Verlag: DUMONT Buchverlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Ein Mord zu Weihnachten E-Book

Francis Duncan  

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E-Book-Beschreibung Ein Mord zu Weihnachten - Francis Duncan

Alljährlich lädt Benedict Grame Familie, Freunde und Bekannte zum großen Weihnachtsessen auf sein kleines britisches Landgut ein. Im Kreise seiner Lieben inszeniert er ein großes Festtagsspektakel. Dieses Jahr steht auch Mordecai Tremaine auf der Gästeliste. Der ehemalige Tabakhändler mit einer Schwäche für Liebesromane hat sich auch als Hobbydetektiv einen Namen gemacht – und ist vom Privatsekretär des Gastgebers beauftragt worden, die Geladenen im Auge zu behalten. Und tatsächlich: Jedes Mitglied dieser illustren Gesellschaft scheint etwas zu verbergen. Mordecai tastet sich durch ein Netz aus Lügen, Untreue, Erpressung und Verrat. Spätestens als um Mitternacht zwischen den Geschenken unter dem Baum eine Leiche liegt, ist ihm klar: Diese Weihnacht wird alles andere als besinnlich. Erstmals 1949 veröffentlicht, ist dieser stimmungsvolle Krimi eine echte Weihnachtswiederentdeckung. Der britische Weihnachtskrimiklassiker endlich auf Deutsch!

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E-Book-Leseprobe Ein Mord zu Weihnachten - Francis Duncan

Alljährlich lädt Benedict Grame Familie, Freunde und Bekannte zum großen Weihnachtsessen auf sein kleines britisches Landgut ein. Im Kreise seiner Lieben inszeniert er ein großes Festtagsspektakel. Dieses Jahr steht auch Mordecai Tremaine auf der Gästeliste. Der ehemalige Tabakhändler mit einer Schwäche für Liebesromane hat sich auch als Hobbydetektiv einen Namen gemacht  – und ist vom Privatsekretär des Gastgebers beauftragt worden, die Geladenen im Auge zu behalten. Und tatsächlich: Jedes Mitglied dieser illustren Gesellschaft scheint etwas zu verbergen. Mordecai tastet sich durch ein Netz aus Lügen, Untreue, Erpressung und Verrat. Spätestens als sich am Heiligabend unter dem prächtig geschmückten Baum eine Leiche findet, ist ihm klar: Diese Weihnacht wird alles andere als besinnlich.

© Courtesy of Katy Brown

Francis Duncan wurde 1914 unter dem Namen William Underhill in Bristol geboren. Er arbeitete viele Jahre als Lehrer und veröffentlichte mehr als zwanzig Kriminalromane. Er starb 1988.

Barbara Först studierte Anglistik, Romanistik und Ethnologie und übersetzt seit über zwanzig Jahren aus dem Englischen, u. a. Richard Russo, Patricia Wentworth und Kerstin March.

Francis Duncan

EIN MORDZU WEIHNACHTEN

Kriminalroman

Aus dem Englischenvon Barbara Först

eBook 2017

Die englische Originalausgabe erschien 1949 unter dem Titel

›Murder for Christmas‹ bei John Long, London.

Copyright © Francis Duncan, 1949

First published as ›Murder for Christmas‹ by Vintage.

Vintage is a part of the Penguin Random House group of companies.

The author has asserted his right to be identified as the author of the Work.

© 2017 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Barbara Först

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: Illustration Cover © Telegramme

Satz: Angelika Kudella

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8977-8

www.dumont-buchverlag.de

PROLOG

Niemand hätte vorausahnen können, wie es enden würde. Nicht einmal der Mörder selbst.

Was nicht heißen soll, dass er sein Verbrechen ohne sorgfältige Planung oder Geschick begangen hätte. Die meisten Mörder trachten danach zu überleben, um die Früchte ihrer Untaten auch genießen zu können. Sie wissen sehr wohl, dass selbst der kleinste Patzer sie an den Galgen bringen kann. Im vorliegenden Fall nun war der Mörder sowohl von dem Verlangen besessen, seine Ernte einzubringen, als auch der Tatsache gewahr, wie schmal der Grat zwischen Sicherheit und Katastrophe ist.

Doch kein menschlicher Plan, wie teuflisch scharfsinnig auch immer, ist so verlässlich, dass seine Umsetzung genau seinen ausgetüftelten Vorgaben folgt. Irgendwo auf der Strecke wird unberechenbar und unvorhersehbar ein unbekannter Faktor lauern.

Der Mond war wie ein Scheinwerfer auf einer Theaterbühne. Oder wie eine Kamera, die durch ein Filmstudio fährt und dem Zuschauer abwechselnd Nahaufnahmen und Totalen präsentiert, scharf umrissene Bilder und dann wieder die düstere Gesamtansicht.

Es schneite nicht mehr, doch der Himmel war noch bedeckt. Trotzig trieben die Wolken dahin, als wollten sie die Beute noch nicht hergeben, die nur unter Widerstand ihrem Zugriff entrissen worden war. Von Zeit zu Zeit türmten sie sich bedrohlich auf und ballten sich über einer Erde, die düster war und von Angst erfüllt. Dann wieder schien es, als würden sie, ohne sich wehren zu können, auseinandergetrieben, sodass das weiße kalte Licht herabflutete und erbarmungslos alles enthüllte.

Unter diesem kalten Licht des Mondes stach jedes Detail in unbarmherziger Schärfe hervor. Die schwarz-weißen Dächer des Dorfes am Fuße des Hügels; die dürren, nackten Arme der Bäume am Straßenrand; die sanften Hügel, die scheinbar bis zum Himmel reichten; und das große Haus aus grauem Stein und weißem Maßwerk, an dessen Mauer mit Schnee bestäubte Kletterpflanzen rankten.

Glockengeläut tönte aus dem Dorf. Als die Dunkelheit noch dominiert hatte, war der Widerhall eigenartig und schwermütig gewesen, er ließ sich nicht verorten und enthielt einen bedrohlichen Beiklang. Einem mit Vorstellungskraft begabten Menschen hätte es wie Schicksalsläuten geklungen.

Doch als sich die Szenerie unter dem Licht des Mondes enthüllte, hatte der Klang nichts Angsteinflößendes oder Bedrohliches mehr. Nicht länger Unheil verkündend, schwebte der reine Glockenton wie Musik aus dem Viereckturm der alten Kirche heran.

Die Landschaft glich einer dreidimensionalen Weihnachtspostkarte. Ein Schlitten, von Rentieren über die Hügelkuppe gezogen, hätte gut ins Bild gepasst. Und es wirkte durchaus nicht merkwürdig, dass man die rot gekleidete Gestalt des Weihnachtsmannes über die Terrasse eilen sah. Immerhin war Heiligabend, wo solch ein Anblick – und besonders in so einer Umgebung – zu erwarten war.

Obwohl es spät war, hatten sich noch nicht alle Bewohner des Hauses zur Ruhe begeben. Hoch oben im Fenster eines Seitenflügels brannte Licht. Immer wieder konnte man eine Gestalt hinter dem erleuchteten Rahmen des Fensters erblicken.

Es gab andere Anzeichen von nächtlicher Aktivität, die nicht so direkt ins Auge fielen. Wenn man allerdings genau hinschaute, konnte man hinter den Fenstern im Erdgeschoss einen schwachen Lichtschein ausmachen. Der Schein wechselte des Öfteren die Position, als schleiche jemand heimlich mit einer Taschenlampe durchs Haus.

Draußen im Schnee und in den Schatten standen vermummte Gestalten. Getarnt vor den Menschen im Haus und voreinander, beobachteten sie die Vorgänge aufmerksam – und warteten auf eine günstige Gelegenheit.

Die Atmosphäre war angespannt, Unheil verkündend. Fantasie und Geheimnis, Gewalt und Tod trieben ihr Unwesen. Es war, als kröche die Zeit nur widerwillig vorwärts, als spannte sie den Faden der Angst immer weiter, auf einen entsetzlichen Höhepunkt zu.

Und der Höhepunkt kam.

Er kam, als die Glocken verstummten. Er kam, als der Mond wieder durch die Wolken drang und sanft über den weißen Rasen gleitend eine Reihe unregelmäßiger Fußspuren enthüllte. Er kam, als das kalte Licht die halb offenen Terrassentüren erreichte, der Nässespur auf dem gebohnerten Parkett folgte und auf die rote Schreckensgestalt fiel – den Weihnachtsmann, der mit dem Gesicht nach unten vor dem geplünderten Christbaum lag.

Er kam mit dem Aufschrei einer Frau – verzweifelt, schrill und vor Angst wie von Sinnen.

1

»Ich glaube«, rief Denys aufgeregt, »wir bekommen es doch!«

Aus den Tiefen des großen Armlehnenstuhls vor dem prasselnden Kamin erhob sich fragend eine Stimme.

»Was bekommen wir?«

»Ein richtig schönes, altmodisches Weihnachtsfest!« Denys löste ihren Blick vom bleigrauen Himmel und jauchzte vor Freude, als sie die erste Schneeflocke sanft vor dem dunklen Hintergrund der Lorbeerbüsche an der Einfahrt niederschweben sah. »Schau nur, Roger! Was für ein herrlicher Zuckergussschnee!«

Im Armlehnenstuhl stöhnte es.

»Grässlich!«, erklärte die Stimme. »Nasses, abscheuliches, unangenehmes Zeug. Wir werden uns vor den frechen Jungs aus dem Dorf hüten müssen. Kalte Schneebälle im Nacken, kaum dass man es wagt, seinen Grund und Boden zu verlassen. Brrr!«

Denys Arden lachte fröhlich. Ihr Lachen hatte eine geradezu verheerende Wirkung auf Roger Wyntons Selbstbeherrschung.

Er war natürlich in sie verliebt. Er war verliebt, seit er seinen Wagen ein wenig zu forsch durch eine Kurve der engen Straßen gesteuert hatte, die sich durch die üppige Landschaft um den tief im Tal wurzelnden Weiler Sherbroome schlängelten. Denys’ Pferd hatte sich erschrocken aufgebäumt, und Roger Wynton hatte ihren Zorn zu spüren bekommen.

Dies hatte sich Anfang des vergangenen Jahres ereignet, an einem Tag, als die Straßen vor Frost klirrten. Ein scharfer Wind hatte Denys Arden Farbe ins Gesicht getrieben und ihre kastanienbraunen Locken zerzaust. Ihre Empörung war an ihm abgeglitten, denn er hatte die schlanke Gestalt im Reitkostüm so voller Bewunderung angestarrt, dass ihr Wangenrot nicht mehr allein dem Wind zuzuschreiben war. Und als die junge Dame spürte, dass ihr die Situation zu entgleiten drohte, hatte sie ein letztes Mal zornig den Kopf zurückgeworfen und wortlos ihr Pferd gewendet.

Als er wieder zu Hause war, hatte Wynton sofort damit begonnen, Erkundigungen einzuholen. Er stammte aus einer alteingesessenen Familie, doch sein Beruf als Architekt sowie ein längerer Auslandsaufenthalt hatten dazu geführt, dass er den Kontakt zum gesellschaftlichen Leben im Ort verloren hatte. Ihm wäre keines der einfältigen Schulmädchen von früher eingefallen, aus dessen sommersprossigem Kokon ein so temperamentvolles junges Wesen hätte entschlüpfen können, wie es ihm gerade begegnet war.

Die Lösung des Rätsels lautete, dass Sherbroome House wieder bewohnt war. Das ehrwürdige graue Gemäuer, das abseits des Dorfes stand und dennoch die dicht gedrängten Fachwerk-Cottages mit ihren moosbewachsenen Dächern zu beherrschen schien, hatte ihn schon als kleinen Jungen verzaubert. Die vernachlässigten Obstgärten und verfallenen Nebengebäude von Sherbroome House waren sein Abenteuerspielplatz gewesen, den er mit den tapferen Gestalten seiner Fantasie bevölkert hatte.

Die Melvins waren nach Sherbroome gekommen, nachdem der erste Sir Hugo, der mit Wilhelm dem Eroberer den Kanal überquert hatte, in Richtung Südwesten geritten war. Sherbroome House wurde zum Regierungssitz für das Umland. Nachdem Sir Reginald Melvin sein eigenes Schiff in Brand gesetzt und dazu beigetragen hatte, die spanische Armada an der Felsenküste des elisabethanischen Englands zu vernichten, hatte die Regentin ihm die Ehre eines fünftägigen Besuchs erwiesen, der zwar Sir Reginalds Vermögen getilgt, ihm dafür jedoch eine Freiherrenwürde eingetragen hatte.

Das waren große Zeiten gewesen für die Melvins, die Barone von Sherbroome. Am Ende jedoch sollte ihre Loyalität zur Krone sie teuer zu stehen kommen. Als Royalisten in einem Landesteil, der während des Bürgerkriegs vom Parlament gehalten wurde, waren sie nach dessen Ende unter Charles dem Zweiten zur Macht zurückgekehrt, hatten dann jedoch den fatalen Fehler begangen, weiterhin zu den Jakobiten zu halten, als Georg von Hannover König von England wurde. Und nachdem die blutige Schlacht bei Culloden verloren war und Charles Stuart akzeptiert hatte, dass das nun das Ende bedeutete, und zurück nach Frankreich ins Exil gegangen war, fiel der Kopf des sechsten Lord Sherbroome unter dem Henkersbeil auf dem Tower Hill, und die Freiherrenwürde wurde ihm genommen.

Irgendwie hatte die Familie es zwar geschafft, das Haus und den geschrumpften Grundbesitz zu halten, aber ihre finanziellen Mittel waren erschöpft, und die alte Herrlichkeit war dahin. Im späten neunzehnten Jahrhundert war die Lage derart kritisch, dass die kärglichen Überreste einem entfernten Cousin hinterlassen wurden, der es sich nicht einmal leisten konnte, auf seinem ererbten Besitz zu leben. So hatte sich Sherbroome House in ein verfallenes Haus verwandelt, das stets verrammelt war und in dem nur noch Gespenster und Erinnerungen umgingen.

So lange Roger Wynton denken konnte, war wild über das Anwesen spekuliert worden. Das Dorf wahrte Respekt für seinen großen grauen Herrensitz, und einige alte Männer wurden nicht müde zu schwören, dass die Melvins eines Tages zurückkehren und die vergangene Pracht wieder aufleben lassen würden.

Doch die Jahre vergingen, und die verarmten Nachfahren der stolzen Familie, die sich des Besuchs einer Königin hatte rühmen können, gaben nicht das kleinste Zeichen, dass mit ihrer Rückkehr zu rechnen war. Und jetzt sah es so aus, als würde niemals mehr ein Melvin dort wohnen, denn Sherbroome House war verkauft worden.

Der neue Besitzer, so erfuhr Roger, hieß Benedict Grame. Vermutlich hatte er das Haus lediglich zum Nennwert erworben – die Käufer hatten nicht unbedingt Schlange gestanden –, gleichwohl aber eine Menge in die Renovierung gesteckt. Er musste also ein recht vermögender Mann sein.

Aber das Mädchen, hatte Roger vorsichtig nachgehakt. Wer war denn nun das junge Mädchen? Grames Tochter?

Nein, nicht Grames Tochter. Im Grunde niemandes Tochter. Zumindest hatte sie keine Eltern mehr. Sie stand unter der Obhut Jeremy Rainers, eines engen Freundes von Grame. Rainer hatte sie großgezogen und allem Anschein nach seit dem Tode ihres Vaters, der sein Geschäftspartner gewesen war, für sie gesorgt.

Verbrachte sie denn viel Zeit in Sherbroome? Diese Frage wurde bejaht. Rainer und Grame waren gute Freunde, und Grame schien Denys sehr gern zu haben. Denys – das war ihr Name, Denys Arden. Sie mache wohl häufig Ausritte.

Mehr Informationen hatte Roger Wynton nicht gebraucht. Sooft er sich von seinem Büro in London freimachen konnte, sah man jetzt auch ihn zu Pferde.

Beim vierten, sorgfältig geplanten Ausritt war ihm endlich das scheinbar zufällige Wiedersehen mit Denys gelungen, bei dem er sie an ihre erste Begegnung erinnert hatte. Ihr Sinn für Humor zeigte sich der Situation gewachsen – wie Roger sich bereits gedacht hatte – und von da an hatten die Dinge, wie man so schön sagt, ihren Lauf genommen.

Wynton war nun regelmäßiger Besucher in dem alten grauen Herrenhaus, in dem er als Junge so viel Zeit verbracht hatte. Wieder saß er in den schönen Räumen oder lauschte dem Klang seiner Schritte auf den breiten Steinterrassen nach. Das Haus war ihm jetzt noch mehr ans Herz gewachsen, da es zu ihm von Denys sprach. Ob im Hochsommer, wenn die Sonne die polierten Eichendielen wärmte, oder wie jetzt im tiefen Winter, wenn der harte graue Stein in den tanzenden Flammen des Kaminfeuers weichgezeichnet wurde, das Haus hatte durch Denys’ Anwesenheit einen neuen Zauber gewonnen.

Er erhob sich von seinem Stuhl, langsam, um seine Vernarrtheit nicht zu verraten, dann drehte er sich halb und sah ihre Silhouette vor dem Fenster. Sie hatte den Kopf zurückgelegt, und der Feuerschein spielte auf ihrem Hals.

»Sieh mich nicht so an, Denys«, sagte er. »Ich ertrage das nicht. Ich bin verrückt nach dir.«

Sie lächelte ihn an.

»Ich mag es, wenn du so redest, Roger«, erwiderte sie sanft.

Er ging zu ihr und nahm ihre Hände.

»Denys – Liebling – bedeute ich dir auch etwas?«

Sie nickte ernst.

»Ja, Roger.«

»Dann sag, dass du mich schon sehr bald heiraten wirst!«

»Nein«, entgegnete sie fest. »Jeremy –«

»Jeremy!«, rief er zornig. »Jeremy! Warum muss er sich zwischen uns stellen? Ich weiß, was du ihm alles verdankst, aber es gibt Grenzen für das, was er von dir erwarten kann!«

Die braunen Augen des jungen Mädchens verrieten, wie aufgewühlt sie war, aber ihre Entschlossenheit wankte nicht.

»Das ist doch Schnee von gestern, Roger. Darüber brauchen wir nicht noch mal zu diskutieren.«

»Es wäre leichter, wenn wir mehr über seine Gründe wüssten. Warum bleibt er bei seiner Weigerung? Ich bin nicht so furchtbar hässlich, dass Kinder bei meinem Anblick schreiend weglaufen müssten!«

»Für ein hässliches Entlein bist du jedenfalls ganz nett«, sagte Denys.

Ihre Hände zerzausten sein Haar auf eine Weise, die ebenso besitzergreifend wie zärtlich war, und ihre Finger strichen über seine Wange. Es beruhigte sie, durch Roger Wyntons raues Gesicht zu fahren.

»Wenn ich auch nicht reich bin«, fuhr er fort, »so kann er sicher sein, dass du keine Geldsorgen haben wirst. Und er weiß, dass ich dich liebe. Das sieht doch ein Blinder!«

»So ist es«, sagte sie mit einem Anflug von Schalk in der Stimme, den sie nicht unterdrücken konnte. Roger grinste schief.

»Gibt es denn nichts, was wir tun können?«

»Ich habe schon alles versucht«, sagte Denys. »Es bringt nichts, die Augen davor zu verschließen: Er mag dich nicht.«

»Aber warum? Worum geht es denn eigentlich? Wenn er es doch nur aussprechen würde, dann hätten wir einen Ansatzpunkt. Aber so ist es nur ein stures, verblendetes Vorurteil! Die Wahrheit ist, dass er Angst hat, dich zu verlieren. Er ist nicht nur gegen mich, sondern würde Vorbehalte gegen jeden Mann hegen, der dich heiraten will.«

Er legte seine Hände auf ihre Schultern. Denys spürte den starken, nervösen Druck seiner Finger.

»Wie steht’s mit Grame? Offensichtlich mag er dich, und er scheint auch Einfluss auf deinen Vormund zu haben. Kannst du ihn nicht auf unsere Seite bringen?«

Denys schüttelte den Kopf.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich alles versucht habe, Roger, und als einen der Ersten habe ich Onkel Benedict um Hilfe gebeten. Aber es hat nichts genützt. Er sagte, als er mit Jeremy darüber sprach, war es, als wedelte er mit einem roten Tuch direkt vor der Nase eines Stieres. Welchen Einfluss Onkel Benedict auch besitzen mag, so weit reicht er offenbar nicht.«

Wynton war einen Augenblick still. Dann sagte er:

»Ich muss es einmal aussprechen, Denys.« Seine Stimme hatte einen entschiedenen Ton angenommen. »Es ist etwas Eigenartiges an Rainer. Du weißt, dass es stimmt«, setzte er rasch hinzu, ihrem Protest zuvorkommend. »Und überhaupt, die ganze Atmosphäre im Haus ist sonderbar. Je schneller ich dich von hier fortbringe, desto besser.«

Er sprach so ernst, dass ihre Empörung verflog, bevor sie Wurzeln schlagen konnte.

»Was in aller Welt meinst du nur, Roger?«

»Ich meine, dass es mir nicht gefällt, dich inmitten deiner merkwürdigen Verwandten zu sehen. Ja, ich weiß, sie sind nicht wirklich deine Verwandten. Vielleicht kann ich deswegen so freimütig über sie sprechen. Sie sind nicht normal. Man kann nie vorhersagen, wann sie aufhören, sich wie vernünftige menschliche Wesen zu benehmen, um etwas vollkommen Absurdes zu tun.«

»Du meinst, so wie Onkel Gerald, der letztes Jahr in kurzen Hosen als Schuljunge verkleidet zur Blumenschau gefahren ist und die netten alten Damen vom Nähkränzchen schockiert hat?«

»Oder wie er sich im Kinderwagen mit einem Schnuller im Mund durch die Dorfstraße hat schieben lassen, während vorneweg die Blaskapelle spielte!«

»Du wirst doch daran nichts Schlimmes finden, Roger! Du weißt, wie sehr Gerald einen Schabernack liebt. Er ist nichts weiter als ein großer Junge!«

»Ich kann schon einen Schabernack vertragen, aber mir scheint, für so eine Peter-Pan-Darbietung sind seine Knie ein bisschen zu groß!«

»Jetzt übertreibst du aber!«

»Mag sein«, gab Wynton zu. »Aber du lebst auf jeden Fall in einem absonderlichen Haushalt. Gerald mit seinen periodischen Ausbrüchen von Schülerhumor, der sich abwechselnd mit Whisky volllaufen lässt und dann wieder Besserung schwört; Charlotte, die sich stundenlang in ihrem Zimmer einschließt und sich benimmt wie eine säuerliche alte Jungfer mit einem dunklen Geheimnis. Es erstaunt mich, dass Grame die beiden überhaupt ertragen kann. Nach spätestens einem Monat wäre ich vollkommen verrückt, er aber scheint alles stillvergnügt hinzunehmen.«

»Wenn du so davon erzählst«, sagte das junge Mädchen nachdenklich, »klingt das alles wirklich ziemlich seltsam. Aber sie waren alle immer so lieb zu mir. Ich kann mich doch nicht plötzlich gegen sie stellen!«

»Ich behaupte ja auch nicht, dass du Gefahr läufst, das Opfer irgendwelcher teuflischen Pläne ihrerseits zu werden«, beeilte sich Wynton zu versichern. »Aber die Atmosphäre im Haus ist einfach nicht gesund. Ich verstehe nicht, wieso Rainer dir erlaubt, so viel Zeit hier zu verbringen.«

»Er ermutigt mich sogar dazu«, sagte Denys. »Ich hatte bis jetzt auch nicht das Gefühl«, fügte sie hinzu, »dass du etwas dagegen hast.«

»Habe ich auch nicht. Aber was mich doch interessiert: Warum hat Rainer sich plötzlich dazu entschlossen, die Feiertage hier zu verbringen?«

»Wir sind Weihnachten eigentlich immer bei Onkel Benedict. Das ist so eine Art Tradition.«

»Ich weiß, dass Grame es liebt, zu Weihnachten seine Freunde und Familie um sich zu versammeln, und dass ihr immer dabei gewesen seid. Aber dieses Jahr wollte Rainer doch nach Amerika reisen, und er hätte vergangene Woche an Bord gehen sollen. Was hat ihn sich umentscheiden lassen?«

Das junge Mädchen hatte die Stirn in Falten gelegt. Wynton sah, dass seine Frage eine Angelegenheit berührte, über die sie sich auch schon den Kopf zerbrochen hatte.

»Ich weiß es nicht, Roger«, gestand sie schließlich. »Es war merkwürdig. Er hat alle seine Pläne aus heiterem Himmel aufgegeben. So etwas sieht ihm gar nicht ähnlich.«

»Und er hat dir keinen Grund dafür genannt?«

»Nein.«

»Und auch das ist ungewöhnlich, nicht wahr?«

»Er hält sonst nichts vor mir geheim. Ich habe mich schon gefragt, warum er nichts weiter dazu gesagt hat. Ich dachte –«

Sie brach ab, als die Zimmertür geöffnet wurde. Instinktiv wichen sie auseinander und wandten sich der Tür zu. Eine hoch gewachsene Gestalt erschien auf der Schwelle. Finster und starr stand sie im Dämmerlicht.

Denys Fantasie überschlug sich: Donnerschlag draußen. Auftritt des Verschwörers. Beinahe hätte sie bei diesem albernen Gedanken vor Nervosität gekichert.

Dann trat Nicholas Blaise ins Zimmer. Er ließ seinen Blick zu dem Paar am Erkerfenster wandern, hinter dem der Schnee in wilden Wirbeln zur Erde trudelte und sagte: »Hallo.«

Im Näherkommen fügte er hinzu: »Freut ihr euch über den Schnee? Sieht ganz so aus, als würden wir zum Fest auch die passende Kulisse bekommen.«

Sein Ton war ungezwungen, doch seine dunklen Augen blickten sie forschend an. Die beiden wussten nicht, ob er ihre Unterhaltung belauscht hatte, und er ließ sich auch nichts anmerken.

Es war ohnehin nicht so leicht zu ergründen, was Nicholas Blaise dachte, oder wie viel er ahnte. Er war seit vielen Jahren Benedict Grames Sekretär und enger Freund und wusste zweifellos eine Menge über jeden Gast, der nach Sherbroome House kam.

Sein Alter war ebenfalls schwierig zu schätzen. Auf den ersten Blick wirkte er jung, doch wenn man ihn genauer betrachtete – den leicht zurückweichenden Haaransatz, die dunkelbraunen, wissenden Augen, die lange, dünne Nase und den Ausdruck seines fein geschnittenen, intelligenten Gesichts –, kam man zu dem Schluss, dass er doch älter sein musste, als man ursprünglich angenommen hatte. Seine Finger waren lang, sie wirkten ausdrucksvoll wie die eines Künstlers. Er mochte sich als eine unauffällige Gestalt im Hintergrund geben, aber ihm entging fast nichts.

Im Augenblick trug er eine leicht belustigte Miene zur Schau. Es war der Ausdruck eines Mannes, der weiß, dass man etwas vor ihm verbergen will, jedoch die Ironie der Tatsache genießt, dass er über dieses Etwas bereits bestens unterrichtet ist.

Denys Arden fand das ein wenig beängstigend. Leicht angespannt wartete sie auf seine nächsten Worte, auch wenn es keinerlei Grund für diese Beunruhigung gab. Es war nichts Seltsames an Nick, er benahm sich vollkommen normal. Es war nur ihre Fantasie, die sie dazu brachte, sein Verhalten als rätselhaft zu empfinden. Das war Rogers Schuld. Seine albernen Geschichten über das Haus und seine Bewohner ließen Dinge Gestalt annehmen, die gar nicht existierten.

»Ich hoffe, das Wetter hält sich.« Blaise spähte aus dem Fenster. »Wenn wir ordentlich Schnee bekommen, ist Benedict in seinem Element.«

Es war eine für Nick so typische Bemerkung, dass Denys spürte, wie sich ihr mulmiges Gefühl verflüchtigte.

»Onkel Benedict liebt es ja wirklich, Weihnachten mit allem Drum und Dran zu feiern«, sagte sie erleichtert. »Ich nehme an, dass er wieder die übliche Rolle spielen wird?«

Blaise wandte sich schmunzelnd vom Fenster ab.

»Ich glaube, er freut sich das ganze Jahr auf Heiligabend. Heute Morgen hat er sein Kostüm vorbereitet, und seit Tagen schon versteckt er mysteriöse Päckchen!«

Weihnachten im Hause Grame folgte einem strengen, unabänderlichen Ablauf. In einem Haus voller Gäste – wobei ein großer Christbaum nicht fehlen durfte – präsentierte sich Grame seinen Zuschauern voll kindlichen Vergnügens in vollem Ornat aus langem rotem Mantel und weißem Bart, um am späten Heiligabend – wenn er sich unbeobachtet wähnte – Geschenke für alle Gäste an den Baum zu hängen.

Er war Junggeselle, und da er keine Kinder hatte, mit denen er seine Begeisterung teilen konnte, schien es, als habe er dieses Verfahren gewählt, um in den Genuss unbeschwerter Weihnachten zu kommen. Da seine Marotte niemandem Schaden zufügte, sah man sie ihm nach, und Grame, dessen Großzügigkeit als reicher Mann im Kreise seiner Bekannten legendär war, durfte sich seinem alljährlichen Rollenspiel hingeben, ohne dass er Gefahr lief, verspottet zu werden. Die meisten Gäste waren bereits vor ihrer Ankunft von dieser Gewohnheit unterrichtet, und wenn nicht, so wurden sie von den Erfahreneren entsprechend instruiert.

Falls einer, den das Leben in der rauen, geldversessenen Welt abgebrüht hat, der Ansicht gewesen wäre, für einen Mann wie Grame sei dies ein seltsamer Tick, so wäre er besser beraten, seine Meinung für sich zu behalten. Das gebot zum einen die Höflichkeit und der festliche Anlass, aber man durfte auch nicht vergessen, dass Benedict Grame ein Mensch war, dem man lieber nicht in die Quere kam.

Die blauen Augen, wohl verborgen unter den buschigen grauen Augenbrauen, betrachteten die Welt zumeist mit Gelassenheit, doch zuweilen konnte ein zorniger Funke in ihnen aufblitzen. Dann richtete sich seine grobknochige Gestalt zu beeindruckender Größe auf, und es war nicht zu übersehen, dass in dem bedächtigen Mann, der das Leben mit amüsierter Distanz nahm und ein kindliches Vergnügen daran fand, sich als Weihnachtsmann zu verkleiden, ein Feuer loderte.

Denys Arden hatte dies schon früh erfahren müssen. Als der Mann, den sie als Onkel bezeichnete, Denys einmal im verbotenen Territorium seines Arbeitszimmers fand, wo sie in seliger Selbstvergessenheit kindliche Kunstwerke auf seine kostbaren Papiere malte, hatte er sie sich zur Brust genommen und ihr damit lang währenden Respekt eingeflößt.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund kam ihr diese uralte, aber immer noch lebendige Erinnerung in den Sinn, während sie Nicholas Blaise anschaute. Er wiederum fragte sich, woran sie wohl dachte, aber Denys verriet ihm nicht, was sie beschäftigte. Stattdessen fragte sie:

»Wer wird denn alles kommen, Nick?«

»Die üblichen Verdächtigen«, erwiderte er. »Rosalind Marsh, Austin Delamere – und natürlich wir alle. Die Napiers wohl auch. Mit Mrs Tristam im Gefolge.«

»Oh!«, entfuhr es Denys.

»Ja«, sagte Nicholas Blaise.

Lucia Tristam ließ sich immer öfter im Haus blicken. Sie war unbestimmbaren Alters. Zwar hatte sie die Dreißig schon überschritten, viel mehr ließ sich aber nicht sagen. Zweifellos war sie eine sehr gut aussehende Frau. Ihr üppiges dunkelrotes Haar, in dem eine Myriade feiner Glitzerpunkte funkelte, wenn sie ihren Kopf mit einstudierter Unbekümmertheit im Licht drehte, hätte in jeder Gesellschaft Aufsehen erregt. Da sie zudem eine schillernde Persönlichkeit und eine elegante, grazile Figur besaß, mangelte es ihr nicht an Bewunderern.

»Sie ist Witwe, nicht wahr?«, fragte Wynton.

»Das sagt sie«, betonte das junge Mädchen. »Wir wissen nicht, ob sie Witwe ist, und auch nicht, ob sie wirklich Lucia heißt.«

»Du meinst, sie behauptet diese Dinge nur um ihrer Wirkung willen? Ich darf wohl annehmen, dass du die Dame nicht magst?«

»So ist es«, erwiderte Denys unverblümt.

»Sie kennen Mrs Tristam ja noch gar nicht«, warf Blaise ein, der offenkundig Gefahr witterte und sich an Wynton wandte, bevor das junge Mädchen deutlicher werden konnte. »Sie waren noch nicht sooft hier, seit die Dame in unserer Gegend weilt, und bislang haben sich Ihre Besuche nicht überschnitten. Sie ist seit letztem September Hausgast der Napiers.«

»Sie wollte nur einen Monat bleiben«, betonte Denys.

»Ich glaube nicht, dass sie nur für eine bestimmte Zeit bleiben wollte«, bemerkte Blaise taktvoll, »obwohl es jetzt natürlich so aussieht, als würde sie ihren Besuch ausdehnen.«

Es war deutlich, dass es hierüber mehr zu sagen gab. Wynton bot eine Erklärung an:

»Vielleicht bekommt ihr die Luft in unserer Gegend besonders gut.«

Blaise warf ihm einen verschmitzten Blick zu. In seinen braunen Augen glomm Belustigung.

»Ich glaube nicht«, bemerkte er, »dass es nur an der guten Luft liegt.«

»Ich werd’s dir sagen«, meinte Denys. »Nick ist ja viel zu höflich. Diese Tristam ist auf Männerfang. Im Moment scheint sie sich noch für keinen entscheiden zu können. Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig für Jeremy oder Onkel Benedict.«

Roger Wynton zog die Brauen hoch.

»Das ist es also.«

»Das«, bestätigte sie, »ist es.«

»Was halten ihre Opfer davon?«

»Sie ist clever«, erklärte Denys. »Sie hat eine tolle Figur. Und du weißt ja, wie Männer sind.«

Nicholas Blaise wirkte wachsam wie ein Mann, der stürmische Wellen vor sich sieht und diese um jeden Preis vermeiden will.

»Ich werde nun meinen Rundgang fortsetzen«, verkündete er. »Bin eigentlich nur hereingekommen, weil ich Benedict suche. Ihr wisst wohl nicht zufällig, wo er sich aufhält?«

»Tut mir leid«, sagte Wynton. »Ich habe ihn den ganzen Nachmittag nicht gesehen.«

Blaise war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Denys ihn aufhielt:

»Einen Augenblick, Nick, bevor du uns wieder entwischst. Gibt es noch etwas zum Fest zu sagen? Oder zu den Gästen? Kommt noch jemand, den wir nicht kennen?«

»Nun, ein gewisser Professor Lorring, der euch zumindest seinem Namen nach bekannt sein dürfte. Er ist Wissenschaftler. Ach ja, und Mordecai Tremaine.«

»Tremaine?«, wiederholte Wynton. Blaise nickte.

»Ja. Es ist sein erster Besuch hier.«

»Alt oder jung?«, fragte Denys.

»Eher betagt. In den Sechzigern, würde ich schätzen. Er ist ein interessanter Mensch. Ein bisschen sentimental. Ich könnte mir vorstellen, dass er euch gefallen wird.«

Blaise sah vom einen zum anderen, während er dies sagte. Denys wusste nicht genau, ob er damit etwas andeuten wollte oder nicht, und während sie noch unschlüssig war, nutzte Blaise die Gelegenheit, um das Zimmer zu verlassen.

»Klingt nach der gleichen Mischung wie immer«, bemerkte Wynton, nachdem die Tür hinter Blaises dunkler Gestalt ins Schloss gefallen war. »Abgesehen von Lorring und Tremaine. Und ich nehme nicht an, dass die beiden so sehr ins Gewicht fallen werden.«

»Aber du musst zugeben, Roger«, sagte das junge Mädchen, »dass Onkel Benedicts Weihnachtsfeste Spaß machen. Er gibt sich alle Mühe, damit sie ein Erfolg werden.«

»Ja«, murmelte Wynton langsam. »Ja, das tut er.«

Er wirkte abgelenkt, hatte wie mechanisch geantwortet. Doch bevor Denys ihn darauf ansprechen konnte, wurde die Tür erneut geöffnet.

Wynton spürte die Abneigung in Jeremy Rainers grauen Augen, noch bevor der ältere Herr ganz eingetreten war. Er reagierte instinktiv, und die Feindseligkeit knisterte zwischen den beiden Männern.

»Hab gar nicht gewusst, dass Sie im Haus sind, Wynton.«

Seine Stimme klang ruhig, aber seine Worte waren mit dem Eis der Feindschaft überzogen. Denys warf sich in die Bresche:

»Roger ist hergekommen, um mit mir spazieren zu gehen, aber ich fand das Wetter wenig verheißungsvoll, deshalb haben wir uns gar nicht erst auf den Weg gemacht.«

»Und das war auch sehr klug von dir, Liebes. Es sieht nach einem heftigen Schneetreiben aus.«

»Wir haben gerade zu Nick gesagt, wie Onkel Benedict sich freuen wird. Zu seinem Weihnachtsglück hat ihm nur noch Schnee gefehlt!«

Das junge Mädchen war nervös und bemühte sich, eine Unterhaltung in Gang zu halten, damit die beiden Männer einander nicht an die Gurgel gingen. Rainer warf ihr einen raschen Blick zu, als hätten ihre Worte eine Saite in ihm angeschlagen, die er lieber unberührt gesehen hätte.

»Ja«, sagte er nach einer kleinen Pause. »Ja, der hat ihm wohl nur noch gefehlt.«

Er ging zum Fenster und gab Roger Wynton damit Gelegenheit, sein hartes Profil im winterlichen Licht zu studieren. Es bestand ganz entschieden eine gewisse Ähnlichkeit, sinnierte er. Eis – innen wie außen.

Jeremy Rainer hatte die meisten seiner Direktorenposten niedergelegt und bestritt seinen Ruhestand, wie allgemein angenommen wurde, aus seinem erworbenen Vermögen. Er stand im Ruf, ein skrupelloser Geschäftsmann gewesen zu sein, was sich in der adlerartigen Krümmung seiner Nase, die im Profil besonders deutlich sichtbar war, sowie in seinen fest zusammengepressten Lippen über dem unbeugsamen Kiefer widerzuspiegeln schien.

Ein harter Mann, der sich nie, so hieß es, von Gefühlen beeinflussen ließ. Und das traf weitestgehend zu, nur im Falle von Denys nicht, wie Roger Wynton ihm zugestehen musste. Was Jeremy Rainer an Menschlichkeit verblieben war, konzentrierte sich auf sein Mündel. An seiner Zuneigung zu ihr konnte es keinen Zweifel geben.

Das ist der Grund, dachte Wynton leise bei sich, für seine Weigerung. Er kann Denys nicht mit einem anderen teilen. Sie ist wie ein Kleinod, das er in seinem Herzen einzuschließen wünschte, und die Aussicht auf Verlust kann er nicht ertragen.

Ein grauer Mann, das war Jeremy Rainer. Graue Haare; graue Augenbrauen, die sich buschig über harten Augen wölbten, die ebenfalls grau waren; ein grauer Schnurrbart, sorgfältig gestutzt und steif; und zu guter Letzt eine graue, abstoßende Seele.

Verflucht sollte er sein! Wie konnte er sich anmaßen, über das Leben eines anderen Menschen zu bestimmen? Wie konnte er sich erdreisten, Denys Vorschriften zu machen?

Für einen Moment wallte so starker Zorn in ihm auf, dass er überrascht war. Er wollte seine Hände auf die breiten, unduldsamen Schultern legen, er wollte die graue Gestalt herumreißen und ihr eine Kampfansage in das frostige Gesicht schleudern. Wollte brüllen, dass Denys ihm gehörte und dass er sie heiraten werde und dass Jeremy Rainer zur Hölle fahren solle.

Doch dann trat der Mann vom Fenster zurück, und sogleich wirkte er etwas weniger finster, und Rogers Wutanfall ebbte ab.

»Mir war, als hätte ich vor Kurzem ein Auto gehört«, bemerkte Rainer beiläufig. »Schon jemand eingetroffen, Denys?«

»Ich glaube nicht«, antwortete sie. »Wahrscheinlich hast du Rogers Wagen gehört. Werden heute überhaupt schon Gäste erwartet? Ich dachte, die Stunde Null wäre erst morgen.«

»Ich habe gehört, dass Professor Lorring vielleicht schon heute eintrifft«, sagte Rainer, »obwohl die meisten Gäste sicher nicht vor morgen zu erwarten sind. Delamere wird vermutlich erst wieder in letzter Sekunde eintreffen. Er pflegt den genauen Zeitpunkt seiner Ankunft bis Heiligabend offen zu lassen. Wahrscheinlich glaubt er damit den Eindruck zu erwecken, dass Politiker wie er vor Arbeit nicht mehr ein noch aus wissen.«

»Was ist mit dem anderen neuen Gast?«, fragte Denys. »Abgesehen von Professor Lorring, meine ich. Wie sagte Nick noch gleich, war sein Name, Roger?«

»Tremaine«, sagte Wynton. »Mordecai Tremaine.«

»Wer ist Mordecai Tremaine?«, fragte Rainer.

»Jetzt bin ich aber enttäuscht«, sagte Denys. »Ich hatte geglaubt, du könntest uns das sagen.«

»Kenne den Mann nicht«, gab Rainer zurück. »Irgendjemand, den Benedict eingeladen hat, um die Gästeschar zu vergrößern, würde ich mal vermuten.«

Wynton hatte die Stirn in Falten gelegt.

»Weißt du, Denys«, begann er zögernd, »ich glaube, ich habe den Namen schon einmal gehört. Seit Blaise ihn erwähnt hat, zerbreche ich mir den Kopf darüber.«

Seine Falten vertieften sich. Plötzlich rief er:

»Das ist es! Daher kam mir der Name bekannt vor! Aus der Zeitung! Er ist so eine Art Detektiv!«

Etwas klapperte vernehmlich. Jeremy Rainer war gerade dabei gewesen, eine Zigarette aus der silbernen Dose zu nehmen, die auf einem Tischchen stand.

»Was meinen Sie damit?«, fragte er barsch.

»Da war diese Affäre in Sussex, im letzten Sommer«, erklärte Wynton. »Dieser Bursche Tremaine hat damals mit der Polizei zusammengearbeitet. Die Zeitungen waren voll davon.«

»Das klingt ja spannend«, meinte Denys. »In welchem Feld ermittelt er denn?«

»Dem des großen Verbrechen«, erwiderte Wynton. »Mord.«

Und dann fiel ihm etwas Merkwürdiges auf. Jeremy Rainer zündete seine Zigarette an und brauchte ziemlich lange dazu. Weil ihm die Hände zitterten.

2

Am Ende siegte die Neugier. Mordecai Tremaine wusste, dass er sich das Weihnachtsfest verderben würde, wenn er die Einladung ausschlug. Denn dann würde er sich unablässig fragen, was er mit der Absage der Reise nach Sherbroome verpasst hätte und warum Benedict Grame ihn überhaupt eingeladen hatte.

Eigentlich kannte er Grame nicht sonderlich gut. Ihre Bekanntschaft war vielmehr so flüchtig, dass die liebenswürdige Einladung, in der er gebeten wurde, die Festtage, wenn er möge, in Sherbroome House zu verbringen, und die er während des Frühstücks gelesen hatte, zunächst einmal dafür gesorgt hatte, dass er seinen Toast kalt werden ließ.

Der Brief war von Nicholas Blaise verfasst worden, den Mordecai Tremaine als Grames Privatsekretär sowie engen Freund kennengelernt hatte. Es gab ein Postskriptum, das Blaise in seiner schönen, künstlerisch fließenden Handschrift verfasst hatte:

Bitte besuchen Sie uns, wenn es Ihnen irgend möglich ist. Benedict wird Ihnen außerordentlich dankbar sein. Mein Gefühl sagt mir, dass es hier etwas gibt, das Sie interessieren könnte. Benedict sagt nicht viel dazu – im Grunde weiß er gar nicht, dass ich mich hier äußere, deshalb wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn sie darüber Stillschweigen bewahren. Aber ich spüre, dass etwas nicht in Ordnung ist, und ehrlich gesagt, ängstige ich mich.

Mordecai Tremaine hatte bereits mehrere Einladungen aus seinem großen Verwandten- und Freundeskreis erhalten und eigentlich schon beschlossen, die Feiertage in Dorset zu verbringen, wo mehrere seiner Neffen und Nichten fleißig ihren Nachwuchs aufzogen. In Dorset würden ihn etliche kleine Jungen und Mädchen willkommen heißen, die nur zu gut wussten, dass Onkel Mordy eine Schwäche für sie hatte und ihnen jeden Wunsch von den Augen ablas. Aber das Postskriptum konnte nicht ignoriert werden. Es klang geheimnisvoll, und Mordecai Tremaine hatte der Verlockung eines Geheimnisses noch nie widerstehen können.

Also schickte er bedauernde Absagebriefe nach Dorset und schrieb nach Sherbroome, um sich für die Einladung zu bedanken. Er werde, wie das Schreiben nahelegte, am Nachmittag vor Heiligabend eintreffen.

Und nachdem er diese Entscheidung getroffen hatte, setzte er sich hin und überlegte, was er über Benedict Grame wusste.

Er hatte Grame im vergangenen September bei einer Party mit bunt gemischtem Publikum kennengelernt, die Anita Lane in ihrer Wohnung in Kensington gegeben hatte. Anita war eine bekannte Filmkritikerin, doch äußerlich einer harten Karrierefrau sehr unähnlich, was ihr sicherlich recht war. Mordecai Tremaine kannte sie seit mehreren Jahren und mochte sie sehr – rein platonisch natürlich, wie er sich stets einzureden pflegte. Auch wenn Anita in den Vierzigern sein mochte, so hatte er doch bereits die Sechzig hinter sich gelassen – und dieser Altersabstand war zu groß, um so einfach dauerhaft überbrückt zu werden.

Die Party war hauptsächlich von Künstlern besucht gewesen, von Schriftstellern und Theaterleuten. Alles in allem eine sonderbare Gesellschaft für einen Mann wie Benedict Grame, der ungeachtet seiner katholischen Erziehung geneigt war, derartige Leute mit einem Erstaunen zu betrachten, das an religiöse Ehrfurcht grenzte – was diejenigen, die ihren Lebensunterhalt auf der Bühne und mit dem gedruckten Wort verdienen, ohnehin oft bei Laien erleben.

Vielleicht, weil sie alle drei sich außerhalb des magischen Einflussbereichs von Autorenverträgen und Theatergarderoben befanden, waren Grame und sein Gefährte Nicholas Blaise mit Mordecai Tremaine zusammengekommen. Am Ende eines ausgedehnten Abends – um vier Uhr morgens teilten sie sich ein Taxi – hatten sie eine Menge übereinander in Erfahrung gebracht. Grame war aus dem aktiven Geschäftsleben ausgeschieden und erfreute sich nun eines Lebens als Gentleman auf dem Lande. Blaise bekleidete zwar offiziell die Stellung seines Sekretärs, war aber offenkundig sehr viel mehr als ein bezahlter Angestellter, denn die Innigkeit der Freundschaft zwischen beiden zeugte davon, dass er Grames vollstes Vertrauen besaß.

Mordecai Tremaines Gedächtnis konnte allerdings nicht mehr viel von ihrer Unterhaltung zutage fördern. Je angeheiterter er wurde, desto verschwommener war seine Wahrnehmung geworden – es war auf der Party sehr feuchtfröhlich zugegangen –, und nach dieser langen Zeit waren ihm große Teile des Abends ohnehin entfallen.

Er vermeinte sich schwach zu erinnern, erzählt zu haben, dass er früher Besitzer eines florierenden Tabakladens gewesen sei und sich nun der Früchte seiner Arbeit erfreue. Auch hatte er sein Interesse an der Kriminologie erwähnt und seine Freundschaft mit etlichen Polizisten.

Er glaubte jedoch nicht, dass er sich zu detailliert über sein Hobby ausgelassen hatte. Er war ein reiner Amateur und hegte nicht den Wunsch, seine Freunde – zum Beispiel Inspector Boyce von Scotland Yard – zu blamieren, indem er öffentlich verkündete, dass er an Ermittlungen beteiligt gewesen war, die in den Zuständigkeitsbereich der Polizei fielen.

Die Aufmerksamkeit, die ihm die Presse zurzeit der Dalmering-Morde gewidmet hatte, war ihm immer noch peinlich. Er war nicht selbst in die Öffentlichkeit getreten, aber die Reporter, die in Scharen in das Dörfchen in Sussex eingefallen waren, hatten seine Verbindung mit dem Fall aufgedeckt und ihn ins grelle Rampenlicht gezerrt. Manchmal überliefen ihn auch jetzt noch Schauder des Unbehagens, wenn er an die weniger zurückhaltenden Schlagzeilen dachte.

Er hoffte indes, dass er von seiner geheimen Leidenschaft für rührselige Liebesromane nichts verraten hatte. Mordecai Tremaine war ein treuer Leser des unschuldigen, aber zweifellos etwas kitschigen Magazins Romantische Geschichten. Begierig folgte er sämtlichen Fortsetzungsromanen und litt und triumphierte mit deren tugendhaften Heldinnen. Obwohl er ein eifriger Leser des Blattes war, schämte er sich jedes Mal, wenn er bei der Lektüre ertappt wurde, und versuchte dann vergeblich, das Blatt außer Sicht zu schmuggeln. Er hielt Benedict Grame nicht für einen Mann, der eine derartige Schwäche verstehen würde. Geständnisse, die man um vier Uhr in der Frühe ablegt, wirken bei Tageslicht nun mal elend abgedroschen.

Das Problem mit den Romantischen Geschichten beschäftigte Tremaine auch noch einige Wochen später, als er in seine bescheidene, in Massenproduktion gefertigte Limousine stieg – eine seiner wenigen Extravaganzen – und sich an einem sonnigen, aber frostigen Morgen vorsichtig seinen Weg durch das Londoner Verkehrsgewühl bahnte. Allerdings sagte es viel über ihn aus, dass im Koffer auf dem Rücksitz die letzte Ausgabe des Magazins zwischen den Falten seines Abendanzugs steckte. Mordecai Tremaine mochte zwar echte Seelenqualen ausstehen, aber feige war er nicht.

Er war guten Mutes. Er summte eine fröhliche Melodie, die er beim Rasieren im Radio gehört hatte, und hörte selbst dann nicht auf, als er das Steuer verreißen musste, um nicht zwischen einem stehenden Lastwagen und einem forsch vordrängelnden Omnibus zerquetscht zu werden. Seine gute Laune war nicht allein darauf zurückzuführen, dass die Sonne schien und ihn durch das Autofenster eine frühlingshafte Wärme erreichte. Auch lag es nicht nur daran, dass Weihnachten war und seine Seele auf einer Welle jahreszeitlicher Gefühle dahinschwebte, ausgelöst durch Schneedekorationen und Lichterketten in den Schaufenstern.

Er steuerte auf ein Abenteuer zu. Irgendwo vor ihm lag ein Problem, das gelöst werden wollte, und er verspürte ein erwartungsvolles Kribbeln. Seit jenen Sommertagen, als der Schrecken in das liebliche Dalmering eingezogen war, hatte er den Nervenkitzel einer Ermittlung in einem Verbrechen im wahren Leben nicht mehr auskosten können. Seine Lust an kriminologischen Fällen hatte sich gezwungenermaßen auf Bücher beschränken müssen. So hatte er die schäbigen, allzu menschlichen Begleitumstände von Hass, Angst und Eifersucht vollkommen vergessen, genauso wie den Umstand, dass am Ende der Jagd auf den Mörder fade Ernüchterung und die Vernichtung eines menschlichen Wesens standen. Er erinnerte sich lediglich an das Jagdfieber und die Herausforderung, seinen Verstand mit dem eines gerissenen Mörders zu messen.

Mit einem Mal wurde er sich seiner Gedanken bewusst und rief sich zur Ordnung. Wieso dachte er sogleich an Mord? Zu welchen Verrücktheiten verleitete ihn seine Vorstellungskraft? Er war auf dem Weg zu neuen Freunden, mit denen er Weihnachten verbringen wollte. Es war ein fröhliches Fest, eines, an dem man sich von seiner besten Seite zeigte. Warum drifteten seine Gedanken auf derart unangemessene Weise ab?

Es gelang Tremaine, diese Ideen zu verscheuchen, doch nun war ein Teil seiner Begeisterung verflogen. Während er weiterfuhr, war sein Blick hinter dem Zwicker, der stets gefährlich rutschend auf seiner Nasenspitze balancierte, verhangen und ratlos.

Um die Mittagszeit hatten die Wolken einen bleifarbenen Baldachin über den Himmel gespannt, und die nackten Bäume auf dem kargen Land stemmten sich gegen den eisigen Wind. Er fuhr tiefer hinein in eine Welt aus grauem Licht und frostkalter Luft, in der entsetzliche Dinge geschehen konnten.

Natürlich wusste er, dass das Wetter eine Wirkung auf seine Fantasie hatte. Im West Country war bereits Schnee gefallen, und das schwindende Licht und das freudlose Seufzen des Windes bedeuteten lediglich, dass es nicht mehr weit dorthin war. Wenn er dieser winterlichen Landschaft Trauer und Schrecken andichtete, gab er seiner Einbildungskraft nach, die sich von der Einsamkeit kahler Dezemberäcker in die Irre führen ließ.

Zum Glück waren die Straßen zwar tief verschneit, aber sicher, und er konnte ein strammes Tempo beibehalten. Als er den langen Abhang in das Städtchen Calnford hinabfuhr, blieb ihm immer noch eine Stunde bis Sonnenuntergang, und Sherbroome, das wusste er, war nicht weiter als vier Meilen entfernt.

Da er folglich sein Ziel noch vor der Dämmerung erreichen würde, beschloss er, in dem Städtchen einen Tee einzunehmen. Der rechte Blinker seiner Limousine klemmte schon seit geraumer Zeit, und Mordecai Tremaine musste mit geöffnetem Beifahrerfenster fahren, um die Signale per Hand zu geben. Allmählich spürte er die lähmende Wirkung des eisigen Windes.

Gleich neben der Hauptstraße befand sich ein ruhiges Karree, das als Parkplatz diente. Er stellte seinen Wagen am Bordstein ab und schritt, froh über die Gelegenheit, sich die Beine vertreten zu können, in forschem Tempo auf die wimmelnde Einkaufsstraße zu.

Calnford war ein reizendes Städtchen. Seine steilen bewaldeten Hügel hatten verhindert, dass sich die üblichen Vorortsiedlungen wie ein Ausschlag rings um den Ortskern ausbreiteten. Hier bewahrte man die Anmut aus Calnfords Zeit als eleganter Kurort, als die Dandys des achtzehnten Jahrhunderts mit ihren Gainsborough-Damen in kerzenerleuchteten Ballsälen Menuett getanzt hatten. In den hohen Häusern mit ihren vornehmen Proportionen war der Geist Georg des Dritten noch lebendig.

Doch neben der stillen Erhabenheit seiner Plätze und den friedlichen Gärten am Fluss, über den sich behäbige, steinerne Brücken wölbten, besaß Calnford ein pulsierendes Herz, das einen Strom des Wohlstands durch die Arterie der Geschäftsstraße pumpte, die gerade unterhalb der alten Mauern der Abtei lag. Mordecai Tremaine erfreute sich an dem prallen Leben, das auf den Gehsteigen an ihm vorüberzog. Am Straßenrand parkten chromblitzende Wagen, die mit Geschenkpäckchen beladen waren und auf die Rückkehr ihrer Besitzer aus den fröhlich geschmückten Geschäften warteten.

Selbst der hässliche, schmutzige Schneematsch, den ein steter Korso pflügender Reifen hinterlassen hatte, besaß für Mordecai Tremaine einen Zauber. Seine düstere Stimmung hatte sich verflüchtigt. Die merkwürdige Niedergeschlagenheit, die ihn vorhin überwältigt hatte, war überwunden.

Er war für einen Moment wieder ein kleiner Junge, glaubte an Weihnachtselfen und den Weihnachtsmann, der durch den Kamin herabstieg und in einer einzigen Nacht Millionen von Strümpfen füllte. Sein Zwicker rutschte gefährlich in Richtung Nasenspitze, doch er merkte es nicht. Seine Emotionen hatten das Regiment übernommen. Irgendwann würde dieser Moment eine wertvolle Erinnerung für Mordecai Tremaine sein, dann nämlich, wenn er das nächste Mal damit konfrontiert wäre, dass in Wahrheit nichts als Bitterkeit und tiefste Verzweiflung in den Herzen der Menschen hausten.

Aber er durfte nicht lange verweilen, wenn er seine Reise noch bei Tageslicht beenden wollte. Die meisten der größeren Restaurants waren überfüllt. Nach einem Blick auf die vollbesetzten Tische zweier Wirtshäuser bog er in eine Seitenstraße, schritt unter einem Torbogen nahe der Abtei vorbei und gelangte in ein verschlafenes Viertel, in das die Masse der hungrigen und durstigen Menschen noch nicht hineingewirbelt war.

Eine winzige Teestube befand sich dort, eingezwängt zwischen einer Buchhandlung und einem Korbflechter, und Mordecai Tremaine schritt durch die enge Tür, wobei er instinktiv den Kopf einzog, um sich nicht an dem Eichenbalken zu stoßen, der den Türsturz bildete. Zuerst wähnte er die Stube leer, doch dann sah er zwei Gäste an einem Tisch ganz hinten sitzen, durch die dunkel getäfelten Wände geschützt und halb verdeckt von einem Ständer für Mäntel und Hüte.

Beide schauten auf, als er die Teestube betrat – hastig und wie ertappt. Als sie seinen neugierigen Blick bemerkten, schlugen sie rasch die Augen nieder, als ob sie sich vor dem Beobachter genierten.

Tremaine wählte einen Tisch und nahm Platz. Er saß zwar mit dem Rücken zu den beiden, doch vor ihm über der Theke hing ein Spiegel, in dem er sie bei ihrer Unterhaltung beobachten konnte; sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und flüsterten auf eine Weise, die ihm verschwörerisch vorkam.

Sein starkes Interesse an Menschen und sein hoch entwickeltes Beobachtungsvermögen führten dazu, dass Mordecai Tremaine selten eine Gelegenheit ausließ, um seine Mitmenschen aufs Genaueste zu studieren, ohne dass sie es wahrnahmen. Und da er außer Teetrinken nichts zu tun hatte, war es unumgänglich, dass seine Augen sich immer wieder in den Spiegel verirrten. Es war ein fast automatischer Vorgang, eine beiläufige Ausübung seiner erworbenen Talente. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, dass dieser Vorfall von schicksalhafter Tragweite sein sollte.

Es handelte sich um einen Mann und eine Frau. Die Frau wirkte farblos und unbestimmt, sie trug einen teuren, aber tristen Mantel und einen Hut, der nicht gerade der aktuellen Mode entsprach. Ihr Haar wirkte strähnig und glanzlos, wobei Tremaine zugeben musste, dass er sie nicht allzu deutlich sehen konnte, denn ihr hoher Mantelkragen war bis zur Hutkrempe hochgeschlagen. Ihre Züge waren zart, und ihr kleines, rundes Gesicht wirkte blass und verhärmt, als ob sie zu wenig Zeit an der frischen Luft zubrächte.