Ein Mord, wie er im Buche steht - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Eine Liebesheirat ist es nicht, sondern Flucht vor der Vergangenheit. Er will den ungeklärten Mord an seiner ersten Frau vergessen und sie ihren gefallenen Verlobten. Doch als der Totgeglaubte plötzlich vor ihr steht, wird ihr klar, daß ihr Leben auf einer Lüge begründet ist. In dieser Überzeugung kann sie auch der zweite Mord nicht beirren. Zu spät erkennt sie ihren gefährlichen Irrtum. Denn der nächste Anschlag gilt ihr ... (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl:218


Mignon G. Eberhart

Ein Mord, wie er im Buche steht

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Irene Matthes

FISCHER Digital

Inhalt

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1

Es gab Augenblicke, da schienen die Schatten auf der Dachterrasse die Form eines Frauenkörpers anzunehmen, der niedergestürzt war und herausgerissen aus dem Leben. Fünf Winter lang hatte der Schnee und vier Sommer lang der Regen die roten Fliesen des Bodens blankgewaschen. Wenn es diesen Schatten wirklich einmal gegeben hätte, er hätte inzwischen verschwunden sein müssen.

Susan Desart wußte das. Trotzdem glaubte sie auch jetzt wieder für einen Augenblick, sie hätte den Schatten ihrer Vorgängerin gesehen; den Schatten jener Frau, die sie bewundert und verehrt hatte. Niemand hatte sich Rose Desarts Zauber entziehen können; niemand – außer ihrem Mörder. Sie war in der Ecke des Dachgartens neben dem Tor, das die Terrasse vom übrigen Dach abtrennte, getötet worden, und das Tor war fest verschlossen gewesen. Rose hatte nicht mehr fliehen können.

Unmittelbar neben dem Tor war der Zugang zur Feuerleiter; er war fast völlig verdeckt von rankendem wildem Wein. Vielleicht waren es die Ranken, die manchmal diesen merkwürdigen Schatten warfen? Aber der Apriltag war kalt und trüb, es sah nach Regen aus. Sie hatte sich die Schatten nur eingebildet. Susan fuhr sich über die Augen, dann wandte sie sich wieder den Blumenkästen unter den großen Fenstern der Dachterrassenwohnung zu. Kreuz und quer auf der Terrasse standen Pflanzenkästen; sie enthielten kleine Töpfe mit lachsfarbenen Geranien und sattgrünem Efeu, die in die Blumenkästen umgepflanzt werden mußten.

«Hallo, Sue», rief plötzlich eine Männerstimme von der Tür des Wohnzimmers her.

Nur ihr Vater hatte sie Susan gerufen, alle anderen nannten sie Sue. Susan sah auf. Der Besucher bahnte sich seinen Weg durch die umherstehenden Pflanzenkästen und blickte dann lächelnd auf Sue herab. Er hatte schwarzes krauses Haar und lachende blaue Augen; seine Gesichtszüge wirkten offen und sympathisch. Ein gutaussehender Mann. Susan lächelte zurück. Douglas Woodards heiteres Lächeln war einfach unwiderstehlich. «Woody! Ich hab dich gar nicht gehört.»

«Ich habe unten geläutet; Pauline hat mir aufgemacht. Habt ihr einen neuen Fahrstuhlführer?»

«Ja, seit kurzem.»

«Was ist denn mit dem alten Groves?»

«Er mußte leider gehen – Arthritis. Der arme Kerl tut mir schrecklich leid, dreißig Jahre hat er hier gearbeitet.» Sorgfältig drückte Susan die Erde um die Geranie fest.

«Du nimmst ja die gleichen Pflanzen, wie Rose sie jahrelang verwendet hat», sagte Woody erstaunt.

«Ja. Es stand in ihrem Tagebuch.» Sie sah nach dem grauen Himmel, ein Tropfen fiel ihr ins Gesicht.

«In ihrem – was?»

Sue warf einen prüfenden Blick über die Pflanzenkästen. Ein bißchen Regen wäre ganz gut für die Geranien und den Efeu. «Marcus brachte es mir gestern abend. Er sagte, sie nannte es ihr Tagebuch. Allzu viel kann ich allerdings nicht damit anfangen. Es ist eine Art Haushaltungsbuch, so mit Rezepten, Bestellungen und kleinen Notizen. Für die erste Aprilwoche ist eingetragen: ‹Gärtner Terrassenpflanzen bestellen› und dahinter eine Telefonnummer.» Sie stand auf. «Eine einzige Geranie gesetzt – viel ist das ja nicht!»

«Wußtest du denn noch, daß Rose immer diese leuchtenden Geranien und Efeu nahm?»

«Nein. Aber der Gärtner. Er fragte, ob ich die gleichen Pflanzen haben möchte wie die erste Mrs. Desart. Es gießt gleich, Woody. Komm, wir gehen hinein. Marcus wird wohl auch bald kommen.»

«Eigentlich hätte ich mich viel lieber mit dir unterhalten, Darling, und nicht mit Marcus.» Es klang ein wenig traurig.

Susan lachte. «Herzlichen Dank für das nette Kompliment.» Sie sammelte die Pflanzgeräte ein und zog die Handschuhe aus.

«Sue, ich habe es wirklich ernst gemeint.» In seiner Stimme schwang ein Ton, der sie überrascht hochsehen ließ. Er sah nicht mehr heiter aus. Nachdenklich sah er über die Terrasse.

«Die Weiden haben schwer unter dem Winter gelitten», sagte Susan. «Aber sie werden sich schon wieder erholen.»

Über den Dachgarten verteilt standen ein paar Trauerweiden in grünen Kübeln. Das Frühjahr ließ recht lange auf sich warten. Nur zögernd kamen am wilden Wein die ersten Blättchen, und auch die Weiden zeigten nur wenig von ihrem gelben Frühlingsschleier.

«Es liegt am Nordwind, vielleicht auch am Westwind», meinte Woody. «Es ist kein guter Platz für Bäume.»

«Die Weide da ist tatsächlich krank. Ich glaube, ich sollte sie am Gestell des Sonnendachs festbinden. Vielleicht in der Nordwestecke?»

«Wollen wir das gleich machen?»

«Ich muß erst die Leiter holen.»

«Ach was! Ich kann mich auf’s Geländer stellen und hinüberlangen.»

Susan schrie auf. «Woody, du hast wohl ganz vergessen, daß wir im zwölften Stockwerk sind?»

Woody schien nicht zu hören. «Hast du was zum Festbinden da? Früher stand drüben im Gang immer eine Kiste mit Gartengeräten.»

«Lieber Himmel, du kannst doch nicht … Oh, jetzt gießt es aber wirklich!»

Ein Platzregen ging nieder. Er prasselte auf die leuchtenden Geranien, die jungen Efeupflanzen, die roten Fliesen der Terrasse – und auf den Schatten, den es gar nicht gab.

Sie liefen zur Tür, und Woody schob Susan hinein. Sie schnappte nach Luft und legte Handschuhe und Pflanzgeräte ab. «Ich muß schnell nach den Fenstern sehen. Bitte setz dich schon, ich bin gleich wieder da.»

Susan schloß die Fenster in ihrem Schlafzimmer, im Ankleideraum und im Schlafzimmer von Marcus. Vor dem großen Spiegel im Ankleideraum richtete sie ihre von Regen und Wind zerzauste Frisur. Das fahle Licht des wolkenverhangenen Himmels ließ ihr Gesicht weiß und das kastanienbraune Haar glanzlos erscheinen. Selbst der kostbare Ring – ein Geschenk von Marcus – verlor sein glitzerndes Funkeln in diesem seltsamen Zwielicht.

An der Tür des riesigen Wohnzimmers blieb Susan für einen Augenblick stehen. Ein wundervoller Raum! Ein Traum in Grau und zartem Goldgelb, unterbrochen vom Grün der weichfallenden Vorhänge. Der Kaminsims aus mattgelbem Marmor war kunstvoll verziert. Feingliedrige Tischchen und zierliche Sessel überall, eine lange Couch und an einer Wand ein kostbarer Chippendale-Schrank mit Glastüren. Weißer Flieder in einer Bodenvase verströmte süßen Duft. Jede Lampe, jeder Aschenbecher aus Kristall oder Silber, jedes Porzellanfigürchen, ja sogar die kleine französische Uhr auf dem Kaminsims waren von Rose ausgesucht worden. Der Bezug von Marcus’ wuchtigem Lehnstuhl zeigte das gleiche Grün wie die Vorhänge. Der ganze Raum zeugte von Roses unfehlbarem Stilgefühl.

Woody hatte die Lampe auf dem großen Tisch vor einem der Fenster angeschaltet; er beugte sich über Roses Tagebuch. Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben der Galerie, die zwischen Terrasse und Wohnzimmer lag. «Ist das ihr Tagebuch?» fragte er.

Das schwarze Notizbuch war bis über die Hälfte mit Roses energischer Handschrift vollgeschrieben. Dabei hatte sie ganz offenbar eine recht persönliche Art von Kurzschrift verwendet: Abkürzungen, Ziffern, Telefonnummern und Anschriften ohne Namen, nur mit Initialen – ein Puzzlespiel, das nur sie selbst verstand. Rezepte und Menü-Zusammenstellungen waren allerdings in Klarschrift notiert; Marcus hatte gemeint, daß diese Aufzeichnungen für Sue eine große Hilfe sein könnten, wenn sie wieder Abendgesellschaften haben würden. Das Buch enthielt Gästelisten, zum Teil mit vollen Namen, zum Teil nur mit den Anfangsbuchstaben. Rose hatte sogar sorgfältig notiert, was einige Gäste nicht mochten; sie hatte aber auch aufgeschrieben, welche Speisen, Zigarettensorten, Cocktails und Wein gewisse Gäste besonders schätzten. Sie war eine vollendete Gastgeberin gewesen.

«Ja, das ist es», beantwortete Sue Woodys Frage.

Woody blätterte in dem Buch. «Initialen, Abkürzungen … Ich muß schon sagen – ziemlich geheimnisvoll.»

«Finde ich gar nicht; schließlich hat sie ja gewußt, was die Buchstaben bedeuten.»

Woody blätterte weiter. «Du mochtest sie sehr gern, nicht wahr?»

«Man mußte sie einfach gern haben, niemand konnte sich ihrem Charme entziehen.»

Woody schwieg. Plötzlich sagte er: «Ah, das hier ist der letzte Eintrag.»

«Ja, habe ich schon gesehen. Das heißt, ich habe das Datum gesehen: 12. August. Es sind nur ein paar Anweisungen, die sie Pauline gegeben hat, nehme ich an. Ich sah Paulines Namen, die anderen Worte sind abgekürzt. Und ich will auch gar nicht wissen, was sie an ihrem letzten Tag geschrieben hat …»

Woody beugte sich vor. Das Licht der Tischlampe fiel auf sein hübsches Gesicht; die langen schwarzen Wimpern zeichneten gebogene Schatten auf seine Wangen. «Arme Rose! Ihr letzter Tag! Fast scheint es, als ob sie ihre Notizen mitten im Wort abgebrochen hat. Ich möchte zu gerne wissen, warum.»

«Oh, irgend etwas wird sie gestört haben, vielleicht das Telefon oder –»

«Oder irgend jemand ist gekommen», sagte Woody. Dann, als ihm bewußt wurde, was er gesagt hatte, schloß er abrupt das Buch. Es war nur zu klar, daß die Person, die Roses letzte Eintragung unterbrochen haben mochte, der Mörder gewesen sein könnte.

Sue nahm das Buch an sich. «Ich werde es wieder weglegen.»

Woody sah auf die Terrasse hinaus. Es regnete immer noch. «Hat die Polizei eigentlich das Buch gesehen?»

«Die Polizei? Nein, ich glaube nicht. Marcus hat es wohl erst jetzt in der Küche gefunden.»

«Nun, sicher ist es auch gar nicht so wichtig. Viel wichtiger wäre gewesen, man hätte den Mörder gefunden und ihm den Prozeß gemacht. Armer alter Marcus! Ich fürchte, er kommt niemals von dem Gedanken los, daß die Leute ihn immer im Verdacht haben werden. Und das Sprichwort ‹Kein Gerede ohne Ursache› paßt leider nur zu gut zu der Schlagzeile: ‹Alternder Mann heiratet blutjunges Mädchen›!»

Sue sagte in scharfem Ton: «Ich höre den Lift. Marcus kommt.» Sie hatte das dunkle Gefühl, daß es Marcus verletzen könnte, wenn er Roses Tagebuch jetzt in ihren Händen sah. Der Gedanke, daß sie und Woody darüber und über Roses Tod gesprochen hatten, war zu naheliegend.

Als Marcus vor Jahren die Terrassenwohnung gekauft hatte, ließ er einen privaten Lift einbauen, der unmittelbar zu dem großen Wohnraum führte. Das Summen des Fahrstuhls war jetzt deutlich zu hören. Sue ging eilig in ihr Schlafzimmer und versteckte das schwarze Notizbuch unter Strümpfen in einer Schublade der zierlichen französischen Kommode. Danach lief sie zurück und erreichte das Wohnzimmer in dem Augenblick, als das Summen des Lifts verstummte. Die Tür schwang auf, Marcus schob das Liftgitter zur Seite und betrat lächelnd den Raum. Seine Augen leuchteten auf, als er Woody sah.

Marcus’ volles schwarzes Haar zeigte hier und da ein paar Silberfäden; er hatte ein scharfgeschnittenes, markantes Gesicht; in seiner Jugend mußte er ein ungewöhnlich gutaussehender Mann gewesen sein. Sue kannte ihn seit ihrer frühesten Kindheit; in ihrer Erinnerung war er der stets lächelnde Freund ihres Vaters, der sie ab und zu auf seine Knie setzte und ihr Geschichten erzählte. Später dann, in ihrer Backfischzeit, durfte sie ihren Vater gelegentlich zu Cocktailpartys in die Terrassenwohnung begleiten. Vertraut indessen wurde Marcus ihr erst während der langen Krankheit ihres Vaters und nach seinem Tod. Wann immer Marcus in der Stadt war, ob früh oder spät abends –, immer besuchte er seinen kranken Freund. Und immer brachte er etwas mit. Heute eine Flasche Whisky, morgen ein Kistchen Zigarren. Beides war für Vater verboten gewesen; aber sie wußten beide, daß es darauf jetzt nicht mehr ankam. Später verschaffte Marcus ihr eine Stellung im Büro eines Freundes. Gelegentlich rief er bei ihr an, um zu hören, wie sie sich zurechtfand, und auch Rose blieb immer in Kontakt mit ihr. Marcus war ihr behilflich, die große Wohnung im sechsten Stockwerk dieses Hauses hier zu verkaufen, die ihrem Vater gehört und in der Sue den größten Teil ihres Lebens verbracht hatte. Er half ihr, den Erlös aus dem Verkauf gut anzulegen. Im vergangenen Winter hatte Marcus sie gebeten, seine Frau zu werden – und sie hatten beide gewußt, warum. Es gab keine Geheimnisse zwischen ihnen, keine Mißverständnisse, und ihre Ehe war so geworden, wie sie es sich gewünscht hatten.

Sue eilte auf Marcus zu und küßte ihn. Sein Gesicht war regennaß und kühl. Er zog den Regenmantel aus, schüttelte sich und lachte. «Es gießt in Strömen. Ich habe das Taxi vorn an der Kreuzung halten lassen, und das kleine Stückchen am Häuserblock entlang hat mich ganz hübsch durchweicht. Ich freue mich, daß du hier bist, Woody.»

Sue nahm den Regenmantel und trat hinaus auf die schmale Galerie, die auf der Terrassenseite voll verglast war und dem Wohnraum Licht und Helligkeit gab. Am Ende der Galerie führte eine Wendeltreppe hinab zum unteren Stockwerk der Terrassenwohnung. Marcus besaß noch ein Haus in seiner Heimatstadt, das sie allerdings noch niemals gesehen hatte. Seine Anwaltspraxis war hier in New York, und so verbrachte er den größten Teil des Jahres in dieser Wohnung, die er seine «New Yorker Schlafstelle» nannte. Es war eine ziemlich elegante Schlafstelle!

Wie viele Dachterrassenwohnungen, die man Penthouse nannte, war auch dieses Appartement ein nachträglicher Einfall der Architekten des riesigen, luxuriösen Wohnhauses gewesen. Von daher erklärte sich wohl die teils recht verwinkelte und manchmal ziemlich unbequeme Aufgliederung der Wohnfläche. Sue stieg die Treppe hinunter zu einem kleinen Vorraum, der als Kleiderablage diente; sie hängte Marcus’ Mantel über einen Bügel. Von der Garderobe führte eine Tür zu einem Foyer, das schon zum Treppenhaus gehörte. Diese Tür war der offizielle Eingang für die Gäste und Besucher der Desarts, die mit dem Hauslift nach oben kamen. Nur Marcus, Pauline und sie selbst hatten Schlüssel für die Tür des privaten Aufzugs, die direkt neben dem Hauslift in der großen Haupthalle des Erdgeschosses war. Sue benutzte ihren Schlüssel und den privaten Aufzug nur selten; sie fuhr lieber mit dem großen Fahrstuhl, der Tag und Nacht von einem Mann bedient wurde. Sie hatte kein rechtes Zutrauen zu dem engen Privatkäfig und seiner Maschinerie, deren Einbau Marcus ein kleines Vermögen gekostet haben mußte.

Hier im elften Stockwerk konnte man die Räume kaum noch als «Penthouse» bezeichnen. Sie waren früher ein abgeschlossenes Appartement gewesen und wurden erst beim Ausbau der zwölften Etage in die Desart-Wohnung mit einbezogen.

Von der Garderobe kam man in das große Speisezimmer. Dahinter lagen die Küche, die Speisekammer, zwei Mädchenzimmer und ein Bad. Ein kleines Arbeitszimmer und die gemütliche Diele lagen an der Westseite.

Sue lehnte sich an eines der Fenster. Vielleicht war Woody gekommen, um mit Marcus über Politik zu sprechen? Sie wünschte sich so sehr, daß Marcus eines Tages wieder Interesse dafür finden würde. Politik und seine Frau Rose – das waren einmal die Angelpunkte seines Lebens gewesen.

Ihr Blick schweifte über Dächer und schwarze Rauchfahnen. Eine Möwe kreiste so nahe, daß Sue die Augen des Vogels sehen konnte. Sie las Raubgier darin.

2

Der Regen hörte plötzlich auf, wie er begonnen hatte; aber der Himmel blieb grau und trüb. Aus einem nahe gelegenen Fabrikschornstein quoll dicker, schwarzer Rauch, der in wenigen Minuten die Terrasse mit einer feinen Rußschicht überziehen und durch jedes offene Fenster kriechen würde. Das war einer der Nachteile des Penthouses. Aber es gab auch Schönes: Über die Madison und Fifth Avenue hinweg konnte Sue das frische junge Grün im Central Park erkennen, und vom Wohnraum und der Terrasse aus bot abends die Skyline von Manhattan einen märchenhaften Anblick.

Ein hellgrüner Faden schwebte von oben her an Sues Fenster vorbei. Verblüfft starrte sie auf das sinkende Etwas – dann aber hatte sie es erkannt: Es war ein Stück des grünen Bastes, der zum Zusammenbinden der zu üppig wachsenden Büsche verwendet wurde. Oder zum Befestigen einer Trauerweide. War Woody schon wieder bei der Arbeit? Nein, die einzige Leiter in ihrem Haushalt stand ja noch im Abstellraum neben der Küche. Um Himmels willen – er würde doch nicht so leichtsinnig sein, auf die Balustrade zu steigen?

Sue lief wie gehetzt durch das Eßzimmer und die Treppe hinauf – und sah Woody aufspringen und durch den Raum eilen. Noch vor ihr erreichte er die Terrassentür und stieß sie dabei so hart zur Seite, daß sie taumelnd auf eine der Wandbänke sank. Ein schreckliches Bild bot sich ihren Augen: Marcus stand auf der Brüstung, beugte sich weit über die Ligusterhecke und starrte wie gebannt in die Tiefe. Plötzlich schwankte er und griff sich mit der Hand an den Kopf. In diesem Augenblick erreichte Woody ihn, packte ihn am Arm und riß ihn von der Brüstung.

Marcus rieb sich die Augen und sah Woody mit einem dünnen, verzerrten Lächeln an. «Großer Gott», flüsterte er, und als er Sue sah, «entschuldigt bitte.»

«Komm, wir wollen reingehen», sagte Woody. Vorsichtig führte er Marcus ins Wohnzimmer. Sue folgte ihnen langsam; sie war immer noch wie erstarrt.

Marcus sank in seinen Lehnstuhl und holte tief Luft. «Ich glaube, wir können jetzt was zum Trinken gebrauchen. Es tut mir so leid, Sue, daß du das mit ansehen mußtest.»

«Marcus!» Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Woody ging zur Hausbar. Sue ließ sämtliche Lampen aufleuchten, und der große Raum war voller Farbe und Wärme, als sei nichts geschehen. Der Flieder verströmte seinen süßen, schweren Duft.

Es ist ja nichts geschehen, dachte Sue, und setzte sich auf die Armlehne von Marcus’ Stuhl. Marcus atmete noch immer schwer. Nach dem ersten Whisky erholte er sich ein wenig; sein Lächeln wirkte nicht mehr so verkrampft. «Ich war ein Idiot», sagte er reumütig. «Es schien so leicht zu sein, und schließlich hab ich das doch nicht zum erstenmal gemacht.»

«Aber nun tust du es nicht wieder, nicht wahr?» Noch immer saß Sue der Schreck in den Gliedern.

Woody reichte ihr ein Glas. «Komm, trink aus.» Er lächelte, aber er war auch noch blaß.

«Wirklich, Sue, ich schäme mich entsetzlich, und ich verstehe einfach nicht, wie das passieren konnte … Ich habe die Bäume doch schon so oft festgebunden. Allerdings – ich hab wohl dabei noch nie nach unten geschaut. Woody, ich glaube fast, du hast mir das Leben gerettet.»

Woody setzte sich hin und nahm einen tiefen Schluck. «Ich kam gerade vom Telefon und sah dich auf der Brüstung stehen. Ich glaubte … nun, es ist vorbei.» Er seufzte tief auf und sagte dann: «Jetzt wäre eigentlich eine günstige Gelegenheit, dich um einen Gefallen zu bitten, Marcus. Was meinst du?»

Sue hatte das Gefühl, als wisse ihr Mann genau, was Woody am Herzen lag. Trotzdem lächelte er und sagte mit einem Achselzucken: «Selbstverständlich, Woody – nur bitte nichts, was mit Politik zusammenhängt. Du weißt, daß ich damit restlos fertig bin.»

«Bitte, Marcus. Es geht doch nur um ein kleines Essen mit ein paar guten alten Freunden von dir.»

«Von früher? Was soll das, Woody? Warte, ich kann mir’s schon denken: Du hast einige führende Männer meines Heimatstaates hier, und die wollen nun versuchen, mich wieder zu politischer Aktivität zu überreden. Na, stimmt’s?»

«Nun … ja!»

Marcus überlegte einen Augenblick. «Das muß aber von langer Hand vorbereitet sein.»

«Hm, ich denke schon. Jedenfalls kamen sie gestern an und möchten heute unbedingt persönlich mit dir sprechen.»

«Und du hast den ehrenvollen Auftrag bekommen, mich mit ihnen zusammenzubringen!»

«Genau. Schließlich kann niemand etwas in der geplanten Richtung unternehmen, bevor du nicht ‹Grünes Licht› dazu gegeben hast.»

Marcus lächelte dünn. «Ich habe keine politischen Ambitionen mehr. Und ein Interesse an einer Position in der Regierung hab ich schon gar nicht.»

Woody beugte sich vor. «Hör zu, Marcus. Es sind inzwischen sechs Jahre vergangen, seit … seit das passierte. Kein Mensch hat dir die Schuld an dem tragischen Ereignis gegeben. Es war einzig und allein dein alberner – entschuldige, sagen wir besser, dein überspitzter Ehrbegriff, der dich veranlaßte, aus der Politik auszusteigen. Nun aber – nein, unterbrich mich bitte nicht; hör mir wenigstens das eine Mal zu! Kein Mensch verdächtigt dich; kein Mensch gibt dir die Schuld an der Geschichte. Wie sollten sie auch? Es sind weder Gerüchte noch Redereien aufgetaucht, und es hat keinerlei Schwierigkeiten gegeben. Jeder kennt deine Redlichkeit und deine unzweifelhafte Integrität. Das Wahljahr rückt näher; sie möchten dir ihre Stimmen geben, und die Chancen für deine Wahl waren noch nie so groß wie jetzt.»

«Und trotzdem lautet meine Antwort: Nein», sagte Marcus ruhig.

Zu ihrer eigenen Überraschung hörte Sue sich sagen: «Bitte, Marcus, überleg es dir doch noch mal.»

Er sah ihr fest in die Augen. «Warum, Sue?»

Der Kognak und die Entspannung nach dem Schrecken gaben ihr Mut. «Marcus, die Sache ist wichtig für dich; ich glaube, Woody hat recht. Natürlich, niemand kann oder will dir die Entscheidung abnehmen. Aber ich meine doch, du solltest wenigstens mit den Leuten sprechen, wenn sie schon deinetwegen nach New York gekommen sind. Woody sagt, es sind gute alte Freunde von dir; warum willst du sie bewußt kränken?»

Marcus lächelte abwesend; er stand auf und ging zu den Fenstern.

Woody war klug genug zu schweigen. Sue und er beobachteten Marcus; für einen kurzen Augenblick durchzuckte sie ein schrecklicher Gedanke: Was geschieht, wenn Marcus in jener Ecke den Schatten sieht – den es gar nicht geben kann …?

Mit einem plötzlichen Ruck drehte Marcus sich zu ihnen um. Seine Stimme hatte wieder ihren altgewohnten Klang. «In Ordnung, Sue. Gut, Woody, ich komme mit. Und ich will auch gar nicht leugnen, daß ich mich freue, alte Freunde wiederzusehen. Aber eins steht wirklich fest, mein Lieber: Mit Politik will ich nichts mehr zu tun haben. Verstanden?»

«Selbstverständlich.» Nicht die leiseste Andeutung ließ erkennen, daß Woody soeben einen Sieg errungen hatte. «Das Essen beginnt sehr früh, einige der Herren wollen noch das Nachtflugzeug nehmen. Wir sollten deshalb bald aufbrechen.»

«Ich mache mich nur ein bißchen frisch», sagte Marcus und ging in sein Schlafzimmer; sein Gang war federnd wie der eines jungen Mannes.

Sue sah Woody an, der ihr zublinzelte und dann gedankenvoll sein Glas leerte. Marcus kam bald zurück. Er hatte sich umgezogen und wirkte jugendlich und sehr gepflegt – der distinguierte Marcus Desart, dem man sein Vertrauen schenken konnte, den man bewunderte und verehrte, und der wahrscheinlich heute eine führende Position in der Regierung innehätte, wenn seine Frau Rose nicht ermordet worden wäre.

Sues Stimme schwankte ein wenig, als sie sagte: «Alles, alles Gute, Marcus.»

«Danke, mein Liebes. Ich bleibe nicht lange.»

Sue wartete, bis das Summen des kleinen Lifts verklang, dann stellte sie die leeren Gläser auf ein Tablett. Die Terrassentüren auf der Galerie waren noch geöffnet; nach dem Regenschauer war die Luft angenehm rein und kühl. Am Himmel leuchteten ein paar Sterne auf. Das Licht von der Galerie und aus dem Wohnzimmer fiel auf die lachsfarbenen Geranien. Kein Schatten lag auf der Terrasse; dort, wo das Licht aus den Fenstern nicht hinreichte, war gleichmäßige Dunkelheit. Sue schloß die Türen und legte die Sicherheitsketten vor, die Marcus hatte anbringen lassen. Eindringlich hatte er sie gebeten, niemals eine der Türen unverschlossen zu lassen und auch die Wohnungstür nur dann zu öffnen, wenn sie genau wußte, wer draußen stand. Es war nicht nötig gewesen, ihr den Grund für diese Vorsichtsmaßnahmen zu nennen.

Pauline arbeitete in der Küche. Sue brachte ihr die leeren Gläser und bat darum, ihr später einen kleinen Imbiß ins Arbeitszimmer zu stellen, da Mr. Desart zum Abendessen nicht daheim sein würde. Das behagte Pauline offensichtlich sehr. Mit einem Kauderwelsch aus englischen und französischen Brocken bat sie um die Erlaubnis, ins Kino gehen zu dürfen.

Sue nickte zustimmend. Dann ging sie wieder hinauf und setzte sich in Marcus’ großen Lehnstuhl. Sie dachte über Marcus nach, und über Rose Desart. Schließlich aber – wie immer, wenn sie allein war – dachte sie an ihn, als wäre er noch am Leben: Jim Locke. Nach einer Weile stand sie auf und ging in ihr Schlafzimmer. In der untersten Schublade ihres Frisiertisches lag eine kleine abgegriffene Schachtel. Sie enthielt Sues Erinnerungen an Jim.

3

Sue wollte die Schachtel herausnehmen und sie öffnen, tat es aber nicht. Sie kannte den Inhalt Stück für Stück: einige Briefe, ein oder zwei Kabel, das letzte Telegramm – natürlich nicht vom Kriegsministerium, sondern von seiner Mutter. Und dann noch ein paar Kleinigkeiten, die nur für sie Bedeutung hatten. Das leere Streichholzbriefchen aus dem Restaurant in der Fifth Avenue, wo sie so oft zum Essen gewesen waren. In einer Ecke der Schachtel stand ein schmales weißes Samtetui. Es enthielt ihren Verlobungsring, einen Goldreif mit einem kleinen Brillanten. Sie hatten heiraten wollen, sobald Jim Urlaub bekam. Aber Jim brauchte keinen Urlaub mehr: Er war Marineflieger und wurde abgeschossen.

Noch immer liebte sie Jim und ihre Erinnerungen an ihn; sie konnte sich davon einfach nicht freimachen.

Seufzend schloß sie die Schublade. Nein, heute wollte sie nicht an Jim denken.

Sie ging in das Ankleidezimmer, das zwischen ihrem und Marcus’ Schlafzimmer lag, und zog Rock und Pullover aus. Sie reinigte ihr Gesicht, bürstete das Haar und probierte ein neues Parfüm aus, wobei sie feststellte, daß sie es nicht mochte. Der seidene Morgenmantel, den sie überzog, brachte mit seinem hellen lebhaften Grün den rötlichen Glanz in ihrem Haar voll zur Geltung. Langsam stieg sie die Treppe hinab. Ihr Blick glitt durch das große Eßzimmer mit den kostbaren Mahagonimöbeln, den Stühlen mit den brokatüberzogenen Sitzen und dem schweren Silbergerät auf der Anrichte. In Marcus’ Arbeitszimmer blieb sie für einen Augenblick an dem großen Schreibtisch stehen, der mit einer Menge Zeitungen und Zeitschriften bedeckt war. Marcus hatte die Angewohnheit, alle Artikel auszuschneiden, die ihm interessant vorkamen.

Pauline kam mit einem Tablett. Sie war schon zum Ausgehen angezogen – im eleganten schwarzen Kleid, wie es die Französinnen lieben, und mit einer zwar unechten, aber sehr vornehm wirkenden Perlenkette um den Hals. Das schwarze Haar war tadellos frisiert. Mit einem französischen Wortschwall teilte sie ihrer Chefin mit, daß sie nicht sehr spät nach Hause kommen würde. Da Sue sie reichlich verständnislos ansah, wiederholte sie ihre Worte in klarem, perfektem Englisch.

«Haben Sie Ihren Schlüssel?»

«Aber ja, gnä’ Frau, selbstverständlich. Und vielen Dank auch. Das Tablett bringe ich à mon retour in die Küche.»

«Ist schon gut, Pauline.»

Mit beschwingten Schritten lief Pauline hinaus; ihre hohen Absätze klapperten über das Parkett im Eßzimmer.

Roses Mutter würde die Freiheiten sehr mißbilligen, die Pauline sich der Nachfolgerin ihrer Tochter gegenüber manchmal herausnahm! Roses Mutter hatte noch die alten Anschauungen über Art und Verhaltensweise «der Dienerschaft», die – wie Sue nur zu gut wußte – längst überholt waren.

Übrigens war Pauline an jenem Tag, als Rose ermordet wurde, auch im Kino gewesen.