Ein Sommer aus Stahl - Silvia Avallone - E-Book

Ein Sommer aus Stahl E-Book

Silvia Avallone

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Beschreibung

Das Roman-Debüt des Sommers jetzt als E-Book Silvia Avallone schreibt die ergreifende Geschichte zweier italienischer Mädchen. Die beiden 13-jährigen Freundinnen Anna und Francesca heben sich durch ihre Schönheit und Lebenslust von der Tristesse des kleinen Küstenorts Piombino ab. Der Alltag dort ist geprägt von der Arbeit im nahe gelegenen Stahlwerk, von verkrusteten Lebensstrukturen und Frustration. Die Freundschaft der beiden Mädchen zerbricht, als die frühreife Anna eine Beziehung mit dem ehemaligen Kriminellen Mattia eingeht. Francesca, enttäuscht über den vermeintlichen Verrat durch die Freundin, gerät auf Abwege. »Ein Sommer aus Stahl« ist ein Roman über die großen Themen: Freundschaft, Liebe, Familie, Gewalt und Tod.

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Seitenzahl: 493

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Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Klett-Cotta

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Acciaio“ im Verlag Rizzoli, Mailand

© 2010 by RCS Libri S.p.A., Mailand

Für die deutsche Ausgabe

© 2011 by J. G. Cotta'sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Artwork unter folgender Motive: © Massimo Vitali / Gallery Stock und © LaCoppola & Meier / Corbis

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-93898-2

E-Book: ISBN 978-3-608-10172-0

Für Eleonora, Erica und Alba, meine besten Freundinnen

und für alle Stahlarbeiter

Die besten Dinge strahlen vor Angst.

Don De Lillio, Libra

Die Jugend ist ein Zustand des Möglichen.

ERSTER TEIL BUSENFREUNDINNEN

1

Die Gestalt in dem unscharfen Kreis des Glases bewegte sich kaum, ohne Kopf.

Ein Stück Haut, herangezoomt im Gegenlicht.

Dieser Körper hatte sich innerhalb des letzten Jahres allmählich verändert unter der Kleidung. Und jetzt, im Sommer, im Fernglas, explodierte er.

Das Auge glitt aus der Ferne über die Details: den Riemen des Bikiniunterteils, ein dünner Streifen Algen auf der Hüfte. Die angespannten Muskeln über dem Knie, die Wölbung der Wade, der Knöchel voller Sand. Wegen des anhaltenden Starrens durch das Fernglas wurde das Auge immer größer und geröteter.

Der jugendliche Körper sprang aus dem Blickfeld und stürzte sich ins Wasser.

Im nächsten Augenblick tauchte er im mitgewanderten und nachregulierten Fernglas wieder auf mit der ganzen Pracht seiner goldenen Mähne. Und so unbändig lachend, dass es dich auch aus dieser Entfernung allein durch den Anblick schüttelte. Und dazu die Grübchen auf den Wangen und die Mulde zwischen den Schulterblättern und die Einbuchtung des Bauchnabels und alles Übrige.

Sie spielte wie ein Mädchen ihres Alters und ahnte nicht, dass sie beobachtet wurde. Sie riss den Mund auf. Was sie wohl sagte? Und zu wem? Sie warf sich in eine Welle, und als sie wieder aus dem Wasser auftauchte, war ein Dreieck des Bikinioberteils verschoben. Auf der Schulter war ein Mückenstich zu erkennen. Die Pupille des Mannes verengte und weitete sich wie unter dem Einfluss von Rauschmitteln.

Enrico beobachtete seine Tochter, es war stärker als er. Er spionierte Francesca vom Balkon aus hinterher, nach dem Mittagessen, wenn er keine Schicht im Stahlwerk Lucchini hatte. Er verfolgte sie, betrachtete sie durch das Fernglas. Francesca strampelte mit ihrer Freundin Anna auf dem Badetuch, sie spielten Fangen, berührten sich, zogen sich an den Haaren, und er dort oben, reglos dastehend mit der Zigarre in der Hand, schwitzte. Er, der Riese, im pitschnassen Achselshirt, mit aufgerissenen Augen, auf dem Posten in der Wahnsinnshitze.

Er kontrollierte sie, wenigstens behauptete er das, seit sie mit älteren Jungs an den Strand ging, Typen, denen er nicht im Geringsten traute. Die rauchten und mit Sicherheit auch einen Joint nicht verachteten. Und wenn er seiner Frau von diesen asozialen Elementen erzählte, mit denen seine Tochter sich umgab, brüllte er wie ein Besessener. Sie kiffen, sie schnupfen Kokain, sie dealen, und sie wollen meine Tochter vögeln! Letzteres sprach er nicht ganz so direkt aus. Er schlug mit der Faust auf den Tisch oder gegen die Wand.

Doch vielleicht hatte er sich schon vorher angewöhnt, Francesca auszuspionieren, als der Körper seines kleinen Mädchens begonnen hatte, sich gleichsam zu schuppen, und nach und nach eine ganz neue Haut, einen besonderen Geruch bekommen hatte, neu und, vielleicht, sogar ein bisschen animalisch. Die kleine Francesca hatte einen Hintern und zwei vorwitzige Titten entwickelt. Das Becken hatte sich gebogen und eine Rutschbahn gebildet zwischen Oberkörper und Unterleib. Und er war der Vater.

In diesem Augenblick beobachtete er im Fernglas, wie seine Tochter herumtobte, sich mit ihrem ganzen Körper nach vorn warf, um einen Ball zu fangen. Ihr klatschnasses Haar klebte am Rücken, an den Hüften, an der salzglänzenden Haut.

Die Jugendlichen spielten Volleyball und bildeten einen Kreis um Francesca, die in ständiger Bewegung war in einem wilden Gekreische und Gespritze im niedrigen Wasser. Doch Enrico interessierte sich nicht für das Spiel. Enricos Gedanken kreisten um den Bikini seiner Tochter: Verdammt noch mal, man kann ja alles sehen. Solche Bikinis sollten verboten werden. Und wenn nur einer dieser Scheißkerle es wagen sollte, sie zu berühren, gehe ich mit einem Knüppel zum Strand.

»Was machst du denn da?«

Enrico drehte sich zu seiner Frau um, die ihn beobachtete, mit deprimiertem Gesichtsausdruck in der Küche stehend. Denn Rosa verlor allen Mut, alle Freude, wenn sie ihren Mann um drei Uhr nachmittags mit dem Fernglas in der Hand sah.

»Ich kontrolliere meine Tochter, wenn du erlaubst.«

Den Blick dieser Frau zu ertragen war selbst für ihn nicht immer leicht. Die Augen seiner Frau waren eine einzige Anklage.

Enrico runzelte die Stirn und murmelte: »Das scheint mir das mindeste …«

»Du machst dich lächerlich«, zischte sie.

Er sah Rosa an, wie man etwas ansieht, das einen einfach nur wütend macht.

»Du findest es lächerlich, wenn ich in der heutigen Zeit meine Tochter im Auge behalte? Siehst du denn nicht, mit was für Leuten sie an den Strand geht? Was sind das für Typen, hm?«

Wenn dieser Mann einen Tobsuchtsanfall bekam – was ziemlich häufig der Fall war –, wurde sein Gesicht puterrot, und die Halsschlagadern schwollen dermaßen an, dass man Angst bekommen konnte.

Mit zwanzig, bevor er sich einen Bart hatte wachsen lassen und all diese Kilos zugelegt hatte, hatte er keine solchen Wutanfälle bekommen. Er war ein gutaussehender junger Mann gewesen, der bei Lucchini arbeitete und seit frühester Kindheit seine Muskeln trainiert hatte, indem er die Erde gehackt hatte. Zuerst auf den Tomatenfeldern und dann in Kokereien hatte er sich zum Riesen entwickelt. Ein ganz gewöhnlicher Mann, der, einen Rucksack auf dem Rücken, vom Land in die Stadt gegangen war.

»Merkst du denn gar nicht, wie sie sich benimmt, in ihrem Alter … Und wie sie rumläuft, verdammte Scheiße!«

Dann hatte er sich mit den Jahren verändert. Tag für Tag, unmerklich. Dieser Riese, der nie aus der Val di Cornia herausgekommen war, der nie etwas anderes von Italien gesehen hatte, war innerlich vereist.

»Antworte! Siehst du nicht, wie deine Tochter rumläuft, verdammte Scheiße?«

Rosa beschränkte sich darauf, das Geschirrtuch, mit dem sie gerade die Teller abgetrocknet hatte, noch fester an sich zu pressen. Rosa war dreiunddreißig, ihre Hände waren voller Schwielen, und seit ihrer Hochzeit hatte sie sich gehenlassen. Die Schönheit eines Mädchens aus dem Süden war zwischen den Reinigungsmitteln auf den wenigen Quadratmetern Fußboden, die sie seit zehn Jahren täglich wischte, verwelkt.

Ihr Schweigen war schwer erträglich. Ein entschlossenes, offensives Schweigen.

»Was sind das für Kerle, hm? Kennst du sie?«

»Es sind anständige Jungs …«

»Ach, dann kennst du sie also! Und warum sagst du mir nichts? Weil mir in diesem Haus nie etwas gesagt wird! Aber mit dir spricht Francesca, oder? Ja, mit dir redet sie stundenlang …«

Rosa warf das Geschirrtuch auf den Tisch.

»Frag dich mal, warum sie nicht mit dir spricht«, schnaubte sie.

Doch er hörte schon nicht mehr zu.

»Mit mir redet man ja nicht! Mir sagt man ja nichts, verdammte Scheiße!«

Rosa beugte sich über die Schüssel mit dem schmutzigen Wasser. Einige ihrer Altersgenossinnen gingen im Sommer noch in die Disco. Sie war nie hingegangen.

»Was bin ich denn? Bescheuert? Hältst du mich für bescheuert? Sie läuft rum wie eine Hure. Ist das deine Erziehung? Bravo! Aber früher oder später werde ich …«

Sie nahm die Schüssel und leerte sie in den Ausguss auf dem Balkon, die Augen starr auf die schwarzen Klumpen in dem Strudel im Abfluss gerichtet. Nur zu gern hätte sie ihn krepieren, ihn sterbend zu Boden stürzen sehen.

»Ich schick euch zum Teufel, dich und sie! Wofür arbeite ich denn? Für dich? Für diese Hure?«

Hätte ihn mit dem Auto überfahren, auf dem Asphalt zu Brei zerquetscht, zu dem Wurm erniedrigt, der er war.

Auch Francesca würde das verstehen. Ihn umbringen. Hätte ich ihn nur nicht geliebt, hätte ich mir nur eine Arbeit gesucht, hätte ich ihn nur vor zehn Jahren verlassen.

Enrico drehte ihr den Rücken zu und lehnte seinen riesigen Körper über die Brüstung, in die Sonne, die um drei Uhr nachmittags schwer wie Stahl ist und alles niederwalzt. Der Strand auf der anderen Seite der Straße war ein Meer von Sonnenschirmen und hallte wider von Schreien. Eine einzige Fleischbank, dachte er. Und zündete den Stummel seiner Zigarre wieder an, die er zwischen den Fingern hielt. Dicken, roten, schwieligen Fingern. Den Fingern eines Arbeiters, der keine Handschuhe benutzt, selbst dann nicht, wenn er die Temperatur des Gusseisens messen muss.

Auf der einen Seite war das Meer, aufgewirbelt von Jugendlichen in der Gluthitze. Und auf der anderen die flachen Schnauzen der Mietskasernen. Mit runtergelassenen Rollläden die ganze menschenleere Straße entlang. Die Motorroller waren quer auf den Bürgersteigen geparkt, alle mit dem gleichen Aufkleber, auf dem stand: »France liebt dich.«

Das Meer und die Mietskasernen wirkten in der stechenden Junisonne wie das Leben und der Tod, die sich anbrüllten. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, die Via Stalingrado hatte für den Außenstehenden, der nicht dort lebte, etwas Trostloses. Schlimmer noch: Sie war ein Ort des Elends.

Einen Balkon weiter oben, im vierten Stock, beugte sich ein anderer Mann über das verrostete Geländer und blickte zum Strand.

Er und Enrico waren die beiden einzigen sichtbaren Menschen.

Die Sonne brannte erbarmungslos. Und der Putz bröckelte.

Der kleine Mann, der mit nacktem Oberkörper dastand, klappte in diesem Augenblick sein Handy zu. Ein Zwerg im Vergleich zu dem Riesen mit dem Fernglas aus dem dritten Stock. Während des gesamten Telefonats hatte er geschrien; nicht weil er wütend war, sondern weil er eigentlich immer schrie. Er hatte von Geld gesprochen, von astronomischen Summen, und hatte nicht einen Augenblick die lebhaften Äuglein vom Strand abgewandt, wo er etwas suchte, das er aus dieser Entfernung ohne Brille nicht finden konnte.

»Ich muss die Tage auch mal an den Strand gehen. Wer sollte mir das verbieten? Schließlich bin ich gefeuert worden«, sagte er kichernd zu sich selbst.

Ein Schrei drang aus der Wohnung. »Was?«

»Nichts«, erwiderte er, nachdem er sich daran erinnert hatte, eine Frau zu haben.

Sandra erschien auf dem Balkon mit einem ammoniakgetränkten Putzlumpen.

»Artù!«, schrie sie und wedelte mit dem Lumpen. »Was heißt das, bis du verrückt geworden?«

»Das was ein Scherz!«, sagte er mit einer entsprechenden Handbewegung.

»Hältst du solche Scherze für angebracht? Wo wir die Spülmaschine bezahlen müssen und die Raten für das Autoradio deines Sohnes … Eine Million, nur für ein Autoradio, und so einer glaubt, Witze machen zu müssen …«

Doch es war kein Witz. Er hatte sich im Stahlwerk beim Diebstahl von Dieselkanistern erwischen lassen.

»Los, mach Platz! Ich muss durchwischen.«

Seit er eingestellt worden war, hatte Arturo dem Signor Lucchini Diesel geklaut, einfach so, um vollzutanken und den Bauern welchen zu verkaufen. Drei Jahre lang hatte niemand etwas bemerkt. Und jetzt, verdammt …

»Ich sagte, mach Platz, der Boden hat es dringend nötig.«

Pfeifend gehorchte er und ging in die Küche. Er war ein fröhlicher und offenherziger kleiner Mann; er hatte einen Haufen Freunde. Er war gefeuert, er war bis über beide Ohren verschuldet, und er pfiff.

Er nahm eine Mispel aus dem Korb auf dem Tisch und biss traumverloren hinein. In Gedanken machte er unglaubliche Geschäfte ganz ohne Stress und mit höchsten Gewinnen.

»Du mit deinem Putzfimmel! Hör endlich auf damit.«

»Ach … und warum? Putzt du etwa?«

Arturo hatte in unregelmäßigen Abständen die Strapazen der Arbeit kennengelernt, die seine Frau genauestens registrierte, seit er sechzehn war, und die es ihnen beispielsweise erlaubt hatten, jeden Monat die Miete zu bezahlen und zwei Kinder großzuziehen. In chronologischer Reihenfolge war er gewesen: Taschendieb, Arbeiter bei Lucchini, bei Dalmine, bei Magona d’Italia und schließlich Vorarbeiter wieder bei Lucchini. Geboren in Procida, war er nach Piombino ausgewandert, um in der Fabrik zu arbeiten, eine neue Existenz: endlich legal und anständig. Diejenigen, die Mitglieder in der FIOM, der Federazione Impiegati Operai Metallurgici, waren, hielt er für arme Schweine. Es gab nur eine Gewissheit im Leben: Arbeiten macht müde.

»Anna? Ist sie am Strand?«

»Ja, mit Francesca.«

»Und Alessio?«

Ja: Morgen würde er im Poker gewinnen, und mit dem gewonnenen Geld würde er Geschäfte machen. Er spürte es. Wie heißt es so schön? Es ist Schicksal. Und Sandra würde er vom Gewinn einen Diamanten kaufen, einen … Wie heißt er? Einen De Beers … einen »für die Ewigkeit«.

»Ich glaube, er ist auch am Strand.«

»Ich muss ein ernstes Wörtchen mit deinem Sohn reden. Er will unbedingt einen Golf GT kaufen … Wozu braucht er einen Golf GT ?«

Sandra blickte vom bereits trockenen Boden auf und verharrte ein paar Augenblicke so – »Lass ihn doch reden, er hat sowieso nicht das Geld dafür« –, schwitzend im Licht.

Sie ging hinein und setzte sich an den Küchentisch. Aufmerksam betrachtete sie ihren Mann. Er hatte sich in all den Jahren nicht geändert. »Ab morgen …«, sagte er immer, und sie fiel jedes Mal von neuem darauf herein.

»Dein Sohn wählt die Forza Italia«, sagte Sandra mit einem gespielten Lächeln, »er will ein Angeberauto, aber auf soziale Gerechtigkeit pfeift er. Er will Eindruck machen, den starken Mann markieren … Doch du musst reden, du mit deiner Fünfzig-Millionen-Karre. Apropos, hast du die Kraftfahrzeugsteuer bezahlt?«

»Die Kraftfahrzeugsteuer?«

Das Lächeln verschwand augenblicklich von ihrem Gesicht: »Anstatt dir über die Finanzen deines Sohnes Sorgen zu machen, solltest du lieber dein eigenes Geld nicht verspielen.«

»Ach, geht das wieder los?« Arturo blähte die Backen auf und schnaubte wie ein Stier.

»Ja, du hast es erfasst.« Sandra sprang auf und begann mit den Armen zu kreisen in der Schwüle, die sich in der Küche staute. »Du brauchst gar nicht den Genervten zu spielen. Du verarschst mich nicht. Wo ist dein letzter Lohn geblieben?«

»Sandra!«

»Auf der Bank ist er jedenfalls nicht angekommen! Du hast ihn verspielt, gib es schon zu! Noch bevor er ihn auf die Bank gebracht hat, hat er ihn verspielt … Hier steht keineswegs ›die Friedliebende‹, weißt du!« Mit dem Zeigefinger tippte sie sich an ihre schweißnasse Stirn zwischen den aufgedrehten Locken und den schlecht gezupften Augenbrauen.

Arturo breitete die Arme aus. »Komm, gib mir einen Kuss …«

So machte er es immer, dieser Mann. Wenn er nicht mehr weiterwusste, spielte er den Zärtlichen.

Die beiden verschwanden im Innern der Wohnung.

Jetzt wurde auch der Rollladen der Eheleute Sorrentino heruntergelassen wie alle anderen im Haus (alle außer einem). Er wurde heruntergelassen, klemmte aber auf halber Höhe.

»Wann reparierst du endlich den Rollladen, Artù?«

Schweigen. Dann hörte man im Badezimmer das Wasser aus dem Wasserhahn strömen und das Geräusch einer Klinge auf dem Rand des Waschbeckens. Und Arturo begann zu singen. Sein Lieblingslied: Maracaibo, mare forza nove, fuggire sì ma dove? Zà-zà.

Im Juni gingen die alten Leute und die Kinder um drei Uhr nachmittags ins Bett. Draußen brachte das Licht alles zum Glühen. Die Hausfrauen und die Rentner im Azetatanzug, die den Hochofen überlebt hatten, ließen halb erstickt den Kopf vor dem Fernseher sinken.

Nach dem Mittagessen glich die Fassade dieser völlig identischen Mietskasernen, die in einer Reihe aneinanderklebten, der Wand mit den übereinandergestapelten Grabnischen auf einem Friedhof. Frauen mit geschwollenen Waden und Pobacken, die unter der Schürze wackelten, gingen in den Hof hinab und setzten sich im Schatten an Plastiktische. Sie spielten Karten. Sie wedelten wild mit ihren Fächern und sprachen meist über nichts.

Ihre Männer steckten, wenn sie nicht auf Arbeit waren, ihre Nasen nicht hinaus. Sie lümmelten mit nacktem Oberkörper schwitzend auf dem Sofa und zappten mit der Fernbedienung durch die Kanäle. Die Arschlöcher im Fernsehen interessierten sie nicht die Bohne. Sie hatten nur Augen für die jungen attraktiven Assistentinnen, die leicht bekleideten Mädchen, die das genaue Gegenteil ihrer Frauen waren. Nächstes Jahr werde ich mir eine Klimaanlage leisten, wenigstens im Wohnzimmer. Wenn sie mir morgen nicht die Zulage bezahlen, dann können sie was erleben, das schwör ich.

Arturo rasierte sich das Kinn und sang ein Lied aus seiner Kindheit, als im Zuge des sozialen Wohnungsbaus für die Arbeiter der Stahlfabriken die Mietskasernen gegenüber dem Strand errichtet worden waren. Auch die Metallarbeiter hatten nach den Vorstellungen des kommunistischen Gemeinderats ein Anrecht auf eine Wohnung mit Aussicht. Auf das Meer, nicht auf die Fabrik.

Nach vierzig Jahren hatte sich alles verändert: Preise in Euro, Bezahlfernsehen, satellitengesteuerte Navigationsgeräte, und die Democrazia Cristiana und die Partita Comunista d’Italia nicht mehr an der Macht. 2001 war das Leben völlig anders. Aber die Mietskasernen, die Fabrik und auch das Meer waren noch da.

Der Strand an der Via Stalingrado war um diese Zeit ein einziges Gedränge aus schreienden Kindern, Kühltaschen und übereinandergespannten Sonnenschirmen. Anna und Francesca nahmen Anlauf auf dem Sand und stürzten sich mit einem triumphierenden Geschrei, alles vollspritzend, ins Wasser. Um sie herum Scharen von Jugendlichen, die sich, alle Muskeln angespannt, einer Frisbeescheibe oder einem Tennisball entgegenwarfen.

Viele sagten, dieser Strand sei schrecklich, weil es kein Strandbad gebe, der Sand sich mit dem Rost und dem Abfall mische, die Abflüsse mitten hindurchführten und nur Verbrecher und die armen Teufel aus den Sozialwohnungen dorthin gingen.

Tonnenweise Algen, die die Gemeinde einfach nicht entfernen ließ.

Gegenüber, vier Kilometer entfernt, leuchteten die weißen Strände der Insel Elba wie ein unmögliches Paradies. Das unumschränkte Reich der Mailänder, der Deutschen, der Touristen mit Sonnenbrillen in schwarzen Porsche-Cayennes. Doch für die Jugendlichen, die in den Mietskasernen lebten, für die Kinder der Niemands, die in den Stahlfabriken Blut und Wasser schwitzten, war der Strand vor ihrer Wohnung das Paradies. Das Einzige wirklich echte.

Wenn die Sonne den Asphalt zum Schmelzen brachte, die Schwüle das Atmen unmöglich machte und der Auswurf aus den Schornsteinen von Lucchini sich über den Köpfen staute, gingen die aus der Via Stalingrado barfuß zum Strand. Sie brauchten nur die Straße zu überqueren, um sich bäuchlings ins Meer zu stürzen.

Niemand hatte Anna und Francesa je aus dem Wasser kommen sehen. Es war eindrucksvoll, ihnen zuzuschauen, wie sie nebeneinander bis zur letzten Boje schwammen. Eines Tages würden sie Elba erreichen – schwimmend, sagten sie – und nicht mehr zurückkommen.

Die Zwanzigjährigen versammelten sich, bevor sie ins Wasser gingen, in großen Kreisen in der Bar. Sie bewegten sich in Cliquen, und die Clique bildete sich gewöhnlich um ein ganz elementares Zentrum: die Hausnummer, den Grad der Gewalt der Erwerbstätigkeit, die Qualität der Rauschmittel und schließlich die Begeisterung für die Fußballmannschaft.

Sie hatten es nicht wie die Dreizehnjährigen eilig, sich ins Meer zu stürzen. Zuerst der Spritz und eine Pokerpartie. Sie hatten Brust- und Bauchmuskeln oder Schwabbelbäuche. Sie glichen olympischen Göttern. Und während ihre kleinen Brüder wegen eines frisierten Auspuffs oder wegen der Disco, in die sie nicht hineindurften, beinahe ausrasteten, spielten sie sich mit Stimme und Stiefeln als die Herren auf, in Boliden mit Spoilern, die an den Samstagabenden – mit offenen Fenstern und den Ellbogen draußen – beinahe hundertneunzig Stundenkilometer erreichten.

Auch die Mädchen ließen nichts anbrennen. Vor allem wenn ein toller Typ wie Alessio im Spiel war. Der Sommer war die richtige Jahreszeit, mit offenem Haar spazierte über den Laufsteg zwischen den Kabinen, wer es sich erlauben konnte, wer das entsprechende Alter und den entsprechenden Körper hatte. Liebe in der dunklen Kabine. Ohne weiter nachzudenken, ohne Präservativ, und wer schwanger und geheiratet wurde, hatte gewonnen.

»Bald ist es so weit«, flüsterten Francesca und Anna sich zu. Wenn ein großes Mädchen auf einem nagelneuen Motorroller zum Strand kam, schleuderten sie es in ihrer Phantasie vom Sitz und setzten sich selbst drauf. »Bald ist es so weit«, wenn die anderen Mädchen samstagabends mit Ohrringen aus kleinkarätigen Brillanten, Lipgloss und hohen Absätzen ausgingen und sie zu Hause zur voll aufgedrehten Stereoanlage Kleider anprobierten.

Die Welt musste erst noch kommen. Die Welt kommt mit vierzehn.

Sie stürzten sich gemeinsam in die Gischt der Wellen, wenn eine Fähre vorbeifuhr und die Haut des Meeres sich richtig kräuselte. Seit ein paar Jahren waren sie schon Gesprächsstoff, in der Bar, an den Tischen der älteren Jungs; es hieß, sie seien gar nicht so übel. Lass sie nur älter werden, dann wirst du schon sehen.

Anna und Francesca, dreizehn, beinahe vierzehn. Die Brünette und die Blonde. Dort unten, inmitten all dieser Jungs, dieser Augen, dieser Körper, die im Wasser ununterscheidbar wurden, stumme und begeisterte Körper. Sie spielten, den Ball zu klauen, genau dann, wenn ein Junge ihn ins Tor schießen wollte. Ein Tor aus zwei ins Badetuch getriebenen Holzpflöcken. Und anfeuernde Rufe für den Torschützen.

Sie liefen durch die Menge, drehten sich um, um sich anzusehen, nahmen sich bei der Hand. Sie wussten, dass sie die Natur auf ihrer Seite hatten, sie wussten, dass sie eine Macht war. Denn in bestimmten Kreisen kommt es für ein Mädchen nur darauf an, schön zu sein. Und wenn du von der Natur benachteiligt bist, dann hast du keine Zukunft. Wenn die Jungs nicht deinen Namen auf die Pfeiler im Hof schreiben und dir keine Briefchen unter der Tür durchschieben, dann bist du ein Niemand. Dann willst du mit dreizehn schon sterben.

Anna und Francesca lächelten nach links und nach rechts. Nino, der sie gern auf seinen Schultern trug, spürte ihr heißes Geschlecht in seinem Nacken. Und Massimo liebte es, sie zu kitzeln und zu beißen, bevor er sie ins Wasser schleuderte. Vor allen. Und sie ließen sich von jedem befummeln, ohne die geringsten Skrupel, ohne im Geringsten zu wissen, was sie da taten. Einfach so, die Welt griffbereit und zum Ergötzen derer, die zuschauten.

Aber sie waren nicht die Einzigen, die neue Erfahrungen mit ihrem Körper machten. Auch die von der Natur Benachteiligten, die Hässlichen wie Lisa, die sich in ihrem Handtuch versteckte, hätten sich nur zu gern vor allen auf ihrem Badetuch hin und her gewälzt und sich hemmungslos ins Wasser gestürzt.

Es hatte etwas Provozierendes, wenn Anna und Francesca mit verrutschtem Bikinioberteil über den Strand rannten und dabei mit Armen, lächelnden Gesichtern und Tennisbällen kollidierten. Und wer ihnen zuschaute, beneidete sie um diese Brüste, diesen Hintern, dieses schamlose Lächeln, das sagte: Ich existiere.

Der Sand im niedrigen Wasser mischte sich mit den Algen zu einer Art Fruchtfleisch. Die Blonde und die Brünette liefen im Wasser. Sie spürten die männlichen Blicke auf ihren Körpern. Genau das wollten sie, angeschaut werden. Einen präzisen Grund gab es nicht. Sie spielten, das war deutlich zu sehen, aber es war auch Ernst dabei.

Die Brünette und die Blonde. Sie beide, immer und nur sie beide. Wenn sie aus dem Wasser kamen, hielten sie sich an der Hand wie Verlobte. Und sie gingen zusammen auf die Toilette der Bar. Sie marschierten den Strand hinauf und hinunter, und wenn ihnen jemand ein Kompliment machte, dann drehte sich zuerst die eine und dann die andere um. Sie bedrängten dich mit ihrer Schönheit. Sie setzten sie offensiv ein. Und während Anna dich hin und wieder auch grüßte, wenn du von der Natur benachteiligt warst, würdigte Francesca niemanden eines Grußes oder eines Lächelns. Außer Anna.

Den Sommer 2001 kann niemand vergessen. Doch für Anna und Francesca war der Einsturz der Zwillingstürme im Grunde nur Teil des Orgasmus, den die Entdeckung ihres sich verändernden Körpers in ihnen auslöste.

Jetzt war nur ein einziger Rollladen noch oben. Nur ein einziger Mann stand schwitzend mit dem Fernglas in der Hand auf dem Balkon.

Enrico wurde nicht müde, den blonden Kopf seiner Tochter in den Wellen zu suchen, inmitten der Körper der anderen Jugendlichen, die Volleyball, Fußball, Tennis spielten. In diesem Gewirr aus Armen, Brüsten und Beinen isolierte er Francescas Oberkörper, stellte ihn scharf und beobachtete mit animalischer Alarmbereitschaft ihre Bewegungen im Meer.

Francescas Rücken, bedeckt von ihrem klatschnassen Haar. Das runde Gesäß: etwas, das man nicht betrachten sollte, das niemand betrachten sollte. Und doch betrachtete Enrico es, triefend vor Schweiß. Diesen schlanken, perfekten Körper, den seine Tochter entwickelt hatte, mir nichts, dir nichts, vor den Blicken aller.

2

Statt des Schutzhelms trug er eine glatte Kappe der Chicago Bulls mit zwei Nieten an den Seiten des Schirms.

Er hatte ihm soeben einen Faustschlag versetzt, diesem Arschloch. Er hatte extra die Träger seines T-Shirts runtergezogen, um seiner Rechten größere Freiheit zu verschaffen. Die Last, die am riesigen Seilzug des Laufkrans hing, baumelte in der Schwüle wie ein Pendel. Sein Bizeps war immer noch angespannt, wie sein ganzes schwarz verschmiertes Gesicht.

»Wiederhole, was du gesagt hast«, schrie Alessio über den Höllenlärm hinweg, »wiederhol es, du Arschloch!«

Das Jüngelchen betastete sein Gesicht an der Stelle, wo es getroffen worden war.

»Siehst du die hier?« Alessio schlug mit der Hand auf den rauen Rücken einer Pfanne von sechzehn Tonnen.

Das Jüngelchen war noch keine sechzehn.

»Was, hast du gesagt, macht meine Schwester?« Er spuckte aus. »Wenn du es noch einmal wagst … Siehst du die?« Und er deutete erneut auf die Pfanne. »Dann ertränke ich dich da drin.«

Tausendfünfhundertachtunddreißig Grad ist die Temperatur, bei der die Legierung schmilzt. Stahl existiert nicht in der Natur, es ist kein Element. Die Sekretion Tausender menschlicher Arme, Stromzähler, mechanischer Arme und manchmal des Fells einer Katze, die darin landet.

Der Junge senkte den Blick. Er war eben erst eingestellt worden, und auf seinem Kinn sprossen gerade mal zehn Haare. Erfreut über die Schlägerei, blickten sie ihn alle an, die Kollegen.

»Ich ertränke dich da drin«, wiederholte Alessio knurrend. Und zündete sich eine Zigarette an.

Ein alter Mann, einer aus der Wartungsabteilung, kletterte auf den Laufkran, um die Seile zu überprüfen, und beschimpfte Alessio, weil er die Pfanne hatte hängen lassen, ohne die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Ein anderer Mann blätterte den Maxim-Kalender um, der noch auf Mai stand. Anstelle der Dunkelhaarigen im Tanga mit enormen Titten, aufgenommen von hinten, erschien eine Blondine, die auf einem Motorrad saß.

Alessio zog sein schweißnasses Trägerhemd aus. Niemand, nicht einmal sein bester Freund, durfte es wagen, seine Schwester … Das Wort, das das Jüngelchen gesagt hatte, fiel ihm wieder ein. Er musste einen Batzen aus Spucke und Eisenfeilstaub hinunterschlucken, um ruhig zu bleiben.

Sie standen auf einer freien Fläche aus verbranntem Gras, einer Steppe zwischen dem Walzdraht und dem schwarzen Turm des vierten Hochofens. Alessio warf den Stummel auf die Erde und zertrat ihn sofort; um zwei Uhr nachmittags hätte alles Feuer gefangen. Er schaltete die Apparatur aus, die das System der Gewichte und Gegengewichte in dem zwölf Meter hohen und vierundzwanzig Meter breiten Laufkran steuerte. Ein ganzer Zoo: Mit Zinnen versehene Türme, Kräne aller Art ragten in den Himmel. Rostige Tiere mit gehörnten Köpfen.

»Hornochse!«, brüllte der Mann von der Wartung.

Alessio hatte die Seile plötzlich gestoppt und ihm fast einen Fuß abgetrennt.

Der dicke schwarze Schlamm aus geschmolzenem Metall kochte in den Pfannen, bauchigen Fässern, die auf Torpedowagen transportiert wurden. Tanks auf Rädern, die wie Urzeitgeschöpfe aussahen. Alessio machte Feierabend und goss eine Flasche Wasser über sich aus.

Das Metall war überall im Werden. Kontinuierliche Kaskaden glänzenden Stahls und Gusseisens und schmieriges Licht. Reißende Sturzbäche, Trichtermündungen geschmolzenen Metalls entlang der Dämme der Güsse und in den Ampullen in den Fässern, umgefüllt in die Verteiler und erneut umgegossen in die Formen der Öfen und Züge.

Wenn man nach oben schaute, sah man dichten Dampf, in den sich roboterhafte Geräusche mischten. Tag und Nacht wurde Materie verwandelt. Erze und Kohle kamen vom Meer her, machten in riesigen Handelsschiffen im Industriehafen fest: Kraftstoff, transportiert über hängende Bänder, Überführungen und Luftautobahnen, die endlose Kilometer von der Mole zur Kokerei und zum Hochofen zurücklegten. Man spürte, wie das Blut in einem wahnsinnigen Rhythmus durch die Adern kreiste, aus den Arterien in die Haargefäße, und die Muskeln anschwollen; man entwickelte sich zum Tier zurück.

Alessio war ein kleiner und lebendiger Teil in diesem maßlosen Organismus.

Er warf einen Blick auf die Kalenderblondine. Man hatte hier drin ein dauerndes Verlangen nach Ficken. Die Reaktion des menschlichen Körpers im titanischen Körper der Industrie, der keine Fabrik ist, sondern Materie, die ihre Form verändert.

Sie hat einen Namen und eine Formel: Fe26C6. Die künstliche Befruchtung geschieht in einem Reagenzglas, hoch wie ein Wolkenkratzer, der rostigen Urne von Afo 4, der Hunderte von Armen und Bäuchen hat und einen Dreispitz anstelle des Kopfes. Aber das reicht nicht. Es sind andere Bäuche nötig: die Konverter, die Walzwerke, Dutzende von heißen und schwindelerregenden Kesseln.

Er ging halbnackt zum Südausgang, der blonde Junge, der nach acht Stunden auf dem Laufkran noch zwei Stunden boxte und dienstags, freitags und samstags in die Disco ging. Er dachte an Anna, seine Schwester. Daran, wie sehr sie und ihre Freundin Francesca übertrieben: mit dem Lippenstift, dem durchsichtigen Badeanzug, den heimlichen Nachmittagen mit den Jungs … Es war angebracht, sie im Auge zu behalten oder, besser, im Zaum zu halten.

Er ging zu Fuß durch den Walzdrahtpark: Mauern aus Stahlrollen, im Vergleich zu denen er ein Zwerg war. Niemand draußen wusste es, aber drinnen gab es Bahnwärterhäuschen, Autowerkstätten, Plätze und Straßenkreuzungen. Alessio überquerte zwei Gleise, ohne auf die Torpedozüge zu achten, die jede Viertelstunde auftauchten. Er grüßte die Lastwagenfahrer, die in der Hitze in der Schlange standen, die Wagenfenster heruntergelassen und die Füße auf dem Armaturenbrett. Sie warteten darauf, die Barren, die Vorblöcke und die Knüppel aufzuladen. Sie wurden mit Fernlastern, die Elefanten glichen, in alle Städte Europas transportiert, mit dem leuchtenden Jesus Christus, grün oder pinkfarben, deutlich sichtbar auf der Zugmaschine.

Mit dem Fuß kickte er den Kadaver einer Maus aus dem Weg. Er erreichte die Nebenstraße, auf der Cristiano so gern Wettrennen mit den Caterpillars veranstaltete.

Er spürte ihn im Nacken, den schwarzen Turm von Afo 4, diese riesige Spinne, die verdaut, mischt und ausstößt. Er spürte, wie sie über seinem Kopf drohten, die halb zerstörten Schornsteine und die noch lebenden, feuerspeiend wie Drachen. Bläuliche Fluoreszenzen, giftige Wolken, die ausreichten, um nicht nur Val di Cornia, sondern die gesamte Toskana zu verpesten.

Er ließ das Herz hinter sich: den Gasometer, der, wenn er explodieren würde, ganz Piombino in die Luft fliegen lassen würde, die Gerippe der drei noch nicht demontierten Hochöfen und dort, ganz hinten, die Kokerei, wo man mit den Händen schippte wie im 19. Jahrhundert.

Es gab keinen Himmel. Es war wie in einer Voliere. Die violetten Flammen der Öfen, die Arme der Kräne, die Tonnen von Metall, die an Flaschenzügen hingen. Die endlose Reihe der Hallen, der Werkstätten, der Bunker. Die Schornsteine, die aktiven und die erloschenen. Über seinem Kopf prasselten pausenlos violette, rote und schwarze Flammen. Die Arme der Kräne drehten sich, gelb, grün, Tonnen von Metall wirbelten durch die Luft wie Vögel, gelbe Kohlenstoffwolken, schwarze aus den Öffnungen der Schornsteine. Das nennt man den ununterbrochenen vollständigen Zyklus.

Alessio zertrampelte Brennnesseln und Reste von Ofenstein. Das Metall sättigte das Gelände und seine Haut.

Weitere Lastwagen, weitere Fahrer trafen ein. Ein riesiger Wurm wartender Fernlaster, und wie üblich klappte irgendetwas nicht. Die Zeit zog sich, schmolz dahin. Sie schalteten die Motoren aus.

Wenn du die Lücken im System zählst, reichen die Finger und Zehen nicht aus.

Alessio ging zügig, legte in der glühenden Hitze der Parallelstadt schwitzend Kilometer um Kilometer zurück. Millionen von Kolben in den serienmäßig erregten Motoren – ja, Erregung und Serie – bewegten sich synchron in wirbelndem Rhythmus, der Grundbewegung der Maschine, die dem Leben gleicht. Manchmal musste man sich, um der Langeweile oder der Angst standzuhalten, in eine Ecke setzen und den Hosenschlitz aufknöpfen.

Alessio war nervös und dachte an seine Schwester, an den Golf GT. Wenn es etwas gab, das er wirklich nicht ertragen konnte, dann diese geifernden Versagertypen der Linken. DS, Rifonda, all diese kommunistischen Angeber: Wie sie sich aufspielten, wie sie mit großen Worten nur so um sich warfen. Bei den Wahlen am 13. Mai hatte er die Forza Italia gewählt. Er war fest überzeugt: Mit Worten richtet man nichts aus.

An den Straßenkreuzungen standen verdrehte Schilder. Die Arbeiter verdrehten sie mit Absicht, um die Lastwagenfahrer zu verarschen. Er hatte es auch einmal gemacht, mit Cristiano; sie hatten die Besucher zum Schienenpark statt zum Knüppelpark geschickt. Einer der zahlreichen Scherze des rostigen Vergnügungsparks, der jetzt halb demontiert war; vor dreißig Jahren hatten hier noch zwanzigtausend Personen gearbeitet, als der Markt expandierte und der Westen die Welt reproduzierte und exportierte.

Jetzt waren es nur noch zweitausend, einschließlich der Zulieferfirmen. Die Eigentümer lagerten in den Osten aus. Einige Bereiche der Fabrik wurden geschlossen, Schornsteine und Hallen wurden mit Trinitrotoluol gesprengt. Alles ging den Bach runter. Doch die Arbeiter der siebten Generation machten sich einen Spaß daraus, auf den Baggern wie auf Stieren zu reiten, mit kugeligen Transistorradios und einer Amphetaminpille unter der Zunge.

Man passte sich an. Und am besten passten sich die Katzen an. Es gab Hunderte in den Kellern unter der Kantine, alle krank, alle weiß und schwarz, da sie sich ständig untereinander kreuzten.

Alessio durchquerte die trostlosen Ebenen der letzten Hallen, am Ende der Produktionskette. Wenn du imstande warst, eine Schiene zu formen, lichtete sich der Raum; das Schilf und die Sümpfe begannen, und man konnte einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen.

Ich wähle diese Versager nicht, ich weigere mich. In der Bocciaanlage haben sie nichts zu suchen. Die Kommunisten sind Nieten.

Alessio stempelte aus, grüßte die verwelkte Frau in der Pforte und schlüpfte hinaus.

Draußen war das Meer.

Bei Schichtwechsel verteilte sich ein Schwarm von Arbeitern über den Parkplatz. Bevor er in den Wagen stieg, einen Peugeot mit zwei seitlichen Spoilern und einem hinten, blieb Alessio einen Augenblick stehen, um ihn zu betrachten. Den Hochofen. Nennt ihn ruhig bei seinem Namen: Afo 4. Verballhornt ihn zu Ufo, das manchen alle. Unbekanntes Objekt. Selbst wenn ringsum ein Weltkrieg wütet (was 1944 tatsächlich der Fall gewesen ist, als die Nazis die Fabrik besetzten), bleibt er da, unerschütterlich und fleißig. Und ein Lächeln nötigt er dir immer ab, vor Angst und vor Verblüffung. Und so lächelte auch Alessio, während er ihn betrachtete.

Sein langer, Kohle einsaugender Rüssel, die Hoden, in denen der Stahl kocht, die Dreispitzschnauze, das mächtige Gerippe einer gerade begonnenen brutalen Kathedrale. Der Beginn. So wie der rosige Körper seiner Schwester begann, Brüste und Hüften zu entwickeln und anziehend zu wirken. Der blonde Flaum in der Leistengegend, unter den Achseln. Der animalische Geruch, wenn sie vom Meer zurückkehrte und den Badeanzug auszog, um zu duschen.

Er konnte nicht glauben, dass Anna sich bereits mit Jungs in die Kabinen zurückzog.

3

Es war ein Spiel und doch kein Spiel.

In dem mit Zahnpasta bespritzen Spiegel über dem Waschbecken spiegeln sich die Blonde und die Brünette in ihrer frechsten Ausführung. Reglos und verzagt stehen sie da. Die Lippen zu einem nicht ernst gemeinten Schmollmund verzogen, das Haar offen. Auf der Waschmaschine eine tragbare Stereoanlage, aufgedreht bis zum Anschlag, aus der eine alte CD von Alessio aus den Neunzigern dröhnt.

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