Verlag: HarperCollins Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Ein Teil von ihr E-Book

Karin Slaughter  

4.5 (98)
Bestseller Neu

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E-Book-Beschreibung Ein Teil von ihr - Karin Slaughter

Nach »Die gute Tochter« begeistert Spiegel-Bestseller-Autorin Karin Slaughter mit ihrem neuen Thriller »Ein Teil von ihr«. Provokanter und raffinierter als alles, was sie zuvor geschrieben hat. Wir alle kennen unsere Mütter. Oder etwa nicht? Wieder und wieder sieht Andrea Oliver das Gesicht ihrer Mutter Laura vor sich: gelöst, gutmütig, beherrscht - während sie einem Menschen das Leben nimmt. Nur knapp konnten sie beide einer grauenvollen Schießerei entkommen. Andrea will Antworten, doch stattdessen zwingt ihre Mutter sie in eine riskante Flucht. Weil sie verfolgt wird. Weil sie ein dunkles Geheimnis hat. Andrea folgt dem Befehl ihrer Mutter. Doch je weiter sich ihr die wahre Identität dieser Frau enthüllt, desto mehr entpuppt sich ihr Leben als eine Lüge. Wer ist ihre Mutter wirklich? »Dieser Thriller wird Sie um den Schlaf bringen. Für Slaughter-Fans ist "Ein Teil von ihr" ein absolutes Lese-Muss.« ok! »Wie immer hat Slaughter … keine Scheu, Verbrechen in all ihrer Brutalität und Grausamkeit zu schildern. […] Daneben aber beweist sie ebenso viel Gespür für die Zerrissenheit, für Sehnsüchte und Ängste, für starke Gefühle und damit verbundene innerliche Eruption, kurz: für die Komplexität ihrer Charaktere.« dpa »Karin Slaughters "Ein Teil von ihr" liest sich als moderne Geschichte über komplizierte Vereinigte Staaten von Amerika, in der charakteristische Merkmale des American Way of Life ebenso aufscheinen wie der Mythos vom Grenzland.« krimi-couch.de »Provokanter und raffinierter als alles, was sie zuvor geschrieben hat.« vol.at »Eine spannende Lektüre bis zum Schluss.« SpotOnNews »Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite.« Magazin-frankfurt.com »Karin Slaughter gilt völlig zu Recht als eine der besten Krimi-Autoren der USA. Ihre Geschichten fesseln von Anfang bis Ende.« IN »Karin Slaughter zählt zu den talentiertesten und stärksten Spannungsautoren der Welt.« Yrsa Sigurðardóttir »Jeder neue Thriller von Karin Slaughter ist ein Anlass zum Feiern!« Kathy Reichs »Karin Slaughter bietet weit mehr als unterhaltsamen Thrill.« SPIEGEL ONLINE über »Pretty Girls«

Meinungen über das E-Book Ein Teil von ihr - Karin Slaughter

E-Book-Leseprobe Ein Teil von ihr - Karin Slaughter

HarperCollins®

Copyright © 2018 by HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH

Copyright © 2018 by Karin Slaughter Originaltitel: »Pieces of Her« erschienen bei: William Morrow, New York Published by arrangement withWilliam Morrow, an imprint of HarperCollins Publishers, US

Der Abdruck der Gedichte »Niemand bin ich! Wer bist du?« (S. 7) und »Ich spüre einen Spalt im Geist« (S. 495) von Emily Dickinson erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags. Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gunhild Kübler © 2015 by Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München Covergestaltung: HarperCollins Germany / Deborah Kuschel, Artwork HarperCollins Publishers Ltd 2018 Coverabbildung: Oana Stoian/Trevillion Images, Boule, jannoon028/Shutterstock Lektorat: Silvia Kuttny-Walser

ISBN E-Book 9783959677790

www.harpercollins.de

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

WIDMUNG

Meinen GPP peeps gewidmet*

*gemeint sind die Mitarbeiter von HarperCollins weltweit

ZITAT

Niemand bin ich! Und du?

Ein Niemand – noch dazu?

Dann sind wir zwei im Land!

Still! Gleich wird man bekannt!

Wie öde – Jemand sein!

Sein Lebtag – Fröschen gleich –

Den eignen Namen auszuquaken –

Für den Applaus im Teich!

Emily Dickinson

PROLOG

Selbst als sie ihn noch liebte, hatte ein Teil von ihr ihn jahrelang zugleich gehasst, auf diese kindische Art, so wie man etwas hasst, das man nicht beherrschen kann. Er war eigensinnig, dumm und gut aussehend, und deshalb kam er mit verdammt vielen Fehlern durch. Dabei machte er ständig Fehler, immer wieder die gleichen, denn wozu neue ausprobieren, wenn die alten so gut funktionierten?

Er hatte außerdem Charme, das war das Problem. Er zog sie in seinen Bann. Er reizte sie bis zur Weißglut. Dann wickelte er sie wieder um den Finger, bis sie am Ende nicht mehr wusste, wer von ihnen die Schlange war und wer der Schlangenbeschwörer.

Und so segelte er dahin auf seinem Charme und seinem Furor, er verletzte Menschen, er fand neue Dinge, die ihn plötzlich mehr interessierten, und ließ die alten zerstört in seinem Kielwasser zurück.

Bis ihn sein Charisma urplötzlich im Stich ließ. Ein entgleister Straßenbahnwagen. Ein führerloser Zug. Auf einmal waren die Fehler unverzeihlich, ein zum zweiten Mal begangener Fehler wurde nicht mehr ignoriert, und als er ihn zum dritten Mal machte, zog es schwerwiegende Konsequenzen nach sich, die mit dem Verlust eines Menschenlebens und einem Todesurteil endeten und um ein Haar dazu geführt hätten, dass ein weiteres Leben verloren ging – ihr eigenes.

Wie konnte sie jemanden weiter lieben, der versucht hatte, sie zu vernichten?

Als sie mit ihm zusammen gewesen war – und sie war während der langen Zeit seines Absturzes definitiv mit ihm zusammen gewesen –, hatten sie beide wütend gegen das System aufbegehrt: die Heime, die Notunterkünfte, die Klapsmühle, die geschlossene Anstalt, die Verwahrlosung. Das Personal, das die Patienten vernachlässigte. Die Pfleger, die die Zwangsjacken anlegten. Die Schwestern, die nicht hinsahen. Die Ärzte, die ihre Tabletten ausgaben. Der Urin auf dem Boden. Die Fäkalien an den Wänden. Die Insassen, die Mitgefangenen, mit ihren Schikanen, ihren Begierden, ihren Schlägen, ihren Bissen.

Der Funke der Wut, nicht die Ungerechtigkeit, war es gewesen, was ihn am meisten erregt hatte. Das nie Dagewesene, die Möglichkeit der Zerstörung. Das Spiel mit der Gefahr. Die drohende Gewalt. Die Chance, berühmt zu werden. Ihre Namen in den Schlagzeilen zu lesen. Ihre rechtmäßigen Taten im Schulunterricht zu hören, wo die Kinder ihre Lektion über den Umsturz lernten.

Ein Penny, ein Nickel, ein Dime, ein Vierteldollar, ein Dollarschein …

Was sie für sich behalten hatte, das war die eine Sünde, die sie auch sich selbst nie eingestehen konnte: dass sie jenen ersten Funken entfacht hatte.

Sie hatte immer vehement die Überzeugung vertreten, dass man die Welt nur verändern konnte, indem man sie zerstörte.

20. AUGUST 2018

1

»Andrea«, sagte ihre Mutter. Dann, als Zugeständnis an eine tausendmal geäußerte Bitte: »Andy.«

»Mom …«

»Lass mich ausreden, Schatz.« Laura hielt inne. »Bitte.«

Andy nickte und machte sich auf eine lang erwartete Standpauke gefasst. Mit dem heutigen Tag war sie offiziell einunddreißig. Ihr Leben kam nicht vom Fleck. Sie musste endlich selbst Entscheidungen treffen, statt sie vom Schicksal für sich treffen zu lassen.

»Es ist meine Schuld«, sagte Laura.

Andy spürte, wie sich ihre rissigen Lippen unwillkürlich öffneten. »Was ist deine Schuld?«

»Dass du hier bist, hier festsitzt.«

Andy wies mit dem ausgestreckten Arm auf das Restaurant. »Im Rise-n-Dine?«

Ihre Mutter ließ den Blick von Andys Scheitel bis zu ihren Händen wandern, die sich unruhig auf der Tischplatte bewegten. Schmutzig braunes Haar, zu einem schlampigen Pferdeschwanz gebunden. Dunkle Ringe unter den müden Augen. Bis aufs Fleisch abgebissene Fingernägel. Die Knochen ihres Handgelenks standen hervor. Die blasse Haut war hellgrau wie das Wasser, in dem die Würstchen für die Hotdogs warm gehalten wurden.

Und in diesem Mängelkatalog war ihre Arbeitskleidung noch nicht einmal enthalten. Die marineblaue Uniform hing wie ein Sack an Andy. Auf der Brusttasche war das steife silberne Abzeichen aufgenäht, das Palmenlogo von Belle Isle, darum herum standen die Worte Police Dispatch Division. Wie eine Polizistin, aber nur fast. Wie eine Erwachsene, aber nicht wirklich. Fünf Nächte in der Woche saß Andy zusammen mit vier anderen Frauen in einem dunklen, stickigen Raum, nahm Notrufe entgegen, überprüfte Autokennzeichen und Führerscheine und teilte Aktennummern zu. Gegen sechs Uhr morgens schlich sie dann zum Haus ihrer Mutter zurück und verschlief den größten Teil des Tages.

»Ich hätte niemals zulassen dürfen, dass du hierher zurückkommst«, sagte Laura.

Andy presste die Lippen zusammen und starrte auf die letzten Rühreireste auf ihrem Teller.

»Mein liebes Mädchen.« Laura fasste über den Tisch nach der Hand ihrer Tochter und wartete darauf, dass sie aufblickte. »Ich habe dich aus deinem Leben gerissen. Ich hatte Angst und habe mich egoistisch benommen.« Tränen standen in Lauras Augen. »Ich hätte dich nicht so sehr brauchen dürfen. Ich hätte nicht so viel verlangen dürfen.«

Andy schüttelte den Kopf und sah wieder auf ihren Teller.

»Schatz.«

Andy schüttelte weiter den Kopf, denn sonst hätte sie reden müssen, und dann müsste sie auch die Wahrheit sagen.

Ihre Mutter hatte sie um nichts gebeten.

Vor drei Jahren war Andy gerade auf dem Weg in ihre Bruchbude auf der Lower East Side gewesen, einer Zweizimmerwohnung im vierten Stock ohne Aufzug, die sie mit drei anderen Mädchen teilte, von denen sie keines besonders mochte und die alle jünger, hübscher und fähiger waren als sie. Da hatte Laura angerufen.

»Brustkrebs«, hatte sie gesagt. Sie hatte nicht geflüstert oder mit der Wahrheit hinterm Berg gehalten, sondern war in ihrer üblichen ruhigen Art unumwunden zur Sache gekommen. »Drittes Stadium. Der Chirurg wird den Tumor entfernen und gleich auch noch eine Gewebeprobe der Lymphknoten entnehmen, um festzustellen …«

Laura hatte noch mehr gesagt, sie war in einem Ausmaß an distanzierter, wissenschaftlicher Genauigkeit ins Detail gegangen, die an Andy verschwendet war, da sich ihre Fähigkeit zur Sprachverarbeitung vorübergehend in Luft aufgelöst hatte. Sie hatte sich mehr auf das Wort »Brust« als auf »Krebs« konzentriert und sofort an den üppigen Busen ihrer Mutter gedacht, am Strand, wo sie ihn in ihrem schlichten einteiligen Badeanzug versteckt hielt. Wie ihre Brüste bei dem Fest zu Andys sechzehntem Geburtstag (das Jane Austens Stolz und Vorurteil als Motto gehabt hatte) aus dem Ausschnitt ihres Empirekleids lugten. Wie sie in den gepolsterten Körbchen ihres BHs festgezurrt waren, wenn sie in ihrer Praxis auf der Couch saß und mit ihren Patienten arbeitete.

Laura Oliver war keine Sexbombe, aber sie war immer das gewesen, was Männer als gut gebaut bezeichneten. Oder vielleicht hatten es auch Frauen so bezeichnet, wahrscheinlich im letzten Jahrhundert. Laura war nicht der Typ für viel Make-up und Perlenkette, doch sie verließ das Haus nie, ohne ihren grauen Kurzhaarschnitt ordentlich zu föhnen, ihre Hose aufzubügeln und saubere und ordentliche Unterwäsche zu tragen.

Andy schaffte es an den meisten Tagen kaum aus dem Haus. Sie musste ständig umkehren, weil sie etwas vergessen hatte, wie zum Beispiel das Handy oder den Dienstausweis und einmal sogar ihre Sneakers, weil sie in Hausschuhen losmarschiert war.

Wenn sie in New York nach ihrer Mutter gefragt wurde, fiel ihr immer etwas ein, was Laura über ihre eigene Mutter gesagt hatte: Sie weiß immer, wo die Deckel ihrer Tupperdosen sind.

Andy war es schon zu viel, einen Ziploc-Beutel zu verschließen.

Lauras schwerer Atem am anderen Ende der Leitung, zwölfhundert Kilometer entfernt, war das einzige Anzeichen dafür gewesen, dass ihr dieses Gespräch nicht leichtfiel. »Andrea?«

Andys Ohren, in denen die Geräusche New Yorks dröhnten, stellten sich wieder auf die Stimme ihrer Mutter ein.

Krebs.

Andy versuchte zu stöhnen, aber sie brachte den Laut nicht zustande. Es war Schock. Es war Angst. Es war blankes Entsetzen, weil die Welt plötzlich aufgehört hatte, sich zu drehen, und alles – Andys Scheitern, die Enttäuschungen, der ganze Horror ihrer New Yorker Existenz in den letzten sechs Jahren – zurückwich wie das Meer vor einem Tsunami. Dinge, die besser im Verborgenen geblieben wären, lagen plötzlich offen zutage.

Ihre Mutter hatte Krebs.

Sie konnte daran sterben.

Sie konnte sterben.

»Es gibt immer noch die Chemo«, sagte Laura, »was aber, wie man hört, keine einfache Sache ist.« Ihre Mutter war daran gewöhnt, Andys anhaltendes Schweigen zu füllen, hatte längst gelernt, dass es eher in einer Auseinandersetzung endete als in der Wiederaufnahme einer höflichen Unterhaltung, wenn sie ihr Stillschweigen ansprach. »Dann schlucke ich täglich eine Pille, und das war’s. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei mehr als siebzig Prozent, man braucht sich also keine allzu großen Sorgen zu machen, außer dass man es eben durchstehen muss.« Eine Pause, um Atem zu schöpfen, oder vielleicht auch in der Hoffnung, dass Andy nun so weit war, etwas zu sagen. »Es ist sehr gut behandelbar, Schatz. Ich will nicht, dass du dir Sorgen machst. Bleib einfach, wo du bist. Es gibt nichts, was du für mich tun kannst.«

Eine Autohupe hatte geschrillt, und Andy blickte auf. Sie stand reglos wie eine Statue mitten auf dem Fußgängerübergang. Mühsam setzte sie sich in Bewegung. Das Handy lag heiß an ihrem Ohr. Es war nach Mitternacht. Schweiß lief ihr über den Rücken und sickerte wie geschmolzene Butter aus ihren Achselhöhlen. Sie konnte das Lachen vom Band aus einer Sitcom hören, Flaschenklirren und einen anonymen, durchdringenden Hilfeschrei, wie sie ihn in ihrem ersten Monat in der City auszublenden gelernt hatte.

Es war zu still auf ihrer Seite der Leitung. Schließlich hatte ihre Mutter gesagt: »Andrea?«

Andy hatte den Mund geöffnet, ohne zu wissen, welche Worte herauskommen würden.

Dann: »Schatz?« Immer noch geduldig, immer noch auf diese großherzige Weise nett, wie ihre Mutter zu allen Leuten war. »Wenn ich die Straßengeräusche nicht hören würde, könnte ich annehmen, die Verbindung sei unterbrochen.« Sie hielt wieder inne. »Andrea, du musst mir jetzt wirklich bestätigen, dass du verstanden hast, was ich dir sage. Es ist wichtig.«

Andy stand noch immer der Mund offen. Der für ihre Wohngegend typische Kanalisationsgeruch klebte in ihrer Nase wie eine verkochte Nudel, die jemand an die Küchenwand geklatscht hatte. Noch ein Auto hupte. Noch eine Frau schrie um Hilfe. Noch mehr Schweiß lief über Andys Rücken und sammelte sich am Bund ihres Slips. Das Gummiband war an den Stellen eingerissen, wo sie die Daumen einhakte, wenn sie die Hose herunterzog.

Andy konnte sich nicht erinnern, wie sie sich aus ihrer Erstarrung befreit hatte, aber sie wusste noch die Worte, die sie schließlich zu ihrer Mutter gesagt hatte: »Ich komme nach Hause.«

Nach sechs Jahren in der City stand sie mehr oder weniger mit leeren Händen da. Ihre drei Teilzeitjobs hatte sie alle per SMS gekündigt. Ihre U-Bahn-Karte hatte sie einer Obdachlosen geschenkt, die ihr erst gedankt und sie dann als gottverdammte Hure beschimpft hatte. In Andys Koffer kam nur das Allernötigste: Lieblings-T-Shirts, zerrissene Jeans, mehrere Bücher, die nicht nur die Reise von Belle Isle nach New York überlebt hatten, sondern auch fünf verschiedene Umzüge in zunehmend verwahrloste Wohnungen. Andy würde zu Hause weder ihre Handschuhe noch ihren gefütterten Wintermantel oder ihre Ohrenschützer brauchen. Sie machte sich nicht mal die Mühe, ihr Bettzeug zu waschen oder es auch nur von dem alten Chesterfield-Sofa abzuziehen, auf dem sie schlief. Sie war im Morgengrauen zum Flughafen LaGuardia aufgebrochen, keine sechs Stunden nach dem Anruf ihrer Mutter. Von einem Moment auf den andern war ihr Leben in New York vorbei. Die einzige Erinnerung, die ihren drei jüngeren und fähigeren Mitbewohnerinnen noch von ihr blieb, war ein halb aufgegessener Fishburger im Kühlschrank und ihr Anteil an der Miete für den nächsten Monat.

Das war vor drei Jahren gewesen, fast halb so viele Jahre, wie sie in New York gelebt hatte. Andy wollte es eigentlich nicht, aber in schwachen Augenblicken checkte sie bei Facebook, was aus ihren früheren Mitbewohnerinnen geworden war. Sie waren die Messlatte. Der Schlagstock. Eine hatte es ins mittlere Management eines Modeblogs geschafft, die andere ihre eigene Firma für maßgeschneiderte Sneakers gestartet. Die dritte war nach einer Kokainparty auf der Yacht eines reichen Mannes gestorben, und dennoch: Manchmal, nachts, wenn Andy den Anruf eines Zwölfjährigen entgegennahm, der es witzig fand, die Notrufnummer zu wählen und so zu tun, als würde er sexuell belästigt werden, konnte sie sich den Gedanken nicht verkneifen, dass sie nach wie vor von ihnen allen am wenigsten erreicht hatte.

Eine Yacht, Herrgott noch mal.

Eine Yacht.

»Schatz?« Ihre Mutter klopfte auf den Tisch. Die Mittagsgäste wurden weniger. Ein Mann, der im vorderen Teil des Diners saß, sah sie über seine Zeitung hinweg zornig an. »Wo bist du gerade?«

Andy streckte wieder die Arme aus und deutete ins Lokal, doch die Geste wirkte bemüht. Sie wussten beide genau, wo sie war: keine fünf Meilen von dem Ort entfernt, von dem aus sie einmal mit großen Hoffnungen aufgebrochen war.

Andy war nach New York gegangen, weil sie dachte, dort könnte sie erstrahlen wie ein Stern, aber letztlich hatte sie nicht heller gestrahlt als eine alte Taschenlampe in der Küchenschublade. Eigentlich hatte sie gar nicht Schauspielerin, Model oder so etwas in der Art werden wollen. Sie hatte sich keinen Träumen vom großen Ruhm hingegeben, sondern sich eher nach einem Platz im Umfeld der Stars gesehnt: als persönliche Assistentin, Kaffeeholerin, Requisiteurin, Bühnenmalerin oder Social-Media-Managerin, einer von den Menschen eben, die das glamouröse Leben von Stars überhaupt erst möglich machten. Sie wollte sich in ihrem Glanz sonnen. Mittendrin sein. Leute kennenlernen. Kontakte knüpfen.

Ihr Professor am College für Kunst und Design in Savannah hatte nach einem guten Kontakt ausgesehen. Sie hatte ihn mit ihrer Leidenschaft für die Kunst überwältigt, zumindest hatte er das behauptet. Dass sie zusammen im Bett waren, als er das sagte, spielte für Andy erst hinterher eine Rolle. Als sie die Affäre beendete, hatte der Mann ihre beiläufige Bemerkung, sie wolle sich auf ihre Karriere konzentrieren, als Drohung aufgefasst. Ehe Andy wusste, wie ihr geschah, ehe sie ihrem Professor erklären konnte, dass sie gar nicht versuchte, sein krass unangemessenes Verhalten als Hebel zur Förderung ihrer Karriere einzusetzen, hatte er schon ein paar Beziehungen spielen lassen und ihr einen Job als Assistentin des zweiten Bühnenbildners bei einer Off-Broadway-Produktion verschafft.

Off-Broadway!

Nur eine Straße entfernt vom Broadway!

Andy hatten nur noch zwei Semester bis zum Abschluss ihres Theater-Studiums gefehlt. Sie hatte ihren Koffer gepackt und noch einmal schnell über die Schulter gewinkt, ehe sie zum Flughafen geeilt war.

Zwei Monate später war das Theaterstück wegen vernichtend schlechter Kritiken eingestellt worden.

Alle außer Andy hatten rasch neue Jobs bei anderen Produktionen gefunden. Sie dagegen legte sich ein echtes New-York-Leben zu: Sie war Kellnerin, Hundeausführerin, Schildermalerin. Sie hatte Telefonschulden eingetrieben, für einen Lieferdienst gearbeitet, ein Faxgerät überwacht, Sandwiches belegt. Bis sie schließlich resignierte, einen halb aufgegessenen Burger im Kühlschrank und das Geld für eine Monatsmiete auf der Küchentheke zurückließ und als Versagerin in das Dreckskaff nach Georgia zurückkehrte, aus dem sie stammte.

Im Grunde war ein letztes Fitzelchen Würde alles, was Andy mit nach Hause gebracht hatte, und das würde sie nun an ihre Mutter verschwenden.

Sie blickte von ihrem Teller auf.

»Mom.« Sie musste sich räuspern, bevor sie das Geständnis herausbrachte. »Ich liebe dich dafür, dass du das sagst, aber es ist nicht deine Schuld. Es stimmt, dass ich nach Hause kommen wollte, um dich zu sehen. Aber geblieben bin ich aus anderen Gründen.«

Laura runzelte die Stirn. »Was für andere Gründe denn? Du hast New York geliebt!«

Sie hatte New York gehasst.

»Es lief doch gut für dich dort.«

Sie war einen Schritt vor dem Abgrund gestanden.

»Der Typ, mit dem du zusammen warst, stand doch so auf dich.«

Und auf jede andere Vagina in seiner Umgebung.

»Du hattest so viele Freunde.«

Sie hatte seit ihrer Abreise von keiner Menschenseele mehr etwas gehört.

»Nun ja.« Laura seufzte. Die Liste der Aufmunterungen war kurz gewesen, falls sie Andy nicht überhaupt nur herausfordern wollte. Wie üblich las sie in Andy wie in einem offenen Buch. »Baby, du wolltest immer jemand anderes sein. Jemand Besonderes. Im Sinne von begabt, meine ich, mit einem ungewöhnlichen Talent. Natürlich bist du für mich und Dad ohnehin etwas Besonderes.«

Andy verdrehte die Augen. »Danke.«

»Doch, du bist talentiert. Du bist klug. Nein, besser als klug, du bist clever.«

Andy rieb sich mit den Händen übers Gesicht, als wollte sie sich selbst aus dieser Unterhaltung radieren. Sie wusste, sie war talentiert und klug. Das Problem war, dass alle anderen Leute in New York ebenfalls talentiert und klug waren. Selbst der Typ hinter der Theke im Bodega war witziger, schneller und cleverer gewesen als sie.

Laura ließ nicht locker. »Nichts ist falsch daran, normal zu sein. Normale Menschen führen ein sehr ausgefülltes Leben. Sieh mich an. Es ist nichts Schlechtes daran, wenn man sein Leben genießt.«

»Ich bin einunddreißig«, sagte Andy. »Ich hatte seit drei Jahren keine richtige Verabredung. Ich habe dreiundsechzigtausend Dollar Schulden von einem Studiendarlehen, ohne einen Abschluss gemacht zu haben, und ich lebe in einer Ein-Zimmer-Wohnung über der Garage meiner Mutter.« Andy fiel das Atmen schwer. Bei der Aufzählung hatte sich ein enges Band um ihre Brust geschnürt. »Die Frage ist nicht, was ich noch alles tun kann, sondern, was ich noch alles vermasseln werde.«

»Du vermasselst nichts.«

»Mom …«

»Du hast dir angewöhnt, dich minderwertig zu fühlen. Man kann sich an alles gewöhnen, vor allem an Dinge, die schlecht für einen sind. Aber ab jetzt geht es nur noch aufwärts. Man kann nicht weiterfallen, wenn man am Boden liegt.«

»Schon mal was von Kellern gehört?«

»Auch ein Keller hat einen Boden.«

»Den hat ein Grab auch.«

»Warum musst du nur immer so morbid sein!«

Andy spürte, wie eine plötzliche Gereiztheit ihre Zunge zu einem Rasiermesser schliff. Sie unterdrückte das Gefühl. Sie konnten nicht mehr wegen ihres Make-ups oder ihrer engen Jeans streiten, oder darüber, wann sie zu Hause sein musste, also trug sie jetzt andere Kämpfe mit ihrer Mutter aus: darüber, dass Keller Böden hatten. In welche Richtung das Toilettenpapier von der Rolle kommen sollte. Ob Gabeln mit den Zinken nach oben oder nach unten in die Geschirrspülmaschine gehörten. Dass Laura den Namen der Katze falsch aussprach, wenn sie Mr. Perkins sagte, denn er hieß eigentlich Mr. Purrkins.

»Als ich neulich mit einem Patienten gearbeitet habe, ist etwas höchst Merkwürdiges passiert.«

Ein Themenwechsel mit Spannungsmoment war eine erprobte Technik, um den Waffenstillstand herbeizuführen.

»Etwas wirklich Merkwürdiges«, lockte Laura.

Andy zögerte, dann nickte sie, damit ihre Mutter fortfuhr.

»Er stellte sich mit Broca-Aphasie vor, einer rechtsseitigen Lähmung.« Laura war staatlich anerkannte Logopädin in einem Küstenort mit vielen Ruheständlern. Die meisten ihrer Patienten hatten Schlaganfälle erlitten. »Er hat in seinem früheren Leben als IT-Spezialist gearbeitet, aber das spielt wohl keine Rolle.«

»Was ist denn Merkwürdiges passiert?«, fragte Andy, wie es von ihr erwartet wurde.

Laura lächelte. »Er hat mir von der Hochzeit seines Enkels erzählt, und ich habe keine Ahnung, was er eigentlich sagen wollte, aber es kam als ›Blue Suede Shoes‹ heraus. Und in meinem Kopf blitzte eine Erinnerung an den Tag auf, als Elvis Presley starb.«

»Elvis Presley?«

Sie nickte. »Das war 1977, ich war also vierzehn und eher ein Fan von Rod Stewart als von Elvis. Aber egal. Es gab da in unserer Kirche diese sehr konservativen Damen mit ihren Turmfrisuren, und sie heulten sich die Augen aus, weil er gestorben war.«

Andy grinste wie eine Person, die wusste, dass sie etwas nicht verstanden hat.

Laura grinste auf die gleiche Weise zurück. Eine Nachwirkung der Chemo, obwohl schon so viel Zeit seit der letzten Behandlung vergangen war. Sie hatte die Pointe ihrer Geschichte vergessen. »Ist mir nur so eingefallen.«

»Die Hochfrisur-Damen waren wohl ziemliche Heuchlerinnen?«, versuchte Andy ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. »Ich meine, Elvis war ganz schön sexy, oder?«

»Es spielt keine Rolle.« Laura tätschelte ihr die Hand. »Ich bin so dankbar, dass es dich gibt. Für die Kraft, die du mir geschenkt hast, als es mir schlecht ging. Für die Nähe, die wir immer noch teilen. Ich weiß das sehr zu schätzen, es ist ein Geschenk.« Die Stimme ihrer Mutter begann zu zittern. »Aber jetzt geht es mir besser. Und ich will, dass du dein eigenes Leben lebst. Ich will, dass du glücklich bist, oder wenigstens, dass du Frieden mit dir selbst schließt. Und ich glaube nicht, dass dir das hier gelingt, Schatz. So gern ich es dir erleichtern würde – ich weiß, dass es nichts bringen würde, wenn du es nicht allein bewältigst.«

Andy blickte zur Decke. Dann schaute sie in das leere Einkaufszentrum. Schließlich sah sie ihre Mutter wieder an.

Laura hatte Tränen in den Augen. Sie schüttelte fast ehrfürchtig den Kopf. »Du bist großartig, weißt du das?«

Andy zwang sich zu einem Lachen.

»Du bist großartig, weil du auf so unglaubliche Weise du selbst bist.« Laura legte die Hand aufs Herz. »Du bist talentiert, und du bist schön, und du wirst deinen Weg finden, und es wird der richtige Weg sein, egal, was geschieht, weil es der Weg ist, für den du dich entscheidest.«

Andy spürte einen Kloß im Hals. Tränen traten ihr in die Augen. Um die beiden herum war es so still. Andy konnte ihr eigenes Blut durch die Adern rauschen hören.

»Weißt du«, sagte Laura und lachte, was ebenfalls eine erprobte Technik zur Auflockerung eines emotionsgeladenen Moments war. »Gordon findet ja, ich sollte dir eine Frist für deinen Auszug setzen.«

Gordon war Andys Vater, ein Anwalt für Vermögens- und Immobilienrecht. Sein ganzes Leben drehte sich um Fristen.

»Aber ich werde dir keine Frist setzen«, sagte Laura. »Und kein Ultimatum stellen.«

Ultimaten liebte Gordon ebenfalls.

»Ich sage, wenn das dein Leben ist«, sie deutete auf Andys polizeiähnliche, erwachsen wirkende Uniform, »dann nimm es an. Akzeptiere es. Und wenn du etwas anderes machen willst«, sie drückte Andys Hand, »dann mach etwas anderes. Du bist noch jung. Du hast keinen Kredit für ein Haus abzuzahlen, noch nicht einmal für ein Auto. Du bist gesund. Du bist klug. Du kannst tun, was du willst.«

»Nicht mit meinem Studiendarlehen.«

»Andrea«, sagte Laura, »ich will nicht den Teufel an die Wand malen, aber wenn du dich weiter lustlos im Kreis drehst, dann wirst du bald vierzig sein und feststellen, dass du es satthast, in einem Hamsterrad zu leben.«

»Vierzig«, wiederholte Andy, ein Alter, das ihr mit jedem Jahr weniger greisenhaft erschien.

»Dein Vater würde sagen …«

»Scheiße oder komm runter vom Pott.« Gordon drängte Andy immer, umzuziehen, etwas aus sich zu machen, etwas zu tun. Lange hatte sie ihm die Schuld an ihrer Lethargie gegeben. Wenn deine Eltern arbeitswütige, tüchtige Menschen waren, dann war Faulheit eine Form der Rebellion, oder etwa nicht? Hartnäckig und unbeirrbar immer den leichten Weg zu wählen, weil der schwere Weg … nun ja, nun mal schwer war?

»Dr. Oliver?«, sagte eine ältere Frau. Dass sie einen stillen Moment zwischen Mutter und Tochter störte, entging ihr offenbar. »Ich bin Betsy Barnard. Sie haben letztes Jahr mit meinem Vater gearbeitet. Ich wollte Ihnen nur danken. Sie haben wirklich Wunder an ihm gewirkt.«

Laura stand auf und schüttelte der Frau die Hand. »Sie sind sehr freundlich, aber er hat die ganze Arbeit selbst erledigt.« Sie wechselte nun in ihren Dr.-Oliver-die-Heilerin-Modus, wie Andy es immer nannte, und stellte allgemein gehaltene Fragen nach dem Vater der Frau, an den sie sich erkennbar nicht mehr so genau erinnerte. Sie bekam es ganz passabel hin, sodass sich die Frau bereitwillig täuschen ließ.

Laura wies mit einem Kopfnicken auf Andy. »Das ist meine Tochter Andrea.«

Betsy erwiderte das Nicken mit flüchtigem Interesse. Sie blühte unter Lauras Aufmerksamkeit auf. Alle Leute liebten Andys Mutter, egal, in welchem Modus sie sich befand: Therapeutin, Freundin, Geschäftsfrau, Krebspatientin, Mutter. Sie besaß eine Art von gnadenloser Freundlichkeit, die nur deshalb nicht allzu süßlich wirkte, weil Laura bisweilen auch bissig und schlagfertig sein konnte.

Gelegentlich, meist wenn sie etwas getrunken hatte, konnte Andy die gleichen Eigenschaften bei Fremden an den Tag legen, aber wenn diese Andy erst einmal näher kannten, hielten sie den Kontakt nur selten aufrecht. Vielleicht war das Lauras Geheimnis. Sie hatte Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte von Freunden, aber keine einzige Person kannte sämtliche Teile von ihr.

»Ach!«, schrie Betsy. »Ich möchte Ihnen meine Tochter ebenfalls gern vorstellen. Frank hat Ihnen bestimmt alles über sie erzählt.«

»Und ob Frank das getan hat.« Andy fing den erleichterten Gesichtsausdruck ihrer Mutter auf. Sie hatte tatsächlich vergessen, wie der Mann hieß. Sie kehrte für einen Moment in den Mutter-Modus zurück und blinzelte Andy zu.

»Shelly!« Betsy winkte hektisch. »Komm mal, ich stelle dir die Frau vor, die geholfen hat, Pop-Pops Leben zu retten.«

Eine sehr hübsche junge Blondine kam widerstrebend herbeigeschlurft. Sie zupfte befangen an den langen Ärmeln eines roten UGA-T-Shirts. Die weiße Bulldogge auf ihrer Brust trug ein passendes rotes Shirt. Die Situation war ihr erkennbar peinlich, sie war noch in dem Alter, in dem man am liebsten keine Mutter gehabt hätte, außer man brauchte Geld oder Anteilnahme. Andy erinnerte sich gut an dieses zwiespältige Gefühl. An den meisten Tagen ging es ihr näher, als es ihr recht war. Es war eine universell anerkannte Wahrheit, dass eine Mutter sagen konnte: »Dein Haar sieht hübsch aus«, aber was man hörte – und nur bei ihr hörte –, war: »Dein Haar sieht eigentlich immer furchtbar aus, nur ausnahmsweise jetzt gerade nicht.«

»Shelly, das ist Dr. Oliver.« Betsy Barnard hakte sich besitzergreifend bei ihrer Tochter unter. »Shelly fängt im Herbst ihr Studium an der University of Georgia an. Ist es nicht so, Schätzchen?«

»Ich war auch auf der UGA«, sagte Laura. »Das war natürlich zu einer Zeit, als wir unsere Notizen noch in Steintafeln geritzt haben.«

Shellys Verlegenheit steigerte sich noch ein wenig, als ihre Mutter eine Spur zu laut über den schalen Witz lachte. Laura versuchte die Wogen zu glätten, indem sie das Mädchen höflich nach ihrem Hauptfach befragte, nach ihren Träumen, ihren Zielen. Wenn man jung ist, fasst man es als persönlichen Affront auf, so ausgehorcht zu werden, aber als Erwachsener begreift man dann, dass Erwachsene gar nicht in der Lage sind, andere Fragen zu stellen.

Andy starrte auf ihre halb volle Kaffeetasse hinunter. Sie war so müde. Die Nachtschichten – sie konnte sich nicht daran gewöhnen und kam überhaupt nur damit zurecht, indem sie ein Nickerchen an das andere reihte, was dazu führte, dass sie ständig Toilettenpapier und Erdnussbutter aus der Vorratskammer ihrer Mutter klauen musste, weil sie es nie in den Supermarkt schaffte. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter deshalb darauf bestanden, dass sie an ihrem Geburtstag gemeinsam zu Mittag aßen, anstatt zu frühstücken, denn Letzteres hätte es Andy ermöglicht, in ihre Höhle über der Garage zurückzukehren und vor dem Fernseher einzuschlafen.

Sie trank ihren Kaffee aus, der mittlerweile so kalt war, dass er wie zerstoßenes Eis in ihre Kehle schwappte. Sie sah sich nach der Bedienung um. Das Mädchen klebte mit der Nase an ihrem Handy, der Rücken war gekrümmt, und sie kaute schmatzend auf einem Kaugummi.

Andy unterdrückte einen Anflug von Zickigkeit, als sie vom Tisch aufstand. Je älter sie wurde, desto schwerer fiel es ihr, nicht wie ihre Mutter zu werden. Wobei Lauras Ratschläge, im Nachhinein betrachtet, oft sehr gut gewesen waren: Steh gerade, sonst hast du mit dreißig Rückenschmerzen. Trag bessere Schuhe, oder du bezahlst dafür, wenn du dreißig bist. Leb vernünftig, oder du bezahlst dafür, wenn du dreißig bist.

Andy war einunddreißig, und sie bezahlte so viel, dass sie praktisch pleite war.

»Sind Sie Polizistin?« Die Kellnerin sah endlich von ihrem Handy auf.

»Theater im Hauptfach.«

Das Mädchen zog die Nase kraus. »Darunter kann ich mir nichts vorstellen.«

»Geht mir genauso.«

Andy bediente sich beim Kaffee, wobei die Kellnerin sie von der Seite musterte. Vielleicht lag es an der polizeiähnlichen Uniform. Die Kleine machte den Eindruck, als könnte sie ein bisschen Ecstasy oder zumindest eine Tüte Gras in ihrer Handtasche haben. Andy betrachtete ihre Uniform ebenfalls mit Argwohn. Gordon hatte ihr den Job verschafft. Vermutlich hoffte er, sie würde am Ende tatsächlich zur Polizei gehen. Diese Vorstellung hatte sie zunächst abgestoßen, denn für sie waren Polizisten immer üble Typen gewesen. Dann aber hatte sie ein paar Cops kennengelernt und erkannt, dass es größtenteils anständige Menschen waren, die einen echten Scheißjob zu erledigen hatten. Als sie dann ein Jahr lang in der Notrufzentrale gearbeitet hatte, war sie voller Hass gegen jedermann gewesen, weil zwei Drittel der Anrufer nur Idioten waren, die nicht begriffen, was ein Notruf war.

Laura unterhielt sich immer noch mit Betsy und Shelly Barnard. Andy hatte dieses Schauspiel schon unzählige Male miterlebt. Die beiden Frauen wussten nicht, wie man einen eleganten Abgang hinlegte, und Laura war zu höflich, um sie fortzuschicken. Statt zum Tisch zurückzukehren, ging Andy an das große Fenster. Der Diner befand sich an prominenter Stelle im Einkaufszentrum von Belle Isle, in einer Ecke im Erdgeschoss. Jenseits der Promenade konnte sie auf den Atlantik schauen, der von einem heranziehenden Sturm aufgewühlt war. Leute führten ihre Hunde spazieren oder fuhren mit Fahrrädern auf dem Streifen festen Sands.

Belle Isle war weder belle noch im eigentlichen Sinn eine Insel. Es war im Wesentlichen eine von Menschen geschaffene Halbinsel, die entstanden war, als das Pionierkorps der Armee in den Achtzigern den Hafen von Savannah ausgebaggert hatte. Die neue Landmasse war ursprünglich als unbewohnte, natürliche Barriere gegen Wirbelstürme gedacht gewesen, aber dann hatte der Staat Dollarzeichen auf dem neuen Strand blinken sehen. Fünf Jahre nach der Aufschüttung war die Hälfte des Gebiets bereits zubetoniert: Strandvillen, Reihenhäuser, Eigentumswohnanlagen, Einkaufszentren. Der Rest waren Tennis- und Golfplätze. Ruheständler aus dem Norden spielten den ganzen Tag bei schönstem Wetter, tranken zum Sonnenuntergang ihre Martinis und wählten die Notrufnummer, wenn ihre Nachbarn die Mülltonne zu lange an der Straße stehen ließen.

»Himmel«, flüsterte jemand, leise und fies, aber auch eine Spur überrascht, alles zugleich.

Die Luft hatte sich verändert, anders konnte man es nicht beschreiben. Die feinen Härchen in Andys Nacken stellten sich auf. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Ihre Nasenlöcher weiteten sich. Ihr Mund fühlte sich trocken an. Ihre Augen tränten.

Es gab ein Geräusch, wie wenn ein Einmachglas mit Schraubverschluss geöffnet wird.

Andy drehte sich um.

Die Kaffeetasse glitt aus ihren Fingern. Ihr Blick verfolgte sie bis zum Fußboden. Weiße Keramikscherben sprangen von den weißen Fliesen.

Zuerst war es gespenstisch still gewesen, aber nun brach Chaos aus. Schreie. Weinen. Leute, die rannten, sich duckten, den Kopf mit den Händen bedeckten.

Kugeln.

Plopp-plopp.

Shelly Barnard lag auf dem Boden, auf dem Rücken, die Arme von sich gespreizt, die Beine verdreht. Die Augen weit offen. Ihr rotes T-Shirt sah nass aus und klebte an ihrer Brust. Blut rann aus ihrer Nase. Andy sah eine schmale rote Linie über ihre Wange zu ihrem Ohr laufen.

Sie trug winzige Bulldoggen als Ohrstecker.

»Nein!«, schrie Betsy Barnard. »N –«

Plopp.

Andy sah einen Schwall Blut aus dem Nacken der Frau schießen wie Erbrochenes.

Plopp.

Betsys Schädel riss seitlich auf wie eine Plastiktüte.

Sie fiel seitwärts zu Boden. Auf ihre Tochter. Auf ihre tote Tochter.

Tot.

»Mom«, flüsterte Andy, aber Laura war bereits da. Sie lief in geduckter Haltung und mit ausgebreiteten Armen auf Andy zu. Ihr Mund stand offen, die Augen waren riesig vor Angst. Rote Flecken sprenkelten ihr Gesicht wie Sommersprossen.

Andy knallte mit dem Hinterkopf an die Fensterscheibe, als sie zu Boden gerissen wurde. Sie spürte den Atem ihrer Mutter, während ihr selbst die Luft wegblieb. Alles verschwamm vor ihren Augen, bis sie ein Krachen hörte und aufblickte. Feine Risse breiteten sich wie ein Spinnennetz über die Scheibe aus.

»Bitte!«, schrie Laura. Sie hatte sich abgerollt, war auf den Knien, dann auf den Beinen. »Bitte hören Sie auf!«

Andy blinzelte. Sie rieb sich mit den Fäusten die Augen. Etwas scheuerte rau an ihren Lidern. Glas? Dreck? Blut?

»Bitte!«, rief Laura noch einmal.

Andy blinzelte wieder.

Ein Mann richtete eine Waffe auf die Brust ihrer Mutter. Keine Polizistenwaffe, sondern eine mit einer Trommel wie im Wilden Westen. Er war auch entsprechend gekleidet – schwarze Jeans, schwarzes Hemd mit Perlmuttknöpfen, schwarze Lederweste und schwarzer Cowboyhut. Der Waffengurt hing tief auf seinen Hüften. Ein Halfter für die Feuerwaffe, eine lange Lederscheide für ein Jagdmesser.

Hübsch.

Sein Gesicht war jung, faltenlos. Er war in Shellys Alter, vielleicht ein wenig älter.

Aber Shelly war jetzt tot. Sie würde nicht auf die UGA gehen. Sie würde nie mehr von ihrer Mutter in eine peinliche Situation gebracht werden, denn ihre Mutter war ebenfalls tot.

Und der Mann, der sie beide ermordet hatte, richtete nun eine Waffe auf die Brust ihrer Mutter.

Andy setzte sich auf.

Laura hatte nur noch eine Brust, die linke, über dem Herzen. Die rechte war entfernt worden, und sie hatte sich noch keiner plastischen Chirurgie unterzogen, weil sie den Gedanken nicht ertrug, erneut eine solche Prozedur über sich ergehen zu lassen, und jetzt stand dieser Mörder vor ihr und würde ihr eine Kugel in die Brust schießen.

»M–« Das Wort blieb Andy in der Kehle stecken. Sie konnte es nur denken.

Mom.

»Es ist gut.« Lauras Stimme war ruhig, beherrscht. Sie hatte die Hände vorgestreckt, als hätte sie vor, die Kugeln abzufangen. »Sie können jetzt gehen«, sagte sie zu dem Mann.

»Leck mich.« Sein Blick ging zu Andy. »Wo ist deine Waffe, du verdammtes Polizistenschwein?«

Andys ganzer Körper krümmte sich, als wollte er sich zu einer Kugel einrollen.

»Sie hat keine Waffe«, sagte Laura, die immer noch gefasst klang. »Sie ist Sekretärin auf dem Polizeirevier. Sie ist keine Polizistin.«

»Steh auf!«, schrie er Andy an. »Ich sehe doch deine Dienstmarke! Steh auf, du Schwein. Mach deinen Job!«

»Das ist keine Dienstmarke. Nur ein Emblem. Bleiben Sie ganz ruhig.« Laura machte eine beschwichtigende Geste, es sah aus wie früher, wenn sie Andy im Bett zudeckte. »Andy, hör zu.«

»Ihr hört mir zu, ihr verfluchten Schlampen!« Speicheltröpfchen flogen aus dem Mund des Mannes. Er fuchtelte mit dem Revolver. »Steh auf, du Schwein. Du bist die Nächste.«

»Nein.« Laura versperrte ihm den Weg. »Ich bin die Nächste.«

Er ließ seinen Blick zu Laura zurückwandern.

»Erschießen Sie mich.« Laura sprach mit unerschütterlicher Sicherheit. »Ich möchte, dass Sie auf mich schießen.«

Verwirrung schlich sich in die wütende Fratze seines Gesichts. So hatte er sich das nicht gedacht. Die Leute sollten Todesangst haben und sich nicht freiwillig melden.

»Schießen Sie auf mich«, wiederholte Laura.

Der Mann sah über ihre Schulter hinweg zu Andy, dann wieder zurück zu Laura.

»Tun Sie es«, sagte Laura. »Sie haben nur noch einen Schuss übrig, und das wissen Sie auch. In dieser Waffe waren nur sechs Kugeln.« Sie hielt die Hände in die Luft und ließ vier Finger an der linken Hand sehen und einen an der rechten. »Deshalb haben Sie noch nicht abgedrückt. Sie haben nur noch eine Kugel.«

»Sie können nicht wissen …«

»Nur noch eine.« Sie schwenkte den Daumen, um die sechste Kugel anzuzeigen. »Wenn Sie auf mich schießen, wird meine Tochter wegrennen. Habe ich recht, Andy?«

Wie bitte?

»Andy«, sagte ihre Mutter, »ich will, dass du rennst, Schatz.«

Wie bitte?

»Er kann nicht schnell genug nachladen, um dir etwas zu tun.«

»Scheiße!«, schrie der Mann und gab sich alle Mühe, sich wieder in seine Wut hineinzusteigern. »Haltet das Maul! Beide.«

»Andy.« Laura machte einen Schritt auf den Schützen zu. Sie hinkte. Aus dem Riss in ihrer Leinenhose sickerte Blut. Etwas Weißes, wie ein Knochen, ragte heraus. »Hör zu, Schätzchen.«

»Ich sagte: Keine Bewegung!«

»Geh durch die Küche.« Lauras Stimme blieb ruhig. »Dort ist ein Hinterausgang.«

Wie bitte?

»Schluss jetzt, Miststück. Ihr beide.«

»Du musst mir vertrauen«, sagte Laura. »Er kann nicht rechtzeitig nachladen.«

Mom.

»Steh auf.« Laura machte noch einen Schritt vorwärts. »Ich sagte, steh jetzt auf.«

Mom, nicht!

»Andrea Eloise.« Die Mutter-Stimme, nicht die Mom-Stimme. »Steh sofort auf.«

Andy bewegte sich wie von allein. Linker Fuß flach aufgesetzt, rechte Ferse hoch, die Finger berührten den Boden, wie ein Läufer im Startblock.

»Schluss damit!« Der Mann riss die Waffe herum, sodass sie auf Andy zeigte, doch Laura bewegte sich mit ihr. Er schwang sie zurück, und ihr Körper folgte und schirmte Andy ab. Schirmte sie vor der letzten Kugel in der Waffe ab.

»Schießen Sie auf mich«, sagte Laura zu dem Mann. »Na los doch.«

»Scheiß drauf.«

Andy hörte ein Klicken.

Der Abzug? Der Hahn, der auf die Kugel traf?

Sie hielt die Augen geschlossen, ihre Hände flogen an ihren Mund.

Aber da kam nichts.

Kein Schuss. Kein Schmerzensschrei.

Sie hörte ihre Mutter nicht tot zu Boden fallen.

Boden. Erde. Grab.

Andy zuckte zusammen, als sie aufblickte.

Der Mann hatte die Scheide seines Jagdmessers aufschnappen lassen.

Er zog es langsam heraus.

Fünfzehn Zentimeter Stahl. Gezackt auf der einen Seite, scharf auf der andern.

Er steckte den Revolver in das Halfter und wechselte das Messer in die dominante Hand. Die Klinge zeigte nicht aufwärts, so wie man ein Steakmesser hält, sondern abwärts, so wie man jemanden absticht.

»Was haben Sie damit vor?«, fragte Laura.

Er antwortete nicht. Er zeigte es ihr.

Zwei Schritte vorwärts.

Das Messer ging in einem Bogen nach oben, dann sauste es hinunter, auf das Herz ihrer Mutter zu.

Andy war wie gelähmt, zu verängstigt, um sich zu einer Kugel zusammenzurollen, zu schockiert, um irgendetwas anderes zu tun, als zuzusehen, wie ihre Mutter starb.

Laura streckte die Hand aus, als könnte sie das Messer abwehren. Die Klinge schnitt mitten durch ihre Handfläche. Laura brach nicht zusammen und schrie auch nicht, sondern schloss die Finger um das Heft des Messers.

Es gab keinen Kampf. Der Mörder war zu verblüfft.

Laura entriss ihm das Messer, obwohl die lange Klinge noch aus ihrem Handrücken ragte.

Er taumelte rückwärts.

Er starrte auf das Messer in ihrer Hand.

Eine Sekunde.

Zwei Sekunden.

Drei.

Dann fiel ihm offenbar die Waffe an seiner Hüfte wieder ein. Er fasste mit der rechten Hand nach unten. Seine Finger schlossen sich um den Griff. Der silberne Lauf blitzte auf. Er schwang die linke Hand zu einem beidhändigen Griff an den Revolver, um die letzte Kugel in die Brust von Andys Mutter zu feuern.

Laura holte lautlos mit dem Arm aus und hieb ihm die Klinge mit einer Rückhandbewegung seitlich in den Hals.

Ein Ratschen, als würde ein Metzger eine Scheibe Rindfleisch abschneiden.

Das Geräusch hallte von den Ecken des Raums zurück.

Der Mann stieß ein Keuchen aus. Sein Mund klappte auf und zu wie ein Fischmaul. Seine Augen waren weit aufgerissen.

Lauras Handrücken war an seinem Hals festgenagelt, zwischen dem Griff und der Klinge.

Andy sah, wie sich ihre Finger bewegten.

Etwas klickte. Die Waffe bebte, als der Mann sie anzuheben versuchte.

Laura sagte irgendetwas, mehr ein Knurren als Worte.

Er hob die Waffe höher, versuchte zu zielen.

Sie zog die Klinge quer durch seine Kehle.

Blut, Sehnen, Knorpel.

Kein Sprühnebel wie zuvor. Alles ergoss sich aus der klaffenden Halswunde wie bei einem Dammbruch.

Sein schwarzes Hemd wurde noch schwärzer. Die Perlmuttknöpfe ließen verschiedene Schattierungen von Rosa erkennen.

Die Waffe fiel zuerst.

Dann ging der Mann in die Knie und sank langsam vornüber.

Andy beobachtete seine Augen, als er fiel.

Er war tot, bevor er auf dem Boden aufschlug.

2

In der neunten Klasse war Andy in einen Jungen namens Cletus Laraby verknallt, der ironischerweise den Spitznamen Cleet verpasst bekommen hatte. Er hatte lange, braune Haare, konnte Gitarre spielen und war der klügste Junge in Chemie, deshalb versuchte Andy, Gitarre zu lernen, und gab vor, sich ebenfalls für Chemie zu interessieren.

Und so landete sie an ihrer Schule in einem Wettbewerb für naturwissenschaftliche Projekte: Cleet hatte sich angemeldet, also meldete sich Andy ebenfalls an.

Sie hatte noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.

Niemand warf die Frage auf, ob es klug sei, einem Mädchen aus dem Theaterkurs, das die naturwissenschaftlichen Fächer gerade mal so bestand, Zugang zu Ammoniumnitrat und Zündschlössern zu gewähren, aber im Nachhinein betrachtet war Dr. Finney wahrscheinlich so froh, dass sich Andy für etwas anderes als Schauspiel interessierte, dass sie beide Augen zudrückte.

Ihr Vater war ebenfalls begeistert. Er begleitete Andy in die Bibliothek, wo sie gemeinsam Bücher über Ingenieurwesen und Raketenbau wälzten. Er füllte einen Antrag für einen Treuerabatt im örtlichen Bastelladen aus. Am Esstisch las er laut aus Broschüren der Amerikanischen Gesellschaft für Raketentechnik vor.

Sooft Andy bei ihrem Dad übernachtete, arbeitete Gordon in der Garage mit seinen Schleifblöcken, um die Seitenflossen und die Nase der Rakete zu formen, während Andy an seiner Werkbank saß und Entwürfe für den Rumpf zeichnete.

Andy wusste, dass Cleet die Goo Goo Dolls mochte, weil er einen Aufnäher der Band auf seinem Rucksack hatte. Deshalb überlegte sie, den Rumpf der Rakete wie eins der Steampunk-Teleskope aus dem Video zum Song ›Iris‹ aussehen zu lassen, dann überlegte sie, Flügel daranzubasteln, weil ›Iris‹ aus dem Soundtrack zum Film Stadt der Engel stammte, und schließlich entschied sie, dass sie Nicolas Cages Gesicht im Profil daraufmalen würde, weil er der Engel in dem Film war, aber dann beschloss sie, stattdessen Meg Ryan zu wählen, denn das hier geschah alles für Cleet, und der fand Meg Ryan wahrscheinlich sehr viel interessanter als Nicolas Cage.

Eine Woche vor dem Wettbewerb musste Andy alle Unterlagen und Fotos bei Dr. Finney abgeben, um zu beweisen, dass sie die Arbeit tatsächlich selbst geleistet hatte. Sie breitete ihre zweifelhaften Beweismittel auf dem Lehrertisch aus, als Cleet Laraby hereinkam. Andy musste ihre Finger ineinander verschränken, damit sie nicht zitterten, als er stehen blieb, um sich die Fotos anzusehen.

»Meg Ryan«, sagte Cleet. »Verstehe. Du jagst die Schlampe in die Luft, stimmt’s?«

Ein kalter Luftzug schien Andy zu streifen.

»Meine Freundin liebt diesen dämlichen Film. Den mit den Engeln, ja?« Cleet zeigte auf den Sticker der Goo Goo Dolls auf seinem Rucksack. »Sie haben diesen beschissenen Song für den Soundtrack geschrieben, Mann. Deshalb hab ich den hier draufgeklebt. Soll eine Mahnung sein, dass ich mich als Künstler niemals so verkaufe wie diese Schwuchteln.«

Andy war zu keiner Bewegung fähig und brachte kein Wort heraus.

Freundin. Dämlich. Beschissen. Mann. Schwuchteln.

Andy hatte Dr. Finneys Klassenzimmer ohne ihre Unterlagen oder Bücher, ja sogar ohne ihre Handtasche verlassen. Sie war durch die Cafeteria gegangen, dann durch die Hintertür hinaus, die immer nur angelehnt war, damit das Personal hinter dem Müllcontainer rauchen konnte.

Gordon wohnte drei Kilometer von der Schule entfernt. Es war Juni. In Georgia. An der Küste. Als Andy bei ihm ankam, hatte sie einen bösen Sonnenbrand und war klatschnass vor Schweiß und Tränen. Sie nahm die Meg-Ryan-Rakete und die beiden Nicolas-Cage-Testraketen und schmiss sie in die Mülltonne vor der Tür. Dann tränkte sie alles mit Feuerzeugbenzin und warf ein Streichholz in die Tonne. Sie kam in Gordons Einfahrt auf dem Rücken liegend wieder zu sich, weil ein Nachbar sie mit dem Gartenschlauch abspritzte.

Die Stichflamme hatte Andys Augenbrauen und Wimpern, ihren Pony und die Nasenhaare versengt. Die Explosion war so heftig und laut gewesen, dass sie aus den Ohren blutete. Der Nachbar schrie ihr ins Gesicht. Seine Frau, eine Krankenschwester, kam dazu und versuchte, Andy etwas zu sagen, aber alles, was sie vernahm, war ein spitzer Ton, so wie wenn die Chorleiterin auf der Stimmpfeife blies.

Iiiiiiiiiii …

Andy hörte vier Tage lang nichts anderes als diesen Ton.

Wenn sie aufwachte. Wenn sie zu schlafen versuchte. Badete. In die Küche ging. Vor dem Fernseher saß. Wenn sie die Notizen las, die ihre Eltern wütend auf ein Whiteboard kritzelten.

Wir wissen nicht, was los ist.

Wahrscheinlich vorübergehend.

Weine nicht.

Iiiiiiiiiii …

Das war jetzt fast zwanzig Jahre her. Andy hatte in der Zwischenzeit nicht oft an die Explosion gedacht, und sie dachte auch jetzt nur daran, weil der Ton wieder da war. Sie nahm ihn wieder wahr, als sie in dem Diner neben dem Stuhl stand, auf dem ihre Mutter saß. Auf dem Boden lagen drei tote Menschen. Der Mörder, dessen schwarzes Hemd noch schwärzer war, Shelly Barnard, deren rotes T-Shirt noch röter war, und Betsy Barnard, deren untere Gesichtshälfte nur noch an Muskelsträngen und Sehnen hing.

Andy hatte von den Leichen zu den Leuten aufgeblickt, die sich vor dem Restaurant versammelt hatten. Kunden des Einkaufszentrums, mit Tüten von Abercrombie und Juicy, mit Starbucks-Kaffees und Slushys. Manche hatten geweint. Manche hatten Fotos geknipst.

Andy hatte eine Berührung auf ihrem Arm gespürt. Laura mühte sich ab, um den Stuhl von den Gaffern wegzudrehen. Für Andy hatten ihre Bewegungen etwas Abgehacktes wie in einem Stop-Motion-Film. Lauras Hand zitterte, als sie ein Tischtuch um ihr blutendes Bein zu binden versuchte. Das weiße Ding, das aus ihrem Hosenbein geragt hatte, war kein Knochen gewesen, sondern eine Porzellanscherbe. Laura war Rechtshänderin, aber mit dem Messer, das immer noch in ihrer linken Hand steckte, war es ihr unmöglich, sich das Bein zu verbinden. Sie sprach mit Andy, wahrscheinlich bat sie sie um Hilfe, aber alles, was Andy hörte, war der Ton.

»Andy«, hatte Laura gesagt.

Iiiiiiiiiii …

»Andrea.«

Andy starrte auf den Mund ihrer Mutter und wusste nicht, ob sie das Wort gehört oder von ihren Lippen abgelesen hatte.

»Andy«, wiederholte Laura. »Hilf mir.«

Sie war zu ihr durchgedrungen, eine gedämpfte Bitte, als würde ihre Mutter durch ein langes Rohr sprechen.

»Andy.« Laura hatte Andys Hände festgehalten. Ihre Mutter saß vornübergebeugt auf dem Stuhl und hatte offensichtlich Schmerzen. Andy war auf die Knie gegangen und versuchte, das Tischtuch zu verknoten.

Zieh es fest …

Das Gleiche hätte Andy einem panischen Anrufer am Notruftelefon gesagt: Machen Sie sich keine Sorgen, dass Sie ihr wehtun könnten. Ziehen Sie das Tuch so fest, wie Sie nur können, um die Blutung zu stoppen.

Es war anders, wenn es die eigenen Hände waren, die das Tuch banden. Anders, den Schmerz in dem Gesicht der eigenen Mutter zu sehen.

»Andy.« Laura hatte gewartet, bis ihre Tochter aufblickte.

Andy hatte Mühe, scharf zu sehen. Sie wollte aufmerksam sein. Sie musste aufmerksam sein.

Ihre Mutter hatte sie am Kinn gepackt und kräftig geschüttelt, um sie aus ihrer Benommenheit zu reißen.

»Sprich nicht mit der Polizei«, hatte sie gesagt. »Unterschreib keine Aussage. Sag, dass du dich an nichts erinnern kannst.«

Wie bitte?

»Versprich es mir«, hatte Laura insistiert. »Sprich nicht mit der Polizei.«

Vier Stunden später hatte Andy immer noch nicht mit der Polizei gesprochen, aber das lag eher daran, dass die Polizei nicht mit ihr gesprochen hatte. Nicht im Diner, nicht im Rettungswagen und auch hier nicht.

Andy wartete vor der geschlossenen Tür des OP-Bereichs, während Laura operiert wurde. Sie saß zusammengesunken auf einem Hartplastikstuhl. Sie hatte es abgelehnt, sich hinzulegen, als die Schwester ihr ein Bett angeboten hatte, denn mit ihr war schließlich alles okay. Laura war diejenige, die Hilfe brauchte. Und Shelly. Und Shellys Mutter, deren Name Andy gerade nicht einfiel.

Sie lehnte sich zurück und suchte nach einer Position, bei der die Schwellung an ihrem Hinterkopf nicht so schmerzhaft pochte. Das Panoramafester mit Blick auf die Promenade. Andy erinnerte sich daran, wie ihre Mutter sie zu Boden gerissen hatte. An den Schlag an ihren Hinterkopf, als sie gegen die Scheibe krachte. Das Spinnwebmuster im Glas. Wie schnell Laura wieder auf den Beinen gewesen war. Wie ruhig sie ausgesehen und geklungen hatte.

Wie sie ihre Finger in die Höhe gereckt hatte – vier an der linken Hand, einen an der rechten –, als sie dem Schützen erklärte, dass er von seinen ursprünglich sechs Kugeln nur noch eine übrig hatte.

Andy fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Sie widerstand dem Drang, auf die Uhr zu sehen, denn wenn sie das jedes Mal tat, sobald sie das Bedürfnis verspürte, würde die Zeit gar nicht mehr vergehen. Sie fuhr mit der Zunge über ihre Zahnfüllungen. Die aus Metall waren inzwischen durch Kunststoffeinlagen ersetzt worden, aber sie erinnerte sich noch an damals, als der alles übertönende Laut in den Metallfüllungen ihrer Backenzähne vibrierte. Bis in den Kiefer. Bis hinauf in den Schädel. Ein Geräusch wie ein Schraubstock, ein Gefühl, als würde ihr Gehirn implodieren.

Iiiiiiiiiii …

Andy schloss die Augen. Sofort spulten sich die Bilder in ihrem Kopf ab, wie bei einer von Gordons Diavorführungen früher.

Laura hob die Hand.

Die lange Klinge fuhr in ihre Handfläche.

Sie entriss dem Mann das Messer.

Sie stieß es mit einer Rückhandbewegung in seinen Hals.

Blut.

So viel Blut.

Jonah Helsinger. So hieß der Mörder. Andy wusste es – sie wusste nur nicht, woher. Hatte sie es im Funk des Rettungswagens gehört, als sie mit ihrer Mutter ins Krankenhaus gefahren war? Hatten sie es in den Nachrichten auf dem Fernsehschirm gemeldet, als man sie ins Wartezimmer führte? Hatten die Schwestern den Namen auf den Lippen gehabt, als sie Andy zum OP-Bereich brachten?

»Jonah Helsinger«, hatte jemand geflüstert, so wie man flüsterte, dass jemand Krebs hatte. »Der Täter hieß Jonah Helsinger.«

»Ma’am?« Eine Polizeibeamtin aus Savannah stand vor Andy.

»Ich …« Andy rief sich ins Gedächtnis, was ihre Mutter ihr gesagt hatte. »Ich kann mich an nichts erinnern.«

»Ma’am«, wiederholte die Beamtin, was seltsam klang, weil sie älter war als Andy. »Es tut mir leid, Sie zu stören, aber da ist ein Mann. Er sagt, er sei Ihr Vater, aber …«

Andy blickte den Flur hinunter.

Gordon stand bei den Aufzügen.

Bevor sie darüber nachdenken konnte, war sie schon aufgesprungen und auf ihn zugerannt. Gordon kam ihr auf halbem Weg entgegen, schloss sie in eine innige Umarmung und drückte sie so kräftig an sich, dass sie sein Herz in der Brust schlagen fühlte. Sie drückte das Gesicht an sein gestärktes weißes Hemd. Er war von der Arbeit gekommen und trug seinen üblichen dreiteiligen Anzug. Die Lesebrille saß noch auf seinem Kopf, und der Montblanc-Füller steckte in der Hemdtasche. Sie spürte die Kälte des Metalls an ihrer Ohrspitze.

Andy hatte seit der Schießerei zunehmend die Fassung verloren, aber in den Armen ihres Vaters, endlich in Sicherheit, gab es kein Halten mehr. Sie weinte so heftig, dass sie nicht einmal mehr stehen konnte. Gordon trug sie zu einer Reihe von Stühlen an der Wand und hielt sie so fest, dass sie nur ganz flach atmen konnte.

»Ich bin hier, Baby«, sagte er immer wieder. »Ich bin hier.«

»Daddy«, schluchzte sie.

»Es wird alles gut.« Gordon strich ihr über das Haar. »Du bist jetzt in Sicherheit. Alle sind in Sicherheit.«

Andy weinte weiter. Sie weinte so lange, bis sie sich fast komisch vorkam, so als hätte sie es übertrieben. Laura war schließlich am Leben. Schlimme Dinge waren geschehen, aber Laura würde es überstehen. Andy würde es überstehen. Sie musste es überstehen.

»Ist ja gut«, murmelte Gordon. »Lass es raus.«

Andy schniefte. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Und scheiterte. Jedes Mal, wenn sie dachte, es ginge wieder, fiel ihr ein weiteres Detail ein – der Klang des ersten Schusses, der sich wie ein aufspringender Vakuumverschluss angehört hatte, das Ratschen, als ihre Mutter das Messer in Fleisch und Knorpel gestoßen hatte –, und schon strömten ihr neue Tränen in die Augen.

»Es ist gut«, sagte Gordon und strich ihr geduldig über den Kopf. »Alle sind okay, Schätzchen.«

Andy fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase und holte schluchzend Luft. Gordon richtete sich auf, ohne sie loszulassen, und holte sein Taschentuch hervor.

Andy wischte ihre Tränen ab und putzte sich die Nase. »Es tut mir leid.«

»Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest.« Gordon strich ihr das Haar aus den Augen. »Bist du verletzt?«

Sie schüttelte den Kopf und schnäuzte sich noch einmal, bis der Druck auf den Ohren weg war.

Der Ton war verschwunden.

Erleichtert schloss sie die Augen.

»Okay?«, fragte Gordon. Seine Hand lag warm auf ihrem Rücken und gab ihr das Gefühl, wieder Halt zu haben. »Alles in Ordnung?«

Andy öffnete die Augen. Ihre Nerven lagen immer noch blank, aber sie musste ihrem Vater unbedingt erzählen, was passiert war. »Mom … Sie hatte ein Messer, und sie hat diesen Kerl umg –«

»Pst«, sagte er und legte ihr den Finger auf die Lippen. »Mom ist okay. Wir sind alle okay.«

»Aber …«

Er brachte sie erneut zum Schweigen, indem er den Zeigefinger auf ihren Mund drückte. »Ich habe mit dem Arzt gesprochen. Mom erholt sich von der OP. Ihre Hand wird heilen. Ihr Bein ist okay. Es wird alles gut.« Er zog eine Augenbraue hoch und neigte den Kopf leicht in die Richtung, wo die Polizistin stand. Die Frau telefonierte, aber sie lauschte erkennbar ihrem Gespräch.

»Ist auch bestimmt alles in Ordnung bei dir?«, fragte Gordon. »Haben sie dich untersucht?«

Sie nickte.

»Du bist nur müde, Baby. Du hast die ganze Nacht gearbeitet. Du hast etwas Schreckliches mit angesehen. Dein Leben war in Gefahr. Und das deiner Mutter. Verständlicherweise stehst du unter Schock. Du brauchst jetzt Ruhe, du musst deiner Erinnerung Zeit geben, damit sie alle Teile wieder zusammensetzt.« Sein Ton war gemessen. Andy begriff, dass er ihr in den Mund legte, was sie später sagen sollte. »In Ordnung?«

Sie nickte, weil er nickte. Warum sagte er ihr, was sie aussagen sollte? Hatte er mit Laura gesprochen? War ihre Mutter in Schwierigkeiten?

Sie hatte einen Mann getötet. Natürlich war sie in Schwierigkeiten.

Die Polizeibeamtin meldete sich wieder zu Wort. »Ma’am, würde es Ihnen etwas ausmachen, mir ein paar einfache Angaben zu machen? Vollständiger Name, Adresse, Geburtsdatum, solche Dinge.«

»Das bekommen Sie alles von mir, Officer.« Gordon wartete darauf, dass die Frau Notizblock und Kugelschreiber hervorholte.

Andy verkroch sich wieder unter seinem schützenden Arm. Sie schluckte so heftig, dass ein Laut aus ihrer Kehle kam.

Und dann zwang sie sich, die Geschehnisse wie eine Außenstehende zu betrachten, nicht wie eine verängstigte Zuschauerin.

Hier hatte nicht ein Drogendealer einen anderen Drogendealer auf offener Straße erschossen und kein gewalttätiger Lebenspartner die letzte Grenze überschritten. Ein weißer Junge hatte zwei weiße Frauen erschossen und war dann von einer weiteren Weißen getötet worden, und das mitten in der Einkaufsmall eines wohlhabenden Ortes.

Wahrscheinlich würden die Nachrichtensender aus Atlanta und Charleston ihre Leute herunterschicken. Anwälte würden für die Familien, die Opfer, für das Management der Mall, die Stadt und das County aktiv werden. Ein Großaufgebot an Polizeikräften würde in die Stadt einfallen: Belle Isle, Savannah, Chatham County. Das Georgia Bureau of Investigation. Zeugenaussagen. Forensische Untersuchungen. Fotos. Autopsien. Beweismittelsammlung.

Zu Andys Aufgaben in der Notrufzentrale gehörte es, Aktennummern für Verbrechen in einem wesentlich kleineren Maßstab zu vergeben, und oft verfolgte sie diese Nummern über die Monate, manchmal sogar Jahre hinweg, die es dauerte, bis ein Fall vor Gericht ging. Sie sollte besser als irgendwer sonst wissen, dass das, was ihre Mutter getan hatte, auf jeder einzelnen Ebene des Strafjustizsystems gründlich untersucht werden würde.

Wie aufs Stichwort ertönte ein lautes Klingeln vom Aufzug her. Der lederne Pistolengurt der Polizistin knirschte, als sie ihn auf ihrer Hüfte zurechtrückte. Die Aufzugtür öffnete sich, und ein Mann und eine Frau traten in den Flur. Beide in zerknitterten Anzügen. Beide mit müdem Gesichtsausdruck. Der Mann war kahl, und auf seiner Nase löste sich an mehreren Stellen die Haut nach einem Sonnenbrand ab. Die Frau war etwa so groß wie Andy und mindestens zehn Jahre älter, sie hatte olivfarbene Haut und dunkles Haar.

Andy machte Anstalten, aufzustehen, aber Gordon drückte sie auf ihren Stuhl zurück.

»Miss Oliver.« Die Frau holte ihre Dienstmarke hervor und zeigte sie Andy. »Ich bin Detective Sergeant Lisa Palazzolo. Das ist Detective Brant Wilkes. Wir sind vom Savannah Police Department und unterstützen Belle Isle bei den Ermittlungen.« Sie steckte ihre Marke wieder ein. »Wir müssen mit Ihnen über die Geschehnisse von heute Morgen reden.«

Andy machte den Mund auf, aber wieder fiel ihr nicht ein, was ihre Mutter ihr aufgetragen oder was Gordon ihr vorgesagt hatte, also suchte sie in ihrer Standardreaktion Zuflucht, die darin bestand, den Mund zu schließen und die Fragestellerin ausdruckslos anzusehen.

»Das ist ein ungünstiger Zeitpunkt, Detectives«, sagte Gordon. »Meine Tochter steht unter Schock. Sie ist noch nicht in der Verfassung für eine Aussage.«

Wilkes brummte missbilligend. »Sie sind ihr Vater?«

Andy vergaß immer, dass Gordon schwarz war und sie weiß, bis jemand darauf hinwies.

»Ja, Detective, ich bin ihr Vater.« Gordons Tonfall war geduldig. Er war an diese Situation gewöhnt. Im Lauf der Jahre hatte er ängstliche Lehrer, besorgte Verkäufer und offenkundig rassistische Wachleute beschwichtigt. »Mein Name ist Gordon Oliver, ich bin Laura Olivers Exmann und Andreas Adoptivvater.«

Wilkes verzog den Mund, während er die Geschichte schweigend überprüfte.

»Was geschehen ist, tut uns wirklich sehr leid, Mr. Oliver«, sagte Palazzolo, »aber wir müssen Andrea ein paar Fragen stellen.«

»Wie gesagt, sie ist im Moment nicht in der Verfassung, über den Vorfall zu sprechen«, wiederholte Gordon. Er schlug lässig die Beine übereinander, als sei das alles eine reine Formalität. »Andrea arbeitet in der Notrufzentrale, wie Sie an ihrer Uniform sicherlich erkennen. Sie hat eine Nachtschicht hinter sich und ist hundemüde. Sie hat eine schreckliche Tragödie mit ansehen müssen. Sie ist nicht imstande, eine Aussage zu machen.«

»Es war tatsächlich eine schreckliche Tragödie«, stimmte Palazzolo zu. »Drei Menschen sind tot.«

»Und meine Tochter hätte die vierte sein können.« Gordon hielt weiter den Arm schützend um Andy gelegt. »Wir vereinbaren gern einen Termin für morgen auf dem Revier.«

»Das ist eine laufende Mordermittlung.«

»Und der Tatverdächtige ist tot«, rief ihr Gordon in Erinnerung. »Das Ganze hat keine Eile, Detective. Ein Tag mehr wird keinen Unterschied machen.«

Wilkes brummte wieder. »Wie alt sind Sie?«

Andy begriff, dass er mit ihr sprach.

»Sie ist einunddreißig«, sagte Gordon. »Heute ist ihr Geburtstag.«

Andy musste plötzlich an Gordons Telefonnachricht von heute Morgen denken, an das in tiefem Bariton und falscher Tonlage gesungene »Happy Birthday«.

»Sie ist ein bisschen zu alt, um ihren Daddy für sich sprechen zu lassen«, sagte Wilkes.

Palazzolo verdrehte die Augen. »Miss Oliver, wir wären Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie uns helfen könnten, den Tathergang zu Papier zu bringen. Sie sind die einzige Zeugin, die noch keine Aussage gemacht hat.«

Andy wusste, dass das nicht stimmte, denn Laura wachte eben erst aus ihrer Narkose auf.

»Detectives, wenn …«, begann Gordon.

»Sind Sie ihr Daddy oder ihr Anwalt, verdammt noch mal«, sagte Wilkes. »Wir können Sie nämlich entfernen lassen …«

Gordon stand auf. Er war mindestens einen Kopf größer als Wilkes. »Zufällig bin ich Anwalt, Mr. Wilkes, und ich kann Sie entweder über das verfassungsmäßige Recht meiner Tochter belehren, diese Befragung zu verweigern, oder ich kann eine offizielle Beschwerde bei Ihren Vorgesetzten einreichen.«

Andy erkannte am Zucken seines Mundes, wie sehr es ihn juckte, Gordon in seine Schranken zu weisen.

»Brant, geh spazieren«, drängte Palazzolo.

Wilkes rührte sich nicht.

»Nun mach schon, Brant. Wir treffen uns in der Cafeteria. Hol dir einen Snack.«

Wilkes starrte Gordon wie ein unkastrierter Pitbull an, ehe er davonstapfte.

»Mr. Oliver«, sagte Palazzolo, »ich verstehe, dass Ihre Tochter heute viel durchgemacht hat, aber auch wenn Savannah nicht gerade eine verschlafene Kleinstadt ist, sind wir an Dreifachmorde nicht gewöhnt. Wir müssen unbedingt die Aussage Ihrer Tochter aufnehmen. Wir müssen wissen, was passiert ist.«

»Doppelmord«, korrigierte Gordon.

»Richtig.« Nach kurzem Zögern sprach Palazzolo weiter. »Können wir das im Sitzen erledigen?« Sie lächelte Gordon versöhnlich an. »Ich arbeite ebenfalls Nachtschicht. Ich bin seit achtzehn Stunden auf den Beinen, und ein Ende ist nicht abzusehen.« Sie schleppte einen Stuhl heran, ehe Gordon sie aufhalten konnte. »Hören Sie, ich sage Ihnen, was ich weiß, und wenn Andrea sich dazu in der Lage fühlt, kann sie mir dann sagen, woran sie sich erinnert. Oder eben nicht. So oder so bekommen Sie unsere Seite der ganzen Geschichte zu hören.« Sie zeigte auf den anderen Stuhl. »Das ist ein gutes Angebot, Mr. Oliver. Ich hoffe, Sie erwägen, es anzunehmen.«

Gordon sah zu Andy hinunter.

Sie hatte diesen Blick schon tausendmal gesehen. Denk dran, was ich dir gesagt habe.

Andy nickte und hielt den Mund. Wenn sie etwas außerordentlich gut beherrschte, dann das.

»Wunderbar.« Palazzolo setzte sich mit lautem Ächzen.

Andy wollte ebenfalls Platz nehmen, aber Gordon schob sie ein Stück weiter, sodass er derjenige war, der Palazzolo genau gegenübersaß.