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Der Spiegel einer Generation: Geboren in französischer Gefangenschaft, im Leiterwagen als Säugling in die Holsteinische Marsch gezogen und in der Großstadt Bremen eingeschult, schildert der Autor das Leben, auch die Verbrechen und die Gewalt in einem Arbeiterviertel nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland. Hans Hartung ist ein Kind seiner Zeit. Er sucht als Jugendlicher nach Antworten auf die Nazizeit, schließt sich der Arbeiterjugendbewegung an, erzählt über Lehrzeit und Zivildienst, wird zu einem „68iger“ und wohnt in der „Kommune Unterweser“. Die späteren Jahre bringen ihn beruflich nach der „Wende“ nach Ostdeutschland an die Ostsee, wo er sich ein neues Leben aufbaut und wieder erneut politisch aktiv ist. Ein deutsch-deutsches Leben, spannend erzählt als Kaleidoskop der Nachkriegsgeneration.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Hans Hartung
Ein Nachkriegsleben in Deutschland
Impressum
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-95894-049-9
© Copyright: Omnino-Verlag, Berlin / 2017
Coverabbildung: Zeichnung von Gerhard Vontra (Dezember 2001)
Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.
Wir danken in besonderer Weise Herrn Steffen Jacob nicht nur für seine ständige Ermutigung, sondern auch tatkräftige Unterstützung bei der Entstehung dieser Lebensgeschichte.
www.mein-leben-aufgeschrieben.de
In einem Roman las ich kürzlich, dass man sich durch das Erzählen das Geschehene erneut aneignet. Man ist also kaum in der Lage, das Geschehene objektiv wiederzugeben, sondern es wird immer etwas verändert.
Das Erzählen verändert die Vergangenheit.
Das ist ein interessanter Gedanke. Und Dinge, die man mehrfach erzählt hat, verfestigen sich. Auch wenn sie falsch sind.
Hans Hartung
Ich bin 1945 im Juli geboren, und zwar in Lorient, Frankreich, in der Bretagne. Dort bestand ein U-Boot-Stützpunkt der deutschen Wehrmacht, der zur Festung erklärt worden war. Zum Zeitpunkt meiner Geburt war der Krieg gerade vorbei, die Festung befand sich nunmehr in französischer Hand, und die deutsche Besatzung war interniert, einschließlich der Krankenschwestern des Roten Kreuzes. Mein Vater war dort Marinesoldat auf einem U-Boot gewesen und meine Mutter Schwesternhelferin beim Deutschen Roten Kreuz. Die beiden hatten sich auf dem Stützpunkt kennengelernt und dort während der Gefangenschaft geheiratet.
Meine Mutter hatte drei Schwestern und einen Bruder. Eine der Schwestern ist später nach Argentinien ausgewandert, die zweite wohnte später in Hamburg und die dritte in Glückstadt an der Elbe. Der Bruder war nur hundert Kilometer von ihrem Standort entfernt mit seinem Panzer in Brand geraten und gestorben. Er war erst neunzehn Jahre alt, sie hat ihn sehr geliebt und eigentlich ihr ganzes Leben um ihn getrauert. Ich habe ein Foto von ihm – ein ganz normaler, fröhlicher Junge. Er hieß Hans, und nach ihm bin ich benannt.
Außer mir wurden noch vier weitere Kinder in dem Stützpunkt geboren; meine Mutter hatte noch längere Zeit mit den anderen Müttern Kontakt. Eine von ihnen wohnte später in Bremen, wo wir sie einmal mit ihrem Jungen besucht haben, nachdem wir auch dorthin gezogen waren. Die anderen drei Kinder waren früh verstorben, die hatten es nicht geschafft.
Es war ein Problem, die Babys über die Runden zu bringen. Die Franzosen, unter ihnen auch marokkanische Soldaten, waren sehr rachebedürftig, wie meine Mutter erzählte, und es war schwer, etwas zu essen zu besorgen, vor allem Milch für die Babys. Mein Vater konnte sehr gut Französisch und war als Dolmetscher eingesetzt; ihm gelang es irgendwie, mehrere Liter Lebertran zu „erschachern“. Davon hatte mich meine Mutter im Wesentlichen ernährt. Bis zum vierten oder fünften Lebensjahr musste ich jeden Tag morgens und abends einen Esslöffel trinken. Pur! Irgendwann sagte ich: „Mama, ich kann das nicht mehr trinken.“ Sie bedauerte es zwar, meinte, ich würde groß und stark davon werden, aber ich weigerte mich standhaft und brauchte es dann nicht mehr zu nehmen.
1946 wurde meine Mutter zusammen mit den anderen Frauen vorzeitig entlassen, aber natürlich erhielten sie keine Eisenbahnfahrkarten, sondern jede musste sehen, dass sie auf ihre Weise nach Hause kommt. Mein Vater hatte zusammen mit einem Freund eine Art Leiterwagen zusammengebastelt, und damit zog meine Mutter mit mir nach Schleswig-Holstein. Sie erzählte, dass ihr überall, zu ihrer Überraschung selbst in Frankreich, sehr viel Hilfsbereitschaft begegnete, weil jedes mal, wenn jemand in den Wagen sah, ihm ein kleiner Junge entgegen strahlte. Ich war wohl ein sehr freundliches Kind. „Du hast nicht geweint, nicht gemault“, berichtete meine Mutter. So bekam sie unterwegs immer wieder einmal etwas zu essen und konnte den langen Weg durchhalten. In Dithmarschen, in der Nähe von Itzehoe, an einem kleinen Nebenfluss der Elbe, der Stör, hatten meine Großeltern mütterlicherseits einen kleinen Bauernhof als Nebenerwerbsbetrieb.
Mein Opa war Beamter im Landwirtschaftsamt des Kreises. Er war wohl Nazi gewesen, keine große Nummer, aber immer ein pflichtbewusster Soldat. Begeistert erzählte er stets nur aus dem Ersten Weltkrieg: von Schlachten in Verdun und an der Somme. Dort war er als Reiter des Führungspferdes vor dem 6-spännigen Wagen, auf dem eine Kanone montiert war, eingesetzt. Nachher wurde mir das ein wenig zu viel, weil es immer die gleichen Geschichten waren. Allerdings hat er mir auch plattdeutsche Geschichten vorgelesen, von Fritz Reuter, und ich fand ich es schön, auf seinen Knien zu sitzen und zuzuhören. Mein Plattdeutsch verdanke ich eigentlich meinem Großvater, denn meine Mutter sprach nicht Platt. Sie konnte es zwar verstehen, war ja auf dem Lande groß geworden, aber sie hatte immer abgelehnt, es zu sprechen. „Plattdeutsch stinkt nach Misthaufen“, sagte sie immer. Sie erzählte mir von einem Bauern in der Nachbarschaft, der sie werben wollte – nein, das wollte sie nicht: neben dem Misthaufen sesshaft werden. Sie trieb es in die Stadt.
Ihre Verwandtschaft verteilte sich über ganz Schleswig-Holstein, aber der Großteil kam von der Insel Föhr, die Familien Lorenzen und Christiansen. Meine Oma war ein Kind der Familie Christiansen.
Die Männer waren ausnahmslos Seeleute gewesen, Kapitäne, und einer war sogar Admiral, Kommandant der deutschen Truppen in Holland; er musste dann in den Fünfzigerjahren auch vor Gericht und wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, da man ihm die Verantwortung für die Verfolgung der niederländischen Juden unterstellte.
Gelegentlich war ich auch mal auf Föhr, habe aber nie da gewohnt. Wir lebten in den ersten Jahren also bei meinen Großeltern, die natürlich um ihren gefallenen Sohn Hans trauerten, in dem kleinen Bauernhaus in Heiligenstedten bei Itzehoe. Das Haus stand am Deich der Stör, einem Nebenfluss der Elbe. Es war reetgedeckt, hatte am Giebel vier Fenster und darüber ein sogenanntes „Eulenloch“, wo laut Großvater eine Eule ihr Zuhause hatte. Einige Räume hatten die beiden ohnehin schon an eine Flüchtlingsfamilie mit Kindern abgeben müssen und dann kam eines Tages auch Tante Thea, Schwester meiner Mutter, deren Ehemann als Student eines nachts während der Arbeit im Hafen übermüdet in einen Getreidesilo gefallen und erstickt war. Jetzt war sie auch noch „ausgebombt“, das heißt, dass das Haus, in dem sie ihre Wohnung hatten, durch einen britischen Luftangriff auf Hamburg zerstört war. Sie traf mit ihren drei Kindern von fünf, drei und einem Jahr nun auch noch in Heiligenstedten in der Hoffnung auf Bleibe ein.
Erinnerungssplitter aus dieser Zeit: Mit meinen Cousins und Cousinen Sauerampfer auf dem Deich suchen und essen, bei Niedrigwasser erschrocken dem Kampf eines riesigen Störs (um Sauerstoff) beobachten, über die „merkwürdigen“ Menschen nachsinnen, die drüben, auf der anderen Seite der Stör, wohl leben mochten, die abendliche Hauptmahlzeit einnehmen, indem man zu acht Personen in der großen Küche um einem ovalen Tisch sitzend mit seiner Gabel bemüht war, aus der Pfanne mit gebratenem Kartoffelpüree, einzelne Speckstückchen und einige der wenigen Karottenwürfel oder zumindest etwas von dem angebrannten Püree herauszufischen.
Es wurde zu eng für alle Familienmitglieder und so zog meine Mutter mit mir nach Bremen. Sie war schwerkrank, hatte sich im Krieg bei einem Sterbenden mit Tuberkulose angesteckt. Meine Mutter erzählte, dass es häufig passierte, dass ein Tuberkulosekranker im Sterben noch die pflegende Kraft ansteckte. Sie hatte also Tbc, sie hörte schlecht, musste mehrfach operiert werden. Außerdem war sie stark sehbehindert, trug eine starke Brille mit dicken Gläsern, hinter denen sie ganz große Augen hatte, die mir zeitweise Angst machten. Schon als Kind war sie durch ihr schlechtes Sehen und Hören, was erst später behandelt wurde, in der Schule sehr gehandicapt. Dadurch hatte sie keine gute Schulbildung, hatte es nie geschafft, das große Krankenpflege-Examen zu machen, sondern lediglich das kleine und konnte so nur Schwesternhelferin werden, was sie ihr Leben lang bedauerte. Dennoch war sie eine intelligente Frau, die sich auch gut ausdrücken konnte.
Meine Mutter wollte aus zwei Gründen nach Bremen: Zum einen wollte sie zu ihren Schwiegereltern; mein Vater war immer noch in Frankreich in Gefangenschaft, aber sie hatte wohl Kontakt mit ihnen aufgenommen. Zum anderen brauchte man in Bremen kein Schulgeld zu zahlen. Alle Schulbücher, selbst die Hefte und Zeichenstifte wurden von der Schule gestellt. Jedes Bundesland hatte ja die Bildungshoheit, und Bremen war diesbezüglich Vorreiter unter den Bundesländern.
In Bremen wohnten wir zunächst im Stadtteil Grambke bei meinen Großeltern väterlicherseits. Bei uns musste jeder Pfennig umgedreht werden. Meine Mutter hatte zwischen ihren Krankheiten verschiedene, heute würde man sagen: Jobs. Manchmal war sie wochenlang weg, mal wegen der Tuberkulose, mal wegen einer Ohrenoperation, mal wegen ihrer Augen, und jedes Mal musste sie sich danach eine neue Arbeit suchen. An eine erinnere ich mich noch: Da musste sie Heringe in Fässer stopfen und mit Salz abdecken. Es war auch sehr kalt, da viel Eis zur Kühlung der Fische verwendet wurde und nach stundenlanger Arbeit wurde die Haut an ihren Händen rissig und trocken. Warum sie nicht mit Handschuhen arbeiteten, weiß ich nicht. Häufig hatte sie auch Nachtschicht.
Meine Mutter fand für die längeren Krankenhauszeiten Pflegeeltern für mich in der Nachbarschaft. Dort wurde ich immer sehr liebevoll behandelt.
1948 kam auch mein Vater aus der Gefangenschaft nach Hause. Ganz dunkel kann ich mich erinnern, dass er Gitarre und Mandoline spielte und dazu gern auch mal sang. Er hatte drei Brüder, die alle zur See fuhren sowie eine Schwester. Mein Vater hatte ein paar Semester Schiffbau studiert, dieses jedoch nicht abgeschlossen, weil der Krieg begann. Er war kein Nazi, im Gegenteil: Er wollte sich keine Vorschriften machen lassen von Unteroffizieren, die ihm intellektuell nicht das Wasser reichen konnten. Wegen seines Widerspruchsgeistes ist er nie über den Rang eines Gefreiten hinaus gekommen.
Die Brüder meines Vaters merkten bald, dass er nicht so recht den Drang hatte, sich um eine geregelte Arbeit zu bemühen. Irgendwie hatte er, der kriegsbedingte Studienabbrecher, wohl den Faden verloren. Es war die Zeit des Schwarzhandels, und in diese Szene ist er, wahrscheinlich über Freunde, die er von früher kannte, hineingeraten. Eine kurze Zeit war er bei der Bahnpolizei. Die musste damals besonders darauf aufpassen, dass von den Güterzügen nicht zu viel geklaut wurde. Der Hafenumschlag in Bremen wurde in großem Umfang über die Bahn abgewickelt, und die Züge fuhren alle durch unseren Stadtteil.
Mein Großvater war Werksdirektor einer Raffinerie der Mobil-Oil in Bremen; vorher war er bereits Werksdirektor in Rumänien gewesen –eigentlich weiß ich über diese Familie nichts weiter. Er war ein sehr lieber Opa, ich saß oft auf seinen Knien, aber er war damals schon, wie auch meine Großmutter, recht hinfällig und starb 1952. Die Brüder, allesamt Seeleute, kamen häufig in der Wohnung meiner Großeltern zusammen. Der älteste Bruder war bereits verheiratet und war Offizier, die anderen noch nicht. Zunehmend gab es Streit und einmal wollten die drei anderen meinen Vater sogar verdreschen. Sie jagten ihn um den großen Esstisch herum, er war aber sehr geschickt und ihnen immer wieder entwischt. Die drei waren richtig sauer auf ihn; ich denke, es hing damit zusammen, dass er zu wenig Verantwortungsgefühl für seine Frau und sein Kind zeigte und sie ihn zur Räson bringen wollten.
Die Güterzüge fuhren also durch unseren Stadtteil Bremen-Grambke. An einer Stelle mussten sie sehr langsam fahren, weil da eine scharfe Kurve war von der Weser weg ins Binnenland. Eines Abends wurde ich mal zum Kohlenklau mitgenommen, wahrscheinlich, weil sie mich nicht allein zu Hause lassen wollten. Ich erinnere mich, wie die Männer auf die Wagen sprangen und die Kohlen herunterwarfen. Die Frauen und Kinder sammelten sie unten in Säcken, so viel, wie sie tragen konnten. Plötzlich ertönten schrille Pfiffe, die Bahnpolizisten kamen angerannt und Männer, Frauen und Kinder liefen weg. Manchmal wurde einer geschnappt, aber man hatte wieder ein paar Kohlen. Es war sehr schwierig, in Bremen an Heizmaterial zu kommen. Was man an Wald hatte, war schon verheizt worden – das wusste ich damals natürlich noch nicht. Ähnlich war es mit Kartoffeln, auch sie wurden so ergattert.
