Beschreibung

Mit ihrer verzaubernden Phantasie und ihrem unnachahmlichen Humor erzählt Weltbestsellerautorin Cecelia Ahern von der wichtigsten Begegnung, die es für uns geben kann: mit dem eigenen Leben. Eigentlich wundert sich Lucy Silchester über gar nichts mehr: dass ihre große Liebe sie verlassen hat, dass sie aus ihrem Job geflogen ist oder dass sie eine Einladung zu einem Treffen bekommt – von ihrem eigenen Leben! Als sie tatsächlich zu dem Termin geht und direkt vor ihm steht, ist Lucy dann aber doch überrascht: So hat sie sich ihr Leben wirklich nicht vorgestellt! Am liebsten würde sie es direkt wieder loswerden. Doch ihr Leben denkt gar nicht daran, sie in Ruhe zu lassen … »Wunderbare und kluge Unterhaltungsliteratur. DER Roman für jeden, der sein Leben richtig leben will.« Alex Dengler, denglers-buchkritik »Liebenswert und witzig.« Sabine Schmidt, Buchjournal »Hintersinnige Unterhaltung von Dublins Bestsellerautorin Cecelia Ahern, die mit ihrem humorvollen Roman auch Denkanstöße für das eigene Leben liefert.« Hör zu

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MOBI

Seitenzahl: 618


Cecelia Ahern

Ein Moment fürs Leben

Roman

Aus dem Englischen von Christine Strüh

FISCHER E-Books

Für mein kostbares Mädchen Robin

»Früher warst du mehr … mehrer.

Du hast dein Mehr-Sein verloren.«

 

Der verrückte Hutmacher zu Alice

in Tim Burtons ›Alice im Wunderland‹-Film

Kapitel 1

Liebe Lucy Silchester,

ich möchte Sie am Montag, dem 30. Mai 2011, zu einem Treffen bitten.

Den Rest las ich gar nicht mehr. Das war auch nicht nötig, denn ich wusste genau, wer mir diesen Brief geschickt hatte. Es war mir sofort klar, als ich von der Arbeit in mein Studioapartment zurückkam und ihn auf halbem Weg zwischen Tür und Küche auf dem Boden liegen sah, auf dem angekokelten Stück Teppich – vor zwei Jahren war der Weihnachtsbaum umgekippt und hatte mit seinen Lichtern den Teppichflor versengt. Der Teppich war ein altes billiges Ding, das mein knauseriger Vermieter ausgesucht hatte. Er war aus schäbigem grauen Synthetikmaterial, das aussah, als wären schon mehr Füße darübergelaufen als über die angeblich glückbringenden Hoden des Stiers auf dem Mosaik in der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II. In dem Bürogebäude, in dem ich arbeitete, lag ein ähnliches Material aus – aber dort passte es besser hin, denn dieser Teppich war nie zum Barfußlaufen gedacht, sondern für den stetigen Strom glänzender Lederschuhe, die sich vom Schreibtisch zum Kopierer bewegten, vom Kopierer zur Kaffeemaschine, von der Kaffeemaschine zum Notausgang und von dort ins Treppenhaus, denn paradoxerweise war hier der einzige Ort, wo der Feueralarm nicht ausgelöst wurde und man in Ruhe ein heimliches Zigarettenpäuschen machen konnte. Ich selbst war an der Suche nach diesem Rauchereck beteiligt gewesen – wenn der Feind uns wieder einmal aufspürte, machten wir uns stets unverzüglich auf die Suche nach einem neuen Versteck, und auch dieses hier war leicht an den Hunderten am Boden aufgehäufter Kippen zu erkennen. In panischer Hektik saugten die Raucher den Zigaretten das Leben aus und entledigten sich achtlos der äußeren Hülle, während die Seelen noch in ihren Lungen schwebten. Keinem anderen Ort des Bürogebäudes wurde so intensiv gehuldigt wie diesem – mehr als der Kaffeemaschine, mehr als den Ausgangstüren abends um sechs, mehr als dem Stuhl vor dem Schreibtisch von Edna Larson, unserer Chefin, die die guten Absichten ihrer Angestellten in sich aufsaugte wie ein kaputter Automat, der die Münzen schluckt und sich dann weigert, den Schokoriegel auszuspucken.

Der Brief lag also auf dem schmutzigen, angesengten Teppichboden. Ein cremefarbener Leinenumschlag, auf dem in gewichtigen George-Street-Lettern und eindeutiger schwarzer Tinte mein Name stand, neben einem goldenen Stempel in Form von drei sich berührenden Spiralen.

Die Dreifachspirale des Lebens. Ich kannte sie, denn ich hatte bereits zwei Briefe dieser Art erhalten und das Symbol gegoogelt. Aber ich hatte den Termin beide Male nicht wahrgenommen und auch nicht die angegebene Nummer angerufen, um ihn zu verlegen oder abzusagen. Ich hatte die Briefe einfach ignoriert, sie sozusagen unter den Teppich gekehrt – jedenfalls hätte ich das gern getan, aber dank der Weihnachtslichter war er ja leider hinüber – und vergessen. Nein, nicht wirklich vergessen. Dinge, die man getan hat, obwohl man sie nicht hätte tun sollen, vergisst man ja nie, sie bleiben einem im Kopf, lungern dort herum wie Einbrecher, die ein neues Ziel ausbaldowern. Man sieht sie gelegentlich, wie sie sich unauffällig irgendwo rumdrücken, aber sobald man sie anvisiert und zur Rede stellen will, sind sie blitzschnell hinter dem nächsten Briefkasten verschwunden. Oder es ist, als sieht man in der Menge ein bekanntes Gesicht auftauchen, das man gleich wieder aus den Augen verliert. Ein irritierendes Wimmelbild, für immer ins Gedächtnis eingeprägt und in jedem Gedanken versteckt, der durchs Gewissen zieht. Immer ist es da, die Erinnerung an das, was man nicht hätte tun sollen, sie lässt einen einfach nicht in Frieden.

Einen Monat nach dem zweiten von mir ignorierten Brief war dieser hier mit einem erneut verlegten Termin eingetrudelt, ohne den kleinsten Hinweis darauf, dass ich auf die ersten beiden Einladungen nicht reagiert hatte. Und genau wie früher bei meiner Mutter führte die Tatsache, dass meine Unzulänglichkeit höflich übergangen wurde, dazu, dass ich mich umso schlechter fühlte.

Ich hielt das schicke Papier zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe und legte den Kopf schief, um es zu lesen, weil es zur Seite klappte. Anscheinend hatte der Kater mal wieder daraufgepisst. Ironie des Schicksals. Ich machte ihm keinen Vorwurf, denn da ich mitten in der Stadt in einem Hochhaus wohnte, in dem Haustierhaltung verboten war, und außerdem einem Vollzeitjob nachging, hatte das arme Tier ja keine Gelegenheit, seine Notdurft draußen zu verrichten. In dem Versuch, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, hatte ich überall in der Wohnung gerahmte Fotos von der Welt draußen aufgehängt: Wiesen, Meer, ein Briefkasten, Kieselsteine, Autos, ein Park, eine Auswahl anderer Katzen und ein paarmal Gene Kelly. Letzterer natürlich eher meinetwegen, aber ich hoffte, die anderen Bilder würden dazu führen, dass der Kater irgendwann gar nicht mehr den Wunsch verspürte, nach draußen zu gehen. Oder frische Luft zu atmen, Freunde zu finden, sich zu verlieben. Oder zu singen und zu tanzen.

Da ich fünf Tage die Woche morgens um acht die Wohnung verließ und oft erst abends um acht oder gar nicht zurückkam, hatte ich den Kater darauf dressiert, sich auf Papier zu »erleichtern«, wie die Katzentrainerin immer gesagt hatte, damit er sich allmählich daran gewöhnte, sein Katzenklo zu benutzen. Und dieser Brief, das einzige Papier, das noch auf dem Boden lag, hatte ihn sicher verwirrt. Ich beobachtete ihn, wie er sich verlegen in der Zimmerecke herumdrückte. Er wusste, dass er etwas Falsches getan hatte. In seinem Gedächtnis lauerte die Erinnerung an das, was er nicht hätte tun dürfen.

Ich hasse Katzen, aber diesen Kater mochte ich. Ich hatte ihn MrPan getauft, nach Peter Pan, dem allseits bekannten fliegenden Jungen. MrPan ist zwar weder ein Junge, der nicht älter wird, noch kann er fliegen, aber es besteht trotzdem eine seltsame Ähnlichkeit, und mir erschien der Name damals passend. Ich hatte MrPan eines Abends in einem Müllcontainer auf einem Hinterhof gefunden, laut schnurrend, als wäre er völlig verzweifelt. Oder war ich verzweifelt? Was ich auf dem Hinterhof zu suchen hatte, ist meine Privatangelegenheit und soll es auch bleiben. Jedenfalls regnete es in Strömen, und ich trug einen beigefarbenen Trenchcoat. Ich hatte gerade bei einer Überdosis Tequila einem perfekten Freund nachgetrauert und gab nun mein Bestes, wie eine aus Frühstück bei Tiffany wiedergeborene Audrey Hepburn diesem Tier nachzujagen und mit klarer, einzigartiger und völlig verzweifelter Stimme »Katze!« zu rufen.

Wie sich herausstellte, war das Kätzchen gerade mal einen Tag alt und als Zwitter geboren. Offensichtlich hatten seine Mutter oder sein Besitzer oder beide es ausgesetzt. Als ich dem Tier dann einen Namen gab, hatte ich das Gefühl, ganz allein entscheiden zu müssen, welchem Geschlecht es von nun an angehören würde, auch wenn der Tierarzt mir ausführlich erklärt hatte, dass es eine eher männliche Anatomie besaß. Aber ich dachte an mein gebrochenes Herz und daran, dass ich bei der letzten Beförderung übergangen worden war, weil meine Chefin meinte, ich wäre schwanger – dabei war nur gerade Weihnachten gewesen und ich hatte mich wie jedes Jahr vollgestopft wie bei einem mittelalterlichen Bankett, den wilden Eber ausgenommen. Als mir dann noch einfiel, dass ich letzten Monat während meiner Tage furchtbare Bauchschmerzen gehabt hatte, eines Nachts in der U-Bahn von einem Penner angegrapscht worden war und mich meine männlichen Kollegen als Zicke bezeichnet hatten, nur weil ich deutlich meine professionelle Meinung vertreten hatte, kam ich zu dem Schluss, dass das Leben für die Katze als Kater vermutlich einfacher sein würde. Inzwischen glaube ich allerdings, dass es die falsche Entscheidung war, denn wenn ich das Tier aus Versehen Samantha oder Mary rufe, was gelegentlich vorkommt, schaut es mich mit einem Ausdruck an, den ich nur als Dankbarkeit bezeichnen kann. Meistens lässt es sich dann in einem meiner Schuhe nieder und starrt wehmütig auf den Pfennigabsatz, als symbolisiere er die Welt, die ihm geraubt worden ist. Aber ich schweife ab. Zurück zu dem Brief.

Diesmal würde ich den Termin wohl oder übel wahrnehmen müssen. Es gab keinen Weg daran vorbei. Ich konnte ihn nicht erneut ignorieren und den Absender weiter verärgern.

Aber wer war denn der Absender?

Vorsichtig hielt ich das langsam trocknende Papier mit spitzen Fingern an einer Ecke fest, neigte erneut den Kopf und versuchte das umgeklappte Blatt zu lesen.

Liebe Lucy Silchester,

ich möchte Sie am Montag, dem 30. Mai 2011, zu einem Treffen bitten.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr Leben

Mein Leben. Na klar.

Mein Leben brauchte mich. Es machte gerade eine schwere Zeit durch, und ich hatte ihm nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt, war nachlässig geworden, hatte mich mit allerlei anderem Zeug abgelenkt – mit dem Leben meiner Freunde, Problemen bei der Arbeit, mit meinem immer klappriger werdenden Auto, all so was. Mein Leben dagegen hatte ich komplett ignoriert. Und jetzt hatte es mir geschrieben und mich zu einem Treffen bestellt. Es blieb mir im Grunde gar keine andere Wahl, als seiner Bitte nachzukommen und ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.

Kapitel 2

Mir waren ähnliche Vorkommnisse schon zu Ohren gekommen, deshalb regte ich mich auch nicht besonders auf. Ich rege mich ohnehin nicht so leicht auf, dafür bin ich einfach nicht der Typ. Mich wundert eigentlich so schnell nichts. Vermutlich weil ich so ziemlich alles für möglich halte. Vielleicht klingt das jetzt, als wäre ich gläubig oder so, aber das stimmt eigentlich nicht. Ich versuche es mal anders auszudrücken: Ich akzeptiere, was passiert, ganz egal, was es ist. Deshalb fand ich es zwar ungewöhnlich, aber nicht wirklich überraschend, dass mein Leben mir Briefe schrieb. Es war mir hauptsächlich lästig. Denn ich wusste ja, dass mein Leben eigentlich sehr viel von meiner Aufmerksamkeit brauchte, aber wenn es einfach für mich gewesen wäre, diesen Anspruch zu erfüllen, dann hätte ich den Brief ja gar nicht erst bekommen.

Ich schlug das Eis vom Gefrierfach des Kühlschranks mit einem Messer ab und befreite mit blauer Hand eine Cottage Pie. Während ich darauf wartete, dass die Mikrowelle piepte, aß ich eine Scheibe Toast. Und einen Joghurt. Weil mein Essen immer noch nicht fertig war, leckte ich den Deckel ab und beschloss, dass das Eintreffen des Briefs eine gute Entschuldigung dafür war, eine Flasche Pinot Grigio für 3,99 € zu öffnen. Dann kratzte ich das restliche Eis vom Gefrierfach. MrPan rannte entsetzt davon und versuchte sich in einem rosa, mit Herzen verzierten Gummistiefel zu verstecken, an dem noch reichlich Schlamm von einem Musikfestival im Sommer vor drei Jahren klebte. Ich ersetzte eine Weinflasche, die ich im Gefrierfach vergessen hatte und die zu einem eisigen Alkoholklotz erstarrt war, mit einer frischen Flasche. Diesmal würde ich den Wein nicht vergessen. Auf gar keinen Fall. Immerhin war es die letzte Flasche aus dem Weinkeller Schrägstrich Eckschrank-unter-der-Keksdose. Was mich an die Kekse erinnerte. Also verdrückte ich noch schnell einen Doppelschokokeks. Dann piepte die Mikrowelle endlich. Ich kippte die Cottage Pie aus der Packung auf den Teller – ein großer unappetitlicher Pampe-Berg, der in der Mitte noch kalt war. Aber ich hatte nicht die Geduld, das Zeug noch mal in die Mikrowelle zu schieben und weitere dreißig Sekunden zu warten, sondern stellte mich zum Essen an die Küchentheke und stocherte in den warmen Teilen am Rand der Pampe herum.

Früher habe ich richtig gekocht. Fast jeden Abend. Wenn ich mal nicht kochte, dann kochte Blake, mein Freund. Und es machte uns Spaß. Wir hatten eine große Wohnung in einer umgebauten Brotfabrik gekauft, mit deckenhohen Metallsprossenfenstern, unverputzten Original-Backsteinwänden und einem offenen Koch-Ess-Bereich. Beinahe jedes Wochenende kamen Freunde zum Essen. Blake kochte wahnsinnig gern, fand Besuch wunderbar und versammelte am liebsten sämtliche Freunde und dazu noch unsere Familien um sich. Er liebte den Trubel, wenn viele Leute gemeinsam lachten, redeten, aßen, diskutierten. Er liebte die Gerüche, den Dampf, die genüsslichen Ohs und Ahs. Dann stand Blake an der Kücheninsel und erzählte wortgewandt spannende Geschichten, während er eine Zwiebel kleinschnitt, Rotwein in ein Bœuf Bourguignon kippte oder ein Omelette Surprise flambierte. Er maß nie etwas ab, und trotzdem traf er immer die richtige Mischung. Er bekam überhaupt immer die perfekte Balance hin. Blake arbeitete als Reise- und Food-Journalist, und er liebte es, überall hinzureisen und alle möglichen neuen Gerichte zu probieren. Er war extrem unternehmungslustig. An den Wochenenden waren wir immer unterwegs, bestiegen alle möglichen Berge, und im Sommer bereisten wir Länder, von denen ich davor noch nie etwas gehört hatte. Wir machten Fallschirmspringen und Bungeejumping. Blake war perfekt.

Und dann ist er gestorben.

Nein, das war ein Witz. Er ist gesund und munter. Der Witz war ziemlich daneben, ich weiß, aber ich habe trotzdem gelacht. Nein, Blake ist nicht tot, er ist quicklebendig. Und immer noch perfekt.

Aber ich habe ihn verlassen.

Inzwischen hat er eine eigene Fernsehsendung. Als er den Vertrag unterschrieben hat, waren wir noch zusammen. Er arbeitet bei einem Reisesender, den wir früher oft zusammen geschaut haben. Hin und wieder schalte ich seine Sendung ein und sehe mir an, wie er auf der Chinesischen Mauer herumspaziert oder in Thailand in einem Boot sitzt und Pad Thai isst. Nach jedem Bericht – natürlich stets perfekt formuliert – wendet er sich, mit seinem perfekten Gesicht und selbst nach einer Woche Bergsteigen ohne Klo und ohne Dusche makellos gekleidet, der Kamera zu und sagt: »Ich wollte, du wärst hier.« Das ist auch der Name der Sendung. In den Wochen und Monaten, die auf unsere traumatische Trennung folgten, weinte er oft, wenn wir telefonierten, und erzählte mir, dass er die Sendung nur meinetwegen so genannt hätte und dass er, wenn er diesen Satz sagte, immer nur mit mir spräche, mit niemandem sonst. Er wollte mich wiederhaben. Jeden Tag rief er mich an. Irgendwann jeden zweiten Tag, dann nur noch einmal die Woche. Aber ich wusste, dass er sich die Tage davor zusammenreißen musste, um nicht schon früher zum Hörer zu greifen. Schließlich hörten die Anrufe auf, und er schrieb mir stattdessen E-Mails. Lange, ausführliche Mails, in denen er mir erzählte, wo er gewesen war, wie es ihm ging, wie traurig und einsam er ohne mich war – bis ich es irgendwann nicht mehr lesen wollte und ihm einfach nicht mehr antwortete. Daraufhin wurden seine Mails kürzer, weniger emotional, weniger detailliert. Aber immer wieder wollte er sich mit mir treffen, wollte immer noch, dass wir wieder zusammenkämen. Versteht mich nicht falsch, manchmal war ich durchaus in Versuchung, es zu tun. Blake ist ein perfekter Mann, und wenn ein perfekter, attraktiver Mann einen haben will, reicht das ja manchmal schon. Aber das war nur in den schwachen Momenten, wenn ich mich selbst einsam fühlte. Denn ich wollte ja nicht mit ihm zusammen sein. Es lag nicht etwa daran, dass ich einen anderen kennengelernt hatte, das beteuerte ich ihm immer wieder. Obwohl es für ihn vielleicht leichter gewesen wäre, denn dann hätte er vielleicht loslassen können. Aber ich wollte keinen anderen, ich wollte überhaupt niemanden. Ich wollte einfach eine Weile aufhören – aufhören, Dinge zu tun, aufhören, mich zu bewegen. Ich wollte einfach nur allein sein.

Ich kündigte meine Stelle und nahm einen Job bei einer Firma an, die Haushaltsgeräte herstellte und bei der ich halb so viel verdiente wie vorher. Wir verkauften die Wohnung, und ich mietete das Studio, etwa ein Viertel der Wohnfläche meiner bisherigen Wohnungen. Ich fand einen Kater. Wahrscheinlich würden manche Leute sagen, ich hätte ihn gestohlen, aber jetzt gehört er/sie trotzdem mir. Ich besuche nach wie vor meine Familie, wenn es sich nicht vermeiden lässt, ich gehe mit den gleichen Freunden aus wie früher, jedenfalls wenn er nicht dabei ist – mein Exfreund, nicht der Kater –, und das ist häufig der Fall, weil er ja so viel reisen muss. Ich vermisse ihn nicht, und wenn er mir doch mal fehlt, stelle ich den Fernseher an und schaue mir seine Sendung an, bis ich genug von ihm aufgetankt habe. Meinen Job vermisse ich auch nicht. Manchmal das Geld ein bisschen – zum Beispiel wenn ich in einem Laden oder in einer Zeitschrift etwas sehe, was ich gerne hätte, aber dann gehe ich schnell weiter oder schlage die nächste Seite auf, und schon bin ich drüber weg. Ich vermisse weder unsere Reisen noch unsere Essenseinladungen.

Und ich bin nicht unglücklich.

Wirklich.

Okay, ich hab gelogen.

Er hat mich verlassen.

Kapitel 3

Die Weinflasche war halb leer, bis ich genug Courage aufgebracht hatte – nein, es lag nicht an der Courage, die brauchte ich nicht, ich hatte ja keine Angst. Erst nach der halben Flasche Wein war es mir wichtig genug, meinem Leben zu antworten, und erst da konnte ich mich aufraffen, die Nummer auf dem Brief zu wählen. Während ich auf die Verbindung wartete, holte ich mir einen Schokoriegel und biss hinein. Schon nach dem ersten Klingeln ging jemand dran, und mir blieb keine Zeit mehr zu kauen, geschweige denn zu schlucken.

»Oh, sorry«, sagte ich mit vollem Mund. »Ich hab Schokolade im Mund.«

»Kein Problem, Liebes«, antwortete eine muntere ältere Frauenstimme mit einem weichen amerikanischen Südstaatenakzent. Ich kaute hastig, schluckte und spülte mit einem großen Schluck Wein nach. Und musste erst mal würgen.

Dann räusperte ich mich. »Fertig.«

»Welche Sorte war es denn?«

»Galaxy.«

»Karamell oder Bubble?«

»Bubble.«

»Mmm, die ess ich am liebsten. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich habe einen Brief bekommen, wegen einem Termin am Montag. Lucy Silchester ist mein Name.«

»Ja, MsSilchester, ich hab Sie hier im System. Passt Ihnen neun Uhr früh?«

»Hm, na ja, genau deswegen rufe ich an. Ich kann an dem Tag nicht, ich muss arbeiten.«

Ich wartete darauf, dass die Frau sagen würde: Ach, wie dumm von uns, Sie an einem ganz normalen Arbeitstag einzuladen. Dann blasen wir die Sache doch lieber ab. Aber nichts dergleichen.

»Aha. Nun, ich denke, wir kriegen das schon irgendwie hin. Wann haben Sie denn Feierabend?«

»Um sechs.«

»Wie wäre es dann mit neunzehn Uhr?«

»Das geht leider nicht. Meine Freundin hat Geburtstag, und wir gehen mit ihr essen.«

»Und in der Mittagspause? Ginge ein Treffen zum Lunch?«

»Da muss ich mein Auto in die Werkstatt bringen.«

»Zusammenfassend könnte man also sagen, dass Sie keinen Termin machen können, weil Sie tagsüber arbeiten, Ihr Auto in der Mittagspause in die Werkstatt bringen und abends mit Freunden essen gehen.«

»Ja, genau.« Ich runzelte die Stirn. »Schreiben Sie das auf?«, fragte ich dann, weil ich ziemlich sicher war, im Hintergrund Tippgeräusche zu hören. Das störte mich – schließlich hatten sie mich einbestellt, ich hatte nicht um ein Treffen gebeten. Es war ihre Aufgabe, einen Termin zu finden.

»Wissen Sie, Schätzchen«, sagte die Frau in ihrem gedehnten Südstaatensingsang – ich konnte fast vor mir sehen, wie die warme Apple Pie von ihren Lippen rutschte und zischend auf der Tastatur landete, die Feuer fing, so dass meine Vorladung ein für alle Mal aus dem System gelöscht war. »Sie sind offenbar nicht mit diesem Verfahren vertraut.« Die Frau holte tief Luft, und ich nutzte die Gelegenheit, ehe die heißen Äpfel das nächste Mal tropften, um zu fragen: »Sind das sonst alle?«

Anscheinend hatte ich ihren Gedankengang unterbrochen.

»Wie bitte?«

»Wenn Sie mit jemandem Kontakt aufnehmen, also, wenn das Leben jemanden auffordert, sich mit ihm zu treffen«, erläuterte ich, »sind die Betreffenden dann normalerweise mit dem Verfahren vertraut?«

»Naaa jaaa«, erwiderte sie gedehnt. »Teils, teils. Kommt darauf an. Aber für die, die nicht Bescheid wissen, bin ich ja da. Würde es Ihnen die Sache denn erleichtern, wenn wir es so arrangieren, dass er zu Ihnen kommt? Wenn ich ihn darum bitte, ist er bestimmt bereit dazu.«

Ich ließ mir die Frage durch den Kopf gehen, dann fiel mir plötzlich etwas auf. »Er?«

Die Frau lachte leise. »Das überrascht die Leute auch meistens.«

»Ist es denn immer ein Er?«

»Nein, nicht immer, manchmal ist es auch eine Sie.«

»Und wann sind es Männer? Nach welchen Kriterien richtet sich das?«

»Oh, reiner Zufall, Schätzchen, da gibt es keine Kriterien. Wie bei der Geburt. Ist das ein Problem für Sie?«

Ich dachte nach, konnte aber nicht erkennen, warum es das sein sollte. »Nein.«

»Wann würde es Ihnen denn passen, dass er Sie besucht?« Sie tippte wieder auf ihrer Tastatur herum.

»Mich besuchen? Nein!«, schrie ich ins Telefon. MrPan zuckte zusammen, öffnete die Augen, sah sich irritiert um und schloss die Augen wieder. »Entschuldigung, ich wollte nicht schreien.« Ich beruhigte mich wieder. »Er kann nicht hierherkommen.«

»Aber ich dachte, es wäre kein Problem für Sie.«

»Ich meinte, es ist kein Problem für mich, dass es ein Mann ist. Ich hab gedacht, das hätten Sie mich gefragt.«

Sie lachte. »Aber warum sollte ich denn so was fragen?«

»Keine Ahnung. Bei der Wellness wird man das manchmal gefragt, wissen Sie, wenn man zum Beispiel nicht von einem Mann massiert werden möchte …«

»Also, ich garantiere Ihnen, dass er keinen einzigen Körperteil von Ihnen massieren wird«, kicherte die Frau.

Aus ihrem Mund klang Körperteil irgendwie schmutzig. Ich schauderte.

»Na ja, sagen Sie ihm einfach, es tut mir leid, aber er kann nicht zu mir kommen.« Ich sah mich in meinem jämmerlichen Studio um, in dem ich mich immer recht wohlgefühlt hatte. Es war ein Platz für mich ganz allein, mein persönlicher Rückzugsort. Nicht für Gäste, Liebhaber, Nachbarn, Familienangehörige oder auch nur die Feuerwehr – ich dachte daran, wie der Teppich Feuer gefangen hatte –, sondern nur für mich. Und MrPan. Ich kauerte in der Couchecke, ein paar Schritte hinter mir begann bereits mein Doppelbett. Rechts befand sich die Küchentheke mit der Arbeitsplatte, links waren die Fenster, und neben dem Bett ging es ins Badezimmer. Das war so ziemlich alles. Nicht dass es mir zu klein war und ich mich deswegen schämte. Nein, es war eher der Zustand meiner Wohnung, der mir etwas ausmachte. Der Boden war mein Schrank geworden. Ich stellte mir meine überall verstreuten Habseligkeiten gern als Trittsteine vor, mein gelber Ziegelstein-Zauberweg, etwas in dieser Art. Der Inhalt des Kleiderschranks meiner schnieken Penthousewohnung von damals brauchte mehr Platz, als das ganze neue Studioapartment zu bieten hatte, und deshalb hatten meine Schuhe, von denen ich ohnehin zu viele besaß, nun eine Heimat auf dem Fensterbrett gefunden, meine Mäntel und längeren Kleider hingen auf Bügeln rechts und links an der Vorhangstange, und ich schob sie, je nach dem Stand von Sonne oder Mond, hin und her wie richtige Vorhänge. Den Teppich habe ich bereits beschrieben, die Couch beanspruchte den gesamten Wohnbereich vom Fensterbrett bis zur Küchenarbeitsplatte, so dass man von hinten über die Lehne klettern musste, weil man nicht um sie herumgehen konnte. In diesem Chaos konnte mir mein Leben unmöglich einen Besuch abstatten. Die Absurdität dieser Situation war mir allerdings durchaus bewusst.

»Mein Teppich wird gerade gereinigt«, sagte ich und seufzte, als wären die damit verbundenen Unannehmlichkeiten kaum zu ertragen. Eigentlich war es nicht mal eine richtige Lüge. Mein Teppich musste wirklich gereinigt werden, dringend sogar.

»Also, da kann ich Ihnen die Magic Carpet Cleaners empfehlen«, sagte die Frau vergnügt, als hätte sie flugs zur Werbepause umgeschaltet. »Mein Mann hat die Angewohnheit, seine Stiefel im Wohnzimmer zu putzen, und die Magic Carpet Cleaners kriegen die schwarze Schuhcreme immer problemlos wieder raus, unglaublich. Mein Mann schnarcht, und wenn ich nicht vor ihm einschlafe, dann kann ich es ganz vergessen, und dann schaue ich mir immer diese Werbesendungen an, und eines Nachts habe ich einen Spot gesehen, in dem ein Mann seine Schuhe auf einem weißen Teppich putzt, genau wie meiner, und so bin ich auf die Magic Carpet Cleaners gekommen. Wie für mich gemacht. Sofort war der Fleck weg, und ich hab sie gleich beauftragt. Und die arbeiten einwandfrei. Magic Carpet Cleaners, schreiben Sie es sich auf.«

Sie erzählte das so eindringlich, dass ich auf einmal den Wunsch verspürte, schwarze Schuhcreme zu kaufen, um diese magischen Teppichreiniger aus der Werbung zu testen, und ich kramte tatsächlich nach einem Stift, der allerdings gemäß dem Stiftgesetz von anno dazumal nirgends in Sichtweite war, wie immer, wenn ich ihn brauchte. Immerhin lag ein Edding da, und ich schaute mich nach einem Zettel um, aber da ich keinen finden konnte, schrieb ich auf den Teppich, was mir ganz angemessen erschien.

»Warum sagen Sie mir nicht einfach, wann Sie Zeit für ein Treffen haben, dann können wir uns das ganze Hin und Her sparen.«

Meine Mutter hatte für Samstag ein Familientreffen anberaumt.

»Schauen Sie, ich weiß, wie wichtig es ist, dass ich von meinem Leben eingeladen worden bin, deshalb würde ich mich sehr gern am Samstag mit ihm verabreden, obwohl ich eigentlich zu einem Familientreffen muss.«

»O Schätzchen, ich mache mir sofort eine Notiz, dass Sie bereit waren, auf einen Tag mit Ihren Lieben zu verzichten, nur um sich mit Ihrem Leben treffen zu können, aber ich denke, Sie sollten sich die Zeit für Ihre Familie unbedingt nehmen, denn wer weiß, wie lange Sie alle noch vollzählig zusammen sein werden. Wir machen dann einfach einen Termin für den nächsten Tag. Sonntag. Ist das nicht eine gute Lösung?«

Ich stöhnte. Aber nicht laut, nur innerlich – ein langgezogener gequälter Laut, der von einem gequälten Ort tief in meinem Innern ausging. Und so wurde der Termin vereinbart. Am Sonntag würden wir uns treffen, unsere Wege würden sich kreuzen und die Dinge sich von Grund auf ändern. Jedenfalls hatte ich in einem Zeitschriften-Interview mit einer Frau, die ihrem Leben begegnet war, gelesen, dass man mit so etwas rechnen musste. Für ungebildete Leserinnen, die sich so etwas nicht vorstellen konnten, gab es zur Veranschaulichung Vorher-Nachher-Fotos. Interessanterweise hatte die Frau, bevor sie ihrem Leben begegnet war, die Haare nicht gestylt, danach aber schon; vorher hatte sie weder Make-up noch Selbstbräuner aufgelegt, aber danach. Vorher hatte sie sich in Leggins und einem Mickymaus-T-Shirt unter grellem Licht fotografieren lassen, danach präsentierte sie sich in einem weich fallenden asymmetrischen Kleid in einer perfekt ausgeleuchteten Studio-Küche, wo eine große Schale kunstvoll arrangierter Zitronen und Limetten darauf hinwies, dass das Leben ihre Vorliebe für Zitrusfrüchte unterstützte. Vor ihrem Treffen mit dem Leben hatte die Frau eine Brille getragen, danach trug sie Kontaktlinsen. Ich fragte mich, was sie mehr verändert hatte – die Zeitschrift oder das Leben.

Nicht mal eine Woche, bis ich mein Leben treffen würde. Und mein Leben war ein Mann. Aber warum ich? Mein Leben war doch ganz in Ordnung. Es ging mir gut. Alles lief prima.

Dann streckte ich mich auf der Couch aus und studierte die Vorhangstange, um zu entscheiden, was ich anziehen sollte.

Kapitel 4

An dem verhängnisvollen Samstag, vor dem mir schon gegraut hatte, bevor ich von ihm erfahren hatte, hielt ich in meinem 1984er VW-Käfer – der den ganzen Weg zu der exklusiven Wohnsiedlung Fehlzündungen gehabt und einige tadelnde Blicke von den sensiblen reichen Leuten auf sich gezogen hatte – am elektrischen Tor vor dem Haus meiner Eltern. Da ich nicht in dem Haus aufgewachsen war, vor dem ich jetzt wartete, hatte ich auch nicht das Gefühl, nach Hause zu kommen. Es fühlte sich nicht mal wie das Zuhause meiner Eltern an. Es war lediglich das Haus, in dem sie wohnten, wenn sie gerade nicht in ihrem Feriendomizil weilten, und ihr Feriendomizil war das Haus, in dem sie wohnten, wenn sie sich gerade nicht in ihrem Haupthaus aufhielten. Die Tatsache, dass ich draußen warten musste, bis mir Einlass gewährt wurde, sorgte zusätzlich für Distanz. Manche meiner Freunde fuhren einfach in die Auffahrt, kannten Passwörter und Alarmcodes oder benutzten sogar ihren eigenen Schlüssel, wenn sie ihre Eltern besuchten. Aber ich wusste nicht mal, wo die Kaffeetassen standen. Das große Tor erfüllte seinen Zweck, denn es war ja dafür gemacht, Landstreicher und unerwünschtes Gesindel – und Töchter – abzuhalten. Für mich allerdings war das Abschreckendste die Vorstellung, da drinnen eingesperrt zu sein. Ein Einbrecher hätte über das Tor klettern wollen, um reinzukommen, ich dagegen wollte drüberklettern, um rauszukommen. Als würde es meine Stimmung aufgreifen, hatte mein Auto – das ich, nebenbei bemerkt, Sebastian getauft hatte, nach meinem Großvater, den man nie ohne Zigarre sah und der schließlich an seinem Raucherhusten starb – angefangen zu schwächeln, sobald es merkte, wohin es ging. Der Weg zum Haus meiner Eltern führte durch ein verzwicktes Labyrinth kurviger Sträßchen quer durch Glendalough, auf und ab, hin und her, vorbei an einer endlosen Abfolge gigantischer Villen. Stotternd blieb Sebastian stehen. Ich kurbelte mein Fenster herunter und drückte auf die Gegensprechanlage.

»Hallo, hier ist das Silchester-Heim für Perverslinge, wie kann ich Ihnen helfen?«, ertönte eine heisere Männerstimme aus dem Lautsprecher.

»Hör auf mit dem Quatsch, Riley.«

Aus dem Lautsprecher erscholl explosives Gelächter, was zur Folge hatte, dass zwei botoxgespritzte Blondinen in Walkingausrüstung ihr intimes Geplauder unterbrachen, zu mir herumwirbelten, dass die Pferdeschwänze flogen, und mich interessiert anstarrten. Ich lächelte ihnen zu, aber als sie erkannten, dass es sich bei mir lediglich um ein unwichtiges braunes Ding in einer rostigen Blechkiste handelte, wandten sie sich wieder ab und setzten ihre von keiner sichtbaren Sliplinie verunzierten, stramm in Lycra verpackten kleinen Rosinenpopos wieder in Bewegung.

Das Tor bebte, geriet in Bewegung und öffnete sich von der Mitte aus.

»Okay, Sebastian, dann wollen wir mal.« Der VW ruckelte los. Er wusste, was vor ihm lag: zwei Stunden Warterei zwischen lauter protzigen Angeberkarossen, mit denen er nichts gemeinsam hatte. Für mich würde es nicht anders sein. Über den langen Kiesweg gelangten wir auf den Parkplatz. Mittendrin stand ein Brunnen in Form eines Löwen, der mit aufgerissenem Maul trübes Wasser in die Höhe spuckte. Ich parkte ein Stück entfernt von Vaters flaschengrünem Jaguar XJ und seinem 1960er Morgan +4, den er gern als sein Wochenendauto bezeichnete, weil er ihn in seiner Freizeitaufmachung mit klassischen Lederhandschuhen und Schutzbrille fuhr – als wäre er Dick Van Dyke in Tschitti Tschitti Bäng Bäng. Natürlich war er ansonsten vollständig bekleidet – es lag keineswegs in seiner Absicht, seine Mitmenschen zu belästigen. Neben Vaters Autos stand der schwarze Geländewagen meiner Mum. Sie hatte sich eigens einen Wagen gewünscht, der ein Minimum an Fahrkünsten von ihr verlangte, und aus diesem Grund besaß dieses Gefährt Parksensoren, die so viele Perspektiven abdeckten, dass sie piepten, wenn auf der Autobahn jemand drei Fahrspuren neben ihm vorbeifuhr. Auf der anderen Seite des gekiesten Bereichs parkte der Aston Martin meines ältesten Bruders Riley und der familientaugliche Range Rover meines mittleren Bruders Philip, aufgemotzt mit sämtlichen Upgrades, unter anderem mit Fernsehbildschirmen hinten in den Kopfstützen, damit den Kindern während der zehn Minuten Fahrt vom Ballett zum Basketballtraining nicht langweilig wurde.

»Lass ruhig den Motor laufen, ich bin in höchstens zwei Stunden wieder da«, sagte ich und tätschelte Sebastian.

Dann sah ich zum Haus empor. Ich weiß nicht, aus welcher Ära es stammte, auf jeden Fall nicht aus der »georgwardischen«, wie ich auf der Weihnachtsparty der Schuberts gewitzelt hatte, sehr zum Amüsement meines Bruders, zum Missfallen meines Vaters und zum Stolz meiner Mutter. Es war auf jeden Fall eindrucksvoll und von einem Lord Soundso als Landsitz erbaut worden. Später hatte der Lord sein Vermögen verspielt, und das Haus wurde an einen Mann verkauft, der ein berühmtes Buch schrieb, weshalb wir gesetzlich verpflichtet waren, eine Messingplakette mit seinem Namen am Tor anzubringen. Vorgeblich war sie zur Information für Literaturfans, aber in erster Linie wurde sie von den vorübereilenden Rosinenpopo-Walkerinnen wahrgenommen, die sie voller Neid anglotzten und sich ärgerten, dass an ihrem eigenen Haus nichts dergleichen zu bewundern war. Der berühmte Schriftsteller hatte eine verbotene Beziehung mit einem depressiven Dichter, der einen Ostflügel an die Villa anbauen ließ, um dort ungestört sein zu können. Im Haus gab es eine beeindruckende Bibliothek, die unter anderem die Korrespondenz von Lord Soundso mit Lady Wieauchimmer enthielt, dazu Liebesbriefe von Lord Soundso an Lady Heimlich, die er verfasst hatte, während er mit Lady Wieauchimmer verheiratet war, außerdem hingen Originalmanuskripte des berühmten Schriftstellers gerahmt an der Wand. Die Werke des depressiven Dichters dagegen standen ungeschützt neben einem Weltatlas und der Biographie von Coco Chanel auf dem Regal. Er hatte sich nie gut verkauft, nicht einmal nach seinem Tod. Nach einer gut dokumentierten turbulenten Affäre vertrank der berühmte Schriftsteller sein ganzes Geld, und das Haus wurde an eine wohlhabende deutsche Familie verkauft, die in Bayern Bier braute und das Haus als Ferienwohnung benutzte. Die Deutschen fügten einen Westflügel und obendrein einen Tennisplatz hinzu, von dem ihr Sohn Bernhard – nach den verblassten Schwarzweißfotos zu urteilen ein übergewichtiger und anscheinend unglücklicher, in zu enge Matrosenanzüge gequetschter Junge – jedoch allem Anschein nach wenig Gebrauch machte. In einem Walnussholzschränkchen der heutigen Silchester-Bar befindet sich übrigens noch eine Originalflasche des deutschen Familienbiers. Überall in dem Anwesen stieß man auf Erinnerungen und Spuren all dieser anderen Leben, und ich fragte mich oft, was meine Eltern hier – abgesehen von Ralph Laurens aktuellster Innenausstattung – wohl hinterlassen würden.

Am Fuße der Steintreppe zur Eingangstür empfingen mich zwei grimmige Tiere, die ich noch immer nicht identifizieren konnte. Zwar sahen sie auf den ersten Blick aus wie Löwen, hatten aber Hörner, und zwei ihrer Beine waren eng ineinander verschlungen, was extrem unbequem aussah und mir immer vorkam, als ob sie, nachdem sie jahrhundertelang auf den Brunnen da draußen gestarrt hatten, dringend zur Toilette müssten. Vorausgesetzt, dass Ralph Lauren nicht gerade eine sehr finstere Phase durchmachte, hätte ich darauf gewettet, dass der berühmte betrunkene Schriftsteller oder der depressive Dichter diese Kreaturen ausgewählt hatten.

Die Tür öffnete sich, und mein Bruder Riley erschien, grinsend wie die leibhaftige Grinsekatze.

»Du bist aber spät dran.«

»Und du bist ekelhaft«, erwiderte ich und meinte damit den Empfang vorhin am Tor.

Er lachte nur.

Ich trottete die Treppe hinauf und überquerte die Schwelle zur Eingangshalle mit ihrem schwarzweißen Marmorboden und doppelt hoher Decke, von der ein Kronleuchter von der Größe meiner Wohnung herabbaumelte.

»Was denn – kein Geschenk?«, fragte mein Bruder und umarmte mich länger, als ich wollte, nur um mich zu ärgern.

Ich stöhnte. Er klang witzig, aber ich wusste, dass er es ernst meinte, denn meine Familie gehörte einer sehr ernsten Glaubensrichtung an – der Kirche der sozialen Etikette. Die Vorsitzenden dieser Kirche waren »die Leute«. Alles, was gesagt oder getan wurde, wurde daran gemessen, was »die Leute« dazu sagen und denken würden. Wichtiger Bestandteil der Etikette war, dass man ein Geschenk mitbrachte, wenn man jemanden besuchte, selbst wenn dieser Jemand zur Familie gehörte und man einfach nur so vorbeikam. Aber wir Silchesters kamen ja auch nicht einfach so bei jemandem vorbei. Wir arrangierten Besuche sorgfältig und von langer Hand, wir vereinbarten Termine und verbrachten oft Wochen, ja Monate damit, alle Gäste unter einen Hut zu bekommen.

»Was hast du denn mitgebracht?«, fragte ich ihn.

»Eine Flasche von Vaters Lieblings-Rotwein.«

»Schleimer.«

»Nur weil ich ihn selbst trinken möchte.«

»Er wird ihn aber nicht aufmachen. Eher würde er warten, bis alle, die er liebt, tot und begraben sind, bevor er überhaupt auf die Idee kommt, ihn für sich allein in einem abgeschlossenen Zimmer zu öffnen. Ich wette zehn, nein zwanzig Euro, dass er ihn nicht aufmacht.« Ich brauchte dringend Benzingeld.

»Dein Einfühlungsvermögen ist ja geradezu rührend, aber ich glaube an unseren Vater. Die Wette gilt«, antwortete er und streckte die Hand aus.

»Und für Mum?« Ich schaute mich in der Halle um, ob ich vielleicht etwas entdecken konnte, was sich als Geschenk eignete und nicht auffiel, wenn es weg war.

»Eine Kerze und Badeöl. Aber bevor du deshalb auf die Palme gehst – ich hab das Zeug in meiner Wohnung gefunden.«

»Ja, weil ich die Sachen für Wie-hieß-sie-doch-gleich gekauft habe, für dieses Mädchen, das du abserviert hast und das gelacht hat wie ein Delphin.«

»Du hast ein Geschenk für Vanessa gekauft?«

Inzwischen wanderten wir durch die endlosen Räume der Villa, ein Zimmer nach dem anderen, mit Sitzecken und offenen Kaminen, mit Sofas, auf denen wir nicht sitzen, und Kaffeetischchen, auf denen wir keine Getränke abstellen durften.

»Als Trostpreis, weil sie mit dir ausgegangen ist.«

»Anscheinend wusste sie es aber nicht zu schätzen.«

»Blöde Tusse.«

»Ja, blöde Delphin-Tusse«, stimmte er zu, und wir grinsten beide.

Schließlich erreichten wir das letzte Zimmer, ganz im hinteren Teil des Hauses. Früher einmal war es Lady Soundsos Salon gewesen, dann das Reimzimmer des depressiven Dichters, und jetzt war es Mr und MrsSilchesters Freizeitraum: eine eingebaute Bar aus Walnussholz, samt Zapfanlage und auf alt gemachtem Spiegel an der Rückwand. In dem Glasschränkchen hinter dem Tresen stand das original deutsche Bier von 1880, zusammen mit einem Schwarzweißfoto der Familie Altenhofen auf der Treppe vor dem Haus. Das Zimmer war ausgelegt mit einem dicken lachsroten Teppich, in dem die Füße versanken, es gab eine Cocktailbar mit großen Ledersesseln, und auch um ein paar Walnusstische waren kleinere Sessel arrangiert. Die Hauptattraktion jedoch war das große Erkerfenster, durch das man den Blick über das Tal und die sanften Hügel dahinter schweifen lassen konnte. Das Grundstück besaß über einen Hektar Rosengärten, einen Mauergarten und einen Swimmingpool mit stets frischem Wasser. Die Flügeltüren nach draußen standen offen, und große Kalksteinstufen führten zu einem Brunnen mitten auf dem Rasen. Neben dem Brunnen, direkt an dem plätschernden Bächlein, war ein mit weißem Leinen, Kristall und Silberbesteck gedeckter Tisch aufgebaut. In meiner Familie gab es so etwas wie Ungezwungenheit nicht, alles wurde gestaltet wie ein schönes Bild. Schade nur, dass ich es kaputtmachen würde.

In einem weißen knielangen Tweedkostümchen von Chanel und schlichten flachen Schuhen flatterte meine Mutter um den Tisch und schlug nach den Wespen, die in ihre Gartenparty einzudringen drohten. Ihre blonden Haare waren perfekt frisiert, nie verschwand das leichte Lächeln von ihren rosenfarbenen Lippen, ganz gleich, was in der Welt oder in ihrem Leben oder im Raum um sie herum passierte. Mein Bruder Philip – Besitzer des aufgemotzten Range Rovers, Facharzt für rekonstruktive plastische Chirurgie beziehungsweise für heimliche Brustvergrößerungen – saß bereits am Tisch und unterhielt sich mit meiner Großmutter, die wie üblich mit kerzengeradem Rücken auf ihrem Stuhl thronte, in einem geblümten Gartenpartykleid mit Perlenkette, die Haare zu einem strengen Knoten zurückgekämmt, Wangen und Lippen dezent rot geschminkt, die Hände auf dem Schoß gefaltet und die Beine sittsam an den Knöcheln überkreuzt, wie sie es unter Garantie im Mädchenpensionat gelernt hatte. Reglos saß sie da, ohne Philip anzusehen und wahrscheinlich auch ohne ihm zuzuhören, während sie die Bemühungen meiner Mutter mit den typischen missbilligenden Blicken überwachte.

Ich schaute an mir herunter und strich mein Kleid glatt.

»Du siehst toll aus«, sagte Riley, schaute weg und versuchte, mir nicht das Gefühl zu geben, dass er mich nur aufbauen wollte. »Ich glaube, Mum möchte uns etwas mitteilen.«

»Sie ist nicht unsere richtige Mutter.«

»Ach, das meinst du doch nicht ernst«, hörte ich eine Stimme hinter mir.

»Edith!«, rief ich, noch ehe ich mich umdrehte. Edith arbeitete seit dreißig Jahren als Haushälterin bei Mum und Vater. Sie war bei uns, seit ich denken kann, und hatte weit mehr mit unserer Erziehung zu tun als irgendeine der vierzehn Nannys, die unsere Eltern für uns anheuerten. Jetzt hielt sie eine Vase in der einen und einen riesigen Blumenstrauß in der anderen Hand, stellte die Vase ab und streckte mir die Arme entgegen.

»Oh, Edith, das sind aber schöne Blumen.«

»Ja, nicht wahr? Ich hab sie heute frisch gekauft, auf diesem neuen Markt unten bei …« Sie unterbrach sich und sah mich argwöhnisch an. »O nein. Kommt nicht in Frage.« Hastig hielt sie die Hand mit den Blumen von mir weg. »Nein, Lucy. Die kannst du nicht haben. Letztes Mal hast du mir schon den Kuchen weggenommen, den ich eigentlich zum Nachtisch gebacken hatte.«

»Ich weiß, das war falsch, und ich mach es auch bestimmt nie wieder«, erklärte ich ernst und fügte hinzu: »Sie bettelt nämlich ständig, dass ich ihn noch mal mache. Ach komm, Edith, lass sie mich wenigstens anschauen. Sie sind echt wunderschön.« Ich zwinkerte ihr zu.

Da ergab Edith sich endlich ihrem Schicksal, und ich nahm ihr den Strauß ab.

»Mum wird sich bestimmt freuen«, sagte ich und grinste.

Edith musste sich das Lächeln verkneifen. Auch als wir klein waren, war es ihr immer schwergefallen, uns auszuschimpfen. »Du hast verdient, was jetzt auf dich zukommt, mehr kann ich dazu nicht sagen.« Dann verschwand sie in Richtung Küche, und ich war plötzlich so von Grauen erfüllt, dass ich das Gefühl hatte zu platzen. Riley ging voraus nach draußen, und ich stolperte mit meinem Strauß hinter ihm die breiten Stufen hinunter, auf denen ich immer zwei Schritte machen musste, er aber nur einen. Natürlich war er vor mir unten, und Mum strahlte wie ein Feuerwerk, als sie sah, dass ihr kostbarer Sohn auf sie zueilte.

»Lucy, Schätzchen, die sind ja wunderschön, das wäre doch nicht nötig gewesen«, rief sie dann, so total übertrieben, als hätte man ihr soeben den Titel der Ms World überreicht, und nahm mir die Blumen ab.

Ich küsste meine Großmutter auf die Wange. Sie nahm es mit einem leichten Kopfnicken zur Kenntnis, rührte sich ansonsten jedoch nicht.

»Hallo, Lucy.« Philip stand auf und küsste mich auf die Wange.

»Wir dürfen uns nicht mehr auf diese Weise treffen«, sagte ich leise zu ihm, und er lachte.

Ich wollte ihn nach den Kindern fragen, hätte ihn fragen müssen, aber Philip geht auf solche höflichen Fragen immer viel zu ausführlich ein und lässt sich dann über sämtliche Details aus, die die Kinder gesagt und getan haben, seit ich sie zuletzt gesehen habe. Ich liebte sie wirklich sehr, aber es war mir einfach nicht besonders wichtig, was sie heute Morgen gefrühstückt hatten, auch wenn das ziemlich sicher etwas mit Bio-Mangos und getrockneten Datteln gewesen war.

»Ich sollte sie ins Wasser stellen«, sagte Mum, die um meinetwillen immer noch – inzwischen übertrieben lang – die Blumen bewunderte.

»Ich mach das«, rief ich, denn ich erkannte meine Chance, mich eine Weile offiziell zu verdrücken. »Ich hab drinnen die perfekte Vase für den Strauß gesehen.«

Hinter Mums Rücken schüttelte Riley ungläubig den Kopf.

»Danke«, sagte Mum, als hätte ich ihr angeboten, ihr bis zu ihrem Lebensende sämtliche Rechnungen zu bezahlen. Dann sah sie mich bewundernd an. »Du siehst anders aus. Hast du was mit deinen Haaren gemacht?«

Sofort fuhr meine Hand zu meiner kastanienbraunen Mähne. »Äh – ich hab mit nassen Haaren geschlafen.«

Riley lachte.

»Oh. Sieht wunderbar aus«, sagte Mum.

»Davon kriegst du eine Erkältung«, warf meine Großmutter ein.

»Hab ich aber nicht.«

»Hätte leicht passieren können.«

»Ist es aber nicht.«

Schweigen.

Ich drehte mich um und wankte auf meinen hohen Absätzen durchs Gras zu den Steinstufen. Mittendrin gab ich auf, kickte die Schuhe weg, und unter meinen bloßen Füßen fühlte sich der Stein wunderbar sonnenwarm an. Inzwischen hatte Edith die Vase von der Bar geräumt, aber ich war froh darüber, denn nun hatte ich eine Aufgabe, mit der ich die Zeit totschlagen konnte. Im Kopf rechnete ich kurz nach, dass von meiner verspäteten Ankunft bis zu der jetzigen Blumen- beziehungsweise Vasenunternehmung immerhin schon zwanzig Minuten der gefürchteten zwei Stunden verstrichen waren.

»Edith«, rief ich halbherzig, denn nur ich selbst konnte mich hören, während ich von einem Zimmer zum nächsten eilte und mich immer weiter von der Küche entfernte, obwohl ich wusste, dass ich sie dort bestimmt finden würde. Es gab fünf große Zimmer, die auf den Garten hinausgingen – eines stammte aus der Zeit des berühmten betrunkenen Schriftstellers, zwei vom ursprünglichen Haus und noch mal zwei von der deutschen Bierfamilie. Als ich alle diese Räume, die mit großen Flügeltüren verbunden waren, durchquert hatte, trat ich auf den Korridor hinaus und machte kehrt. Auf der anderen Seite des Ganges sah ich die großen Walnussholztüren zum Arbeitszimmer meines Vaters weit offen stehen. Hier hatte der berühmte Schriftsteller seinen berühmten Roman geschrieben. Hier wühlte sich mein Vater durch endlose Papierberge. Manchmal fragte ich mich, ob das Papier nicht vielleicht leer war und er einfach das Gefühl von Papier liebte. Vielleicht hatte er ein Nervenleiden, das durch den Kontakt mit Papieren gelindert wurde, und deshalb musste er sie ständig anschauen, berühren und umblättern.

Mein Vater und ich stehen uns sehr nah. Manchmal sind unsere Gedanken so ähnlich, dass wir fast der gleiche Mensch sein könnten. Wenn Leute uns zusammen sehen, staunen sie über unsere Verbundenheit, über seinen Respekt vor mir und meine Bewunderung für ihn. Oft nimmt er sich einen Tag frei, holt mich in meiner Wohnung ab und nimmt mich mit auf ein Abenteuer. Schon als Kind hat er mich nach Strich und Faden verwöhnt, ich war ja seine einzige Tochter. Daddys Liebling, so nannten mich alle. Manchmal ruft er mich tagsüber an, nur um zu fragen, wie es mir geht, und zum Valentinstag schickt er mir Blumen und Karten, damit ich mich nicht einsam fühle. Er ist wirklich ein besonderer Mann. Wir haben wirklich eine ganz besondere Verbindung. Manchmal nimmt er mich an einem windigen Tag mit zu einem Gerstenfeld, ich ziehe mir ein Flatterkleid an, und dann rennen wir zusammen wie in Zeitlupe herum, oder er spielt das Kitzelmonster und versucht mich zu fangen, jagt mich im Kreis herum, bis ich ins Kornfeld falle, dessen Halme mich umwogen und sich in der Brise hin- und herwiegen. Wir haben so viel Spaß!

Okay, das war gelogen.

Wahrscheinlich hat man das spätestens an dem Bild mit dem Gerstenfeld in Zeitlupe gemerkt. Da hab ich wohl ein bisschen übertrieben. In Wirklichkeit kann mein Vater mich nicht ausstehen, und mir geht es umgekehrt genauso. Aber wir geben uns Mühe, einander zu ertragen, gerade genug, dass es irgendwie funktioniert, und auf diesem schmalen Grat balancieren wir, so gut es eben geht, dem Weltfrieden zuliebe.

Er musste gemerkt haben, dass ich an seinem Büro vorbeikam, aber er blickte nicht auf, sondern blätterte die nächste rätselhafte Seite um. Unser Leben lang hatte er akribisch dafür gesorgt, dass sich diese Papiere nie in unserer Reichweite befanden, und ich war besessen davon herauszufinden, was darauf zu sehen war. Als ich zehn Jahre alt war, schaffte ich es endlich, mich eines Abends, als er vergessen hatte, die Tür abzuschließen, in sein Büro zu schleichen. Aber als ich die Papiere dann endlich mit wild klopfendem Herzen betrachten konnte, verstand ich kein Wort von dem, was daraufstand. Nichts als juristischer Fachjargon. Mein Vater war Richter am Obersten Gerichtshof, und als ich älter wurde, begriff ich, dass er einen hervorragenden Ruf hatte und einer der führenden irischen Strafrechtsexperten war. Seit seiner Berufung an den Obersten Gerichtshof vor zwanzig Jahren führte er bei Mord- und Vergewaltigungsprozessen den Vorsitz. Ein völlig humorloser Typ, dessen konservative Ansichten oft kontrovers diskutiert wurden. Wenn er nicht mein Vater gewesen wäre, hätte ich womöglich manchmal auf der Straße gegen ihn demonstriert. Oder vielleicht auch gerade deshalb. Sein Vater war Universitätsprofessor und seine Mutter – die alte Frau, die jetzt in ihrem Blumenkleid im Garten saß – war ebenfalls Wissenschaftlerin. Allerdings weiß ich nicht genau, was sie machte, außer dass sie überall, wo sie auftauchte, für Spannungen sorgte. Ich glaube, sie forschte irgendetwas über Maden im Boden bestimmter Klimazonen. Vater ist European Universities Debating Champion, Absolvent des Trinity College Dublin und der Honorable Society of Kings Inns, deren Motto Nolumus Mutari nichts anderes bedeutet als Wir lassen uns nicht ändern. Das sagt schon eine Menge über ihn aus. Eigentlich weiß ich über meinen Vater nur das, was die Urkunden an der Wand seines Büros der Welt kundtun. Früher dachte ich, alles andere wäre ein großes Geheimnis, das ich eines Tages lüften würde, und dann würde plötzlich alles einen Sinn ergeben. Am Ende seiner Tage, wenn er ein alter Mann war und ich eine verantwortungsbewusste, attraktive und sehr erfolgreiche Karrierefrau mit extrem langen Beinen und einem umwerfenden Ehemann, würden wir versuchen, die verlorene Zeit nachzuholen. Aber inzwischen ist mir klar, dass mein Vater keineswegs ein Mysterium ist. Er ist, wie er ist, und wir mögen uns nicht, weil wir nicht mal ansatzweise verstehen können, wie der andere tickt, nicht das geringste bisschen.

So stand ich nun unter der Tür seines holzvertäfelten Büros und beobachtete, wie er, die Brille auf der Nasenspitze, in seinen Papieren las, umgeben von Bücherregalen, die Luft wie immer erfüllt von einem Geruch nach Staub, Leder und Zigarrenrauch, obwohl er schon vor zehn Jahren mit dem Rauchen aufgehört hatte. Auf einmal spürte ich ein warmes Gefühl in mir – er sah so alt aus. Oder zumindest älter. Und ältere Menschen waren wie Babys – etwas an ihrem Verhalten brachte einen dazu, sie trotz ihrer ignoranten, egoistischen Persönlichkeit zu lieben. Nachdem ich eine Weile so dagestanden, ihn angeschaut und über das unerwartete warme Gefühl nachgedacht hatte, fand ich es unangemessen, einfach wortlos wegzugehen, also räusperte ich mich und beschloss dann spontan, an seine offene Tür zu klopfen, wobei die Folie, in die mein Strauß eingewickelt war, laut knisterte. Aber er blickte nicht auf. Ich ging hinein.

Und wartete. Erst geduldig. Dann ungeduldig. Dann wollte ich ihm die Blumen an den Kopf werfen. Dann wollte ich jede Blume Blatt für Blatt zerpflücken und ihm ins Gesicht schleudern. Dann verwandelte sich das, was als sanfte natürliche Freude am Wiedersehen mit meinem Vater begonnen hatte, endgültig in die bekannten Gefühle von Frustration und Wut. Warum machte er es einem immer so schwer? Immer war diese Mauer zwischen uns, immer fühlte ich mich unbehaglich. »Hi«, sagte ich und klang, als wäre ich wieder sieben Jahre alt.

Doch auch jetzt blickte er nicht auf, sondern las seine Seite fertig, blätterte weiter und las auch diese Seite bis zum Ende. Vielleicht dauerte es in Wirklichkeit nur eine Minute, aber es fühlte sich an wie mindestens fünf. Und dann hob er schließlich den Kopf, nahm seine Brille ab und schaute auf meine nackten Füße herunter.

»Ich hab Blumen für Mum und dich mitgebracht, und jetzt suche ich eine Vase.« Wahrscheinlich war das ungefähr so ein Verlegenheitssatz wie das Ich hab eine Wassermelone getragen in Dirty Dancing.

Schweigen. »Hier drin findest du bestimmt keine.« In meinem Kopf hörte ich: Du dämliche Kuh! Solche Ausdrücke würde er allerdings nie benutzen, höchstens so etwas wie »Verflixt«, was mich unendlich nervte.

»Ich weiß, aber ich dachte, ich sage mal kurz hallo.«

»Bleibst du zum Essen?«

Ich versuchte herauszufinden, was genau er damit meinte. Entweder wollte er, dass ich zum Essen blieb, oder er wollte es nicht. Irgendetwas musste es bedeuten, denn alle Sätze meines Vaters waren codiert, und für gewöhnlich hatten sie den Unterton, dass ich schwachsinnig war. Doch sosehr ich mir auch den Kopf zerbrach, ich kam zu keiner Lösung. Also sagte ich einfach: »Ja.«

»Dann sehen wir uns beim Essen.«

Was bedeutete: Warum stehst du barfuß in meinem Büro herum und gehst mir mit deinem blöden »Hi« auf die Nerven, wenn wir uns sowieso gleich beim Essen sehen, verflixt. Er setzte die Brille wieder auf, griff nach seinen Papieren und las weiter. Wieder wollte ich ihm die Blumen an den Kopf werfen, sie eine nach der anderen von seiner Stirn abprallen lassen, aber aus Respekt vor Ediths Strauß drehte ich mich um und ging, wobei ich mit meinen nackten Füßen, die auf dem Boden klebten, ein lautes Quietschgeräusch erzeugte. In der Küche lud ich die Blumen in der Spüle ab, schaute, was an Essbarem herumstand, naschte ein bisschen und ging schließlich wieder in den Garten hinaus. Vater war schon draußen und begrüßte seine Söhne mit kernigem Händedruck und tiefer Stimme, gefolgt von einer dreifachen Demonstration der Männlichkeit, bei der sie herzhaft in Fasanenschenkel bissen, klirrend ihre Zinnkrüge aneinanderstießen, die eine oder andere Brust befummelten, sich schließlich den Sabber vom Mund wischten und zufrieden rülpsten. Zumindest in meiner Phantasie. Dann nahmen sie Platz.

»Du hast Lucy noch gar nicht begrüßt, Schatz! Sie hat eine Vase für die wunderschönen Blumen gesucht, die sie uns mitgebracht hat.« Mum lächelte mich wieder an, als wäre ich für alles Gute in der Welt verantwortlich. Im Lächeln war sie wirklich eine große Meisterin.

»Ich hab sie schon im Haus gesehen.«

»Oh, das ist ja schön«, zwitscherte Mum und studierte mich. »Hast du eine Vase gefunden?«

Ich sah zu Edith hinüber, die gerade die Brötchen auf den Tisch stellte. »Ja, die in der Küche neben dem Mülleimer«, antwortete ich lächelnd, damit sie denken musste, dass ich die Blumen in den Müll geworfen hatte. Was ich natürlich nicht gemacht hatte, aber ich nahm sie gern ein bisschen auf den Arm.

»Ah, genau dahin, wo dein Essen schon gelandet ist«, gab Edith süßlich lächelnd zurück. Mum schaute verständnislos drein. »Wein?«, fragte Edith die anderen und sah absichtlich durch mich hindurch.

»Nein, ich muss fahren«, antwortete ich trotzdem, »aber Riley möchte gern ein Glas von dem Rotwein, den er Vater mitgebracht hat.«

»Riley muss auch fahren«, sagte Vater in die Runde.

»Ein Gläschen könnte er schon vertragen.«

»Angetrunkene Fahrer gehören ins Gefängnis«, blaffte Vater.

»Letzte Woche hat es dich nicht gestört, dass er etwas getrunken hat«, sagte ich und versuchte dabei, nicht aggressiv zu klingen, was mir nicht gelang.

»Letzte Woche war auch dieser kleine Junge noch nicht durch die Windschutzscheibe geflogen, weil der verflixte Fahrer betrunken war.«

»Nein, Riley, das hast du nicht wirklich gemacht?«

Geschmacklos von mir, ich weiß, aber irgendwie sollte es das wohl sein, ich wollte Vater provozieren, der nun ein Gespräch mit seiner Mutter begann, als wäre ich gar nicht da. Riley schüttelte ungläubig den Kopf, aber ich war nicht sicher, ob wegen meines unangebrachten Witzes oder weil er sich nicht an Vaters kostbarem Wein laben konnte, aber auf jeden Fall hatte er die Wette verloren. Riley griff in die Hosentasche und gab mir einen Zwanzigeuroschein. Das brachte unseren Vater dazu, sein Zwiegespräch mit seinem besten Freund, der Distanz, endlich doch zu unterbrechen und unsere Transaktion missbilligend zu beobachten.

»Ich hatte Schulden bei ihr«, erklärte Riley.

Da niemand am Tisch glaubte, dass ich in der Lage war, jemandem Geld zu leihen, änderte das aber nichts an der Sache, dass ich wieder einmal als die Dumme dastand.

»Nun«, setzte Mum an, als Edith fertig aufgetragen hatte und wir alle saßen. Sie sah mich an. »Aoife McMorrow hat letzte Woche geheiratet. Will Wilson.«

»Oh, da freue ich mich aber für sie!«, sagte ich enthusiastisch und stopfte mir ein Brötchen in den Mund. »Wer ist Aoife McMorrow?«

Riley lachte.

»Sie war mit dir im Stepptanz-Unterricht.« Mum sah mich an; sie schien völlig überrascht davon, dass ich meine Stepptanz-Bekannte aus der Zeit, als ich sechs war, vergessen hatte. »Und Laura McDonald hat letzte Woche ein kleines Mädchen bekommen.«

»Ia-Ia-ho«, sang ich.

Riley und Philip lachten. Sonst niemand. Mum hätte gerne mitgelacht, aber sie verstand den Witz nicht.

»Ich bin ihrer Mutter gestern auf dem Biomarkt begegnet, und sie hat mir ein Foto von der Kleinen gezeigt. Ein süüüüßes Baby. Einfach zum Anbeißen. Jetzt ist Laura verheiratet und Mutter, alles in einem Jahr, stell dir das mal vor.«

Ich lächelte verkniffen und spürte Rileys angestrengten Blick auf mir ruhen, der mich dringend ersuchte, den Mund zu halten.

»Das Baby hat viereinhalb Kilo gewogen, Lucy, ist das nicht unglaublich?«

»Jackson hatte auch über vier Kilo«, warf Philip ein. »Luke drei Komma acht und Jemima drei Komma neun.«

Alle sahen ihn an und taten so, als wäre diese Information brennend interessant.

Er wandte sich wieder seinem Brötchen zu.

»Ist doch wirklich wunderschön«, sagte Mum, wobei sie mich mit Knautschgesicht und hochgezogenen Schultern anstarrte – viel zu lange. »Mutter zu werden.«

»Ich war mit zwanzig verheiratet«, verkündete meine Großmutter, als wäre das eine Heldentat. Dann unterbrach sie sogar das Buttern ihres Brötchens und sah mir tief in die Augen. »Mit vierundzwanzig hatte ich mein Studium fertig und mit siebenundzwanzig drei Kinder.«

Ich nickte mit gespielter Ehrfurcht. Ich hörte das alles ja nicht zum ersten Mal. »Hoffentlich haben sie dir eine Medaille verliehen.«

»Eine Medaille?«

»Das ist nur so ein Ausdruck. Wenn jemand etwas … etwas Erstaunliches leistet.« Ich bemühte mich, den Sarkasmus zurückzuhalten, der darauf brannte, endlich in Aktion treten zu dürfen. Er stand an der Seitenlinie, wärmte sich auf und war absolut erpicht darauf, als Ersatzspieler für Höflichkeit und Toleranz eingewechselt zu werden.

»Das ist keine Leistung, sondern schlicht das Richtige, Lucy.«

Jetzt kam Mum mir tatsächlich zu Hilfe. »Heutzutage bekommen manche Mädchen eben erst mit Ende zwanzig ein Kind.«

»Aber Lucy ist dreißig.«

»Erst in ein paar Wochen«, entgegnete ich und setzte ein Lächeln auf. Der Sarkasmus zog die Trainingsjacke aus und machte sich bereit, aufs Spielfeld zu laufen.

»Na ja, wenn du meinst, du kannst in vierzehn Tagen ein Baby kriegen, hast du noch viel zu lernen«, sagte Großmutter und biss in ihr Brötchen.

»Manchmal sind sie heutzutage sogar noch älter«, sagte Mum.

Meine Großmutter gab tadelnde Schmatzgeräusche von sich.

»Sie machen Karriere, weißt du«, fuhr Mum fort.

»Aber Lucy macht keine Karriere. Und was meinst du eigentlich, womit ich mich im Labor beschäftigt habe? Mit Brotbacken?«

Jetzt war Mum ernsthaft pikiert, denn sie hatte das Brot und die Brötchen auf dem Tisch selbst gebacken. Das tat sie immer, und alle wussten es, natürlich auch meine Großmutter.

»Jedenfalls nicht damit, dein Baby zu stillen«, murmelte ich leise, aber alle hörten mich und sahen mich an, und die Blicke waren nicht freundlich. Ich konnte nichts machen, der Ersatzspieler war auf dem Platz, und ich fühlte mich genötigt, meinen Kommentar zu erläutern. »Vater kommt mir nicht vor wie ein Mensch, der gestillt worden ist.« Wenn Riley die Augen noch weiter aufgerissen hätte, wären sie ihm glatt aus dem Kopf gesprungen, und sosehr er sich auch bemühte, er konnte das Lachen nicht zurückhalten. Mit einem skurrilen Geräusch platzte es aus ihm heraus, ein Schwall fröhlicher Luft. Wortlos griff Vater nach der Zeitung, schlug sie mit einer entschlossenen Schüttelbewegung auf – einer Art Schauder, der ihm sicherlich über den Rücken lief – und verschanzte sich dahinter. Wir hatten ihn verloren. Er war weg, wieder einmal verschwunden hinter einer Wand von Papier.

»Ich schau mal nach der Vorspeise«, sagte Mum leise und erhob sich anmutig.

Von Mums Grazie hatte ich nichts geerbt, Riley aber schon. Weltmännisch und kultiviert verströmte er seinen Charme, und obwohl er mein Bruder war, war mir völlig klar, dass er mit seinen fünfunddreißig ein echt guter Fang war. Er war in Vaters juristische Fußstapfen getreten und anscheinend einer unserer besten Strafverteidiger. Das hatte ich schon öfter gehört; am eigenen Leib hatte ich sein Talent bisher noch nicht erlebt, aber das war für die Zukunft bei mir nicht völlig auszuschließen. Für mich war es ein angenehmer, prickelnder Gedanke, dass mein Bruder immer eine »Du kommst aus dem Gefängnis frei«-Karte für mich in der Hinterhand bereithielt. Immer wieder sah ich in den Nachrichten, wie er gerade das Gerichtsgebäude verließ oder betrat, meist in Begleitung von Männern, die sich die Jacke über den Kopf gezogen hatten und mit Handschellen an einen Polizisten gefesselt waren. Es war mir ein bisschen peinlich, wie oft ich an öffentlichen Orten schon alle damit zum Schweigen gebracht hatte, dass ich stolz auf den Fernseher zeigte und verkündete: »Das ist mein Bruder!« Wenn ich dann böse Blicke erntete, musste ich natürlich klarstellen, dass ich nicht den Jackenvermummten meinte, dem man irgendein unmenschliches Verbrechen zur Last legte, sondern den hochattraktiven jungen Mann in dem schicken Anzug daneben, aber meistens interessierte das niemanden mehr. Ich bin überzeugt, dass Riley die Welt zu Füßen liegt; er steht nicht unter Druck zu heiraten, zum einen, weil er ein Mann ist und bei mir zu Hause eine geradezu bizarre Doppelmoral herrscht, zum anderen, weil meine Mutter ihn abgöttisch liebt und ihr keine Frau gut genug für ihren Sohn ist. Zwar nörgelte sie nicht an seinen Freundinnen herum, aber sie hatte eine sehr klare Art, deren Schwächen auf den Punkt zu bringen, in der Hoffnung, in Rileys Kopf damit für immer die Saat des Zweifels zu säen. Mehr Erfolg hätte sie wahrscheinlich, wenn sie Riley als kleinem Jungen immer wieder ein Bild von einer Vagina gezeigt und dabei jedes Mal den Kopf geschüttelt oder abschätzig mit der Zunge geschnalzt hätte. Mum fand es toll, dass ihr ältester Sohn in einer eleganten Junggesellenbude in der City hauste, und sie besuchte ihn gelegentlich am Wochenende, was für sie sonderbarerweise ein kolossal prickelndes Erlebnis zu sein schien. Wenn Riley schwul wäre, würde sie ihn vielleicht noch mehr lieben, denn dann hätte sie keine Konkurrentinnen – und außerdem sind Schwule heutzutage so cool. Das hatte ich sie mal sagen hören.

Mit einem Tablett Hummercocktails kam Mum jetzt zum Tisch zurück. Eins davon, für mich, war aber nur mit Melone – nachdem es mal bei einem Lunch bei den Horgans einen Meerestier-Vorfall gegeben hatte, an dem ein Langostino, ein Notarzt und ich beteiligt gewesen waren.

Ich schaute verstohlen auf die Uhr, aber Riley merkte es.

»Spann uns doch bitte nicht so auf die Folter, Mum – was hast du uns mitzuteilen?«, sagte er auf seine formvollendete Art, die alle aus ihren Grübeleien riss und in die Gegenwart zurückholte. Riley konnte einfach gut mit Menschen umgehen.

»Ich möchte nichts, ich mag keinen Hummer«, verkündete Großmutter und schubste ihren Teller von sich, noch ehe er ganz auf dem Tisch gelandet war.