Ein Teil von uns - Kira Gembri - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

Ein Draufgänger, der sich von einem Risiko ins andere stürzt - das wäre der 19-jährige Aaron gerne. Stattdessen sitzt er seit seinem Nierenversagen fünfzehn Stunden pro Woche im Krankenhaus und erlebt Abenteuer nur im Kopf. Nia hingegen kann auf Abenteuer gut verzichten. Vor lauter Angst, ihre strengen Eltern zu enttäuschen, geht sie lieber gar keine Risiken mehr ein. Klar, dass es nicht gerade Liebe auf den ersten Blick ist. Aber keiner von beiden hätte sich je träumen lassen, dass ein Streit im Krankenhaus sie zum Abenteuer ihres Lebens führen könnte - und bis ans andere Ende der Welt ...

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Zeit:4 Std. 45 min

Sprecher:Max Felder


Kira Gembri

Ein Teil von uns

 

 

Für M., der mindestens so viele Witze reißt wie Aaron. Wenn du gewusst hättest, wohin ein scherzhafter Vorschlag von dir führen würde …

 

1. Auflage 2016 © 2016 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com Dieses Buch wurde von der Literaturagentur erzähl:perspektive

(www.erzaehlperspektive.de) vermittelt. ISBN 978-3-401-80600-6

Besuche uns unter: www.arena-verlag.dewww.twitter.com/arenaverlagwww.facebook.com/arenaverlagfans

Aaron

Drei Hinweise darauf, dass ich ein Cyborg bin:

1. Ich habe seit Jahren keinen Tropfen mehr gepinkelt.

2. Im Laufe der nächsten Minuten wird mein gesamtes Blut meinen Körper verlassen, und das ist völlig okay.

3. Ich hänge an einer anderthalb Meter hohen Maschine. Oder die Maschine an mir. Wie man’s nimmt.

Im Grunde würde wohl der letzte Punkt ausreichen, aber ich finde, die anderen beiden sind auch eine Erwähnung wert. Sie klingen ja fast wie Superhelden-Eigenschaften. Trotzdem würde ich herzlich gern darauf verzichten.

Ich hebe den Blick von der Tastatur meines Laptops und beobachte, wie Arnold Schwarzenegger mit stoischem Gesichtsausdruck eine Polizeistation betritt. Bestimmt muss auch er niemals pinkeln. Also, der Terminator, nicht Schwarzenegger selbst. Der wohnt wahrscheinlich in einer gigantischen Villa in L.A., mit sieben Badezimmern und zwölf Toiletten. Mühsam lenke ich meine Gedanken wieder zum Film und weg von Arnie auf dem Klo. Erst letztens hat mich mein Kumpel Timo darauf hingewiesen, dass ich mich entschieden zu oft mit der Blasentätigkeit von anderen Leuten beschäftige. Aber das ist wie mit ihm und Katja Thiemann aus der 11c: Was man nicht haben kann, will man nur umso mehr.

Inzwischen wurde dem Terminator verwehrt, weiter in die Polizeistation vorzudringen. Der Film läuft ohne Ton, weil Schwester Regina meinte, von dem Krach würden meine Kopfschmerzen auch nicht besser. Aber das spielt keine Rolle, den Text kenne ich sowieso auswendig.

»I’ll be back«, spreche ich die berühmteste Zeile mit.

»Ich auch«, antwortet Schwester Regina trocken. »Und wenn du bis dahin deinen Blutdruck nicht im Griff hast, setzt es was.«

Ich salutiere mit meiner freien Hand, also derjenigen, die nicht mit zwei Schläuchen an meinem Cyborg-Organ hängt. Das ist die übliche Masche von Schwester Regina, wenn es mir gerade ziemlich dreckig geht: Sie tut so, als hätte ich die Situation noch unter Kontrolle. Dabei fällt es mir im Moment schon schwer, aufrecht zu sitzen. So viel zu meinen Superhelden-Eigenschaften. Trotzdem überlasse ich Arnie seinem stummen Geballer und zwinge mich, meinen Blogbeitrag fertig zu tippen.

Gerade klappe ich meinen Laptop zu, als Lärm auf dem Flur Timos Ankunft verkündet. Die Geräuschkulisse ist immer dieselbe: tapp tapp – ein Paar verstaubter Sneaker auf dem polierten Linoleum. Schepper – sein Skateboard, das er nicht mit reinnehmen darf. Kicher – irgendeine sehr junge, sehr leicht beeindruckbare Krankenschwester. Eine, die morgen vielleicht an der Reihe ist, mir zwei Nadeln von über einem Millimeter Durchmesser in den Arm zu schieben. Aber darüber denke ich lieber nicht so genau nach.

Dann fliegt die Tür auf und Timo platzt herein. Von den braunen Locken bis zu den Sohlen seiner Vans wirkt er dermaßen energiegeladen, dass er in dieser kühlen Umgebung hervorsticht, als käme er von einem anderen Planeten. Kaum zu glauben, dass wir uns früher mal so ähnlich gesehen haben wie Brüder.

»Was geeeeht?«, trompetet er mir quer durch den Raum entgegen, während er sich vorschriftsmäßig die Hände wäscht. Ungeniert latscht er danach an den anderen Dialyseplätzen vorüber, wo die meisten Patienten dösen oder in Bücher vertieft sind. Hoffentlich bekommt keiner mit, was mir mein Kumpel voller Stolz in den Schoß wirft.

Bei seinen ersten Besuchen hatte Timo noch Schokolade oder Kartoffelchips dabei, bis ich ihm gesagt habe, dass er mir genauso gut einen leckeren Rattengift-Smoothie schenken könnte – die Wirkung auf meinen Körper wäre ähnlich verheerend. Eigentlich wollte ich damit bloß die Stimmung auflockern, aber seitdem bringt er immer Dinge mit, bei denen er von vornherein weiß, dass sie völlig unangebracht sind. Diesmal hat er mir ein Magazin mit einem sehr aussagekräftigen Foto auf der Titelseite besorgt. Genau genommen ist es so aussagekräftig, dass man die Überschrift dazu gar nicht bräuchte:

Geile ÄrscheXXL.

»Oh Gott«, sage ich. »Bitte verrate mir nicht, wovon es handelt. Ich will mich überraschen lassen.«

Timo ringt nach Luft, als hätte ich ihn tödlich beleidigt. »Sag mal, hast du was gegen meine Lieblingszeitschrift?«

»Nicht doch. Ich denke bloß, der Titel wäre in seiner Subtilität vielleicht zu übertreffen.«

»Irgendwelche Ideen, Klugscheißer?«

Ich lege den Kopf schief. »Ass Weekly?«, schlage ich vor.

Timo streicht liebevoll über das Cover. »Frankfurter Arschgeweihe.«

»Der Popostillion.«

»Der Darm-SPIEGEL.«

Jetzt ist er in seinem Element und ich überspiele, wie erleichtert ich deswegen bin. Die Maschine neben mir lässt sich nur schwer ignorieren, vor allem dann, wenn sie einen schrillen Alarm ausstößt und die Schwester auf den Plan ruft. Stumm befehle ich allen Werten, im Normalbereich zu bleiben, während mein Kumpel fröhlich weiterquasselt. Nachdem das Schmuddelheft-Thema erschöpft ist, erzählt er mir vom letzten Ausflug mit seiner Parkour-Gruppe. Ich versuche, mich an meine Zeit im Team zu erinnern, um halbwegs intelligente Kommentare abzugeben. Damals sind wir täglich nach der Schule zusammen losgezogen und weder Halfpipes noch Mauern noch parkende Autos waren vor uns sicher. Es ist nur so verdammt lange her. Heute könnte ich höchstens was in der Art beitragen: Hey Timo, neulich hab ich es geschafft, eine Treppe freihändig … runterzusteigen! Nope, es ist wohl besser, ich höre einfach nur zu.

Gerade beschreibt er mir in allen Einzelheiten, wie er vor ein paar Tagen einen Salto über ein Brückengeländer geschlagen hat, als Schwester Regina wieder hereinkommt. Glücklicherweise ist sie mit ihren geschätzten fünfzig Jahren zu alt, um beim Anblick meines Kumpels so wie die Schwesternschülerinnen auf Fangirl-Modus zu schalten.

»Dann wollen wir dich mal befreien«, verkündet sie bloß und drückt auf einen Knopf neben dem Monitor. Anschließend richtet sie den Blick auf die Zeitschrift, die halb über meinem Arm liegt. »Aber zuerst muss der Gluteus maximus … maximus da weg.«

Timo geht zwei Schritte zur Seite und tätschelt dabei mit gespielt gekränkter Miene seinen Hintern. »Hey! Noch ist nicht Bikini-Saison!«

Kopfschüttelnd schiebt Schwester Regina Geile ÄrscheXXL zur Seite, ehe sie die beiden Nadeln aus meiner Vene zieht. Am liebsten würde ich Timo jetzt bitten, sich vom Acker zu machen. Stattdessen zwinge ich mich zu einem Grinsen, während ich einen Tupfer auf die Einstichstellen drücke und Regina mit den blutigen Schläuchen hantiert. Je genauer mich Timo beobachtet, desto mehr versuche ich, so zu tun, als wäre das hier die normalste Sache der Welt. Alle Menschen waschen ihre Klamotten, manche waschen Geld und ich wasche eben mein Blut. Kein Thema, oder? Aber nur ein Idiot würde mir dieses Theater abkaufen.

»Et voilà: zwei bis drei Kilo leichter. Ich bin Heidi Klums feuchter Traum«, sage ich, nachdem mir Regina eine Bandage angelegt hat.

Timo lacht kurz auf, doch ich bin nicht sicher, ob er die Anspielung auf meine beseitigten Wassereinlagerungen überhaupt kapiert hat. »Na klasse. Ich muss jetzt sowieso los. Matze hat gestern eine verlassene Baustelle entdeckt, da gibt’s ein paar echt geile Sachen zu bespringen. Und wenn wir schon beim Thema Bespringen sind – Katja hat sich gestern endlich auf WhatsApp bei mir gemeldet.«

»Katja will mit euch Parkour machen?«, frage ich verwirrt, dann fällt bei mir der Groschen. »Ach so.«

»Langsam«, ermahnt mich Schwester Regina, als ich die Füße auf den Boden stelle.

»Ja, das ist er allerdings«, bestätigt Timo feixend.

Ich schlage Reginas Warnung in den Wind und erhebe mich so schwungvoll, als wären seit meinem letzten Parkour-Ausflug nicht fünf Jahre vergangen. Als wäre ich kein Neunzehnjähriger mit der Kondition eines Tattergreises. Als wäre alles noch irgendwie normal.

Oh-oh.

»Grüß die anderen von mir und … erzähl mir alles«, sage ich gepresst. Wie in Zeitlupe sehe ich, dass Timo mir die Faust entgegenstreckt. Ich klammere mich mit einer Hand an den Dialysestuhl und klopfe meinen Kumpel ab. Mein bandagierter Arm zittert.

»Klar doch, Alter.« Timos Gesicht verschwimmt. »Bis nächste Woche oder so.«

Ich nicke und grinse und sehe zu, wie er durch die Tür schlendert. Anschließend ertönt wieder sein üblicher Soundtrack – weibliches Kichern – Schritte – Scheppern und dann …

»Schüssel, bitte«, bricht es aus mir hervor. Kaum hält Regina mir ein Gefäß hin, lasse ich mich fallen und kotze mir die Seele aus dem Leib.

Nia

Es ist fünf Uhr morgens, als mir auffällt, dass sich Paragraf irgendwie auf Schaf reimt. Trotzdem wird der Plural anders gebildet. Ich kann also höchstens Paragrafen zählen und nicht Paragrafe, um einzuschlafen. Aber nützen wird mir das auch nichts.

Sobald ich diesen genialen Gedankengang zu Ende geführt habe, wird mir klar, dass mein Gehirn wirklich eine kleine Ruhepause gebrauchen könnte. Probehalber schließe ich die Lider, aber es ist, als wären sie mit Gummibändern an meinen Augenbrauen befestigt: Sofort schnellen sie hoch und ich starre wieder an die morgengraue Decke. Machen wir also das Beste daraus.

Stumm rattere ich den Lernstoff des vergangenen Tages herunter, allgemeines Schuldrecht, Paragrafen zweihunderteinundvierzig und fortfolgende des Bürgerlichen Gesetzbuchs. A hat an B einen Gebrauchtwagen verkauft und dabei fahrlässig übersehen … A liefert B einen Schrank und beschädigt dabei … A schuldet B 1000 Euro und hat trotz mehrmaliger Aufforderung …

B, du Dummkopf, wann begreifst du, was für ein Halsabschneider A ist?

Als ein Klappern durch die Tür dringt, fahre ich erleichtert vom Bett hoch. Eben ist meine Mutter an meinem Zimmer vorbeigekommen und das bedeutet: Es ist endlich Zeit zum Aufstehen. Jetzt muss ich nicht länger so tun, als ob, und etwas erzwingen, worauf ich gar keinen Einfluss habe – von nun an läuft wieder alles nach Plan. Ich warte, bis auf dem Flur Stille eingekehrt ist, und husche dann ins Bad. Nur mit Mühe kann ich meine äußere Erscheinung von todmüde in verschlafen umwandeln. Das ständige Herumwälzen hat aus meinen lockigen Haaren ein einziges rotes Chaos gemacht, das ich nun zu einem Knoten zusammendrehe. Wieder zurück in meinem Zimmer stehe ich einen Moment lang grübelnd vor den beiden Blusen, die ich gestern Abend an die Tür meines Kleiderschranks gehängt habe. Ich brauche sie nicht zu probieren, um zu wissen, dass die eine zu lang und die andere um die Brust herum zu knapp ist. Ich bin eigentlich nicht dick, also jedenfalls nicht übergewichtig, und wenn ich meine Pfunde auf längeren Beinen spazieren tragen dürfte, würde man mich wohl als kurvig bezeichnen. Aber bei mir verteilt sich alles auf knapp einen Meter sechzig – und deshalb erinnert das weniger an Kate Upton als vielmehr an Babyspeck. Schließlich entscheide ich mich für den Schlabber-Look und kann nur hoffen, darin einigermaßen seriös zu wirken.

Als ich in die Küche komme, sitzen meine Eltern am verchromten Esstisch. Von meinem Vater erkenne ich nicht viel hinter dem Wirtschaftsteil der Zeitung, aber meine Mutter demonstriert mir eindrucksvoll, wie es aussehen sollte, wenn man Bluse und Bleistiftrock trägt. Ihre bestrumpften Beine sind an den Knöcheln gekreuzt und einer ihrer Füße wippt ungeduldig auf und ab. Bei meinem Anblick wird das Wippen sogar noch hektischer.

»Du bist früh dran. Willst du mal pünktlich in der Uni sein?«

Darauf eine passende Antwort zu finden, ist kniffliger, als es vielleicht scheint. Erstens weiß meine Mutter, dass ich immer pünktlich bin, wenn ich zur Uni gehe. Aber sie weiß auch, dass ich heute etwas ganz anderes vorhabe.

Zögernd setze ich mich auf die Kante eines Stuhls und gieße mir eine Tasse Kaffee ein. Mein Blick huscht über den Tisch, als würde ich ernsthaft irgendwo Zucker oder Milch erwarten. Dabei ist mir klar: Nur schwarzer Kaffee entgiftet den Körper und süß mögen es meine Eltern beide nicht.

»Die Besuchszeit beginnt um acht Uhr dreißig«, sage ich mit einiger Verspätung. »Danach habe ich noch einen Termin.«

Ein Klirren verrät mir, dass meine Mutter ihre Tasse etwas zu hart abgestellt hat. »Hört das denn nie auf?« Ihre Stimme klingt scharf. Am anderen Ende des Tisches räuspert sich mein Vater, aber ich weiß nicht, ob er damit die Frage meiner Mutter bekräftigen will oder ob ihm bloß diese ewige Diskussion auf die Nerven geht.

»Das ist der Letzte heute«, sage ich hastig. »Wenn alles glattläuft, wird demnächst der Tag beschlossen, an dem ich –«

Meine Mutter seufzt. »Antonia, schau mich an, wenn du mit mir sprichst.«

Als ich nach oben blicke, hat sie sich ein wenig vorgebeugt. Eine lose Haarsträhne ist ihr dabei in die Stirn gerutscht und meine Mutter steckt diese Locke mit einer gereizten Handbewegung hinter ihrem Ohr fest. Von Natur aus hat sie dieselbe Haarfarbe wie ich, aber sie lässt sie alle vier Wochen vom Friseur ihres Vertrauens in ein sattes Braun verwandeln.

»Ihr braucht euch wirklich keine Sorgen zu machen«, versuche ich, sie schnell zu beschwichtigen, ehe ich wieder meinen Teller fixiere. »Der heutige Termin ist nur dazu da, um alles in Ruhe zu besprechen.«

Das dürfte für meine Mutter seit Langem die erste erfreuliche Meldung sein, die aus meinem Mund kommt. »Oh. Na, immerhin etwas. Vielleicht überlegst du dir das Ganze ja dann noch einmal und … Schätzchen?«

Mein Kopf fliegt hoch und ich schaue meiner Mutter überrascht ins Gesicht. Erst danach realisiere ich, dass meine rechte Hand über dem Marmeladenglas erstarrt ist. Langsam ziehe ich sie zurück und verschränke sie angespannt mit der anderen im Schoß.

»Es wird Zeit, ich muss in die Kanzlei«, sagt mein Vater und erhebt sich. Deutlicher kann er wohl kaum signalisieren, dass das Gespräch für ihn beendet ist.

»Ja, ich auch. Bist du fertig?« Meine Mutter greift nach meinem Teller, auf dem immer noch eine angebissene Scheibe Dinkelbrot liegt. Ich nicke hölzern. Während sie Tassen und Teller abräumt, sammle ich das Besteck ein, und vor dem Geschirrspüler stehen wir plötzlich ganz dicht beieinander. Jetzt ist es meine Mutter, die meinem Blick ausweicht. Über dem Scheppern des Porzellans kann ich ihre Frage kaum verstehen:

»Und, wie geht es ihr?« Wie immer vermeidet sie es, ihren Namen zu nennen.

Ich atme schnell aus. »Das wird schon wieder.«

Ihre Antwort ist nur eine abgehackte Geste, fast ein Schulterzucken. Im Grunde habe ich auch mit keiner anderen Reaktion gerechnet. Meine Mutter und mein Vater legen beide großen Wert darauf, in jeder Situation Haltung zu bewahren: Wenn es ein Problem gibt, arbeitet man hart an einer Lösung oder man schweigt darüber. An diese Regel bin ich von früher Kindheit an gewöhnt, aber manchmal komme ich mir gegenüber meinen Eltern trotzdem so vor wie eine Fliege, die an eine Fensterscheibe prallt. Auch jetzt muss ich gegen ein bohrendes Gefühl von Hilflosigkeit ankämpfen, als meine Mutter ohne ein weiteres Wort aus der Küche geht. Dabei lässt sie mich mit der Frage zurück, warum ich immer noch mit solcher Bestimmtheit an meinem Vorhaben festhalte. Schließlich bin ich nicht gerade die energischste Person oder die optimistischste. Aber zum ersten Mal in meinem Leben glaube ich, genau zu wissen, dass ich das Richtige tue, obwohl meine Eltern anderer Meinung sind.

Dieser Gedanke beschäftigt mich während der gesamten Fahrt zum Krankenhaus. Kaum betrete ich die Station, ist er allerdings wie weggefegt. Ich entdecke den roten Haarschopf, noch bevor ich die trällernde Stimme höre:

»Nia, stella mia! Guten Morgen, Liebes.«

Laura sitzt bereits auf dem Stuhl, der jeden zweiten Vormittag für sie reserviert ist. Trotzdem wirkt sie in ihrer Cargohose und dem geblümten T-Shirt, als hätte sie sich bloß während einer Rucksacktour hierher verirrt. Mit einem Mal wird mir klar, warum ich so fest davon überzeugt bin, dass das hier funktionieren wird: weil es einfach funktionieren muss. Im Krankenhaus ist Laura so fehl am Platz, wie man es nur sein kann. Ich kenne sie vor allem in bunten, fröhlichen Umgebungen – zum Beispiel im Park, wo sie mir vor Jahren beigebracht hat, Saltos auf dem Trampolin zu schlagen. Oder im Zoo, wo wir nie irgendwelche Infotafeln gelesen, sondern uns für die unbekannten Tiere Fantasienamen ausgedacht haben. In einem Café bei einem extragroßen Eisbecher, auf dem Flohmarkt oder an der Seite eines befreundeten Straßenkünstlers, der den Asphalt mit Kreide bemalt … mein Kopf ist voll mit Erinnerungen an lustige gemeinsame Erlebnisse und es kommt mir vor, als wäre das alles erst gestern gewesen. Sobald ich jedoch neben Laura Platz nehme, erkenne ich, dass ich wieder auf ihren farbenfrohen Kleidungsstil reingefallen bin. Aus der Nähe ist nicht zu übersehen, dass sich ihr Zustand verschlechtert hat. Ich spüre, wie ein Kloß in meiner Kehle wächst, aber das darf ich mir auf gar keinen Fall anmerken lassen. Schnell beuge ich mich vor und gebe Laura einen Kuss auf die Wange.

»Gut siehst du aus. Ist das T-Shirt neu?«

»Hab ich schon vor Jahren auf einem Basar in Marrakesch gekauft«, antwortet sie lächelnd, ohne meine plumpe Lüge zu erwähnen. Dabei muss sie doch wissen, wie erschöpft sie wirkt – und deshalb ist es auch merkwürdig, dass sie mich besorgt mustert, nachdem ich mich wieder auf meinem Stuhl zurückgelehnt habe.

»Ich finde, wir sollten heute zum Frühstück eine Portion Pommes frites bestellen«, schlägt sie übergangslos vor.

Mechanisch schüttle ich den Kopf. »Denk an dein Kalium. Du darfst doch so was gar nicht essen.«

»Nein, aber du.«

»Ich hab keinen Appetit auf Pommes.«

»Aber ich! Zusammen ergeben wir also eine komplette Person, die dringend eine schöne, heiße Portion Pommes bestellen sollte.«

Jetzt bringe ich endlich ein richtiges Lächeln zustande. Es ist geradezu unmöglich, Laura zu stoppen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat: Innerhalb weniger Minuten überredet sie eine Krankenschwester, mir aus der Cafeteria einen Teller Pommes frites mit dick Ketchup und Mayo hochbringen zu lassen. Danach beobachtet sie rundum zufrieden, wie ich mich mit Fast Food vollstopfe, während sie selbst ein Brötchen mit einem winzigen Klecks Kirschkonfitüre serviert bekommt.

Im Stillen denke ich darüber nach, wann ich das letzte Mal Pommes gegessen habe. Das liegt bestimmt schon fast zehn Jahre zurück und muss auch in Lauras Gesellschaft stattgefunden haben. Unmöglich, dass es auf einem Ausflug mit meinen Eltern dazu gekommen sein könnte. Vor allem meine Mutter meidet nämlich Orte, zu denen ein Pappteller mit fettigen Kartoffelstäbchen passt (Rummelplätze, Strandbäder, Jahrmärkte …), wie der Teufel das Weihwasser. Es ist mir ein Rätsel, wie zwei Schwestern dermaßen verschieden sein können – selbst, wenn sieben Jahre zwischen ihnen liegen. Kein Wunder, dass sie sich ständig gestritten und vor Jahren den Kontakt zueinander abgebrochen haben. Die beiden unterscheiden sich nicht nur in puncto Aussehen und Blutgruppe, sondern auch in ihren Hobbys, Vorlieben und Abneigungen. Als ich Laura danach gefragt habe, meinte sie nur, das sei schon immer so gewesen.

»Weißt du, früher haben wir zum Beispiel oft diskutiert, was wohl die beste übernatürliche Fähigkeit wäre«, hat sie mir einmal erzählt. »Deine Mutter wollte Gedanken lesen. Ich wollte fliegen.«

Ich verriet ihr nicht, welche Fähigkeit ich mir aussuchen würde, weil es so jämmerlich klingt. Aber manchmal stelle ich es mir schön vor, unsichtbar zu sein: einfach überall hingehen zu können, ohne dabei irgendetwas falsch zu machen. Und wenn doch, dann würde es niemand bemerken. Allerdings wäre das heute ohnehin keine Option. Heute darf ich mich nicht verstecken, sondern muss so selbstsicher und entschlossen auftreten wie selten zuvor.

Nachdem ich mein sündiges Fast-Food-Frühstück aufgegessen habe, verabschiede ich mich widerstrebend von Laura. Am liebsten würde ich hierbleiben, alberne Talkshows anschauen und über Lauras Kommentare dazu lachen, aber für so etwas ist jetzt keine Zeit. Als ich von meinem Platz aufstehe, nimmt Laura gleich den Südsee-Roman zur Hand, den ich ihr mitgebracht habe – ich suche immer Geschichten für sie aus, die möglichst weit weg vom Krankenhaus spielen. Wahrscheinlich will sie mir zeigen, dass sie gut alleine zurechtkommt und ich mir keine Gedanken um sie machen muss, doch ehe sie sich in das Buch vertieft, zwinkert sie mir noch einmal zu.

»Du packst das. Und wenn du dich vor den Leuten fürchtest …«

»… soll ich sie mir einfach nackt vorstellen?«, ergänze ich schwach.

»Ich wollte sagen, atme ein paarmal tief durch. Aber wenn die Typen so aussehen wie die aus Grey’s Anatomy, wieso nicht?«

Das bringt mich kurz zum Lachen. »Ich ruf nachher an und lass es dich wissen.«

Mit einem watteartigen Gefühl in den Beinen trete ich auf den Flur vor der Dialysestation – und springe in der nächsten Sekunde fast bis zur gegenüberliegenden Wand. Wie aus dem Nichts ist ein Typ mit braunem Wuschelkopf vor mir aufgetaucht und hätte mich beinahe niedergemäht. Erst einen Moment später begreife ich, dass er hier tatsächlich mit einem Skateboard fährt. Unter meinem entsetzten Blick springt er ab, läuft ein paar Schritte neben dem Brett her und bringt es dann mit einem Fußtritt scheppernd zum Stehen.

»Oh Mann, tut mir leid. Ich wollte dir keinen Schreck einjagen.«

Ich bringe ein nervöses Kichern hervor. »Sondern mich friedlich ins Jenseits befördern? In Sachen Unfallhäufigkeit liegt Skateboardfahren übrigens von allen Sportarten an vierter Stelle!«

Den letzten Satz würde ich am liebsten gleich wieder zurücknehmen. Wenn ich nervös bin, passiert es mir leider häufig, dass ich andere mit irgendwelchen Fakten oder Warnungen belästige … vielleicht, weil ich dadurch das Gefühl bekomme, auf alles gefasst zu sein. Als Antwort zuckt der Junge bloß mit den Achseln und schlendert an mir vorbei zur Station. Ich blinzle, als ich das Magazin unter seinem Arm entdecke, entscheide dann aber, dass ich es falsch gedeutet haben muss. Vor lauter Aufregung nimmt meine Fantasie wohl besonders … üppige Formen an. Kopfschüttelnd mache ich mich wieder auf den Weg.

Mein Ziel, das ich eine gefühlte Ewigkeit später erreiche, sieht im Grunde so aus wie ein typisches Bürogebäude: ein eierschalenfarbener Betonklotz mit einer Glasfront im Erdgeschoss und schmalen hohen Fenstern in den Stockwerken darüber. Auch im Inneren der Ärztekammer könnte man meinen, es handle sich um ein Finanzamt oder eine Versicherungsanstalt. Insgeheim habe ich mir unter dem Begriff »Ethikkommission« etwas Ähnliches vorgestellt wie den Anhörungsraum im Zaubereiministerium aus Harry Potter. Obwohl ich hier nicht befürchten muss, an einen Stuhl gekettet und von Dementoren umschwebt zu werden, bleibe ich zitternd vor der letzten Tür stehen. Ich wische mir die Handflächen an den zu langen Ärmeln meiner Bluse ab, klopfe und lausche mit wild pochendem Herzen. Als ich ein forsches »Ja bitte?« höre, trete ich ein.

»Guten Tag. Mein Name ist Antonia Winter. Ich bin hier, weil ich meiner Tante eine Niere spenden will.«

Aaron

Auf der Taxifahrt nach Hause entdecke ich ein Werbeplakat für Mineralwasser. Die abgebildete Flasche ist sicher zwei Meter groß und wird von einem blonden Bikinigirl umarmt, als wäre sie ein Kerl. Am beschlagenen Glas haben sich Tropfen gebildet, die das Sonnenlicht zum Funkeln bringt. Wie hypnotisiert starre ich auf diese Mischung aus Blau, Weiß und Türkis, bis mich die Stimme des Fahrers zusammenzucken lässt.

»Nicht übel, hm?«, fragt er und ich kann sein Grinsen hören.

»Allerdings«, bestätige ich. »Da bekommt man richtig Lust.«

»Aber hallo. Bei diesen Maßen!«

»Und wie die Tropfen da runterperlen …«

»Und eine verflucht sexy Pose hat sie auch drauf.« Endlich reiße ich mich von dem Plakat los und schaue wieder nach vorne. »Was?«

»Na, die Süße auf dem Bild.« Im Rückspiegel erkenne ich, wie sich die buschigen Augenbrauen des Taxifahrers heben. »Warte, wovon hast du denn gesprochen?«

»Von der Flasche.« Es rutscht mir heraus, bevor ich mich beherrschen kann. Gerade halten wir an einer roten Ampel und der Fahrer dreht sich halb zu mir um. Ich spüre seinen Blick wie das Brennen von Ameisensäure auf meiner Haut.

»Hm, sorry«, meint er schließlich. »Bist du noch minderjährig?«

Die Frage überrascht mich nicht. Ich weiß, dass man mich ohne Weiteres für siebzehn halten könnte, weil die Dialyse meine Entwicklung um zwei Jahre verzögert hat.

»Nein. Und ist schon okay«, murmle ich, als würde es mir leidtun, dass ich mich an einer Flasche Wasser mehr aufgeilen kann als an einer kurvigen Blondine. Die Sache ist bloß die: Seit meine Nieren ihre Funktion eingestellt haben, darf ich am Tag nicht mehr als 500 Milliliter Flüssigkeit zu mir nehmen – Soßen, Suppen und Joghurts inbegriffen. Das entspricht ungefähr der Menge, die man pro Tag durch Atmen und Schwitzen abgibt. Wenn ich mich nicht dranhalte, saugt sich mein Körper mit Wasser voll, auch die Lunge, und ich kriege keine Luft mehr. Klar, das klingt nicht besonders prickelnd, aber ich war trotzdem schon nahe dran, die Gefahr in Kauf zu nehmen. Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, so verdammt durstig zu sein. Wenn ich die Erlaubnis dazu hätte, würde ich sogar aus der Kloschüssel trinken. Ich würde die scharfe Blondine zur Seite schubsen, nur um das Kondenswasser von der Flasche zu lecken. Dass ich deshalb in den Augen dieses Fahrers wie ein totaler Freak wirke, kann ich eben nicht ändern.

Umständlich krame ich ein Zitronenbonbon aus der Tasche meiner Jeans hervor und stecke es mir in den Mund. Ich versuche, mir einzureden, dass dadurch das pelzige Gefühl auf meiner Zunge schwächer wird, aber in Wirklichkeit hilft es einen Dreck. Wenigstens ist das beschissene Plakat jetzt außer Sichtweite und die restliche Fahrt dauert auch nicht mehr lange.

Bis vor einem Jahr, als ich noch zusammen mit meiner Mom auf dem Land gewohnt habe, musste ich ewig durch die Gegend gekarrt werden, nur um weitere fünf Stunden bei der Blutwäsche festzusitzen. Die Dialyseplätze im nächsten örtlichen Krankenhaus waren nämlich alle belegt. Die ganze Fahrerei hat mich dermaßen geschlaucht, dass ich die meiste Zeit in der Schule mit dem Kopf auf dem Pult zugebracht habe. Trotzdem habe ich einen soliden Abschluss geschafft – Mitleidsbonus sei Dank. Kurz darauf bin ich nach Berlin gezogen, in eine winzige, ziemlich vergammelte Wohnung in der Nähe meines Dialysezentrums. Mit meiner Mom habe ich seither fast nur telefonisch Kontakt, weil sie alleine ein Gasthaus betreibt, und bis auf Timo hat sich seit Monaten niemand von meinen Kumpels mehr hier blicken lassen. Aber das spielt alles keine große Rolle. Die miese Wahrheit ist nämlich folgende: Familie oder Freunde oder sonst irgendwas kann nie so wichtig sein wie die Tatsache, dass ein gut erreichbares Plätzchen in der Blutwaschanlage für dich reserviert ist. Sonst gibst du innerhalb von zwei Wochen den Löffel ab.

»Übermorgen um dieselbe Zeit, Kumpel?«, fragt der Taxifahrer. Er hat jetzt einen Tonfall angeschlagen, als würde er mit einem Zwölfjährigen sprechen. Ich recke den Daumen hoch und schiebe mich von der Rückbank, wo ich zur Strafe Timos dämliche Zeitschrift liegen lasse.

Meine Laune wird noch schlechter, sobald ich das Haus betrete und erkennen muss, dass der Fahrstuhl mal wieder außer Betrieb ist. Dieses Ding liefert sich in Sachen Funktionalität ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Lift aus The Big Bang Theory.

Meine Wohnung befindet sich zwar bloß im zweiten Stock, aber das genügt, um mich in ein keuchendes Wrack zu verwandeln. Völlig k. o. krieche ich weiter bis ins Schlafzimmer und lasse mich aufs Bett fallen. Als hätte meine Mom einen Sensor dafür, wann ich in ein Stimmungstief abzusacken drohe, läutet in diesem Moment mein Smartphone. Ich lege einen Arm quer über meine schmerzende Stirn, ehe ich abhebe. »Howdy.«

»Wie läuft es bei dir?«, fragt sie sofort. »Sei ehrlich.«

»Es geht aufwärts«, sage ich wahrheitsgemäß.

Meine Mom seufzt. »Mit deinem Blutdruck?«

Verdammt, sie kennt mich einfach zu gut. »Ja … aber das ist nicht so schlimm. Ich komm klar.«

»Wirklich? Weißt du, ich hab heute deinen neuen Tagebucheintrag gelesen, und da hast du so deprimiert geklungen.«

Unwillkürlich beiße ich mir auf die Lippe. Echt großartig. Ich kann mir genau vorstellen, wie sie in der Küche an ihrem Uralt-Computer sitzt und wegen meinem bescheuerten Geschreibsel die Stirn runzelt. »Du meinst meinen Blog, Mom«, weiche ich aus. »Wenn ich ein Tagebuch führen würde, dann wäre das wirklich ein Grund, deprimiert zu sein.«

Es entsteht eine kurze Pause, die meine Mom leider dazu bringt, ihre typische Checkliste weiter abzuarbeiten. »Und wie steht es mit deinem Kreatinin-Wert? Haben die Ärzte es endlich geschafft, ihn –«

»Hey, warte mal, Mom!«, unterbreche ich sie. »Jetzt hab ich mal ’ne Frage an dich: Wie nennt man einen Patienten, der an einer Erektion stirbt?«

»Ach, du liebe Zeit. Wie denn?«

»Rohrkrepierer.« Ich bin mir sicher, dass sie nicht über meinen Flachwitz lacht, sondern einfach deswegen, weil ich ihn erzählt habe. Aber das ist genauso gut. Ohne zu überlegen, mache ich weiter. »Und einen Arzt mit einer Gurke in der Hand?«

»Wie nennt man einen Jungen, der kein Gespräch führen kann, ohne Witze zu reißen?«, gibt sie zurück.

»Cool. Das gesuchte Wort lautet: cool.«

»Und einen, der Tagebuch schreibt?«

»Mom!«

Sie lacht wieder. »Entschuldige. Ich geh mal wieder an die Arbeit. Bis morgen Mittag, ja?«

»Alles klar, reden wir morgen weiter. Und lies bitte nicht mehr meinen Blog!«

Dann lege ich auf, sodass sie wirklich denken könnte, ich wäre ein bisschen sauer. Dabei juckt mich die Sache mit dem Blog nicht im Geringsten. Wichtig ist mir gerade nur eins: Meiner Mom ist zum Glück völlig entgangen, dass ich ihre Frage nicht beantwortet habe.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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