augen. Mit den Haarklemmen zwischen den Zähnen beugte sie sich näher zum Spiegel, um sie zu begutachten. Sie schaute genauer hin. Die Linie hatte ein paar Freunde, die sich an ihrem Augenwinkel versammelten.

Orla konnte sich plötzlich ihr zukünftiges Gesicht ganz genau vorstellen, wie es erschöpft und freundlich seine Geschichte erzählte. Sim, dachte sie, würde ihr Alte-Frau-Gesicht niemals sehen.

Kapitel zwei

Gleich zu Beginn ihrer Beziehung hatte Sims Mutter befunden, dass Orla nicht gut genug für ihn sei. Wohlhabend und mit guten Beziehungen, wie sie waren, konnte dem bombenfesten Status der Quinns nicht einmal die irische Rezession etwas anhaben. Sim sollte ein Mädchen aus der besseren Gesellschaft heiraten, jemanden mit langen, gebräunten Beinen und einem Treuhandfonds. Ihr Stadthaus war ihr Schloss, und als Lucy Quinn witterte, dass Orla ihrem Sohn sehr nahekam, zog sie sofort die Zugbrücke hoch.

«Lass uns den Alten aus dem Weg gehen», pflegte Sim zu sagen, wenn sie hinunter in seine Kellerbude schlichen. Als Einzelkind war er der Dreh- und Angelpunkt der komplizierten Beziehung seiner Eltern. Sie führten eine Ehe, die so anders war als die, der Orla entstammte, dass man die beiden Beziehungsmodelle überhaupt nicht miteinander vergleichen konnte. Vor dem Tod ihres Vaters hatten sich Orlas Eltern ständig gezankt und immer neue geräuschvolle, erfindungsreiche Arten gefunden, sich gegenseitig zur Sau zu machen: für ein im Ausguss liegen gelassenes Spültuch, für das Verpassen der Lieblingsserie oder für das abenteuerliche Zurücksetzen des Autos aus der Ausfahrt. Aber all das war immer sofort wieder vergessen, niemand hegte einen Groll. Beim Abendessen lag stets wieder tiefer Frieden über dem gebackenen Schinken, bis zum Dessert die Eiscreme auf dem Tisch stand und der Krieg wieder aufflammte.

Bei den Quinns hingegen wurde über alte Wunden gestritten, über unerklärliche Animositäten, die mit Geld zu tun hatten, über andere Frauen und gebrochene Versprechen. Die drückende Atmosphäre in den Zimmern mit den hohen Decken weckte in Orla Dankbarkeit für ihre eigene, so normale Familie, für ihren Pa, der Geschichte unterrichtete, und ihre Ma, die im Friseursalon von Tobercree Dauerwellen legte.

Der Tod schmiedet seltsame Allianzen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wollte Orla mit Sims Mutter sprechen.

Sie hatten sich gegenseitig Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Die letzte kam, als Orla gerade in der Badewanne lag und ihre Fingerkuppen schon so runzlig waren wie Walnüsse. Der Klang des feinen Upperclass-Akzents, der so stark nach besserer Gesellschaft roch wie ein Hermelinumhang, hatte sie aus dem langsam vergehenden Schaum hochschießen lassen.

«Orla, hier ist Lucy. Du gehst schon wieder nicht ans Telefon. Wo bist du denn? Es gibt ein paar Dinge, die wir klären müssen. Bitte ruf mich an, wenn du einen Moment Zeit hast.»

Momente, dachte Orla und wickelte sich in ein Handtuch, um zum Telefon zu tapsen, waren alles, was sie noch hatte. Ihre Zukunft bestand aus Millionen Momenten, jeder einzelne eine vollkommene Blase aus Sehnsucht und Reue und Zorn auf das Schicksal. Sie wählte die Nummer.

«Lucy, hallo. Hier ist Orla.» Sie musste sich vorstellen, weil sie ihre Beinahe-Schwiegermutter normalerweise nicht anzurufen pflegte. «Wie geht es Ihnen?» Sie selbst hasste diese Frage inzwischen und war schon regelrecht wütend auf Ma und Juno und alle anderen geworden, die sie ihr stellten, aber dann wiederum: Wie sonst hätten sie es formulieren sollen?

«Es geht mir schon ein wenig besser», sagte Lucy vorsichtig. Sie sprach immer so, als ob sie Glas zwischen den Zähnen hätte, aber heute klang sie besonders merkwürdig. «Und dir? Es ist ein schrecklicher Schock.»

Eine gewaltige Untertreibung. «Ja. Ich kann es immer noch nicht richtig glauben. Ich hoffe immer noch, dass es sich um ein Missverständnis handelt.»

«Kein Missverständnis. Ich habe ihn gesehen.»

«Sie …» Orla bekam plötzlich keine Luft mehr.

«Ich bin sofort rübergeflogen und ins Krankenhaus gegangen.»

Orla war gar nicht auf die Idee gekommen, das zu tun. Sie hatte sich wie ein Wurm in ihre Höhle zurückgezogen. Und diese mit Perlen behängte Frau in Chanel war «sofort» in ein Flugzeug gesprungen! Orla fühlte sich selbstsüchtig und ein wenig beschämt. «Wie sah er denn aus?», fragte sie kläglich.

«Was für eine Frage!», entgegnete Lucy streng. «Die Beerdigung ist am Montag. Zehn Uhr in der St.-Mary’s-Gemeindekirche. Hinterher im Shelbourne. Willst du jemanden mitbringen?»

«Ma. Meine Mutter, meine ich. Ich weiß, dass sie sich von ihm verabschieden will.»

«Oh.» Lucy seufzte gereizt. «Sehr gut. Ich denke, wir können noch Platz für sie schaffen.»

«Ma hat Ihren Sohn sehr gemocht», sagte Orla. Ihren Beinahe-Schwiegersohn. «Ehrlich gesagt, hat sie ihn vergöttert.»

«Das haben wir alle getan», sagte Lucy kurz angebunden. «Noch irgendwelche Mitläufer?»

Orla schluckte die Bemerkung. Sah darüber hinweg. Zählte bis zehn. «Meine – unsere – Freundin Juno. Sie steht auf der Liste, nehme ich an?»

«Nie von ihr gehört. Schick mir ihre Adresse. Sonst noch jemand?»

«Haben Sie Patrick eingeladen? Und Emily?»

«Wer ist das?»

Die Freunde, die er von dir ferngehalten hat, damit du sie nicht wegekeln kannst. Weil ihm dein zickiges Tamtam immer so peinlich war.

«Freunde. Von der Schauspielschule. Sie sollten wirklich eingeladen werden. Oh, und sein Lehrer. Und …»

«Das ist keine Party», blaffte Lucy. «Es ist die Beerdigung eines Senatorensohns. Wir können nicht einfach jeden X-Beliebigen einladen. Das gäbe Sicherheitsprobleme. Also, du kommst auf jeden Fall?»

Die barsche Frage zeigte ihr deutlich, wo ihr Platz war. Orla spürte, wie ihr schwindlig wurde. «Natürlich komme ich.»

«Hervorragend.»

«Lucy, hören Sie … Wenn Sie jemanden zum Reden brauchen … Weil wir ihn doch beide verloren haben, oder? Ich will damit nicht sagen, dass ich weiß, wie Sie sich fühlen, aber …»

«Genau. Du kannst nicht wissen, wie es sich anfühlt, das eigene Kind zu verlieren. Also bitte keine Plattitüden. Nun. Ich räume heute seine Kellerwohnung aus. Ich werde ein Atelier daraus machen. Du weißt, wie sehr Simon meine Kunst geliebt hat.»

Niemand sonst nannte ihn Simon. Sogar Sims Vater hatte sich angepasst und nannte ihn Simeon. Nur Lucy hatte das immer abgelehnt. Du bist auf den Namen Simon getauft, hatte sie ihm gesagt. Nach meinem Vater. Und es ist mir vollkommen egal, dass es schon einen Simon Quinn in der verdammten Irischen Schauspielergewerkschaft gibt. Für mich bist und bleibst du Simon.

«Oh Gott, der ganze Kram.» Vor Orlas innerem Auge erschien Sims Wohnung, die wunderschönen Simse und Friese darin und die hochpreisige Ausstattung, alles in den Hintergrund gedrängt durch die Fähigkeit ihres Bewohners, Müll und Krempel anzuhäufen und zu horten. Sie musste an Ma denken, die damals, im Jahr 2001, knietief in schlichten Anzügen vor Pas Seite des Kleiderschranks gehockt und sich die Augen wegen einer Strickjacke ausgeweint hatte. «Ich helfe Ihnen.» Orla schaute auf ihr feuchtes Handtuch hinunter. «Wann soll ich da sein?»

«Ich brauche keine Hilfe.» Lucy schien von dem Angebot überrascht zu sein und, wie immer, auch ein wenig beleidigt. «Unsere Familie kommt zurecht, vielen Dank.»

«Natürlich.» Orla respektierte den Schmerz dieser Frau, auch wenn sie gleichzeitig Angst vor ihr hatte. Lucys scharfe Zunge war legendär. «Aber, wissen Sie», fuhr sie vorsichtig fort und achtete dabei darauf, ihre Stimme warm klingen zu lassen, «ich habe ihn auch geliebt und würde gern helfen.» Sie warf einen Blick auf die Valentinskarte.

«Wenn du befürchtest, dass ich seine Dinge mit deinen verwechsle, dann mach dir keine Sorgen. Ich bin schon durch die Schränke gegangen und habe deine Habseligkeiten in eine Tüte gepackt. Du kannst sie jederzeit abholen.»

Sie würden auch in der Trauer keine Freunde mehr werden.

«Darum mache ich mir auch gar keine Sorgen, Lucy. Ich möchte nur helfen. Und um ehrlich zu sein, würde es mir helfen, Sims Wohnung noch einmal zu sehen.»

«Du würdest mich nur aufhalten. Es gibt viel zu tun, und natürlich lastet wieder einmal alles auf meinen Schultern. Ich muss außerdem noch das Apartment in London ausräumen. Vielleicht schicke ich die Haushälterin hin, um das zu erledigen. Maria ist ausgesprochen zuverlässig. Wir sehen uns dann auf der Beerdigung, Orla. Ich weiß, dass Sim dich gerngehabt hat, aber bitte respektiere unsere Privatsphäre in dieser Situation.»

Er hatte sie gerngehabt? Orla erinnerte sich an das Gefühl seiner Haut auf ihrer, wie wild und gleichzeitig zärtlich er beim Sex gewesen war. Es hatte keine Privatsphäre zwischen ihr und Sim gegeben. Zusammen waren sie eine Familie. Wenn Sim auch nur einen Tag später gestorben wäre, hätte Lucy auf keinen Fall so mit ihr sprechen können.

«Seine Valentinskarte ist an seinem Todestag bei mir angekommen.»

Das schien Lucy auf dem falschen Fuß zu erwischen. «Ach, tatsächlich?»

«Ich habe sie noch nicht gelesen. Aber ich weiß, was drinsteht.»

«In allen Valentinskarten steht dasselbe.» Sie hörte das Klirren von Eis in einem Glas.

«Es ist ein Heiratsantrag, Lucy. Sim und ich wollten heiraten.»

Lucy verging das verächtliche Schnauben. «Lies sie vor», befahl sie.

«Ich kann nicht. Ich kann es nicht ertragen, sie zu öffnen. Aber wir wollten nach seinem großen Durchbruch …»

«Orla» – man hörte ein leises Schlucken, und Orla sah genau vor sich, wie Lucy ihren sorgsam frisierten Kopf zurücklegte, um ihr Glas Gin Tonic auszutrinken –, «ich bin sicher, es stehen ein paar sehr schöne Dinge in seiner Valentinskarte. Mein Sohn war ein richtiger Schatz, und du hattest großes Glück mit ihm, aber was deine kleine … Phantasie angeht … Glaub daran, wenn es dir hilft, aber mein Rat an dich ist, verbrenn diese Karte. Zum Wohle deiner seelischen Gesundheit.»

«Es ist keine Phantasie.»

«Orla, ich muss jetzt Schluss machen.»

Sie hatte aufgelegt. Kein Auf Wiedersehen, kein einziges warmes Wort.

Nur noch einen Tag, nur noch ein Telefongespräch, und sie wäre in der Lage gewesen, für Sims Sache zu kämpfen und zu verhindern, dass seine Beerdigung zu einer Farce wurde. Sie hätte eine Rolle gehabt, einen Sinn.

Sie biss sich auf die Lippe. Es half, die Tränen zurückzuhalten. Orla hatte es so satt zu weinen. Ihr Blick fiel auf ein Porträt von ihr selbst, das ihre Zweitklässler gemalt hatten. Sim hatte es gerahmt und an ihre Küchenwand gehängt. Sie haben deine ganz besondere Schönheit eingefangen, hatte er gelispelt. Miss Cassidy hatte grüne Haare, drei Augen und einen sehr, sehr langen Hals.

Sie seufzte. Es war Zeit, wieder zur Arbeit zu gehen. Die Zweitklässler würden sich keine Mühe geben, Lucys Gefühlslage zu verstehen. Sie würden sie einfach zur bösen Hexe in ihrem Märchen machen. Orla jedoch fühlte sich als Erwachsene zu Großmut verpflichtet.

 

Sie hatte sie vermisst, mit ihren aufgeschürften Knien und den straff gebundenen Pferdeschwänzen und ihrem Gezappel. Die Kinder hatten Orla ebenfalls vermisst und ließen es sie mit Umarmungen und fröhlichem Gehopse und geschrienen Fragen nach dem Grund ihrer Abwesenheit wissen.

«Ruhe, Kinder! Ruhe bitte!» Nach einer Woche Abwesenheit war Orla wieder Miss Cassidy und sprach mit ihrer speziellen Lehrerinnenstimme. «Also bitte, meine Lieben!»

Achtundzwanzig Popos ließen sich auf den Teppich fallen. Sie saßen im Schneidersitz und legten den Finger auf die Lippen.

«So ist es schon besser. Ich beantworte eure Fragen der Reihe nach.»

Solange sie denken konnte, hatte Orla eine «Miss» sein wollen. Damit trat sie in die Fußstapfen ihres Vaters und ihres Großvaters. Sie war die Dritte in der Familie, die den Lehrerberuf ergriffen hatte, aber, wie Pa immer wieder stolz betonte, die erste Frau. Sie benutzte das Wort «Berufung» nicht gern, weil sie alles Prätentiöse und Pompöse verachtete, aber es drückte die Leidenschaft, die tiefe, namenlose Freude, die sie für ihren Beruf empfand, doch am besten aus.

Daher wunderte sie sich, wie schwer es ihr fiel, an diesem Morgen das Haus zu verlassen. Auf der kurzen Fahrt über die Steinbrücke und die Hauptstraße hinunter war ihr Mund immer trockener geworden, die Unruhe in ihrem Bauch immer stärker. Jetzt, da sie vor ihrer Klasse stand, musste Orla sich sehr konzentrieren, um ihre verzweifelten Gedanken im Zaum zu halten.

«Miss! Miss!» Das eifrigste Kind der Klasse, das sich immer an die Spitze der Milchschlange drängelte und die Klassenschildkröte an Ostern und Weihnachten mit nach Hause nahm, schnipste mit dem Finger.

«Ja, Niall?»

«Stimmt es, dass dein Freund gestorben ist, Miss?»

Die sanfte, lustige Miss Cassidy, geliebt von allen Zweitklässlern, die je in ihrem Klassenraum gesessen hatten, Miss Cassidy, die souverän erklären konnte, wie Babys gemacht wurden, und die eine geübte Schlichterin der gefürchteten Knetgummiauseinandersetzungen war, dieser Miss Cassidy fehlten die Worte. Nialls Frage hatte bestätigt, was Orla befürchtet hatte, seit die Schulglocke um neun Uhr morgens geläutet hatte. Es war noch zu früh.

«Ich bin nur mal kurz draußen», sagte sie und ging hinaus. Und das war das erste Mal, dass sie ihre Kinder bewusst anlog.

Sims Tagebuch

21. Oktober 2011

 

Bin jetzt seit einer Woche hier und fühle mich schon wie zu Hause. Über alles, was ich an dieser Stadt liebe, würde O sich mokieren. (Sie ist ganz groß darin. Irinnen-Spezialität. Ihre Ma hat praktisch Preise darin gewonnen.) Ich liebe das Gedränge in London, den Lärm, die Energie, die hier Tag und Nacht herrschen. Die ständige Möglichkeit, Abenteuer zu erleben.

Komischerweise ist Juno zum ersten Mal auf meiner Seite. «Geh mit ihm, Orla. Mich müsste man nicht zweimal bitten, nach London abzuhauen», hat sie gesagt. Diese Frau ist reif für eine Affäre.

Und das hier kann ich nur meinem Tagebuch anvertrauen: Es ist irgendwie auch aufregend, ohne Orla hier zu sein. Sie ist so sicher in allem, weiß immer, was richtig und was falsch ist. Ohne sie kann ich meinen Gürtel öffnen und nach Herzenslust rülpsen.

Kapitel drei

Sie sprach mit der Valentinskarte.

«Diese hier hat er mir geschickt, als er gerade einen Werbefilm für Butter gedreht hat.» Orla hielt eine Postkarte aus Ballymaloe hoch. «Er musste sagen: ‹Sie ist so golden, dass die Heinzelmännchen sie zurückhaben wollen›, und dann musste er vor einem computeranimierten Zwerg weglaufen, den er gar nicht sehen konnte. Auf die Rückseite hat er geschrieben: Musste Laurence Olivier so etwas eigentlich auch durchmachen? Irgendwann wird es sich gelohnt haben, oder? Wenn wir verheiratet sind und in den Hollywood Hills wohnen? Und er hat unzählige Herzchen daraufgemalt.»

Die Valentinskarte antwortete nicht.

«Mit wem redest du da?» Ma kam aus der Küche gewuselt. Sie hatte sich die flatterige Schürze mit den gelben Ringelblumen ganz eng um ihr schwarzes Kleid gezurrt, das sie extra für die Beerdigung bei einer großen Textilkette gekauft hatte.

«Mit niemandem.»

«Gott sei Dank, dass wir die Beerdigung hinter uns gebracht haben. Die sind ja vollkommen herzlos, diese Leute.» Ma trat vor den Spiegel über dem Kaminsims, um ihre Betonlocken zu kontrollieren – nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie Wert darauf legte, adrett auszusehen. «Die haben alles Geld der Welt, aber keinen Funken Anstand im Leib. Sie haben dich niemandem vorgestellt, und dann lassen sie auch noch irgend so einen vertrottelten Blödmann aus dem Senatorenbüro die Rede halten! Beerdigungen sind dazu da, loszulassen. Sich zu verabschieden. Sie sind wichtig.» Mas spitze Nase glänzte empört. Die sorgfältig aufgetragene Puderschicht hatte sie bei ihrem Frühjahrsputzversuch versehentlich abgewischt. «Ein paar Sandwiches mit seinen besten Kumpels wären weit angemessener gewesen. Dieser Junge hatte nun wirklich gar keine Allüren.»

Orla musste über die Loyalität ihrer Mutter lächeln, aber was die Allüren anging – ihr «Junge» hatte davon eine ganze Menge. Sie musste daran denken, dass Sim sich immer über die Gastfreundschaft ihrer Mutter lustig gemacht hatte, wenn sie nach einem Besuch in ihrem Bungalow wieder nach Hause fuhren. («Tiefgefrorenes Hähnchen nach Kiewer Art? Also, das meint sie doch wohl nicht ernst?») An dem Tag, an dem Sim ihre Mutter zum ersten Mal besuchte, hatte diese mit seiner Seligsprechung begonnen. Sie hatte ihn zum heiligen Sim erhoben, und das würde er auch für immer bleiben.

«Die olle Schachtel weiß doch genau, dass er dich heiraten wollte», empörte sich Ma, während sie wie ein losgelöstes Boot durch das Zimmer schipperte und nach unaufgeräumten Ecken suchte. Sie konnte nicht lange stillsitzen. Ihre Tochter war genauso, wenn sie nicht gerade gelähmt vor Schmerz war. «Du hättest einen Ehrenplatz haben sollen. Du bist ja praktisch seine Witwe!»

«Ma.»

«Tut mir leid. Ich steigere mich da gerade etwas hinein, ich weiß. Aber trotzdem.» Sie boxte in ein Kissen, bis es nachgab.

Orla wusste, dass Lucy von Sims Tod schwer getroffen war, und sie wusste auch, dass Menschen mit großem Kummer sich nicht besonders gut benehmen, daher versuchte sie, sich nicht von Mas Ablehnung anstecken zu lassen. Sie wollte einfach an das Gute im Menschen glauben.

«Bist du fertig mit dem Becher?» Ma streckte die Hand aus, um ihn ihr abzunehmen. Sie war fest entschlossen, zu putzen und zu scheuern und aufzuräumen. Das machte sie immer so, wenn sie sich hilflos fühlte: Mas Antwort auf Gevatter Tod war es, um ihn herum aufzuräumen. Es war eine mutige Reaktion, auf ihre ganz eigene Art, und Orla musste unwillkürlich darüber lächeln. «Wann gehst du wieder in die Schule? Willst du es nicht vielleicht übermorgen noch einmal versuchen?»

«Mr. Monk ist sehr verständnisvoll. Er hat gesagt, ich soll mir Zeit lassen.» Orla wollte ihren Plan lieber nicht verraten.

«Ich sage ja nur, dass ein Job heutzutage etwas Wertvolles ist. Mehr denn je.»

Ihre Mutter hatte eindeutig Angst. Ihr ganzes Leben hatte Orla dagegen angekämpft, sich von ihrem Pessimismus anstecken zu lassen. Jobs konnte man verlieren. Man konnte eine Erkältung bekommen, seine Handschuhe im Bus liegenlassen.

Und Flugzeuge konnten abstürzen. In langen schlaflosen Nächten betete Ma ein Gebet nach dem anderen, bevor irgendjemand aus ihrer Sippschaft ein Flugzeug bestieg. Das hatte zwar weder Brendan daran gehindert, mit dem Rucksack durch die Welt zu reisen, noch Caitlin, nach New York zu ziehen, aber Sim hatte ihrer Mutter zumindest teilweise die Schuld daran gegeben, dass Orla nicht mit ihm nach London gezogen war.

Orla fielen ihre Unterhaltungen darüber wieder ein, und heiße Reue überkam sie. «Wie zum Teufel kannst du London hassen, wenn du noch niemals dort warst?», hatte er gefragt, immer noch lächelnd, immer noch geduldig, obwohl es schon nach Mitternacht war. «Vielleicht ist es dort gar nicht so schmutzig und unfreundlich und gefährlich und hässlich.»

«Muss ich in die Hölle fahren, um zu beweisen, dass es dort zu heiß ist?»

Sie klammerte sich an Kleinigkeiten. Es verstörte sie, wenn eine ihrer Erinnerungen sich veränderte oder verblasste. Sie versuchte verzweifelt, sie wiederzubeleben und so fest und unzerstörbar zu machen, wie der Mann gewesen war, den sie drei ganze Jahre geliebt hatte. «Sag mal, Ma, wird es irgendwann besser?»

Ma setzte sich auf die Sofalehne, den leeren Becher in der einen Hand, einen schmutzigen Teller in der anderen. «Das wird es, mein Mäuschen.»

«Ma, ich hab dich sehr lieb, aber du bist eine jämmerliche Schauspielerin.» Orla legte die Karten, sorgfältig gestapelt, zurück in die Schachtel.

«Nein, wirklich. Es wird besser. Ganz sicher, sieh mich an.»

Orla sah sie an. Ma hatte die fünfzehn Kilo nie wieder zugenommen, die sie nach dem Tod ihres Mannes verloren hatte. Sie färbte sich nicht mehr die Haare. Orla wusste, dass sie Angst hatte vor der Einsamkeit und den Gedanken, die mit ihr kamen, also füllte sie ihre Tage und Nächte mit ihren Kindern und Enkelkindern. Dabei sagte sie ständig, wie sehr sie sie an «ihren Jimmy» erinnerten.

«Okay, Ma, ich glaube dir.»

«Vertrau mir. Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels.» Ma stand auf. «Auch wenn es manchmal nur ein verdammter Schnellzug ist.» Sie nickte beifällig, als Orla den Deckel auf die gestreifte Schachtel legte. «Es wird langsam Zeit, dass du die Karten wegtust, Schätzchen. Sie regen dich nur auf.» Sie zeigte auf den rosafarbenen Umschlag. «Eine hast du noch vergessen.»

«Nein, die da bleibt draußen.»

«Öffne sie doch mal, Orla.» Ma hegte eine abergläubische Abneigung gegen diese Karte. «Sie bringt dir nur Unglück.» Ma meinte es gut. Sie war schließlich ein alter Hase im Bemuttern. Orla war ihr fünftes und letztes Kind, immer noch ihr kleines Baby, auch wenn sie schon dreiunddreißig Jahre alt war.

«Ma, du hast mir versprochen, dich da rauszuhalten.»

«Gib her.» Ma streckte die Hand aus. «Ich reiß sie für dich auf, so wie ich es mit den ollen Kettenbriefen getan habe, als du noch zur Schule gegangen bist.»

«Den Umschlag nehm ich mit, Ma.»

Ihre Mutter setzte sich wieder hin. «Wohin denn, Orla?»

 

Es war wirklich eine finstere Veranstaltung gewesen, mehr die Verabschiedung eines Staatsmannes als die Beerdigung eines Schauspielers. Nirgends unter dem hoch aufragenden Gewölbe der Kirche, in den lateinischen Hymnen oder den Bibelpsalmen fand Orla auch nur eine Spur ihres verantwortungslosen, Partys liebenden, geselligen Geliebten.

Er hatte sich einmal breitbeinig zurückgelehnt, ein Guinness in der Hand – damals, als der Tod noch unendlich weit weg schien –, und gesagt: «Wenn ich mal sterbe, will ich auf keinen Fall, dass du Schwarz trägst. Trage deine ausgeflipptesten Klamotten!»

Also trug Orla ihren knallroten Mantel, war aber froh über die beiden Puffer an ihrer Seite: Juno zu ihrer Rechten in schickem schwarzem Leder, Ma zu ihrer Linken, ein wenig trutschig, aber in formellem Schwarz. Sie hatte sich vorher einen Whisky genehmigt, auf Mas Zureden hin, und jetzt war ihr schwindelig und ein wenig übel.

Junos Sohn Jack zappelte die ganze Zeit auf der Kirchenbank herum. Kleine Kinder sind nichts Ungewöhnliches bei Beerdigungen in Irland, dort, wo die alte Garde die Rituale des Todes noch in Ehren hält. Juno allerdings gehörte entschieden zur neuen Garde. Sie war ohne die harte Hand des irischen Katholizismus aufgewachsen, und Orla wusste, dass sie Jack nur für sie mitgebracht hatte. Sie breitete die Arme aus.

«Gib ihn mir.» Orla nahm Jack für den Rest des Gottesdienstes auf ihren Schoß, und er entpuppte sich als der beste Puffer von allen.

Er schaute sich ernsthaft um, ein Minimann in einem Minianzug, und flüsterte Orla ins Ohr: «Du bist gar nicht meine richtige Tante.»

«Nein. Aber so gut wie.» «Mummy sagt, du verzehrst dich vor Schmerz.» Jack war ganz fasziniert von dem Ausdruck. «Bist du schon fast aufgegessen?»

«Fast», flüsterte Orla und spähte hinunter auf ihre Brust. «Es ist aber immer noch genug da, um zurechtzukommen.»

«Ich habe mal einen Popel verzehrt, den ich gefunden habe.»

«Jack!», zischte Juno und ließ ihren Blick hektisch über die Versammlung gleiten.

Hab ich aber echt, formte Jack mit den Lippen.

Orla richtete den Blick andächtig auf sein Gesicht, um nicht das mit der irischen Flagge bedeckte Rechteck ansehen zu müssen. Der Sarg war der massige Beweis dafür, dass Sims Leben vorbei war.

Bei dem Gedanken daran, dass er jetzt in dieser Kiste lag, kam ihr fast das Frühstück hoch. Bevor der Gottesdienst begonnen hatte, war sie am Sarg vorbeigegangen und hatte eine Hand auf das Holz gelegt. Lange hatte sie so dagestanden, unfähig, sich zu bewegen. Junos mitleidiges «Jetzt geh da mal weg» ließ sie nur in Tränen ausbrechen.

Zum ersten Mal war Sim bei einer Festlichkeit stumm. Orla tröstete sich mit der Absurdität dieser Vorstellung. Zu ihren Füßen lag in ihrer besten Tasche – ein Geburtstagsgeschenk von ihm – geduldig die Valentinskarte.

Der Gottesdienst schlich voran, Gebete und Lieder stiegen auf in die dicke Luft wie trockene Blätter. Orla erkannte niemanden um sich herum, und sie kannte auch keines der Lieder. Der Gottesdienst war eine Geduldsprobe für sie, und sie fand keinen Trost darin. Stattdessen spürte sie sogar noch stärker ihre Hilflosigkeit gegenüber einer willkürlichen Macht, die nach dem Zufallsprinzip einzelne Personen auswählte und keine Rücksicht darauf nahm, ob diese Person die Hoffnungen und Träume – und, jawohl, auch die Zukunft – einer anderen Person mit sich nahm.

Als er ihre roten Augen und den fest zusammengepressten Mund sah, wurde Jacks vollkommenes kleines Gesichtchen unruhig, und das war vermutlich das Schlimmste an diesem Tag.

Er hatte noch niemals echten Kummer gesehen.

«Komm, wir gehen einfach nicht zu dem Empfang.» Juno sagte das beiläufig, als sie durch das Friedhofstor traten. Ma stimmte mit ebenso angestrengter Leichtigkeit zu. Sie hatten Orla von beiden Seiten gestützt, als der Sarg mit Sims sterblichen Überresten an Seilen in die Erde gesenkt wurde.

«Ich muss aber dahin gehen.»

Sie schluckten ihre Entscheidung, weil sie glaubten, sie täte es für Sim, und damit hatten sie auch zur Hälfte recht. Aber nur zur Hälfte. Orla hatte noch etwas zu erledigen.

 

Orla streifte durch den Veranstaltungssaal des Fünf-Sterne-Hotels. Ihr roter Mantel leuchtete grell inmitten all der schwarzen Trauerkleidung. Die vielen ausdruckslosen Gesichter sahen aus wie Masken. Niemand hier vermisste Sim wirklich. Niemand hier hatte ihn wirklich gekannt.

Auf der einen Seite des Raumes plauderte Senator Quinn routiniert mit den Gästen. Er wirkte müde. Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals stand seine Frau. Mit sorgfältigstem Make-up hatte sie erfolglos versucht, die zehn Jahre zu verbergen, die sie in den letzten zwölf Tagen gealtert war. Orla fiel auf, dass die beiden es vermieden, beieinanderzustehen.

«Orla.» Lucy rückte ihren Dutt zurecht und lächelte wohlwollend. «Du trägst Rot? Wie eigenwillig.»

«Sims Wunsch. Lucy, ich habe nachgedacht. Ich möchte helfen.»

«Das ist sehr nett, aber es ist alles unter Kontrolle.» Lucy lächelte jemandem über Orlas Kopf hinweg zu: Sie war eine hochgewachsene Frau und trug immer hohe Absätze.

«Ich kenne dieses Lächeln. Ich benutze es auch, seit … seit Sim tot ist.»

Lucy sah sie verwirrt an.

«Dieses hier.» Orla machte Lucys Gesichtsausdruck nach. «Wehmütig. Empfindsam. Betrübt, aber tapfer. Für ein Lächeln ist es furchtbar traurig.»

Lucy nahm einen Schluck von ihrem Champagner. Sie widersprach nicht.

In Orla glomm plötzlich die Hoffnung auf, von Frau zu Frau mit Lucy reden zu können. «Betreten Sie auch manchmal ein Zimmer, vergessen plötzlich, warum Sie eigentlich dort sind und denken: Oh, Sim …?»

«Ständig.»

«Die drei Pünktchen führen zu nichts», sagte Orla leise.

«Ich muss den Bildungsminister begrüßen, Orla. Bitte entschuldige mich.»

«Warten Sie noch, Lucy. Ich werde Sie nicht lange aufhalten. Wie ich schon sagte, ich möchte gern helfen. Ich fahre nach London und räume sein Apartment aus.»

«Maria ist …»

«Es fühlt sich richtig an. Denken Sie daran, Sim wollte, dass ich mit ihm dorthin gehe und bei ihm wohne.»

«Und du hast abgelehnt.»

«Ja, und das bereue ich jetzt.» Orla zögerte. Plötzlich befürchtete sie, dass sie sich bloßstellen könnte. «Das ist meine Art der Wiedergutmachung.»

«Orla, jetzt muss ich wirklich zu meinen Gästen. Ich kann den Schlüssel zum Londoner Apartment nicht finden, aber sobald ich ihn habe, fährt Maria dorthin.»

Orla hielt einen bronzenen Türschlüssel hoch. «Sim hat mir das hier geschickt.» Sie zog ihr Ticket hervor. «Und das hier. Mein Flug geht am Vierundzwanzigsten um 06:10 Uhr. Ich werde das tun, Lucy.» Orla hielt Lucys Blick stand. «Aber ich würde es lieber mit Ihrem Segen tun.»

Eine Weile schwiegen sie beide.

«Es dauert sicher nicht länger als einen Nachmittag», sagte Lucy schließlich. «Er hat ja nur ganz wenige Dinge mitgenommen. Es wäre schön, wenn du die Armbanduhr seines Großvaters findest. Es ist eine Longines mit Gravur.»

«Ich kenne sie gut. Ich bringe sie sicher zu Ihnen zurück. Aber wenn ich sein Tagebuch finde, darf ich es behalten?»

Einen kurzen Moment lang schien es, als würde Lucy nein sagen. Orla hielt die Luft an. Bisher hatte Lucy alles getan, was in ihrer Macht stand, um Orla auch noch das kleinste Andenken an Sim zu versagen. Aber das Tagebuch war Orla wirklich wichtig. Ja, sie hatte ihn dafür geneckt, dass er es so gewissenhaft geführt hatte (eine Gewissenhaftigkeit, die er in anderen Bereichen seines Lebens keinesfalls an den Tag gelegt hatte), aber jetzt hoffte sie, es würde ihr Erklärungen liefern. Mit ihr sprechen.

«Ja, ist gut.» Lucy hatte sich schon abgewandt. «Du kannst es behalten.»

Sims Tagebuch

14. Oktober 2011

 

Ryanair Flug FR112

In der Luft

 

Ich beobachte, wie sie kleiner und kleiner wird, während ich durch das Abflug-Gate gehe, und ich spüre eine winterliche Traurigkeit in mir. Es ist genau das Gefühl, das ich hatte, wenn mich die Alten im Herbst zur Schule zurückbrachten.

Wie kann eine so weiche Frau so HART sein? Sie sollte an meiner Seite sein. Sie könnte doch freinehmen, wenn sie wollte. Wie ich ihr schon gesagt habe: Sie ist doch nur eine Grundschullehrerin.

Konzentrier dich, Simon. Simeon. Ich muss mich konzentrieren, aber niemand berührt mich so wie O. Ich vermisse es jetzt schon, dass sie zu allem und jedem eine Meinung hat. Und ich sitze erst in diesem verdammten Flugzeug!

Kapitel vier

Es half, in Bewegung zu bleiben. Den Koffer zu packen, zum Abflug-Gate zu rennen, die Wolken vom Flugzeugfenster aus zu beobachten – all das half, das Ziehen in Orlas Brust erträglicher zu machen. Sie hatte die Valentinskarte sorgfältig zwischen die Seiten einer W.-B.-Yeats-Anthologie gesteckt, die Sim ihr an ihrem ersten gemeinsamen Weihnachten geschenkt hatte. Die Karte unternahm mit ihr die letzte Reise ihres Absenders. Das war ein merkwürdiger Trost. Orla schätzte inzwischen auch merkwürdigen Trost.

 

Sie stieg aus dem Taxi und schaute zur Sicherheit noch einmal auf den Zettel mit der Adresse.

«Herrjemine», flüsterte sie. «Wirklich, Sim?»

Ich liebe diese Wohnung!, hatte er in seinen E-Mails und am Telefon geschwärmt. Sie passt perfekt zu mir!

Wenn das so war, musste der Londoner Sim ein vollkommen anderer sein als der, den sie kannte. Orla hatte etwas Schickes erwartet, etwas Dekadentes, aber ganz sicher nicht dieses dreistöckige, rußgeschwärzte Backsteingebäude, das zwischen einer Eisenbahnbrücke und einem 24-Stunden-Mini-Mart gequetscht stand. Der Dubliner Sim hätte nur einen kurzen Blick darauf geworfen und wäre sofort in das nächste Fünf-Sterne-Hotel geflohen. Diese Gegend hier machte ihn zu einem Fremden – und das, wo sie gehofft hatte, noch ein letztes Mal seine Nähe spüren zu können.

Eine U-Bahn fuhr über die Brücke und brachte das Schild von «Maude’s Books» über dem Geschäft im Erdgeschoss zum Schwingen. Jemand winkte wild durch das Schaufenster, als ob er kurz vorm Ertrinken wäre.

Orla zog den Rollkoffer hinter sich her wie einen störrischen Hund. Sie ging an einem behelmten Mann vorbei, der die Gehwegplatten mit einem Presslufthammer bearbeitete, und schlängelte sich durch das Gedränge. Vor dem Mini-Mart zuckte sie zusammen, als ein Obdachloser, der im Eingang saß und eine Büchse Bier in sich hineinkippte, plötzlich ein rasselndes Husten von sich gab. Die Ladbroke Grove ist das echte London, sehr kosmopolitisch. Sims Erzählungen hatten Art-déco-Cocktailbars heraufbeschworen, keine mit Neonröhren beleuchtete Bruchbuden, wo man um drei Uhr morgens Chips kaufen konnte.

Die Türglocke von Maude’s Books läutete, als Orla eintrat. Der Laden strahlte Ruhe aus, obwohl er an einer stark befahrenen Straße lag. Bücher standen in schwankenden Stapeln im Schaufenster und in weißen Regalen, die an nackten Ziegelwänden aufgebaut waren, auf dem zerschlissenen Sofa lagen sie nachlässig geöffnet herum. Gebundene Bücher, Taschenbücher, riesige Kunstbände, dünne, abwaschbare Kinderbücher, neue Bücher, alte Bücher, zerlesene und abgeliebte Bücher türmten sich auf den gebohnerten Fußbodendielen.

Mittendrin stand eine energische Frau mit einem riesigen weißen Dutt und einem Lächeln, das ihre Augen zu lebhaften Halbmonden verengte.

«Maude?», fragte Orla.

«Und du bist bestimmt Sims Orla! Ganz das irische Mädchen, das er mir beschrieben hat!»

Ältere Frauen aus Orlas Bekanntenkreis bekreuzigten sich meist und murmelten: «Herr, erbarme dich seiner Seele», sobald Sims Name fiel. Es war gleichzeitig ungeheuerlich und erleichternd, dass Maude einfach mit Hochdruck drauflosplapperte, ohne auch nur ihr Beileid auszusprechen.

«Jetzt sieh dich doch mal an mit deinem schwarzen Haar und den grünen Augen. Du bist doch direkt aus einem Märchenbuch entsprungen! Oh, auch noch Sommersprossen, wir müssen sie unbedingt zählen, wenn wir mal an einem Abend nichts Besseres zu tun haben.»

Maudes Gesicht unter ihrem Belle-Époque-Haarturm war schmal und braun und schön geschnitten. Ihre klugen Augen hatten die Farbe feuchter Hyazinthen. Die welke Schönheit dieser Frau schüchterte Orla ein. Maude trug ein Leinenkleid und einen verwegenen Samtschal. Irgendwie schien sie gealtert zu sein, ohne auch nur das geringste bisschen an Saft zu verlieren.

«Danke, dass ich bei Ihnen bleiben darf», sagte Orla.

«Aber, Schätzchen, die Leute vom Fernsehen haben die Miete ohnehin bis Ende April bezahlt.» Maude berührte ihren Arm, und es fühlte sich an, als sei ein Vögelchen auf ihrem Ärmel gelandet.

«Ich sortiere nur Sims Sachen aus, und dann fahre ich wieder nach Hause. Eine Nacht reicht sicher. Dann falle ich Ihnen nicht weiter zur Last.»

«Nein, nein, nein», sagte Maude mit gespielter Strenge. «Jetzt reden wir erst einmal. Bei einer schönen Flasche Wein. Wir werden ein paar Tränen vergießen. Wahrscheinlich. Und dann erholst du dich erst mal von der Reise. Vor morgen kannst du auf keinen Fall mit den Sachen des armen Teufels anfangen. Also. Mindestens zwei Nächte, ja? Abgemacht?» Maude hielt plötzlich inne und hob ein Buch auf. «Magst du W.B. Yeats?»

«Ja, sehr.» Orla hätte schwören können, dass sich die Valentinskarte in ihrem Büchernest tief in ihrem Gepäck sträubte.

«Nimm das hier.» Maude drückte ihr ein kleines, leinengebundenes Bändchen in die Hand. «Yeats konnte manchmal ein schlimmer alter Schwindler sein, aber seine Gedichte über die Qualen der Liebe treffen den Nagel auf den Kopf. Hier entlang!»

Maude war schon durch einen Türbogen getreten und hatte einen Fuß auf die Stufen gesetzt. Sie rief über ihre Schulter nach ihr, und Orla raffte ihr Gepäck zusammen, um ihr zu folgen. «Ich nehme mal an, du brauchst jetzt ein Klo. Erst mal in Ruhe Pipi machen tut immer gut, wenn man irgendwo neu ankommt.»

Nach dem empfohlenen Pipimachen führte Maude Orla in eine helle, moderne Mansarde mit Kalksteinboden, die mit kantigen Teakmöbeln ausgestattet war. Es war friedlich hier und sehr geschmackvoll eingerichtet, und jetzt verstand sie langsam Sims Begeisterung für seine zweite Heimat.

«Was für ein wunderschöner Raum.» Es sah genauso aus wie die Wohnungen auf den Fotos, die Orla aus Wohnzeitschriften riss.

«Ich habe es vor einem Jahr renovieren lassen, als ich die tolle Idee hatte, Untermieter aufzunehmen. Ich wollte Künstlertypen, weißt du, also dachte ich, solche könnte ich mit klaren, modernen Linien anlocken. Hier, trink das. Hab noch nie einen Kelten getroffen, der keinen gesteigerten Wert auf Tee gelegt hätte.»

Orla nahm den Becher, den Maude ihr reichte, und lächelte das erste aufrichtige Lächeln ihrer Reise. «Danke schön.» Kleine Freundlichkeiten nahm Orla in letzter Zeit viel intensiver wahr. «Das ist genau, was ich jetzt brauche.»

«Setz dich. Setz dich. Setz dich.» Maude wedelte mit der Hand. Der Duft von Patschuli strömte durch den Raum.

«Du meine Güte. Weiße Sofas.»

«Vollkommen unpraktisch, aber sehr schön. Und morgen könnte ich schon tot sein, also bestehe ich darauf, dass die Dinge um mich herum schön sind.»

Das Wort tot glitzerte zwischen ihnen wie Stacheldraht.

«Danke übrigens für den Kranz. Er war prachtvoll.»