Verlag: Mare Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Ein Teelöffel Land und Meer E-Book

Dina Nayeri

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E-Book-Beschreibung Ein Teelöffel Land und Meer - Dina Nayeri

Saba ist elf Jahre alt, als zwei einschneidende Ereignisse ihr Leben verändern. Die Islamische Revolution zwingt Sabas wohlhabende christliche Familie dazu, Teheran zu verlassen und sich - fern von den prüfenden Blicken der Mullahs - auf ihre Ländereien in der Gilan-Provinz zurückzuziehen. Kurz darauf verschwinden ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester Mahtab spurlos. Ihr Vater und die Nachbarn im Dorf behaupten, Mahtab sei bei einem nächtlichen Bad im Kaspischen Meer ertrunken und die Mutter sei bei dem Versuch, den Iran zu verlassen, festgenommen worden. Doch Saba glaubt an eine ganz andere Geschichte: Immer wieder erzählt sie ihrer besten Freundin Ponneh und dem Jungen Reza, den sie liebt, Episoden aus dem filmreifen Leben, das die beiden Vermissten inzwischen in den USA führen. Als Saba erwachsen wird, muss sie sich jedoch immer drängenderen Fragen stellen: Was ist Wahrheit und was ist Lüge? Darf Liebe ein Grund sein, sich selbst zu verleugnen? Und wann ist es an der Zeit, eigene Entscheidungen zu treffen und sein Schicksal in die Hand zu nehmen? Ein kraftvolles, berührendes Debüt über Freundschaft, Treue und die Macht des Geschichtenerzählens.

Meinungen über das E-Book Ein Teelöffel Land und Meer - Dina Nayeri

E-Book-Leseprobe Ein Teelöffel Land und Meer - Dina Nayeri

Dina Nayeri

Ein Teelöffel Land und Meer

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Dina Nayeri

Ein Teelöffel Land und Meer

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel A Teaspoon of Earth and Sea bei Riverhead Books/Penguin Group (USA) Inc., New York.

Copyright © 2013 by Dina Nayeri

© 2013 by mareverlag, Hamburg

Covergestaltung: mareverlag, Hamburg

Abbildung: © Perfect Laughter

Typografie: Farnschläder &Mahlstedt, Hamburg

Datenkonvertierung eBook: Farnschläder &Mahlstedt, Hamburg

ISBN eBook: 978-3-86648-300-2

ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-013-1

www.mare.de

Für Philip und für Baba Hajji, von denen ich mir einst sehnlichst erhoffte, sie zusammen in ein und demselben Raum zu sehen.

Teil 1 Unsichtbarer Faden

You and I have memories

Longer than the road that stretches out ahead.

The Beatles

Prolog

Dorf Cheshmeh (Provinz Gilan), Iran Sommer1981

Das Folgende ist alles, was Saba Hafezi von dem Tag in Erinnerung hat, an dem ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester für immer fortflogen, vielleicht nach Amerika, vielleicht in ein noch ferneres, noch unerreichbareres Land. Wenn man sie bitten würde, zu erzählen, woran sie sich erinnert, würde sie die vielen Teile aus einem Wust von Erinnerungen zusammenstückeln, zwei laue Tage in Gilan, die irgendwo in ihrem elften Sommer schweben:

»Wo ist Mahtab?«, fragt Saba wieder und rutscht unruhig auf der Rückbank des Autos hin und her. Ihr Vater fährt, während ihre Mutter auf dem Beifahrersitz in ihrer Handtasche herumkramt und Pässe und Flugscheine und all die Papiere zusammensucht, die erforderlich sind, um aus dem Iran rauszukommen. Saba ist schwindelig. Seit dem Abend am Strand tut ihr der Kopf weh, aber sie kann sich an kaum etwas erinnern. Sie weiß nur eines, nämlich dass ihre Zwillingsschwester Mahtab nicht da ist. Wo ist sie? Wieso ist sie nicht hier bei ihnen im Auto, wo sie doch wegfliegen und nie wiederkommen wollen?

»Hast du die Geburtsurkunden?«, fragt ihr Vater. Seine Stimme klingt schneidend und schnell, und Saba bleibt davon die Luft weg. Was ist los? Sie war noch nie so lange von Mahtab getrennt – seit elf Jahren sind die Hafezi-Zwillinge eine Einheit. Keine Saba ohne Mahtab. Aber jetzt sind Tage vergangen – oder schon Wochen? Saba hat krank im Bett gelegen, und sie kann sich nicht erinnern. Sie hat nicht mit ihrer Schwester sprechen dürfen, und nun ist die Familie ohne Mahtab im Auto auf dem Weg zum Flughafen. Was ist los?

»Wenn ihr in Kalifornien ankommt«, sagt ihr Vater, »fahrt direkt zu Behruz. Dann ruf mich an. Ich schicke Geld.«

»Wo ist Mahtab?«, fragt Saba wieder. »Warum ist Mahtab nicht hier?«

»Sie trifft uns dort«, sagt ihre Mutter. »Khanom Basir fährt sie.«

»Wieso?«, fragt Saba. Sie drückt die Stopptaste an ihrem Walkman. Es ist alles so verwirrend.

»Saba! Hör auf!«, zischt ihre Mutter und wendet sich wieder ihrem Vater zu. Trägt sie ein grünes Kopftuch? Über diesem Teil der Erinnerung liegt ein schwarzer Fleck, aber Saba weiß noch, dass da ein grünes Kopftuch war. Ihre Mutter spricht weiter. »Was ist mit den Kontrollen? Was sag ich den pasdars?«

Die Erwähnung der Sittenpolizei macht Saba Angst. Seit zwei Jahren ist es im Iran strafbar, ein konvertierter Christ zu sein – oder irgendeine andere Form von Exmuslim –, wie die Hafezis es sind. Und es ist furchterregend, in der Welt brutaler pasdars mit ihren strengen Uniformen und der Mullahs mit ihren Turbanen und Gewändern ein Verbrecher zu sein.

»Sind da pasdars?«, fragt sie mit bebender Stimme.

»Sei still«, sagt ihre Mutter. »Hör wieder deine Musik. Die können wir nicht mitnehmen.«

Saba singt ein amerikanisches Lied, das sie und Mahtab von einer illegal importierten Musikkassette gelernt haben, und geht im Kopf englische Vokabeln durch. Sie wird ihr Englisch vervollkommnen und keine Angst haben. Abalone. Abattoir. Abbreviate.

Ihr Vater wischt sich die Stirn. »Meinst du, dass das wirklich nötig ist?«

»Wir haben das doch oft genug durchgekaut, Ehsan!«, blafft ihre Mutter. »Ich werde nicht zulassen, dass sie hier aufwächst … dass sie mit Dorfkindern ihre Zeit vertut, Kopftuch trägt und Arabisch lernt und darauf wartet, dass die sie verhaften. Nein, danke.«

»Ich weiß, es ist wichtig« – die Stimme ihres Vaters klingt flehend –, »aber müssen wir es so offensichtlich machen? Wäre es denn so schlimm, wenn wir einfach so tun als ob … ich meine … es lässt sich doch ganz leicht verbergen.«

»Nur wenn du ein Feigling bist«, flüstert ihre Mutter. Sie fängt an zu weinen. »Und denk dran, was passiert ist …«, sagt sie. »Die werden mich verhaften.« Saba fragt sich, was ihre Mutter damit meint.

»Was bedeutet abalone?« Saba versucht, ihre Mutter abzulenken, kriegt aber keine Antwort. Der Streit macht ihr Angst, doch es gibt jetzt wichtigere Dinge zu klären. Sie tippt ihrem Vater auf die Schulter. »Wieso fährt Mahtab mit Khanom Basir? In unserem Auto ist doch genug Platz.« Es ist seltsam, dass Rezas Mutter überhaupt Auto fährt. Aber vielleicht heißt das ja, dass Reza auch mitkommt, und Saba liebt ihn fast genauso sehr, wie sie Mahtab liebt. Ja, sie erzählt sogar freimütig jedem, der fragt, dass sie Reza eines Tages heiraten wird.

»In ein paar Jahren wirst du froh über diesen Tag sein, Saba-dschan«, sagt ihre Mutter, die beschlossen hat, eine unausgesprochene Frage zu beantworten. »Ich weiß, die Nachbarn sagen, ich bin eine schlechte Mutter, weil ich deine Sicherheit unnötig aufs Spiel setze. Aber es ist nicht unnötig! Ich gebe dir viel mehr, als sie ihren Kindern geben.«

Schon bald sind sie im hektischen Flughafen von Teheran. Ihr Vater geht mit raschen, wütenden Schritten voraus. »Sieh dir bloß an, was du aus unserer Familie gemacht hast, die reinste Katastrophe«, sagt er barsch. »Meine Töchter –« Er bleibt stehen, räuspert sich und lenkt ein. Ja, so ist es am besten, am sichersten. Ja, ja. Er geht mit dem Gepäck weiter. Saba spürt, wie ihre Mutter ihre Hand drückt.

Saba ist seit Monaten nicht mehr in Teheran gewesen. Als die Islamische Republik anfing, Veränderungen durchzusetzen, ist Sabas Familie in ihr großes Haus auf dem Land gezogen – in Cheshmeh, einem friedlichen Dorf, wo die Menschen vom Reisanbau leben, wo es keine Proteste gibt, wo keine wütenden Horden durch die Straßen toben und die Menschen den großzügigen Hafezis trauen, weil die Familie in der Gegend tief verwurzelt ist. Obwohl es in einigen Dörfern mit ihrer schreckenerregenden Mullah-Justiz für eine christliche Familie gefährlicher ist als in den großen Städten, hat sie in Cheshmeh niemand behelligt, weil die konservativen, schwer arbeitenden Bauern und Fischer des Nordens bei den pasdars kein großes Interesse erregen und weil Sabas Vater ein guter Lügner ist und neugierige Nachbarn beschwichtigt, indem er Mullahs und Leute aus der Stadt in sein Haus einlädt. Saba versteht nicht, was sie alle so faszinierend an ihrer Familie finden. Schon allein Reza ist interessanter als alle Hafezis zusammen, und er hat seine ganzen elf Jahre in Cheshmeh gelebt. Er ist größer als die anderen Kinder, spricht den dörflichen Dialekt, hat große runde Augen und warme Haut, die sie zweimal berührt hat. Wenn sie mal heiraten und dann mit Mahtab und ihrem gelbhaarigen amerikanischen Mann in ein Schloss in Kalifornien ziehen, wird sie Rezas Gesicht jeden Tag berühren. Er hat olivenfarbene Haut wie die Jungen in alten iranischen Filmen, und er mag die Beatles.

Am Flughafen entdeckt Saba Mahtab in der Ferne. »Da ist sie!«, ruft sie, reißt sich von ihrem Vater los und läuft auf ihre Schwester zu. »Mahtab, hier sind wir!«

An dieser Stelle verschwimmt die Erinnerung zu einem traumartigen Flickwerk aus Bildern. Als allgemein anerkannte Tatsache gilt, dass ihre Mutter irgendwann an diesem Tag verschwindet. Aber Saba erinnert sich nicht, wann das in dem ganzen Durcheinander aus Warteschlangen vor Sicherheitskontrollen und Gepäckabfertigung und pasdar-Befragungen passiert. Sie weiß nur noch, dass sie ihre Schwester ein paar Minuten später auf der anderen Seite der Halle sieht – wie das verschwundene Spiegelbild in einem gruseligen alten Märchenbuch –, an der Hand einer eleganten Frau in einem blauen Manteau, einem schweren, langen Mantel, genau wie der, den ihre Mutter anhat. Saba winkt. Mahtab winkt zurück und wendet sich ab, als wäre das das Natürlichste von der Welt.

Als Saba zu ihnen laufen will, hält ihr Vater sie fest. Schreit. Lass das! Lass das! Was verbirgt er? Ist er böse, weil Saba diese Entdeckung gemacht hat? »Lass das, Saba. Du bist nur müde und durcheinander«, sagt er. In letzter Zeit haben viele Leute versucht, Dinge zu vertuschen, indem sie ihr einredeten, sie wäre durcheinander.

Das Gedächtnis kann dem Verstand so manchen bösen Streich spielen – wie wenn man bei einem Videofilm das Band abwickelt und wieder aufwickelt, sodass es bloß noch ein paar verzerrte Bilder zeigt. Der nächste Teil der Erinnerung ist irgendwie ganz wirr. Irgendwann später ist ihre Mutter wieder da – obwohl sie doch eben noch Mahtab an der Hand hatte. Sie nimmt Sabas Gesicht zwischen zwei Finger und verspricht ihr wundervolle Tage in Amerika. »Bitte sei jetzt einfach still«, sagt sie.

Dann stellt ein pasdar an einem Kontrollposten ihren Eltern ganz viele Fragen. Wohin reisen Sie? Warum? Für wie lange? Verreist die ganze Familie? Wo wohnen Sie?

»Nur meine Frau und meine Tochter verreisen«, sagt Agha Hafezi – eine bestürzende Lüge. »Und nur für kurze Zeit, um Ferien bei Verwandten zu machen. Ich bleibe hier.«

»Mahtab kommt auch mit!«, platzt Saba heraus. Trägt der pasdar einen braunen Hut? Das kann nicht sein. Pasdars tragen keine Hüte mit richtiger Krempe. Und doch taucht in ihrer Erinnerung immer wieder dieser braune Hut auf.

»Wer ist Mahtab?«, schnauzt der pasdar, und das macht einem Angst, ganz gleich, wie alt man ist.

Ihre Mutter stößt ein unechtes Lachen aus und sagt etwas ganz Schreckliches. »So heißt ihre Puppe.« Plötzlich begreift Saba. Nur eine Tochter wird verreisen. Haben sie vor, Mahtab mitzunehmen und sie nicht? Haben sie sie deshalb die ganze Zeit auseinandergehalten?

Als sie anfängt zu weinen, beugt ihre Mutter sich zu ihr herunter. »Saba-dschan, weißt du noch, was ich dir erzählt habe? Dass man, wenn man leidet, ein Riese sein soll? Würde ein Riese vor den vielen Fremden hier weinen?« Saba schüttelt den Kopf. Dann legt ihre Mutter ihr eine Hand an die Wange und sagt etwas Heldenhaftes, das ihr guttut: »Du bist Saba Hafezi, ein Glückskind, das Englisch liest. Weine nicht wie eine Bäuerin, denn du bist nicht das Mädchen mit den Schwefelhölzern.«

Ihre Mutter hasst dieses Märchen – ein hilfloses, obdachloses Mädchen, das Streichhölzer vergeudet, um sich Tagträumen hinzugeben, anstatt ein richtiges Feuer zu machen, an dem es sich wärmen kann.

Du bist nicht das Mädchen mit den Schwefelhölzern. An diesen Satz erinnert sich Saba noch genau. Dann ist ihre Mutter plötzlich verschwunden, und es folgt ein neues Wirrwarr von Bildern, die Saba sich nicht erklären kann. Sie erinnert sich an ein grünes Kopftuch. Einen Mann mit braunem Hut. Ihre Mutter in Warteschlangen und vor Fluggates. Saba, die von ihrem Vater wegläuft, Mahtab verfolgt, bis zu dem großen Fenster mit Blick auf die Flugzeuge. All diese Bilder sind mit einer diesigen Schicht Unsicherheit überzogen, mit der sie sich mittlerweile abgefunden hat. Die Erinnerung ist trügerisch. Doch ein Bild ist klar und sicher, und nichts und niemand wird sie je vom Gegenteil überzeugen. Nämlich dieses: ihre Mutter in einem blauen Manteau – nachdem ihr Vater behauptet hat, er hätte sie in dem Gedränge vor den Sicherheitskontrollen verloren –, wie sie in ein Flugzeug nach Amerika steigt und Mahtab an der Hand hält, die glückliche Zwillingsschwester.

Es liegt alles im Blut

Khanom Basir

Sabas Erinnerung mag unscharf sein, meine ist es nicht. Und ja, ja, zu gegebener Zeit werde ich Ihnen alles erzählen. Geschichtenerzähler soll man nicht drängen. Wir Frauen aus dem Norden haben Geduld gelernt, weil wir den lieben langen Tag durch sumpfige Reisfelder waten und es gewohnt sind, nicht drauf zu achten, wenn es uns irgendwo juckt. Im ganzen Iran reden die Leute über uns, müssen Sie wissen … über uns shomali, die Frauen im Norden. Sie haben allerhand gute und schlechte Bezeichnungen für uns: Fischkopfesser, leichte Frauen mit zu viel Begehren, dehati. Ihnen fallen unsere weiße Haut auf und die hellen Augen, die Art, wie wir ihre städtischen Moden ablehnen und trotzdem die Schönsten sein können. Jedermann weiß, dass wir vieles können, was anderen Frauen nicht gelänge – Reifen wechseln, schwere Körbe durch Regengüsse tragen, Reis in gefluteten Feldern setzen und uns den ganzen Tag lang durch einen blättrigen Ozean aus Teesträuchern kämpfen – wir sind die Einzigen, die wirklich hart arbeiten. Die kaspische Luft macht uns stark. Diese Frische – grünerShomal, sagen sie, nebliger, regnerischerShomal. Und ja, manchmal verstehen wir es auch, uns langsam zu bewegen. Manchmal werden wir wie das Meer von unsichtbaren Lasten niedergedrückt. Wir tragen Körbe mit Kräutern auf dem Kopf, schwanken unter Koriander, Minze, Bockshornklee und Schnittlauch, und wir hetzen uns nicht. Wir warten, bis die Ernte die Luft durchdringt, unsere verstreut liegenden Häuser im Sommer mit dem warmen, feuchten Duft des Reises erfüllt und im Frühling mit dem Duft der Orangenblüte. Die besten Dinge brauchen Zeit, wie einen guten Eintopf kochen, wie Knoblauch einlegen oder Fisch räuchern. Wir sind geduldige Menschen, und wir versuchen, freundlich und anständig zu sein.

Und wenn ich nicht will, dass Saba Hafezi meinen Sohn Reza mit hoffnungsvollen Augen betrachtet, dann nicht, weil ich ein schwarzes Herz habe. Auch wenn Saba glaubt, ich hasse sie, auch wenn sie all ihre aufgestaute Mutterliebe der alten Khanom Omidi schenkt, sorge ich für dieses Mädchen, seit es die Mutter verlor. Trotzdem, bloß weil du einem Mädchen dienstags etwas zu essen kochst, heißt das noch lange nicht, dass du ihm deinen liebsten Sohn gibst. Saba Hafezi ist nicht die Richtige für meinen Reza, und es versalzt mir den Magen, wenn ich daran denke, dass sie an dieser Hoffnung festhält. Ja, ihr Vater hat Geld. Gott weiß, dieses Haus hat alles zu bieten, von Hühnermilch bis Menschenseelen – also alles, was es gibt, und manches, was es nicht gibt. Alles, was du anfassen kannst, und manches Unberührbare. Ich weiß, dass sie weit über uns stehen. Aber ich gebe nichts auf Geld oder Schulbücher. Meine Bildung ist nützlicher als alles, was die Frauen in diesem großen Haus je gelernt haben, und ich weiß, ein größeres Dach bedeutet nur mehr Schnee.

Ich möchte, dass mein Sohn eine vernünftige Frau bekommt und nicht eine, die sich in Büchern verliert und in Teheraner Allüren und vagen Dingen, die nichts mit den heutigen alltäglichen Bedürfnissen zu tun haben. Und was soll das, mit dieser ganzen fremdländischen Musik, die sie ihm gegeben hat? Welcher andere Junge hört sich diesen Unsinn an, schließt die Augen und schüttelt den Kopf, als wäre er besessen? Gott, steh mir bei. Die anderen Jungen wissen kaum, dass es ein Land namens Amerika gibt … Sehen Sie, ich möchte, dass Reza vernünftige Freunde hat. Aber Saba wird von tausend Dschinn geplagt. Das arme Kind. Ihre Zwillingsschwester Mahtab ist verschwunden, und ihre Mutter ist verschwunden, und ich sage ungeniert, dass tief in der Seele dieses Mädchens etwas Beängstigendes vor sich geht. Sie fertigt hundert Messer, aber keins hat einen Griff – sie hat einfach ein bisschen zu gut gelernt zu lügen, selbst für meinen Geschmack. Sie stellt wilde Behauptungen über Mahtab auf. Und natürlich leidet sie. Zwillinge sind wie Hexen, sie können aus weiter Ferne die Gedanken des anderen lesen. In hundert schwarzen Jahren hätte ich ihre Trennung oder den Schmerz, den sie verursachen würde, niemals vorhergesehen.

Ich erinnere mich an die beiden in glücklicheren Zeiten, wie sie auf dem Balkon unter dem Moskitonetz lagen, das ihr Vater aufgehängt hatte, damit sie in heißen Nächten draußen schlafen konnten. Sie tuschelten miteinander, stupsten mit ihren rosa bemalten Zehen gegen das Netz und kramten in den Taschen ihrer unanständig kurzen Hosen nach versteckten, halb aufgebrauchten Lippenstiften ihrer Mutter. Das war natürlich vor der Revolution, also auch viele Monate bevor die Familie ganz nach Cheshmeh zog. Es war im Sommer, wenn sie Ferien von ihrer feinen Schule in Teheran machten – wenn die Mädchen aus der Stadt so tun konnten, als führten sie ein dörfliches Leben, mit Dorfkindern spielen, gottesfürchtigen Dorfjungen den Kopf verdrehen, als sie noch jung waren und solche Dinge noch erlaubt waren. Auf dem Balkon pflückten die Mädchen oft büschelweise Geißblatt, das an den Hauswänden rankte, und saugten die Blüten aus wie Bienen, lasen ihre fremdländischen Bücher und heckten Streiche aus. Sie trugen ihre lila Teheraner Sonnenbrillen, ließen ihr langes schwarzes Haar lose über nackte, sonnengebräunte Schultern fallen und aßen ausländische Schokolade, die es jetzt längst nicht mehr gibt. Dann stellte Mahtab meist irgendwelchen Unfug an, dieser kleine Teufel. Manchmal ließ ich Reza zu ihnen unter das Moskitonetz. Es schien ein so süßes Leben zu sein, von dem großen Hafezi-Haus auf die schmalen, gewundenen Wege hinabzublicken, die baumbedeckten Berge dahinter zu sehen und ringsherum unsere vielen kleineren Dächer aus Lehmziegeln und Reisstroh, wie Sabas offene Bücher mit dem Rücken nach oben um die Felder verteilt. Offen gestanden war der Blick aus unserem Fenster sogar besser, weil wir nachts das Hafezi-Haus auf dem Berg sehen konnten, mit seinem hübschen, leuchtend weißen Anstrich, einem Dutzend Fenstern, hohen Mauern und vielen Lichtern, die für Freunde entzündet wurden. Heutzutage ist von diesem Anblick nicht mehr viel übrig – nächtliche Vergnügungen finden ja jetzt nur noch hinter dicken, Musik dämpfenden Vorhängen statt.

Einige Jahre nach der Revolution bekamen Saba und Mahtab Kopftücher verpasst, und wir konnten die kleinen Unterschiede in ihren Frisuren oder ihren heiß geliebten westlichen T-Shirts nicht mehr sehen, um sie auf der Straße auseinanderzuhalten – fragen Sie mich nicht, warum die T-Shirts verboten wurden. Ich glaube, es lag an irgendeinem ausländischen chert-o-pert, das vorne draufstand. Also fingen die Mädchen prompt an, die Rollen zu tauschen, um uns zu narren. Ich denke, das ist heute eines von Sabas Problemen – dieser Rollentausch. Sie verbringt zu viel Zeit damit, über Mahtab nachzudenken und sich ihre Lebensgeschichte auszumalen, sich vorzustellen, sie nähme Mahtabs Platz ein. Ihre Mutter hat immer gesagt, das ganze Leben wird vom Blut bestimmt. All deine Fähigkeiten und Neigungen und zukünftigen Schritte. Saba meint, wenn das alles in den Adern angelegt ist und wenn das Blut von Zwillingen genau gleich ist, dann folgt daraus, dass sie auch gleiche Leben leben, selbst wenn die Formen und Bilder und Klänge um sie herum unterschiedlich sind – wie etwa, wenn der eine in Cheshmeh wäre und der andere in Amerika.

Es bricht mir das Herz. Ich höre diese sehnsüchtige Stimme, hebe Sabas Gesicht an und entdecke darin diesen verträumten Ausdruck. Obwohl sie niemals laut sagt: »Ich wünschte, Mahtab wäre hier«, ist es doch jeden Tag der gleiche Eintopf und die gleiche Suppe. Man muss es nicht aus ihrem Mund hören, wenn man deutlich sehen kann, wie ihre Hand nach diesem fehlenden Menschen greift, der immer links von ihr stand. Und wenn ich noch so sehr versuche, sie abzulenken und ihre Gedanken auf praktische Dinge zu richten, reitet sie doch immer weiter auf dem Esel des Teufels. Und würden Sie etwa wollen, dass Ihr Sohn seine Jugend damit verbringt, eine solche Lücke zu füllen?

Das Schlimme dabei ist, dass es ihrem Vater so schwerfällt, sie zu verstehen. Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der so unfähig ist, in das Herz seiner Tochter zu schauen. Etwas unbeholfen versucht er, seine Zuneigung zu zeigen, doch es gelingt ihm nicht. Also sitzt er da, mit seiner Wasserpfeife und seiner gebildeten Ratlosigkeit, und denkt: Glaube ich, was meine Frau glaubte? Soll ich Saba zur Christin erziehen oder zu einem sicheren Leben? Er beobachtet die ungewaschenen Kinder in Cheshmeh – diejenigen, deren Mütter ihre bunten Kittel und Röcke zwischen die Beine klemmen, ihre Hosen bis zu den Knien hochziehen und den ganzen Tag durch sein Reisfeld waten – und fragt sich, was aus ihren Seelen wird. Natürlich sage ich dem Mann nichts. Das tut niemand. Nur ganz wenige wissen, dass sie eine Familie von Christusanbetern sind, sonst könnte es in dem kleinen Dorf für sie gefährlich werden. Aber er sorgt dafür, dass wir Auberginen auf unseren Tellern haben und Wassermelonen in unseren Armen, und deshalb bleibt vieles ungesagt über die Art, wie er Saba erzieht, über seine nächtlichen Dschinn und seinen heimlichen Glauben.

Jetzt, wo die Mädchen durch so viel Land und Meer voneinander getrennt sind, lässt Saba ihren Hafezi-Verstand unter einem kratzigen, dörflichen Spiel-Tschador verkümmern, helltürkisfarben und mit Perlen gesäumt, den sie von Khanom Omidi bekommen hat. Sie hüllt ihren kleinen elfjährigen Körper darin ein, um so zu tun, als gehörte sie hierher, wickelt ihn sich eng um die Brust und die Arme, obwohl Städterinnen wie ihre Mutter das niemals tun würden. Sie merkt nicht, dass wir alle hier uns wünschen, an ihrer Stelle zu sein. Sie verspielt alle Möglichkeiten. Mein Sohn Reza erzählt mir, dass sie Geschichten über Mahtab erfindet. Sie gibt vor, ihre Schwester würde ihr Briefe schreiben. Wie kann ihre Schwester ihr Briefe schreiben?, frage ich. Reza sagt, sie wären auf Englisch verfasst, deshalb kann ich nicht wissen, was da in Wirklichkeit steht, aber eines ist klar: Dafür, dass es nur drei Seiten sind, hat Saba jede Menge zu erzählen. Manchmal möchte ich sie schütteln, damit sie aus ihrer Traumwelt erwacht. Ihr sagen, dass wir doch beide wissen, dass diese Seiten keine Briefe sind – wahrscheinlich bloß Schulaufgaben. Ich weiß genau, was sie dann erwidern wird. Sie wird mich verspotten, weil ich ungebildet bin. »Woher willst du das wissen?«, wird sie mich ärgern. »Du kannst doch gar kein Englisch lesen.«

Das Mädchen ist eingebildet. Liest ein paar Bücher, und schon stolziert es herum, als hätte es Rostam die Hörner abgeschnitten. Tja, ich kann zwar kein Englisch, aber ich bin eine Geschichtenerzählerin, und ich weiß, dass es keine Lösung ist, so zu tun als ob. Ja, es lindert die Schmerzen im Innern, aber die Dschinn müssen im wahren Leben erkannt und besiegt werden. Wir alle kennen die Wahrheit über Mahtab, aber Saba spinnt ihre Geschichten, und Reza und Ponneh Alborz lassen sie immer weitermachen, weil Saba unbedingt will, dass ihre Freunde zuhören – und weil sie als Geschichtenerzählerin ein Naturtalent ist. Das hat sie von mir gelernt – wie man sich ein Märchen oder eine gute Lüge ausdenkt, wie man auswählt, welche Teile erzählt und welche Teile weggelassen werden.

Saba denkt, alle haben sich abgesprochen, um die Wahrheit über Mahtab zu verschleiern. Aber warum sollten wir? Welchen Grund hätten ihr Vater und die frommen Mullahs und ihre Ersatzmütter, in einer solchen Zeit zu lügen? Nein, es ist nicht richtig. Ich kann meinen Sohn nicht einer enttäuschten Träumerin mit vernarbtem Herzen geben. Was wäre das für ein Schicksal! Mein jüngster Sohn gefangen in einem Leben aus Albträumen und Was-wäre-wenn und fremden Welten. Bitte glauben Sie mir. So könnte es wirklich enden … weil Saba Hafezi die Wunden von hundert schwarzen Jahren in sich trägt.

Kapitel Eins

Sommer 1981

Saba sitzt auf dem Beifahrersitz neben ihrem Vater, der zunächst über die Schnellstraßen fährt, die von Teheran wegführen, und Stunden später über kleinere, gewundene Landstraßen zurück nach Cheshmeh. Im Wagen ist es heiß und stickig, und sie schwitzt in ihrem dünnen grauen T-Shirt. Ihr Vater beugt sich rüber und kurbelt die Scheibe auf ihrer Seite ein wenig herunter. Der Duft von nassem Gras strömt herein. Sie kommen an einem sumpfigen Reisfeld vorbei, einem shalizar oder, auf Gilaki, einem bijâr, und Saba beugt sich hinaus, um den Bauern zuzusehen. Es sind größtenteils Frauen mit Strohhüten, in bunter, fröhlicher Kleidung, die bis zu den Knien hochgerollt ist, während sie durch die gefluteten Felder waten. Saba sieht die lehmverputzten Hütten der Arbeiter, die möglichst nah an dem Tee und dem Reis um die Felder verteilt liegen. Die meisten Landbesitzer wie Agha Hafezi leben nicht so nah an ihren Ländereien, sondern ziehen Großstädte wie Teheran vor. Doch jetzt verwüstet ein Krieg die Grenzorte, vielleicht bald auch die Städte, und das Dorf Cheshmeh, etwa eine Autostunde von der großen Stadt Rasht entfernt, in dem bloß ein paar Tausend Menschen leben, ist ein ruhiger und abgeschiedener Ort. Mit seinen vielen Brunnen und großen Reisscheunen auf dünnen Beinen, die aussehen wie Kriegsherren mit dicken Strohhüten, ist es ein feuchter, schwüler nördlicher Zufluchtsort aus Strohdächern über blau getünchten oder naturbelassenen Terrakottahäusern und Reisstrohhütten, die sich, leicht erhöht vom sumpfigen Boden, am Fuß der Alborz-Berge in mahalles zusammendrängen. Das Zentrum von Cheshmeh besteht aus etlichen Pflasterstraßen, die zu einem Marktplatz zusammenlaufen, auf dem einmal in der Woche Basar ist (jomeh-bazaar heißt er, Freitagsmarkt). In Teheran könnte Agha Hafezi sich vielleicht besser verstecken, aber hier in dem Haus seiner Kindheit und umgeben von Freunden, die ihn schützen, fühlt er sich sicherer.

Auf der Kuppe des großen Hügels, knapp hinter dem handgemalten Schild mit der Aufschrift CHESHMEH, bremst Sabas Vater ab, um zwei Fahrradfahrer vorbeizulassen. Der eine ist ein junger Mann in alten Jeans mit einem großen Bündel auf dem Rücken. Der andere ist ein Fischer in einer weiten grauen Hose. Sein salziger Meergeruch weht ins Auto, während er den nächsten grünen Hügel hinaufstrampelt und dann verschwindet. Saba kennt beide Gesichter. Anders als die Villenorte näher am Kaspischen Meer lockt Cheshmeh keine Scharen von Feriengästen an. Nur manchmal kommen Touristen mit Autos oder Bussen, um die Erntearbeiten zu beobachten oder etwas auf dem Basar zu kaufen. Saba drückt die Stirn gegen die Scheibe und wartet auf den unvermeidlichen Moment, wenn der Nebel sich lichtet und plötzlich Bäume in der Ferne auftauchen. Ein Arzt in einem schlecht sitzenden Anzug fährt in einem klapprigen gelben Pick-up vorbei. Auf ihrer Höhe verlangsamt er die Fahrt und winkt. Agha Hafezi wechselt durchs offene Fenster ein paar Worte im Gilaki-Dialekt mit ihm. Saba weiß, dass Cheshmeh für ihren Vater der Punkt ist, an dem alle Straßen enden. Es vereint hundert widerstreitende Gerüche und Klänge – betörende Orangenblütennebel, Girlanden aus Knoblauchzehen, die die Läden schmücken, eingelegter Knoblauch auf gebratenen Auberginen, Gilaki-Lieder und Grillengezirpe in der Nacht. Er genießt die Ruhe des Dorfes. Während sie sich ihrem Haus nähern, weiß Saba, dass er nie wieder versuchen wird, fortzugehen. Er ist ein müder, übervorsichtiger Mann, besessen von seinen Geheimnissen und davon, alle sichtbaren Zeichen seiner eigenen Stärke auszuradieren. Und er ist ein Lügner.

Jetzt, auf dem Beifahrersitz, allein mit ihrem Vater, weint Saba nicht. Warum sollte sie? Sie ist nicht das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Ganz gleich, wie groß ihr der Wagen ohne ihre Mutter und Schwester vorkommt, und ganz gleich, wie oft ihr Vater versucht zu erklären, dass sie nie wiederkommen, klammert sich Saba an den Glauben, dass mit der Welt alles in Ordnung ist. Nothing’s gonna change my world, singt sie während der ganzen Heimfahrt, und das ist den nächsten Monat über ihr Lieblingslied.

Kaum sind sie im Ort, versucht ihr Vater, ihr die erste Lüge einzureden. Mahtab ist tot. Sie sucht nach Anzeichen dafür, dass er sich das ausgedacht hat. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Sein Gesicht ist ganz nervös, und seine Stirn schweißnass. »Wir wollten es dir nicht sagen, während du krank warst«, sagt er, und als sie nicht antwortet: »Hast du gehört, Saba-dschan? Leg die Blätter weg und hör mir zu.«

»Nein«, wimmert sie und hält ihre Liste mit englischen Wörtern noch fester. »Du lügst.«

Sie schwört, nie wieder ein Wort mit ihm zu reden, weil er das alles geplant haben muss. – Außerdem hat Saba von ihrer Mutter gelernt, dass es nur einem Menschen unter tausend möglich ist, die Wahrheit von etwas zu erkennen. Sie muss sich an das halten, was sie gesehen hat: eine Frau in der Halle jenseits der Flughafenlounge, eine elegante, stilvolle Frau mit dem ungebärdigen, unter dem Kopftuch hervorquellenden Haar ihrer Mutter, mit dem dunkelblauen Manteau ihrer Mutter und dem gehetzten Gesichtsausdruck ihrer Mutter, die ein ernstes, folgsames Mädchen an der Hand hielt, ein gespenstisch stilles Kind, das nur Mahtab sein konnte – das Mahtab war.

Nein, sie ist nicht gestorben.

»Saba-dschan«, sagt ihr Vater, »hör auf deinen Baba. Du hast deine Freundin Ponneh. Sie wird wie eine Schwester für dich sein. Das ist doch schön, oder?«

Nein, sie ist nicht gestorben. Ich muss mir keine neue Mahtab suchen.

Da zu Hause keine Mahlzeit auf sie wartet, essen sie Kebabs am Straßenrand, starren wortlos auf die Decke aus Bäumen und Nebel, die das Meer verhüllt. Ihr Vater kauft ihr einen Maiskolben, den der Verkäufer schält und in einen Eimer mit Salzwasser wirft, sodass er zischt und tropft, den wunderbar brandigen Meerwassergeschmack einschließt. Während sie isst, verfestigt sich die Erinnerung, und die Lücken füllen sich von selbst – wie bei den Tieren in ihrem Biologiebuch, denen Körperteile nachwachsen können, eine Art Überlebenszauber –, bilden ein verständliches Ganzes: die verschwommenen Umrisse einer großen Frau in einem Manteau. Der magere elfjährige Geist eines Mädchens in Mahtabs Kleidung. Ist ihre Miene schuldbewusst? Hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Zwillingsschwester verrät? Dann die undeutliche, farblose Lounge mit ihren Massen an gesichtslosen Passagieren, die sich vorwärtsdrängeln, um ein Flugzeug nach Amerika zu besteigen.

Mahtab ist ohne mich nach Amerika geflogen. Die Frage, wieso sie auf einmal in der Flughafenlounge war, ist noch immer rätselhaft. Wahrscheinlich haben ihre Eltern sie von Khanom Basir hinbringen lassen, damit Saba nicht zu früh merkt, dass nur Mahtab nach Amerika fliegen soll. Sie wollten ihre Gefühle schonen, weil sie sie verraten hatten und weil sie der weniger wichtige Zwilling ist. Vielleicht haben ihre Eltern auch eine Art Pakt geschlossen, damit jeder eine Tochter behält.

Die folgende Woche über versucht Saba, die rückgratlosen Erwachsenen von Cheshmeh dazu zu bringen, ihr die Wahrheit zu sagen. Wenn Mahtab tot ist, wieso hat es dann keine Beerdigung gegeben? Und wo ist ihre Mutter hin? Ihr Vater hat den Nachbarn bestimmt Geld gegeben, damit sie seine Lügen verbreiten. Mit Geld kriegt er alles, was er will, deshalb lässt Saba sich nicht täuschen von dem Trommelwirbel aus Tod und Ritualen und Trauer, der nun folgt. Das ist alles bloß ein Trick, den sich der reiche und mächtige Agha Hafezi ausgedacht hat, um seiner anderen, wertvolleren Tochter ein schöneres Leben bieten zu können – ein Leben, das sich Saba nur in Illustrierten und verbotenen Fernsehserien anschauen kann.

* * *

Einen Monat nach der einsamen Rückfahrt vom Flughafen versucht Saba zum dritten Mal zu beweisen, dass Mahtab lebt. Zusammen mit Ponneh Alborz, ihrer besten Freundin, und Reza Basir, in den sie beide verliebt sind, läuft sie von zu Hause fort. Ist doch egal, dass Rezas Mutter kreischen und toben und sie mit allen möglichen Beschimpfungen für böse Mädchen verwünschen wird. Hauptsache, ihre Freunde sind dabei. Sie überredet sie, per Anhalter mit ihr nach Rasht zu fahren, wo sie noch einmal aufs Postamt gehen will. Jetzt, da seit Mahtabs Abreise ein Monat vergangen ist, müsste ein Brief von ihr angekommen sein – denn wie sehr ihre Eltern auch versuchen, ihre heimtückischen Pläne zu verschleiern, Mahtab wird immer einen Weg finden, Saba zu schreiben.

Die drei Freunde gehen durch die fremden Straßen von Rasht, halten sich dicht an irgendwelche Erwachsene, damit es nicht so aussieht, als wären sie allein unterwegs. Dann und wann blickt Saba in einen handgezeichneten Stadtplan und zupft ihr blaues Kopftuch zurecht, doch die meiste Zeit betrachtet sie Reza, der ein paar Schritte vor ihnen marschiert, seinen ramponierten Fußball unter den Arm geklemmt. Manchmal läuft er mit ihm dribbelnd ein Stück voraus, als würde er für Saba und Ponneh ein Kräftefeld schaffen – denn für Reza macht es nur dann Sinn, mit Mädchen befreundet zu sein, wenn man auch zeigen kann, dass man sie beschützt. Dieses Spiel spielt er schon, seit die Hafezis ihren ersten Sommer in Gilan verbrachten. Obwohl ihre Mutter ihr immer einschärfte, sie sollte mit der Überzeugung auftreten, dass sie den Jungs ebenbürtig ist, hatte Saba nie etwas dagegen, Reza die Führung zu überlassen. Es ist eine Möglichkeit, sich in Rezas und Ponnehs Welt einzufügen – in ihr bäuerliches Leben mit Jeans aus dritter Hand, Orangensaft, der direkt aus einem Loch in der Schale gesaugt wird, Armreifen, die nicht zusammenpassen, provinziellen Kopftüchern in Rot und Türkis mit paillettenbesetzten Säumen, fettigen, in der Mitte gescheitelten Haaren, die darunter hervorlugen. Jedes Detail entzückt sie. Obwohl ihr Vater es nicht gerne sieht, dass sie zu ihnen nach Hause geht und das Geschirr in ihren winzig kleinen Küchen berührt, verbietet er es nicht. Ponnehs und Rezas Familien sind Handwerker: Sie flechten Binsen und weben Stoffe, kochen Marmeladen und machen ein. Sie haben viele Jobs und wenig Geld, aber sie können lesen und schreiben und leben in ansehnlichen Häusern. Ihre Kinder gehen zur Schule und werden vielleicht sogar mal studieren, falls ihre Noten gut genug sind. Für Sabas Vater sind sie anders als die Feldarbeiter, die in der Nebensaison bei ihnen anklopfen und Arbeiten im Haus für ihn verrichten – doch in Wirklichkeit sind alle Menschen in Cheshmeh unauflösbar verbunden, miteinander und mit der Feldarbeit. Gibt es hier überhaupt jemanden, der alt geworden ist, ohne wenigstens mal einen Tag lang Reis zu setzen oder Tee zu pflücken?

Als sie eine schmale Straße entlanggehen, hören sie auf einmal eine schneidende Stimme. »He, Kinder! Herkommen.« Ein Sittenpolizist steht träge vor einem fensterlosen Laden auf der anderen Seite. Er stützt ein Knie auf einen Hocker und hebt immer wieder eine Flasche Joghurt-Soda an den Mund. Saba erstarrt. Pasdars erinnern sie an den Flughafen und die barsche Frage: Wer ist Mahtab?, vergiften die letzten Augenblicke mit ihrer Mutter. Sie merkt kaum, dass Reza sie beide an den Händen fasst und anfängt, hinter seinem Ball herzusprinten, durch enge Gässchen davonflitzt, so schnell, dass der Polizist ihnen nicht folgen kann. Im Laufen verspottet er den Mann mit dem Anfeuerungsruf für die iranische Fußballmannschaft, den er bei den Hafezis im Fernsehen gehört hat. »Duu Duuruuu duud duud. IRAN!«

Irgendwann kriegt ihr noch richtig schlimmen Ärger mit der Polizei, droht Rezas Mutter dem Trio oft. Sie sagt es zu Saba, weil ihre Mutter irgendwas Illegales gemacht hat und wegen der ausländischen Musik, die Saba mit Reza hört, und zu Ponneh sagt sie es, weil sie bockig ist und zu schön, um unbemerkt zu bleiben. Saba glaubt nicht, dass Reza irgendwas auf diese Warnungen gibt. Er ist zu sehr darauf aus, den Helden zu spielen. Vielleicht hätte sie die beiden doch nicht mitnehmen sollen.

Bald gelangen sie aus den dunklen Gassen und verwinkelten Sträßchen dieses fremden Teils von Rasht in eine Gegend, die Saba kennt. Abgesehen von ihren Besuchen im Postamt war Saba einmal mit ihrer Mutter und Mahtab in diesem Stadtviertel, um Schuhe zu kaufen. Da waren die Zwillinge acht, und die Pro-Haar-Regierung war noch nicht von der Pro-Kopftuch-Regierung gestürzt worden – den Straßenschreiern, die später die politischen Parteien ihrer Viertklässlerwelt wurden. An jenem Tag bekamen sie beide zwei Paar Schuhe, wobei Sabas etwas höhere Absätze hatten. Ihre Mutter hatte das absichtlich so gedreht, wegen des ungerechten Größenunterschieds von einem Zentimeter zwischen den Zwillingen. Saba weiß das, weil sie das verschwörerische Lächeln im Gesicht ihrer Mutter sah, während Mahtab gerade ihre Riemchen einstellte.

Als die drei am Postamt ankommen, steckt Saba ihren selbst gemachten Stadtplan weg, rückt ihr Kopftuch so zurecht, wie sie das bei erwachsenen Frauen gesehen hat, und läuft direkt zu Fereydun am Schalter, dessen Gesicht ernst wird, als er sie auf sich zuspringen sieht. Reza und Ponneh warten im Hintergrund, dass sie ihren Preis in Empfang nimmt, damit sie anschließend zum Eisladen gehen können, wie Saba es ihnen versprochen hat. Sie lächelt Fereydun höflich an. Der wischt sich mit einer behaarten Hand über die wuchtige Stirn und sieht aus seinem Schalterfenster zu ihr herab. »Wieder nichts, kleine Khanom.«

Sie übergeht das. »Hafezi«, sagt sie, hoffnungsfrohe Augen auf sein blasses Gesicht gerichtet, kleine Finger, die die Schalterkante zwischen ihnen umklammern. »Hafezi aus Cheshmeh.«

Fereydun beginnt, vor sich hin zu murmeln, während er so tut, als würde er den Stapel Post hinter sich durchsehen. »Nein, nichts für Hafezi. Versteh doch, Mädchen, die Post wird euch nach Cheshmeh gebracht. Du musst nicht extra herkommen.«

Saba weiß, dass Fereydun ihrer überdrüssig ist. Aber sie hatte heute so ein gutes Gefühl, weil ihre Freunde mitgekommen sind und weil es genau einen Monat her ist. Sie dreht sich um und schaut zu Reza und Ponneh hinüber, die sich jetzt in der Nähe eines älteren Mannes herumdrücken, damit keiner merkt, dass sie allein sind.

Einen Moment lang ist sie wie erstarrt – selbst das aufgesetzte Lächeln in ihrem Gesicht –, und Fereydun räuspert sich mehrmals und blickt auf die Uhr an der Wand. Schließlich kommt Reza angelaufen und nimmt ihre Hand. Er versucht, wie ein Städter zu reden, und sagt: »Danke für Ihre Mühe, werter Herr.« Dann macht er zwei klägliche, angedeutete Verbeugungen und zieht Saba weg.

Reza will zur Tür, doch Saba reißt sich los. Sie braucht seine Hilfe nicht. Außerdem sind sie in einem Amtsgebäude, zwei Mädchen und ein Junge allein, und schon das kann ihnen Ärger einbringen. Als er wieder nach ihrem Arm greift, stößt sie ihn weg und rennt aus der Post, versucht, die Tränen zu verbergen, die sich hinter ihren Lidern sammeln.

Ponneh und Reza folgen ihr nach draußen, die Straße hinunter und in eine schmale, gebogene Sackgasse. Saba weiß, dass sie ihr folgen, weil sie ihre gedämpften Stimmen hört, die dann und wann noch leiser werden, wenn sie sich hinter vorgehaltener Hand etwas zuflüstern.

»Hör auf, dran rumzukratzen!«, sagt Reza zu Ponneh – bestimmt hat sie wieder an der Kruste an ihrem Ellbogen gepult. Er ermahnt sie dauernd, aber sie hört nie auf ihn. »Denk an den Strom von Blut.«

Saba denkt an den Strom von Blut, ein Farsi-Wortspiel, das Mahtab zusammen mit einem der illustrierten Bücher ihrer Mutter über Allgemeinmedizin benutzte, um Ponneh Angst einzujagen. Jetzt, wo Mahtab nicht mehr da ist, muss Saba das Ungleichgewicht der Lage korrigieren, Ponneh von ihren abergläubischen Vorstellungen befreien und eine neue Verschworene finden. Seit Wochen ist Saba gezwungen, zwei Menschen auf einmal zu sein, Mahtabs Gedanken und Gefühle ebenso zu erfassen wie ihre eigenen, damit ihre Zwillingsschwester nicht ausgelöscht wird. Wenn Mahtab jetzt neben ihr ginge, und genau das stellt Saba sich vor, würde sie alle medizinischen Schrecken heraufbeschwören, die drohen, wenn man Schorf aufkratzt.

Saba lässt sich im Schneidersitz auf den schmutzigen, ungepflasterten Bürgersteig sinken und lehnt den Kopf an eine Lehmmauer. Sie spürt die Blicke ihrer Freunde auf sich, als sie das Gesicht an die Mauer drückt und damit rechnet, die Essensgerüche aus dem Nachbarhaus zu riechen, oder trockene Erde und Regenwürmer. Doch die Mauer riecht nach Fisch und Schlamm und Meer. Sie weicht zurück, vergräbt das Gesicht in ihrem Ärmel. Das Meer ist weit weg, doch sein Geruch ist immer nah – dieser böse kaspische Geruch. Sie ist nicht bereit, ihn wieder froh zu begrüßen, obwohl sie den Geruch des Meeres früher geliebt hat. Vielleicht wird sie ihn irgendwann wieder lieben, aber jetzt versucht sie, sich gegen das nahende Wasser zu wehren. Ihre Hände heben sich an den Hals, und ihr Atem wird schneller. Sie versucht, das Albtraumbild zu verjagen, Mahtab im Wasser, an dem Tag, als sie das letzte Mal mit ihr sprach, an dem Tag, den die Erwachsenen als Glückstag bezeichnen, weil Saba unversehrt davongekommen ist. Von Gottes Hand gerettet, sagen sie. Saba weiß es besser, weil sie dabei war, als beide Zwillinge gerettet wurden. Wieso war Mahtab so schnell verschwunden? Wieso durfte sie nach Amerika?

Und was war im Wasser passiert? Sie erinnert sich daran, dass sie und Mahtab sich mitten in der Nacht aus dem Ferienhaus schlichen, um schwimmen zu gehen. Sie erinnert sich daran, dass sie in den Wellen spielten. Das halb salzige Wasser des Kaspischen Meeres kosteten. Einen Fisch vorbeischwimmen sahen. Sie erinnert sich an Häuser auf Stelzen, umhüllt von dem Nachtnebel, der davonschwebte, während sie mit ihrer Schwester weiter aufs Meer hinaustrieb. Mahtab planschte noch immer herum und sang amerikanische Lieder, während Saba das Einzige tat, zu dem sie noch in der Lage war, wenn sie Angst hatte. Sie weigerte sich, ihre Zwillingsschwester zu verlassen, auch als sie längst wusste, dass sie nur noch nach Hause wollte. Sie ließ sich auf dem Rücken treiben und erzählte Mahtab flüsternd Geschichten, und Mahtab brachte ihr vier neue englische Wörter bei, die sie in der letzten Woche gelernt hatte. Vier geheime Wörter, die Saba noch nicht kannte. Mahtab entschuldigte sich dafür, dass sie sie für sich behalten hatte, als hätte sie heimlich vier Bonbons eingesteckt, während sie ihre Portionen abzählte. Eins für Mahtab. Eins für Saba.

Dann erinnert sich Saba daran, dass irgendetwas sie zwang, ganz viel Salzwasser zu schlucken. Ein Moment verging, in dem sich die Küstenlinie hob und senkte, ehe die stinkigen Schmirgelpapierhände eines Fischers sie beide aus dem Meer zogen. Während der ganzen schläfrigen Bootsfahrt zurück an Land sang Mahtab alberne Lieder. Oder war das an einem anderen Tag, wie die Erwachsenen behaupten? In ihrer Erinnerung trägt Mahtab eine gelbe Fischerjacke aus Plastik wie die, die sie letztes Jahr in den Ferien verlor. Vielleicht hat sie sie im Wasser gefunden. Oder vielleicht gehörte die dem Fischer. Was passierte dann? Aufblitzende Erinnerungen an Menschen, die sich gegenseitig anschreien. Polizisten, die ihr ins Gesicht spähen. Schwarze Flecken.

Eine Sekunde später war sie in einem Krankenhausbett in Rasht. Wo war Mahtab? Ärzte und Nachbarn wuselten um sie herum und sagten: Keine Sorge. Mahtab geht’s gut. Und dann, nachdem sie genug Zeit gehabt hatten, um ihre Pläne für Amerika auszuhecken, änderten sie ihre Geschichte.

Saba merkt, dass Ponneh mit ihren schönen Mandelaugen forschend ihr Gesicht betrachtet, und sie sagt sich, dass sie tapfer sein muss. Um sich zu beruhigen, wiederholt sie Wörter aus ihrer Englisch-Liste.

Banal. Bandit. Bandy.

»Ich hab was geträumt«, sagt sie mehr oder weniger Richtung Wand. »Meine Maman ist in die Schule gekommen und hat mir gesagt, dass ich nicht genug Englisch gelernt hab und dass ich deshalb nicht mit Mahtab reden kann.«

Ponneh kratzt sich die Spitze ihrer zarten Nase und schielt zu Reza hinüber. »Kommt, wir gehen Kuchen kaufen«, schlägt sie mit leicht unsicherer Stimme vor.

Mahtab hätte nach der Bedeutung des Traums gefragt.

»Ich glaube, das heißt, dass ich Maman wiedersehe«, sagt Saba, weil sie beschlossen hat, lieber Mahtabs Frage zu beantworten, als auf Ponnehs Vorschlag einzugehen, und blickt zu ihren Freunden hoch. Sie lächelt breit, um den beiden auch ein Lächeln abzuringen. »Und Mahtab auch«, fügt sie hinzu und lehnt den Kopf wieder an die Mauer. Sie schiebt ihr Kopftuch runter auf die Schultern und zupft sich einen losen Faden vom Pullover, während sie eine amerikanische Melodie von einer der verbotenen Musikkassetten summt, die ihr Vater jetzt duldet, da sie ein zartes, gefährdetes Etwas ist, das behutsam mit beiden Händen gehalten werden muss.

»Lasst uns was spielen«, schlägt Ponneh vor. Als Saba nicht reagiert, wird ihr Gesicht hart. Sie setzt sich neben Saba, zieht deren Hand von dem losen Faden weg und verschränkt ihrer beider Finger miteinander. »Du solltest einfach zugeben, dass Mahtab tot ist … wie alle sagen.«

Mahtab hätte erst hundert Möglichkeiten durchgespielt, ehe sie so eine gigantische Niederlage eingestanden hätte, vor allem eine unbewiesene. Wie können denn alle glauben, dass Mahtab tot ist, ohne ihre Leiche gesehen zu haben, ohne ein Ohr an ihre Brust gelegt und die Schläge gezählt zu haben? Manchmal wacht Saba nachts auf, die Haut wieder nass und salzig, nachdem sie in ihrem Albtraum Mahtabs Körper gesehen hat, ertrunken und vom Grund des Meeres gefischt. Er sieht genauso aus wie ihr eigener, deshalb ist es doppelt schrecklich. Vielleicht gibt es keinen Körper, weil Mahtab nie existiert hat. Vielleicht war sie nur Sabas eigenes Bild im Spiegel. Ist sie jetzt dort gefangen? Kann Saba das Glas mit der Faust zerschlagen und Mahtab herausziehen?

Reza steht noch immer neben ihnen, blickt dann und wann Richtung Hauptstraße und nagt sich die Unterlippe wund. Ponneh signalisiert ihm immer wieder, er soll sich neben Saba setzen, ihr etwas Aufmerksamkeit widmen. Das ist Ponnehs Art, ihre beste Freundin zu trösten: Sie bietet Reza als Geschenk an; er ist bloß ein Junge und deshalb gut für so was. Aber Reza bleibt auf seinem Posten. »Meint ihr, der pasdar findet uns hier?«, fragt er und späht wieder die Gasse hinunter. Er nagt weiter an seiner Lippe und tritt nervös gegen seinen Ball, flüstert: »Iran, Iran! TOR!«

»Aber vielleicht ist sie nicht tot«, sagt Saba, wie sie das im vergangenen Monat hundert Mal gesagt hat. Sie berührt ihren Hals, reibt ihn mit beiden Handflächen, ein neuer Tick, von dem sie weiß, dass er ihre Familie und Freunde beunruhigt. »Vielleicht ist sie mit meiner Mutter nach Amerika gegangen.«

»Meine Maman sagt, dass deine Maman nicht nach Amerika gegangen ist«, flüstert Reza über ihnen. »Und dass sie nicht zurückkommt.«

»Deine Maman ist eine verlogene Schlange«, kontert Saba. »Ihr werdet es schon sehen, wenn Mahtab einen Weg findet, mir einen Brief zu schreiben. Sie ist viel schlauer als ihr beide zusammen.«

Ponneh setzt diesen betroffen-besorgten Blick auf, den sie schon mit acht Jahren tadellos beherrschte. Es ist überzeugend, sogar tröstlich, wenn Ponneh so tut, als wäre sie erwachsen. »Es wird keine Briefe geben«, sagt sie: eine Tatsache, so offensichtlich wie das blaue Meer.

Reza verschränkt die Arme und murmelt: »Warum soll meine Mutter denn lügen?«

»Dafür gibt’s Millionen Gründe«, sagt Saba. »Ich hab sie gesehen – alle beide –, im Flughafen. Und außerdem, Baba und ich haben Maman selbst hingefahren. Sie hatte einen Pass dabei, und Papiere und alles. Ponneh, das weißt du doch noch, oder?«

Ponneh nickt und packt Sabas Hand noch fester. »Trotzdem.«

»Genau«, sagt sie und zuckt kein bisschen, als Ponneh, die immer gern an irgendwas rumfummelt, wenn sie nervös ist, anfängt, den Lack von Sabas Fingernägeln zu kratzen. »Du glaubst mir. Ich hab sie mit eigenen Augen gesehen. Vielleicht haben sie gesagt, sie ist tot, um die pasdars von meiner Mutter abzulenken, damit sie uns in Ruhe lassen … Wahrscheinlich hat Baba alle dafür bezahlt, dass sie lügen.« Mit dem Daumen reibt sie Schmutzflecken von ihren Schuhen, das letzte von ihrer Mutter ausgesuchte Paar, das noch passt. Nach einer Weile beschließt sie, dass alles in Ordnung ist. Mahtab wird ihr bald schreiben, und einige Tatsachen sind nun mal glasklar – der Pass, die Fahrt zum Flughafen. Die kann keiner abstreiten. Sie wischt sich übers Gesicht, atmet ein letztes Mal tief ein und zieht sich aus dem Abgrund heraus. Sie leckt sich die salzige Oberlippe und wechselt, um sich abzulenken, das Thema. »Ich hab gehört, Khanom Omidi hat vier Ehemänner, jeden in einer anderen Stadt.«

»Nein. Im Ernst?« Ponneh blickt auf, alles Schlimme vergessen. »Woher weißt du das?«

»Die Khanom-Hexen.« Saba zuckt die Achseln. »Die reden andauernd übereinander.«

Die drei Khanom-Hexen, so nennt Saba die Nachbarinnen, die im Haus der Hafezis ein und aus gehen, seit ihre Mutter fort ist. Sie können Sachen, die ihr Vater nicht kann, und so sind sie zu ihren Ersatzmüttern geworden. Sie erzählen Geschichten, kochen, putzen, tratschen, und am besten ist, dass sie einander auf herrlich unterhaltsame Art hintergehen.

Khanom Omidi, die Gute, sagt fast jeden Tag: »Ich hab eine Überraschung für dich, Saba-dschan. Eine große Überraschung. Aber nicht den anderen zeigen.« Dann kommt sie schwerfällig mit ihrem vielen überschüssigen Fleisch angestapft, in einem bunten Tschador, einem langen, weiten Gewand, das sie trägt, seit sie nicht mehr auf den Feldern arbeitet. Er verbirgt nur unzureichend ein Missgeschick, durch das ihr weißes Haar beim Färben lila-braun geworden ist. Manchmal strafft sich die alte Frau das Gesicht mit Klebeband, zum Schutz gegen Falten. Ihr Schielauge durchsucht den Vorrat an Münzen, den sie einmal in den Falten ihres Tschadors verbirgt, ein anderes Mal auch in einem Gummibund, und sie schenkt Saba ein paar, die diese Münzen aufmerksamer hütet als sämtliche Geldscheinbündel von ihrem Vater.

Khanom Basir, die Böse und Rezas Mutter, sagt ebenso oft: »Saba, komm her … allein.« Ihre dünnen Lippen sprechen unliebsame Worte, während die Augen in ihrem mageren, eckigen Gesicht Sabas Körper nach Anzeichen des Frauwerdens absuchen. »Ist in letzter Zeit irgendwas Besonderes passiert … im Hamam oder auf der Toilette?« Jedes Mal, wenn sie das fragt, hasst Saba sie, weil sie nicht weiß, worauf Khanom Basir hinauswill und was sie vielleicht Reza erzählt.

Die dritte Hexe, Khanom Mansuri, die Uralte, schnarcht einfach nur in irgendeiner Ecke von Sabas Haus und gibt gelegentlich für die beiden anderen Frauen jahrhundertealte Weisheiten über Kinder zum Besten. Verglichen mit Ponneh und Reza, die auf einer schmalen Straße unterhalb der Hafezi-Villa wohnen, wo sich einige kleine Häuser mit selbst genähten Gardinen oder Vorhängen und ein paar einfachen Bequemlichkeiten (kleiner Kühlschrank, Küchentisch, Gasherd) drängen, leben Khanom Omidi, die Gute, und Khanom Mansuri, die Uralte, noch bescheidener. Ihre niedrigen Hütten aus Holz, Stroh und mit gehacktem Reis vermischtem Lehm ducken sich nur eine kurze holprige Autofahrt oder einen flotten Spaziergang hinter dem Wochenbasar auf den Hügeln unter Reisstroh-Walmdächern. In der Abgeschiedenheit im Wald können die Frauen ihre Schuhe draußen vor der Tür stehen und die Hühner frei herumlaufen lassen, deren Eier sie auf dem Markt verkaufen. Vor vielen Jahren hat jede von ihnen mal die Hosenbeine hochgekrempelt und ist gebückt durch Reisfelder gewatet – so haben sie Agha Hafezi kennengelernt, der sie zu Betreuerinnen seiner Töchter machte.

Saba erscheinen ihre Häuser wie Töpferarbeiten, wie Kunstwerke. Sie fühlt sich wohl und geborgen, wenn sie sich in winzigen Zimmern aufhält, zwischen dicken Vorhängen, die einen muffigen Raum unterteilen, oder in niedrigen, kuscheligen Ecken sitzt, eingehüllt in Decken, die von Kohleöfen und Öllampen gewärmt werden, wenn morgens frischer Tee aus Samowaren fließt und kleine Sprossenfenster sich auf grüne Weiten öffnen und den Duft von nassem Gras hereinlassen. Sie fühlt sich zu der Enklave von Müttern hingezogen, die Kittel tragend in heißen, engen Küchen hocken, Berge aus Hühnerhaut und Knoblauchschalen bauen, brodelnde Töpfe im Auge behalten und Granatapfelsaft in Becher pressen, die Ponneh und Reza hin und her reichen, die Saba aber nicht anrühren darf. Manchmal kriecht Saba aus Trotz gegenüber ihrem Vater in die Bettmatten, sorgsam mit der Hand genähte dicke Decken, die in allen vier Ecken liegen, wo die Familien gemeinsam schlafen. Das Bettzeug riecht nach Haaröl und Henna und Blütenblättern.

Agha Hafezi will nicht, dass Saba bei ihnen ein und aus geht, daher erlaubt er ihren Ersatzmüttern, sich frei in seinem Haus zu bewegen, seine große westliche Küche zu benutzen und mit Saba in ihrem Zimmer zu spielen, wo das Bett sich über den Boden erhebt und es einen Schreibtisch für ihre Unterlagen gibt.

Ponneh scheint jetzt über Khanom Omidis geheimes Leben nachzugrübeln. »Eins weiß ich jedenfalls«, erklärt sie. »Omidi hat ein Plastikbein. Ich hab mal gesehen, wie sie es abgenommen und mit Bonbons und Blütenblättern gefüllt hat, damit’s nicht stinkt.«

»Blödsinn«, sagt Reza. Genau wie Saba hat er die stets summende Khanom Omidi mit ihrem fleischigen Gesicht ins Herz geschlossen. »Die Bonbons hat sie irgendwo in ihrem Tschador.«

Woher weiß Reza von dem Schatz-Tschador? Khanom Omidi ist doch Sabas gute Hexe – die an die Stelle ihrer Mutter getreten ist. »Das glaubt keiner mehr«, sagt sie. »Ich hab mir mal ihr Bein angeguckt, als sie geschlafen hat, und es ist bloß voll Fleisch.« Ihre Freunde stoßen ein zustimmendes Lachen aus. »Aber das, was man alles über Khanom Basir erzählt, stimmt! Ich hab gehört, sie ist eine echte Hexe!«

»Du lügst!«, sagt Reza, allzeit bereit, seine Mutter in Schutz zu nehmen.

Die Mädchen sehen sich an und prusten los. Dann folgen die altvertrauten Witze über Gläser mit geheimnisvollen Tinkturen und an Dächern aufgehängte getrocknete Affenzehen. Zuerst überhört Reza sie, dann schnappt er sich seinen Rucksack und tut so, als wollte er gehen.

»Nein, bleib hier!«, sagt Ponneh gespielt kokett. »Du darfst mich auch küssen … auf den Mund.«

Reza, der noch immer etwas sauer ist, hängt sich den Rucksack um und sagt: »Da musst du dir schon was Besseres einfallen lassen.«

Saba versucht, nicht zu lachen, obwohl Ponneh es verdient hat, weil sie so hochnäsig ist. »Ich bring euch ein paar englische Wörter bei«, schlägt sie vor. »Abalone bedeutet … ähm … Witwengeld.«

Reza blickt nach unten auf Sabas Rucksack. »Was hast du da drin?«

Saba zupft an dem Reißverschluss, weil sie wirklich etwas dabeihat, das ihn zurückhalten wird. Wie sie ist Reza ganz verrückt nach amerikanischer Musik, und Saba ist seine einzige Quelle. Er leiht sich ihre alten Kassetten aus und versucht, die Noten auf der setar seines Vaters nachzuspielen, die die meiste Zeit Staub ansetzt, seit sein Vater weggegangen ist, um bei seiner neuen Familie zu leben. »Wahrscheinlich hast du noch nie was von Pink Floyd gehört«, sagt sie.

»Hab ich wohl«, sagt Reza, dessen Stimme und Finger vor Vorfreude beben. »Kann ich mal sehen?«

Er lügt offensichtlich, aber Saba widerspricht ihm nicht. Sie nimmt eine unbeschriftete Kassette und hält sie ihrem Freund hin. »Kannst du behalten«, sagt sie. »Ich hab sie oft genug gehört.«

»Ehrlich?« Reza starrt auf die Kassette, während er sich hinsetzt und seinen Rucksack abstreift. Saba rückt näher an ihn ran und erzählt ihm, worum es in ihrem Lieblingssong von Pink Floyd geht, nämlich um Ziegelsteine und Lehrer und rebellische Kinder – ein Song, der so illegal ist, dass sich hundert Mullahs in die Hose machen würden, wenn sie auch nur eine einzige Zeile daraus hörten.

»Das darfst du nicht annehmen«, sagt Ponneh. Rezas Augen huschen kurz von der Kassette weg. Er blickt Ponneh an, als wollte er sie anflehen, ihren dörflichen Stolz zu vergessen. Dann sinken seine Schultern herab, und Saba muss seine Enttäuschung, Ponnehs gekränkten, wütenden Blick und die Tatsache ertragen, dass sie die beiden in ihrer gemeinsamen Armut vereint hat. Vielleicht handeln ihre Freunde so, weil sie wissen, dass Saba nicht mehr mit ihnen spielen dürfte, wenn es in ihrer Nähe irgendwelche Englisch sprechenden Stadtkinder gäbe. Der einzige Grund, warum sie nicht auf eine Schule in Teheran oder Rasht geschickt wird, ist der, dass ihr Vater es nicht ertragen könnte, noch eine Tochter zu verlieren. Und ganz gleich, wie viele verschlissene alte Jeans oder unmoderne geblümte Kopftücher sie trägt oder wie gut sie ihren Dialekt nachahmt oder versucht, Gilaki zu sprechen, sie ist und bleibt eine Außenseiterin.

»Was, wenn ich dafür bezahle?«, schlägt Reza vor, kramt prompt in seinen Taschen nach Geld und zählt die Münzen ab. Er hat ein paar Toman, nicht mal genug für eine leere Kassette.

»Brauchst du nicht«, sagt Saba und wünschte, sie wäre erwachsen und könnte einem geliebten Menschen ein Geschenk machen, ohne in Verdacht zu geraten, sie wollte angeben. Dann greift sie in seine ausgestreckte Hand und nimmt die kleinste Münze. »Das reicht«, sagt sie.

Sie bleiben noch zwei Stunden in der Gasse sitzen. Saba und Ponneh flechten sich gegenseitig die Haare, während Reza loszieht, um für sie drei was zu essen zu kaufen. Er kommt mit Joghurt-Soda zurück, und sie reden über Sabas Unterricht, denn obwohl sie jetzt in dieselbe kleine Schule geht wie alle Kinder von Cheshmeh, deren Eltern sie entbehren können, ist sie die Einzige, die zusätzlich von Privatlehrern aus der Stadt in Englisch, Altpersisch, Mathematik und allen möglichen Naturwissenschaften unterrichtet wird. Reza durchstöbert Sabas Rucksack nach anderen Kostproben von Luxus, die ihn so offensichtlich faszinieren. Er zieht eine zerfledderte, vergilbte Illustrierte heraus und starrt die schöne blonde Frau auf dem Titelblatt an. »Was ist das?«, fragt er, und Ponneh rutscht zu ihm rüber, um einen Blick darauf zu werfen. Saba sieht, dass er sich nicht traut, die Frage zu stellen, die sich auf ihrer beider Gesichtern abmalt: Ist das aus England oder Deutschland oder Frankreich? Oder vielleicht … Amerika?

»Eine alte Illustrierte. Hab ich von Mamans Freundin bekommen, damit ich Englisch üben kann«, sagt sie. »Ist fast so alt wie ich.« Dann fügt sie hinzu, wobei ihre Begeisterung ebenso wächst wie die ihrer Freunde: »Die ist aus Amerika.« Die Zeitschrift hat sie von einer Collegefreundin ihrer Mutter, einer eleganten Ärztin namens Zohreh Sadeghi, die weit weg wohnte und sich im Flüsterton mit Maman über das neue Regime und den Schah unterhielt. Die Zwillinge nannten sie nur Dr. Zohreh. Nach der Nacht im Kaspischen Meer hat sie Saba im Krankenhaus besucht.

Ponneh und Reza stecken die Köpfe zusammen, um sich die schlaffen Seiten anzuschauen – jedes schattenhafte Foto, jede bunte Abbildung, jedes Detail eines mystischen amerikanischen Lebens, das hier nicht mehr willkommen ist. Saba hat ein schlechtes Gewissen, weil es ihr so vorkommt, als wären Träume von einem solchen Leben – Träume von etwas Besserem, Anderem, von amerikanischen Ansprüchen – ein Verrat an ihren Freunden, an Reza, der im Alter von elf schon Nationalist ist und voller Gilaki-Ideale, an Ponneh, die nun ihre neue Mahtab werden muss. Saba übersetzt die englischen Wörter auf dem Titelblatt: »LIFE«, sagt sie, während sie mit den Fingern über die rot-weißen Blockbuchstaben streift. »Zweiundzwanzigster Januar 1971. Fünfzig Cent.«

»Wie viel ist das?«, fragt Ponneh.

»Sehr viel«, sagt sie, obwohl sie sich nicht sicher ist.

»Wer ist die feine Frau?«, fragt Reza und wagt es, das gelbe Haar auf der brüchigen Seite zu berühren. »Die ist inzwischen bestimmt schon alt und grau.«

»Hier steht ihr Name«, sagt Saba und gibt sich besondere Mühe, ihn richtig auszusprechen, ehe ihr einfällt, dass Ponneh und Reza das ja gar nicht beurteilen können. »Te-rii-scha Nick-soon.«

»Komischer Name«, sagt Ponneh. »Klingt, wie wenn sich einer den Bart rasiert – riisch-tarasch.«

»Das ist die Tochter vom amerikanischen Schah«, sagt Saba, weil sie die Illustrierte mittlerweile hundert Mal gelesen hat und das weiß.

Reza nickt ernst. »Ja, ja, diesen Nickson kenn ich. Großer Mann.«

Ponneh verdreht die Augen, und Saba schlägt die Zeitschrift in der Mitte auf, wo Bilder aus dem Leben dieser schönen jungen Frau für Millionen abgedruckt sind. Sie ist eine Prinzessin. Schahzadeh Nixon. Da ist sie in einem teuren amerikanischen Kleid (vier verschiedene Kleider auf ebenso vielen Seiten!), mit ihrem koketten amerikanischen Lächeln und ihrem strahlenden amerikanischen Verehrer – ein junger Bursche, so blass und hübsch, dass er Filmschauspieler sein könnte, wenn er nicht damit beschäftigt wäre, über seine Schulter Fotografen zuzulächeln und auf die Hände seiner Zauberfee zu starren, als würde er sich ein ganz kleines bisschen langweilen.

»Haben die ein Glück«, flüstert Ponneh. »Lies das mal«, sagt sie und zeigt auf eine Überschrift.

»ED COX, A SCION OF OLD MONEY WITH THE INSTINCTS OF A LIBERAL.«

»Da kommen ein paar schwierige Wörter drin vor, aber Maman hat’s mir mal übersetzt«, sagt Saba. »Das heißt, sein Geld ist alt, und seine Gedanken sind neu. Genau das Gegenteil von dem, wie es sein sollte.«

Ponneh will sich nicht anmerken lassen, dass sie verwirrt ist, also nimmt Saba die Schultern zurück und sagt gewichtig: »Alte Gedanken sind Gedanken von Philosophen und deshalb besser als die von Revolutionären. Und neues Geld ist Geld, das man sich verdient hat – wie mein Baba.« Sabas Mutter ließ gern unerwähnt, dass die Ländereien der Hafezis geerbt waren – und nur ein Bruchteil dessen, was die Familie unter dem Schah besessen hatte. Dieses Detail hätte nicht gut in die Lektion gepasst, und es war eine traurige Vorstellung, dass es im neuen Iran unmöglich war, durch eigener Hände Arbeit aufzusteigen. Kein shalizar-Besitzer macht ein Vermögen allein durch den Verkauf von Reis. Er muss seine Pacht bezahlen und Bestechungsgelder und Zinseszins. Saba weiß das, hat mit ihren Mathelehrern die Berechnungen angestellt, hält sich aber an das Beispiel ihrer Mutter und vergisst, es zu erwähnen.

»Und was steht da?« Ponneh zeigt auf eine Bildunterschrift, doch Saba hört nicht mehr hin.

»Da wohnt Mahtab jetzt«, sagt sie und betrachtet den opulenten Speisesaal mit seinen üppigen Vorhängen und glitzernden Dekozweigen und befrackten Männern.

Die anderen schweigen einen Moment, dann murmelt Reza: »In dem Haus von dem amerikanischen Schah?«

»Ich mein doch nicht genau da«, sagt sie. Sie holt zwei andere Zeitschriften hervor, die sie in ihren Rucksacktaschen versteckt hatte. Sie blättert die Seiten durch, die alle typische Bilder amerikanischen Lebens zeigen – wallendes Haar und Farbfernseher. Cabrios und Apfelkuchen. Hamburger, Zigaretten und stapelweise Musikkassetten. Eine ausdruckslose Statue mit einer Fackel in der Hand. Kleine Lokale für die Bauernschicht, in denen es Pfannkuchen zum Frühstück gab.

Dann zieht Saba aus einer der Illustrierten drei handbeschriebene Seiten. »Was, wenn ich euch verraten würde, dass Mahtab mir schon geschrieben hat?« Sie wedelt ihnen mit den Blättern vor der Nase herum, die Augen freudig erregt, weil sie etwas weiß, das sie nicht wissen. »Ist doch ganz klar, dass Maman mich nicht anruft«, sagt sie, als ihr Blick auf eine Reklame für eine Telefongesellschaft fällt. »Sie will nicht, dass ich im Hintergrund Mahtab höre, weil alle meinen, ich wäre gekränkt, weil sie entschieden haben, dass nur sie nach Amerika darf.«

»Hör auf«, sagt Ponneh mit zittriger Stimme. »Ich will nach Hause.«

»Das sind doch bloß Englisch-Hausaufgaben«, sagt Reza, ohne Saba dabei richtig anzusehen. »Wo ist der Umschlag? Und die Briefmarken?«