Ein Schlüssel für den Kammerherrn Figuren - Benedetta Lamperer - E-Book

Ein Schlüssel für den Kammerherrn Figuren E-Book

Benedetta Lamperer

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Beschreibung

Der "galante" Barockroman "Der Blaue Kammerherr" von Wolf v. Niebelschütz entstand in den Jahren 1942 - 1949. Begonnen im Zweiten Weltkrieg wurde er als Gegenpol der Werke der Gruppe 47 als rückwärts- und weltabgewandt kritisiert. Das vorliegende Büchlein führt in Niebelschütz' Konzeption der Romanfiguren ein und analysiert deren Facetten sowie die von ihnen verkörperten Typen und Allegorien einschließlich des 19. Jahrhunderts.

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Inhalt

Das Werk aus dem Werk verstehen

Aufbau: die Vier und die Mitte

Zahlensymbolik: der Geist und die Vollkommenheit

Struktur: der Kreislauf und die Geschichte

Schleifen und Schliffe

Chronologie

Typen: Wer ist wer?

Godoitis, der Materialist

Alphanios, der Skeptiker

Borromeo, der Idealist

Andria, der Pessimist

Don Giovanni, der Ästhet

Gheotta, der Eiferer

Otello, der Held

Weibliche Figuren, Nebenfiguren

Prinzessin Danae

Königin Olympia

Bendidia de‘Lanzi

Alkmene von Amorgos

Xenodoxia von Ehrenpreis

Leda, Io, Europa

Die Fräulein von Sinigallia

Frau von Lambda

Polycrates, der Subjektivist

Neander, der Architekt-Ingenieur

Vampyrios Hermes, der Bankier

Achilles von Scheria

Onorio Principe Colonna

Poaretes

Das Spiel

Literatur

Das Werk aus dem Werk verstehen

Für den vorliegenden Analyseversuch des „Blauen Kammerherrn“ wurde der wiederholt und mit Nachdruck geäußerten Aufforderung des Dichters Wolf v. Niebelschütz (1913 – 1960) Folge geleistet, ein Werk nicht aus der Biographie des Autors, sondern aus dem Werk selbst zu erschließen.1 Darüber hinaus eröffnen die Themen der Vorträge und Essays einen Zugang zum Roman.

„Das Phänomen des Barock liegt darin, daß er bewußtermaßen ein Vexierbild aus sich gemacht hat, dessen äußerer Anschein die inneren Konturen überdeckte. […] Man muß einen sehr weiten Abstand nehmen, wenn man das Ganze entschlüsseln will, und doch wird es dem Einzelnen so gut wie unmöglich sein, all jenen Dimensionen gerecht zu werden, die der Barock wie im Prisma zusammenbündelte“2,

heißt es in seinem Vortrag „Der Barock. Deutung einer großen Epoche.“ aus dem Jahr 1955.

So ergeht es dem Leser mit dem „galanten Roman“. Das Verwirrspiel durchzieht den gesamten Text und macht die Entschlüsselung schwierig, da es zahlreiche Zeit- und Bedeutungsebenen gibt, die sich über ungefähr dreieinhalb Jahrtausende erstrecken.

Mit dem Anspruch, sich mit seinem Werk an Künstlergrößen wie Tiepolo und Mozart nicht nur zu orientieren, sondern sie sich als Ziel für die eigene Kunstgattung vorzunehmen,3 hat Niebelschütz ein hochkomplexes Gewebe mit unzähligen Anspielungen, Allegorien, Symbolen, Metaphern und Facetten geschaffen, die sicherlich weit über die hier angeführten hinausgehen.

Die Feststellung „Alles drängt, schwebt und löst sich zu wechselnden Bindungen“4 , womit der Autor barocke Architektur ebenso wie Mozarts Menuette charakterisiert, ist im „Blauen Kammerherrn“ literarisch umgesetzt und kann als einer der wichtigsten Schlüssel für die Dechiffrierung des Werks gesehen werden. Für die Anlage der Romanfiguren bedeutet es, daß sie Facetten unterschiedlicher Personen und Gestalten in sich vereinen, wobei diese von einem Dialogabschnitt zum nächsten wechseln können. Über die Jahrhunderte hinweg kristallisiert sich schließlich ein Typus heraus.5

In diesen Ausführungen werden die in den männlichen und weiblichen Figuren verarbeiteten Facetten festgestellt und mit Textbelegen aufgelistet, sofern sie der Bestimmung von Typen und Allegorien dienen. Aufgrund der Fülle an Facetten und der Komplexität der Bezüge werden vorwiegend die Epochen einschließlich des 19. Jahrhunderts berücksichtigt.

Der zu Beginn skizzierte Aufbau soll zeigen, wie eng Niebelschütz‘ Art der Figurenkonzeption und die von ihm gewählte Romanstruktur Folge seiner geistigen Haltung sind. Dem Leser wird so deutlich, daß jedes Detail bewußt ausgewählt und an entsprechender Stelle verwendet wurde. Kein Wort ist dem Zufall überlassen, sondern spielt seine Rolle im großen komponierten Ganzen. Niebelschütz‘ dichterische Tätigkeit trägt zu einer genauestens berechneten Wirkung des einzelnen Wortes und dessen Sinn für den Gesamttext bei.

Im Roman verarbeitete Querbezüge zu Kunst, Musik und Literatur werden angeführt, wo sie die Bestimmung der Facetten, Typen und Allegorien unterstützen; es wird hier somit nur ein Ausschnitt derer wiedergegeben.

Die Figuren Midas und Weißenstein werden aufgrund ihrer Sonderstellung für den Roman nicht behandelt.

Ein Teil der für die Analyse verwendeten Literatur wurde nicht mit dem Anspruch höchstmöglicher Aktualität ausgewählt, sondern umfaßt Quellen, die Niebelschütz selbst zitierte, und andere in der Entstehungszeit gängige Nachschlagewerke, die für die Vorgehensweise bei der Konzeption der Figuren und des Romans Erkenntnisse liefern. Vom Dichter selbst erwähnt werden die Geschichtswerke von Jakob Burckhardt 6 , Egon Friedell 7 , Hederichs mythologisches Lexikon aus dem 18.

Jahrhundert und Heinrich v. Srbiks 8 Geistesgeschichte. An Bertrand Russsels „Philosophie des Abendlandes“ bestehen Anklänge, die sich in einer Übernahme dessen Bewertung von Strömungen und Personen äußern.

„Der Blaue Kammerherr“ gerät so zu einer Geschichte der Philosophie, der Malerei, der Musik, der Literatur, der Architektur, der Religion, des Theaters und mehr, man kann ihn eine kleine Kultur- und Geistesgeschichte in Romanformat nennen, als deren „Chronist[…]“9 sich der Dichter selbst sieht.

Aufbau: die Vier und die Mitte

Der Roman ist symmetrisch aufgebaut. Er besteht aus insgesamt 86 Kapiteln, die sich auf vier Bände verteilen, wobei Band eins und vier jeweils 24 Kapitel enthalten, Band zwei und drei jeweils 19.

Verwunderlich ist, daß Niebelschütz für den Aufbau seines Romans, dessen Handlung im Barock spielt, vier Teile gewählt hat, erklärt er doch gerade für diese Epoche die Symmetrie, die für ihn allerdings in einer ungeraden Gliedzahl besteht wie das „dreisätzige Konzert, die dreiteilige Arie“ 10 , zum auf alle Kunstgattungen übergreifenden Prinzip, denn „wo vier sind, fällt die Mitte ins Leere.“11 Es ist bei der durchdachten Komposition wohl kein Zufall, daß die Anzahl der Bände gerade ist.12 In der Tabula operis wird angegeben, daß das Werk als viersätzige Sinfonia concertante aufgebaut ist; dem Dichter wird im Januar 1943 bewußt, daß er eine Gliederung des Stoffes in vier Bände vornehmen und als ‘Zwitter-Form der mit obligatem Solo-Instrument besetzten Sinfonia Concertante’ entwickeln muß. 13 Die Regel für diese Gattung war jedoch die dreisätzige Form,14 vier Sätze stellten eine Ausnahme dar;15 anders bei der französischen „Symphonie concertante“, die um 1770 als eine neue Gattung der Sinfonie entstand und meist die zweisätzige Form pflegte.16 Hat er also nicht an ein bestimmtes Werk gedacht, drängt sich die Vermutung auf, daß er die Mitte bewußt auf das Leere treffen läßt. Die Mitte und das Maß jedoch gehören für Niebelschütz zusammen;17 für seine Zeit, die „in sich den Punct nicht mehr hat“18, verneint er beide.

Zahlensymbolik: der Geist und die Vollkommenheit

Aus einer eingehenden Betrachtung der aus dem Aufbau resultierenden Zahlen lassen sich im Hinblick auf deren Symbolik folgende Schlüsse ziehen:

Die Gesamtzahl der Kapitel, nämlich 86, entspricht bei Anwendung des additiven Systems der Gematrie (jeder Buchstabe des Alphabets hat den Zahlenwert der Stelle, an der er steht) dem Wort „Johannes“. Mit dem in Deutschland gebräuchlichen lateinischen Alphabet als Ausgangspunkt ergibt sich aus j=10, o=15, h=8, a=1, n=14, e=5, s=19 die Summe 86.

Das johanneische Zeitalter steht in Joachim von Fiores (1135 – 1202) mystischer Dreistufenlehre für den Heiligen Geist. Der Geist ist es auch, mit dem sich Niebelschütz in seinen Vorträgen immer wieder auseinandersetzt, denn „wer vom Abendland spricht, der spricht vom Geiste.“19 Detlef Haberland weist in seinem Aufsatz „Dammi il paradiso“ nach, daß zwischen der ersten veröffentlichten Fassung des Romans von 1949 und der gekürzten von 1961 keine Veränderung der Anzahl der Kapitel oder gar Bände vorgenommen wurde.20 Dies hätte die dantesk wirkende Zahlensymbolik zerstört.

Es steht zu vermuten, daß auch die Zahlen 24 und 19 eine ihnen zugewiesene besondere Bedeutung besitzen. Werden deren Quersummen einbezogen, dann sind die Zahlen 6 und 10 zu berücksichtigen. Vitruv stellt dazu fest: „Perfectum autem antiqui instituerunt numerum, qui decem dicitur“21 und „Mathematici vero contra disputantes ea re perfectum dixerunt esse numerum, qui sex dicitur“22. Demnach sei 10 von alters her die vollkommene Zahl, die Mathematiker jedoch seien der Meinung gewesen, die vollkommene Zahl sei die 6. Im Sinn der Vollkommenheit und Vervollkommnung, die im Roman von unterschiedlichen Blickwinkelm aus eingeflossen ist, kann es sich hierbei somit um eine Deutungsmöglichkeit handeln.

Aus der Quersumme einer Hälfte der Kapitel des Romans, also 43, resultiert 7. Sieben sind die Gaben des Hl. Geistes, für die Freimaurer ist die Sieben die vollkommenste Zahl,23 sie gilt außerdem als die heilige Zahl der Juden24 und steht dort für die Vollkommenheit der Schöpfung,

Struktur: der Kreislauf und die Geschichte

Eine chronologische Ordnung der Facetten der Romanfiguren ergibt bisher, daß sich der Roman in seiner gesamten Länge über ungefähr dreieinhalb Jahrtausende erstreckt. Daß „der ‘Kammerherr’ […] der Handlung nach frei zwischen den Jahrhunderten, selbst Jahrtausenden abendländischer Geschichte fluktuiert“25, ist ein Ergebnis, zu dem Harald Fricke in seinen Untersuchungen zum postmodernen Charakter des Kammerherrn kommt. Durch die Figurenfülle und deren Facettenvielfalt sowie durch die von ihm hergestellten Querbezüge gelingt es Niebelschütz „viele leuchtende Farbfäden, die oft auf lange Distancen hinter dem Gewebe durchtauchen, um an irgendeiner Stelle höchst überraschend wieder hervorzukommen“26, in sein Werk aufzunehmen. Die Handlung selbst wird vom Barock aus erzählt, in dem die Geschichtsabschnitte vom alten Mesopotamien und Ägypten an bis ins 20. Jahrhundert aufscheinen. So verwirklicht der Dichter die von ihm wahrgenommene prismatisch bündelnde Eigenschaft des Barocks27 in der Ausgestaltung seines Werks: alle Vergangenheit ist Gegenwart. Die Geschichtsabschnitte laufen in Schleifen parallel zueinander ab, womit Niebelschütz den Gedanken der zyklischen Wiederholung umsetzt. Ruth Schori Bondeli unterstreicht, daß Niebelschütz „den Prozess des Steigens und Stürzens“ 28 als unveränderliche Größe im Geschichtsverlauf ansieht. Schließlich steht am Ende des Romans das Ideal des Autors: ein vollständiges Bündnis mit den benachbarten Seemächten, ein lebendig gewordenes tiepoleskes Deckengemälde mit sämtlichen antiken Gottheiten am Himmel begleitet von vermutlich mozartischer Musik und Midas im Goldschiff am Horizont, also „paradiesische[...] Perspektiven“29.

Schleifen und Schliffe

Die Gliederung des Geschichtsverlaufs in Schleifen trägt somit der von Niebelschütz vertretenen Idee des Zyklus‘ Rechnung: sie enthält die Wiederholung. Die Wiederholung ihrerseits ist Teil seines Verständnisses von der Kontinuität der Kultur, daß nämlich das eine aus dem anderen hervorgehe, ein Stoff, ein Inhalt literarischer, musikalischer, philosophischer Art wieder aufgegriffen werde, selbst wenn einige tausend Jahre dazwischen liegen. Dem „Blauen Kammerherrn“ als literarischer Umsetzung dieser Kulturidee liegt damit nach Detlef Haberland „die Zusammenschau der europäischen Kultur in ihrer vielfacettigen Gesamtheit zugrunde.“ 30 Überdies nimmt die Vorstellung einer Schleife der Epoche ihre harte Abgrenzung, sie trägt den Übergang in sich. So gelingt es, Kunst-, Bau- und Musikstile, die nicht uneingeschränkt mit den historischen Epochen zusammenfallen, sowie geistige Strömungen einzubeziehen, die noch Relikte oder bereits Vorboten, in jedem Fall aber untypisch für ihre Zeit sind. Niebelschütz geht es nicht um zeitlich exakt abgegrenzte Intervalle, die für ihn „Vergewaltigungen“31 darstellen. Daher wird hier vornehmlich der großzügigere Begriff „Periode“ von griechisch περίοδος, das Herumgehen, der Kreislauf, verwendet. Er ist ausschließlich auf den Roman bezogen, folgt keinen soziologischen, ethnologischen, biologischen oder anderen Gesichtspunkten und kann durchaus mit (Stil-)Epochen zusammenfallen.

Der Begriff „Facette“ soll die Figurenkonzeption charakterisieren. Eine von Niebelschütz im „Blauen Kammerherrn“ angelegte Figur wird durch zahlreiche Facetten definiert.32 Diese schleift er aus historischen Personen oder Gestalten aus der Literatur, Musik oder Mythologie, wobei sie durch ein oder mehrere Merkmale untereinander zusammenhängen. Ruth Schori Bondeli weist nach, daß unter der Vielzahl der Facetten einer Figur nicht wie im historisch-höfischen Roman nach Auflösung des Rätsels genau eine Rolle aufgedeckt werde, die die Identität bestimmt.33 Bei Niebelschütz sind es Typus oder Allegorie, auf die hin sämtliche Facetten zulaufen; es geht ihm um das allgemein Gültige, nicht um den Einzelfall.

Die Facetten können am Namen, am Aussehen, bestimmten Eigenschaften, ihrem Amt, an Werkstiteln, philosophischen Inhalten oder Anschauungen erkannt werden. Im Roman sind sie in den Dialogen, Personenbeschreibungen oder den Wechselbeziehungen zwischen den Figuren verarbeitet. Es werden auch mehrere ähnliche Facetten zu einem Bündel zusammengefaßt. Dies ist beispielsweise bei den starken Staatsmännern Godoy, Richelieu und Talleyrand der Fall, die sich in Godoitis vereinen oder den Orden der Templer, Benediktiner und Zisterzienser, die im Bündel Otello zugeordnet sind. Niebelschütz eröffnet sich so die Möglichkeit, noch mehr Zeitabschnitte abzubilden und gleichzeitig die Wiederholung über die Facetten auf der Figurenebene einzuarbeiten.

Die Zusammenstellung bestimmter Facetten eines Typus ermöglicht ihm überdies die Personifikation von Strömungen, Anschauungen und Lehren, die für das Romanformat abstrakt sind, womit Niebelschütz den Rat des von ihm verehrten Dichters Hugo v. Hofmannsthal (1874 – 1929) „vagues personificieren in Gestalten pressen“34 beherzigt. Materialismus, Nihilismus, Pessimismus, Skeptizismus, Idealismus und Subjektivismus werden in verschiedenen Vorträgen als Vorstufe zur Revolution von 1789 wie auch in der eigenen Gegenwart, hier vor allem die beiden zuerst genannten, für den Zustand von Gesellschaft und Kunst in den (Nach-)Kriegs-jahren verantwortlich gemacht. Der Kunst fehle das Allegorische und damit das Menschliche;35 genau dies will Niebelschütz vermeiden, indem er sich im „Blauen Kammerherrn“ einer reichen Allegorik bedient.

Chronologie

Aus chronologischer Sicht stellt die Antike den ersten Abschnitt dar, wobei sie sich in die Antike des vorderen Orients, Ägyptens, Griechenlands und Roms untergliedert. Ein durchgängiges zeitliches Grundgerüst bildet die Entwicklung der Philosophie und deren Vertreter im alten Griechenland. Die ägyptische Antike mit dem Schwerpunkt Architektur und die babylonische mit den für sie charakteristischen Bemühungen um die Astronomie werden über die Figuren Olympia und Bendidia eingeflochten. Schließlich werden Facetten aus der römischen Antike aus dem ersten Jahrhundert vor bis nach Christus verarbeitet, nämlich die von Cicero, Cato d. J., Cassius, Crassus und Pompeius.

In der Ablösung Godoitis‘ durch Borromeo als Plato, der „die große Bühne der Welt“36 im zweiten Band zu betreten bereit