Ein Staat für Palästina? - Sari Nusseibeh - E-Book

Ein Staat für Palästina? E-Book

Sari Nusseibeh

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Beschreibung

Abschied von der Zwei-Staaten-Lösung? Seit sechzig Jahren ist der Nahost-Konflikt ein Problem der Weltpolitik, das trotz zahlloser Lösungsvorschläge bis heute ungelöst ist – die aktuelle Situation scheint sogar verfahrener denn je. In einer solchen Situation, argumentiert Sari Nusseibeh, einer der bekanntesten palästinensischen Philosophen und seit Jahren aktiv in den Friedensprozess involviert, muss man über die eingefahrenen Muster hinausdenken. Um einen Raum zu öffnen, in dem der Frieden nicht nur denkbar ist, muss man sich die essentiellen Fragen neu stellen: Wie konnte es so weit kommen? Was zählt im Alltag der Menschen? Und wozu soll ein Staat überhaupt dienen? Sari Nusseibehs provokante Reflexion ist ein intellektuelles wie emotionales vermittelndes Plädoyer für eine humane Zivilgesellschaft in Nahost, für einen neuen Weg zum Frieden.

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Sari Nusseibeh

Ein Staat für Palästina?

Plädoyer für eine Zivilgesellschaftin Nahost

Aus dem Englischen von Katharina Försund Gabriele Gockel, Kollektiv Druck-Reif

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für Sarimir und die anderen, die noch folgen werden

Inhalt

Einführung: Ist die Idee eines Staats ein Sirenengesang?

1 Wie ist es zu alledem gekommen?

2 Was macht das Leben lebenswert?

3 Wozu sind Staaten gut?

4 Können Werte uns zusammenbringen?

5 Was hält die Zukunft für uns bereit?

6 Wer regiert die Welt, »wir« oder Verbrecher?

7 Wie können wir die Welt bewegen?

Nachwort

Epilog: Was sollte das Ziel der Bildung sein?

Anmerkungen

Dank

EinführungIst die Idee eines Staats ein Sirenengesang?

Politik ist für mich immer ein Mittel gewesen, kein Zweck. Ich sage das, weil ich im Lauf meines Lebens festgestellt habe, dass es sich bei vielen Menschen anders verhält. Schon bei den hitzigen politischen Debatten, die ich als Kind in meinem Elternhaus in Jerusalem mitbekam – Debatten mit Bekannten, Verwandten und Freunden –, und später als Erwachsener bei eigenen politischen Aktivitäten und Diskussionen wurde mir klar, dass es manchen Menschen schlicht und einfach gefällt, sich politisch zu engagieren, ganz unabhängig von den Zielen, in deren Namen sie dies angeblich tun.

Ich möchte strikt unterscheiden zwischen Politik als intellektueller (wissenschaftlicher) Betätigung und Politik als Brotberuf, als Politik der Straße oder als anhaltende Leidenschaft. Ich verstehe, ja bewundere sogar Politikwissenschaftler, jene Menschen, die die Quantengesetze des menschlichen Gruppenverhaltens zu entschlüsseln versuchen: warum Menschen so handeln, wie sie handeln, und wie sie wahrscheinlich in der Zukunft handeln werden. Doch abgesehen von solchen akademischen Fragestellungen drehen sich Diskussionen über ein drängendes politisches Problem oft im Kreis, statt zielgerichtet auf eine Lösung zuzusteuern; wenn Diskussionspartner einen in eine derartige Endlosschleife hineinziehen, kann man mit Fug und Recht den Schluss ziehen, dass sie mehr an der Debatte selbst als an der Lösung des Problems interessiert sind. Diese Haltung zeigte sich auch bei einem meiner palästinensischen Kollegen. Nachdem wir gemeinsam eine Basisbewegung angestoßen hatten, die die israelischen und palästinensischen Politiker zu Verhandlungen anregen sollte, schlug er vor, unsere Organisation nicht aufzulösen, da bestimmt neue Aufgaben auf uns zukämen – Aufgaben, die uns, wie er sagte, weiterhin aktiv am politischen Spiel teilhaben lassen würden. Sein Interesse galt zweifellos dem »Politisieren«, egal, worum es ging. Wer siegte oder welches Programm sich durchsetzte, war ihm weniger wichtig, als weiter mitspielen zu können.

Mein mangelndes Interesse am Politisieren (Politik als Spiel zu betreiben) erklärt wahrscheinlich auch mein mangelndes Interesse an einem eigenen palästinensischen Staat, sofern er nicht nur Mittel zum Zweck ist, um unser gemeinsames Wohl zu sichern oder den Zustand der Unterdrückung in einen Zustand der Freiheit zu transformieren. Ich denke, dass die Begeisterung mancher Menschen für einen palästinensischen Staat lediglich ihren Hang zum Politisieren widerspiegelt, anders gesagt, zum Verhandeln als Selbstzweck. So hatte ich gelegentlich den Verdacht, dass auch einige unserer Politiker (palästinensische wie israelische) die Verhandlungen, an denen sie beteiligt waren, als ein Spiel betrachteten, das sie so lange wie möglich zu spielen gedachten, und nicht als einen Schritt auf dem Weg zur Erfüllung der Aufgabe. Ich behaupte keineswegs, dass man die Menschen von Haus aus einteilen kann in diejenigen, die ihre Aufgaben erledigen, einerseits und die Spieler andererseits, und ich kann durchaus verstehen, dass man gerade dann zum besessenen Spieler wird, wenn man angesichts der tatsächlichen Folgen des eigenen Handelns desillusioniert ist. Vielmehr meine ich, dass wir in unserem Bestreben, etwas von Wert zu erreichen, oft in die Irre gehen, weil uns der süße Gesang von Sirenen, die uns auf unseren endlosen, verschlungenen Wegen begegnen, bezaubert und ablenkt – und dass manche dieser Sirenen vielleicht von den Insignien eines palästinensischen Staats singen.

In meinem ersten Jahr als Doktorand in Harvard, 1974, diskutierte Walid Khalidi, ein Veteran der palästinensisch-akademischen Diaspora und politischer Beobachter (und ein Freund meiner Familie, der einer intellektuell herausragenden Jerusalemer Familie angehörte), einmal mit Studenten über seinen damals brisanten Artikel »Thinking the Unthinkable«. Darin hatte er sich dafür ausgesprochen, einen palästinensischen Kleinstaat zu errichten im Gegenzug für die Anerkennung Israels durch die Palästinenser – also für das, was später als Zwei-Staaten-Lösung bezeichnet wurde. Solch ein Staat, so meinte er, werde den nationalen Interessen der Palästinenser eher gerecht als alle anderen denkbaren Lösungen (das heißt, er betrachtete den Staat nicht als Zweck an sich, sondern als Mittel, um etwas Wichtigeres zu erreichen, etwas, das einen höheren Wert hatte). Damals konnte ich diesen Vorschlag noch nicht richtig würdigen. Der Gedanke eines Staates hatte an und für sich keinen Reiz für mich. Vielleicht ein wenig naiv, hielt ich dem Professor entgegen, dass für uns keine Notwendigkeit bestehe, einen neuen Staat zu schaffen: Wir müssten lediglich die Gleichberechtigung als Bürger innerhalb Israels fordern.

Rückblickend erkenne oder vermute ich zumindest, dass Khalidi seinen Vorschlag vor dem Hintergrund der palästinensischen Diaspora machte, während ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, aus der Innenperspektive heraus argumentierte. Er hatte vor allem die gesamte aus ihrer Heimat vertriebene palästinensische Bevölkerung im Sinn (zu der auch er selbst und seine Familie gehörten), und für sie schien ihm die beste praktikable Lösung diejenige, die ihnen einen Staat auf einem Teil des Bodens ihrer alten Heimat bot, wenn sie schon nicht in ihre ursprünglichen Häuser zurückkehren konnten. Ich hingegen hatte eine ganz andere palästinensische Bevölkerungsgruppe im Kopf, die nämlich, die (wie ich) noch in der Heimat lebte, aber durch den Staat, der die Kontrolle darüber ausübte, mehr oder weniger entrechtet worden war. Er sah in erster Linie eine ihres Landes beraubte Bevölkerung, ich hingegen hatte eine ihrer Rechte im eigenen Land beraubte Bevölkerung im Blick. Für Khalidi war »wir« die palästinensische Diaspora. Für mich waren das meine Verwandten und Schulfreunde in Ostjerusalem sowie die anderen Palästinenser in Nazareth und Haifa, in Westjerusalem und anderswo, mit denen ich Bekanntschaft geschlossen hatte, nachdem Israels Eroberungen von 1967 die Wiederaufnahme von Kontakten zwischen Palästinensern beiderseits der sogenannten »grünen Linie« ermöglicht hatten.

Doch ganz unabhängig davon, was »wir« für mich bedeutete, es ging vor allem um den Frieden. 1977, in meinem letzten Jahr in Harvard, war ich von Anwar El-Sadats Besuch in Jerusalem völlig hingerissen, ungeachtet der Kernpunkte seines Friedensvertrags. Ich sah den ägyptischen Präsidenten genau so, wie er sich in seiner Rede vor der Knesset darstellte: als denjenigen, der wie ein Magier einfach eine Schranke durchbrochen hatte oder durch eine Mauer gegangen war. Die überwältigende Wirkung von Sadats Besuch ließ später nach, als offensichtlich wurde, dass er uns (jetzt meine ich alle: die Palästinenser, die arabische Welt insgesamt sowie all jene nah und fern, die sich ein wirkliches Ende des Kriegszustands in der Region wünschten) im Stich gelassen hatte. Doch die von Präsident Jimmy Carter protegierten Gespräche in Camp David im Jahr 1978 bewegten sich langsam auf einen ideologischen Punkt zu, wo Frieden ausschließlich eine wie auch immer geartete Zwei-Staaten-Lösung bedeuten konnte. Irgendwann, als ich aus Harvard zurückgekehrt war und anfing zu lehren, gelangte auch ich zu der Überzeugung, ein palästinensischer Staat auf einem Teilgebiet unserer einstigen Heimat werde unsere nationale Identität verkörpern und sei eine optimale Lösung oder der kleinste gemeinsame Nenner für uns alle. Dieser Staat würde Palästinensern, die in der Diaspora lebten, die Rückkehr in die Heimat ermöglichen, die Palästinenser im Westjordanland und in Gaza befreien und jenen in Israel die volle Gleichberechtigung mit ihren jüdischen Mitbürgern verschaffen. Doch dieser Glaube war nicht von Dauer. Zwar habe ich mich einen Großteil meines Lebens am Kampf meiner Landsleute um einen palästinensischen Staat beteiligt, doch angesichts des offensichtlichen Scheiterns dieses Projekts gewann ich – wie zu Beginn meiner politischen Entwicklung (und vielleicht genauso naiv) – jetzt erneut den Eindruck, dass wir nicht unbedingt einen eigenen oder sogenannten unabhängigen Staat brauchen.

Wozu wäre ein Staat überhaupt gut? Eine Zeit lang glaubte ich tatsächlich, ein eigener Staat sei für uns das einzige Mittel, alle denkbaren Rechte sowohl kollektiver als auch individueller Art zu erhalten. Angesichts der Tatsache, dass sich das israelische Militärgesetz äußerst restriktiv auf unsere Entwicklung auswirkte, sah ich für uns die einzige Chance, zu Wohlstand zu gelangen und unser natürliches Potenzial zu entfalten, in der Beseitigung dieser Einschränkungen – damit die Bauern ihre Felder bestellen konnten, ohne von Siedlern belästigt zu werden und ohne befürchten zu müssen, dass ihr Land beschlagnahmt und ihre Bäume und ihre Ernten zerstört wurden; damit Lehrer und Professoren auf der Grundlage ihrer wissenschaftlichen Qualifikation statt ihrer Geheimdienstakte eingestellt werden konnten; damit sich die Menschen frei bewegen und reisen konnten; damit Firmen gegründet werden, Dienstleistungen und Institutionen entstehen, Häuser und Bürogebäude gebaut werden konnten und so weiter. Und all das ausschließlich nach von den Palästinensern selbst aufgestellten Regeln und in ihrem Interesse. Ich glaubte, die einzige realistische Möglichkeit für die palästinensischen Flüchtlinge, ein normales Leben in Würde zu führen, bestünde darin, in diesen Staat zurückzukehren und ihn mitzugestalten. Und schließlich war ich auch überzeugt, dass die in Israel lebenden Palästinenser nur dann von den jüdischen Bürgern ohne Argwohn als echte Partner betrachtet würden, wenn ihre nationalen Ziele in einem eigenen Staat verwirklicht würden.

Damit wären wohl alle Gründe für meinen Wunsch nach einem Staat genannt. Es verlangte mich nicht tief in meinem Inneren danach, dem Staat, der mir all diese Freiheiten bieten würde, eine arabisch-palästinensische Flagge aufzupflanzen! Sicher, ich wollte eine Flagge und auch einen Pass – aber nur als Symbol meiner Freiheit und der meines Volkes, als Symbol unserer Erlösung, nicht als Wert an sich. Ein Wert an sich war und ist für mich die Erlösung meines Volkes aus der albtraumartigen Situation, in der es seit der Nakba von 1948 lebt – seit der Vertreibung von sieben- bis achthunderttausend Palästinensern aus ihren Häusern und aus ihrer Heimat; damals, so empfinden es viele, geriet unser natürlicher Geschichtsverlauf aus dem Gleis und wir wurden in eine dunkle, todbringende Schlucht gestürzt. Eine solche Erlösung wäre eine Vorbedingung für das individuelle wie kollektive Wohl und damit für den Frieden.

In der Kampagne People’s Voice, die Oberst a. D. Ami Ayalon und ich Jahre später ins Leben riefen – eine Volksabstimmung über eine Vision für einen endgültigen Staat, in der eine Zwei-Staaten-Lösung umrissen wurde –, war ein zentraler Punkt, dass der palästinensische Staat entmilitarisiert sein sollte. Aber die entsprechende Klausel störte einige meiner Landsleute: Auch wenn sie keine Armee mit allem Drum und Dran wollten, so doch wenigstens ein militärisches Vorzeigeobjekt, eine Paradeeinheit. Ich weiß noch, dass auch Jassir Arafat eine Armee als notwendigen Bestandteil eines Staates betrachtete. Nicht etwa, weil die Leute glaubten, eine palästinensische Armee würde – oder könnte – tatsächlich einem militärischen Zweck dienen, sondern weil das Militär zu den Statussymbolen einer Nation gehört, die in den Augen der Menschen einen Wert haben. Ein weiteres Symbol könnte etwa eine staatliche Fluggesellschaft sein, die unter palästinensischer Flagge die ganze Welt anfliegt. Oder eine palästinensische Währung, hinter der zwar keine unabhängige Wirtschaft stünde, die aber sehr wohl mit einem Nationalsymbol versehen wäre.

Derartige Statussymbole mögen manche für notwendig oder bedeutend halten und deshalb werden sie vielleicht tatsächlich unabdingbar. Ich selbst allerdings habe sie immer nur als verzichtbares Beiwerk betrachtet. Vielleicht dienen sie (wie auch gerade jene politischen Strukturen, deren Bestandteil sie dann sind) auch als Ablenkung von der elementaren Frage, welchen Sinn ein Staat hat. Angesichts dessen, was ich von einem Staat erwartete, angesichts auch des in der Region bestehenden militärischen (Un-)Gleichgewichts schien mir eine palästinensische Armee, egal, mit wie vielen Panzern und Gewehren sie ausgerüstet sein mochte, vollkommen nutzlos, ob als Instrument der Verteidigung gegenüber Nachbarstaaten oder als Mittel des Angriffs gegen sie, und ich sah darin reine Geld- und Kraftverschwendung. Wozu dann überhaupt eine Armee? Warum nicht das Geld für etwas verwenden, das den tatsächlichen Aufgaben eines Staates entspricht, wie etwa das Gesundheitswesen und die Bildung oder allgemeiner das Wohlergehen und ein würdiges Leben der Menschen? Daher war für mich die Klausel im Prinzipienpapier von People’s Voice, nach der der palästinensische Staat entmilitarisiert sein sollte, weitaus mehr Ausdruck palästinensischer Interessen als ein Eingehen auf eine israelische »Sicherheitsforderung«.

Doch während ich mich damals mit der Idee eines Staates anfreundete, weil er mir als das einzige praktikable Mittel für mein Volk erschien, Frieden zu erreichen und von seinem Elend erlöst zu werden, hat mich seither die Schrumpfung der für einen solchen Staat verfügbaren Landfläche durch israelische Enteignungen und Siedlungen langsam wieder zu meiner ursprünglichen Haltung zurückgeführt. Nach fast einem halben Jahrhundert israelischer Herrschaft hat der Begriff »Besatzung«, der eine bevorstehende Rückkehr zum Status quo ante impliziert, keine reale politische oder rechtliche Bedeutung mehr. Da der Staat, wie wir ihn konzipiert haben, nicht mehr praktikabel oder realistisch ist, warum dann noch an ihm oder am Begriff der Besatzung festhalten – vor allem angesichts dessen, dass ich nicht dem Reiz äußerlicher Symbole oder dem Gesang der Sirenen erlegen bin? Noch einmal: Wozu ist ein Staat gut?

Die naheliegendste Antwort auf letztere Frage ist eine weitere Frage: Welche Möglichkeiten gibt es sonst noch? Aus Gründen, die auf der Hand liegen und die ich hier nicht wiederholen möchte, ist die vollständige Kapitulation – ein Massenexodus aus dem Land – keine Option. Andererseits ist ungewiss, ob es rasch oder unmittelbar zu einer Ein-Staaten-Lösung mit Juden und Arabern als gleichberechtigten Partnern und mit einer demokratischen, säkularen Verfassung kommt, wenn man nichts unternimmt. Was also können wir tun, oder besser, auf was sollten wir uns einstellen? Auf diese Frage wünsche ich mir eine Antwort, die die gegenwärtige Realität berücksichtigt – eine von Israel diktierte Realität. Natürlich können wir uns eine andere Wirklichkeit vorstellen, in der wir andere logisch denkbare Lösungen vorschlagen könnten, etwa einen binationalen, demokratischen Staat, eine Föderation oder eine Konföderation von Stadt- oder Regionalstaaten. Da wir jedoch einer sturen Besatzungsmacht gegenüberstehen, die keiner solchen Lösung zugänglich ist, müssen wir uns vielleicht Vorschläge einfallen lassen, die wie eine Schocktherapie wirken und den Israelis die Unmenschlichkeit der fortgesetzten Besatzung bewusst machen oder zumindest zu vorübergehenden Maßnahmen führen, die die schlimmen Auswirkungen der Okkupation auf unser Alltagsleben so weit wie möglich abmildern.

In den letzten Monaten haben israelische Politiker, darunter auch Premierminister Benjamin Netanjahu, erklärt, dass Israel ein jüdischer Staat sei und bleiben solle, der als solcher von der arabischen Welt anerkannt werden wolle. Manche Regierungsvertreter – etwa Außenminister Avigdor Lieberman – haben sogar vorgeschlagen, zum Schutz des Jüdischen die israelischen Grenzen zurückzuverlagern, um Gebiete mit hoher arabischer Bevölkerungsdichte auszuschließen. Auch ein Großteil der israelischen Öffentlichkeit wünscht ein jüdisches Israel. In puncto Demokratie hingegen scheiden sich die Geister: Viele rechte Politiker vertreten die Ansicht, dass man auf sie verzichten könne und solle, wenn der Eindruck entstünde, dass sie den jüdischen Charakter des Staates gefährde. Andere, insbesondere der ehemalige Verteidigungsminister Mosche Arens, sind der Meinung, abgesehen von Gaza und seiner Bevölkerung könne Israel auch dann jüdisch bleiben, wenn es den im Westjordanland und in Ostjerusalem lebenden Palästinensern die Bürgerrechte gewähre. (Übrigens muss ich sagen, dass mich diese Äußerung amüsiert, kam sie doch aus dem Munde des Mannes, der 1991 als israelischer Verteidigungsminister den Befehl zu meiner Verhaftung als angeblicher irakischer Spion und Gefahr für »die Sicherheit des Landes und das physische und geistige Wohlergehen seiner Bürger« unterschrieb.)

Dies ist womöglich das kontroverseste Thema, das Israel in naher Zukunft beschäftigen wird. Doch da die Israelis 2009 eine rechte Regierung wählten und Arens’ Sicht weder die Rechte noch die Linke Israels überzeugte – letztere beharrt auf zwei Staaten und verwirft die »rechte Ein-Staaten-Lösung« als schöngefärbtes Apartheidssystem –, wird sich die gegenwärtige düstere Wirklichkeit nicht ändern: Israelis und Palästinenser werden weiterhin als eingeschworene Feinde unter demselben »Dach« leben, eingeengt in einem geografischen Raum mit begrenzten natürlichen Ressourcen – ein stets von Angst getriebener Unterdrücker und Unterdrückte, die unaufhörlich um ihre Freiheit ringen.

Welche Vision können Palästinenser oder die im Übrigen nicht besonders starke Völkergemeinschaft unter diesen Umständen anbieten? Wenn weder zwei Staaten noch ein einziger säkularer und demokratischer Staat in absehbarer Zukunft realistisch sind, können wir dann andere Wege aus der gegenwärtigen Sackgasse finden und gleichzeitig beide Optionen offenhalten? Als Gedankenexperiment möchte ich eine Maßnahme vorschlagen, die so anstößig ist, dass sie zu ihrer eigenen Aufhebung führen könnte, entweder weil alle Parteien die Notwendigkeit sehen, eine tragfähige Alternative zu finden, oder weil sie, falls tatsächlich durchgeführt, ein natürlicher Schritt zu einem gemeinsamen demokratischen Staat wäre.

In diesem Sinne und als eine Möglichkeit, über den scheinbar nicht überwindbaren Status quo hinauszugelangen, schlage ich vor, dass Israel die besetzten Gebiete offiziell annektiert, die Palästinenser in dem so vergrößerten Israel akzeptieren, dass dieser Staat jüdisch bleibt und sie im Gegenzug sämtliche bürgerlichen, wenn auch nicht politischen Rechte erhalten. Damit wäre der Staat jüdisch, das Land hingegen wirklich binational, und es würde für das Wohl aller Araber in diesem Land gesorgt. Angesichts der Forderung Israels, als jüdischer Staat anerkannt zu werden, und solange es sich weigert, den Palästinensern die Staatsbürgerschaft zu gewähren, sind die vollen Bürgerrechte, wenn auch ohne aktives und passives Wahlrecht, deren beste Option – sie könnten dann die bürgerlichen Vorteile der de facto Ein-Staaten-Lösung genießen, ohne beschuldigt zu werden, die Jüdischkeit des Staates zu verwässern oder zu »besudeln«. Auf jeden Fall würde es ihnen unter solchen Bedingungen weitaus besser gehen als in den über vierzig Jahren Okkupation oder in einem anderen denkbaren Szenario: der israelischen Hegemonie über verstreute, »autonome« palästinensische Enklaven. (Übrigens forderten palästinensische Flüchtlinge im Libanon kürzlich nach vielen Jahren in diesem Land ebenfalls die bürgerlichen im Unterschied zu den politischen Rechten. Aber ihre Situation ist nicht dieselbe wie die der Palästinenser in Israel. Die Libanesen zögern, den Palästinensern politische Rechte zu gewähren, doch diese wollen solche Rechte im Libanon sowieso nicht, weil sie der Ansicht sind, der Ort, an dem sie solche Rechte haben sollten, sei ihr Heimatland Palästina.)

Die Angelegenheit hat aber noch einen anderen Aspekt: Palästinenser wie Israelis müssen wirklich darüber nachdenken, welchen Sinn und Zweck Staaten haben. Nützlichkeitserwägungen – der Staat als Mittel zur Steigerung des Wohlergehens der Menschen statt zur Erfüllung chauvinistischer oder religiöser Imperative – müssen in ihrem politischen Bewusstsein in den Vordergrund treten. Die Reflexion über die Nützlichkeit des Staates, die meinem Vorschlag zugrunde liegt, könnte verhindern, dass sie solche Überlegungen von vornherein ablehnen. Letztlich ist es Aufgabe eines Staates, den Menschen zu dienen, nicht, über sie zu herrschen. Wenn die internationale Gemeinschaft weiterhin nicht bereit ist, Israels anhaltende Herrschaft über die Palästinenser und die Inbesitznahme von Land, auf dem ursprünglich ein palästinensischer Staat errichtet werden sollte, infrage zu stellen, dann könnte sie zumindest darauf bestehen, dass Israel überall auf »seinen« Territorien, wie immer sie in seinen Besitz gelangt sein mögen, den Palästinensern die vollen Bürgerrechte gewährt und ihre Menschenrechte achtet. Diejenigen Palästinenser, für die ein eigener Staat einen Wert an sich darstellt, mögen sich gegen den Gedanken sperren, gewisse Rechte ohne volle Staatsbürgerschaft zu akzeptieren, auch wenn es sich dabei bloß um eine Interimslösung handelt. Dasselbe mag auch für jene jüdischen Israelis gelten, für die der Staat einen Wert an sich darstellt, sowie für diejenigen, die ihm einen Wert als notwendiges Mittel auf dem Weg zu einem Ort beimessen, wo das jüdische Volk in Sicherheit leben kann, und schließlich auch für alle, die glauben, der jüdische Staat sei Teil eines größeren göttlichen Plans. Wir Palästinenser betrachten einen nationalen palästinensischen Staat nicht als Teil eines göttlichen Plans. Wir hegen in erster Linie, ganz pragmatisch, die Sehnsucht, in unserem Heimatland ein normales Leben zu führen. Rein zweckmäßig gedacht stellt sich daher die Frage, wozu wir einen eigenen Staat benötigten, wenn uns alle bürgerlichen Rechte gewährt würden, die unabdingbar sind, um ein solches Leben zu führen – wenn uns, mit anderen Worten, der Staat Israel, unterstützt durch Garantien der internationalen Gemeinschaft, ein Wohlergehen ermöglichte, das sonst nur in einem eigenen Nationalstaat zu verwirklichen wäre. Gewiss, unter diesen Umständen wären wir von allen Rechten und Funktionen ausgeschlossen, die mit dem Staat in direktem Zusammenhang stehen, etwa vom aktiven und passiven Wahlrecht für die Knesset oder andere Ämter, vom Militärdienst oder Positionen in der Regierung. Doch auch ohne solche Privilegien würden wir in diesem Szenario weit besser leben als unter anhaltender Besatzung oder in Homelands unter israelischer Oberhoheit. Und wozu würden wir – ob unter diesen Bedingungen oder in einem strategischeren Sinne – diese Rechte und Funktionen überhaupt benötigen? Warum sollten wir Dienstleistungen (im Sicherheitsbereich, in der Wirtschaft und so weiter) übernehmen wollen, für die der Staat zuständig ist? Zweifellos ist es doch viel besser, es andere für uns tun zu lassen – insbesondere, wenn sie darauf brennen.

Darauf brennen. Das klingt wie ein makabres Spiel mit Worten. Doch in der Zeit nach 2000, als der palästinensische Widerstand gegen die Besatzung, die politische Unzufriedenheit oder einfach nur Frustration und Zorn über das Leben an sich in Selbstmordattentaten seinen Ausdruck fand, die fast schon Alltag wurden, begann ich mich zu fragen, was der Staat, für den wir kämpften, eigentlich wert war. Wie viele Tote kann eine Gruppe hinnehmen, wie viel kann sie selbst morden, bis all das Leiden und die Verluste an Menschenleben schwerer wiegen als die Werte, um deretwillen man tötet – bevor die Situation zu einer absurden Tragödie wird?

Ich dachte und denke dabei nicht nur an die Verluste bei einmaligen schrecklichen Ereignissen wie den palästinensischen Selbstmordattentaten inmitten von Zivilistengruppen in Tel Aviv oder Haifa oder bei der massiven, grausamen Invasion und Bombardierung Gazas durch die Israelis, Ereignissen also, von denen man stets hofft, sie kein weiteres Mal erleben zu müssen. Wenn ich an blutige Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Juden denke wie etwa die im Oktober 2009 bei der Al-Aksa-Moschee in jenem Teil der Jerusalemer Altstadt, der 1967 von Israel besetzt wurde, fürchte ich mich vor den Folgen einer möglichen zunehmenden Radikalisierung in der Zukunft. Und ich frage mich: Ist die Gewalt an den angeblich heiligen Stätten oder in deren Namen – ob bei dem Versuch, die Kontrolle darüber zu erlangen, oder im Zuge der Verteidigung gegen eine Übernahme – das vergossene Blut in irgendeiner Weise wert? Das ist ein besonders dunkles Kapitel, weil ich, wie sehr ich mich auch bemühe, nicht sehe, dass derartige Ereignisse zu einer unwiederholbaren Vergangenheit verblassen. Ganz im Gegenteil, ich sehe mich gezwungen, von ihnen auf eine Zukunft zu schließen, in der alles rundherum zusammenstürzt und jeden unter sich begräbt.

Wenn ich an jenen physischen Ort in Jerusalem denke, der von Muslimen, Juden und Christen so sehr verehrt wird, frage ich mich, was mehr zählt: die Geschichte oder die Lehren, die wir aus ihr ziehen können. Mit anderen Worten, es stellt sich mir die Frage, ob es, im moralischen Sinne oder von der Perspektive Gottes her betrachtet, wirklich eine Rolle spielt, welchen seiner Söhne, Ismael oder Isaak, der Patriarch Abraham zu opfern bereit war und wo er dieses Opfer bringen wollte.

Daher dieses Buch. Es ist keine wissenschaftliche Studie. Vielmehr besteht es aus einer Reihe von Überlegungen, die im Lauf meines lebenslangen Engagements in einem scheinbar unlösbaren menschlichen Konflikt bei mir aufgekommen sind, einem Konflikt, in dem ich als in Jerusalem lebender Palästinenser gleichermaßen Opfer und Akteur bin. In den Kapitelüberschriften stelle ich Fragen, die mich in den letzten Jahren stark beschäftigt haben, und versuche, mir und dem Leser die Verästelungen dieser Fragen klarzumachen. Ich beginne mit der scheinbar simplen Frage, wie es zu dem gegenwärtigen Konflikt kam oder wie wir in dieses Fiasko geraten sind. (»Scheinbar« einfach deshalb, weil die Geschichte als eine kausale Folge von Ereignissen weitaus unklarer und undurchsichtiger ist, als wir oftmals meinen – selbst wenn sämtliche offiziellen Dokumente freigegeben und analysiert sind.) In den späteren Kapiteln widme ich mich den drängenden Fragen der Gegenwart: der Spannung, die entsteht, wenn historisch motiviertes Handeln in einen krassen Widerspruch zu menschlichen Werten gerät wie beispielsweise bei der Vertreibung der arabischen Bewohner Palästinas. Der Bedeutung von Staatsbürgerschaft, Identität und was es heißt, einen Staat zu haben oder zu einem Staat zu gehören – zum Beispiel, wie es sein kann, dass die Palästinenser Staatsbürger Israels und zugleich Feinde der Nation sind. Was es bedeutet, sich als einer Partei, einer Nationalität, einer Gemeinschaft oder einer Gruppe zugehörig zu definieren – ob es etwa für jemanden, der sich als Aktivist der Hamas begreift, vorstellbar ist, sich mit jemandem, der sich als Zionist begreift, auszusöhnen und umgekehrt. Zu welchem Resultat die gegenwärtige Situation – mit oder ohne erfolgreiche Verhandlungen oder politische Interventionen – am Ende führen könnte, zum Beispiel, ob wir damit rechnen können, dass der gegenwärtige Zustand andauert. Was darüber entscheidet, wie wir (Menschen) handeln und verhandeln, beispielsweise, wie rational wir wirklich sind. Und schließlich, ob am Ende unseres langen Tunnels ein Licht sichtbar ist und was wir tun könnten, um uns diesem Licht zu nähern – eine Frage, die damit zu tun hat, welche Rolle Visionen und Glauben im Geschichtsverlauf spielen.

Da ich mich entschieden habe, mein Leben der Bildung zu widmen, und weil ich am Aufbau der Al-Quds-Universität in Jerusalem auf administrativer Ebene beteiligt war, möchte ich hier außerdem die Gelegenheit ergreifen, zu reflektieren, welches Ziel Bildung haben sollte und welche Bedeutung sie für die nächste Generation von Palästinensern haben könnte. Ich habe Bildung selbst immer als einen Akt der Befreiung sowohl des Einzelnen als auch – unter den Bedingungen unserer Unterdrückung – des Volkes als Ganzem gesehen. Unter Bedingungen wie denen, unter denen wir Palästinenser leben, sehe ich im studentischen Teil der Bevölkerung die stärkste Kraft für politische Veränderungen – sei es angesichts der Unterdrückung durch eine andere Nation oder der Repression durch eine hausgemachte autoritäre Autokratie. Für mich geht es bei der Bildung deshalb mehr um Autonomie als um die Vorbereitung auf einen Beruf. Aber ist das auch der Grund, warum junge Leute auf die Universität gehen, und kann ein Teil des »Establishments« jemals wirklich die Saat säen, deren Frucht die eigene Ersetzung ist? Alles in allem geht es mir in diesem Buch mehr darum, Fragen zu formulieren, als Antworten zu liefern.

1 Wie ist es zu alledem gekommen?

Es ist nahezu unmöglich, die kausale Abfolge historischer Geschehnisse – was bei einem historischen Ereignis »wirklich geschah«, wie ein Ereignis mit einem anderen verknüpft ist oder wie eines zum anderen geführt hat – zu verstehen oder zu erklären. Deshalb beschränke ich mich in diesem Kapitel darauf, altbekannte und auf der Hand liegende Fakten der Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts wiederzugeben, um auf diese Weise Lesern, die mit der Geschichte unserer Region nicht vertraut sind, wichtige Ereignisse nahezubringen, die zu der gegenwärtigen ausweglosen Situation geführt haben, in der alle Türen zum Frieden verschlossen scheinen.

Sofern es überhaupt möglich ist, einen Anfang zu benennen, so wurde die Saat des aktuellen Konflikts wohl am Ende des Ersten Weltkriegs gesät, als die siegreichen europäischen Alliierten das Osmanische Reich aufteilten. Einige der bis dahin unter osmanischer Herrschaft stehenden arabischen Territorien wurden jetzt zu eigenständigen Nationalstaaten. Dies gilt nicht für Palästina, dessen von Großbritannien und Frankreich definierte Grenzen das Land diesseits und jenseits des Jordan umfasste. 1922 bewilligte der Völkerbund Großbritanniens Antrag auf ein »Mandat« über diese Region. Im Zuge der Abkommen, die die Alliierten nach dem Krieg mit lokalen arabischen Herrschern schlossen, trat Großbritannien seine Herrschaft über das Ostjordanland alsbald an den in Mekka ansässigen Haschemiten-Clan ab, der das Königreich Transjordanien errichtete. Der Teil westlich des Jordans, der weiterhin direkter britischer Herrschaft unterstand und als Mandat Palästina bezeichnet wurde, ist von jener Zeit an bis zum heutigen Tag eine Krisenregion gewesen.

Das britische Mandat Palästina hatte den meisten Berichten zufolge eine arabische Einwohnerschaft von fast einer halben Million Menschen.[1] Wie überall in der arabischen Welt lebten seit Jahrhunderten auch dort etliche Juden unter wechselnden islamischen Kalifaten.[2] Bis zum Zusammenbruch des osmanischen Kalifats und mit Ausnahme der Kreuzfahrerzeit (1095 – 1291 christlicher Zeitrechnung), als Jerusalem von Kreuzrittern überfallen und beherrscht wurde, hatte sich die Region seit 638 christlicher Zeitrechnung unter muslimischer Herrschaft befunden.

Während dieser Jahrhunderte bestand im Nahen Osten ein buntes Mosaik ethnischer Gruppen und religiöser Gemeinschaften: Griechen, Italiener, Türken, Armenier, Syrer, ägyptische Kopten, Marokkaner, Perser und andere integrierten sich in die Region und wurden dort heimisch. Außerdem gab es in Jerusalem seit Langem eine Gemeinschaft indigener Christen, deren Abstammungslinie in die Frühzeit ihrer Religion zurückging und die kulturell, sprachlich und politisch gesehen »Araber« geworden waren, noch bevor der Islam Einzug gehalten hatte.[3] All diese Gruppen in ihrer großen Vielfalt prägten die Region durch ihre jeweilige Geschichte; ihre Verwurzelung hier lässt sich ebenso wenig leugnen oder ignorieren wie ihre Beiträge auf kulturellem Gebiet. Zudem waren sie nicht wie heute auf verschiedene Staaten verteilt, sondern auf die nicht durch Grenzen voneinander getrennten Herrschaftsgebiete des Kalifats; um von einer dieser Regionen in eine andere reisen oder übersiedeln zu können, waren weder Pässe noch Visa oder Nationalitätsnachweise vonnöten (auch wenn Reisende vielleicht mit anderen, schwerwiegenderen Problemen zu kämpfen hatten). Höchstwahrscheinlich waren die Bevölkerungen dieser Regionen – ob unter dem Kalifat, unter seinem Vorläufer, dem Byzantinischen (sogenannten Oströmischen) Reich oder auch in der noch weiter zurückliegenden Zeit König Davids und sogar davor – insgesamt gesehen so in demselben übergreifenden geopolitischen Raum verbreitet.[4] Das sollte sich ändern, als die Briten die Herrschaft übernahmen.

1917 veröffentlichte der britische Außenminister, Lord Balfour, seine berühmte Balfour-Deklaration, in der in Aussicht gestellt wurde, in Palästina eine Heimstätte für das jüdische Volk zu schaffen. Zur damaligen Zeit lebten in der Region nur wenige Zehntausende Juden, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung seit Ende des 19. Jahrhunderts durch Zuwanderung aus europäischen Ländern angewachsen war. Die jüdische Immigration wurde einerseits durch die aufkommenden antisemitischen Strömungen in Europa begünstigt, andererseits durch die neu aufkeimende Ideologie des Zionismus: der Bewegung zur Schaffung eines jüdischen Nationalstaats.[5] Ein weiterer Faktor, der zur Immigration beitrug, war die Politik der Briten selbst, die zeitweise keine Juden nach Großbritannien einreisen ließen, aber einer gewissen Zahl von ihnen gestatteten, sich im britischen Mandatsgebiet Palästina niederzulassen.

Die Palästinenser (insbesondere die arabische Bevölkerung, Muslime wie Christen, die im britischen Mandat Palästina lebte) protestierten umgehend gegen die Balfour-Deklaration. Schon seit der Zeit vor der osmanischen Herrschaft hatten die Palästinenser über eine organisierte lokale Führungshierarchie mit Sitz in Jerusalem verfügt.[6] Hinzu kam eine aktive Zivilgesellschaft. Bezeichnend dafür ist die Palestinian Women Organization (Palästinensische Frauenorganisation), die sehr nationalbewusst war und bei wichtigen Demonstrationen an vorderster Front stand, Petitionen initiierte und allgemein die Bevölkerung gegen Balfours übergriffige Entwürfe mobilisierte.[7