Verlag: Suhrkamp Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Ein letzter Job E-Book

Adrian McKinty  

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E-Book-Beschreibung Ein letzter Job - Adrian McKinty

Ein gnadenloser Killer jagt die Exfrau eines mächtigen Unternehmers und einen wortgewandten Gangster durch Irland. Ein atemloses Katz-und-Maus-Spiel, an dessen Ende alle ihren Frieden finden – und sei es im Tod. Killian ist ein Spezialist darin, Menschen zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Richard Coulter, Besitzer einer Fluglinie mit Beziehungen zu den höchsten politischen Kreisen Irlands, bietet ihm eine halbe Million Pfund, wenn er seine Exfrau Rachel und die beiden Töchter zu ihm zurückbringt. Killian wittert den Job seines Lebens, doch er stellt bald fest, daß er nicht der erste ist, der sich an Rachel die Zähne ausbeißt. Als er merkt, daß ein russischer Killer auf ihn angesetzt wurde, und ihm klar wird, daß es um mehr als eine Familienangelegenheit geht, muß Killian sich entscheiden, auf wessen Seite er steht.

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E-Book-Leseprobe Ein letzter Job - Adrian McKinty

Killian ist ein Spezialist darin, Menschen zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Richard Coulter, Besitzer einer Fluglinie mit Beziehungen zu den höchsten politischen Kreisen Irlands, bietet ihm eine halbe Million Pfund, wenn er seine Ex-Frau Rachel und die beiden Töchter zu ihm zurückbringt. Killian wittert den Job seines Lebens, doch er stellt bald fest, dass er nicht der Erste ist, der sich an Rachel die Zähne ausbeißt. Als er merkt, dass ein russischer Killer auf ihn angesetzt wurde, und ihm klar wird, dass es um mehr als eine Familienangelegenheit geht, muss Killian sich entscheiden, auf wessen Seite er steht.

Adrian McKinty, geboren 1968, wuchs in Carrickfergus in der Nähe von Belfast auf. An der Oxford University studierte er Philosophie, dann übersiedelte er nach New York. Sechs Jahre lebte und arbeitete er in Harlem, u. a. als Wachmann, Vertreter, Rugbytrainer, Buchhändler und Postbote. 2001 zog er nach Denver, seit 2008 wohnt er mit seiner Familie in Melbourne.

Peter Torberg arbeitet seit 1990 als Übersetzer und hat u.a. Werke von Paul Auster, Michael Ondaatje, Irvine Welsh und David Peace ins Deutsche übertragen.

Von Adrian McKinty sind im Suhrkamp Verlag zuletzt erschienen: Der schnelle Tod (st 4232), Todestag (st 4277) und Der katholische Bulle (2013).

Adrian McKinty

EIN LETZTER JOB

Roman

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Suhrkamp

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel

Falling Glass

bei Serpent’s Tail, London

Die deutsche Fassung von Bagpipe Music folgt der Übersetzung von J. Utz/W.v. Koppenfels (Englische und Amerikanische Dichtung. Bd. 3: Englische Dichtung, München 2000).

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2013

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage

der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4430.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2012

© 2011 Adrian McKinty

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlagfoto: © plainpicture/Millenium

Umschlaggestaltung: ZERO-Werbeagentur, München

eISBN 978-3-518-77960-6

www.suhrkamp.de

It’s no go my honey love, it’s no go my poppet;

Work your hands from day to day, the winds will blow the profit.

The glass is falling hour by hour, the glass will fall forever,

But if you break the bloody glass you won’t hold up the weather.

Hier geht nichts mit »Mein Schätzchen«, nichts geht mit meiner Puppe;

Racker dich ab von früh bis spät: der Wind verbläst die Suppe.

Das Wetterglas fällt Stund um Stund, fällt wie im Herbst die Blätter,

Auch wenn du das Stundenglas zerschmeißt, du änderst nichts am Wetter.

Louis MacNeice, »Bagpipe Music« (1937)

PROLOG AUF DER 238TH STREET

»Worauf ich hinauswill, mein Freund, ist die Tatsache, dass dies keine liebevolle Hommage darstellt. Hier geht es nicht um innere Kritik. Hier geht es nicht um Jay-Z, der, wie ich es nenne, das N-Wort fallen lässt. Hier geht es um eine Ansammlung von Klischees, die in Wahrheit das unterminieren, was sie angeblich feiern. Ein Paradigma, das dringender Überarbeitung bedarf. Und die Tatsache, dass Leute sich seiner bedienen, die, und das soll keine Beleidigung sein, nur noch tangentielle Berührungspunkte mit der Ur-Heimat dieser Kultur aufweisen, macht es nur umso peinlicher.«

Der Barmann nickte. »Also, Sie wollen noch’n Glas? Nur eins ohne Shamrock auf dem Schaum?«

Killian seufzte. »Es geht doch nicht nur um den Shamrock, oder? Es geht um den ganzen mottenzerfressenen Musical-Brokat. Alles. Die ganze Szene, Bruder, ist im besten Falle eine Persiflage. Aber wenn wir schon mal beim Thema Shamrock sind, was hat es mit den vier Blättern auf sich? Nichts einfacher zu merken als das. Die Kelten sind polytheistisch, sie haben viele Götter. Der heilige Patrick will, dass sie nur noch einem Gott huldigen, also benutzt er das Shamrock, um die Dreifaltigkeit zu symbolisieren: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dreifaltigkeit. Drei Blätter. Ein vierblättriges Shamrock ist gar keins, sondern ein vierblättriges Kleeblatt. Verstehen Sie? Ich meine, das ist doch wohl das Mindeste, worauf wir beide uns einigen können?«

Der Barmann – eigentlich ein Barjunge – nickte diesmal kräftiger. »Ich gebe Ihnen ein anderes Glas, ohne Shamrock. Ich wusste nicht, dass Sie sozusagen aus der alten Heimat sind.«

»Danke«, meinte Killian.

»Obwohl«, fuhr der Bursche mit einem Blitzen im Auge fort, das Killian wohl aufgefallen wäre, wenn er aufgepasst hätte. »Das mit den Schlangen muss man ihm schon zugutehalten.«

»Wem?«

»Dem heiligen Patrick.«

»Sind Sie Ire?«, fragte eine Stimme aus dem toten Winkel hinter Killian – sich dort aufzuhalten, war für jeden gefährlich. Killian zuckte zusammen, drehte sich um und griff in seiner Tasche nach der Geisterwaffe.

Ein großer Kerl in Rangers-T-Shirt. New York Rangers. Nicht Glasgow. Vollkommen andere Baustelle.

»Ja«, antwortete Killian.

»Sie hören sich gar nicht irisch an«, meinte der Mann skeptisch. Er klang leicht durchgeknallt, und seine Augenbrauen waren wuscheliger als die von Freddie Jones in David Lynchs Wüstenplanet.

»Ich bin aus Belfast«, antwortete Killian langsam.

Der Mann nickte ebenso langsam. »Ich verstehe, also nicht aus Irland, Irland. Waren Sie schon mal in Dublin? Das ist eine richtige irische Stadt.«

Killians frisches Glas mit dem schwarzen Gift tauchte knappe fünfundvierzig Sekunden nachdem es ihm versprochen worden war, vor ihm auf der Theke auf – kein besonders gutes Zeichen. Außerdem musste der Barmann auch noch unter Konzentrations- oder schwerwiegenderen psychischen Störungen leiden, denn oben auf dem Schaum prangte erneut ein vierblättriges Kleeblatt, das sich als Shamrock ausgab.

Killian wusste, es war Zeit abzuhauen. Doch erst musste er noch was loswerden: »Dublin ist ja ganz nett, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass es drei Jahrhunderte lang eine Ansiedlung der Normannen war und dann weitere siebenhundert Jahre eine englische Stadt. Eine irische Stadt ist Dublin erst seit neunzig Jahren. Sind Sie vertraut mit dem Konzept der Traumzeit bei den Aborigines?«

»Dem Was der Was bei Wem?«

»Die Aborigines glauben, dass wir in zwei Welten leben. Das Leben hier auf Erden, das wir Realität nennen, und das Leben in der Traumzeit, das die eigentliche Realität ist, wo alles einen Sinn ergibt, wo wir mehr als denkende Halme im Wind sind, nämlich ein Teil des großen Ganzen. In der Traumzeit sind bestimmte Orte von besonderer Bedeutung, bestimmte Landschaften und Ansiedlungen. Belfast ist ein solcher Ort. Zumindest glaubten das die Menschen im Neolithikum. Für sie war Belfast ein heiliger Ort. Unberührte Birkenwälder in einem Flusstal, das sich gerade erst von einer langsam weichenden meilendicken Eisschicht befreit hatte. Die Kelten interessierten sich nicht für Dublin – in ihrer Kosmologie hatte es keine besondere Bedeutung, deshalb konnten die Normannen es haben. Belfast liegt am Zusammenfluss von drei heiligen Flüssen. Auf Irisch bedeutet es ›Mündung des Farset‹, einer der heiligen Ströme. Verstehen Sie, was ich meine?«

Der Mann in dem Rangers-Shirt nickte weise: »Sie sind also Australier?«, fragte er.

Killian seufzte innerlich. Sein Instinkt hatte ihm schon verraten, dass es ein Fehler gewesen war, hierher zu kommen. Noch bevor die Maschine den Luftraum von Neufundland erreicht hatte, waren ihm erste Zweifel gekommen. Er konnte nicht nach Hause zurück, und das New York von David Dinkins und Mike Forsythe, das New York der Crack-Kriege, der vierstelligen Mordraten und der 50000 illegalen Iren gab es schon lange nicht mehr.

Killian ließ Pub, Pint und den Mann zurück und ging bergab zur U-Bahn-Haltestelle 242nd Street.

Er fand eine Daily News mit einem Foto von Dermaid McCann, Gerry Adams und Peter Robinson, die ein Glas Bier mit dem Präsidenten tranken.

Guinness.

Obamas Grinsen verriet nur eins: Holt mich hier raus, verdammt.

Killian gähnte. Er war hundemüde, und morgen früh hatte er einen Job in Boston zu erledigen, der genauso gut sein Tod sein konnte.

Nach ewiger Zeit kam endlich die Bahn.

Es war bereits nach Mitternacht.

»Fröhlichen Saint Patrick’s Day«, wünschte der Fahrer über die Sprechanlage.

»Na, wir werden ja sehen«, murmelte Killian bei sich.

1. MIT WEHENDEN FAHNEN UNTERGEHEN

Sie verfluchte den Köter, nahm den Lauf aus dem Mund und legte die 9-mm-Pistole auf den Küchentisch.

Das Metall hatte sich gut angefühlt. So als ob es dort hingehören würde. Ein kaltes, makelloses Stück Ingenieurskunst.

Sie setzte sich auf ihre zitternde rechte Hand und starrte die Waffe an.

Eiskristalle schmolzen auf dem Polymergriff der Heckler & Koch und glitten über das Magazin der Waffe, die auf dem grüngelben Resopal lag und wartete.

Sekunden hackten große Stücke harter Zeit ab.

Sie merkte, dass sie sich auf den entsicherten Abzug konzentrierte und sich die entsetzliche Kraft der in der Kammer befindlichen Kugel vorstellte. Von einer Sekunde auf die nächste könnte alles vorbei sein. Klick. Eine chemische Reaktion. Ein sich ausdehnendes Stück geschmolzenes Blei. Big Dave würde die Tür eintreten und ihre Kinder holen, die Bullen würden aus Coleraine anrücken und ihren Abschiedsbrief finden, Tom oder Richards Anwalt würde ihn mit der guten Nachricht wecken, Zeilenschinder würden aus Belfast herkommen, und irgendjemand würde das Bild von ihr mit den blonden Haaren auf Seite eins der beschissenen Sunday World stellen.

Aber sie wäre raus aus der Nummer.

Tot in der schwarzen Erde liegen, nur noch im Gestern leben …

Die P30 hatte acht Kugeln im Magazin und die eine in der Kammer – mit der konnte sie ins Nichts reisen.

Wieder bellte Thresher los. Wenn es noch geregnet hätte, hätte sie ihn natürlich nicht gehört. Heute Nacht hätte sie es vielleicht wirklich getan. Hätte nicht so lange und tief nachgedacht und den Lauf von der Zunge gleiten lassen.

Aber jetzt nicht mehr, jetzt war sie auf der Hut, für den Fall, dass da wirklich etwas war. Oder jemand.

Sie machte das Licht aus, nahm die Waffe und ging zur Tür.

Sie öffnete sie einen Spalt und lauschte.

Wellenrauschen im Hintergrund, Autos auf der Straße, ein Fußballspiel in einem Radio weit weg.

»Thresher?«, flüsterte sie, doch jetzt war er still. »Thresher, wo bist du, du blöder Riesenköter?«

Sie atmete Nachtluft, feucht, kalt. Sie sah nach oben. Die Wolken hatten sich verzogen, der Himmel sternenvoll. Milchstraße, die Mondsichel, Orion.

Sie kannte sich mit den Sternen aus, hatte ein Jahr lang am Queen’s College Astronomie belegt, bevor sie die Uni sausen ließ. Natürlich erwähnte das keiner von Richards Anwälten in seiner Darstellung. Da zeichneten sie sie lieber als geldgeil, als Landei, als Junkie …

Ihre Fingernägel gruben sich ihr in die Handfläche. Sie öffnete die Faust.

Dann ging sie wieder hinein und schloss die Wohnwagentür, setzte sich an den Küchentisch. Sie hielt die P30 noch immer in der Hand. Ein Sekundenbruchteil. Mehr nicht.

Sie überlegte noch ein, zwei Herzschläge lang …

»Nein«, sagte sie laut und schüttelte den Kopf. Sie sicherte die Waffe, legte sie in einem Plastikbeutel ins Gefrierfach und schloss die Kühlschranktür.

Beendete ihr Gespräch mit dem Tod.

Dann ging sie durch den Wohnwagen, um nach den Mädchen zu schauen.

Das Nachtlicht warf einen pinkfarbenen Schein über die verzogenen Aluminiumwände. Sues Decke war auf den Boden gefallen. Sie hob sie auf und deckte Sue wieder zu. Claire schlief wie ein Hase, zusammengekauert auf allen vieren. Der bellende Hund hatte keine von ihnen geweckt.

Rachel sah sie an und versuchte, Liebe zu empfinden statt Verbitterung. Aber sie war so müde. Müde vom Lügen, Verstecken, Weglaufen.

»Gute Nacht«, flüsterte sie und ging wieder zur Vordertür.

Sie öffnete sie und sah sich noch ein letztes Mal um. »Na los, Richard. Schick deine Leute, ich glaub, es ist mir einfach nur noch egal«, flüsterte sie traurig.

Sie schloss ab und legte die Kette vor.

Dann ging sie auf Zehenspitzen in ihr Zimmer – dem einzigen weiteren Raum im Wohnwagen – und setzte sich auf das Klappbett. Die Decken waren seit einer Woche nicht mehr gelüftet worden und müffelten bereits.

Sie griff nach der Zigarettenschachtel, öffnete sie, stellte fest, dass sie leer war.

Regen fiel auf das Metalldach.

Ping, ping, ping, ping, ping, ping …

»Himmel«, murmelte sie.

Die Mädchen hätten es wohl besser ohne sie. Rachel sah sich um – das hier, das war Wahnsinn.

Sie suchte im Aschenbecher herum und fand noch eine Kippe mit ein bisschen Tabak dran.

Sie klappte Big Daves Zippo auf. Der Tabak schmeckte nach Sand. Sie pustete Qualm auf eine kleine Mücke und ließ sich auf die Laken sinken.

Das Dach löste sich auf.

Fichten. Sternbilder. Ein Wolkenpfeil überschnitt sich mit dem Mond. An der Granitmauer wuchs Mohn, und der Wind brachte den Duft von Fenchel, Safran und morastiger Leere.

Sie machte das Nachtlicht aus und sah durch die Gardinen hinaus auf den Campingplatz. Phosphoreszierendes Grün huschte über die Glotze in Big Daves Wohnwagen. Das hatte sie schon mal beobachtet, und sie schaute nun zu, wie es einen Augenblick lang dort brizzelte – falls brizzeln das richtige Wort dafür war –, bevor es sich in der schwarzen Luft in nichts auflöste. Fast alle schliefen bereits. Dave war auf Frühschicht, und das Fußballspiel war wohl vorüber. Stu und sein Mädchen waren die Letzten, vollkommen zugedröhnt oder damit beschäftigt, Meth zusammenzukochen, um es in Derry zu verkaufen – oder an sie.

Sie rauchte zu Ende und kroch unter die Laken.

Dunkelheit.

Als der Verkehr auf der A2 nachließ endlich Stille.

Sie konnte nicht schlafen. Ja, noch kreiste das Meth durch ihr System, aber sie hatte schon seit Jahren keine acht Stunden mehr geschlafen. Sie war froh, wenn sie vier zusammenbrachte.

Er war nicht das Problem … Sie grübelte nicht länger über Richard oder jenen besonderen Sonntagmorgen … Nein, das Problem war nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart. Geld, Claire, die Schulbehörde, Sue, Anwälte, Privatdetektive, die Polizei von Nordirland. Drogen.

Rachel zog sich die Decke über den Kopf.

Wind.

Regen.

Schließlich gegen zwei Uhr früh ein paar Stunden ausradierter Existenz …

Photonen von einem anderen Stern.

Gebete, die durch die Schlafzimmerwand sickerten.

Sie rührte sich. Die Luft im Raum war berauschend, der Geruch: Eukalyptus, Fichte, Seetang. Sie nahm das Laken vom Gesicht, rieb sich die Augen. Ihre Fingerspitzen waren weich, schwielenlos. Nicht abgearbeitet. Das bemerkte sie ohne Befriedigung oder Bedauern. Arbeit war was für Arbeiter.

Sie ließ die Füße zu Boden gleiten, sah sich nach ihrer Uhr um, doch dann fiel ihr ein, dass sie ihr in der Stadt vom Handgelenk gefallen war. Die Rolex, die sowieso schon immer hinterlistig gewesen war, hatte ihre Chance genutzt, um das Wissen von Datum und Uhrzeit, Sekunde und Minute für immer für sich zu behalten. Vielleicht war es auch der wagemutige Versuch der Uhr gewesen, sie von solchen Vorstellungen zu befreien. Rachel lächelte, die Idee gefiel ihr, aber es stimmte nicht – die Uhr war ein Geschenk von Richard gewesen, sie war seine Verbündete, nicht ihre. Und es war nicht mal lustig. Sie hätte sie in Coleraine für fünfhundert Piepen verhökern können.

Sie gähnte und zog den Vorhang auf.

Blauer Van, roter Van, ein Van so alt, dass er keine Farbe mehr hatte, VW Käfer.

Sie drückte das Fenster auf. Eine kalte Brise vom Atlantik. Sie fror.

Die Zeugen Jehovas nebenan beteten weiter. Sieben Personen in einem Wohnwagen, so groß wie ihrer.

Rachel schnappte sich den Bademantel vom Stuhl und zog ihn an. Sie öffnete das Fenster ein Stück weiter und hörte dem Gemurmel zu.

Das Gebet war weder ein Flehen um Gottes Intervention noch eine Bitte um sein Verständnis, sondern nur der einfache Wunsch, dass der Allmächtige sie hören möge. Mehr wollten sie gar nicht. Hör uns nur, oh Herr, damit du weißt, dass wir existieren.

»Tja, ich kann euch jedenfalls hören«, sagte Rachel und stand auf.

Sie schob die Schlafzimmertür auf und sah nach den Mädchen.

Claire saß am Küchentisch und las Kleines Haus in der Prärie; Sue schlief noch.

»Guten Morgen«, flüsterte Rachel.

Claire sah nicht auf.

»Guten Morgen«, wiederholte sie.

»Was?«, fragte Claire.

»Wenn dir jemand einen Guten Morgen wünscht, dann ist es üblich, darauf zu antworten«, ermahnte sie Rachel.

»Sue schläft noch, ich wollte sie nicht wecken«, murmelte Claire.

Rachel nickte. Claire hatte immer eine Antwort parat, aber Rachel fand recht schnell eine andere Angriffstaktik. Claire trank ein Glas Orangensaft. Mit Eiswürfeln.

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht an das Gefrierfach gehen«, sagte sie.

»Ma, bitte, ich will lesen«, meckerte Claire.

Rachel ging durch den Wohnwagen und setzte sich ihrer Tochter gegenüber an den Tisch. Sie hatte zwei Möglichkeiten: wütend werden und sie bestrafen, oder darüber hinwegsehen.

Sie dachte eine Weile nach und entschied sich dann für Letzteres.

»Was passiert denn in deinem Buch?«, fragte sie mit einem gütigen Lächeln.

Claire sah auf. »Sie haben gerade Jack zurückgekriegt, okay?«

»Wer ist Jack?«

»Ihr Hund, sie dachten, er sei ertrunken – bitte, Ma.«

»Schon gut«, murmelte Rachel, ging zur Tür und verwuschelte Claire im Vorbeigehen ein wenig grob die Haare. Sie schloss auf, öffnete die Tür, sah zwischen den Ästen der Fichte hindurch. Ein irisfarbener Himmel, niedrige Wolken, Kondensstreifen.

Im Osten hatte die Sonne die Bäume noch nicht freigegeben.

Daves Zeitung lag auf seiner Veranda, und sein Wagen stand noch da. Er hatte offensichtlich verschlafen.

Rachel fühlte sich einsam.

Jetzt gab es nicht mal Sterne. Sie rieb sich das Kinn, schlurfte in die Flip-Flops rein und wieder raus, rein und raus. Sie linste zwischen den Wohnwagen hindurch, wollte einen Blick aufs Meer erhaschen, doch da war heute nur ein klebriger Meeresnebel.

Sie setzte sich in die Türfüllung. Vor ihren Füßen eine leere Wodkaflasche, ein halb gerauchtes Zigarillo, ein Weinglas voller Regenwasser und die Reste einer Wassermelone, die nun mit hunderten von schwarzen Ameisen bedeckt waren.

Plötzlich hörten die Gebete rechts von ihr auf, und nach einer Minute kam die ganze Sippe aus dem Wohnwagen und stiefelte zu dem Volvo 240. Vier Jungs, zwei Mädchen. Das älteste neun. Dad war nach England abgehauen.

Rachel winkte, Anna winkte zurück.

»Rachel, Schätzchen, wenn ich die Kleinen los bin, komme ich am Spar vorbei. Brauchst du was?«

Anna hatte ein gutes Herz. Rachel brachte es nicht über sich, sie wirklich zu mögen, aber sie hatte ein gutes Herz.

»Nein, alles bestens … ach, warte mal, ich brauche Zigaretten.«

»Sicher. Das Übliche?«

»Das Übliche.«

Der Volvo setzte zurück, wedelte zwischen den Wohnwagen hindurch und die Schotterstraße entlang. Ein neuer Toyota Hilux blockierte den Weg zur Hälfte, und Anna musste fast bis in den Graben ausweichen.

»Manche Leute nehmen aber auch gar keine Rücksicht«, meinte Rachel zu sich selbst. Wahrscheinlich irgendein Yuppie-Abschaum, der von Stu Meth kaufen wollte.

Sie stand auf und setzte sich in den Liegestuhl neben ihrem Wohnwagen. Sie nahm eines von den Weingläsern von letzter Nacht, fischte eine tote Fliege heraus und trank.

Vielleicht döste sie ein wenig ein.

Sie schrak auf. Die Sonne stand höher, der Nebel hatte sich verzogen. Es war der 17. März, es würde also nicht recht warm werden, aber so langsam wurde …

Etwas stimmte nicht.

»Claire?«, rief sie.

Keine Antwort.

Rachel stand auf. »Claire?«

»Was denn?«, wollte Claire aus dem Wohnwagen wissen.

»Ist deine Schwester wach?«

»Die ist im Bad«, maulte Claire mit einem Ton in der Stimme, der einem Augenrollen entsprach.

Rachel nickte, aber noch immer stimmte was nicht … irgendetwas, das Claire gesagt hatte, irgendwas von wegen Hund.

Sie drehte sich um und sah zu Daves Wohnwagen hinüber. Zeitung. Laster. Hatte Dave nicht Frühschicht?

Sie ging zu ihrem Wohnwagen. Sah hinein. Die Klospülung rauschte. Claire las.

»Claire, Schätzchen, tust du mir einen Gefallen und sagst mir mal, wie spät es ist?«

»Mutter, bitte!«, fauchte Claire.

»Wie spät ist es?«, fragte Rachel mit nun fester Stimme.

»Es ist acht, okay? Kann ich jetzt lesen?«

Acht Uhr. Dave hätte schon vor einer Stunde weg sein müssen. Rachel sah zu dem neuen Toyota auf der Fahrspur hinüber. Niemand in der Kabine. Das Ding stand einfach nur da.

Und was war mit Thresher? Wo war er?

»Thresher?«, rief sie. »Thresher, guter Junge.«

Sie wartete.

Nichts.

»Ich hab ein Leckerchen. Thresher? Thresher!«

Kein Bellen, kein Gerenne.

»Thresher!«

Ein Schauder lief ihr über den Rücken.

Sie ließ das Weinglas fallen, wickelte sich in den Bademantel und rannte in den Wohnwagen. Sie nahm Claire das Buch aus den Händen, packte sie beim Handgelenk und drückte.

»Aua, Ma, du tust mir weh«, kreischte Claire.

»Zieh dich an. Pack eine Tasche. Alles, was du brauchst. Pack mein Zeug auch gleich ein, und hilf deiner Schwester beim Anziehen. Jetzt!«

»Was ist los?«, fragte Claire und schaute verängstigt.

»Zieh dich an, sofort! Sag deiner Schwester Bescheid.«

»Was ist denn?«

»Diskutier nicht mit mir. Los!«

Rachel ging ans Gefrierfach, nahm die P30 heraus, entsicherte die Waffe.

»Ma, Claire sagt, ich soll mich anziehen«, jammerte Sue.

»Tu, was deine Schwester dir sagt. Tu’s einfach! Zieht euch an und packt eine Tasche«, befahl Rachel mit kalter Stimme. Sie holte tief Luft und verließ den Campingwagen, die P30 mit beiden Händen umklammert, die Arme ausgestreckt, den Finger neben, aber nicht auf dem Abzug. Sie durfte keinen Bullen niederschießen. Für so etwas gab es Minimum fünfundzwanzig Jahre.

Ihre Flip-Flops waren zu laut, also warf sie sie von sich, ging barfuß zu Daves Wohnwagen, sah hinein. Die Jalousien waren runtergezogen, der Fernseher tot. Sie rüttelte an der Tür. Verschlossen. Rachel kauerte sich hin und drückte die Hundeklappe auf. Sie linste hinein, konnte aber nichts erkennen.

»Dave?«

Keine Antwort, aber Dave schlief oft mit Ohrenstöpseln.

Sie ging zur Rückseite des Wohnwagens. Hier wich der lehmige Boden dem Sand, und darauf fand sich eine rotbraune Blutspur, die im Wald verschwand.

»Himmel«, flüsterte Rachel.

Sie kniete sich hin und berührte die Spur. Trocken, aber nicht fest.

Sie schluckte schwer und folgte der Spur zwischen die Bäume.

»Thresher?«, versuchte sie es leise.

Dann überkam sie eine bösere Vorahnung. »Dave?«

Sie sah zum Campingwagen zurück. Alles schien in bester Ordnung.

Rachel stieg über einen umgestürzten Baum, und da, etwa fünfzehn Meter entfernt zwischen den großen Fichten, lag Thresher, von Ameisen bedeckt, mit einem Loch im Schädel.

Sie beugte sich vor. Thresher war kalt. Schon seit ein paar Stunden tot. Er hatte den Eindringling verfolgt, und der oder die hatten ihn getötet.

»Guter Junge«, flüsterte Rachel. »Das hast du gut gemacht. Braver Junge.«

Sie war überrascht, dass die Blutspur nicht bei Threshers Kadaver endete, sondern sich weiter in den Wald hinein zog.

Sie konnte ihr auf dem dichten Nadelbett des Waldbodens leicht folgen. Selbst wenn sie keinen Oberpfadfinder zum Dad gehabt hätte, hätte sie den Kerl verfolgen können.

Tiefe Schuhabdrücke, ein paar Münzen, Blut, ein Bein nachgezogen.

An einer Stelle war er hingefallen, und er hatte eine Weile gebraucht, um wieder hochzukommen.

Er kroch jetzt nur noch voran.

Keine hundert Meter vom Campingplatz entfernt fand sie ihn.

Thresher hatte dem Mann ordentlich zugesetzt. Er war etwa fünfunddreißig, trug eine Lederjacke, schwarze Jeans, weiße Turnschuhe, zwei goldene Ohrringe. Er hat-te ein blasses, pockennarbiges Gesicht, einen dünnen Schnurrbart und eine russische Mafia-Träne unter dem linken Auge. Wie hübsch.

Der Mann war in Schweiß gebadet; er hatte sich das Bein gebrochen.

In der linken Hand hielt er ein Handy, in der rechten eine Handfeuerwaffe.

Ganz offensichtlich kein irischer Bulle, auch nicht Interpol oder irgendeine Sondereinheit.

Als Rachel näher kam, schlug er die Augen auf.

»Spasiva«, sagte er.

Rachel näherte sich vorsichtig. Sie stieg ihm aufs Handgelenk, beugte sich vor und nahm ihm die Waffe weg. Dann warf sie sie ins Unterholz.

»Spasiva«, wiederholte der Mann.

Sie trat ihm aufs andere Handgelenk und nahm ihm das Handy ab.

»Zigarette«, bat der Mann.

Sie ging die letzten Anrufe durch. Vier davon nach London.

»Zigarette«, wiederholte er.

»Wann kommen die anderen?«, fragte Rachel.

»Zigarette, bitte.«

»Kommen sie aus London?«

»Ich weiß nicht.«

Sie hielt ihm die P30 ins Gesicht. »London oder Dublin oder Belfast? Sprich!«

»London«, sagte er.

Sie hielt die Waffe auf ihn gerichtet, klopfte ihn ab und fand Autoschlüssel und eine Brieftasche. Dann tat sie einen Schritt zurück.

»Sag deinem Boss … sag deinem Boss …«, fing sie an. Aber sie wollte überhaupt nicht, dass er Richard irgendetwas ausrichtete. Sie warf die Schlüssel weg und behielt die Brieftasche. Dann rannte sie zurück zum Campingplatz und hämmerte gegen Big Daves Tür, bis dieser verwirrt und mit trübem Blick auftauchte.

»Rachel, was … wie spät ist es? Himmel, wie spät ist es? Thresher weckt mich sonst um sechs, jetzt muss es doch schon …«

»Dave, ich brauche den Subaru, Richard hat mich aufgestöbert. Jetzt lässt er seine Schläger schon einfliegen.«

Dave ging auf die fünfundsechzig zu und sah früh am Morgen erheblich älter aus. Sein Gesicht war grauer als seine Haare, und sein Blick schweifte noch weit in die Ferne.

»Dave«, wiederholte Rachel und griff nach seinen Schultern, die in einem Jeanshemd steckten.

»Was? Ach, der Subaru?«

»Ja.«

Er nickte, ging hinein, kam mit den Wagenschlüsseln und einer Rolle Geldscheine zurück.

»Das brauche ich nicht«, wiegelte Rachel ab.

»Nimm schon.«

»Nein.«

»Nimm es, um Himmels willen, kauf den Mädchen was.«

Sie steckte das Geld in die Tasche. Und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Keine Bullen, Dave, er hat ne Schlägertruppe geschickt, verdammte Russen oder so was, sie haben Thresher umgebracht«, erklärte sie ihm.

Dave stolperte ein wenig, fasste sich wieder und schüttelte den Kopf.

»Der Kerl ist ja irre.«

»Ich weiß. Ich muss los. Tut mir leid wegen Thresher. Er war ein guter Hund.«

Sie gab ihm noch einen Kuss und eilte zu ihrem Wohnwagen zurück.

»Mädchen, seid ihr so weit?«, rief sie, als sie die Stufen aus Schlackesteinen hinaufeilte.

»Sue will sich nicht anziehen«, sagte Claire.

Rachel sah hinein.

Claire war fertig. Sie stand da mit einem vollgepackten Koffer, trug drei Blusen und zwei Jacken. Sue war nackt.

»Himmel Herrgott, Sue, du bist ja noch nicht mal angezogen«, schimpfte Rachel.

Das Telefon des Schlägers klingelte in ihrer Hand. Sie drückte auf Grün.

»Mischa, wir sind hier, wo bist du?«, fragte eine Stimme mit Londoner Akzent.

Rachel hielt sich einen Finger vor die Lippen, damit die Mädchen still blieben.

»Mischa, wo bist du? Wir haben’s geschafft, wir sind hier.«

Rachel legte auf und sah hinaus. Am Ende der Schotterstraße stand hinter dem Toyota ein schwarzer Range Rover. Zwei Mann Besatzung, hinten vielleicht noch welche.

»Claire, geh zu Daves Wagen, steig hinten ein und schnall dich an«, befahl Rachel und kämpfte gegen die aufsteigende Panik an.

»Was ist denn mit unserem Auto?«

»Das kennen sie vielleicht. Wir müssen es einfach versuchen und an ihnen vorbeifahren.«

»Die werden uns sehen, Ma.«

»Tu, was ich sage, Claire, setz dich in Daves Auto und schnall dich an«, sagte Rachel ruhig. Es war nicht schwer für Claire, die Angst in den Augen ihrer Mutter zu erkennen.

Es gab nur eine Zufahrt zum Campingplatz, also mussten sie das Risiko eingehen, wenn sie nicht durch den Wald fliehen wollten. Rachel gab Claire die Notfalltasche, die sie stets bereithielten, gepackt mit Unterwäsche, Geld, Schokoriegeln und dem Laptop, Richards Laptop – die einzige Lebensversicherung, die sie noch hatten.

»Los!«, drängte Rachel.

Claire rannte los, und Rachel wischte sich die Tränen aus den Augen, damit Sue nicht ausflippte.

Doch die kümmerte sich eh nicht um sie, sondern stand nur da, lutschte am Daumen und sah sich im Fernsehen Dora an.

Rachel hatte nicht die Zeit, den üblichen Kleinkrieg mit Sue zu führen. Sie ging ins Bad, schnappte sich ein Strandtuch und wickelte Sue darin ein. »Komm, Schätzchen«, sagte sie. »Du kannst nachher ein paar Sachen von deiner Schwester anziehen.«

»Warte mal, wo gehen wir hin?«, fragte Sue.

»Mach dir keine Sorgen deswegen.«

»Ich will nicht weg«, bockte Sue.

»Schätzchen, es wird dir gefallen, nun komm schon.«

»Ich habe nichts an!«

»Du kannst was von deiner Schwester anziehen.«

»Ich will aber nichts von ihr anziehen, die Sachen passen mir nicht!«, sagte Sue, wand sich aus Rachels Händen und ließ sich zu Boden plumpsen.

Rachel spürte, wie ihr ein Schrei aus der Brust zu quellen drohte. Sie rannte zur Tür. Die Männer hatten den Wagen abgestellt und kamen zu Fuß den Weg herauf. Zwei Mann, beide in T-Shirts und mit Fliegersonnenbrillen, also offensichtlich private Muskelmänner, keine Bullen.

Sue hatte sich die Fernbedienung geschnappt und auf Spongebob umgeschaltet.

Rachel nahm das Strandtuch vom Boden und wickelte Sue fest darin ein.

»Nein!«, kreischte Sue.

Rachel packte sie und rannte hinaus.

»Ma! Nicht! Das ist ne tolle Sendung!«

Sue wog nicht viel, doch sie wehrte sich, wand sich, kratzte, biss.

Rachel öffnete die hintere Tür von Daves Subaru Outback und warf Sue hinein.

»Schnall Sue an!«, befahl sie Claire.

»Neeeiiin!« Sue schrie aus vollem Hals.

»Sei still!«, befahl Rachel.

»Du solltest besser verschwinden«, sagte Dave. Er hatte sich einen Bademantel übergezogen und hielt eine langläufige Schrotflinte in der Hand.

Rachel nickte, stieg ein, steckte den Schlüssel ins Zündschloss.

Handschaltung, verdammt, Richard hatte immer nur Automatik gekauft, wie ging das jetzt noch mal? Kupplung und Bremse. Sie drehte den Schlüssel, würgte den Wagen ab.

Die Männer, die den Weg heraufkamen, erkannten sie.

Sie zogen etwas aus den Taschen und rannten los.

»Ich hab sie«, sagte Dave.

Rachel drehte den Schlüssel und ließ die Kupplung langsam kommen. Sue beugte sich vor, krallte sich in ihre Haare und zog fest. Rachel schrie auf und würgte den Wagen ein zweites Mal ab.

»Hör auf damit!«, schrie Rachel. »Halt sie fest, Claire!«

Die beiden Männer kamen näher, zwanzig Meter, weniger. Sie trugen Hundemarken um den Hals und schwarze T-Shirts mit der Aufschrift »Beglaubigte Kautionseintreiber« in gelber Schrift auf der Brust – was in Nordirland natürlich überhaupt keinerlei Bedeutung hatte.

»Ich will nicht weg!«, kreischte Sue.

»Ma, ich hab Angst«, jammerte Claire.

»Na komm schon, Mädchen«, ermutigte sich Rachel. Sie drehte den Zündschlüssel. »Kupplung langsam kommen lassen, langsam Gas geben«, murmelte sie. Der Motor blieb an. Sie fuhr los. Die Männer hatten sie erreicht. Große weiße Kerle, Schnurrbärte, graumeliertes Haar der eine, der andere jünger, fieser.

Der Jüngere sprang auf die Motorhaube, schlug die Scheibe auf der Fahrerseite ein, streckte die Hand durch das zerbrochene Glas und sprühte ihr Mace ins Gesicht.

»Aaahhh!« Ihre Augen brannten höllisch.

Rachel gab Vollgas. Der Subaru sprang nach vorn.

Sie hörte die Schrotflinte losgehen, konnte aber nichts sehen.

Schläge gegen die Windschutzscheibe.

Die Kinder schrien.

Sie versuchte, die Augen zu öffnen, doch sie schwammen in Tränen.

Sie hörte Dave rufen, krallte sich am Lenkrad fest.

Die Straße war schnurgerade. Bis auf den großen Toyota.

»Claire, sag mir, wann ich ausweichen muss, damit ich nicht das Auto ramme!«, schrie sie.

»Ma, da ist ein Mann an der Windschutzscheibe!«

»Sag mir, wann!«

»Jetzt! Jetzt!«

Der Wagen knallte in ein Schlagloch. Rachel spürte Claires Hand in ihrem Nacken.

»Ich glaube, er hat eine Waffe!«, schrie Claire.

Rachels Augen brannten wie Feuer. Sie blinzelte, lenkte ruckartig, um einem Wohnwagen auszuweichen, schloss die Augen, schnappte sich die Wasserflasche aus dem Becherhalter, drehte die Flasche mit einer Hand auf und goss sich Wasser ins Gesicht.

Für einen Augenblick ließ sie das Lenkrad los und rieb sich das Mace so gut es ging aus den Augen. Sie konnte ein wenig sehen, wenn sie blinzelte, doch was sie da sah, war nichts Gutes. Der Kopfgeldjäger/Privatdetektiv klammerte sich mit der rechten Hand verzweifelt an dem Scheibenwischer fest und versuchte, mit der linken Hand einen Tazer auf sie zu richten.

Sie näherten sich der Ausfahrt vom Campingplatz neben Stus Hütte.

»Gib endlich auf, verdammtes Weib!«, schrie der Mann, bekam den Tazer richtig in die Hand und streckte ihn durch die zerbrochene Scheibe hinein.

Der Knall der Schrotflinte hatte Stu und Stacey neugierig gemacht. Stu stand nackt in seiner ganzen tätowierten Schönheit da und hielt einen Hurleyschläger in der Hand. Rachel mochte Stu nicht besonders, aber wenn er sich für eine Seite entschied, dann richtig – vor allem, wenn es um seine Kunden ging.

»Anhalten!«, brüllte der Kopfgeldjäger.

Rachel schüttelte den Kopf.

»Ich bin berechtigt, Gebrauch von …«, doch weiter kam er nicht, denn Stu donnerte ihm den Schläger in den Rücken.

Der Mann stürzte vom Wagen, und Rachel sah im Rückspiegel, wie Stu weiter auf ihn einschlug.

»Danke, Stuart«, sagte sie und bog an der Kreuzung nach Osten ab.

Sie fuhren nach Coleraine, hielten an der Tankstelle und tankten voll. Ein Stück weiter fanden sie einen McDonald’s.

Rachel fragte sich, wie lange Dave die beiden Männer wohl festhalten konnte, bevor er sie laufen lassen musste. Wie viele Stunden Vorsprung hatte sie? Nicht allzu viele, sonst hätte Dave eine Anklage wegen Freiheitsberaubung am Hals.

Die Mädchen aßen etwas. Rachel bekam nichts herunter.

In der Sitzecke am Fenster wurde es kalt. Schwere Regenwolken waren aus Donegal herübergezogen, Blitze schossen auf die in der ungeheuren Weite des Atlantiks verlorenen Schiffe herab.

Der Regen wich Hagel.

Sue spielte mit ihrem Spielzeug aus dem Happy Meal, Claire verbarg ihre Angst und fragte scheinbar kaltblütig: »Ma, wo genau fahren wir hin?«

Nicht allzu weit, mit einer kaputten Seitenscheibe.

Rachel sah in das graue Wetter mit den schwarzen Wolken hinaus und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es wirklich nicht«, antwortete sie.

2. ZURÜCK IM WAHREN LEBEN

Irgendjemand musste wegen dieser Special K Lügen verbreitet haben. Killian war kein Experte für Frühstücksflocken, aber dieses Zeug, das als Kellogg’s verkauft wurde, war eine schlechte Imitation aus gerösteten Maisschnitzen mit Geschmacksstoffen und jeder Menge Fruktosemaissirup, zu vierteldollargroßen Flakes gepresst. Chemisches Rauschen am Gaumen. Stechende Schmerzen in der Herzgegend.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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